GlitzaCatz – Kapitel V

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.

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GlitzaCatz – Kapitel IV

Kapitel Vier

Als ich Ihnen zuletzt berichtete, waren wir gemeinsam tief in die Vergangenheit eingetaucht, und trafen dort auf den jungen Paulo Schmitz, sowie die Erzfeinde Meursault und Sattler. Schmitz erhielt einen Auftrag und so, wie er zuletzt erschien, sind wir uns wohl alle nicht ganz sicher, ob er sich noch daran erinnern wird, jemals etwas von J.P. Sattler gehört zu haben. Doch drängt uns die Frage, wie es denn weitergehen mag?

Und Paulo Schmitz mußte tatsächlich einen ganzen Tag damit verbringen, seinen Körper, seinen Geist wieder in eine annähernd gesunde Einheit zu hämmern. Er ließ sich mehrfach einen Schub Kaffee spritzen, denn er kannte die heilende und magenschonende Wirkung intravenösen Kaffees und wie wir schon erfahren haben, wird er der Menschheit diese erfrischende, motivierende und Ressourcen schonende Lässigkeit nahebringen. Und er wird sich Drähte in die Haare winden lassen, um seine Hand leger darauf puffern zu können. Dies ergab für manche Zeitgenossen einige Male auch den Eindruck einer gewissen elektritschen Ladung, die Schmitz versprühte, wenn mehr als notwendig viele Haarspitzen vom Kopf abweisend in die Atmosphäre wiesen.

Der wiederbelebte Schmitz besann sich denn auch am Morgen des von Sattler erwähnten Freitags seiner Aufgabe, griff sich Blatt und Stift und begann voller Elan seinen Text zu dem ihm unbekannt gebliebenen Buchs des zu vernichtenden Meursault zu schreiben. Nach zwei Minuten war er fertig, zischte zur Türe heraus, noch schnell die für Aufsteiger obligatorische schwarze Lederjacke angezogen und war auf dem Weg seinen persönlichen Ruhm zu begründen.

Endlich in der Gasse des Nützlichen Zorns angekommen, wollte ein junger Mann am Eingang ihn abwehren: „Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Ein Sektretär vor der Türe, auf welcher „Sattler, J.P.“ geschrieben stand, rief:

„Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Sattler, der das kurze Getöse vor seiner Türe gehört haben mußte, sprach denn, ohne Aufzublicken:

„Herr Schmitz, wer zu früh kommt, wartet beim Sicherheitsdienst.“

„Ach. Sie werden nicht viel Zeit brauchen, um zu sehen, daß ich Ihre Aufgabe zu höchster Zufriedenheit gelöst habe, Herr Sattler. Ich bin nicht weniger, als ein Genie!“

Er warf Sattler die handschriftlich beschriebene Seite auf dessen Tisch, worauf dieser tatsächlich aufblickte und sich den Zettel griff und diesen überflog.

„Was!“, war Sattlers Antwort.

„Was soll das?“ Er blickte Schmitz an. Dieser zuckte seine Schultern, und blickte Sattler nonchalant an.

„Sie wollten, daß ich diesen Meursault mit Worten zerstöre. Ihn aus dem Kontext schreibe. Sie haben mich engagiert, weil ich…“ Schmitz begann in seiner Lederjackentasche nach einem Zigarettenpäckchen zu kramen „… ein aufstrebender, egomanischer Fiesling mit genialischen Ansätzen bin?“

Sattler, der wieder seine Augen hinter den gravierenden Gläsern über den Text spazieren ließ, bemerkte Schmitzens Kramerei, hob die Hand, um diesen zu stoppen.

„Warten Sie! Hier, nehmen Sie diese Zigarette. Es ist etwas völlig Neues! Ein Freund, der Wolf, hat sie erfunden. Sie rauchen eine davon am Tag, und dann sind all ihre Bedürfnisse an Teer, Nikotin und diversen chemischen Geschmacksverstärkern gedeckt.“ Sattler reichte ihm einen dieser Glimmstengel.

„Sie werden Ultrazig genannt, so ließ mich der Wolf wissen.“

Schmitz griff sich die Zigarette, setzte sich. Sattler blickte ihn mit einer gewissen Neugierde an.

„Ach, wissen Sie, Sie müssen natürlich noch Namen und Titel des Buches über meinen Text klatschen, und dann noch meinen Namen darunter, damit klar ist, wer hier der Täter ist.“

Schmitz legte ein versucht diabolisches Lächeln auf.

„Natürlich, Herr Schmitz. Wir wissen bei „Modernes Gewese“ schon, wie wir unsere Arbeit machen. Was mich mehr interessiert ist, wie kommen Sie auf diese Idee? Dieser Text ist verblüffend.“

„Ach, das ist nichts. Vergessen Sie nicht, den Text auf die benötigte Länge zu trimmen.“

„Das habe ich durchaus in Betracht gezogen. Nein, ich meine die Idee, einen Text gegen diesen Meursault zu schreiben, in dem Sie einfach nur das Wort „Ich“ beständig wiederholen. Wo kommt diese Idee her?“

„Das liegt doch auf der Hand, Herr Sattler. Das liegt doch auf der Hand. Was hätte ich denn sonst schreiben können? Irgendein verquastes Geseusel. Da bin ich nicht der Typ zu. Und ich habe den Monsieur gesehen, der ist ansonsten ziemlich, naja, ziemlich so.“ Schmitz wedelte unbestimmt mit den Händen in der Luft. Sattler lehnte sich zurück, mit verschränkten Armen.

„Ja, er ist ziemlich so! Da haben Sie vollkommen Recht. Er ist groß, er hat noch volles, griffiges Haar, er ist schlau und gewitzt, drückt sich gut aus. Frauen liegen ihm schnell und gerne zu Füßen. Er hat Charme und dazu riecht er auch noch gut. Und deswegen drucken wir Ihren Text als Rezension zu seinem neuen Buch ohne jede Korrektur. Das ist ein absolutes Novum für „Modernes Gewese“. Und ich will hoffen, daß Meursault damit untergeht. Das ihn schallendes Gelächter begleitet, nachdem jeder Ihren Text gelesen hat. Er soll in der Gosse landen.“

Schmitz zündete sich nun die Ultrazig an, zog und brach in ein infernalisches Gehuste aus. Als er wieder zu Atem kam:

„Das ist gut! Dieser Wolf ist ein Genie! Senden Sie ihm meine vorzüglichsten Grüße.“

Kaum waren die Worte gesprochen, mußte Schmitz weiterhusten.

„Oh, es ist unglaublich, das ist total befreiend. Und dieser Geschmack von feinstem Nikotin. Herrlich! Ein Genuß. Um Himmels Willen, so habe ich noch nie geraucht!“

„Jetzt werden Sie mal nicht so feierlich, Herr Schmitz. Ich lasse Ihnen dann einen Scheck zu senden für Ihre hervorragende Arbeit. Je nachdem, wie die Resonanz ausfallen wird, werde ich auch noch eine Nachzahlung veranlassen, die höher wird, je tiefer Meursault sinken wird. Und wie ich Ihnen versprochen habe, werde ich Ihren Weg zu einer Café-Kette ebnen. Dazu werde ich Sie mit dem Wolf bekannt machen, er ist der richtige Partner für eine solche Planarbeit.“

Paulo Schmitz erhob sich geistesgegenwärtig, denn er verstand inzwischen die Sattler’schen Fingerzeige, reichte diesem die Hand und verließ die Redaktion mit einem breiten Grinsen.

Von einem solch feinen Grinsen sind alle Glitzacatz in unserer erzählten Gegenwart sehr weit entfernt. Der verärgerte Geist Meursaults hat sich mitsamt seinem Medium Clemenz entfernt. Jin rieb sich die Arme und versuchte zu verbergen, daß ihm die Diskussion, die er mit dem Geschrei des Geistes und den Fäusten des Mediums erlebt hatte, noch immer einige Schmerzen verursachte. Zuletzt hatte Tin noch die Möglichkeit benannt, daß sich die Glitzacatz mit Traw, dem böswilligen Hasen treffen sollten, um durch diesen neue Information zu erhalten. Dieser verfügte über ein Wissenspektrum, das er sich mithilfe seiner Hasenkollegen Jimmisch Joa und Lemmes, meist auch genannt der Wilde Lemmes, verschaffte und aus armseligen Informationslieferanten herauspresste. Wer nun darob zweifelt, wie denn Hasen eine erfolgreiche Karriere im Verbrechen gelingen soll, der mag sich alleine dem Anblick Traws aussetzen, der schnell die Vorstellung des schnuckeligen süssen Hasens schmelzen lässt. Jener hatte die rotesten Augen, die sich eins nur vorstellen kann. Dazu Zähne, die mithilfe ihrer Schärfe nicht unbedingt nur auf den Konsum von Gräsern ausgerichtet waren. Alleine nur des Lemmes Zähne waren noch spitzer und fleischzerteilender, weswegen Sie sich gut dessen Spezialität vorstellen können, und warum der Ausruf „Du bist vom wilden Lemmes gebissen“ in vielen Gegenden Interzones von den Angesprochenen nicht mehr beantwortet wurde, und auch von den Ausrufenden mit einem gewissen Zittern in der Stimme getätigt wurde. Traw war von Natur aus mit einer eigentümlichen Kriegsbemalung bedacht. Seine Flaum um Nase und Mund war passend zu den Augen in einem blutigen Rot getaucht, die Nase hatte hingegen eher einen Stich ins Bläuliche. Auf seine Stirne hatte er seinen Namen als schwarze Tätowierung anbringen lassen, so daß jeder diesen Namen lesen mußte. Und sie lasen: „Traw.“ Konnte es schrecklicheres geben? Nun, in dem Moment des Anblicks war die Auswahl eher begrenzt.

Und so huben sich die Glitzacatz wieder in ihren Bus und fuhren los, die Spur der drei wüsten Hasen aufzunehmen. Sollten sich diese im wilden und ungepflegten Osten Interzones finden lassen? Die Glitzacatz stöhnten. Dort waren die Straßen eng, der Bus würde die Luft anhalten. Die Glitzacatz jammerten. Gerade die Fahrt durch Üpfeltal war ein langgezogenes Ärgernis, so langgezogen war ihr Bus auf jenen Metern und die Glitzacatz mußten blitzschnell ihre Positionen einnehmen, um nicht gegeneinander gequetscht zu werden. Dort in Üpfeltal trafen die Glitzacatz auf den an der Straße streunenden Jericho, einen alten Kater, der zu den eher unbeliebtesten seiner Art gehörte. Er schickte sie ins Herz des Trawcounties, dort würden sie ihn finden. Traw sei zur Zeit nicht auf Reisen. Die Glitzacatz nickten beharrlich dem schwätzenden Jericho zu, der ihnen zwischenzeitlich noch neue Essgarnituren verkaufen wollte, auch Töpfe, Pfannen, Bettbezüge. Irgendwas müßten sie doch gebrauchen können, die ehrenwerten Glitzacatz, tönte er. Er würde ihnen die tollsten Rabatte geben, wenn sie nur bei ihm kaufen würden, sie seien ja so elegant, die Glitzacatz. Er hingegen, sei ein Lumpenkater, der reinste Lumpenkater von ganz Interzone. Dabei hob er seine Tatzen in die Höhe und ließ nach „-zone“ sein Maul offenstehen, auch die Augen waren auf bemerkenswerte Größe gerissen. Ja, ja, beschwichtigten alle Glitzacatz im Chor, er sei eigentlich ein ganz toller Kater und so, und seine Waren seien ja schon ziemlich toll, aber sie bräuchten nun wirklich nichts und müßten auch los ins Trawcounty, damit sie dort den genannten treffen könnten und in diesem Moment trat Jin aufs Gaspedal, die anderen Glitzacatz polterten durch den Bus und Jericho stand in einer Staubwolke.

Und nur ein geschlagenes Stündchen später sahen sie das Schild auftauchen, welches Mensch und Katz entgegenrief:

You are now entering Trawcounty. You are entering at your own risk.“

Für die Beschriftung dieses Schildes wurden blutend rote Großbuchstaben gezüchtet und bis zu ihrem Einsatz in kompletter Isolierung von allen äußeren Einflüssen gehalten, und bei Installation mit antarktischen Superfrostnägeln angehämmert, damit sie niemals fliehen könnten

Die Warnung konnten die Glitzacatz leichterhand ignorieren, denn sie hatten Traw einst aus einer mißlichen Lage geholfen, die hier nicht erwähnt werden darf, denn Traw findet alle unerwünschten Mitwisser.

Außerdem gibt es ein Gerichtsurteil.

Als nun der Bus auf den überdimensionalen Pappkarton, in welchem Traw, Jimmisch Joa und der Lemmes lebten, anfuhr, fühlten sich die Glitzacatz auch ein wenig heimisch, denn was gab es für die Katze an sich besseres, als das Leben in einer Kartonage. Traw, ganz die Lebekatze, hatte das Innere seines Wohnsitzes mit kleinen Kartons ausstaffiert, in welche sich die Hauptbewohner und eventuelle Gäste und Gefangene wohlig einquetschen konnten. Dazu gab es noch ein flutbares, gemauertes Gemach unterhalb des Erdreiches für besonders streitbares Volk.

Traw trat aufgrund des Motorengeräusches vor die Türe, verschränkte seine Ärmchen vor der Brust und sprach, als er die Glitzacatz erkannte:

Strange. Strange.“, worauf noch ein langgezogenes „Straaaaaanggggeee“ folgte.

GlitzaCatz – Kapitel III

Kapitel Drei

Es kam, wie es kommen mußte. Die Glitzacatz standen um die Rauferei herum, die im letzten Kapitel begonnen hatte und fragten sich, woher diese Feindseligkeit des verärgerten Geistes Meursaults herkam. Glücklicherweise haben wir Mittel und Wege uns diese Information leichthändig zu ergaunern. Währenddessen übrigens kam Tin noch auf die Idee, sich mit Traw, dem übellaunigen und selten bösen Hasen, in Kontakt zu setzen. Vielleicht könne dieser ihnen zu Hilfe sein. Während nun vier Catz darüber diskutieren, verlassen wir diese für eine handvoll Sekunden, in welchen wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit unternehmen und dort auf den jungen, aber schon fantastisch verschlagenen Paulo Schmitz treffen. Er hat noch keine Drähte in seine Haare geflochten, damit seine Hand darauf puffern kann. Er hat auch noch keine Kette an Cafés mit notwendiger medizinischer Betreuung. Er ist nur ein aufstrebender Prä-Emporkömmling mit einem bereits vibrierenden Ego. Er befindet sich in der Stadt Interzone, die auch Hauptstadt des gleichnamigen Landes ist. Er empfindet es als widerwärtig, doch er muß zu einer Verabredung in einem Café, das nicht seinen futuristischen Ansprüchen annähernd entspricht. Dort wartet J.P. Sattler auf ihn. Dieser ließ ihn rufen, und dem Ruf leistet jeder Folge, der seinen Namen behalten will. J.P. Sattler verfügt über ein Netzwerk an Meinungsbildern, die selbst lebendige Personen in etwas staubiges, gestriges verwandeln, und keiner wird den zeternden Lebenden noch glauben, daß sie tatsächlich vital sind. Sie sind im besten Falle noch Fake Ghosts. Schmitz würde also das Café betreten. Er würde auch seine heruntergezogenen Mundwinkel nicht verbergen. Die Tassen, welche auf den Tischen, auf der Theke, in den Schränken und Regalen stünden, würde er mit Verachtung strafen. Diese ungebändigten Mengen an Kaffee in den Tassen, würden ihm wie eine räudige Vergeudung erscheinen. Er würde Sattler in einer hinteren Ecke sehen, wie dieser seine kleinen, feisten, arglistigen Augen hinter dicken Brillengläser über einem beschriebenen Blatt spazieren führt. Seine Nase ist fein und klein, spitz. Sattler kann Zettel mit dieser Nase aufspießen. Doch würde Sattler nie einem Zettel, noch einer Fliege etwas zu Leide tun. Er ließe den Zettel liegen, bis dieser sich wieder zu dem Zellstoff zerlege, aus dem er erschaffen war. Sattler ignorierte die schlechten Dinge in ihren Urzustand zurück. So, wie er lebende Menschen zu Fake Ghosts mutieren ließ. Hierzu würde er Schmitz benötigen. Sattler hatte von Schmitz gehört. Er wußte, daß Schmitz nicht die größte Leuchte Interzones sei, doch das seine Egozentrik weit über des Landes Grenzen hinausstrahlen würde, wenn es scheinen sollte. Paulo Schmitz setzte sich auf den Stuhl, und sah seinen Gegenüber an, dessen Augen weiterhin über Geschriebenes stolzierten. Sattler murmelte vor sich hin. Schmitz war nicht gewohnt, daß er nicht sofort angesprochen wurde. Er begann mit seinen wohlgeformten Fingern auf den Tisch zu trommeln. Sattler schnippste einmal kurz mit rechter Hand in die Luft, las murmelnd weiter. Der Patron des Cafés erschien und sprach Schmitz an.

„Monsieur?“

„Nein, ich möchte hier nichts trinken. Sie verkaufen hier nur Kaffee in Tassen. Das ist widerwärtig.“

„Oh, Monsieur, wir verkaufen auch verschiedenste Weine, Alkoholika in unterschiedlichen Gift- und Schweregraden. Wir können auch einzigartige Cocktails für Sie anmischen. Darf ich Ihnen einen Samsubarum empfehlen? Es ist ein königliches Getränk, von dem sich erzählt wird, das es Uhren anders ticken läßt und Spuren verwischt?“

Schmitz horchte auf. Er nickte, ein leichtes Lächeln andeutend. Als er sich nun Sattler wieder zuwand, blickte ihn dieser an.

„Das sind vier Sekunden gewesen. Sie sind ein langsamer Mensch. Das müssen Sie unbedingt unterlassen. Diesen Zeitverlust werde ich nie wieder einholen können. Es wundert mich nicht, daß Sie einen Samsubarum kredenzt haben wollen. Sie scheinen ja ein Millionär an Sekunden und anderen Zeitnoten zu sein. Ja, werfen Sie bitte nur mit unnötigen Minuten und Stunden um sich. Aber ich kann mir solch ein schauerlisches Verhalten nicht leisten. Sie werden mir nun zuhören! Wenn ich Ihnen Ihren Auftrag erläutert habe, erhalten Sie dreißig Sekunden, um Unklarheiten zu beseitigen. Dann können Sie sich an einem anderen Tisch mit Ihrem Getränk niederlassen. Das haben Sie nun verstanden. Also, hören Sie. Es lebt ein Mann namens Meursault in der Stadt. Er schrieb ein Buch, das in einer Woche erscheinen wird. Sie werden für mein Journal „Das Moderne Gewese“ einen Verriss schreiben, mit welchem Meursault erledigt sein muß. Ich erwarte, daß Sie sich in Ihren Worten so aufplustern, daß sein Buch vom erschriebenen Tisch rutscht und in den Schmutz des Bodens fällt. Sie erhalten dafür Vergünstigungen, um Ihren Plan einer Café-Kette zu verwirklichen. Ihre Zeit läuft jetzt.“

Schmitz hatte erschrocken zugehört und nun begannen die elektrischen Impulse seines Gehirns ihr mühseliges Tun.

„Wer? Was? Wo gibt es das Buch?“

Sattler blickte ausdruckslos.

„Der Mann heißt Meursault. Das Buch erscheint erst, aber das interessiert nicht. Die Thematik, alles, es ist uninteressant. Sie sollen Meursault in die Bedeutungslosigkeit schreiben. Sie schreiben eine Besprechung, die nicht an dem eigentlichen Thema interessiert ist, weil das Thema nutzlos ist. Ihre Zeit ist verstrichen. Vielen Dank. Den Text liefern Sie bitte in der Gasse des Nützlichen Zorns 21 ab. Dort ist unsere Redaktion. Am folgenden Freitag, spätestens 15.00 Uhr. Auf Wiedersehen.“

Schmitz würde nun also aufstehen, dem Patron seinen neuen Zielort anzeigen und sich niederlassen. Er würde warten, bis sein Cocktail mitsamt eines Schirmchens gebracht wurde, um darauf zu fragen:

Kennen Sie bitte diesen Mann namens Meursault?“

„Ach, Monsieur Sattlers Nemesis?“

„Wer?“ Schmitz sollte nun zucken, und leicht verunsichert das klobige Glas greifen und seine Lippen würden die Flüssigkeit berühren.

„Wen meinen Sie? Wer ist diese Nemesis, Ausländerin?“

Der Patron würde seine Hand auf Schmitzens legen, dabei lächelnd unterrichten:

Sie werden schon verstehen. Trinken Sie, es geht auf die Rechnung von Herrn Sattler. Er ist sehr spendabel. Und über diesen Monsieur Meursault werden Sie schon erfahren. Gehen Sie in die Taverne Schwarzer Mantel. Dort werden Sie den Monsieur sehen können.“

In der Folge tränke Paulo Schmitz sich mittels des Samsubarum weiter in eine Welt des Konjunktives, die eine leichte Schrägung einnähme, weswegen Schmitz sich vorsichtiger bewegen müsse, um nicht aus der Waage fallend, den Boden mit Gewalt zu treffen. Dennoch sollte sich Schmitz einmal noch schreckhaft umdrehen, zu Sattlers Tisch starren und diesem in die riesigen Augen blicken. Sattler lächelte ihn an. Ein Gast rempele ihn nun an, zische ihm ins Ohr.

„Geh endlich, mach deinen Job, Herr Schmitz. Hören Sie, Herr Schmitz. Los.“

Paulo Schmitz griffe sich an den Schädel und herauf wieder nach Halt an einer schrägen Stuhllehne, die sich unter ihm jedoch wegducke, worauf ein anderer Gast ihn auffinge und vor die Tür begleite, ihm ebenfalls ständig ins Ohr zische:

„Los, in die Taverne Schwarzer Mantel mit dir, Strolch. Hier ein Blatt, hier ein Stift. Nimm endlich und halte alles fest, was du denkst. Alles ist wichtiger als Meursault. Meursault, Meursault, Meursault. Lass diesen Widerling deinen leeren Kopf besetzen und schreibe ihn wieder raus. Tu es für Sattler, dann wird er für dich sein.“

Der Gast knüffte ihn noch in die Seite, als sie auf die Gasse träten. Schmitz fielen Blatt und Stift aus der Hand, weswegen ihn der Gast noch weiter knüffte.

„Lauf los,Strolch.“, weiter im erweiterten Konjunktiv voran knuffend. Schmitz begänne sich abzuwenden und möglicherweise könnte er rufen:

„Ich könnte Ihnen wirklich verbunden sein, wenn Sie die Knufferei einstellten und mir den Weg zu dieser Taverne zeigten?“

Einige andere Gäste wären aus dem Café getreten und alle begönnen mit Gelächter und süngen in einem Chor:

„Wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da, du-da.

Ja, wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da du-da-de.“

Paulo Schmitz sei geflohen, schnellen Schrittes, bemüssigt nicht in der Schräge zu Fall zu kommen. Ein Gast hielte ihm in der Taverne Schwarzer Mantel die Türe auf, würde ihm die Hand reichen. Ein Patron nähme ihm ein Glas aus der Hand, bevor sich Schmitz von seinem Stuhl erhübe. Alle Anwesenden täten ihre Kiefer bewegen, als sprächen sie in einem Fort. Einige trünken gar, quälmten Räuche aus Nasen, Münder, Ohren, Wasserstände in den Augen. Schmitz, der in einer Schräge gegen Wände lehnen könnte, würde immer wieder ein Samsubarum zugeflüstert erhielten. Meursault trüge einen schwarzen Mantel. Meursault trüge zwei schwarze Mäntel. Meursault gäbe Schmitz einen schwarzen Mantel in dessen Hände. Schmitz würfe diesen schwarzen Mantel in die Menge der Gäste, die diesen verschlüngend in Fetzen rössen. Meursaults Kopf täte auf und nieder tänzeln. Schmitzens Mund liefe in eine Offenheit:

„Monsieur, Sie sind es, hahahaha“, drüngen kehlige Lachfalten aus seinem Hals heraus.

„Ja, ich sei Monsieur. Können Sie sein? Können Sie da sein? Monsieur?“

„?Gefunden mich Sie haben Wie ?Gesuchten mich Sie haben Warum“, dächte Schmitz, das Mersault ihn früge. Meursault könnte aber nur einfach schauen, dort wo Schmitzens Augen seien. Die Worte, die aus den Mündern der Gäste trüngen, hüngen in den Lüften, wirbelten vielleicht dort vor sich hin, zauselnd, drehend, allgewaltig fabulierend. Schmitz bräche mit dem Tisch, auf dem er tänzeln könnte, hinab.

Paulo Schmitz muß heftigst nach Atem ringen. Sein Brustkorb scheint unter Wackersteinen zu liegen, der Hals wie zugeschnürt. Seit Stunden versuchte er zu atmen. Der Mund in der gesamten Zeit aufgerissen. Die Bilder, die nun nicht nur in seine Augen eindringen, sondern sogar als Impuls im Hirn eine Verbindung knüpfen, versprechen ihm zunächst keinen Balsam, doch dann erfolgt die Kenntnis. Er ist in einer öffentlichen Toilettenanlage in Interzones Zentrum und hält ein Urinal umschlungen.

Trans und Depressiv, auweh!

Wie es kam, daß ich eine depressive Transfrau wurde?

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, oder ich überhaupt in die Nähe einer Antwort komme, werde ich einige Worte vorab schreiben müssen, um einige Klarheiten zu schaffen:

Transsexuelle Menschen sind Individuen. Es gibt kein gemeinsames, transsexuelles Schicksal mit Ausnahme der Basis, das wir einem anderen Geschlecht zugehörig sind, als es bei Geburt zugewiesen wurde. Und deswegen mag mancher Teil des folgenden Textes von anderen Menschen anders aufgefaßt werden. Daher von meiner Seite: Ich möchte hier meine individuelle Situation darstellen und erhebe absolut keinen Anspruch darauf, hier einen irgendwie gearteten Standard zu setzen. Das ist mir generell zuwider.

Als nächsten Punkt spreche ich kurz die Macht der Worte an. Liebe Leser, stellen Sie sich vor: Sie haben ein Bedürfnis zu trinken. Sie sagen zu einem in der Nähe stehenden Menschen: „Ich möchte etwas trinken. Ich habe Durst.“ Dieser Mensch sieht Sie an und sagt: „Dann tun Sie es. Trinken Sie!“ Nun überdenken Sie die Ihnen zugeschriebene Formulierung: „Ich möchte….“. Diese Art der Formulierung wird von sehr vielen Menschen benutzt, anstatt – um im Beispiel zu bleiben – direkt auszudrücken: „Ich habe Durst. Ich werde etwas trinken.“ Ich beschreibe hier nur ein schwaches Phänomen einer sprachlichen Vermummung, einer Selbstschwächung, einer Verschleierung, der ich auch selber länger anhing, bevor mir dies klar wurde. Auch heute tappe ich manches Mal noch in diesen sprachlichen Hinterhalt. Schwieriger ist es mit Fällen, in welchen eine direkte Wortwahl getroffen wird, die von Grund auf problematisch ist. Besonders, wenn die problematische Wortwahl einem Einverständnis des heteronormativen Mainstreams unterliegt. Ein Beispiel ist das Wort „Homoehe“, das jeden Mensch, der auch nur annähernd der Zielgruppe dieses „Geschenks“ nahesteht, wie eine Ohrfeige trifft, liegt doch in diesen drei Silben die Basis einer Abgrenzung des erwähnten Mainstreams gegen die Betroffenen. Schlimmer jedoch wiegt die Fehlverwendung der „-Phobie“ begriffe, die auf Menschen gemünzt werden, welche sich gegenüber marginalisierten Gruppierungen diskriminierend verhalten. Der Grund dieses negativen Verhaltens ist jedoch keine „Phobie“! Sondern der Grund ist Diskriminierung. Eine Phobie ist die Bezeichnung einer Angststörung, welche der „Sammelbegriff für mit Angst verbundenen psychischen Störungen ist“. Eine Phobie ist demnach keine Entschuldigung für ein „Arschlochverhalten“. Diesen Absatz beende ich mit der Bitte, die Macht der Worte zu achten. Ich selber bin eine Lernende auf diesem Gebiet.

Wie zeigt sich meine transsexuelle Seite? Warum sehe ich mich als Frau, obwohl die Zuschreibung aufgrund der Geschlechtsorgane eben eine andere ist?

Es ist ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen und auch dem ein oder anderen größeren Aspekt erstellt, welche in mir die innere Notwendigkeit erzeugten, eine Transition anzugehen, um auch in einer hoffentlich näheren Zukunft auch wirklich in einem durch und durch weiblichen Körper leben zu dürfen. Hier mögen Menschen einwerfen, daß das Frau-Sein unter anderem auch ein soziales Konstrukt ist. Und das Frau-Sein auch von innen kommt. Beide Punkte sind richtig. Dennoch muß ich für meinen Standpunkt darlegen, denn auch ich bin ein individuelles Schicksal, das sich nicht einfach in ein äußeres Konstrukt zwingen läßt.

Mag für viele Feministinnen das Aufbrechen der weiblich genannten Sozialisation wichtig sein, so ist für mich das Eintauchen in diese ein durchaus wichtiger Aspekt. Stop, bevor jemand zu weit denken mag: Nein, ich möchte jetzt nicht in die „Kinder, Küche, Kirche“-Welt abdriften. Es geht mir auch eher um das eigene Als-Frau-Gesehen-Werden. Ich möchte, daß meine Brust so groß wird, das ein Büstenhalter wichtig ist. Ich möchte breitere Hüften haben. Ich möchte einfach, ungefragt, lange Haare haben. Fragen Sie nicht, es ist nicht so simpel.

Teile des Mosaiks sind Enttäuschungen. Da war meine Teilnahme am Flötenunterricht in der Grundschule. Ich war der letzte „Junge“, der dabei war. Dann kam ein gebrochener Innenarm und wegen der Zwangspause wurde ich später von dem sogenannten „Lehrer“ nicht mehr weiter beachtet.

Dieses Mal, als ich der Mutter Monatsbinden entwendete, nicht wissend, welchen Zweck diese je erfüllen sollten, doch unglaublich angezogen von der Weiblichkeit dieser Produkte.

Die unzähligen Male, in denen mir das „Schimpfwort“ Weiberheld hinterhergerufen wurde. Ja, es war als Beleidung gedacht.

Der erstmalige Wunsch den Körper zu tauschen, als ich mit einer Bekannten einer Grundschulfreundin gemeinsam auf einer Schaukel stand.

In der kommenden Schule war ich Teil des Chores und nicht überraschend im Sopran, da auch noch sehr jung. Mit 13 Jahren sollte ich in den Tenor wechseln. Ich hätte zwar einen großen Stimmumfang, doch wäre ich im Tenor besser aufgehoben. Nach ein paar Wochen verließ ich den Chor. Denn es war hier der gleiche Fall, der auch an anderen Situationen meiner schülerischen Karriere durchbrach: Ich suchte Kontakt zu Mädchen. Klar, denkt man. Und ja, ich war auch ein ums andere Mal verliebt. Doch es war eher der Versuch in freundschaftliche Bande einzusteigen und den Genuß der weiblichen Freundschaft. Da ich in jener Zeit noch nicht ahnte, daß ich transsexuell war, kam ich mir dabei linkisch und gestört vor und war – im Laufe des 10. Schuljahres – fast glücklich, als hier eine Verbindung möglich wurde und ich mich von Pia, Manuela, Sonja und Irene während der Abschlußfahrt positiv aufgenommen wurde, als ich mich immer wieder ihnen angeschlossen hatte. Wenige Wochen später verließ ich die Schule, besuchte nun eine reine „Jungenklasse“ und litt zum ersten Mal in meinem Leben an einer massiven, Lebenssaft saugenden Depression. Dabei war es in dieser weiterführenden, kaufmännischen Schule, wie auch zuvor, nicht so, daß ich mit meinen „offensichtlichen“ Geschlechtsgenossen keine Freundschaften aufbauen konnte. Ganz im Gegenteil, einige halten bis zum heutigen Tag.

Doch war dieses Jahr ein unglaublicher und extremer Tiefpunkt in meinem Leben. Als Sieben-, Achtjährige hatte ich eine Zeitlang mit dem Todeswunsch gekämpft, was unter anderem an der grausigen Grundschule lag, in der Mobbing ein geduldetes Gesellschaftsspiel war. Und ich war nicht die, die es am schlimmsten traf. Aber auch die Beobachtungen, die ich machte, genügten, um später einordnen zu können, daß der Faschismus auch mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch seine Brutstätten besaß, in welchen grundsätzlich das Schwache mit Gewalt zu bekämpfen ist.

In der Grundschule lernte ich viel über das eigene Fremdsein, das vielleicht in dem englischen Wort „awkward“ sehr viel besser illustriert ist. Ich lernte viel über die Vorzüge des Unscheinbarsein. Des Abtauchens in einer Masse.

Zum Ende der nächsten Schulzeit mit 16 Jahren, hatte ich eine gewisse Freude gefunden. Im Apollo Theatre in London hatten Manuela und Pia mich geschminkt. Das war ein Moment puren Glücksgefühls gewesen. Und weiterhin ahnte ich nicht, daß genau diese Emotion eben nicht von ungefähr kam. Klar, kann eins sagen: Auch Jungs dürfen sich jederzeit schminken. Das werden sich die beiden Freundinnen damals auch gedacht haben, denn auch ihnen wird verborgen gewesen sein, was ich vor mir selbst nach Jahrzehnten outen würde. Falls sie es doch bemerkten, wäre ich ihnen sehr dankbar gewesen, hätten sie mich darauf hingewiesen (denken Sie sich hier bitte einen bitter lächelnden Smiley).

Der Sommer 1987 wurde darauf zum tiefen Sturz. Im September war ich mit den Nerven am Ende. Und vergrub mich um die Jahreswende in „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley. Wie ich inzwischen lesen mußte, ist die Schriftstellerin beschuldigt oder verdächtigt mißbräuchlichen Verhaltens. Nichtsdestotrotz hatte mich der Roman selber in jenen Jahren äußerst nachhaltig beeindruckt. Diese Nacherzählung der Artus-Sage, in der jedoch nun die Frauengestalten aus dem Hintergrund treten und sich als die wahren Handelnden zeigen, zog mich tief in seinen Bann. Auch hier fehlte noch das Hinterfragen dieser Situation, in welcher ich kaum wußte, welche der Romanfiguren mir am meisten aus der Seele sprach, ich auch kaum wußte, wie ich die großartigen, aus meinem Leben gefallenen Frauen ersetzen könnte, oder besser den Kontakt aufrecht erhalten konnte. Die Depression lähmte mich, das fehlende Selbstbewußtsein lähmte mich, die fehlenden kommunikativen Möglichkeiten des Jahres 2018 hätten mir eventuell weiterhelfen können.

In den folgenden Jahren konnte ich aus der inneren Isolation, in die ich damals sackte, langsam herausfinden. Musik wurde ein Schlüssel und letztlich die Bandgründung von „Permanent Confusion“ half Schritt für Schritt auf ein Level zu kommen, in welchem zwar die Depressionen in Schach gehalten werden konnten, ich jedoch auch in meine Rolle als „junger Mann“ stärker hineinschlüpfte, diese jedoch immerhin auch leicht aufbrechen konnte: mit geliehener Bluse, mit mäßig guten, aber ehrlichen Texten über Trauer, Einsamkeit und Sex. Und spätestens 1997 sogar mit dem ersten Rollenwechsel, als ich für das Stück „La Habana“ das lyrische Ich eine Frau sein ließ. Doch zu diesem Zeitpunkt war die beste Zeit der Band schon vorüber, hatte sich die ursprüngliche, innere Verbundenheit etwas gelöst und ein zuvor existentes kleines, aber feines Publikum war weitergezogen. Und dennoch war und ist es unglaublich wichtig, sich in dieser Kunst auszudrücken. Und deswegen ist es auch am wichtigsten, Musik zu hören, die aus einer inneren Notwendigkeit geschaffen wird.

In dieser Zeit hatte ich erste Beziehungen zu Frauen gehabt, und ja, es gab bis zum heutigen Tage Sex in meinem Leben, denn es gibt zwei Kinder. Den Grund möchte ich hier nicht verheimlichen: Ich liebe Frauen. Und im Sex nutzte ich das Instrumentarium, das mir zur Verfügung stand.

Um die körperlich-mentale Diskrepanz zu erläutern, verweise ich noch einmal kurz auf die depressiven Episoden. Bevor ich im Oktober 2013 endlich die Erkenntnis meiner Transsexualität hatte, war ich in physotherapeutischer Behandlung. In einer – ich kann mich nicht mehr an die genaue Begrifflichkeit erinnern – „Versenkungsübung“ sollte ich mich in meinem Körper einfinden. Später, als ich Autogenes Training beginnen sollte, wurde dies zum Standard und durch die geänderten Situation meiner Selbstsicht, ist dies inzwischen kein Problem, doch in jener Übung mußte ich erkennen, daß mein Körper und mein „Geist“ nichts miteinander zu tun hatten. Dieses „sich-in-den-Körper-einfinden“ wurde zum schwierigsten Teil der Übung. Ich selbst war über diese Situation zunächst einfach nur erstaunt. Während der „Versenkung“ erschien es mir, als stünde ich komplett neben mir, als müsse ich erst „in mich hineinsteigen“. Die Entfremdung, die ich schon jahrelang gespürt hatte, bekam in dieser Situation ein Bild. Es kam nicht von ungefähr, daß Albert Camus‘ „Der Fremde“ seit jeher eines meiner liebsten, weil tief in meine Seele greifendes Buch war. Und ich damals heulte, als ich zum ersten Mal die letzten Zeilen las:

Damit sich alles erfüllt, damit ich mich weniger allein fühle, brauche ich nur noch eines zu wünschen: am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

So lange habe ich jetzt darauf gewartet, den alten Körper sterben zu lassen. So viel Selbstverletzung ist darüber gezogen. Der Rest möchte bitte bald neu anfangen.

Punk 2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

ich beginne diesen Text über eine notwendige Utopie mit einem Tweet, den ich am Morgen des 1. Januars 2018 schrieb:

Punk is not dead.

Punk is Trans, Ace, Gay, Lesbian, Queer, Inter, Poly, even Hetero!

Punk is Empathy. Punk is: To Be.

What Punk is not: Punk is not Norm.

LET’S MAKE 2018 THE YEAR PUNK IS COLOURFUL AS HELL!

We can make it happen!

Ich hatte gehofft, daß dieser Tweet eine gewisse Resonanz erziehlt. Und nach vier Stunden 85 Likes ist (bei meiner doch relativ kleinen Reichweite) schon jenseits des guten Erfolgs, wobei es natürlich überhaupt nicht darum geht.

Ich möchte folgendes hierzu ausführen:

2017 war kein gutes Jahr. Es wird das Jahr sein, in welchem die autokratischen, nationalistischen und rassistischen Regime und Menschen ihre Machtbasis weiter verstärkten und das Leben für alle anderen Menschen, die eine mehr oder weniger selbst gewählte Nische bevölkern, ein Stück weiter untragbar gemacht haben.

Man kann diesem Treiben der politischen Rechten mit Spaß, mit Verachtung, mit Gewalt oder mit Ignoranz begegnen.

Desweiteren war 2017 das Jahr, in welchem (endlich) die Gewalt gegen Frauen zu einem wirklichen Thema wurde. Übergriffigkeit ist (vor allem) kein Kavaliersdelikt.

Insofern kann es 2018 nur darum gehen, der erwähnten politische Rechte und der toxischen Männlichkeit entschlossen entgegenzutreten. Diese Meinung wird von vielen Menschen geteilt.

Daher mein Aufruf, den Punk im Jahr 2018 zu einem grenzüberschreitend farbenfrohen Ereignis zu erheben.

Dabei sollten wir die üblichen Assoziationen mit Punk über Bord werfen: Keinen Irokesenschnitt, keine Sicherheitsnadeln im Gesicht, kein Anspucken, kein permanentes Betrunkensein, kein radikales Festhalten am Nichtskönnen (oder auch einer reinen Lehre). Ausser, wer es mag. Der soll dies tun. Denn darum geht es: Punk soll das „Sein“ ermöglichen. Nicht mehr das „existieren“. Und ja, wem das nach Hippie klingt: Okay, gut möglich. Doch möchte ich einen grundlegenden Unterschied ansprechen, in welchem Hippies und Punks in jener Zeit auseinandergingen: der Hippie lebte vor allem nach Innen, dem Punk war in gewissem Maße die Welt draußen, das Soziale, nicht egal. Und ich möchte unbedingt darauf beharren, daß der Punk 2018 bei aller unbedingten Individualität auch seine Hände nach Aussen streckt. Das ist so ergreifend wichtig. Die Angst vor dem Fremden spielt der politischen Rechte in die Hände, doch wir möchten diese Hände leeren. Darum: geht aufeinander zu! Ohne Angst und auch ohne vorgefertigte Meinungen. So lassen sich auch besser die Bande knüpfen, die Netzwerke aufbauen, die uns eine Stärke geben, um den Angriffen von Rechts, von der toxischen Maskulinität zu widerstehen. Wenn wir zusammen stehen, sind die Frauen, deren Hände wir greifen, besser geschützt. Im besten Falle, heißt das.

Was ist noch zu tun? Hier möchte ich auf den ursprünglichen Tweet zurückkommen, in welchem ich etliche Spielarten des gekürzt LGBT genannten Sexualspektrums auflistete. Ich selber finde mich im Transbereich wieder, weil Transfrau. Ich möchte nachhaltig dazu anregen, daß gerade aus diesem gesellschaftlichen Bereich eine Energie aufsteigt, die von uns – die wir uns in diesen Worten widerfinden – produziert wird, die uns gleichermassen trägt. Und das nicht nur an bunten Christopher-Street-Day-Veranstaltungen, die aber sicherlich ein sehr gutes Beispiel sind. Doch denke ich eher an die „kleinen“ Situationen unserer Leben, in welchem wir eine buntere Offenheit fördern und dadurch etwas Mächtiges entstehen lassen, das den Namen Hoffnung trägt. Und nein, ich denke weniger daran, daß wir anhand unserer Sexualität diese Energie formen und fördern, als vielmehr durch unsere Erfahrung in den Ecken, den Nischen, der Dunkelheit leben zu müssen und anhand dieser Übung zu wissen, wie wir Menschen, die aufgrund anderer Stigmata in der Isolation leben, an der Hand nehmen können, und diesen helfen können. Und nicht vergessen: ich erwähnte auch Hetero-Menschen. Diskriminierung muß der Vergangenheit angehören. Das soll einer der wenigen wirklich festen Leitsätze sein.

Ich habe auch nicht vergessen, daß es viele Menschen gibt, die genau hier Schwierigkeiten sehen, da es ihnen generell eher schwer fällt Kontakte zu knüpfen, auf noch fremde Menschen zuzugehen. Ich weiß das, es geht mir selber so. Manchmal reicht es jedoch schon ein Lächeln auszusenden. Das ist etwas, das wirkt, und von keinem AfD-Politiker (oder ähnlicher Gesinnung) unterdrückt werden kann.

Es gibt viele Fährnisse auf diesem Weg. Und hier spielt auch schon die Politik hinein, die mediale Gesellschaft. Die Art und Weise, wie über gerechtfertigte Proteste berichtet wird. Wie einerseits nebenbei über steigende Kinderarmut berichtet wird, dann jedoch großflächig ein fantastisches Börsenjahr gefeiert wird. Hier hat sich in den letzten gefühlten zwanzig Jahren eine Verschiebung vollzogen, die fatal ist. Es gab auch schon Gegenbewegungen (Occupy, um nur eine zu nennen), doch hat sich hier wirklich eine Nachhaltigkeit ergeben? Das sollte ein Ziel sein, um wirklich eine gesellschaftliche Änderung zu schaffen. Und dennoch war gerade Occupy ein guter Ansatz, da die Art und Weise der Beschäftigung mit den börsenorientierten Konzernen ein wichtiges Thema ist. Hier wird es Änderungen geben müssen. Welche? Mindestens Rücknahmen von vergangenen Privatisierungen sollten ins Auge gefasst werden. Der Staat muß eine Obhutspflicht für seine Bürger übernehmen können, und damit meine ich weniger die Möglichkeiten polizeilicher Maßnahmen, als vielmehr staatliche Auf- und Ausgaben in Gesundheit, Pflege, Bildung, Umweltschutz, Energieversorgung.

Wir können nur BUNT überleben. Alles andere ist ein langer, schmerzhafter Niedergang unserer Spezies, den wir nicht wollen können.

Und: Ich will als transsexueller Mensch dennoch ein Teil einer in sich befriedeten Gesellschaft sein, in welcher den finanziellen Aspekten des Lebens weniger Mühsahl gewidmet werden muß. Ist das eine totale Utopie?

Lasst uns darüber kommunizieren.

25.05.2017

Revolte + Terror = Jugendkultur hahahahahaha

vorwort: Wem der Stil des Geschriebenen nicht paßt, wer den Wirrungen und Irrungen der Gedanken nicht folgen kann, wer was auch immer …. geht einfach weg. Okay?

this is the worst trip I’ve ever been on. Mann, ich steh voll in der Wüste. Auf einer Brücke, unter der die Sanddünen lachend hindurchziehen. Als ich vor einigen Tagen über Rockmusik nachdachte, fiel mir dieser Streifen „almost famous“ ein. Ist inzwischen fast volljährig, der Film. Und dann folgte der Gedanke über diese Szene darinnen, in welcher der Junge die Platten von seiner rebellischen Schwester unter dem Bett hervorzieht, und sein Leben gerettet werden soll. Zum Glück war kein Serge Gainsbourg dabei, sowas wie Histoire de Melody Nelson, kultivierter Schweinkram mit kleiner Körbchengröße und satten Arrangements.  Zu feingeistig für die kommende Stewardess und überhaupt zu kultiviert für irgendein Amerika. Ob nun das verfilmte 1969 oder auch der Donny-Age-Komplex, unter welchem wir zu schnaufen beginnen. Als wenn das nicht egal wäre…. kaum verflogen die Klänge… stand dieses kurze Intervall am Beginn eines Streichquartetts von Alban Berg in der Atmosphäre und… was ist mit Euch los? Fragen Alban und auch ich!

Die Erinnerung an „almost famous“ hatte schon einen gewissen Sinn. Ein Film über das Ende jener Phase einer heiß gelaufenen Maschinerie. Das Vorglühen war der Rock’n’Roll, die Hüfte, Algerien, Wirtschaftsaufschwung und vor allem AUFSCHWUNG. Bis ins Weltall. Im ersten Akt wurde der Jazz dann heißer, drängender, freier, entstand eine mündige Schicht an Menschen, die Rechte forderten, flogen die Raketen im Orbit, wurden die Kriegsschauplätze exotischer und Einnahmen aus Schallplattenverkäufen galten noch ein wenig wie Wolkenkuckucksheim. Im zweiten Akt verfliegt die Exotik des Krieges, denn Er Will Dich, wird in flirrenden Paisleymustern [Das sind aber ganz schön konkrete Gedankengänge, mein lieber Schwan oder auch Scholly oder… äh] dieses Wollen verneint, mit grinsender Kopulationsakrobatik auf Rockbühnen die Macht zelebriert als Poesie der Wirtschaftsmuskelmasse, während der Rest langsam schnauft. Und wenn 1973 die Maschine eben heiß läuft? The Fall of Saigon steht vor der Tür. Die Ölkrise. Die RAF. Die PLO. Die ETA. Die IRA. Die nicht gut abzukürzende Brigate Rossi (Okay, die Abkürzung bringt Medienleute aus Bayern zum knurren) Dazu ist alleine in Europa noch so manches Ländchen unter einer Diktatur bemantelt. Spanien, Portugal, Griechenland, der Zypern-Konflikt. Dazu noch der ganze Warschauer Pakt, eine fantastische eigene Liga der Unterdrückung. Nicht zu vergessen, nicht?

Wozu das Ganze? Weil dies grelle Augenpaar manchmal ARTE schaut. Weil dort immer gerne des Sommers schöne, kreischend bunte Dokus über die Rebellen jener Zeit gezeigt werden, die uns heute mal so richtig schön zeigen können, wie der Unzustand unserer Zeit in eine total groovige … ach, klappt ja gar nicht, weil die Realität ja weder ARTE-konform, noch Netflix-bingemäßig zurecht geschustert werden kann, denn da ist der Mann mit dem Bombenkoffer. Und der macht das Licht aus. Das haben die schon immer gemacht. Die ganzen Hirnis, die nur drei Buchstaben behalten können, hatte ich schon aufgezählt. Und damit sind wir plötzlich am Brunnen Mimirs angelangt. Ganz ohne ein Auge zu verlieren. Nur eine volle Dröhnung an Alban Berg oder einen anderen geilen Macher aus der (Achtung) Neuen Wiener Schule. Nicht die Alte. Die Neue! Ist zwar älter als sowohl Frankfurt, als auch Hamburg. Nichtsdestotrotz! Oder halt mit John, bzw. Alice Coltrane hochfahren. Mimir sagt: Jungens, Mädels.

Da seht sie stehen! Dort stehen sie herum, die Konserven.

Die Konservativen.

Die Kompressionierten.

Die Konfektionierten.

Die Kompromittierten.

Die Kompostierten.

Alice, das ist nur scharf. Shiva Loka.

Die Kondolierten.

Die Gondolierten? Die Kronzeugierten!

„Das geht so nicht weiter, Mimir!“

Die Präservativen.

Die Präversativen.

Die Frittierten!!!

„Du kannst nicht so Recht sprechen, oder in den Quell der Weisheit blicken, Mimir!“

Das Kapital. Spielt und würfelt. Es rückt die Figuren. Das ist doch klar. Das ist Physik. Wölbt sich das weiße Yang oben aus, quellt das schwarze Yin nach unten weg. „Und natürlich“…. nee, ruft Mimir: meet the new boss, same as the old boss. Denn auch das ist Physik: die Luft am Gipfel ist immer dünner, als im Tal. Da können so viele Wortspiele und Versprechungen, Versprungungen, durch die Welten schwirren, das kann nicht gehen.

„Mimir! Warum schicken Leute Dick-Pics und dann seh ich nur Richard Nixon?“

Weil eben „Dicky’s such an Asshole.“ und heute singen wir „Donny’s such an Asshole“, und statt einem DickyPic, setzen wir ne blöde Orangenperücke auf. Annoying Orange for real.

Is everybody in?

Nein. Warum auch. Jedes so begrenzt, es kann. Kondoliert doch, wo ihr wollt. Zum Teufel. Ständig sterben Menschen, jederzeit, jeden Orts. Durch Krebs. Durch HIV-induzierte Erkrankungen. Durch Bombensplitter. Kein Tod ist schön. Nirgends. Nie. Und dennoch rafft es Menschen dahin. Der Schrecken ist immer die Lücke, die der Tod reißt. Die Unzeit, die er erschafft. Und dennoch sagen Mimir und auch ich: Kommt endlich klar damit, das Euer Abo mal irgendwann abläuft. Das Ticket wird Euch aus der Hand gerissen, da seht Ihr nur noch die Fetzen im Winde wehen. Und natürlich habt Ihr Angst davor, wenn der Schalter umgelegt wird. Und im Off steht nicht mal Wayne. Mimir lacht. Über die, die vor toxischen Menschen warnen. Mimir ROFLT. So ein nordisches Wesen sollte sich nicht so verstörend verhalten. Hey.

Jetzt ist die Bagatelle passiert. Der Schreiber lacht auch. Hat aber nur eine Sekunde zuvor das Wasser getrunken. Das Papier wellt. Heilig’s Blechle. Und warum das Ganze? Weil nasses Papier die Eigenheiten des Wassers übernimmt, natürlich! Das Farbband muß in der Nacht am Feuer verweilen, auf das trockenen Fußes der Text weiterwandert. Gleich einer akustischen Guitarrrrre. Chico legt noch ein paar Flöten mit ins Grab. I think it’s gonna rain today.

Zwischenwort:

Wer jetzt noch hier rum nölt, ey! Mein Freund Haarmann hat ein Hackebeilchen

„So, Mimir“ Was! Mit den Fingerchen fummelnd wie Mister Burns, nur Millionen an Dollars weniger „Also, sollen Menschen nicht Dinge und andere Menschen meiden, die schädlich sind?“ Watt is dat für ne scheiß Frage, du Eierkopf. Dann kannste dich inne Höhle einschließen. Datt ganze Leben is voll toxisch. Kaum biste auffe Welt, iss schon die Kakke am dampfen. Oder willste dem Finanzamt auch jetzt mal mit „Also, ich muß Sie bitten von Ihren Forderungen nach Steuerzahlungen Abstand zu nehmen, denn das erzeugt eine negative Schwingung in meinem Leben“ auffen zeiger gehen, watt? vollpfosten! Damals als noch über Nixon-Bilder sinniert wurde, ha. Ja, girl in trouble. Hat irgendwer mal drüber nachgedacht, was DickPicMusic ist? So was, wie … wir kommen nicht ausse zeit da raus. Almost famous und so. Led Zep I oder II. squeeze me lemon til the juice runs down me leg. Robert Plant aus Yorkshire, kreisch! Aber das ist dann der Sound der Revolte. Und natürlich der arme Hendrix, der doch niemandem was getan hatte*. Und immer wieder nur Satisfaction. Ich verlange auch nach genau dem und verlange dazu auch noch die Wahl der Waffen. Waffeln. Wenn immer auf die gleiche Stelle geschlagen wird, dann ist das Physik! Oder Biologie! Da entsteht ein Bluterguß. Und Schmerz. Und irgendwann bricht auch der Knochen. Habt Ihr sonst keine anderen Ideen? Seid doch nicht immer so eindimensional! Stellt Euch vor, Ihr stündet vor Kafkas Schloß, hört die Telefone und die Schreibmaschinen. Stellt Euch vor, Ihr seid ein Käfer. Was denn?! Ihr geht dann rein!

time takes no prisoners. time takes a cigarette.

Ein kurzer klarer Moment wie ein Pochen. Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er hatte ein klares und einfaches Ziel: Gleiche Rechte für alle Rassen.

Was hat 2017 zu bieten? Mimir will wieder ROFLN. Können wir einfach den alten Faden wieder aufnehmen und noch „Gleiche Rechte für die Geschlechter“ hinzufügen? Okay? (this is the most worst trip I’ve ever been on) Ich bin doch der Käfer. Und das Wasser habe ich getrunken. Einst sprudelte es. -.-

* Jimi machte mal den Song little wing. Wer da irgendwas von Revolte raushört, sollte mal ein Wasser trinken. Jimi wollte doch auch nur wegfliegen.

08. Oktober 2016 – eine kurze Bestandsaufnahme, ein Ansatz zur Diskussion gegen das Poltern des Populismus

Was tun?

Jaja, die AFD treibt weiterhin ihr Wesen, und die selektiven Rassisten, nicht nur die deutscher Nationalität, nehmen die Meinungshoheit an sich. Wer sich ihnen in den Weg stellt, dem tönt es entgegen, daß alles der Meinungsfreiheit zugehöre.

Ach, haltet doch eure Fressen. Es ist mit euch nicht zum aushalten, ihr Storch-Petry-Höcke-Kindsköppe. Ihr seit nicht einmal bessere Rattenfänger. Ihr könnt nur gut, weil ihr die mediale Präsenz erhaltet und auf dieser Klaviatur einigermassen gut klimpern könnt. Das war es auch schon. Ein Konzept, wie ihr eure sogenannte Volksgemeinschaft im Falle einer demokratisch gewonnenen Wahl führen möchtet, ist beim besten Willen nicht zu erkennen, denn ihr wißt schon, daß ihr den Ast auf dem ihr so feiste sitzen wollt, bei erster Gelegenheit absägen werdet: Sozialleistungskürzungen für Jedermann. Eieiei, seid schweigsam darüber, sonst wird das nichts.

Doch genug des Bashings der freiwilligen Trottel eines sogenannten Volkswillens.

Was ist das schon: Ein Volk?

Diese Frage wird im Laufe der folgenden Zeilen auch noch betrachtet, doch wende ich mich erst einmal einer wichtigeren Untersuchung zu. In großen Buchstaben geschrieben:

„WARUM GEHT’S MIR SO DRECKIG?“

So hieß die erste Platte der Band Ton Steine Scherben 1971 und mit diesem Satz können sich sicherlich viele, viele Menschen auf diesem Kontinenten indentifizieren. „Uns“ geht es scheiße, dann kommen diese Flüchtlingen und die bekommen alles in den hinteren Unterleib geschoben. Sogar Smartphones haben die. Und kriminell sind sie. Et Cetera.

Das es den Menschen, die sich auf eine Flucht, gar in äußerst fragwürdigen Booten über das Mittelmeer, begeben, dies kaum freiwillig tun, ist hier natürlich den meisten Menschen, die über diese sogenannte Flüchtlingskrise klagen, gar nicht klar. Selbst wenn die Flucht über die Balkanroute führt, ist es immer noch ein grausig schwieriges Unterfangen, das im Grunde höchste Hochachtung vor dem Willen dieser Menschen herausfordert. Doch was haben wir übrig: Ablehnung. Was sind wir doch für ein moralisch fragwürdiges Geschmeiß! Die wir in unseren beheizten Häusern sitzen an diesem Tag im frühen Oktober 2016. Draußen weht nicht der erste schneidende Wind. Drinnen hat es 18° Celsius oder mehr Behaglichkeit. Wir sollten unsere feisten Fressen halten, als über diese Menschen, die von egal woher zu uns strömen, herzuziehen. Ich verneige mich auch vor den sehr zynisch so genannten Wirtschaftsflüchtlingen. Denn woher kommt deren Gefühl, daß es ihnen so dreckig geht, das sie ihre Heimat hinter sich lassen? Oh, richtig. Unser Wohlbehagen, unsere Ausbeutung, unsere Unterstützung diktatorischer Regime. Kurzes Innehalten: Bin ich, als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, automatisch an diesen genannten Wirtschaftsverbrechen und Unterdrückungen beteiligt. Tja, scheiße. Ja. So lange ich nicht dagegen protestiere, oder daran setze, meinen Anteil der Ausbeutung soweit zu minimieren, daß ich reineren Gewissens weiterleben kann. Doch dazu gehört Aktivität. Sehe ich solche Aktivität unter den AFD-Genossen, gar unter CDU/CSU-Sympathisanten? Um Himmels Willen, das widerspricht der deutschen Lebensart! Das ist links-versifftes Geseier. Danke auch! Ihr mich auch, nicht wahr. Abgrenzung gegen diese Menschen tut not und wird von mir aktiv betrieben. Sollen diese Selektivrassisten auch gerne nicht mehr weiterlesen, obwohl einigen der Rest gefallen könnte. Ja, vielleicht.

Denn: Ja, es geht sehr vielen Menschen in Deutschland dreckig. Und nicht nur in Deutschland. Der Erfolg des Front Nationale in Frankreich, der Brexit der Briten, die Erfolge populistisch-nationalistischer Strömungen in Polen, Ungarn, Österreich und Dänemark kommen nicht von ungefähr. Leute haben die Faxen dicke.

Doch: Wer ist daran schuld? Die Flüchtlinge, die sich in Massen nach Europa begeben? Die kriminellen Ausländer mit ihren Drogen? Die jüdische Weltverschwörung?

Nein. Die Schuld liegt tiefer begraben. Die Schuld wurde in Europa und dem Rest der sogenannten ersten Welt geschaffen. Und wenn WIR (damit schließe ich auch Menschen ein, die gerade noch Selektivrassisten waren, doch dann bemerken, daß ihr Intellekt eigentlich groß genug ist, um doch noch über Tellerrand zu blicken) nicht jetzt langsam etwas dagegen unternehmen, dann wird der Boden, auf dessen Fundament unser Wohlergehen aufgebaut ist, unter unseren Füssen weggezogen durch genau diese Rotte, die doch lauthals vor den geiernden Fremden warnt.

Den Menschen im Bereich der Europäischen Union geht es besser, als vielen Menschen im Rest der Welt (individuelle Härtefälle aussen vor). Das Wohlstandsniveau im Bereich der Europäischen Union hat sich ebenfalls in den Jahrzehnten verbessert. Und dennoch ist da nicht nur ein Gefühl, daß es für sehr viele Menschen besser sein könnte. Ja und dazu müssen wir in die Vergangenheit reisen.

Der Club of Rome warnte schon 1972 über Die Grenzen des Wachstums. Hört man auch 2016 noch Politikern zu, wissen sie immer darauf hinzuweisen, daß alles getan werden müßte, um das Wachstum zu erhöhen. Was bedeutet diese Diskrepanz? Nun, Politiker sind auch immer Teile ihrer Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist auf einen Holzweg geraten. Wann? Vermutlich schon immer, doch hat sich im Nachgang des Zweiten Weltkriegs eine Verschärfung, eine Perfektionierung der Suche nach dem zerstörerischen, gesellschaftszerrüttenden Holzweg ergeben. Ich habe bereits die Jahre 1971 (Ton Steine Scherben) und 1972 (Die Grenzen des Wachstums) genannt. Und schiebe noch eine relative Zeitgenossenschaft hinterher, nun aus dem Bereich des deutschsprachigen Schlagers. Ein Gus Backus sang einmal: „Und dann hau ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein kaputt, mit dem Innenleben von dem kleinen Sparschwein gehts mir dann wieder gut.“ Putzig, nicht? Nein. Gar nicht putzig. Wer sich heute, 2016, noch mit Sparschweinen umgibt, ist vermutlich einer der offiziell traurigsten Menschen der Welt (außer es sollte sich noch eine Verschärfung der Negativzinsen für Guthaben ergeben). Und dennoch vermutlich auch im Inneren glücklich? Was bedeutet uns das Sparschwein? Diese Frage ist jetzt sehr ernsthaft gestellt. Was beudeutet DIR, Leser, das Sparschwein? Ein zeitlicher Anakronismus? An der Oberfläche nur gekratzt: Ja. Die Geschwindigkeit unserer Leben im Jahr 2016 hat das Sparschwein von diesem Planeten gefegt und wir können nur noch staunend, erschaudernd hinterherschauen. Das Zeitalter des Sparschweins ist definitiv vorüber. Doch wäre genau der Versuch, die Geschwindigkeit unserer Leben, die das Sparschwein als Symbol für finanzielle Rückstellungen im Bereich des privaten Lebens obsolet werden ließ, zu drosseln. Ganz im Sinne der immer wieder aktualisierten Berichte des Club of Rome, deren Ergebnisse sich nicht wirklich für die Zukunft unserer Nachkommen verbessert. Ganz zu schweigen davon, daß WIR – die Menschen der Gegenwart – inzwischen die Schattenseiten dieser Analysen zu spüren bekommen. Es wird immer stärker auch aus der Politik heraus geklagt, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Der Mittelstand schrumpft, die Ängste von aktuell noch „sicher“ lebenden Menschen vor einem Abrutschen in Armut verschärft sich. Die Ängstlichen suchen sich Feindbilder und eilen Populisten hinterher, die ihnen einfache Lösungen vorgauckeln. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor? Dazu möchte ich eine Schlagwörter aus dem Ärmel schütteln:

Die Älteren erinnern sich noch an Arbeitskämpfe zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften um eine Arbeitszeitverkürzung von 40 Wochenstunden auf eine niedrigere Zahl (letztlich gab es da eine teilweise durchgesetzte 38,5-Stunden-Woche) bei vollem Lohnausgleich.

Die Menschen des Jahres 2016 kennen viele Fälle von Menschen, die mehr als einen Job ausüben, um über die Runden zu kommen.

Die Älteren erinnern sich an: „Die Renten sind auf lange Sicht sicher.“

Die Menschen des Jahres 2016 wissen nicht unbedingt, ob sie über diesen Spruch wirklich noch lachen können, auch im Angesicht der Verwirrungen (ein Euphemismus), die durch die Einführung von geförderten privaten Vorsorge geschaffen wurde.

Die Älteren erinnern sich an Zukunftsvisionen, die verlockend waren, die Lust versprachen.

Die Menschen des Jahres 2016 sehen als Sieger im Kampf um die Zukunft die Herren Orwell, Huxley und andere Dystopisten hervorgehen.

Die erhöhte Geschwindigkeit hat uns als Menschen, als Individuen den Garaus gemacht. Und damit auch in hohem Maße die Achtung vor dem Mitmenschen zerrissen. Das ist keine Anklage gegen die neue Medienlandschaft, doch bietet sie erhöhte Möglichkeiten der Lust an der Beschimpfung nicht persönlich bekannter Menschen zu frönen. Ob Du Dich daran beteiligst, liegt nicht am Internet, sondern an Dir.

Die erhöhte Geschwindigkeit wurde an anderer Stelle eingeführt. Es geschah in dem Moment, als die Soziale Marktwirtschaft zugunsten befreiter Märkte zu Grabe getragen wurde. Und wer Mitte der 1990er Jahre dabei war, als ein deutscher Kommunikationskonzern mit großem T seine ersten für jedermann erwerbbaren Aktienpakete öffnete, war dies nur ein kleiner Schritt bei der Öffnung einer pandoraschen Büchse, jedoch signifikant. Denn: wieviele Blasen haben die Aktienmärkte innerhalb der vergangenen 20 Jahre erdulden müssen? Wieviele individuelle Träume sind hier zerschlagen worden? Hat die Menschheit den Schlag der Bankenkrise von 2008 eigentlich schon wirklich verdauen können? Nein, das hat sie nicht. Denn: natürlich sind finanzielle Krisen, wie der immer noch nicht wirklich verhinderte Staatsbankrott Griechenlands eine sehr sauber, hausgemachte Krise, doch gut geölt durch die Möglichkeiten der befreiten Geldmärkte geraten diese Schieflagen noch schneller ausser Kontrolle, und auch solch barbarische Mordorismen, wie „Wetten gegen eine Währung“, sind bei den dringenden Aufräumarbeiten einer nationalen Finanzwelt so hilfreich, wie Brandstiftung gegen ein Krankenhaus. Es ist eine Straftat. Wer anders denkt, sollte gute Argumente zu Felde führen können. Für mich gilt immer noch das Individuum höher, als ein finanzieller Gewinn.

In den Jahren nach dem Zerfall des Kommunismus wurde vom Ende der politischen Linken, vom Ende des Klassenkampfes gesprochen. Ich hoffe, diese Kommentatoren wissen um ihre völlige Fehleinschätzung (F.A.Z.?). Die einstigen, früheren Klassenkämpfe sind nur in ihrer Richtung verändert. Wurde früher vertikal gekämpft, geht es heute mit dem Messer in der Hand gegen die horizontal stehenden Gegner. Dabei verlieren die Kämpfer den Überblick, sehen aber dem Feind ins Auge. Doch wer ist dieser Feind, und warum ist er/sie es? Die neuen Kampfeslinien verlaufen auf oftmals irrationalen Wegen, und werden daher leicht von der einfachen Argumentation des Populismus an der Hand genommen. Dabei spielen dann plötzlich Wörter, wie „Volk“, „Nation“, „Leitkultur“, „Terrorismus“ eine Rolle. Und vieles scheint plötzlich neu zu sein. Es herrscht das Gefühl vor, ganz neue Wege zu beschreiten, wenn der Terrorismus als Beispiel besprochen wird. Natürlich spielt hier die sogenannte Flüchtlingskrise eine wichtige Rolle, denn im Schatten dieser bewegen sich die Täter in unsere Breitengrade und werden zu einer Bedrohung vor unserer Haustüre. Ja, das kann durchaus geschehen, die Wahrscheinlichkeit ist sicherlich höher als Null. Dennoch, bei aller Angst davor, gibt es ein gewisses Maß an staatlicher Sicherheitsapparatur, das hier an der Verhinderung der Gefahr arbeitet. Und, ganz wichtig zu erwähnen ist, daß die Kriminalogie in Deutschland durchaus gut eingearbeitet ist, seit den Tagen der RAF. Den Tagen der PLO. Den Tagen der AKP. Den Tagen der Wehrsportgruppen und anderer Freikorps. Terror in Deutschland ist – so scheußlich das klingen mag – ein widerkehrendes Phänomen, das sicherlich vor allem nicht durch einen sogenannten „Krieg gegen den Terror“ zu bekämpfen ist. Das sollten vor allem die letzten 15 Jahre eindeutig gezeigt haben.

Doch ist es ein leichtes im horizontalen Kampf dem Widersacher einen Terrorismusverdacht nachzusagen, oder ihn aus „Volk“, „Nation“ oder „Leitkultur“ auszuschließen, und ihn dadurch offen als Gegner zu brandmarken, den es zu schlagen oder mindestens erniedrigen gilt. Wenn dieser Widersacher eine sprachlose Menge ist, wie es die vielen heimatlosen Flüchtlinge der letzten Jahre sind, ist es um so einfacher, diese zu marginalisieren, sie auch als Steigbügel für eigene Profilierung zu nutzen. Das die dabei vielfach genutzten Schlagwörter „Volk“, „Nation“ und „Leitkultur“ nie wirklich klar definiert werden, spielt jedoch keine wirkliche Rolle. Doch täte es genau daran wirklich Not, denn was ist dieses „Volk“, zum Beispiel jenes auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Ich stelle zur Disposition, das es definitiv kein homogenes Volk in diesem Land gibt, das nicht nur an landsmannschaftlichen Unterschieden liegen mag, sondern auch dadurch bedingt wird, wie groß auch im Jahr 2016 noch die selbstgefühlte Scham in Anbetracht einer 12jährigen Spanne der deutschen Geschichte ist. Eine vielleicht kurze Zeit, die dennoch eine übermenschliche Katastrophe in jeder Facette des Menschlichen, der Menschlichkeit darstellt. Hier darf niemals eine Marginalisierung stattfinden. Und um die Frage eines jugendlichen Bürgers dieses Landes im Laufe des Jahres 2015 aufzugreifen: „Bin ich jetzt Schuld an den 60 Millionen Toten?“: Nein, kein deutscher Bürger, der nach dem 8. Mai 1945 geboren wurde, trägt daran eine Schuld, doch ist uns als Nachfahren – ob un- oder nur mittelbar – eine Pflicht erwachsen, mindestens auf dem Gebiet dieses Landes dafür Sorge zu tragen, das Verfolgung geächtet wird. Das die Zugehörigkeit zu einer Rasse und das Geschlecht eines Menschen nicht dazu führt, Benachteiligung zu erfahren. Das die sexuelle Orientierung eines Menschen geachtet wird. Kommen Menschen in dieses Land, welchen diese Grundwerte fremd sind, dann sind wir dazu angehalten zu lehren und vor allem mit einem Beispiel voranzugehen, das so gut ist, wie wir es eben jeder für sich leisten kann. Dazu ist die Selbstversicherung jedes Menschen notwendig. Kein Mensch ist jederzeit frei davon gegen irgendetwas, irgendjemanden Abneigung zu empfinden. Diese innere Abgrenzug ist ein Teil der menschlichen Existenz. Doch kann jeder Mensch lernen, damit umzugehen, es nicht in Wort oder Tat nach aussen zu führen.

Doch Selbstversicherung und Selbstvergewisserung sind Prozesse, die ihre Zeit brauchen. Womit sich der Kreis zum Sparschwein schließt, denn auch dieses brauchte Zeit, um sich zu füllen.

Es ist nicht die Frage, ob ein Mensch jedes Jahr ein neues Smartphone braucht. Es ist eher die Frage, warum jedes Jahr ein neues Smartphone angeboten wird, und warum globale Konzerne, die dieses Angebot in die Welt schreien, noch nicht einmal einer regulären Steuerpflicht dort unterliegen, wo sie ihre Geschäfte machen. Gerade dieser Aspekt stinkt bereits seit vielen Jahren, und niemand räumt auf.

Wie hieß es damals in der Zeit, als Zukunft noch etwas Gutes schien: Think global, act local. Genau: ACT LOCAL, ihr Blutsauger der Menschen, die ihr eure Targets (Zielscheiben) nennt. Wir, die Menschen dieses Planeten, sind nicht für das Wohlergehen eurer CEOs und Aktionäre zuständig. Werdet wieder gewahr, daß ihr nur die Produzenten von Produkten sind, die WIR für uns nutzen.

P.S. für die AFD-Fanboys und -girlies: Wenn irgendwo auf diesem Planeten ein Mensch, der dort Ausländer ist, straffällig wird, ist – so seine Schuld nachgewiesen ist – dieser zu bestrafen. Ich weiß nicht, warum solch eine klare Realität unseres Zusammenlebens immer wieder zur Sprache gebracht werden muß. Sollte es im Bereich der Legislativen Lücken geben, sind diese durch die gesetzgebende Exekutive unserer Gewaltenteilung zu schließen. Punkt.

„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

Wenn ich diese Aussage lese. dann stimme ich ein wenig zu. Der Mensch, welcher dieses sagte, will wohl auch einfach etwas zuspitzen und vielleicht sogar Widerspruch auslösen. Was auch immer. Ich frage mich natürlich, ob Rockmusik im Jahr 2016 wirklich noch wichtig ist. War sie jemals wichtig? Ja. Auf jeden Fall. Doch die beste Musik, die ich selber über die Jahre in meinem Herzen sammelte, war Musik, die vielleicht Rock oder auch komplett anderes war, aber Musik, die berührte. Insofern kann die Rockmusik ab der Gegenwart ruhig verschwinden, in Bezug auf die erwähnten „young kids“. Und die Alten, die noch zum Instrument greifen? Okay, seien wir ehrlich. Weltbewegendes hat es in der Rockmusik tatsächlich seit Jahren nicht mehr gegeben. Und eine neue Punk-, Metal-, Indierockband braucht auch kein Mensch. Explosive Musik mit Gitarren, Bass, Schlagzeug machten zuletzt höchstens noch die Swans, die das Vokabular der Musik jedoch auch mächtig erweiterten, da sie Atmosphäre und Aura der Musik belebten und ihnen die Länge eines Musikstückes völlig egal wurde, so das die Fugen auseinanderbrachen. Und da die Swans ihre Musik hauptsächlich über die neue Schiene des Fundraising finanzierten, war die Musikindustrie nur noch als teilweiser Verteiler gefragt. Und die Industrie braucht den Rockmusiker noch, und dabei auch gerne mal jung und unverbraucht, damit auch das junge Publikum noch bedient werden kann. Es mag 14-jährige Jungs und Mädels geben, die einen Michael Gira als Idol sehen können, aber viele werden es nicht sein, welche die Geduld aufbringen, sich mit derart sperriger Musik auseinanderzusetzen. Wenn also alt, dann Acts, die auch bei sommerlichen Festivals noch die Massen bewegen können. Und das ist keine Rockmusik mehr, sondern Show. Entertainment. ZDF-Fernsehgarten für Hippies und solche, die das nie zugeben würden, denn ihre Tattoos passen nicht dazu, denn sie sind HARTE, ganz HARTE Jungs und Mädels.

„young kids should stop flogging dead horses.“

Noch ein Zitatteil, das in sofern interessant ist, da es auf einen Plattentitel der Sex Pistols verweist. Der Kenner weiss, das diese Platte erst nach dem Ende der Band veröffentlicht wurde und auch nur Unveröffentlichtes und Ausschuß zusammenraffte, womit dem Titel „flogging a dead horse“ auch schön Genüge getan wurde. Und da setze ich doch mal an: Was wäre jetzt so schrecklich an einer Band aus 19- bis 25-jährigen Menschen, die den Ball der Sex-Pistols-Nachfolgeband P(ublic) I(mage) L(imited) aufnähmen und einen Sound wie jene auf „metal box“ brächten? Oh, das wäre himmlisch! Wird es eine solche Band geben? Nein. Es könnte sie geben, denn sicherlich wird dem ein oder anderen jungen Menschen irgendwann dieser Sound auf dem Lebensweg begegnen. Und von diesen jungen Menschen wird vielleicht jeder zehnte auch so tief beeindruckt sein, das er/sie sich denkt: „Das will ich auch mal machen.“ Denn der zwischen Krautrock und Dub angesiedelte klinische Antirock-Sound mit schneidenden Gitarren, angewidertem Mundwerk ist sicherlich noch nicht totgespielt, kein verendetes Pferd vom Anger. Dennoch wissen die meisten Menschen, die es jemals mit der Musik versuchten, das der eigene Sound auch sehr stark von der direkten Umwelt geprägt wird, was auch für die Musik von PIL galt, denn diese hörten Can und Reggae am Gunter Grove. Das nur mal als Anstoß. Neue unrockende, aber laute Wege sind möglich, auch noch nach 2016.

Warum trotzdem immer noch junge Menschen es mit diesem Klangbild versuchen? Außer, das es einfacher ist, als z.B. sich im Jazz zu versuchen? Die Rockmusik ist inzwischen gesellschaflich so integriert, daß der Tod eines Rockmusikers in der Jetztzeit mehr Tränen hervorrufen kann, als der Tod eines anderen prominenten Menschen. Sollten tatsächlich irgendwann Mitglieder der Rolling Stones sterben, werden wir es wieder messen können. Ein weiterer Grund ist der wirtschaftliche Aspekt, denn würden die Kids tatsächlich diesem Stil entsagen und völlig neue musikalische Klangwelten entwickeln, würde dies die Musikindustrie vor ein unglaubliches Problem stellen, denn damit brächen sicherlich auch Kundenpotenzen weg, die vielleicht das neue RedHotChilliPeppers-Album einfach ignorierten und bei deren Auftritt während einem Sommer-OpenAir einfach das Gelände verliessen, denn: „Rock? Pfff!“ Undenkbar? Naja. Ganz undenkbar sicherlich nicht, doch um wirklich den jungen Rock zu schleifen, bräuchte es auch ein Umdenken in anderen Aspekten des täglichen Lebens.

„young kids should definitely search for the interacting with others in making music, but not by evoking old clichés.“

Da findet sich dann auch der Ansatz, daß ein wesentlicher Punkt des Bandmusizierens wichtig ist: Das Miteinander. Und es ist kein Miteinander, das von einem unbestimmten Außen gefordert wird, denn oft ist der Funke, der eine Band begründet, die gemeinsame Sympathie. Oder? Für mich als Hörer wäre eher wichtig, das sich junge Menschen dem Aspekt stellen, das ihre Musik berührt. Und wie einst der weise Robert Fripp wußte: „In der Rockmusik kann es dir passieren, das du gefickt wirst.“ Was sich vielleicht abschreckend anhören kann, ist jedoch eine einfache Einladung dazu, offen zu sein für die Schwingungen der Musik. Und wer sich dazu hingibt, macht keine Musik mehr, die sich nur wie eine Klonung bestehender Sounds anhören wird.