Tweet <3 #1

Gestern antwortete ich auf einen Tweet, und letztlich überkam mich der Gedanke, diesen kleinen Thread hier festzuhalten. Weil… einfach so, ich mochte es halt.

Danke an den wunderbaren Twitter-User Stefan Urbach (@herrurbach), der mit folgendem Tweet meinen Lauf startete (besuchen Sie bitte den Ach Je-Verlag):

Welchen Song würdet ihr heiraten wenn ihr könntet? Warum?

Folgend nun meine Lebens- und Liebesgeschichte, die ich gegenüber den Originaltweets um das ein oder andere Wort ergänzte (hier besteht keine Zeichengrenze).

Ich wäre die Witwe von Atmosphere von Joy Division, weil ich mich schon in jungen Jahren in seine traurigen Augen verliebt habe, seine zärtlichen Berührungen, seine wunderschönen Worte.

Später lernte ich Refuse from a Silver Phial (Gene Clark) kennen, der mich mit seiner schwelgerischen Art umwarb und für sich gewann. Ich ließ seinen Namen auf meinen linken Unterarm tätowieren. Wir waren glücklich, bis er gerade erst im mittleren Alter angekommen, starb. Seine wild umarmende Art hatte ihn ausgezehrt.

Nach einer weiteren Trauerphase schloß ich mich Song for Sharon (Joni Mitchell) an, mit der ich gefühlt ziellos durch die Vereinigten Staaten tingelte. Mit uns wurde es nie langweilig und der Sex war großartig, diese Schönheit von Motelnächten. Eines Morgens wachte ich allein auf, ihre letzten Worte hatte ich leider schon vergessen, doch ihre Geschichten nie.

Inzwischen doch ziemlich gealtert, wünschte ich mir eine letzte, wirklich feste Beziehung und in einer Gruppentherapie traf ich auf From The Morning (Nick Drake). Es wurde ein stürmischer Emotionswirbel zwischen uns, den wir gemeinsam beendeten, als er das Fahrzeug über die Klippe lenkte. Im Schritttempo.

Zu unserem gemeinsamen Begräbnis erklang Solveigs Lied aus Peer Gynt.

Nick Drake – eine Erinnerung

TW mental issues, depression

Am 25.11.2019 jährt sich Nick Drakes Todesnacht zum 45. Mal.

Wahrscheinlich wird es eher in den frühen Morgenstunden jenes Tages gewesen sein, nachdem er die Tabletten zu sich genommen hatte. Ja, es war weder ihm, noch seinen Eltern, bei denen er inzwischen wieder wohnte, klar, wie gefährlich das Antidepressivum war. Es war ein Amitriptylin-Präparat.

Ich möchte mit diesem Text an ihn erinnern, und auch darüber schreiben, warum er nicht vergessen werden sollte.

Vor ungefähr zwanzig Jahren, zur Jahrtausendwende, ereignete sich tatsächlich ein kleiner Nick-Drake-Boom. Die Jahre, in denen sein Name immer wieder von Kennern erwähnt wurde, die ersten CD-Re-Releases, das beginnende Internet, das in Mailinglists und ersten Foren Menschen zusammenbrachte, entzündete diese Flamme, die dann tatsächlich noch von einem – tatsächlich fast gelungenen – VW-Werbespot in die Höhe getrieben wurde.

Doch geriet die Renaissance einige Jahre später wieder zur stillen und vereinsamten Verehrung. Was jedoch auch viel eher der Idealfall ist, um sich auf Drakes Musik einzulassen (fast könnte eins geneigt sein, zu glauben, Kopfhörer seien nur für diese Musik geschaffen worden). Selbst ein lebender Nick Drake hätte sich auch weiterhin eher vor Konzerten gedrückt, das Publikum mit langem Saitenstimmen verärgert, mit Nichtkommunikation gestraft. Die Magie seiner Musik liegt in den Aufnahmen seiner Lieder und deren Menge ist leider überschaubar. Doch ist die Kraft nicht zu ermessen und sie schwindet auch nach Jahrzehnten nicht.

Nur zu einem kleinen Überblick sei gesagt, daß vier Tonträger hier zu beachten sind: Das Debütalbum „Five Leaves Left“, das 1969 veröffentlicht wurde und Nick Drakes Songwriting oft hochklassig zwischen Folkballade, Streicherarrangements und Liedkunst zeigte. Es folgte 1970 „Bryter Layter“, das die Mischung des Debüts in eine fast easy-listening-mässige Schmissigkeit bewegte, die jedoch von Drakes Texten und seiner melancholischen Stimme konterkariert wurde. Das letzte Album, das Nick Drake zu Lebzeiten veröffentlichte wurde „Pink Moon“ (1972). Ein minimalistischer Meilenstein, wäre da nicht die spürbare Belastung des Künstlers, in der Entstehung der Lieder.

1979 wurde posthum das Album „Time Of No Reply“ veröffentlicht, das unbekannte Aufnahmen zusammenfasste, darunter die letzten vier Aufnahmen aus dem Frühjahr 1974.

Das Epizentrum von Nick Drakes Musik ist „Pink Moon“. 28 Minuten und 36 Sekunden dauert dieses Album, doch ist die Länge eher in Herzschlag zu messen. Nick Drake reduzierte die Musik auf seine Gitarre, seine Stimme. Im Titelsong erklingt kurz ein Klavier. Über allem schwebt die Dunkelheit, in welcher die Aufnahmen auch gemacht wurden. Zum Ende erklingt das Lied „From The Morning“ und es bricht mir das Herz, dieses Lied hören … zu können, zu dürfen, zu müssen. Die fast schon erleichterten Akkorde, die den Text untermalen, welcher die Dämmerung begrüßt, die Schönheit des Geschehens beschreibt und in einer Art Refrain schließt, das wir das Spiel aufgreifen sollen, das uns der Morgen lehrte.

Und weiter heißt es:

and now we rise

and we are everywhere

and now we rise

from the ground

see, she flies, she is everywhere

see, she flies all around

so look see the sights

the endless summer nights

go play the game, that you learned from the morning

Und damit schließt das Album, das zuvor eine Schwere in Musik einführte, die – auch ohne die Umstände zu kennen, in denen Drake seinerzeit lebte – klar machten, das der Künstler unter Depressionen oder ähnlichen schweren Belastungen litt. Den stärksten Eindruck hierbei macht das instrumentale, 83 Sekunden dauernde „Horn“, dem ich die folgenden Worte widme:

„Nick Drake lebt. Seine Finger leben. Sie bewegen sich. Doch ist ihnen starr. Sie rutschen, von ungewollten Impulsen getrieben, eher verdrossen auf diesen dünnen Saiten nach oben, nach unten, etwas zur Seite. Sie möchten sich lieber abwenden, oder sich verkrampfen. Alternativ auch einfach erschlaffen. Ihnen ist selten danach, sich zur Faust zu ballen, sich dann auf einen Gegenstand fallen zu lassen, um diesen zu treffen, einen Eindruck zu hinterlassen. Sie möchten nur noch existieren, nicht mehr. Eher weniger.“

Der Moment, als der letzte Ton von „Horn“ erklingen soll, jener Ton, der die aufgebaute Spannung auflösen soll, der jedoch eher als Ahnung in der Akustik steht und die Stille sich knapp ausbreitet und folgend die Akkorde von „Things Behind The Sun“ erklingen, die einerseits so flott daherklingen, jedoch so schicksalschwer beladen sind in ihrer Molligkeit. In diesem Moment werden Menschen Tränen vergießen.

and the people around your head

who say everything’s been said

and the movement in your brain

sends you out into the rain

Wieso schreibe ich über diese Musik? Sie spricht so intensiv für sich selbst. Sie belebt das Unsagbare in unseren Köpfen und sie weiß, das wir allein sind. Selbst wenn Nick Drake sich mit der Dosierung des Amitriptylins anders verhalten hätte, die Musik war bereits unter uns und wartete darauf, uns die Hand zu reichen.

Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Oder eben nicht. Ende.

Fragment 28.10.2019

TW mobbing, mental issues, medical issues

Ich stehe in einem dunklen Rohbaukeller. Nur eine Glühlampe gibt einen Faden an Licht ab. Ich bin fünf Jahre alt. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort tue. Diese typisch auf Baustellen zu findende Lampe in einer einfachen Fassung, die an einem Nagel in der Wand aufgehangen ist, fällt zu Boden, das Glas bricht, ein gruselnder Schrecken durchfährt mich, ich laufe schreiend davon. Laufe ich wirklich schreiend davon? Vielleicht bleibe ich auch, wie erstarrt, stehen, nur noch der Schall meines Schreiens, der sich durch den Raum bewegt.

In manchen Momenten der Zeit nach 1976 erinnere ich mich vage an diesen Moment und dieser Todesangst, die mich damals ergriff. Ich habe nie wieder eine solch wuchtige Angst vor einem Geschehen gefühlt. Was, wenn ich damals den Tod gestorben bin, vor dem ich mich so fürchtete?

Die Zeit ist eingefroren. Kein Zeiger bewegt sich. In diesem Raum ändert sich nichts. Doch! Hin und wieder startet die Heizung. Ich erkenne es an dieser kleinen Flamme, die in diesem Inspektionsfenster zu sehen ist. Oder eher ein Licht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie oft die Heizung startete und wieder in Ruhe fiel, während ich mich in diesem Raum befand. Was tat ich in diesem Raum? Ich weiß es nicht. Hatte es damit zu tun gehabt, das ich an dem Gasherd herum gespielt hatte? Es wäre eine plausible Erklärung, für eine Strafbehandlung in einem Heizungskeller. Vielleicht hätte ich lieber tot sein sollen?

Ich weiß nicht, warum mich dieser ältere Junge im Schwitzkasten hält. Sein Unterarm preßt gegen meinen Hals, ich kann mich nicht bewegen. Er raunt mir ins Ohr. Worte, getränkt durch den widerlichen Atem, die sie tragen. Worte, die drohen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo ich Grenzen überschritten haben mag, die diesen Mensch bedroht haben mochten. Dieser Mensch, der schon einen halben Kopf größer ist, als ich. Stärker, aggressiver.

Aggressiv bohrt sich auch die Sonde durch meine Harnröhre, weiter in das Innere meines Körpers. Es ist auf dem Bildschirm zu erkennen. Wie mir später berichtet wird, hört eins mein Schreien auch jenseits der Türe dieses Untersuchungszimmers. Ich hatte wieder zu bettnässen begonnen. Eine körperliche Störung wurde gerade in eisiger Kälte ausgeschlossen. Warum? Warum? Warum mußte das unter diesen Schmerzen geschehen? Warum konnte ich nicht einfach tot sein? Und nein! Diese Gedanken sind meinem jungen Ich nicht aus dem Jahr 2019 aufgepropft. Ich fragte mich damals mehr als einmal, warum ich leben muß. Warum meine Erscheinung 1979 andere Menschen zum Mobbing anregte? Nein, hieß es, du hast hier nichts zu suchen. Dann laßt mich einfach weggehen. Nein, warum sollen wir dich weggehen lassen? Du hast schließlich hier nichts zu suchen. Warum kann ich dann nicht einfach weggehen, bitte? Nein, wir lassen dich nicht weggehen.

In dem Untersuchungszimmer mit dem Bildschirm, auf dem die Sonde gerade die Harnblase erreicht hat, erinnere ich mich selber an keine Schreie. Ich erinnere mich nur an eine durchbohrende Eiseskälte, an eine Ohnmacht, die mir die Knochen bricht, ohne mir ein sichtbares Härchen zu krümmen. Und immer wieder die Phasen der Einsamkeit in fremden Umgebungen. Die Fehlgeburt, die meine Mutter hatte, die mich mit vier Jahren auf eine Umlaufbahn bei Verwandten schoß. Fast jeden Tag bei anderen Menschen zu Gast sein. Die sogenannten Ferien bei Verwandten, die mich lehrten, das Geräusch eines Ford Fiesta I genau zu erkennen, denn dieses Fahrzeug würde mich wieder nach Hause bringen. Die immer länger werdenden Ferien, welch ein grausames Wort, bei Großeltern, als meine Schwester geboren wurde. Nein, noch zwei Tage. Ach, noch zwei weitere Tage. Die Tage wurden zu einer endlosen Aneinanderreihung, wie auch die Krankenhausaufenthalte, die in jener Zeit noch nur ein kleines Besuchszeitfenster boten. Aber vielleicht war es für die Besucher auch angenehmer, nicht zu viel Zeit mit diesem Menschen verbringen zu müssen.

Der Duft von Binden machte mich glücklich. Landkarten machten mich glücklich. Süßigkeiten machten mich glücklich. Der Versuch, mich irgendwie in die Rolle, die mich als Junge erwartete, einzufinden, machte mich unglücklich. Ich war (ohne es damals zu wissen) ein queer kid, und hätte einiges dafür gegeben, zu passen. Meine Kindheit in den 1970er (bis 1981), entgegen der heutigen Mainstream-Meinung, war weder abenteuerlich, noch frei und ungebunden. Sie war zu großen Teilen traurig und gewalterfahrend. Über mein Verhältnis zum Essen von Fleisch hatte ich schon in zwei anderen Texten geschrieben. Auch darüber, wie sich das Verhältnis von anderen, älteren Menschen zu mir änderte, wenn sie mit meiner Weigerung, Fleisch zu konsumieren, konfrontiert wurden.

Ich wurde stumm. Ich wurde ein Platzhalter. Eine Schauspielerin, die eine schweigsame, kaum anwesende männliche Rolle übernahm. Ich erfüllte große Teile meiner Pflichten. Und nahm Verletzungen hin. Warum dieser Lehrer im freiwilligen Flötenunterricht der unseligen Grundschule mich nach dem Verheilen meines Mittelarmbruchs überhaupt nicht mehr wahrnahm? Ich war der letzte „Junge“ im Kurs, war es das? War es, was er sich zusammenreimte und mit seinem Weltbild als nicht vereinbar meinte? Letztlich wurde diese Person der Grund, warum ich jahrelang aktives Musizieren aus meinem Leben strich. Und einfach schweigend aus dem Kurs herausschlich.

Es ist nicht immer die Faust oder ein anderes Gerät der Gewalt, welches uns Menschen verletzt. Ich bin ein Kind der Kinder der Nazis. Die Generation meiner Eltern war in der Nähe dieser auch heute noch unvorstellbaren Verbrechen gegen jede Menschlichkeit. Ihre Eltern gehörten entweder zu Ausführenden oder denen, die schwiegen. Die möglicherweise einfach ihr Leben weiterlebten, weil ihnen „ja auch nichts geschenkt wurde“. Die, das mögliche aus den ewig kargen Eifelböden herauszuholen versuchten. Die wählten, was der Pastor vorgab. Aber die sicherlich erfahren hatten, als das Nachbarland Luxemburg, das fast so nah lag, wie einen Steinwurf entfernt, besetzt wurde. Die zuvor erfahren haben mußten, das da ein sogenannter Westwall errichtet wurde. Welche Fragen haben sie sich gestellt? Die sicherlich mehr als einmal in den Jahren nach 1933 selbst in dieser Einöde ein Hakenkreuz gesehen haben mußten?! Und wenn ich hier anklagend klingen mag, so meine ich nicht nur meine direkten Großeltern, sondern auch jene, in deren Welt ich 1971 geboren wurde. Ich schicke diese Frage in Eure ruhelosen Gräber hinterher: „Was seid Ihr für Menschen gewesen?“

Seitdem ich mich mit dem sogenannten dritten Reich beschäftigt habe, bin ich über die Wucht dieses Zivilisationsbruches schockiert. Und ebenso erschüttert darüber, daß diese seismische Verwerfung in mein Leben hineingreift, und das aktiv durch Menschen, die ihr Menschenbild in jenen Tagen formen ließen und bewußt oder unbewußt in die Zeit nach dem 8. Mai 1945 hineintrugen.

Wir müssen darüber sprechen, Deutschland.

too confuse to Titel.

TW Depression, Panikattaken, Trauma

Da bin ich wieder. Tief eingesunken in der zähen Masse der Depression.

Ich dachte, ich wäre inzwischen einigermassen safe.

Ich bin auf dem Weg zur Transition, ich habe eine gut eingestellte HRT.

Ich habe vor kurzem einen dämonischen und traumatisierenden Aspekt meiner Kindheit, den ich selber lange verschüttet hielt, erkannt und für mich benannt.

Und doch sitze ich hier und weiß kaum weiter. Wische die Tränen aus dem Gesicht, die einfach so fließen. Ist es die zweite Pubertät, die über mich kommt? Kommt die nächste Welle an Bewußtsein, die sich aus dem Unterbewussten herauskämpft?

Ich habe Dinge gelesen und diese haben mich getriggert. Ich wurde zurückgeworfen auf eine bis heute kaum aufgearbeitete Zeit. Meine Jugend. Im Körper eines Jungen, so von Außen wahrgenommen und genormt. Im Innern war ich schon das heranwachsende Mädchen, das sich noch nicht bemerkbar machen konnte.

Das große Thema jener Tage war fehlende Wertschätzung.

Ich hatte begonnen in einer Jugendfußballmannschaft zu spielen, das ohne sehr großes Talent, das sollte ich direkt erwähnen. Aber engagiert, denn ich hatte ja kein Talent und irgendwie sollte das Unternehmen schon Sinn machen.

Ich hielt es bis zur damals noch so bezeichneten A-Jugend aus (bis 18 Jahre). Inzwischen gehörte ich meistens zur Startelf einer Mannschaft, die durchaus gute Ergebnisse erzielte, wobei ich als talentlose Arbeiterin (Eigenbezeichnung) die linke Abwehrseite dicht machte. Doch je öfter ich spielte, desto mehr wuchs ich aus der Mannschaft raus. Warum? Es sollte doch eigentlich genau andersherum sein? Wertschätzung möchte ich nicht schon wieder als DAS WORT verwenden. Das Hineinwachsen scheiterte schon daran, daß ich kaum wahrgenommen wurde (wer braucht schon linke Verteidigerinnen?).

Zwei aus dem Kader waren keine Granaten. Ich war die eine davon. Wir waren immer da, wenn wir gebraucht wurden. Immer im Training. Doch endete jede zweite Übungseinheit damit, daß die Cracks sich unterhielten, wenn all die anderen Jocks, die inzwischen keinen Bock mehr auf sportliche Mühen, zum Team gehörten: was wären „wir“ Champions!

„Wir“ war in dem Fall natürlich ein feiner Euphemismus. Denn obwohl jedem Mensch klar ist, daß Fussball ein Teamsport ist, war es hier der Realität geschuldet, das wir zwei Nieten vor Ort waren, während die tollen Könner andere Wege der Freizeitgestaltung suchten und nicht widerkehren würden. Und die endlosen Wiederholungen dieser Träumereien machten den abwertenden Charakter erst so richtig handfest.

Etliche der Spiele fanden auf feinen, sogenannten Hartplätzen statt. Ein Pokalspiel stand an, und – was mir als Verteidigerin ja selten geschah – ich wurde heftig gefoult, schlitterte über den grobkörnigen Untergrund. Das rechte Knie troff nur so vor Blut, das unter dem Dreck hervorquoll. Super. Noch nicht einmal einen Freistoß gab es. Ich humpelte ein wenig auf dem Platz umher, niemand nahm Notiz von der Situation. Also verließ ich den Platz, ging in die Kabine und wusch in einem kleinen Handwaschbecken die Wunde aus. Als ich nach fünf Minuten fertig war, humpelte ich wieder auf den Platz und spielte im Rahmen der Möglichkeiten weiter. Nach Verlängerung kam das Elfmeterschießen, das ich dann mit einem gekonnten Schuß in die Wolken beendete. Es war mir egal. Ich war ja auch egal. Mein Knie ist seither gezeichnet von diesem Tag. Nichts zu danken.

Die zwei Jahre in der A-Jugend hatten immerhin den kleinen Vorteil, daß die sogenannten Heimspiele nicht auf jenem Waldspielplatz stattfanden, der in einem der Orte lag, die zu dieser Jugendspielgemeinschaft gehörten. Fanden die Spiele dort statt, war ich dankbar, wenn ich auf der Ersatzbank sitzen durfte. Oder höchstens eine Halbzeit spielen mußte, im besten Falle dann auf der dem sogenannten Publikum entfernten Spielfeldseite.

Das Publikum waren Männer mit Bierbäuchen, Bierflaschen in der Hand, und die sportlichen Erfahrungen von mindestens fünf Jahrzehnten, vermutlich inclusive Hitlerjugend. War es ihr Selbsthass oder der Abscheu vor den Nachkommen, die sie zu einer kaum zweistelligen, aber tobenden Masse an rotem, verdorbenen Fleisch mutieren ließ? Ich weiß bis heute nicht, warum ich mir diese Veranstaltungen überhaupt antat, wenn ich bedenke, wieviel Angst und Panik ich dort schlucken mußte. Der Weg aus dem Wald heraus brachte dann immer nur eine zeitlich begrenzte Linderung von diesem beklemmenden Gefühl in meiner mikrigen Brust.

PeerGroupPressure…? Diese ganzen fünf Jahre aktive Erfahrung als Fußballerin haben mich damals nichts gelehrt. Nur der Punkt, als ich wußte, es ist wirklich an der Zeit die Schuhe wegzuschmeißen, weil die Superkönner eine 3:0-Pausenführung mit Klimbim und fehlendem Teambewußtsein zu einer gefühlten 3:3-Niederlage vergeigten, aber tausend andere Faktoren diesen Einbruch verursacht hatten. Ich fühlte mich endgültig verarscht. Und kam nicht mehr zurück. Ich gehörte auch nie annähernd in die Peergroup.

Heute habe ich endlich gelernt, daß mich gerade die fehlende Wahrnehmung nachhaltig beschädigt hat. Verständlicherweise in feiner Zusammenarbeit mit den permanenten Provinzerniedrigungen, welche die Autorin schon als Kind erleben mußte, weil sie einfach kein Fleisch essen wollte. In Wahrheit konnte sie kein Fleisch essen. Runtergeputzt und nicht beachtet… wo soll da irgendein Selbstwertgefühl wachsen, wenn schon das Kind seine Geschlechterrolle nicht wirklich findet? Wenn permanent die innere Balance im Off hängt. Wenn die Dosis das Gift macht, so brauchte die Welt bei mir nicht wirklich viel auszulegen, um mich zu töten.

Was aus heutiger Sicht fast am schlimmsten ist: Ich war über Jahrzehnte innerlich so blockiert und ohne jedes Selbstwertgefühl, daß ich diese Verletzung nicht einmal für valide hielt, sie gegenüber meiner langjährigen Therapeutin zu äußern.

Die toxische Art und Weise, wie Männlichkeit in der Provinz gelebt wurde (und vielfach auch noch wird), hatte mir früh die Beine gebrochen. Und ich verkroch mich mit 13, 14, 15 Jahren zum größten Teil der Zeit in mein Zimmer. Neben Schule und dem erwähnten Fußballverein war ich im öffentlichen Leben unsichtbar. Wenn heute in sozialen Medien von Kindheit und Jugend in den 1970/80ern geschwärmt wird, bin ich außen vor. Ich liebte die Katzen, die bei meiner Oma wohnten. Und das war es dann auch schon, was mich begeisterte. Ich klaubte mir die weite Welt aus den Buchstaben von Zeitungen und Büchern. Wenige Bücher, leider. Die örtliche Bücherei bot die Rassismushilfe „Fünf Freunde“. Nicht zu spät immerhin entdeckte ich die Verbrechenswelt von Agatha Christie, die mich vor allem mit „Die Morde des Herrn ABC“ (The ABC murders) nachhaltig beeindruckt hat, denn die Figur des mordverdächtigen Alexander Bonaparte Cust war die erste Figur von der ich las, die unter psychischen Problemen litt (zusätzlich zur Epilepsie). Custs Beschreibung brachte in meinem jungen, verunsicherten Ich eine Saite zum klingen, vor allem auch die massive Einsamkeit, die seine Person umflorte. Er war das schwarze Loch, dem ich mich so nah fühlte. Ich hatte keinen wirklichen Platz. Keinen, der nicht auch von Panikattacken heimgesucht werden konnte.

Dieser Text hat keinerlei konsistenten Fluß. Wie sollte er auch? Wenn ich an früher denke, an die dunkleren Passagen, dann ist das verbunden mit Gesichtern alter Männer und Frauen, die mich schelten, hochmütig zu sein, daß ich ihr Fleisch nicht essen will/kann. Dieses Gefühl ist auch heute noch präsent und stark, daß ich mich wegdrehen muss. Von was auch immer. Mein Magen rebelliert. Es zieht sich alles zusammen. Der Anblick von Fleisch ist mit einer Angst verbunden, deren Grund ich nicht nachvollziehen kann. Und die Qual, der ich jahrelang schutzlos ausgeliefert war, weil ich der Mensch war, der verachtend von oben herab blickte auf die armen Leute, die sich endlich wieder ihr Stück Kotelett leisten konnten, und ich lehnte einfach ab, wollte nicht kosten.

Ob irgendwann der Grund zu Tage tritt? Ich habe das starke Bedürfnis, es nicht wissen zu wollen.

Ich habe auch keine Lust, diesem Text den Fluß zu geben, der Leser*Innen helfen mag. Die Angst lebt noch immer tief in mir und so lange, habe ich genug damit zu tun, zu mir zu stehen.

Ausflug an die Autobahn

Ich nehme Euch an die Hand und führe Euch tief in die Vergangenheit. Das Jahr 1997 war tatsächlich eine ganz andere Welt, als jene, die wir heute 22 Jahre hernach zu kennen meinen.

Ich sollte mich irgendwann in jenem Sommer in Belgien auf einem Festivalgelände umhertollen. Auf dem Weg dorthin war L in meinem Auto als Begleiter unterwegs. Vermutlich hatte er in der Bubble, die mich noch so als Anhängsel akzeptierte, das kurze Streichholz gezogen. Er war aber auch ein netter Kerl, strohblonde Haare und ein Bubengesicht, mit dem er sicher auch heute noch aussieht, als käme er gerade aus der Kinderkrippe. G war mit anderen Leuten in einem der weiteren Fahrzeuge unserer Kolonne unterwegs. Auf ihn freute ich mich besonders, er war das personifizierte Hippie-Cool. Ja, lange Haare, ein großes Interesse an Philosophie, was er auch später studierte, grandiose Gitarrentechnik, und einen wunderbar abgedrehten Humor. Mit ihm hatte ich „Arizona Dream“ gesehen und mich minutenlang über einen grünen Plastikkaktus im Hintergrund totgelacht. Wir waren selbstverständlich high, ohne Ende. Nein, es war eine Lampe! In Kaktusform. Im Haus von Onkel Leo. Ich kann es nicht vergessen, aber so richtig griffig wird es nicht, die Erinnerung hat ihre Stacheln.

Im Hintergrund ist der Kaktus dann als Lampe identifizierbar. Damals war dieses Ding zuviel für mich.

Aber die Erinnerung an G ist und bleibt gut. Jahre später haben wir zusammen an einem meiner sehr individuellen musikalischen Projekt gearbeitet, bei dem die meisten Menschen mit dieser Kunstfertigkeit mir einen Vogel gezeigt hätten, wenn ich ihnen die Ideen so vorgestellt hätte, wie sie letztlich umgesetzt wurden. G verstand intuitiv, das Kunst auch eine Arbeit an der Darstellung von Emotion sein kann, und nicht eine Form von Selbstdarstellung der eigenen Virtuosität. Und so wurden manche Aufnahmen modelliert zu zerklüfteten, menschenfeindlichen, eiseskalten Sphären, welche die wenigen Hörer meist erschüttert bis angewidert zurückliessen, doch manche, wie G, liebten sie für ihre Authentizität. Für den Moment mag es wahr gewesen sein. Ein Zeugnis der Dunkelheit nach dem Rausch, könnte eins es nennen. Aber ich schweife schon ab, bevor der Weg überhaupt erwähnt wurde.

In Belgien 1997 kann ich mich nicht sehr stark an G erinnern, ich weiß er war damals noch mit B zusammen. Oder? Die beiden waren gemeinsam dort? Ach, whatever, hat nicht so lange gehalten. Menschen scheitern immer an dem Moment, wenn die Romantik des theoretisch Möglichen auf den Abwasch stößt. Und je länger dieser ignoriert wird, desto kräftiger ziehen Blitz und Donner später über die feindlich gewordenen Linien hinweg. Ich hatte immer eine enorme Angst vor diesen Momenten, Partner*innen werden sich hoffentlich an meine Lust an Hausarbeit erinnern.

Aber G war dort. Und die andere Bubble ebenfalls. Jene, die sich aus ganz Deutschland rekrutierte und immer wieder mal auf Parties irgendwo zusammentraf. Die große B und T waren darunter. Ja, und ich erreichte irgendwann mit L das Ziel. Und natürlich hatte ich größte Panik mit meinem PKW durch diese Massen an Menschen zu fahren, um auf einem der Parkplätze die verstreuten Bekannten zu finden. L half immerhin tatkräftig mit und beruhigte mich.

Warum ich überhaupt den Unfug dieses Festivalbesuchs mitmachte? Ach, da waren etliche Artists, die mich ansprachen und dann war C dort. Klar? Das ist eine lange Geschichte und sie ist vor allem überhaupt nicht gut. Sie läßt sich nach einem Besuch bei G vielleicht ertragen. So, wie dieses eine Mal, als ich dort war und – bitte liebe Kinder, macht das nie nach / und ich fühle mich auch jetzt noch schlecht deswegen – ich später noch in einen Club fuhr, auf einem Weg, den ich besser als Westentasche kenne, und mich aber permanent fragen mußte: Wo bin ich hier? Das ist doch R? Wieso bin ich nach R gefahren? Oder ist das nicht R, sondern schon BP? Dazu lief Sonic Youth in atemberaubender Lautstärke und half meiner Unsicherheit mit vorzüglicher Hochachtung. Fuhr ich in jener Nacht schneller als Schrittgeschwindigkeit? Letztlich kam ich an.

An jenem Abend hätte mir ein anderes Ich diese C-Geschichte erzählen können, und vielleicht hätte ich zugehört und mich amüsiert. Denn dieses andere Ich war so needy, so klein und gebückt in seiner Needyness. Vielleicht hätte ich ihm die Wangen getätschelt und gesagt: „Ooooh. Armes, anderes Ich. Hm? Blöde Sache.“

Ja, C hatte diese Beziehung beendet. Und das andere Ich hatte das nicht verarbeiten können. Nach außen hin sahen viele das nicht, außer die wenigen, die das andere Ich mit seinem Leid zutextete. Und die meine traurigen Lieder aushielten, die ich immer hörte. G mußte nur manchmal meine Zusammenbrüche verarzten. Er blieb da Hippie-Cool und war so comfy, daß ich mich rückwirkend verlieben könnte. Wir waren noch so jung und die Zukunft war das, was du eh nicht verhindern konntest und da zog ich doch lieber an einem Joint. John Lennon hatte uns mit seinem tollen Spruch* in einen panischen freeze befördert. Ich weiß gar nicht mehr abzuschätzen, mit welcher Masse an Komplexen ich gerade 1997 belastet war. Und vielleicht war das der Schlüssel zu der C-Story? In jenen Monaten mit ihr hatte ich mich etwas abladen können, hatte meine eigene Last nicht mehr ständig so heftig spüren müssen. C war ja nicht nur eine attraktive junge Frau, sondern auch ein Mensch, der eine gewisse Empathie besaß. Verständlicherweise in dem Rahmen, den sie dem Gegenüber zugestehen konnte oder wollte. Manche meiner unverständlichen Flausen nahm sie hin, andere nicht. Ich ging ihr letztlich in Belgien aus dem Weg. Ich kam mir vor, als sei ich der Stalkerei anheimgefallen. Klar, waren da viele andere Mutuals, aber mein Kopf hatte da so seine eigene Meinung.

Freitags angekommen, sollten wir bis Sonntag unser Leben auf einer riesigen Wiese betreiben. Ich kann es nicht. Ich kann kein Camping, keinen Wanderurlaub. Ich brauche einen Fluchtpunkt. Ich brauche einen Ort, der zum Beispiel in Mauern gefaßt, Platz schafft für eine Toilette, für einen Schrank, der Nahrung fasst. Auf einer riesigen Wiese in Belgien war kein Platz für derlei Träumerei. Also aß und trank ich fast nichts. Hatte schon einen Tag vorher damit aufgehört. Timing ist alles, oder?

Ein Mal schon hatte ich ein Festival getestet, das mehr als einen Tag einnahm. Es war dieses große Teil, das immer noch in der Eifel stattfindet, meine Frage hierzu lautete: Überlebe ich? Check. Aber es war emotional auslaugend. Eine Hülle schleppte sich zuletzt zu ihrem Fahrzeug, und versuchte aus dem Schlammbad herauszukommen. Einzig die Erkenntnis, das eine Gottesvision alleine durch enorme Lautstärke herbeizuführen ist, wie es die Young Gods (welch‘ klingender Name!) schafften, blieb nach diesem Erlebnisurlaub haften.

Der Freitag wurde zum Samstag, und an diesem Tag sollte am späten Abend David Bowie spielen. Sehr schön! Dazu noch Paul Weller und Suede, Supergrass am nächsten Tag. Ihr merkt, ich hatte einen Union Jack tief in den Ohren stecken, auslaufende Britpop-Ära, y’know. Doch Weller machte mich nicht an. Sein Cool hatte er wohl damals verloren und dieser Muckerrock stand ihm nicht, meinem Gemüt schon gar nicht. Erschrocken war ich zufällig in die Nähe der Nebenbühne gekommen, als dort ein inzwischen vergessenes Nichts namens Reef spielte, und ich entgeistert auf Uhr schaute: Ist es schon 1974?

Um Bowie nah zu sehen, ging ich kurz bevor Suede beginnen sollten vor die Hauptbühne. Suede hatte ich Monate zuvor via einer WDR-Rocknacht schon gesehen und die ersten drei Songs waren auch komplett identisch zu diesem Gig. Kurz vorher war ich G noch über den Weg gelaufen, der mich mitrauchen ließ. Nice. Und so leicht jetzt, wo dort der so schmale, wie attraktive Brett Anderson auf der Bühne turnte. Neil Codling, der Keyboarder, saß mißmutig an seinem Instrument und schmiss regelmässig seinen Mikroständer um. Der Roadie kam gelaufen. Der Ständer fiel erneut. Der Roadie kam gelaufen. Und das ganze noch einmal. Codling zog immer noch eine Fresse. Es war erschütternd anzusehen. Ich war jedoch inzwischen zu weit abgeschlossen, um mich zu echauffieren und blickte nur versteinert zur Bühne und lies die Augen langsam zu Brett Anderson weiterwandern. Waren weitere Songs an uns vorübergezogen? Ich vermute, ja.

Ja, es ist Brett Anderson.

Es begann nun ein eher leises Intro. Mein Blutdruck stieg plötzlich an! Das war „Picnic By The Motorway“! Das hatten sie in Düsseldorf nicht gespielt! Was passierte plötzlich mit mir? Brett und Neil waren mir plötzlich egal, außer, das sie diese Töne, diese Musik erzeugten, die mich mit einer Macht ergriff. Brett ist über alles mögliche traurig, die Gitarre quengelt quecksilbrig darunter, die schon die ersten Töne so herrlich zerfetzt klingend gegeben hatte. Einzig der Bass hat noch etwas Bodenhaftung, in diesem Sofa-Szenario, das ebenso dicht war, wie diese Hörerin im Publikum. Und dann dieser Wumms in den Refrain, als der Tag dann schön wurde. Es schüttelte mich, nahm mich nun die kräftige Gitarre an der Hand und riss mich in den Himmel. Wir liefen über die Bridge, die einfach nur das schönste war, das in diesem Moment möglich war. Selbst der üble Codling half bei diesem Traumszenario jetzt kräftig mit und ich fühlte mich, wie von Brett geküsst.

Es kamen die Tränen. Es kämen Sturzbäche an Tränen, als hätten sich die Schleusen über mir geöffnet. Die Tränen sie liefen nur so, als sei es das natürlichste auf dieser Welt, auf einem Feld in Belgien zu stehen und Tränen laufen zu lassen. Dicht auf einem Feld in Belgien, heulend. Nicht geküsst von Brett, aber reingewaschen von ihm und seinen Freunden für einen Moment, für diesen einen Moment. Tränen hatten so viel Trauer aufgelöst und aus mir ausgeschwemmt. Während diesem Picknick an der Autobahn rissen die Wolken auf, und es war letztlich alles voller Sonnenstrahlen.

Der Song war zu Ende. Ich wandte mich von der Bühne ab, lief der großen B noch über den Weg, die mich „Dreieckauge“ nannte, suchte mein Auto und fuhr davon. Bowie? Wer brauchte ihn noch.

für jene, die sich fragten, welches Feld in Belgien denn gemeint sein kann.

Wer den besagten Song auch noch hören möchte, der folge dem LINK

Lennons *: „life is what happens to you, while you’re busy making other plans“

Eine Polemik gegen den Mittelstand

TW mental issues, eating disorder

Ich möchte heute aus den Trümmern des untergegangenen Reichs der sogenannten bürgerlichen Mitte, des Mittelstands berichten.

Ich habe dort viel Zeit als Gast gelebt. Den Niedergang habe ich am Rande stehend, mit einem Lächeln quittiert.

Blicken wir zurück. Wie lebte es sich dort, unter den Bürgern? Eng war es. In den kleinen Häusern, die nach den großbürgerlichen Villen ausgerichtet waren. In den Herzen, die tugendhaft zum Verzicht hin blickten.

Wer waren jene, die diese „Mitte“ bevölkerten? Es waren jene Familien, welche durch den harten Kampf um Menschenrechte, Arbeitsrechte, um Wahlrechte, durch die politisch linken Gruppierungen seit dem Beginn der Industriellen Revolution zu einem Maß an Wohlstand gekommen waren, der nach sich zog, daß das Brot des folgenden Tages meist gesichert war. Es waren keine reichen Menschen. Doch sie konnten sich in einer relativen Sicherheit einrichten.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Wenn die Ernährung für Deine Familie und Dich am nächsten Tag keine erneute Schlacht bedeutet, die Dich auf Dauer auslaugt und -zehrt, bis sie Dich eines Tages umwirft und nur ein weiteres Opfer der Umstände zu beklagen ist? Es ist gut, daß diese Situation für viele Menschen beendet wurde. Doch zurück zur Frage: Was macht es aus den Menschen? Dankbare Wähler der Parteien, die für ihre verbesserte Situation sorgten? Naja. Wenn eins auf die Ergebnisse der Reichtagswahlen ab 1871 (bzw. 1867 im Norddeutschen Bund) schauen, sehen wir, daß die Sozialisten erst ab 1890 eine signifikante Kraft werden, wobei in jener Zeit natürlich das Wahlrecht noch an Geschlecht und Einkommensverhältnisse („Steuerleistung“) angeschlossen war. Und es waren die Sozialisten, die gegen viele Widerstände bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gravierende Verbesserungen für die Arbeiterklasse erreichen konnten. Jene Klasse, die sich dann trotzdem in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 sich in den langen Schlangen der arbeitslos gewordenen Massen einreihten. Doch daran konnte letztlich auch die inzwischen zur SPD gewordene Partei nicht wirklich viel ändern, zumal ihr Wahlerfolg auch weit hinter die Erfolgszahlen prä-WW1 gefallen waren. Und die SPD war inzwischen auch zahmer, reformorientierter geworden (seit 1925), die härteren, unbeugsameren Kämpfer hatten sich in der KPD gefunden.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Ich greife diese Frage erneut auf. 1933 war ein Teil der Antwort: Nazis. Willige Helfer der nationalsozialistischen Diktatur. Willige Helfer in der kommenden Vernichtungsindustrie.

Es geht hier natürlich nicht nur um jene „Aufsteiger“ aus der Arbeiterklasse. Es geht auch um jene Menschen, die schon im Kaiserreich eine gesicherte, mittlere Existenz lebten. Es geht um jene, die vor dem Adel buckelten. Die nach dem November 1918 den deutschnationalen Traum von der Wiederkehr des Kaiserreichs träumten und sich dafür auch mal für ein Freikorps anwerben ließ. Wie viele dieser Existenzen waren 1945 wohl entweder aufgrund des 2. Weltkrieges tot, kriegsgefangen oder standen vor den Ruinen ihres ehemaligen Besitzes? Und wie gerecht das ist! Steigbügelhalter des Faschismus haben nichts anderes, als den persönlichen Untergang verdient. Befehlsnotstand, my ass!

Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg hat auch die Wiederkehr jener „bürgerlichen Mitte“, des Mittelstands gebracht. Genügend Menschen, die nicht reich waren, aber sich nicht um das Brot von Morgen zu kümmern brauchten.

Spüren Sie meinen Unmut gegenüber diesen Menschen? Warum sollte ich jener Klasse negativ gegenüberstehen, deren langjähriger Gast ich war? Ja, ich stamme aus dem Arbeitermillieu. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es schlechter, als meiner Familie ging. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es besser ging. Was ich in den ersten Jahren meines Lebens nicht kennenlernte, waren z. B. People of Color. Es gab in diesem Teil der deutschen Provinz einfach keine. Dafür hatten wir als Kinder aber gewaltige Angst vorm „schwarzen Mann“ in Fangspielen zu Zeiten der Grundschule, die mehr als alles andere ein grausames Gefängnis war, mit Strukturen, die Andersartigkeiten aller körperlichen Arten sanktionierte und die lautesten, aggressivsten Zöglinge nach vorne spülte. Dort wurden Männer gemacht. Dort wurden Plätze in den Hierarchien erkämpft. Noch heute würde ich diesen Ort am liebsten niederbrennen. Diesen Ort, an dem niemand anderes sich bewegte, als die deutsche, weisse, sexuell zu normierende Mittelklasse, ob nun aus Bürgertum (wenige) oder Arbeiterklasse (die Mehrheit) stammend. Bewacht von Lehrpersonen, die sich auch auf Hierarchien und Handgreiflichkeiten verliessen. Allen gemein war inzwischen, das sie die Mittelstand darstellten. Selbst ich, der Gast.

Der oben erwähnte, eigentlich beendete Überlebenskampf wurde hier nachgespielt in Szenarien, die sich tagtäglich wiederholten und den Willen zum Überleben unter den Unterlegenen nicht förderten. Ich sah einen Knaben, vielleicht neun oder zehn, der von einer Horde kreischender, schreiender Soldaten to come, aufs Blut gereizt wurde, der in einer Jagd über eine Kette springen wollte, ein Fuß verfing sich, der Junge prallte mit dem Gesicht auf den Asphalt. Blut, Blut und Zähne auf dem Boden, Blut überall. Was war der Grund, warum dieser Mensch zur Zielscheibe wurde? Er litt unter Albinismus. Und er war ein Fehler im Muster dieser „Mitte“-Menschen, die schon in Besitzansprüchen dachten und handelten.

Ja, ich will diesen Ort der Gewalt niederbrennen sehen. Als ein nachhaltiges Zeichen gegen die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland.

Eins mag über Film „Fight Club“ denken, was eins will. Aber dort taucht folgendes Zitat auf:

„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen“

Es mag der einzige vernünftige Satz in jenem Film sein, aber er sagt sehr viel über den Mittelstand aus. Die Verwobenheit der Menschen untereinander im Bezug auf ihren Besitz wird hier genau seziert und sie ist toxisch.

Wie oft hörte ich Gespräche in jedwedem Rahmen, in denen über andere Menschen gesprochen wurde. Vielleicht 5% dieser Gespräche hatten einen empathischen Grund, ein „jenem Menschen müßte geholfen werden“. In den anderen Fällen handelte es sich um Neuigkeiten im Leben anderer Menschen, Fehltritte, neuerworbener Besitz. Okay, das kann einfach Gossip sein. Aber lasset die Themen nicht auf Nischen der Gesellschaft kommen, auf sexuelle Graubereiche, wie sie LGBTQIA für den Mittelstand darstellt! Der Mittelstand greift doch gerne zum Sagrotan, um sich rein zu halten. Selbst über Homosexualität wird noch zu oft im Flüsterton gesprochen. Aber Transsexualität wird gar nicht gesprochen, weil nichts gewußt wird. Es erscheint, als träfen sich diese Leute auch gerne an Orten, die den Kampfkellern im „Fight Club“ ähnlich sind. Aber, „was wissen wir schon, über diese Leute“, denkt sich der Mittelstand und versemmelt noch ein paar Tausender an Aktienmärkten, von denen er nichts versteht.

Und dieser mittelständische Hang zum Fleischverzehr. Ich entschuldige mich nicht mehr für meine militant gewordene Haltung gegen diese Ernährungsform. Ich kämpfe seit meiner Kindheit dafür kein Fleisch essen zu müssen. Diese verfaserte Etwas, diese Fettstreifen, die sich dadurch ziehen. Dieser Hang dazu, das Fleisch müsse noch blutig sein. Wie widerlich kann eins sein, solches zu essen? Und kommt mir keiner mit – was weiß ich – Proteinen, Fetten, etc., die mir fehlen sollen. Es reicht mir, wenn ich diesen Ekel nicht mehr erleben muß, den ich Jahre über mich ergehen lassen mußte, wenn ich dem Mittelstand beim Verzehr von Lebenwesen zusehen mußte.

Gast dieser Klasse gewesen zu sein, läßt mich Freude über ihr Ende empfinden. Darüber, daß vor allem Ängst, zumeist irrationale Ängste wie Salpetersäure durch die tragenden Wände des Mittelstandes gefressen haben, um diese letztlich zum Einsturz zu bringen. Die Ängste über Menschen, wie mich, die wie Viren in diesem Organismus agierten. Über Menschen, die fremde Bräuche, Religionen, einfach nicht ablegen wollten, und sich der als Integration getarnten Assimilierung widersetzten.

Der Mittelstand hat nie verstanden, daß Menschen Individuen sind. Deswegen hat sich der Mittelstand in den Weltkriegen mit Macht in die Schlachten gestürzt, denn der einzelne zählt nicht mehr. Hat der Mittelstand mit Macht die Nazi-Vernichtungsmaschinerie geölt und am Laufen gehalten, denn die netten, anständigen Leute mußten unterstützt werden gegen das Fremde, gegen das Unvölkische. Würde der Mittelstand auch jede neue nationalistische Diktatur mit Macht unterstützen, aus den gleichen Gründen.

Mittelstand, du hast einfach nicht verstanden, daß deine Feinde nicht jene sind, die du verfolgen würdest, wenn es wieder Zeit dazu würde. Zünde lieber jene Banken an, die dein Vermögen vernichteten.

Ein Comeback

Das ist Isa. Autorin und Figur im folgenden Text.

Vor ungefähr vier Monaten schrieb ich einen Text, der hier unter dem Titel „Unter Normalnull“ erschien. Mir ging es zur Zeit der Niederschrift sehr schlecht. Das strömte aus nahezu jedem Wort jenes Textes hervor. Ich hatte meine Hormontherapie begonnen. Und schwankte zwischen den Möglichkeiten, diese zu beenden oder wahlweise mein Leben.

Beides ist nicht geschehen. Das ist gut. Mir geht es heute gut. Mir geht es sogar viel besser.

Ich habe gelernt, das es körperliche Dysphorie gibt. Ich habe so tief darin festgesteckt, das ich es nie zu der Zeit so hätte beschreiben können, das ich mich darin eingerichtet hatte, auch weil ich lange nicht wußte, das es einen Ausweg gibt.

Die Zeit der Dysphorie endet. Schritt für Schritt. In diesen Maßeinheiten erlange ich meinen Körper zurück. Mit – sorry – fucking 48 Jahren. Es ist quasi eine schwangerschaftsähnliche Entwicklung, die ich jetzt durchlaufe.

Der Schwangerschaftsvergleich ist natürlich nur ein vages Bild, denn im Gegensatz zu jenem Zeitraum eines Menschen im Bauch der Mutter, bin ich autark und handele selbsttätig, in gewissem Rahmen. Denn da sind die Hormone. Die waren schon immer da. In einem – für meine Person – ungünstigen Verhältnis zu einander. Und wie heftig die Änderung einen Donnerschlag in mein Leben trieb, kann in dem oben erwähnten Text nachgesehen werden. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, daß mit einer Anpassung der Dosierung des Testosteron-Blockers eine erfreulich schöne Balance in meinem Inneren geschaffen wurde.

Dazu zwei Beispiele aus meinem Leben (womit ich mich als direkte Stimme erst einmal zurückziehe):

1991, der Deadname H., männlich gelesen, war 20 Jahre alt, stand er eines Nachts vor einem Spiegel. Er blickte die Person an. Lange. Dann schlug er zu. Er wollte das Bild dieses Menschen zerstören.

2019 steht auch die Isa vor dem Spiegel, beendet irgendwann das Selfcare-Paket aus Zahn- und Haarpflege, Make-Up um den unangenehmen Bartschatten in die verdiente Unscheinbarkeit zu verbannen. Sie ballt die Faust, blickt fest in die Augen des Gegenüber und sagt: „Yes!“

Der Mensch ist der gleiche. Und hätte H. 1991 gewußt, das es nicht seine Existenz als solche ist, die er zerbrechen wollte, er aber damals nie den Mut dazu fand, sondern ein Aspekt seiner Person, seines Körpers, seiner Mentalität, den er ändern müsse, so wären Berge an negativen Gefühlen von den Schultern dieses Individuums gefallen. Er hätte sich schon lange vor unserer Gegenwart befreien können. Ihm fehlte jedoch das Wissen, denn das Thema Transgender brauchte noch sehr lange, bis es im Leben des H. endlich ankommen durfte. Bis es seine eminente Wichtigkeit für H. zeigen durfte.

H. ist nicht mehr. Niemand bedauert das. Denn Isa ist die Gegenwart. Ich bin die Gegenwart. Mein Name ist Isabelle. Ich bin nun mein Körper. Endlich bin ich angekommen und habe Besitz ergriffen. Und das mit Macht.

Mit Macht häute ich mich und werde von Tag zu Tag mehr Isa.

Das bringt es mit sich, daß ich auch die alten Knochen des H. mir ansehe und darüber nachdenke, was mir diese Person bedeutet. Jetzt, in dem Moment, in dem ich ein verändertes, positiveres, kraftvolleres Leben beginne. Das sich auf dem Fundament der alten Knochen aufbaut. Insofern wird H. nie vergessen sein. Seine guten, seine schlechten Seiten strahlen schon noch vage in die Gegenwart, denn teilweise sind sie übernommen. Doch seine selbstzerstörerische Seite ist geschlossen worden. Isa nimmt den Körper, wie er ist, wie er sein wird, an und wird ihn nun eher hegen und pflegen, als an seinem Ende zu basteln, wie es H. von Zeit zu Zeit tat.

Auch hat Isa es geschafft, sich in der Welt, in der Gesellschaft besser einzurichten. Das Schweigen von H. hat sie beendet. Er hielt sich oft, zu oft, für zu unwesentlich, um eine Meinung zu äußern. Um seinen Platz in der Welt einzunehmen. Er war anwesend und doch nur ein Schatten.

Als Isa im August 2019 auf einer Bühne stand und unter anderem auch die Lieder, deren Texte H. einst geschrieben hatte, sang, da fühlte sie sich erstmal wirklich glücklich und richtig an dem Ort, an dem sie war. Es fiel ihr natürlich leichter, die Lieder auch zu verkörpern, für die sie selbst schon verantwortlich war. Doch war es ihr auch wichtig, das Werk H.s zu würdigen, ihm einen Platz zu schaffen. Einige Anpassungen hatte sie vorgenommen. Teilweise aus Unwissenheit geschriebene -Ismen getilgt.

Doch am wichtigsten war es Isa, das sie sich auf dieser Bühne bewegte, wie nur sie sich bewegen würde. Das im Publikum auch ihre Kraft und ihre Sicherheit spürbar würden.

Wenn der begnadete Will Toledo für seine Band Car Seat Headrest singt: „give me Frank Ocean’s Voice, James Brown’s stage presence“, dann weiß Isa, das sie das nicht nötig hat. Sie hat ihre eigene Stimme gefunden. Sie füllt ihren eigenen Raum auf jeder kommenden Bühne aus.

Sie ist zu Hause angekommen. Sie geht nie mehr weg.

Bigmouth shuts it up!

Das ist ein persönlicher Text. Eine Abrechnung mit einem Menschen, den ich einstmals angehimmelt habe. Jetzt aber ist es aus. Und das ging so (take your time, it’s a long way):

Im Sommer 1992 war ich auf einem kleinen Flohmarkt unterwegs. Einer der Stände hatte ein paar LPs auf dem Boden liegen. Darunter eine jugoslawische Pressung der Smiths-LP „The Queen Is Dead“. Das Cover von Feuchtigkeit schon halb zerschlissen, die Platte mit übermässigen Hairlines gesegnet, aber nur 3 Mark. Gekauft.

Und verkauft war meine Seele, denn die verlor ich darauf an eine Band, die schon vier Jahre nicht mehr existierte und von der damals schon klar war, daß sie nie wiederkehren würde. Zu sehr hatten sich die Mitglieder untereinander zerstritten. Also hielt ich mich an das einzige Mitglied, das zu dem Zeitpunkt valide, neue Musik machte: Morrissey, den Sänger, Texter, Planer der Optik.

Doch noch einen Blick zurück auf den Flohmarkt-Kauf. „The Queen Is Dead“ ist vielleicht die bemerkenswerteste LP, die in den 1980er veröffentlicht wurde (und wer sucht, findet in der Musik jenes Jahrzehnts viele rasend gute Platten), doch sie war auch ein erstes Warnsignal.

Auf der Habenseite stand die Musik einer Band, die inzwischen zu einer schlagkräftigen Einheit gewachsen war, was sich alleine in den ersten Momenten, in denen eins die LP laufen ließ zeigte, nämlich wenn der Titelsong wirklich startete (zunächst läuft eine – äh – alte Aufnahme von „Take Me Back To Dear Old Blighty“, whatever. Irgendwann bemerkt eins dieses Teil nicht mehr), und mit Macht jeden Raum füllt. Morrissey entert Windsor Castle und macht keine Gefangenen. Das ist bemerkenswertes Songwriting, das durch das militärisch präzise Schlagzeug von Mike Joyce getragen wird. Dazu die Gitarrenkaskaden von Johnny Marr, die alle möglichen Frequenzen mit Emotionen füllt. Doch darüber thront Morrissey, der uns einen Holden Caulfield für die Neuzeit gibt: „Her very Lowness with her head in a sling, I’m truly sorry, but it sounds like a wonderful thing“. Da waren ja die Sex Pistols in „God Save The Queen“ noch zivil, welche die Königin nur mit einer Atombombe verglichen. Und Morrissey wird nicht netter: Crossdressing, Kastraktion und der ungenannte Königinnenmord, der zwischen den Zeilen wabert, werden verhandelt. Und die letzte Zeile lautet: „Life is very long, when you’re lonely“.

Und das war das Zeichen, das The Smiths eben eine Band waren, die sich einer engen Kategorisierung entzogen. War ihre Musik besonders von Gitarrenbands der 1960er beeinflußt, dazu verfeinert durch Glam und Postpunk-Sounds (hier besonders der Paisley-Underground aus San Francisco), so verausgabte sich Morrissey in seinen Worten darin, Provokation, Introspektion und Qualität in einer Waage zu halten. Meistens gelang es.

Neben „The Queen Is Dead“ sind die seltsame Erotik von „Some Girls Are Bigger Than Others“, die Jammerode des Provokateurs in „Bigmouth Strikes Again“ zu nennen. Und dann ist da noch „There’s A Light That Never Goes Out“ zu nennen. Damit gelang der Band ein zeitloser Klassiker. Ein Liebeslied, wie es nie jemand anderes geschrieben hat: Die Fantasie des gemeinsamen Todes als Motor der Romantik. Diese massive Einsamkeit, die Dich in jedem Moment anspringt, der nasse Asphalt. Die Lichter der Nacht. Die letzten Bittbriefe an die Existenz. Wenn Morrissey in diesem Lied das Wort „Privilege“ erwähnt, dann ist das nur der Hauch eines Wunsches. Fuck, was für ein Treffer.

Und die Fehlwürfe. Nun, „Vicar In A Tutu“ balanciert mehr schlecht als recht zwischen dem Versuch der Kritik an fehlender Toleranz in kirchlichen Strukturen und reimgeschädigter Comedy über Crossdressing (schon wieder!?). Der musikalische Rückgriff auf Rockabilly hilft hier nicht.

Doch der wahre Fehler ist die Person auf dem Cover. Morrissey, der für die bildliche Gestaltung aller Smiths-Veröffentlichungen zuständig war, wählte hier ein Foto des französischen Schauspielers Alain Delon aus dem Film „Die Hölle von Algier“ aus. Das Cover genießt inzwischen einen ähnlich ikonischen Status, wie die LP als solches. Das ist falsch. Alain Delon ist ein Misogynist. Er konnte seine mafiösen Machenschaften nie wirklich aus der Welt schaffen. Brach mit seiner Mutter, weil sie seinen unehelichen Sohn in Pflege nahmen, von dem er nichts wissen wollte. Er hegt Sympathien für rechtsextreme Politiker. Er äußert sich feindlich zu Homosexualität. Was er über Transgender zu sagen hat, will ich da gar nicht wissen.

Pfui, Alain Delon auf dem Cover. Riesenpfui!

Neben diesem massiven Fehlgriff, muß der Band jedoch zugestanden werden, daß viele ihrer Arbeiten richtige und wichtige Anstöße lieferten. Zu „Meat Is Murder“ darf jeder eine individuelle Meinung haben, doch brachten gerade in Großbritannien die Smiths genau das Thema vegetarischer Ernährung so richtig auf den Tisch. Morrissey lieferte textlich mit einigen Songs, wie „Stretch Out And Wait“, „Ask“ oder „Sheila Take A Bow“ wesentliche neue Ausblicke auf typische Popthemen, wie Liebe und Sexualität. Auch Einsamkeit, Depression, Verzweiflung (Höhepunkt mag „Asleep“ sein) wurden thematisiert und halfen der Band eine Reputation aufzubauen, die kaum je mehr schwinden mag. Selbst zeitgenössische „Skandale“, wie der Vorwurf, das Stück „Suffer Little Children“ würde das Andenken der Opfer der sogenannten Moor Mörder, Ian Brady und Myra Hindley, besudeln, konnte von der Band abgewehrt werden. Was auch jede/r HörerIn bestätigen kann, so nicht voreingenommen. Es lag darüber hinaus auch nicht im Sinne von S.P. Morrissey, es jemandem leicht zu machen.

Diesen Weg verfolgte er auch nach dem Ende der Band.

Und auch wenn ihm in den weitestgehend guten Jahren bis 2004 etliche wertige, aufbauende Stücke gelangen, so fand er auch Fettnäpfchen. Oder in diesem Fall ein Fass. Die Rede ist von einem eigentlich leicht vernachlässigbaren LP-Stück mit dem Titel „Bengali In Platforms“. Ich gebe zu, dieses Stück aus dem Album „Viva Hate“ wirklich vernachlässigt zu haben, denn es ist musikalisch langweilig und ich habe die Message, die uns Steven Patrick mitgeben will, auch zunächst gar nicht realisiert. Um dies zu ändern, hat mir vieles geholfen, was ich in den vergangenen Jahren gerade über Plattformen, wie Twitter, lernen konnte. Und wie viel Unheil in diesem eigentlich lächerlich hingesauten Stück steckt, kann eins gerne unter dem Link https://genius.com/Morrissey-bengali-in-platforms-lyrics nachlesen. Dort findet eins den Kommentar des britischen Musikjournalisten David Stubbs, der zu jener Zeit der Veröffentlichung (1988) durch Heirat familiäre Kontakte zu Sikhs pflegte. Der Bruder seiner Ehefrau war glühender Smiths-Verehrer und hatte gar einen speziellen Tanzstil für Sikh-Hochzeitsfeiern entwickelt, der dem Stil Morrisseys nachempfunden war. Er sah den Sänger als wichtiges Sprachrohr für sich als gesellschaftlichen Aussenseiter. Und nun mußte er dieses „Lied“ als einen Hieb ins Gesicht ertragen. Nicht direkt feindselig gegenüber dem Fremden, dem „Bengali“, sondern einfach massiv herablassend. Was letztlich nicht weniger abwertend ist.

Hier eindeutig auf der falschen Seite gelandet, wurde Morrissey 1992 auch für sein Stück „National Front Disco“ sehr hart kritisiert. Doch muß ich ihn hier in Schutz nehmen, denn nun bewies der Mann, das er dem planen Schwarz-Weiß-Denken mit wenigen gut gesetzten Worten etwas wertiges entgegen setzen konnte. Im Narrativ begegnen wir dem jungen David, der sich rechtsextremem Gedankengut anschließt und der im Titel angesprochenen National Front Party anbändelt. Wir hören, daß sein Umfeld diesem Wandel sehr skeptisch gegenübersteht. Immer wieder heißt es „We’ve lost our boy“. Morrissey bleibt seinem Protagonisten gegenüber eher distanziert, läßt ihn vom Wandel, vom Umsturz träumen. Das die Titelpartei seit ihrem Hoch in den späten 1970er Jahren inzwischen eher eine politische Randerscheinung war, störte Morrissey nicht, als er ihr an dieser Stelle zu Ehren verhalf und störte auch die Kritiker nicht, die den Sänger genau ob diesem Punkt geißelten. Auch die Verwendung des Satzes „England für die Engen“ (England for the English) wurde ihm vorgeworfen. Was die Kritiker übersahen, war der Punkt, daß Morrissey beide Seiten dieses – im Falle des Songs – eher familiären Konflikts gleichmäßig porträtiert und die biedere, ausländerfeindliche National Front Party zur Disco degradierte. Ihnen entging, daß Morrissey hier die BNP (British National Party) mit ihrem Hass auf POC (People Of Color) in eine Veranstaltung mit hauptsächlicher Black Music umwandelte. Ja, okay, er machte es nicht immer leicht, aber diesen Punkt so einfach zu übersehen, war für die fixe Musikpresse des UK doch eher demütigend. Zu diesem Zeitpunkt hatte Morrissey auch eine andere Körperlichkeit entdeckt und umgab sich auch mit einer neuen, festen Band, die einen leichten Hauch von Fußballhooligans mitbrachten. Wer wollte, konnte immerhin dabei lernen, was hinter dem Begriff „Suedehead“ (auch der Titel seiner ersten Single) steckte. Es blieb dabei: Kontroverse, da machte ihm auch Jahre nach „Meat Is Murder“ keiner was vor.

Und das ist auch heute noch so. Doch ist der Unterschied gewaltig.

Die musikalischen Leistungen des Mannes sind inzwischen durchgängig auf dem Niveau seines ersten, großen Songfehltrittes, dem erwähnten „Bengali In Platform“: utter forgettable. Seinen letzten musikalischen Höhepunkt markierte das Album „You Are The Quarry“, das 2004 dem Fan (ich zählte mich damals dazu) die Tränen ob des Vintage-Sounds in die Augen trieb. Vintage bedeutete zwar, daß die Ideen nicht neu waren, doch war Energie und ein gewisses Maß an Wortwitz vorhanden. Mit einem US-feindlichen „America Is Not The World“ konnten viele Menschen in den Walker-Bush-Jahren auch etwas anfangen. Und das Morrissey die königliche Familie nicht leiden konnte, machte aus „Irish Blood, English Heart“ einen energetischen Widergänger, aber eben ein Widergänger. Und das Oliver Cromwell ein Widerling war, unterschreibe ich auch gerne.

Und während die musikalische Entwicklung eine Seite ist, ist die Geschmacklosigkeit, welche der Mensch in Interviews seit einigen Jahren von der Stange läßt, etwas eindeutig anderes. Etwas, das mir das Wort Niederträchtigkeit in den Sinn kommen läßt.

Das Morrissey auch heute noch jedwede Art an Fleischkonsum geißelt, ist aus seiner Geschichte verständlich. Das dabei auch die Schlachpraktiken nicht-christlicher Religionen von ihm heftig kritisiert werden, genau wie auch das Essen bei Kentucky Fried Chicken, ist quasi im Preis seiner Tiraden inbegriffen.

Diese Punkte sind beinhaltet in einem Interview, das auf http://www.morrisseycentral.com/messagesfrommorrissey/there-is-a-light-that-must-be-switched-on zu finden ist. Hier ist die Essenz eines AFD-haft gewordenen Denken abgebildet, das erschreckend ist, wenn eins bedenkt, welch großen Horizont dieser Mann einst bespielte. Oder hat er es früher eher versteckt? In einem gewissen Sinne ist hier der frühere Außenseiter, der von dort aus kraftvolle Botschaften für die anderen Außenseiter der Welt sendete, ein Heckenschütze geworden, der nur noch Feindbilder im Auge hat und diese auszulöschen sucht. Sein im Juli 2011 auf der Bühne geäußerter Vergleich des Breivik-Attentates mit den erwähnten Zubereitungspraktiken bei KFC oder dem goldenen M ist unerträglich. Provokation soll Denkprozesse anregen und dies hatte er längere Zeit erreicht. Diese Formen der sogenannten Meinungsäußerungen sind einfach nur noch Geschmacklosigkeiten, die ihm eine mediale Bühne besorgen sollen. Im oben verlinkten Interview wird auch oft das Wort „accused“ (beschuldigen) gegenüber dem gebeutelten Sänger verwendet. Jeder beschuldigt den Mann, der doch immer nur klare, unschuldige und wahre Worte findet.

Morrissey, I know it’s over. Arschloch.

Die Welt der Underground-Sampler in den 1980er – Teil 1

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

Im Zeitalter des Postpunk zwischen 1976/1977 und 1985 erreichte die Arbeit an musikalischen Zusammenstellungen (sprich: Sampler/Compilations, oft auf Cassetten veröffentlicht) einen ästhetischen Höhepunkt. In den Folgejahren gab es noch einige Labels (sprich: Plattenfirmen), die das Niveau weiterhin hochhielten, doch leider verlief sich diese Kunst spätestens mit dem Zugriff von Printmagazinen auf beigelegten CD’s, die endgültig nur noch Marketing bedeuteten.

Selbstverständlich sind auch die hier vorgestellten Sampler genau das, doch eben nicht nur. Sie sind einerseits Vorstellung von Künstlern, die in den meisten Fällen unbekannt sind, andererseits haben sie einen Mehrwert, der jenseits des Monetären zu finden ist.

Ich versuche die Sampler in einer größtenteils chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens vorzustellen, doch wird es Querverbindungen geben, die den zeitlichen Ablauf sprengen.

Subterranean Modern (Ralph Records/1979)

Diese Zusammenstellung erscheint auf dem Label der Residents und vereinigt, neben den selbstverständlich mit vier Stücken vertretenen Hausherren, noch weitere drei Acts, die um 1978/1979 in San Francisco lebten. Das Artwork stammte von Gary Panter, der seinerzeit auch gerne von Frank Zappa angeheuert wurde (z.B. Studio Tan).

Musikalisch wurde mir hier klar, daß ich mich nicht weiter mit The Residents beschäftigen werde (außer jemensch bietet wirklich überzeugende Argumente). Alleine ihre Version des von jedem Act hier interpretierten Tony-Bennett-Klassiker „I Left My Heart In San Francisco“ ist gut, der Rest überzogen erfunden.

Tuxedomoon interpretieren „I Left My Heart…“ als kurzes Hörspiel eines Long-Distance-Telefonat mit Harmonika im Hintergrund. Eine derart tiefgreifende, aber trocken und amerikanische Melancholie haben Tuxedomoon nie wieder in ihrer langen Laufbahn erreicht. Das zweite großartige Stück der späteren Bürger aus Brüssel ist „Waterfront Seat“, das auch den gerne mal hypnotischen Minimalsound der späteren Werke vorweggreift. Peter Principle fällt mit seinem Trademark-Bass auf.

Chrome, die im Kern aus Helios Creed und Damon Edge (zwei definitive Ausserirdische) bestehen, verwöhnen teilweise mit ihrem Velvet-Underground-als-Außerirdische-Sound, was nur leider an dem allzu irdischen Schlagzeugsound krankt. Wenn das egal ist, hat eins enorme Freude an den beiden Originalen „Anti-Fade“ und „Meet You In The Subway“. Ihr „I Left My Heart…“ ist Residents-mäßig zu erfunden und auch nur 28 Sekunden kurz.

MX-80 klingen hingegen bei „I Left My Heart…“ als seien Pere Ubu gerade aus Cleveland umgezogen, was okay ist. „Lady In Pain“ schafft es diesen Schatten nicht ganz abzuwerfen, bleibt jedoch ein feines Stück, im Gegensatz zu „Possessed“, das immer noch recht zackig sein will, jedoch vor allem kraftlos daherkommt.

Club Foot (Subterranean Records/1981)

Dieser Sampler scheint direkt an die vorangegangene Veröffentlichung anzuschließen, da sich der hiesige Labelname und der dortige Sampler-Titel massiv gleichen… und gleichermassen sitzen Label und die Acts wieder alle in San Francisco. Doch das sind die einzigen Parallelen. Subterranean Records ist weitestgehend eher ein Treffpunkt der Punk und Hardcore-Szene aus San Francisco, doch ist die Musik auf diesem Sampler eher jazz-affin, sprich Jazz soll es werden.

Das klappt hervorragend überall, wo die trockene Stimme von David Swan erklingt: Longshoremen mit dem Opener „What Does It All Mean“ und der Abschluß des ansonsten eher mässig erregenden „Theme From Club Foot: Medley“ des Club Foot Orchestra, das sich aus Musikern, dieses Clubs in San Francisco zusammenstellte. Dem Titel nach sollte „Modern Jazz“ von Naked City hier auch anschliessen, doch erinnert es eher an den Versuch einer Postpunk-Band aus Manchester Jazz zu verkörpern: Was sich hier kritisch liest, ist jedoch musikalisch sehr geschmackvoll. Ein fantastischer Höhepunkt ist das im Hintergrund massiv Steve Reich belehnende „Frank Sinatra“ der Alterboys. Ganz anders, aber ähnlich eigen und stark anzuhören ist der weitere Alterboys Celebrity-Kracher „Roy Orbit’s Son“. Die Bay Of Pigs bieten mit „I’m Writing It Down“ und „Everything Changes“ auch zwei ganz gute Stücke, doch ich wünschte, es wären Instrumentale, denn Stimme Andrew Hayes will gerne als wirrer Querdenker erscheinen, nervt aber nur.

Auf dem Cover dieser Platte sehen wir übrigens Richard Edson, der u.a. der erste Schlagzeuger der Sonic Youth war. Er sah ziemlich gut aus.

From Brussels With Love (Les Disques Du Crépuscule/1980)

Da kommt ein richtiger Höhepunkt! Und wir werfen einen Blick auf die erste Version, die im November 1980 als Tape erschien. In den folgenden Jahren wurde „From Brussels With Love“ einige Male auf verschiedenen Formaten neu aufgelegt, dabei immer auch mit Änderungen an der Songliste.

Daher ist es wichtig zu schauen, ob die größten Erfolge auf dem Tonträger zu finden sind. Zentral waren jeweils zwei Interviews, die mit der großen Schauspielerin Jeanne Moreau (im Hintergrund ein Klavierstück aus der Feder von Erik Satie) und mit Brian Eno (auch Musik im Hintergrund: hier von Phill Niblock) geführt wurden. Beide Stücke sind so vorzüglich erarbeitet und als Kunststücke aufgestellt, daß sie (selbst bei Problemen der Verständlichkeit) sehr viel Spaß bei Zuhören machen.

Darüber hatte eins das große Gefühl von einem musikalischen Impressionismus überflutet zu werden. Was für größte Freude sorgt, wenn es sich dabei beispielsweise um The Durutti Column handelt, die „Piece For An Ideal“ zum Besten geben, während „Sleep Will Come“ nicht zuviel Freude verursacht. Oder das sehr atmosphärische „The Shadow Garden“ von Bill Nelson, der 1980 schon in seiner Post-Pop-Phase angelangt war und sich nicht mehr um Songstrukturen scherte. Diese waren perfekt in einer frühen Version von „Airwaves“ von Thomas Dolby angelegt. Ein Hit, ein Hit! Der sonderbare Factory-Zögling Kevin Hewick durfte seinen Vorschlag eines Popsongs darbieten und verbreitete mit „Haystack“ durchaus Freude. Doch ist er eher der tolle Performer, als das er ein besonderer Sänger sei. In der Bill-Nelson/Brian-Eno-Ambient-Liga ist auch Harold Budd ein gern gesehener Spieler und kaum jemand kann so fein Klavierspiel mit Hall versehen. Das könnte eins als Kritik ansehen, hihihi. Doch sehen wir es realistisch: Gegen ein Harold-Budd-Stück auf einem Sampler ist nichts zu sagen, das ist etwas Schönes, eine Atemübung des Weltenlaufs. Eine ganze Platte hingegen ist nahe an einer Zumutung. Auch sehr pianotropfend erscheint Gavin Bryars, doch in diesem Umfeld ist „White’s S.S.“ grandios aufgehoben. Doch auch kratzigen New-Wave/Post-Punk gibt es auf hohem Niveau: Radio Romance erinnern etwas an die lokal auch sehr erfolgreichen Polyphonic Size. Und The Names gewinnen jeden The-Cure-Soundalike-Contest nicht zuletzt aufgrund der verwechselbar ähnlichen Stimmen von Michel Sordinia und Robert Smith. Auch hier übrigens wieder die guten Verbindungen zu Factory Records, die auch zum Beitrag von Martin Hannett führten. Weniger impressionistisch oder verträumt, als die Herren Budd und Nelson, dafür kratziger und auch verspielter gibt sich „The Music Room“. Der Mann lieferte mit diesem Track auch wieder den Beweis, ein Enigma sein zu wollen. Und wir machen den Hacken dran: Geschafft.

The Fruit Of The Original Sin (Les Disques Du Crépuscule/1981)

1981 sandte Les Disques Du Crépuscule ein weiteres sonderbares Produkt sonderbarer Musik den Grüssen aus Brüssel hinterher.

Die Kenner jubeln über das erste Treffen mit der späteren Songwriterin Virginia Astley, die hier für Richard Jobson Klavier spielte, während er in „The Happiness of Lonely“ klingt, als sei er als englischer Landadelszögling gerade aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs heil zurück gekehrt. Sonderbares Stück. Doch sonderbarer wird das Gesamtkonzept, denn es bringt uns HörerInnen im gleichen Atemzug die No-Waver von DNA, die gleich drei kurze Schreckensschreie aus den U-Bahnschächten New Yorks … anbieten? Gitarrist Arto Lindsay wurde später ein Schöngeist, hier liefert er wegweisende Gitarrenarbeit in „Cop Buys Donut“.

Haarsträubend ist auch Williams S. Burroughs Lesung „Twilight’s Last Gleaming“, in welcher im Zentrum eine Blinddarm-OP steht. Sollte eins definitiv nicht vor einem solchen Eingriff hören. Niemals! Aber andererseits, was gibt es besseres, als Burroughs‘ Stimme. Ihm werden wir bei einem späteren Sampler wiederbegegnen.

Auch der Saxophonist Peter Gordon, der den Titelsong dieses Tonträgers spielt, bereichert das überbordernde Klangspektrum mit einem zickigen Avantgarde-Jazz, der den Postpunk-Anzug trägt. Da kann uns die ein zweites Mal Klavier spielende Virginia Astley ein wenig Ruhe bringen. Sie taucht im Hintergrund eines Interviews mit Marguerite Duras auf. Wie schon auf „From Brussels With Love“ gehört auch hier das Gespräch zum Höhepunkt. Kratzig wird es derweil wieder, wenn eine Formation namens Marine den Francis-Lai-Filmmusik-Klassiker „A Man And A Woman“ interpretiert. Schon orginalgetreu, aber ohne jedwede romantische Regung. Die flutet „Clair de Lune“, gespielt von Cécile Bruynoghe. Claude Debussy war in den frühen 1980er Jahren wohl ein sehr beliebter Komponist. Wie Burroughs werden wir ihm noch begegnen.

Ein Sampler aus Brüssel: Wer darf da nicht fehlen? The Durutti Column. Von ihnen gab es irgendwann einen Song namens „For Belgian Friends“. Die beiden Stücke „The Eye And The Hand“, sowie „Experiment In Fifth“ sind für die Duruttis sehr solide, also brilliant. Und da ist dann auch wieder diese leicht verträumte Atmosphäre, die auch den Vorgänger so beflügelte und Arthur Russell vertieft, als hätte er seine Aufnahme in direkter Umgebung eines hochmotivierten Springbrunnens gemacht. Sonderbar! Und dann ist da noch eine frühe Aufnahme der schottischen Orange Juice, die ganz juvenil „Three Cheers For Our Side“ fordern. Jungs halt, deren Sänger Edwyn Collins war. Der nahm später mit dem Landsmann Paul Quinn den Velvet-Underground-Klassiker „Pale Blue Eyes“ auf. Paul Quinn sang 1981 noch für die French Impressionists und diese boten einerseits den törichsten Songtitel „Boo Boo’s Gone Mambo/My Guardian Angel“, andererseits war es betörende Musik, der eins gerne den Titelfehler verzieh. Schmacht! Und dann tauchten Marine noch einmal auf und musizierten, wie es ein Jahr später Haircut 100 taten und damit filthy rich wurden. Klang 1981 noch frisch, diese Uptempo-Rhythmus-Gitarren mit Slappbässen.

Winston Tong war für einige Jahre die Stimme von Tuxedomoon. Hier taucht er auf, um in einer Liga mit William S. Burroughs zu spielen, und siehe da: er geht nicht unter! „The Next Best Thing To Death“ ist verstörender als jener und damit ein ziemlich normales Winston Tong-Stück.

Some Of The Interesting Things You’ll See On A Long-Distance Flight (Les Disques Du Crépuscule/1982)

1982 bewiesen dann Les Disques Du Crépuscule, das auch ihnen nicht alles gelingt. Eine Konzertour, die man unter dem Titel „Dialogue North/South“ organisierte, brachte die Aufnahmen dieses Samplers.

Natürlich an Bord waren The Durutti Column, die hier auch live sehr stark zu überzeugen wußten. Allerdings gab es zwischendurch immer wieder die mit „A Raving Lunatic“ betitelten Versuche eines Wally Van Middendorp eine Kreuzung zwischen Ansager, Showmaster, Stand-Up-Comedian und einfachem Suffkopp darzustellen, die völlig ärgerlich sind. Und die 20-Sekunden-Auszüge eines Serge-Gainsbourg-Songs hätte man sich auch wahrlich sparen können.

Der auch bereits zuvor genannte Richard Jobson liess sich hier von Tuxedomoon begleiten und bietet ein gutes, romantisches Set, aus dem „Etiquette The Ballad“ und „Pavillion Pole“ herausstechen.

Darüberhinaus hören wir: Paul Haig & Rhythm Of Life, Antena und The Names (ja, die Cure-Soundalikes von eben). The Names konnten auf „From Brussels With Love“ mit ihrem Song „Cat“ überzeugen, aber hier (und das gilt für die beiden anderen Acts auch) gibt es Konzertaufnahmen und diese sind dünn, kraftlos, langweilig. Diese Acts in den 1980er live gesehen zu haben, scheint mir Geldverschwendung gewesen zu sein. Dieser Sampler konnte sich gerade noch durch die Duruttis und Richard Jobson retten.

A Factory Quartet (Factory Records/1980)

Factory hatten schon 1980 einen teilweise in Konzerten mitgeschnittenen Sampler zum Besten gegeben.

Teil des Ganzen waren natürlich – Tusch! – The Durutti Column. Kann es sein, daß ich eine gewisse Affinität, eine Liebe zu dieser Band habe? Fangirling? Hüstel. Also sage ich auch nicht, wie toll und fantastisch die drei Stücke sind. Ihr glaubt es mir eh nicht mehr. Meine Objektivität ist den Bach hinab.

Blurt, die Band von Ted Milton, Saxophon, sind generell ein Fall für die Connoisseuse mit ihrem wagemutig als schräg beschriebenen Sound. Wer „Dyslexia“ durchhält, der liebt die Band. Und es ist ganz einfach. Doch auch „Puppeteer“ ist ganz lustig.

Kevin Hewick haben wir weiter oben schon kennengelernt mit einem ganz netten Einstand. Wie ich dort schon schrieb, ist er kein großer Sänger. Hier sind Live-Aufnahmen. Wie kommt er auf ein paar nette Kommentare? Nun, die Songs taugen einfach, z.B. „The Enchanted Kiss“. Doch insgeheim wünschte ich, Scott Walker hätte ein paar Hewick-Songs interpretiert. Das hätte ein Fest werden können.

Und dann waren da noch The Royal Family And The Poor. Nein, Charlie oder Liz hatten nichts mit der Band zu tun. Ich vermute, beide mögen es nicht so aggressiv. Diese Band bot einen Sound, der aus meist maschinenhaft, aber menschlich produziertem Beat und hart vorgetragenem Sprechgesang (nein, hat nichts mit Rap zu tun, überhaupt nicht, ist total weiß) bestand, wobei die Texte zwischen linkem Polit-Agit und situationistischen Auszügen (tja, „Vaneigem Mix) bestanden. Das kann eins mögen, aber ich glaube, eine ganze LP würde ich nicht durchhalten.

Insane Music For Insane People Volume 1 (Insane Music/1981)

Hier kommen wir zu einer schlechten Idee. Also, die Idee, darüber zu schreiben, ist unvorsichtig, denn „Insane Music For Insane People“ ist eine Serie an 25 Tape-Veröffentlichungen, die zwischen 1981 und 1988 erschienen. Das Projekt war der Einfall von Alain Neffe, einem belgischen Musiker aus der Industrial-Szenerie. Dieser steckt auch hinter vielen „Bands“, die auf diesen Samplern vertreten waren.

Ich habe zur Zeit noch keinen Zugriff auf alle der 25 Veröffentlichungen, doch möchte ich mich grundsätzlich auf die besten drei konzentrieren. Das sind die Volumes #5, #6 und #1 in qualititativer Reihenfolge.

Volume #1, erschienen 1981, bringt schon mal meinen persönlichen Lieblingstitel, sprich der Titel des Songs ist das, was ich mag: „Manuel ist unehrlich“. Musikalisch ist dieses Stück von M.A.L. nicht weiter erwähnenswert, aber hinter dem Titel scheint ein großes menschliches Schicksal zu lauern. M.A.L. haben jedoch noch einen zweiten Auftritt, und der knallt! Als seien Pink Floyd in eine Zeitlupe geraten und zusätzlich noch ins Jahr 1969 (ca. LP „more“) geschleudert, so klingt „Insects In Love“. Grandios! Überhaupt ist die Musik nicht nur auf Volume #1so unglaublich körperlos und auf seltsame und seltene Art und Weise ätherisch, ohne New-Age-haft verkitscht zu sein. Es wundert nicht, daß an großen Namen gerade einmal die Legendary Pink Dots und die langjährige Swans-Keyboarderin und Sängerin Jarboe auf diesen Samplern vorbeischauten.

Auf dieser Cassette #1 sind die mehr als nur orientalisch fremdartigen Stücke „Pikah ô Papikah??“ Teil 1 und 2 von Japanese Genius Schlüssellochblicke in eine seltsame Welt, auch das live mitgeschnittene „TV News“ von Mecanique Vegetale ist ein wahrhaftiger Trip. Die über viele der Tapes verstreuten Stücke der Formation Cortex beginnen hier und sind sofort von kalkulierter Lieblichkeit. „Cortex A“ verbindet schwebende Keyboardflächen mit weiblichem Geflüster auf Französisch. „Cortex C“ bedient das gleiche Grundmuster, doch hier singt die weibliche Stimme. Der Cortex-Macher, Alain Neffe, engagierte zu jedem Stück eine neue Mitstreiterin. Mit dem windig sureellen „Dracustein’s Revenge“ von I Scream könnte fast „Insects In Love“ übertrumpft werden, wenn das Stück nicht in videospielartigen Echoeffekten enden würde.

Als Gesamtpaket ist Volume #1 ein überzeugender Trip in fremdartige Welten, der – wie geschrieben – das Leitbild für die Serie vorgibt.

Insane Music For Insane People Volume 5 (Insane Music/1984)

Mit Volume #5 (1984) erreicht die Serie schon den frühen Höhepunkt. Cortex zaubert mit „Cortex X“ eine romantische Atmosphäre, die von Enno Velthuys im dramatischen „Conclusion“ als klanglichem Finale eines 1980er Noir-Streifens, weitergeführt und korrekt ins Ziel einfährt. Vielleicht das langlebigste Stück dieser Serie. Wenn da nicht die auf diesem Tape vier Mal vertretenen und auf höchstem Niveau zaubernden Empty Wien wären: „Thomas Szabdz“ ist minimalistischer Elektropop, „Mitch“ ist ebenso bezaubernder Pop, doch hintergründiger und dann der Knaller „Leave It“, der ein ganz, ganz großer Hit hätte sein sollen, denn selten erleben wir einen solch sicher in sich ruhenden, elektronischen Sound mit dieser heiligen Absichtslosigkeit. Festlich.

Und auch M.A.L. sind wieder an Bord und drehen ihre Phaser weit auf, damit die Gitarre schön durch die Weiten des Alls driften kann. Der Titel „Pure Emotion“ ist allerdings vielleicht ein wenig übertrieben. Ein Fest für die Freunde valiumgeschwängerter Sequenzer ist Twilight Rituals „Fear For Loosing You“, welche hier die körperlose Atmosphäre mit gequältem Gesang und schneidenden Keyboardsounds anreichern und damit fast schon menschlich wirken. Gosh! Hinter Human Flesh lauert schon wieder Alain Neffe. Das verhindert nicht, das „Just Another Movie“ ein schöne, zickige Traumreise wird. Ein weiterer Titel „Conclusion“, dieses Mal von I Scream dargeboten, überfällt uns mit glitzernden Sounds, dem Dröhnen der tiefen Manuale einer Kirchenorgel und eins möchte meinen, da sei einfach nur Schönheit im Angebot.

Insane Music For Insane People Volume 6 (Insane Music – 1984)

Treiben wir weiter zu dem Tape mit der Nummer #6 (auch 1984). Natürlich regieren auch hier die sonderbaren, die erstaunlichen Lieder. Wie jenes von Eric Abithol und Valerie Desperiez, welche über die „Substance M“ nachgrübeln. Ein wenig sinnliches, aber höchst verwirrendes Stück Synth-Pop. Und Twilight Ritual kehren wieder, kredenzen uns „Tears On The Wall“, das uns mit einem ungleichen Dreieck aus Gleichmaß, Gezappel und gezogenem Gesang beglücken möchte. Jedenfalls beruhigender, als es Voidkampf ist, die eine Idee, die David Byrne und Brian Eno 1981 schon einmal umgesetzt hatten, hervorkramen: Eins nehme das Gerede eines Politakteurs und lege einen Beat darunter. Hier unter dem Titel „Politician Trying To Express His Opinion“ dargeboten. Sehr oft fällt das Wort „Very“. Tara Cross verbindet einen leicht ätherischen Gesang mit Heimorgelcharme, das ganze fein abgeschmeckt mit Spuren von Sprechgesang und fertig ist „Desperate“. Doch, das ist die Hörerin danach nicht. Eine endgültig von irdischen Sinnen losgelöste Meditation erwischt uns durch Maybe Mental und „Quiet“, welches mit hintergründigen Spracheinspielungen und entrückenden Sounds die Fesseln löst. Und das „Hotel Motorpool“, geführt von M.Soden, liegt tief im Wald, wo selbst nur selten der Wind weht, doch manchen Tages hört eins Stimmen. Spooky, sehr! Da wirkt „Tonight“ von den amerikanischen Algebra Suicide doch schon fast irdisch, normal, konkret strukturiert. Mit Text!

Doch sei noch erwähnt, daß auch die weiteren Tapes aus dieser Serie etliche Höhepunkte bieten. Seid neugierig!

Demnächst folgt ein weiterer Überblick über Sampler und Compilations aus den frühen 1980er.

Unter Normalnull

Am kommenden Mittwoch, 22. Mai, darf ich wieder die Psychiaterin besuchen.

Es gibt viel von meiner Seite zu sagen. Und dieser Text ist mein Versuch, vorab das Getöse in erste Worte zu fassen, ohne das der Druck des „bitte sprechen Sie jetzt“ mich zum Schweigen hin hemmt.

Um den Menschen, die zufällig hier herein geraten, einen kurzen Abriß zu liefern, was bisher geschah: seit 2013 weiß ich, daß ich transgender bin. Im Dezember 2018 habe ich die psychiatrische Betreuung begonnen, die in Luxemburg verpflichtend ist, damit Leistungen in Bezug auf Transition von Seiten der Krankenkasse gezahlt werden. Am 26. April habe ich begonnen, Estradiol als Gel zu verwenden. Ebenso ist mir Androcur verschrieben worden, ein Testosteronblocker. Am 30. April wurde die Scheidung bestätigt. Der Gerichtstermin war bereits am 9. April.

Zuletzt hatten die Psychiaterin und ich an einem Outingbrief für meine Kolleg*innen gearbeitet und mit der letzten Version war sie zufrieden. Im dem Moment, da ich nun schreibe, weiß ich nicht, ob der Brief gebraucht wird. Denn die Hormontherapie läuft anders, als ich erwartet hätte.

Das sich optisch schnell etwas ändert, wurde mir schon ausgeredet und ich hatte auch gar nicht damit gerechnet. Die Psychiaterin ließ mich wissen, daß ich darauf gefaßt sein müsse, verletzlicher zu sein. Dünnhäutiger.

Nun, da ich mich in eine zweite Pubertät begebe, war ich mir auch dessen relativ sicher. Und leider hatte ich mit Hormonbehandlung bereits 2009/2010 Erfahrungen sammeln müssen. Damals ging es um Serotonin. Um die Bekämpfung meiner Depression, die mich bis 2012 mindestens einmal an den Rand zum Suizid gebracht hat. Die Tablettenbehandlung brachte eine verminderte, emotionale Beteiligung. Ein Leben, wie hinter Milchglas. Abgeschnitten und abgelegt. Es waren einfach die falschen Tabletten, die Diagnose dieses gottverdammten Profis brauchte fünf Minuten, dann war das Rezept ausgestellt. Ich setzte die Tabletten im Herbst 2010 wieder ab. Ohne Rücksprache mit dem Profi, in den ich überhaupt kein Vertrauen mehr setzte.

Im Frühjahr 2011 begann ich eine neue Therapie, die dann auch damals – auf lange Sicht – Fortschritte brachte. Auch neue Tabletten, die halfen, ohne einen Glaskasten überzustülpen.

Ich kenne mich also ein wenig auf dem Gebiet der Medikation aus.

Und die ersten Tage mit Estradiol und Androcur waren turbulent.

Ob das, was mit meinem Körper geschah, alles davon verursacht wurde? Eher nicht. Aber es kamen Kurzatmigkeit (richtig schlimm teilweise), Verwirrungszustände, Entwirrungszustände (ein Passwort, das mir in den letzten Monaten beim besten Willen nicht mehr einfallen wollte, war plötzlich wieder da), kurze geistige Lichtblitze (scheisse, ich finde kein besseres Wort dafür), Herzrasen, der Wunsch mich zu töten.

Nach drei Tagen halbierte ich beide Dosen. Es wurde etwas besser. Der heftige Seegang jener drei Tage beruhigte sich leidlich. Dennoch blieb vor allem das Rasen der Verstands. Und auch die immer wiederkehrenden Momente, in denen mentale Dunkelheit nach meinem Leben griff. Sie waren da.

Ich ließ Androcur ganz weg. Versuchte immer mal wieder die halbe Dosis auf täglicher Basis einzunehmen. Immer wieder das selbe: einige Stunden im Körper kamen die Todessehnsucht. Als wenn der Rest nicht schlimm genug wäre?

Was ist dieser Rest?

Zunächst einmal ist da noch dieser Gedanke, das Testosteron… mich… am… leben… hält? Körper… geht’s noch? Willst du mich verarschen? Du weißt ganz genau, das ich seit ich denken kann (und das sind inzwischen wohl lockere 40 Jahren), mit dem männlich gelesen Leben, diesem Bild eines Mannes nicht klar kam! Das ich unbewußt immer diese geschlechtlichen Grauzonen gesucht habe. Das ich verdammt nochmal in meinem stillen Kämmerchen Glamrock liebte, weil er auf geschlechtliche Abgrenzung kackte und neue Freiheiten für graue Mäuse, wie mich, offerierte. Im Moment habe ich das Gefühl, ich wäre besser dort im Closet geblieben.

Um einen technischen Vergleich heranzuziehen.

Die HRT mit Estradol verursacht in meinem Körper, Geist, Verstand ein Gefühl, als würde in einem Fahrzeug während der Benutzung das Getriebe gewechselt.

In manchen Teilen meiner Selbstempfindung ist ein verschlingendes NICHTS. Jaja, es wurde vorher davon gesprochen, daß sexuelle Erregung rückläufig sein werde. Doch darum geht es gar nicht, die interessiert mich im Moment auch tatsächlich nicht. Das NICHTS fühlt sich im Großraum von Brust und Herz. Dort zerreißt es alte Strukturen. Waren die schlecht? Ich weiß es nicht. Sie sind nicht mehr da.

Ist das der Weg von Deadname H zu Isa? Als wenn es diesen Weg nicht schon zuvor gegeben hatte? Sogar mit Freude war er beschritten. Nun, so viel Freude, wie das Umfeld zuließ, denn der Wechsel zog auch einiges an real beschädigten Strukturen mit sich. Und doch war es innerlich befreiend, sich selbst diesen neuen Namen zu geben. Das, was aber gerade körperlich, mental geschieht, ist etwas anderes, noch nicht definierbar, außer, das es fühlbar kaputt macht, doch es entsteht nichts Neues. Noch nicht, jedenfalls.

Ich kann mit niemanden sprechen. Ich kann gerade mal diesen Text schreiben, und auch das fällt ungemein schwer, denn die Stunden, denen ich die Worte abringen, lassen sich nicht als Zeitringe abbilden.

Kurz nach Beginn der HRT kam es zum unvorbereiteten und ungeplanten Outing vor zwei Arbeitskollegen. Sie fragten mich, wie es mir gingen und sie wollten es auch wirklich wissen, da ich sehr schlecht aussah. Und sie nahmen sich auch Zeit. Nun, es waren auch zwei Kollegen, von denen ich ahnte, daß sie positiv, empathisch und aufbauend sein würden. So war es auch.

Aber inzwischen ist es schwieriger geworden. Mit meinen beiden besten Freundinnen M und S habe ich seit Tagen nicht mehr kommunizieren können. Ich kann keine Whatsapp-Nachrichten abhören, weil ich mich sofort schuldig fühle, da von mir keine Antwort kommen wird.

Warum? Ich weiß nicht, wer antwortet? Wer bin ich überhaupt noch? Das Abbruchunternehmen HRT oder andere damit geweckte innere Faktoren leisten ganze Arbeit. Die Bilder werden von den Wänden genommen. Es sind noch Schatten zu sehen. Und es wird alles schwerer. Der Körper an sich wurde jetzt drei Wochen lang heftig beansprucht und schmerzt an allen Ecken und Enden.

Kann ich noch weitermachen? Was würde passieren mit mir, wenn ich weitermache? Wenn ich stoppe, wie geht es dann erst recht weiter?

Die Frage ist dann erst recht, wer ich überhaupt noch bin?

Ich suche Antworten, habe aber keine Ansätze mehr. Ich bin unter Normalnull gerutscht.

Hilfe.