Die Welt der Underground-Sampler in den 1980er – Teil 1

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

Im Zeitalter des Postpunk zwischen 1976/1977 und 1985 erreichte die Arbeit an musikalischen Zusammenstellungen (sprich: Sampler/Compilations, oft auf Cassetten veröffentlicht) einen ästhetischen Höhepunkt. In den Folgejahren gab es noch einige Labels (sprich: Plattenfirmen), die das Niveau weiterhin hochhielten, doch leider verlief sich diese Kunst spätestens mit dem Zugriff von Printmagazinen auf beigelegten CD’s, die endgültig nur noch Marketing bedeuteten.

Selbstverständlich sind auch die hier vorgestellten Sampler genau das, doch eben nicht nur. Sie sind einerseits Vorstellung von Künstlern, die in den meisten Fällen unbekannt sind, andererseits haben sie einen Mehrwert, der jenseits des Monetären zu finden ist.

Ich versuche die Sampler in einer größtenteils chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens vorzustellen, doch wird es Querverbindungen geben, die den zeitlichen Ablauf sprengen.

Subterranean Modern (Ralph Records/1979)

Diese Zusammenstellung erscheint auf dem Label der Residents und vereinigt, neben den selbstverständlich mit vier Stücken vertretenen Hausherren, noch weitere drei Acts, die um 1978/1979 in San Francisco lebten. Das Artwork stammte von Gary Panter, der seinerzeit auch gerne von Frank Zappa angeheuert wurde (z.B. Studio Tan).

Musikalisch wurde mir hier klar, daß ich mich nicht weiter mit The Residents beschäftigen werde (außer jemensch bietet wirklich überzeugende Argumente). Alleine ihre Version des von jedem Act hier interpretierten Tony-Bennett-Klassiker „I Left My Heart In San Francisco“ ist gut, der Rest überzogen erfunden.

Tuxedomoon interpretieren „I Left My Heart…“ als kurzes Hörspiel eines Long-Distance-Telefonat mit Harmonika im Hintergrund. Eine derart tiefgreifende, aber trocken und amerikanische Melancholie haben Tuxedomoon nie wieder in ihrer langen Laufbahn erreicht. Das zweite großartige Stück der späteren Bürger aus Brüssel ist „Waterfront Seat“, das auch den gerne mal hypnotischen Minimalsound der späteren Werke vorweggreift. Peter Principle fällt mit seinem Trademark-Bass auf.

Chrome, die im Kern aus Helios Creed und Damon Edge (zwei definitive Ausserirdische) bestehen, verwöhnen teilweise mit ihrem Velvet-Underground-als-Außerirdische-Sound, was nur leider an dem allzu irdischen Schlagzeugsound krankt. Wenn das egal ist, hat eins enorme Freude an den beiden Originalen „Anti-Fade“ und „Meet You In The Subway“. Ihr „I Left My Heart…“ ist Residents-mäßig zu erfunden und auch nur 28 Sekunden kurz.

MX-80 klingen hingegen bei „I Left My Heart…“ als seien Pere Ubu gerade aus Cleveland umgezogen, was okay ist. „Lady In Pain“ schafft es diesen Schatten nicht ganz abzuwerfen, bleibt jedoch ein feines Stück, im Gegensatz zu „Possessed“, das immer noch recht zackig sein will, jedoch vor allem kraftlos daherkommt.

Club Foot (Subterranean Records/1981)

Dieser Sampler scheint direkt an die vorangegangene Veröffentlichung anzuschließen, da sich der hiesige Labelname und der dortige Sampler-Titel massiv gleichen… und gleichermassen sitzen Label und die Acts wieder alle in San Francisco. Doch das sind die einzigen Parallelen. Subterranean Records ist weitestgehend eher ein Treffpunkt der Punk und Hardcore-Szene aus San Francisco, doch ist die Musik auf diesem Sampler eher jazz-affin, sprich Jazz soll es werden.

Das klappt hervorragend überall, wo die trockene Stimme von David Swan erklingt: Longshoremen mit dem Opener „What Does It All Mean“ und der Abschluß des ansonsten eher mässig erregenden „Theme From Club Foot: Medley“ des Club Foot Orchestra, das sich aus Musikern, dieses Clubs in San Francisco zusammenstellte. Dem Titel nach sollte „Modern Jazz“ von Naked City hier auch anschliessen, doch erinnert es eher an den Versuch einer Postpunk-Band aus Manchester Jazz zu verkörpern: Was sich hier kritisch liest, ist jedoch musikalisch sehr geschmackvoll. Ein fantastischer Höhepunkt ist das im Hintergrund massiv Steve Reich belehnende „Frank Sinatra“ der Alterboys. Ganz anders, aber ähnlich eigen und stark anzuhören ist der weitere Alterboys Celebrity-Kracher „Roy Orbit’s Son“. Die Bay Of Pigs bieten mit „I’m Writing It Down“ und „Everything Changes“ auch zwei ganz gute Stücke, doch ich wünschte, es wären Instrumentale, denn Stimme Andrew Hayes will gerne als wirrer Querdenker erscheinen, nervt aber nur.

Auf dem Cover dieser Platte sehen wir übrigens Richard Edson, der u.a. der erste Schlagzeuger der Sonic Youth war. Er sah ziemlich gut aus.

From Brussels With Love (Les Disques Du Crépuscule/1980)

Da kommt ein richtiger Höhepunkt! Und wir werfen einen Blick auf die erste Version, die im November 1980 als Tape erschien. In den folgenden Jahren wurde „From Brussels With Love“ einige Male auf verschiedenen Formaten neu aufgelegt, dabei immer auch mit Änderungen an der Songliste.

Daher ist es wichtig zu schauen, ob die größten Erfolge auf dem Tonträger zu finden sind. Zentral waren jeweils zwei Interviews, die mit der großen Schauspielerin Jeanne Moreau (im Hintergrund ein Klavierstück aus der Feder von Erik Satie) und mit Brian Eno (auch Musik im Hintergrund: hier von Phill Niblock) geführt wurden. Beide Stücke sind so vorzüglich erarbeitet und als Kunststücke aufgestellt, daß sie (selbst bei Problemen der Verständlichkeit) sehr viel Spaß bei Zuhören machen.

Darüber hatte eins das große Gefühl von einem musikalischen Impressionismus überflutet zu werden. Was für größte Freude sorgt, wenn es sich dabei beispielsweise um The Durutti Column handelt, die „Piece For An Ideal“ zum Besten geben, während „Sleep Will Come“ nicht zuviel Freude verursacht. Oder das sehr atmosphärische „The Shadow Garden“ von Bill Nelson, der 1980 schon in seiner Post-Pop-Phase angelangt war und sich nicht mehr um Songstrukturen scherte. Diese waren perfekt in einer frühen Version von „Airwaves“ von Thomas Dolby angelegt. Ein Hit, ein Hit! Der sonderbare Factory-Zögling Kevin Hewick durfte seinen Vorschlag eines Popsongs darbieten und verbreitete mit „Haystack“ durchaus Freude. Doch ist er eher der tolle Performer, als das er ein besonderer Sänger sei. In der Bill-Nelson/Brian-Eno-Ambient-Liga ist auch Harold Budd ein gern gesehener Spieler und kaum jemand kann so fein Klavierspiel mit Hall versehen. Das könnte eins als Kritik ansehen, hihihi. Doch sehen wir es realistisch: Gegen ein Harold-Budd-Stück auf einem Sampler ist nichts zu sagen, das ist etwas Schönes, eine Atemübung des Weltenlaufs. Eine ganze Platte hingegen ist nahe an einer Zumutung. Auch sehr pianotropfend erscheint Gavin Bryars, doch in diesem Umfeld ist „White’s S.S.“ grandios aufgehoben. Doch auch kratzigen New-Wave/Post-Punk gibt es auf hohem Niveau: Radio Romance erinnern etwas an die lokal auch sehr erfolgreichen Polyphonic Size. Und The Names gewinnen jeden The-Cure-Soundalike-Contest nicht zuletzt aufgrund der verwechselbar ähnlichen Stimmen von Michel Sordinia und Robert Smith. Auch hier übrigens wieder die guten Verbindungen zu Factory Records, die auch zum Beitrag von Martin Hannett führten. Weniger impressionistisch oder verträumt, als die Herren Budd und Nelson, dafür kratziger und auch verspielter gibt sich „The Music Room“. Der Mann lieferte mit diesem Track auch wieder den Beweis, ein Enigma sein zu wollen. Und wir machen den Hacken dran: Geschafft.

The Fruit Of The Original Sin (Les Disques Du Crépuscule/1981)

1981 sandte Les Disques Du Crépuscule ein weiteres sonderbares Produkt sonderbarer Musik den Grüssen aus Brüssel hinterher.

Die Kenner jubeln über das erste Treffen mit der späteren Songwriterin Virginia Astley, die hier für Richard Jobson Klavier spielte, während er in „The Happiness of Lonely“ klingt, als sei er als englischer Landadelszögling gerade aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs heil zurück gekehrt. Sonderbares Stück. Doch sonderbarer wird das Gesamtkonzept, denn es bringt uns HörerInnen im gleichen Atemzug die No-Waver von DNA, die gleich drei kurze Schreckensschreie aus den U-Bahnschächten New Yorks … anbieten? Gitarrist Arto Lindsay wurde später ein Schöngeist, hier liefert er wegweisende Gitarrenarbeit in „Cop Buys Donut“.

Haarsträubend ist auch Williams S. Burroughs Lesung „Twilight’s Last Gleaming“, in welcher im Zentrum eine Blinddarm-OP steht. Sollte eins definitiv nicht vor einem solchen Eingriff hören. Niemals! Aber andererseits, was gibt es besseres, als Burroughs‘ Stimme. Ihm werden wir bei einem späteren Sampler wiederbegegnen.

Auch der Saxophonist Peter Gordon, der den Titelsong dieses Tonträgers spielt, bereichert das überbordernde Klangspektrum mit einem zickigen Avantgarde-Jazz, der den Postpunk-Anzug trägt. Da kann uns die ein zweites Mal Klavier spielende Virginia Astley ein wenig Ruhe bringen. Sie taucht im Hintergrund eines Interviews mit Marguerite Duras auf. Wie schon auf „From Brussels With Love“ gehört auch hier das Gespräch zum Höhepunkt. Kratzig wird es derweil wieder, wenn eine Formation namens Marine den Francis-Lai-Filmmusik-Klassiker „A Man And A Woman“ interpretiert. Schon orginalgetreu, aber ohne jedwede romantische Regung. Die flutet „Clair de Lune“, gespielt von Cécile Bruynoghe. Claude Debussy war in den frühen 1980er Jahren wohl ein sehr beliebter Komponist. Wie Burroughs werden wir ihm noch begegnen.

Ein Sampler aus Brüssel: Wer darf da nicht fehlen? The Durutti Column. Von ihnen gab es irgendwann einen Song namens „For Belgian Friends“. Die beiden Stücke „The Eye And The Hand“, sowie „Experiment In Fifth“ sind für die Duruttis sehr solide, also brilliant. Und da ist dann auch wieder diese leicht verträumte Atmosphäre, die auch den Vorgänger so beflügelte und Arthur Russell vertieft, als hätte er seine Aufnahme in direkter Umgebung eines hochmotivierten Springbrunnens gemacht. Sonderbar! Und dann ist da noch eine frühe Aufnahme der schottischen Orange Juice, die ganz juvenil „Three Cheers For Our Side“ fordern. Jungs halt, deren Sänger Edwyn Collins war. Der nahm später mit dem Landsmann Paul Quinn den Velvet-Underground-Klassiker „Pale Blue Eyes“ auf. Paul Quinn sang 1981 noch für die French Impressionists und diese boten einerseits den törichsten Songtitel „Boo Boo’s Gone Mambo/My Guardian Angel“, andererseits war es betörende Musik, der eins gerne den Titelfehler verzieh. Schmacht! Und dann tauchten Marine noch einmal auf und musizierten, wie es ein Jahr später Haircut 100 taten und damit filthy rich wurden. Klang 1981 noch frisch, diese Uptempo-Rhythmus-Gitarren mit Slappbässen.

Winston Tong war für einige Jahre die Stimme von Tuxedomoon. Hier taucht er auf, um in einer Liga mit William S. Burroughs zu spielen, und siehe da: er geht nicht unter! „The Next Best Thing To Death“ ist verstörender als jener und damit ein ziemlich normales Winston Tong-Stück.

Some Of The Interesting Things You’ll See On A Long-Distance Flight (Les Disques Du Crépuscule/1982)

1982 bewiesen dann Les Disques Du Crépuscule, das auch ihnen nicht alles gelingt. Eine Konzertour, die man unter dem Titel „Dialogue North/South“ organisierte, brachte die Aufnahmen dieses Samplers.

Natürlich an Bord waren The Durutti Column, die hier auch live sehr stark zu überzeugen wußten. Allerdings gab es zwischendurch immer wieder die mit „A Raving Lunatic“ betitelten Versuche eines Wally Van Middendorp eine Kreuzung zwischen Ansager, Showmaster, Stand-Up-Comedian und einfachem Suffkopp darzustellen, die völlig ärgerlich sind. Und die 20-Sekunden-Auszüge eines Serge-Gainsbourg-Songs hätte man sich auch wahrlich sparen können.

Der auch bereits zuvor genannte Richard Jobson liess sich hier von Tuxedomoon begleiten und bietet ein gutes, romantisches Set, aus dem „Etiquette The Ballad“ und „Pavillion Pole“ herausstechen.

Darüberhinaus hören wir: Paul Haig & Rhythm Of Life, Antena und The Names (ja, die Cure-Soundalikes von eben). The Names konnten auf „From Brussels With Love“ mit ihrem Song „Cat“ überzeugen, aber hier (und das gilt für die beiden anderen Acts auch) gibt es Konzertaufnahmen und diese sind dünn, kraftlos, langweilig. Diese Acts in den 1980er live gesehen zu haben, scheint mir Geldverschwendung gewesen zu sein. Dieser Sampler konnte sich gerade noch durch die Duruttis und Richard Jobson retten.

A Factory Quartet (Factory Records/1980)

Factory hatten schon 1980 einen teilweise in Konzerten mitgeschnittenen Sampler zum Besten gegeben.

Teil des Ganzen waren natürlich – Tusch! – The Durutti Column. Kann es sein, daß ich eine gewisse Affinität, eine Liebe zu dieser Band habe? Fangirling? Hüstel. Also sage ich auch nicht, wie toll und fantastisch die drei Stücke sind. Ihr glaubt es mir eh nicht mehr. Meine Objektivität ist den Bach hinab.

Blurt, die Band von Ted Milton, Saxophon, sind generell ein Fall für die Connoisseuse mit ihrem wagemutig als schräg beschriebenen Sound. Wer „Dyslexia“ durchhält, der liebt die Band. Und es ist ganz einfach. Doch auch „Puppeteer“ ist ganz lustig.

Kevin Hewick haben wir weiter oben schon kennengelernt mit einem ganz netten Einstand. Wie ich dort schon schrieb, ist er kein großer Sänger. Hier sind Live-Aufnahmen. Wie kommt er auf ein paar nette Kommentare? Nun, die Songs taugen einfach, z.B. „The Enchanted Kiss“. Doch insgeheim wünschte ich, Scott Walker hätte ein paar Hewick-Songs interpretiert. Das hätte ein Fest werden können.

Und dann waren da noch The Royal Family And The Poor. Nein, Charlie oder Liz hatten nichts mit der Band zu tun. Ich vermute, beide mögen es nicht so aggressiv. Diese Band bot einen Sound, der aus meist maschinenhaft, aber menschlich produziertem Beat und hart vorgetragenem Sprechgesang (nein, hat nichts mit Rap zu tun, überhaupt nicht, ist total weiß) bestand, wobei die Texte zwischen linkem Polit-Agit und situationistischen Auszügen (tja, „Vaneigem Mix) bestanden. Das kann eins mögen, aber ich glaube, eine ganze LP würde ich nicht durchhalten.

Insane Music For Insane People Volume 1 (Insane Music/1981)

Hier kommen wir zu einer schlechten Idee. Also, die Idee, darüber zu schreiben, ist unvorsichtig, denn „Insane Music For Insane People“ ist eine Serie an 25 Tape-Veröffentlichungen, die zwischen 1981 und 1988 erschienen. Das Projekt war der Einfall von Alain Neffe, einem belgischen Musiker aus der Industrial-Szenerie. Dieser steckt auch hinter vielen „Bands“, die auf diesen Samplern vertreten waren.

Ich habe zur Zeit noch keinen Zugriff auf alle der 25 Veröffentlichungen, doch möchte ich mich grundsätzlich auf die besten drei konzentrieren. Das sind die Volumes #5, #6 und #1 in qualititativer Reihenfolge.

Volume #1, erschienen 1981, bringt schon mal meinen persönlichen Lieblingstitel, sprich der Titel des Songs ist das, was ich mag: „Manuel ist unehrlich“. Musikalisch ist dieses Stück von M.A.L. nicht weiter erwähnenswert, aber hinter dem Titel scheint ein großes menschliches Schicksal zu lauern. M.A.L. haben jedoch noch einen zweiten Auftritt, und der knallt! Als seien Pink Floyd in eine Zeitlupe geraten und zusätzlich noch ins Jahr 1969 (ca. LP „more“) geschleudert, so klingt „Insects In Love“. Grandios! Überhaupt ist die Musik nicht nur auf Volume #1so unglaublich körperlos und auf seltsame und seltene Art und Weise ätherisch, ohne New-Age-haft verkitscht zu sein. Es wundert nicht, daß an großen Namen gerade einmal die Legendary Pink Dots und die langjährige Swans-Keyboarderin und Sängerin Jarboe auf diesen Samplern vorbeischauten.

Auf dieser Cassette #1 sind die mehr als nur orientalisch fremdartigen Stücke „Pikah ô Papikah??“ Teil 1 und 2 von Japanese Genius Schlüssellochblicke in eine seltsame Welt, auch das live mitgeschnittene „TV News“ von Mecanique Vegetale ist ein wahrhaftiger Trip. Die über viele der Tapes verstreuten Stücke der Formation Cortex beginnen hier und sind sofort von kalkulierter Lieblichkeit. „Cortex A“ verbindet schwebende Keyboardflächen mit weiblichem Geflüster auf Französisch. „Cortex C“ bedient das gleiche Grundmuster, doch hier singt die weibliche Stimme. Der Cortex-Macher, Alain Neffe, engagierte zu jedem Stück eine neue Mitstreiterin. Mit dem windig sureellen „Dracustein’s Revenge“ von I Scream könnte fast „Insects In Love“ übertrumpft werden, wenn das Stück nicht in videospielartigen Echoeffekten enden würde.

Als Gesamtpaket ist Volume #1 ein überzeugender Trip in fremdartige Welten, der – wie geschrieben – das Leitbild für die Serie vorgibt.

Insane Music For Insane People Volume 5 (Insane Music/1984)

Mit Volume #5 (1984) erreicht die Serie schon den frühen Höhepunkt. Cortex zaubert mit „Cortex X“ eine romantische Atmosphäre, die von Enno Velthuys im dramatischen „Conclusion“ als klanglichem Finale eines 1980er Noir-Streifens, weitergeführt und korrekt ins Ziel einfährt. Vielleicht das langlebigste Stück dieser Serie. Wenn da nicht die auf diesem Tape vier Mal vertretenen und auf höchstem Niveau zaubernden Empty Wien wären: „Thomas Szabdz“ ist minimalistischer Elektropop, „Mitch“ ist ebenso bezaubernder Pop, doch hintergründiger und dann der Knaller „Leave It“, der ein ganz, ganz großer Hit hätte sein sollen, denn selten erleben wir einen solch sicher in sich ruhenden, elektronischen Sound mit dieser heiligen Absichtslosigkeit. Festlich.

Und auch M.A.L. sind wieder an Bord und drehen ihre Phaser weit auf, damit die Gitarre schön durch die Weiten des Alls driften kann. Der Titel „Pure Emotion“ ist allerdings vielleicht ein wenig übertrieben. Ein Fest für die Freunde valiumgeschwängerter Sequenzer ist Twilight Rituals „Fear For Loosing You“, welche hier die körperlose Atmosphäre mit gequältem Gesang und schneidenden Keyboardsounds anreichern und damit fast schon menschlich wirken. Gosh! Hinter Human Flesh lauert schon wieder Alain Neffe. Das verhindert nicht, das „Just Another Movie“ ein schöne, zickige Traumreise wird. Ein weiterer Titel „Conclusion“, dieses Mal von I Scream dargeboten, überfällt uns mit glitzernden Sounds, dem Dröhnen der tiefen Manuale einer Kirchenorgel und eins möchte meinen, da sei einfach nur Schönheit im Angebot.

Insane Music For Insane People Volume 6 (Insane Music – 1984)

Treiben wir weiter zu dem Tape mit der Nummer #6 (auch 1984). Natürlich regieren auch hier die sonderbaren, die erstaunlichen Lieder. Wie jenes von Eric Abithol und Valerie Desperiez, welche über die „Substance M“ nachgrübeln. Ein wenig sinnliches, aber höchst verwirrendes Stück Synth-Pop. Und Twilight Ritual kehren wieder, kredenzen uns „Tears On The Wall“, das uns mit einem ungleichen Dreieck aus Gleichmaß, Gezappel und gezogenem Gesang beglücken möchte. Jedenfalls beruhigender, als es Voidkampf ist, die eine Idee, die David Byrne und Brian Eno 1981 schon einmal umgesetzt hatten, hervorkramen: Eins nehme das Gerede eines Politakteurs und lege einen Beat darunter. Hier unter dem Titel „Politician Trying To Express His Opinion“ dargeboten. Sehr oft fällt das Wort „Very“. Tara Cross verbindet einen leicht ätherischen Gesang mit Heimorgelcharme, das ganze fein abgeschmeckt mit Spuren von Sprechgesang und fertig ist „Desperate“. Doch, das ist die Hörerin danach nicht. Eine endgültig von irdischen Sinnen losgelöste Meditation erwischt uns durch Maybe Mental und „Quiet“, welches mit hintergründigen Spracheinspielungen und entrückenden Sounds die Fesseln löst. Und das „Hotel Motorpool“, geführt von M.Soden, liegt tief im Wald, wo selbst nur selten der Wind weht, doch manchen Tages hört eins Stimmen. Spooky, sehr! Da wirkt „Tonight“ von den amerikanischen Algebra Suicide doch schon fast irdisch, normal, konkret strukturiert. Mit Text!

Doch sei noch erwähnt, daß auch die weiteren Tapes aus dieser Serie etliche Höhepunkte bieten. Seid neugierig!

Demnächst folgt ein weiterer Überblick über Sampler und Compilations aus den frühen 1980er.

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Unter Normalnull

Am kommenden Mittwoch, 22. Mai, darf ich wieder die Psychiaterin besuchen.

Es gibt viel von meiner Seite zu sagen. Und dieser Text ist mein Versuch, vorab das Getöse in erste Worte zu fassen, ohne das der Druck des „bitte sprechen Sie jetzt“ mich zum Schweigen hin hemmt.

Um den Menschen, die zufällig hier herein geraten, einen kurzen Abriß zu liefern, was bisher geschah: seit 2013 weiß ich, daß ich transgender bin. Im Dezember 2018 habe ich die psychiatrische Betreuung begonnen, die in Luxemburg verpflichtend ist, damit Leistungen in Bezug auf Transition von Seiten der Krankenkasse gezahlt werden. Am 26. April habe ich begonnen, Estradiol als Gel zu verwenden. Ebenso ist mir Androcur verschrieben worden, ein Testosteronblocker. Am 30. April wurde die Scheidung bestätigt. Der Gerichtstermin war bereits am 9. April.

Zuletzt hatten die Psychiaterin und ich an einem Outingbrief für meine Kolleg*innen gearbeitet und mit der letzten Version war sie zufrieden. Im dem Moment, da ich nun schreibe, weiß ich nicht, ob der Brief gebraucht wird. Denn die Hormontherapie läuft anders, als ich erwartet hätte.

Das sich optisch schnell etwas ändert, wurde mir schon ausgeredet und ich hatte auch gar nicht damit gerechnet. Die Psychiaterin ließ mich wissen, daß ich darauf gefaßt sein müsse, verletzlicher zu sein. Dünnhäutiger.

Nun, da ich mich in eine zweite Pubertät begebe, war ich mir auch dessen relativ sicher. Und leider hatte ich mit Hormonbehandlung bereits 2009/2010 Erfahrungen sammeln müssen. Damals ging es um Serotonin. Um die Bekämpfung meiner Depression, die mich bis 2012 mindestens einmal an den Rand zum Suizid gebracht hat. Die Tablettenbehandlung brachte eine verminderte, emotionale Beteiligung. Ein Leben, wie hinter Milchglas. Abgeschnitten und abgelegt. Es waren einfach die falschen Tabletten, die Diagnose dieses gottverdammten Profis brauchte fünf Minuten, dann war das Rezept ausgestellt. Ich setzte die Tabletten im Herbst 2010 wieder ab. Ohne Rücksprache mit dem Profi, in den ich überhaupt kein Vertrauen mehr setzte.

Im Frühjahr 2011 begann ich eine neue Therapie, die dann auch damals – auf lange Sicht – Fortschritte brachte. Auch neue Tabletten, die halfen, ohne einen Glaskasten überzustülpen.

Ich kenne mich also ein wenig auf dem Gebiet der Medikation aus.

Und die ersten Tage mit Estradiol und Androcur waren turbulent.

Ob das, was mit meinem Körper geschah, alles davon verursacht wurde? Eher nicht. Aber es kamen Kurzatmigkeit (richtig schlimm teilweise), Verwirrungszustände, Entwirrungszustände (ein Passwort, das mir in den letzten Monaten beim besten Willen nicht mehr einfallen wollte, war plötzlich wieder da), kurze geistige Lichtblitze (scheisse, ich finde kein besseres Wort dafür), Herzrasen, der Wunsch mich zu töten.

Nach drei Tagen halbierte ich beide Dosen. Es wurde etwas besser. Der heftige Seegang jener drei Tage beruhigte sich leidlich. Dennoch blieb vor allem das Rasen der Verstands. Und auch die immer wiederkehrenden Momente, in denen mentale Dunkelheit nach meinem Leben griff. Sie waren da.

Ich ließ Androcur ganz weg. Versuchte immer mal wieder die halbe Dosis auf täglicher Basis einzunehmen. Immer wieder das selbe: einige Stunden im Körper kamen die Todessehnsucht. Als wenn der Rest nicht schlimm genug wäre?

Was ist dieser Rest?

Zunächst einmal ist da noch dieser Gedanke, das Testosteron… mich… am… leben… hält? Körper… geht’s noch? Willst du mich verarschen? Du weißt ganz genau, das ich seit ich denken kann (und das sind inzwischen wohl lockere 40 Jahren), mit dem männlich gelesen Leben, diesem Bild eines Mannes nicht klar kam! Das ich unbewußt immer diese geschlechtlichen Grauzonen gesucht habe. Das ich verdammt nochmal in meinem stillen Kämmerchen Glamrock liebte, weil er auf geschlechtliche Abgrenzung kackte und neue Freiheiten für graue Mäuse, wie mich, offerierte. Im Moment habe ich das Gefühl, ich wäre besser dort im Closet geblieben.

Um einen technischen Vergleich heranzuziehen.

Die HRT mit Estradol verursacht in meinem Körper, Geist, Verstand ein Gefühl, als würde in einem Fahrzeug während der Benutzung das Getriebe gewechselt.

In manchen Teilen meiner Selbstempfindung ist ein verschlingendes NICHTS. Jaja, es wurde vorher davon gesprochen, daß sexuelle Erregung rückläufig sein werde. Doch darum geht es gar nicht, die interessiert mich im Moment auch tatsächlich nicht. Das NICHTS fühlt sich im Großraum von Brust und Herz. Dort zerreißt es alte Strukturen. Waren die schlecht? Ich weiß es nicht. Sie sind nicht mehr da.

Ist das der Weg von Deadname H zu Isa? Als wenn es diesen Weg nicht schon zuvor gegeben hatte? Sogar mit Freude war er beschritten. Nun, so viel Freude, wie das Umfeld zuließ, denn der Wechsel zog auch einiges an real beschädigten Strukturen mit sich. Und doch war es innerlich befreiend, sich selbst diesen neuen Namen zu geben. Das, was aber gerade körperlich, mental geschieht, ist etwas anderes, noch nicht definierbar, außer, das es fühlbar kaputt macht, doch es entsteht nichts Neues. Noch nicht, jedenfalls.

Ich kann mit niemanden sprechen. Ich kann gerade mal diesen Text schreiben, und auch das fällt ungemein schwer, denn die Stunden, denen ich die Worte abringen, lassen sich nicht als Zeitringe abbilden.

Kurz nach Beginn der HRT kam es zum unvorbereiteten und ungeplanten Outing vor zwei Arbeitskollegen. Sie fragten mich, wie es mir gingen und sie wollten es auch wirklich wissen, da ich sehr schlecht aussah. Und sie nahmen sich auch Zeit. Nun, es waren auch zwei Kollegen, von denen ich ahnte, daß sie positiv, empathisch und aufbauend sein würden. So war es auch.

Aber inzwischen ist es schwieriger geworden. Mit meinen beiden besten Freundinnen M und S habe ich seit Tagen nicht mehr kommunizieren können. Ich kann keine Whatsapp-Nachrichten abhören, weil ich mich sofort schuldig fühle, da von mir keine Antwort kommen wird.

Warum? Ich weiß nicht, wer antwortet? Wer bin ich überhaupt noch? Das Abbruchunternehmen HRT oder andere damit geweckte innere Faktoren leisten ganze Arbeit. Die Bilder werden von den Wänden genommen. Es sind noch Schatten zu sehen. Und es wird alles schwerer. Der Körper an sich wurde jetzt drei Wochen lang heftig beansprucht und schmerzt an allen Ecken und Enden.

Kann ich noch weitermachen? Was würde passieren mit mir, wenn ich weitermache? Wenn ich stoppe, wie geht es dann erst recht weiter?

Die Frage ist dann erst recht, wer ich überhaupt noch bin?

Ich suche Antworten, habe aber keine Ansätze mehr. Ich bin unter Normalnull gerutscht.

Hilfe.

Der Glaube an einen Gott – was?

Liebe Welt,

an dieser Stelle erwartet Dich eine äußerst subjektive Meinung.

Es geht dabei um folgende Thematik: Viele Menschen kommen in ihrem Leben sehr gut ohne jeden religiösen Gottesglauben aus. Oft wird dieser erst wichtig im Angesicht des eigenen Todes. Meine Frage hierzu ist einfach: Warum?

Daher möchte ich nun drei Beispiele konstruieren, um nachzuvollziehen, was hier geschehen mag.

Wir begegnen unserem ersten Atheisten, der gerade von seinem Arzt die Nachricht erhalten hat, daß eine unheilbare Erkrankung terminal enden wird. In absehbarer Zeit. Der zweite Atheist steigt gerade über eine Absperrung, und steht im nächsten Moment am Rande einer Autobahnbrücke. Er blickt in die Tiefe. Die dritte Testperson, der wir uns widmen, ist gerade aufgrund eines schweren Autounfalls aus seinem Fahrzeug geschleudert. Er liegt auf der nassen Fahrbahn, kann sich nicht mehr bewegen, seine Augen sind offen und in den grauen, wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Wichtige Knochen sind gebrochen, es kann nur noch Momente dauern, bis der Tod eintritt. Was mag dieser Person durch den Kopf gehen? Hier ist natürlich zu beachten, daß ein Unfall zunächst einen massiven Schock auslöst. Es ist beobachtet worden, daß in einer solchen Situation das Schmerzempfinden eines Verunfallten durch den Schrecken geschwächt, beziehungsweise gar unterbrochen wird. Ist der Beginn des Glaubens eine Sekundenentscheidung? Während der Sterbende möglicherweise noch einmal mit Stationen seines Lebens im Schnelldurchlauf konfrontiert wird? Geschieht das mit dem Sterbenden? Laut Menschen, die an diesem Punkt des Geschehens letztlich wieder zurück in ihr Leben geholt wurden, soll solches passieren. Auch wird von weißem Licht berichtet. Ich gehe davon aus, daß eine gewisse körperliche Reaktion teilnimmt, der schmerzdämmenden Wirkung eines Schocks gleich. Doch ist es letztlich eine Sache der Neurobiologen hier auf Dauer für Klarheit über die Prozesse zu sorgen, die vom Moment, in dem das Sterben beginnt, bis zum letzten Atemzug und zum Stillstand der Hirnfunktion ablaufen. Und ich bin mir sicher, daß diese Erkenntnisse noch auf sich warten lassen werden. Sie sind auch möglicherweise für die hier gestellte Frage nicht sehr wesentlich. Denn es geht um eine Wahl, die ein Mensch trifft. Dies wird er vermutlich nicht erst im Angesicht des eventuellen weissen Lichtes erledigen, es sei denn, dieses ist so strahlend, daß unter den letzten Worten „mein Gott!“ der vormalige Atheist noch auf das Ja-Feld hüpft und dahinscheidet.

Wir liegen derzeit jedoch auf kaltem Asphalt und starren in den grauen Himmel. Schmerzen empfinden wir keine mehr. Es breitet sich eine fast angenehme Wärme in den noch funktionierenden Teilen unseres Körpers aus, der immerhin gerade noch mit unermesslicher Wucht durch die Luft geschleudert wurde. Beim Aufprall, den wir gar nicht wirklich wahr nahmen, hätten Umstehende widerliche Knackgeräusche hören können. Wir nehmen nur noch vage wahr, was um uns herum geschieht. Es ist still. Beängstigend still. Keine Motorengeräusche, keine Vögel, nichts. Wir spüren keinen Luftzug. Die Sinne sind abgeschaltet. Alleine die Signale der Augen dringen noch vor in unser Hirn. Ist dieser Moment der vielleicht größtmöglichen Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann, der Zeitpunkt, in dem Gott in das Leben auch eines Atheisten eintritt, und das ohne die listige Hilfe eines Blaise Pascal? Noch finde ich keine Antwort in diesem Szenario. Daher blicken wir etwas näher hinein in diesen langen Augenblick.

Gesetzt dem Fall, daß der Sterbende tatsächlich mit Eckpunkten seines Lebens konfrontiert wird, und auch eine gewisse Klarheit und Einsicht herrscht, daß es sich nun um einen Schlußstrich handelt, daß die Summe gezogen wird, und somit auch ein möglicher Sinn im bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Handel erkannt wird, so kann ich mir vorstellen, daß ein Gefühl des Loslassens einsetzt. Das ein Gefühl der Rückkehr einsetzt. Natürlich befinde ich mich im Raum der Hypothese.

Hier betrete ich in diesem angenommenen Raum auch ein Zimmer, in welchem Gott sitzen könnte. Ich schließe die Tür hinter mir. Die Akten meines Lebens habe ich in der Hand, sie sind in den Jahren angelegt worden. Ich habe darin geschrieben, andere haben daran mitgewirkt. Es ist ein Tisch in diesem Zimmer, auf welchem ich die Papiere ablege. Gegenüber des Tisches hängt ein Spiegel, in welchem ich ein Licht erblicke. Doch ist es nicht ein Licht, sondern leuchtender Staub, dessen hellende Wirkung langsam nachläßt.

Indessen werden die Akten, welche auf dem Tisch lagen, von einer Substanz aufgelöst. Das Licht im Spiegel läßt weiter nach, schon wird dahinter die Finsternis sichtbarer. Der Tisch ist leer. Der Raum ist leer. Die Materie hat sich in einen neuen Zustand gewandelt. Sie wird sich an anderen Stellen des Weltenraumes neu zusammensetzen in ihren molekularen Strukturen. Es wird eine Form von Reinkarnation möglich sein, die für den Menschen, der sich Vorstellungen darüber macht, nicht fassbar sind. Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.

So erlischt denn unser Blick, auf dem Asphalt liegend.

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Patina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

„Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Daneben, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich durch Menschen von außen mit Zwang oder Macht, beziehungsweise dem Individuum selbst implantiert wird.

Den letzten Atheisten in diesem Text wollten wir gemeinsam mimen an einem Tag, an welchem jener von seinem Arzt erfährt, daß er zum Beispiel einen nicht operablen, bösartigen Hirntumor im Endstadium habe. Doch ist dies kein wirklich faszinierendes oder beispielhaftes Szenario. Wir alle leben vor dem Tag X, an welchem uns entweder mitgeteilt wird, daß es uns bald erwischen wird oder der Tod kommt und nimmt uns mit. Insofern ist nicht unbedingt wichtig, einen solchen Umstand in die Untersuchung einzuflechten, ob der uns sicherlich erwartende Tod zum gläubigen Menschen macht. Im ersten Beispiel blickten wir dem Tod ins Auge im Nachgang eines schweren Unfalls. Im zweiten Beispiel ersehnten wir den Tod durch eigenes Zutun. In beiden Folgen stand der Tod wartend an den Türrahmen gelehnt. Nun sitzt er vielleicht noch irgendwo in einem Café und schaut hin und wieder auf seine Uhr, die ihm sagt, daß wir noch mehr oder weniger Zeit haben, bevor er sich zu uns aufmacht. Was machen wir mit der Zeit?

Das ist wahrhaftig die Kernfrage. Noch einmal für alle: Die Frage lautet nicht -> Was mache ich mit Gott in meinem Leben? Die Frage lautet -> Was mache ich mit der Zeit, die mir bleibt?

Hier tut ein weiterer Absatz Not, um die Wichtigkeit des gerade Geschriebenen massiv zu unterstreichen. Ich hätte es auch in Fettdruck setzen können, das spare ich mir aber in diesem Moment, da ich darüber schreibe.

Ich habe gerade zum letzten Male Gott vor die Tür geschickt. Dort bleibt er. Er kann die Religionen mitnehmen. Sie sind nicht von Belang. Warum?

Im ersten Beispieltext habe ich folgendes geschrieben, was ich auch jetzt noch als so wichtig empfinde, das ich es zitiere: „Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.“ Das bedeutet, daß – sofern es in dem uns umgebenden Kosmos ein göttliches Prinzip walten mag – dieses weder mehr noch weniger ist, als eben jener kosmische Atem, der den Anfängen innewohnt. Das heißt, wenn wir das Bild des Zimmers weiternutzen möchten, daß Gott dort nicht anwesend ist. Eine Ahnung seiner mag dort vorherrschen. Eher noch liegt auf dem dort auch imaginierten Tisch eine Notiz, die besagt, daß das göttliche Prinzip existiert. Der Mensch mag dies aufnehmen. Er mag es ignorieren. Ich tendiere eher dazu, ein solches göttliches Prinzip als möglich anzusehen, zumal ein Beweis für oder gegen diese Theorie von einem menschlichen Verstand nicht zu erbringen ist. Doch was heißt das für die Frage, die ich zuvor stellte, nach der Zeit, die bleibt?

Eine Antwort hierzu lautet: Nehmen wir alle religiösen Schriften und erklären sie zu Literatur. Nennen wir sie historisch oder fiktiv. Gehen wir davon aus, daß darin moralische Aspekte verhandelt werden könnten, die mehr oder weniger nützlich für uns sind.

Welchen Wert haben die Religionen, die Glaubensarten an einen Gott, der auch weitläufig mit Persönlichkeitsbild ausgestattet wird? Sie bieten dem Gläubigen einen Rückhalt, einen Orientierungspunkt, sind Wegweiser und Stabilisator. So sollte es sein, im Falle eines Glaubens, der eine gewisse Festigkeit erreicht. Wäre dem so, wäre ich als Person weiterhin ungläubig und zweifelnd, doch glücklich. Doch ist eine Natur der Religion, daß sie Symbole braucht und Richtstätten. Sie benötigt periodische Selbstvergewisserung. Darin berührt sie die Wege der Ungläubigen. Wir, die anderen, sehen die Bauwerke. Das stört mich als Individuum nicht. Gerade was architektonische Anmut anbelangt, haben gerade die Opulenz der katholischen Kirchen des Mittelalters, sowie des Islam bis in das 16. Jahrhundert Wegweisendes vollbracht. Insofern ist mein Ausblick hierzu gar positiv. Was aber ist mit den Menschen, die ausgreifen auf die Welt der Zweifler? Hier steht es anders.

Und dieses „Anders“ werde ich hoffentlich irgendwann in einen Text fassen können. Es bleibt spannend.

Deutschland, ein Abschiedsbrief

Der Sommer 2006 liegt noch nicht so lange zurück, daß eins die Großeltern darauf ansprechen müßte. An das erste sportliche Fähnchenschwenken im ganzen Land kann eins sich noch ziemlich gut selbst erinnern. Es war auch durchaus heiß in jenem Sommer. Dazu sangen die Sportfreunde Stiller noch ein nationales Fußballliedchen und der damals politisch unbedenklich scheinende Xavier Naidoo durfte auf den schweren Weg hinweisen.

Und dennoch verursachte mir dieser sogenannte leichte, fröhliche Patriotismus damals bereits eine Übelkeit, die sich leider inzwischen bewahrheitet hat, denn zwölf Jahre später sprechen wir von einer neuen Liebe zur Nation, zum Volk, die an Widerlichkeit alten Standards mit hängender Zunge hinterher eilt. Das ich nebenbei weder die Sportfreunde Stiller leiden mag, als auch dem sossigen Euro-Soul von Naidoo alleine oder mit seinen Stadtsöhnen nichts abgewinnen konnte, sei mal dahin gestellt.

Doch lange Rede, kurzer Sinn, sprich deutsches Sein.

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Der deutsche Nationalismus? Ist das überhaupt etwas anderes, als eine unglaublich schlechte Idee? Wo kommt es überhaupt her, dieses Deutschsein? Worauf fußt es? Ist die deutsche Geschichte wirklich so wertig und gehaltvoll, das – zeitlich quantitativ gesehen – eine Phase von zwölf Jahren zum Fliegenschiss wird, wie es ein Herr Gauland so gerne sehen mag?

Nein. Grundsätzlich nein.

Denn die Frage sollte anders gestellt sein, um zur Essenz zu gelangen: Wo beginnt die deutsche Geschichte? Welchen Weg nimmt sie daraufhin?

Das Konstrukt „Deutschland“, wie wir es heute im Jahr 2018 kennen, ist eine Idee des 19. Jahrhunderts und wurde 1871 hergestellt. Dieses – damals Deutsche Reich genannte Gebilde – entstand als Folge des gerade beendeten Deutsch-Französischen Krieges. Der Traum einer sogenannten geeinigten deutschen Nation, der war schon ein paar Wochen älter. Wie in vielen anderen Teilen Europas, entwickelte sich vornehmlich nach dem Ende der Ära Napoleon und dem Wiener Kongress (1815) ein verstärkter Wunsch nach dieser Art von nationaler Einigung und Stärkung.

Ergeben wir uns einem schönen und höchst abstrakten Gedankenspiel:

Wir begenben uns nach Manchester in die Lesser Free Trade Hall. Wir schreiben das Jahr 1976, genauer gesagt den 4. Juni. Auf der Bühne des Konzertsaales tritt Napoleon Bonaparte auf, im Gefolge hat er Marat an der Gitarre, Danton am Schlagzeug und den wilden Robespierre am Bass. Ein imposantes Stück nationaler Revolutionskultur mit imperialem Charakter. So sahen es die Bewunderer vor der Bühne, auf welcher ein Mann, der sich in der gelebten Wirklichkeit Johnny Rotten nannte, mit finsterem Blick und quasimodisch gekrümmtem Rücken der Anarchie, dem Ende des faschistischen Königinnentums und den Freuden des Urlaubs im Elend der Anderen, ein Loblied sang. Angefeuert durch gradliniegen Kein-Spass-Versteher-Fressetreter-Rock. Vor der Bühne standen neben späteren Musikern der Bands Joy Division, The Smiths, The Fall, The Buzzcocks nun in unserer Spielwelt der junge Messerstecher Sand, der feurige Maßmann, der sportliche Jahn. Alle glotzten auf die Bühne, glaubten kaum, was sie da sahen. Verstanden aber intuitiv, daß die Ideen der Sex Pistols, wie auch der großflächigen französischen Revolution mit ihrem imperialen Nachgang in ihren eigenen Händen zu fantastischen Ergebnissen führen müßten: „Klar, können wir das auch!“

Und so zersplittert, wie das musikalische Spektrum der Sex Pistols und ihrer gerade noch huldigenden Nachfolger erscheint, so sahen die Ideenwelten der jungen Träumer von einer geeinten deutschen Nation aus. Und doch einigte die Musiker aus Manchester und London, die Revolutionäre aus Paris, den korsischen Welteroberer und die Burschenschaftler, die vor allem aus Jena stammten: Sie wollten die alten, verkrusteten Strukturen aufbrechen. Und zur Not mit Gewalt. Die Herren aus dem England des 20. Jahrhunderts beließen es jedoch bei krawalldurchtränkter Musik.

Was mag die jungen Menschen im sogenannten Vormärz geritten haben? Weshalb suchten sie nach freier Entfaltung, vor allem im Bereich der Meinungsfreiheit, die nach 1815 geradewegs enorm unterdrückt wurde (ein Name der hier zu nennen ist: Wenzel Fürst von Metternich, der beste Gedankenpolizist jener Epoche). Darüberhinaus suchten die jungen Männer nach einem „einig Vaterland“. Obwohl die Kleinstaaterei des 1806 durch Napoleon beendeten Heiligen Römischen Reich deutscher Nation durch die Ergebnisse des Wiener Kongresses massiv begrenzt wurde, so sahen viele der damaligen, progressiv Posierenden doch noch zu viele Einschränkungen, die der inzwischen existierende „Deutsche Bund“ mit sich brachte. Doch was wollten sie einigen? Ein Land, das noch bis 1806 aus über 300 verschiedenen Klein- bis Großstaaten existierte. Ein Flickenteppich! Ein potentieller Fiebertraum reicher Philatelisten und Zollverfechter. Und doch ist genau dieser Zustand der, welcher dem sogenannten deutschen Wesen von der Pike auf entspricht.

Mögen sich die großen Nationen, Frankreich und England, damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts, letztlich um ihre Hauptstädte herum aufgebaut und darauf fokussiert haben, so daß Paris und London den Status des Zentrums der jeweiligen nationalen Welt inne hatten, so gab es auch nach 1815 im Deutschen Bund genügend Länder, die über eine zu große regionale Eigenliebe verfügten, als das sie sich in einem größeren Ganzen namenlos verschwinden sähen: Allen voran das Königreich Österreich, aus deren habsburgischer Dynastie noch bis 1806 der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation entsprang. Das Königreich Bayern. Das Königreich Hannover, das bei Gründung des deutschen Bundes noch in Personalunion mit Großbritannien regiert wurde. Das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Baden. Das Königreich Sachsen. Das Königreich Preußen sah sich in den Träumen eines geeinten Deutschlands schon von vornherein als führend und dies ging auch in Erfüllung. Um Österreich herum entsprang sich denn auch bald die Frage nach einer groß- oder kleindeutschen Lösung, die ab der 1848er Revolution diskutiert wurde und im Deutschen Krieg von 1866 zugunsten der kleindeutschen Lösung ausgekämpft wurde. Hernach hatte sich die Vorherrschaft des Preußischen Königtums im Norddeutschen Bund herausgestellt, die dann im 1871 gegründeten Deutschen Reich allumfassend wurde. So weit, so auch noch aktuell. Denn a) ist das preußische Element als Ursprung der sogenannten deutschen Tugenden prägend gebliebe und b) ist auch der Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ab 1949 geprägt durch den alten Föderalismus, der uns die Bundesländer beschert, die wir oben noch teilweise nachlesen können.

Womit wir uns einmal dem Preußentum zuwenden, um hier allen genealogischen Träumen großdeutschen Ausmaßes einen schönen Riegel vorzuschieben.

Wer ist heute noch Preuße und damit ein korrekter DIN-A0-Deutscher? Niemand.

Warum? Die Bezeichnung „Preuße“ geht auf den germanischen Stamm der Pruzzen zurück, die ihr letztes Siedlungsgebiet im heutigen Ostpreußen besaßen. Und die guten Pruzzen waren Heiden. Worauf ein heiliger Kreuzzug ausgerufen wurde, der Deutsche Orden, noch unterwegs gegen andere sogenannte Ungläubige gegründet, nun gen Osten zog und die Pruzzen mit Bibel und Schwert missionierte, assimilierte. Das „deutsche“ Ordnungsprinzip funktionierte mit der richtigen Ausrüstung auch schon im 13. Jahrhundert. Oder: Es ist nichts, worauf eins irgendwie stolz sein müßte. Denn letztendlich ist der Ausdruck „Preuße“ eine weitere Bezeichnung für eine erfolgreiche, koloniale Assimilation. Wir wollen nicht verhehlen, daß andere europäische Nationen in späteren Jahrhunderten hier noch größere Erfolge erzielen sollten. Weswegen folgt: Die Bewohner dieses Kontinents sollten generell und allesamt vor Scham niemals wieder aufrecht gehen dürfen.

Ein kleines Beispiel für die Besonderheiten, der aus den preußischen Tugenden erwachsenen deutschen Wucherungen:

Als der spätere „Alte Fritz“, König Friedrich II., ein heranwachsender Jüngling war, waren ihm die Tugenden und vor allem die teutsche Pflichterfüllungsgeilheit recht gleichgültig. Sein Vater, der Urahn alles Soldatischen, König Friedrich Wilhelms I., sah dieses verweichlicht, verweiblichte Wesen und es bekümmerte ihn. Sein Kummer war derart groß, das er den Freund seines Sohnes, Hans Hermann Katte, aus tiefer väterlicher Liebe vor den Augen des Sohnes mit dem Schwerte hinrichten ließ. Schließlich wollten der Sohn nach England ausbüchsen! Und er spielte Flöte!

Ein Satz, der keinem stramm deutschen Bürger je einfiel: Mit dem Leben anderer spielt man nicht.

Zwischenspiel:

Habe ich bis dato über den zwölf bis tausend Jahre währenden Gauland’schen Mückenschiss geschrieben? Nein. Ist Deutschland trotzdem eine schlechte Idee? Klar, weil sich auch im Vorfeld schon zeigt, wie schlecht der stramme Deutsche mit seiner Umgebung klarkommt, wenn jenseits der Pfichterfüllung Ansprüche oder Ideen aufkommen. Gibt es ein Objekt, das dieses Deutschtum beschreibt: Die Scheuklappe.

Noch ein Nachsatz zum sogenannten Soldatenkönig, jener Friedrich Wilhelm I. (ab hier kurz FW1). Er mag einiges gutes erreicht haben in seiner Amtszeit: Er beendete den teuren Prunk seines Vaters und brachte damit die herrschende Obrigkeit für eine kürzere Zeit wieder näher an das Volk heran; und er führte die Schulpflicht ein. Klingt erstmal gut, doch die Kehrseite war: Weniger Prunk bedeutete mehr Geld für Stehende Heere, die dann auch bitte mal kämpfen gehen. Und die Schulpflicht barg den Hintergedanken, daß die aufblühende preußische Bürokratie ihre Angestellten nicht im Ausland einkaufen müsse. FW1 mochte den Gedanken hier die eigene Beamtenschaft heranzuziehen.

Womit wir uns nun noch einmal den Menschen zuwenden, die zu Beginn dieses Textes, eine einige deutsche Nation herbei träumten. Wie schon illustriert, handelt es sich bei dem ursprünglichen Konglomerat um ein wüstes Durcheinander. Wenn wir hier das Jahr 1817 ansetzen, und damit auf das Wartburgfest verweisen, auf welchem diese ach so progressiven Ideen erstmals in die Welt gerieten, so waren damals gerade 169 Jahre vergangen, seit dem ein grandioses „Wir hauen uns alle so lange gegenseitig auf die Schnauze, bis in diesem Reich deutscher Nation wirklich kein Mensch mehr aufrecht steht; den Rest soll die Pest dahinraffen!“ zuende gegangen war. Okay, es ging dabei um Glaubensfragen (ich drehe mich gerade heimlich kichernd zur Seite). Und als Ergebnis gab es – neben der erwünschten Entvölkerung – tausend neue Bonsaistaaten. Diese waren weshalb entstanden? Etwa aus Machtinteressen? Wo doch jeder stramme Deutsche, auch jene des 17. Jahrhunderts sich gerne unter dem einen nationalen Prinzip vereinen? Oder etwa nicht? Natürlich nicht. Der schon erwähnte Soldatenkönig FW1 war noch nicht über uns hergezogen, und hatte diese Längen- und Breitengrade eingenordet. Vor ihm ging es nur um Machtfragen, hernach um Pflichterfüllung und Machtfragen.

Und um die Männer von 1817 ein wenig zu verteidigen, in ihrem scheinbar sinnlosen Tun: Es gab schon zuvor seit Jahrhunderten etwas, das alle Deutschen vereinigte: Der Judenhass, der gute, gepflegte Judenhass. Hier fand sich seit je ein kleinster, gemeinsamer Nenner, der sie alle aus allen Ecken zusammentrieb, um die Forken in die Luft zu reißen und sich der aufgestauten Wut und Empörung über die ungerechte Kreuzigung Jesu (und alle anderen Schandtaten dieser Menschen) Luft zu machen.

Was ich mich frage: Wäre dieser Jesus Christus mit seiner Botschaft in Preußen um circa 1715 erschienen…

Wieder muß ich mich erst kichernd zur Seite drehen, und doch darauf ganz ernst nachlegen: Haben die Menschen in Deutschland diese fast schon trostlos dämliche Suche nach den immerwährenden Sündenböcken eigentlich inzwischen in den Griff bekommen? Nein? Ja, wird’s bald! Wir wollen doch inzwischen ein fortschrittlicher Haufen sein, oder?

Und doch haben die Männer von 1817 im Grunde genommen das Richtige erträumt, jedoch blieben sie, weil sie es in ihrer burschenschaftigen Engstirnigkeit nicht besser hinbekamen, gerade auf den Weg gekommen, wieder stehen. Wir stellen uns vor: Sie wollten einen Marathonlauf bestreiten, doch nach zwei Kilometer ging ihnen die Puste aus. Ja, sie dürfen ausgelacht werden. Das ihr Plan unter der Federführung eines Bismark dann umgesetzt wurde und ein Deutsches Reich unter preußischer Führung entstand, das der Welt dann zwei Weltkriege schenkte. Sie hätten möglicherweise den Gedanken des Marathonlaufes verworfen, doch halte ich fest: Im Kern hatten sie die richtige Idee.

Denn: einen großen Staatsraum schaffen auf der Basis mehrerer kleinerer Nationen, die untereinander teils sehr verschieden sind und damit einen legislativen und exekutiven Rahmen zu schaffen, in welchem ein friedlicheres Miteinander einer äußerst großen Zahl an Menschen möglich wird, das ist nicht nur der Deutsche Bund gewesen, und nicht nur die heutige Bundesrepublik Deutschland, sondern das ist vor allem: die Europäische Union. Vor dieser Union verbeuge ich mich in Demut und Freude. Einen maximalen Fehler muß diese Europäische Union nur noch in den Griff bekommen: Sie möge eine Union sozialen und menschenrechtlichen Einheit werden, nicht nur eine wirtschaftliche.

Und nun zu Dir, lieber Patriot,

falls Du es in diesem wilden Text bis an diese Stelle, zu dieser direkten Ansprache geschafft hast, lass Dir eines sagen: Solltest Du nicht mindestens die Hälfte dessen verstanden haben, um was es im geschichtlichen Teil des Ganzen ging, dann gebe ich Dir noch einen kleinen Rat: Du kannst Dich sicherlich in jeden Online-Menschen verlieben, verknallen, crushen, aber um zu lieben, solltest Du etwas Kenntnis von dem haben, was Du vermeinst zu lieben. Und wenn Du sagst, Du liebst Deutschland, solltest Du schon dessen Geschichte in all ihren Schattierungen kennen. Und es sind viele dunkle Ecken.

Nun möchte ich einmal die Idee der deutschen Natur untersuchen. Hier darf sofort der Einwand getätigt werden, daß jeder deutsche Bürger, auch die strammen, doch letztlich ein Individuum ist. Klar, Einwand angenommen, doch wurde mir in den letzten 40 Jahren meines denkenden Lebens, so häufig eine deutsche Idee vermittelt, gezeigt oder auch um die Ohren geschlagen, daß ich gerne ein paar dieser mitgeteilten Auffassungen ansehen möchte:

1. Wir sind uns ziemlich sicher darüber, daß deutsche Bürger in den Fliegenschiss-Jahren 1933 bis 1945 ein wahres Sinnbild des Übergriffigen waren. Hat sich das nach 1945 geändert? Jein. Die Deutschen haben die Waffen weitestgehend niedergelegt. Anstatt dessen fahren sie in Urlaub, bringen gekaufte Ehefrauen mit, moralisieren mit Gusto die Zustände in anderen Teilen der Welt, und als ein schönes preußisches Erbe, buckeln sie ebenso mit sehr elegantem Diener vor jeder gerade höher stehenden Machtstruktur. Gefördert wurde diese waffenlose Kontinuität durch die nie auch nur annähernd durchgesetzte Entnazifizierung des großen mitteleuropäischen Landstriches, die in zahllosen Teilen von Politik und Verwaltung gerade einmal die Namen von Parteien oder Einrichtungen änderte. Und wer es im allgemeinen Taumel des Mückenschisses so arg trieb, daß er Gefängnisstrafen auferlegt bekam, der wurde spätestens ab Bestehen der BRD in Windeseile zur Bewährung freigelassen, rehabilitiert, etc. p.p.

Wir wundern uns, wenn geflüchtete Terroropfer des Islamischen Staates in Deutschland plötztlich wieder ihren Peinigern gegenüber stehen? Wie viele Opfern des NS-Regimes haben nach 1945 genau diese erbarmungswürdige Erfahrung in diesem gottlosen Land gemacht?

„Ja, aber es waren doch alles anständige Leute! Lasst sie sich doch bewähren in diesem neuen Staat, in dem auch alles anders ist.“ Diesen Satz habe ich paraphrasiert zu den etlichen Aussagen, die über verschiedenste Täter des NS-Regimes nach 1945 gesprochen wurden. Wenn ich diesen Satz werten möchte, dann wie folgt: Hohn ist ein Wort, das zu schwach ist. Spott ist ein Wort, das zu schwach ist. Niedertracht, Gleichgültigkeit, mordrünstiger Hass kommen hinzu und verbinden sich mit den vorgenannten. Gekrönt wird durch Arroganz und Herrenmenschentum.

Im Innern von vielen strammen Bürgern dieses Landes in Mitteleuropa währt das sogenannte tausendjährige Reich noch fort.

2. Des Deutschen Übergriffigkeit hat eine Wurzel. Nein, es ist nicht pure Böswilligkeit per Geburt. Sie wird erst anerzogen. Und ihr Bezugspunkt ist der öffentliche Raum. Während die meisten Europäer und Bewohner anderer Kontinente diesen öffentlichen Raum als das nehmen, was er ist: Ein Raum, in welchem sich Menschen in der Öffentlichkeit bewegen, in dem sie zusammen feiern, streiten, auch mal handgreiflich werden (was verständlicherweise dann zu Problemen mit der judikativen Gewalt führt) oder einfach nur öffentlich existieren, sieht der Deutsche diesen Raum anders: Er nimmt ihn als erweitertes Eigentum wahr. Nicht, daß der Deutsche den öffentlichen Raum pfleglicher behandelt, als jeder andere Mensch, eher tendieren große Teile der Deutschen hier zum Gegenteil, denn: „Was ich alles mit MEINEN STEUERN!!!! MEINEN STEUERN!!!! MEINEN STEUERN!!! finanziere!11!1!“

Wir lassen den strammen deutschen Steuerzahler alleine weitertoben, denn erst einmal in Bewegung gesetzt, könnte er mit seiner Wut, die eine erstaunlicherweise absolut grüne Energie ist, das gesamte Spektrum fossiler und atomer Energiegewinnung ersatzlos ablösen. Der deutsche Steuerzahler könnte eine gute Seite haben. Es bräuchte nur einige experimentelle Studien an dieser Spezies, was die genaue Art, wie die Energie abgezapft werden kann, anbelangt.

Doch habe ich hiermit schon ein ganz wichtiges Mosaikteil benannt, welches die seltsame Beziehung des Deutschen zum öffentlichen Raum verdeutlicht. Es einigt alle Völker der Welt, daß niemand gerne dem Fiskus einen müden Heller zuwirft, doch keine einem Volk ähnelnde Gruppierung, wie die Deutschen, macht einen derarten Wind um die eigenen Vermögen, die in das Wohl des Staates investiert werden, obwohl jedes eigenen Anteil hier wiederum nur der inzwischen wohlbekannte Mückenschiss ist. Dies wiederum gemessen am gesamten Einkommen des Staatswesens und nicht an dem bekanntlicherweise immer zu großen Loch, daß die Steuer in den eigenen Beutel reißt. Der Deutsche nimmt Dinge im öffentlichen Raum persönlich. Und wenn es eine POC an der Bushaltestelle ist. Und wenn es eine neugebaute Moschee in der Stadt des deutschen Strammbürgers ist. Oder ein Windrad im erweiterten Sichtfeld. Ein zu spät gemähter Rasen in der Nachbarschaft ist schon ein wahrhaftiger Grenzfall für den deutschen Bürger.

Der Deutsche nimmt die Dinge persönlich. Und genau damit sollte er endlich einmal aufhören.

Das, was der Deutsche zur Zeit am besten täte: Einfach mal den Mund halten. Einfach mal sich nicht aufspielen. Einfach mal diesen negativen Teil des Deutschseins erlöschen lassen. Das ist, was der Satz „Deutschland muß sterben, damit wir leben können“ meint.

Um noch ein Beispiel aufzugreifen: Du, Deutscher, wirst nie ausgelassen feiern können, wie ein Brasilianer. Also hör einfach mit den Vergleichen auf, hör mit dem sehnsüchtigen Hinterherglotzen auf, hör mir damit auf, den Brasilianern ungefragt zu sagen, daß sie dafür viele Dinge nicht so gut erledigten, wie Du, Deutscher. Hör auf, es nervt seit Jahrzehnten. Gehe einfach in Dich und fange an, unkommentiert, das zu tun, was Du kannst. Aber halte dich an das wichtigste in diesem Absatz: Lass es unkommentiert!

Falls jetzt inzwischen jemand das Gefühl hat, dieser Text sei unter dem üblen Stern einer Feindseligkeit zu diesem Deutschland geschrieben: Gut erkannt! Ich übernehme jedoch weder Haftung noch Verantwortung für die Fehler, die andere begehen. Diese können sich – so noch lebend – daran auslassen auch bei mir das Bild dieser Einheit zwischen Land und Bewohnern wieder zu verbessern. Die Latte liegt noch nicht einmal hoch.

Noch ein letzter Gruß: Den deutschen Wäldern ist es so was von egal, welche Götter drum herum angebetet werden, oder ob Religion einer grundsätzlich Gleichgültigkeit oder Ablehnung anheim fällt. Die deutsche Eiche ist da etwas cooler, als patriotische Schreihälse.

Sonic Youth – Trilogy (Daydream Nation, 1988)

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

1988 haben Sonic Youth ihr Doppelalbum „Daydream Nation“ veröffentlicht. Vielfach wird es als der Höhepunkt der Kunst der Band angesehen. Dazu kann eins stehen, wie eins will. Es ist Geschmackssache. Die Musik ist teilweise nicht mehr derart wild, wie auf den vorangegangenen Alben. Die Wucht eines Titels „Death Valley 69“ ist auch nicht so einfach zu reproduzieren. Außerdem, wozu? Sonic Youth sind in diesem Falle schon progressiv gewesen und haben selten Stücke geschrieben, die Kopien vorangeganer Stücke waren. Und so haben sie auf dem angesprochenen „Daydream Nation“ sich über die 10-Minuten-Grenze hinausgewagt. Ja, mit einem kleinen Trick: Es wurden drei Stücke zusammengefügt zu einer „Trilogie“, worauf sich auch der Titel des ganzen dann bezieht: „Trilogy“. Hihi.

Die einzelnen Stücke sind „The Wonder“, „Hyperstation“ und „Eliminator Jr.“. 14 Minuten Achterbahn.

Wenn nach dem Fingersliden über die elektrifizierten Gitarrensaiten die Bassdrum einsetzt, schießt das Adrenalin durch den Körper der Hörerin. Steve Shelley am Schlagzeug ist überhaupt der heimliche Held der Band. Er macht keine Scherze, er ist der Motor, der die Schrauben der Musik löst oder fest zurrt. Und in „The Wonder“ ist die Musik völlig loose, er muß erden. Von einem Looping zur nächsten 90° Abfahrt geht es in wenigen Sekunden, musikalischen Schnitten. Gehen Sie raus! Kopfhörer on oder in-ear. Lautstärke so hoch, daß Mitmenschen Sie entgeistert angaffen. Sie werden den Riss in der Realität erfahren, den die Musik Ihrem Leben antun wird. Als sei die Welt in einem Fotostudio von einem Positiv ins Negativ rückverwandelt. Alles ist so fremd, Synapsen sind falsch verdrahtet. Daydreaming Days in a Daydream Nation, heißt es dann in „Hyperstation“ und das ist eine nette Umschreibung für diese Verzerrung. Immer wieder stechen jetzt die Gitarren zu, wird an einem Rad gedreht, um Ihre Nerven weiter zu reizen. Sie wissen, wie Uma Thurman in Pulp Fiction nach dieser Spritze nach Luft schnappt? Na, wenn Sie dieses Bild vor sich sehen, sitzen Sie in der Bahn, die gerade die „Hyperstation“ verläßt. Und die Gitarrenschreie sind Medusenköpfen gleich. Wenn es nicht gerade gen Ende des zweiten Drittelstücks zu einem leichten Ausatmen kommt und selbst Steve Shelley nur noch den Shaker bedient. Kim Gordon läßt den Bass im Hintergrund dröhnen. Vielleicht schlägt sie ihn nur von hinten, um die Saiten noch in der Vibration zu halten. Und dann ist da die Minute 11:27.

Gerade war es noch ruhig, war ein Gleichmaß nach all diesem Wüten eingetreten. Jetzt: Die Gitarren, Kims Aufstöhnen, das ganze Drumkit und wieder dieser dröhnende Bass. Diese halbe Minute ist vielleicht das beste Vorspiel (nicht sexuell), das je in Musik gegossen wurde. Denn dann rutscht der Fuß auf der spiegelglatten Eisfläche aus und ab geht die wilde Fahrt. Und finster wird es! Finster! Finster! Finster! Es geht nur noch ums Überleben und nein, es wird nichts damit. Das an anderen Stellen des Internet Menschen Kim Gordons stimmliche Performance als „sexy“/“erotisch“ bezeichnen, kann nur damit entschuldigt sein, daß jene Menschen sich nicht um den Hintergrund des Textes von „Eliminator jr.“ kümmerten.

Kim Gordon nahm die Rolle von Jennifer Levin ein, die Opfer des sogenannten „Preppy Killer“, ein R. Chambers, wurde. Dieser Fall hatte New York am 26. August 1986 erschüttert. Die Aufarbeitung gerade durch die Medien, die schon damals auch ein gerne den „hoffnungsvollen, jungen Mann“ hofierten, während das Opfer nur das böse Flittchen ist, war grenzwertig. Die Verteidigung baute unter anderem darauf auf, die tote Jennifer Levin als Nymphomanin, die ein Sex-Tagebuch führte, darzustellen. Chambers wollte auch den Tod durch Erwürgen herbeigeführt haben, als er das Opfer während des „rough sex“ von sich habe stoßen wollen. Nun, ein 100-kg-Typ ist einem vermutlich etwas mehr als halb so schweren Mädchen körperlich völlig unterlegen (Zynismus wieder aus). Immerhin saß R. Chambers seine kompletten fünfzehn Jahre ab, und ist inzwischen wieder inhaftiert (Drogendelikte).

Mit diesem Hintergrundwissen gewinnt die Zeile „take a walk in the park“ eine neue Bedeutung, denn dort geschah der Mord. Wie auch „a poor rich boy coming right through me“.

Der Mond steht strahlend am Himmel in all seiner Herrlichkeit. Am Boden liegen zwei Körper. Die Band führt den Song mit Krawall und kratzigem Bass fort. Die Gitarren heulen noch zweimal auf, wie dramatisches Aufbäumen, dann wird der Druck zu stark. Das Lied ist zu Ende.

Nehmen Sie bitte die Hörer von/aus den Ohren. Sie leben. Das ist gut, oder?

Suicide Airlines


Waldo Jeffers hatte die Schnauze voll. Ständig mußte er lesen, daß wieder eine Person ihr Leben freiwillig beendete, ohne das ein wirtschaftlicher Mehrwert erzielt wurde. Er hatte wenig für diese Verlierer übrig. Und ganz der amerikanische Selfmade-Geschäftsmann, kam ihm die Idee seines Lebens. Wenn diese Menschen schon ein One-Way-Ticket buchten, so sollten sie es bei ihm einlösen und er würde ihnen dafür eine schöne, letzte Reise bieten.

Waldo Jeffers hatte in den vorangegangenen Jahren ein kleines Vermögen realisieren können, als er im anheizenden Immobilienmarkt Schrott für bare Münze verkaufen konnte. Er hatte frühzeitig bemerkt, daß diese Schraube nicht mehr fester gedreht werden könnte und hatte sich verändert, war nach Florida gezogen, um am Rande Orlandos, ein fast schon in Lockheart angesiedeltes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Immerhin wimmelte es in diesem Bundesstaat nur so von Rentnern, und diese waren auf natürliche Art und Weise Jeffers Kundschaft. Er sah sich jedoch inzwischen getäuscht: Es waren immer wieder gut funktionierende enddreißiger, mittvierziger Männer, die ihm in die Kisten schlüpften. Oft mit Würgemalen am Hals. Und im Nachgang sah er Banken, Behörden, die sich die leidlichen Restvermögen einverleibten. Und er, der die Arbeit hatte, sah seine Kosten öfter als ihm lieb war, erst nach einigen Monaten gezahlt. Vorkasse wurde eine seiner Lieblingsvokabeln. Doch in Jeffers‘ Metier war dies schwierig umsetzbar. Bis zu seiner Idee.

Waldo Jeffers plante nun sein Bestattungsunternehmen in Form einer LLC mit seinen beiden Handwerksmitarbeitern weiterzuführen, um im Falle des Falles ein Fangkissen unter sich zu haben, sollte die Idee fehlschlagen. Die Eintragungen in den Registerbehörden Orlandos wurden mit leeren Mienen entgegengenommen. Selbst der Firmenname seines Reiseunternehmens „Suicide Airlines“ zog keine gehobenen Augenbrauen nach sich. Jeffers sah dies mit einer inneren Fröhlichkeit. Sein Vorhaben nahm Formen an. Einige Jahre zuvor hatte er Europa besucht, hatte sich dort über vielerlei gewundert und hatte auch manches geliebt. Dieser Sinn fuhr das Kleinteilige hatte ihn am Nachhaltigsten bewegt, im Guten, wie im Bösen. Nun wollte er am Pittoresken andocken, und diesen Aspekt für sein Geschäft ausbeuten. Auf dieser Reise hatte er in diesem Kleinstland, das zwischen Frankreich und Deutschland zerdrückt wurde, Station gemacht und erfuhr dort nebenbei von einer Brücke, die unter Selbstmödern beliebt war. Über die Menschen, die unter der Brücke lebten, war sogar ein Film gedreht worden.

„Having a great view before you die!“

„Suicide Airlines – one way ticket to your destiny!“

„Really sick of life? – go with style! Go with Suicide Airlines“

waren einige der Ideen, die er als Werbesprüche realisieren wollte. Er kannte einige Besitzer kleiner Flugzeuge, die es bis nach Europa schaffen könnten, also begann er Besuche zu machen. Jacky Yule, der alte Geizkragen, der mit 87 Jahren noch immer nicht in die Kiste wollte, war seine erste Adresse. Nach den üblichen Gemeinheiten, die sie sich an den Kopf warfen, erklärte Waldo seinen Plan. Darauf wetterte der alte Yule: „Du willst diese wankers noch um die halbe Welt fliegen, bevor sie endlich den Löffel abgeben?“

„Das kostet sie natürlich auch eine schöne Stange Geld, Jacky! Und das ist alles für uns, wenn Du mit einsteigst.“

„Und die fallen da von dieser Brücke runter? Gibt es da keine Sicherheitsmaßnahmen?“

„Oh, ich glaube, da gibt es einen Zaun, oder etwas ähnliches. Aber das ist nichts, was nicht mit Geld zu richten ist, Jacky. Vertrau mir, da bist du totsicher.“

Beide lachten. In Jackies Mund waren kaum noch Reste von Zähnen zu sehen. Dafür rann aber das Millers gut die Kehlen hinunter.

„Wie viele Schäfchen kannst Du denn aufnehmen, Jacky?“

„Ach, die brauchen es dann ja nicht so luxuriös, oder? Dann gehen zehn Leute mit uns gut rein.“

„Oh, Jacky, bis wir am Ziel sind, muß das alles gut laufen, sonst bekommen die noch kalte Füsse. Da darf nichts schief gehen.“

„Was denn? Denen ist doch klar, daß sie nie wieder kommen?“

„Ja, schon. Denke ich mal. Aber, wir wollen doch auch, daß sie ihr Ziel so ein wenig vergessen, sonst sind die schon stundenlang in der Luft nur schlecht drauf, und ich kenne dich, Jacky. Du schmeisst die dann über dem Atlantik schon raus.“

Jacky lachte lange, bis ihn ein Hustenanfall stoppte.

Waldo Jeffers hatte einen Entschluß gefaßt. Er konnte den alten Jacky gut an Bord gebrauchen, um eine gewisse Disziplin aufrecht zu erhalten. Aber sein Flugzeug wäre nur zu gebrauchen gewesen, wenn es eine echte Kleingruppe sei, die ihre Reise bei ihm buchte. Und Jacky konnte das Geld gut gebrauchen, er sah inzwischen sogar schon schlecht für sein hohes Alter aus. Vielleicht ließe sich auch irgendwo in diesem Europa was machen, dachte Waldo. Er war inzwischen schon auf dem Weg zu Billy.

Waldo Jeffers kannte Billy O’Neill bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Army. O’Neills Eltern hatten sich aus irgendwelchen schottischen Glens nach Orlando aufgemacht und der gute Billy war vom kleinen Segelflieger zum Army-Piloten zum Steuermann diverser Großraumjets gewachsen. Inzwischen machte er in Tourismus, und konnte Waldo sicherlich in manchem planerischen Aspekt große Hilfe leisten. Jacky und Billy, die hatte er sich sofort an Bord seines neuen Unternehmens gewünscht. Seit einem schweren Verkehrsunfall hinkte Billy und schien auch seither immer weiter zu schrumpfen, schien es Waldo. Er legte seinen Plan dar, Billy kratzte seinen Vollbart, schob immer wieder die Baseballcap weiter in die Stirn, und suchte letztlich zwei Flaschen Bud.

„Coole Idee, Waldo. Sehr coole Idee! Glaube zwar, daß könnte mal richtigen Ärger geben, was? Ich mein, versteh ich das richtig? Die Leute fliegen da nach Luxemburg und springen von’ner Brücke? Und vorher zahlen die richtig Kohle?“

Waldo nickte, Billy hatte das Konzept erfaßt und griffig widergegeben.

„Aber die wollen das auch so?“

„Ach Billy, ob die sich hier zu Hause einen Strick um den Hals legen und von einem kleinen Höckerchen springen oder noch einen richtig aufregenden Flug von einer Brücke fürs Geld bekommen? Der Unterschied, das ist unser Verdienst. Und klar, wir machen Verträge. Ich suche mir mindestens zwei Anwälte, die das hieb- und stichfest formulieren werden. Das ist dann totsicher, Billy!“

Waldo schlug dem Freund lachend auf die Schulter.

„Billy, ich brauch noch guten Zugriff auf ein Flugzeug. Und ich brauche das immer bedarfsgerecht. Vielleicht fliegen mal fünf Leutchen, vielleicht sind aber auch mal fuffzig unterwegs. Wir müssen das relativ gut bedienen können. Und ich weiß, Du hast die Connection.“

Billy überlegte und nickte bedächtig.

„Ich denke, über Kissimmee können wir viel abwickeln. Oder sogar noch eher über Orlando Sanford, die werden von diesen Belgiern angeflogen, soweit ich weiß. Das ist doch dann schon fast da, wo du diese Leute hinhaben willst?“

„Das klingt doch fantastisch, Billy! Ich wußte, ich kann auf dich zählen.“

Beide lachten und als sie sich noch den Codenamen „die Susies“ für ihre kommenden Kunden ausgedacht hatten, lachten sie noch lauter.

Waldo Jeffers war in den kommenden Wochen überaus geschäftig. Er nordete seine beiden Schreiner ein, ihr künftiges Zweitleben als Geschäftsleute zu würdigen. Er besuchte gar drei Anwälte, mit denen er die rechtliche Sicherheit seines neuen Unternehmens festigte und die Möglichkeiten von Werbung abklopfte. Seine ursprüngliche Sprüchesammlung wurde dreimal als zu offensiv abgeschmettert. Waldo war ein wenig erstaunt, sah er darin doch eine hilfreiche Transparenz für die „Susies“, die dann genau wüßten, das er ihnen helfen würde.

Waldo Jeffers fand mit Hilfe eines seiner Schreinergesellen, Doug, schnell eine fähige, aber aufsehenerregend graugesichtige Webseiten-Designerin, die neben den Informationsseiten eine sanfte und gut strukturierte Buchungsmaske schuf. Doug flüsterte Waldo zu, sie werde sicher auch mal eine Kundin. Waldo verunsicherte diese Bemerkung für einige Momente, darauf wartete er nur noch auf ihre Frage nach Rabatt. Die Arbeit dauerte an, das Datenvolumen der Seite wuchs, die Maske machte sich, Waldo konnte die Spannung nicht mehr aushalten: „Finden Sie unsere Geschäftsidee nicht auch grandios? Die beste Exit-Strategie aller Zeiten, und mit tollem Panorama.“ Die Frau blickte ihn ausdruckslos an, und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Doug hatte dieser Szenerie an seinen Fingern kauend zugesehen. Waldo drehte seine letzten, langen Nackenhaare um seine Finger.

„Sie können auch gerne einen Nachlass haben.“

Nun traf ihn ein Blick voller Kälte, wie ein Sturz von einer roten Brücke, dann arbeitete die Designerin weiter, als habe nie jemand gesprochen.

Waldo Jeffers mußte nur zwei Wochen warten, nachdem die Webseite suicide-airlines.com startete, bis er die ersten elf Buchungen hatte. Jeffers hatte die ersten Buchungen für – nach seinem Ermessen – lausige 600 Dollar ausgelobt. Das dies ein Fehler war, wurde ihm erst bewußt, als ihm klar wurde, daß keiner seiner Kunden eine Fünf-Sterne-Bewertung hinterlassen würde, die folgend steigende Preise rechtfertigen würden. Im nächsten Moment wischte er diese Sorge beseite, denn das Gegenteil würde auch nicht der Fall sein, und letztlich mußte immer das Geschäftsmodell für den Kunden griffig und zusagend sein. Für diese erste Reise mußte Waldo Jeffers dennoch eine Hand voller Dollars drauflegen. Der kleinere Flieger, den Billy noch organisieren konnte, half noch das Minus zu beschränken, und es würde die ersten Susies nicht wirklich bedrücken, daß sie ab Kissimmee Airport fliegen würden. Die Mails waren automatisch versendet. Der alte Jacky war beordert, die dann doch falsch in Orlando Sanford Gestrandeten zum korrekten Flugplatz zu schaffen. Für diese Arbeiten gab es keinen Besseren, als den gutmütig gealterten Jacky, der auch einfach froh war, noch irgendwo gebraucht zu werden. Für die Fahrt hatte Doug einen umgebauten Kleintransporter organisiert. Gerade 200 Dollar hatte die Investition veranschlagt, die Doug mit den Worten: „Wenn die Kiste auseinanderbricht, kommt keiner zu Schaden, der es nicht wollte.“ kommentierte, wofür ihn Waldo heftig schalt, da schließlich ihr Freund Jacky am Steuer sitzen würde. Doug murmelte nur: „Ach, der ist auch längst überfällig. Stoß ihn doch auch von der Brücke, bitte.“

Waldo Jeffers atmete tief durch. Sie flogen seit drei Stunden schon über den Atlantik und die ganze Gruppe war noch beieinander. Wie er vermutet hatte, war die Mehrzahl männlich. Ganze zehn Herren wollten „Luxemburg sehen und sterben“, die Frau hieß Ethel, und wurde ihrem Namen gerecht. Sie sah aus, wie der fleisch- und altgewordene Albtraum einer Bibliothekarin von Nicht-Lesern. Selbst ihre Brille stammte optisch aus einem lange vergangenen Jahrzehnt. Billy grummelte, Jacky grummelte, Waldo wandte sich für einen Augenblick von allen ab. Die Susies kannten sich alle schon aus Jackys Bus, da jeder den falschen Flughafen angesteuert hatte, doch keiner sprach mit dem anderen. Billy hatte noch kleine Fluglektüren aus seinem Büro entwendet, um sie zu verteilen, doch schienen die Susies alle nur in ihren Gedanken unterwegs zu sein. Als Waldo sich wieder seinem Tross zuwandte, blickte er auf dreizehn verschiedene Welten. Nach einigen Momenten schloß Ethel zu ihm auf, und bat ihn um ein Gespräch. Jeffers seufzte innerlich, dann bewegte er sich zu ihrer Sitzgruppe, und hörte sich ihre Fragen nach dem Programm vor Ort an. Ihre letzte Frage: „Wie wird es denn geschehen?“

Waldo Jeffers und die gesamte, restliche Gruppe saßen endlich im Folgeflug von Amsterdam nach Luxemburg. Die vielen Europäer um sie herum, die in nicht-englischer-Sprache palaverten, machten Billy und Jacky doch etwas nervös, die ihre Unsicherheit vermehrt an den Susies ausliessen. Immer wieder mäkelten sie an deren

Sitzhaltung, knufften den ein oder anderen heftig gegen den Oberarm, rissen auch mal einen an den Haaren, alles immer wieder mit einem hämischen Lachen untermalt. Waldo machte dieses Verhalten auch unruhig. Beim nächsten Flug wären die Gruppen zu trennen, die Susies sollten ruhig alleine unter sich bleiben und ihr letztes Schweigen auskosten. Ja, irgendwie konnte Waldo die Genervtheit seiner Kollegen nachempfinden, diese Leute waren einfach unerträglich langweilig. Diese Verschwiegenheit, diese Grübeleien, diese verhärmten Gesichter. Und die eine Frau nicht mal ansatzweise attraktiv. Einer wollte gerade Kopfhörer aufsetzen. Billy schlug sie ihm direkt aus der Hand.

„Wir sind gleich da! Da hattest Du stundenlang schon Zeit für, jetzt ist’s rum damit.“

Waldo Jeffers warf Billy einen mässigenden Blick zu, doch dieser ließ sich davon nicht einfangen, rumorte gegenüber den nächstsitzenden zwei Susies noch weiter. Ein anderer Fluggast mischte sich nun in gebrochenem Englisch ein, und diese Intervention sorgte im entfesselten Billy endlich für die notwendige Erdung. Er zog sich auf seinen Platz zurück und schwieg bis zur Landung. Auch von Jacky war so lange nichts mehr zu hören. Einzig ein nach einigen Momenten ein geflüstertes: „Ich will endlich ein Bier.“ Waldo fühlte tief mit ihm. Selbst ihm wurde die Präsenz der Susies inzwischen zu mächtig, gerade weil sie sich geräusch- und existenzlos gaben. Er hatte ja nichts gegen introvertierte Menschen, doch dieses in die Gegend starren, das er da sehen mußte. Dieses in Hefte kritzeln, die vermutlich nie jemand anderes lesen würde. Diese ständigen Wechsel bei einem zwischen Tränen in den Augen und einem Aufblitzen von Hoffnung in den Augen. Er verstand sie einfach nicht. Sie waren so anstrengend, so anders. Waldo fühlte sich erst besser, als ihm klar wurde, daß er der Gesellschaft einen Dienst erwies.

Waldo Jeffers winkte dem Mann, der sie erwartete, am Flughafen zu. Hinter ihm die Susies, den Abschluß der sonderbaren Karawane bildeten die weiterhin ernüchternd stummen Billy und Jacky. Jean-Claude wandte sich direkt flüsternd an Waldo, dieser nickte und lächelte in Richtung der Susies. Vor dem Terminal wartete der Kleinbus, in welchem die Gruppe Platz nahm. Waldo, der sich auf den Beifahrersitz fallen gelassen hatte, wandte sich kurz nach hinten und erklärte, daß sie nun eine Stadtrundfahrt unternehmen würden. Danach sei ein kurzer Snack eingeplant und hernach noch ein gemeinsamer Spaziergang.

Als der erwähnte Spaziergang plötzlich eine unwegsame Anhöhe heraufführte, wurde die inzwischen fast gelöste Atmosphäre zwischen den einzelnen Susies empfindlich gestört. Sie sahen sich verwundert untereinander an, doch dann sahen sie den sportlichen Jean-Claude an der Spitze den Trampelpfad hinaufhasten. Waldo wies mit einer Kopfbewegung an, die Beine in die Hand zu nehmen. Es war nicht wirklich weit, doch dann sahen sich die Susies am Rand einer Autobahn angelangt, und entlang dieser wurden sie durch einen Tunnel gescheucht. Der unbeschreibliche Lärm ließ nicht nur Ethel schrumpfen. Ein Licht am Ende dieser Unterführung war nicht zu erkennen, die Dämmerung außerhalb war schon der Nacht gewischen. Einer drehte sich in der Mitte der Strecke um, doch blickte er nun in eine gezückte Waffe in Billys Hand, umfasst von einem praktischen Handschuh. Billys Blick changierte zwischen purem Glücksgefühl und innerer Vereisung. Waldo und Jean-Claude hatten sich nach dem Verlassen des Kleinbus in Mäntel geworfen, die von Jean-Claudes Kontakten vor Ort mit der entsprechenden Hardware bestückt waren, darunter auch elektrische Viehtreiber. Am Ende des Tunnels erreichte die Gruppe die rote Brücke, den Zielpunkt der Reise. Einige Nächte zuvor hatten findige Kräfte die Schutzwand aus Plexiglas an einer Stelle mit einer wiederverschließbaren Öffnung versehen, einer Tür gleich, die Jean-Claude zielsicher ansteuerte. Er drehte sich dort zum Rest der Gruppe um, stieß mit dem Fuß die Türe auf, zog seinerseits eine Glock und rief: „Wer will der Erste sein?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sich Waldo seinen Elektroschocker und Raney sprang schon von der voltstarken Welle ergriffen in die Tiefe. Jacky stieß den ersten der beiden Pauls nach vorne, der wohl noch etwas sagen wolllte, doch auch ihn traf der heftige Strom aus Waldos Hand. Nach diesem Prinzip folgten Abe, Josh, der zweite Paul, Bobby und Dave. Im Hintergrund jedoch hatte Nate andere Pläne ergriffen, doch ein Schuß aus Billys Waffe machte einen Strich durch die Rechnung. Ronny, Jake und Ethel blickten erschrocken auf den am Boden liegenden und vor Schmerz schreienden Nate, als Waldo Jake am Arm ergriff und ihn die Tiefe stolpern ließ. Ethel schmiß sich in die Ronnys Arme, doch wurde dieser durch Jacky mit einem gezielten Hieb eines Schlagrings in die Bewußtlosigkeit befördert. Billy griff sich Ethel und schrie ihr: „Wird’s bald!“ ins Ohr und warf sie die vierundsiebzig Meter in die Tiefe.

Zwei Minuten später war der Fußgängerweg entlang der Autobahn wieder menschenleer.

29.03.2019 – Liebe und Tod

Eigentlich wollte ich etwas neunmalkluges zu dem PR-Versuch von Rammstein am gestrigen 28.03.2019 schreiben, doch wurde mir schnell klar, daß eh das beste schon geschrieben wurde und ehrlich hat mich Rammstein seit ihren Anfängen nie wirklich interessiert. Und das wird sich nicht ändern. Und wichtiger ist eigentlich auch die Frage, wann in Großbritannien mal wieder reale Politik für Menschen betrieben wird?

Doch noch wichtiger ist dann das Thema, das mir in den Sinn schoss. Liebe. Verbunden mit der Frage, was Liebe ist.

Nicht, das diese Frage noch nie gestellt wurde. Vermutlich bin ich die 1.000.000 Fragende alleine in 2019. Im luxemburgisch-deutschen Grenzgebiet. Doch habe ich sicher noch fünf Cent beizusteuern.

Warum dieser Gedanke überhaupt aufploppte? Hand in Hand mit dem Satz „Der Mensch ist sterblich.“ Oha. Das macht direkt Freude, da ist die Lust am Kochen. Und vor meinem inneren Erinnerungsauge standen Menschen vor einer Eisdiele und schleckten an ihren Kugeln. Eiskugeln.

Stellt Euch diese Szenerie vor. Ihr befindet Euch in einer normisierten Fußgängerzone, dreißig Meter entfernt die Eisdiele, davor die gemischte Kundschaft, die Waren in Empfang genommen, sich wieder zerstreuend, leckend. Was denkt Ihr darüber?

Nun, wenn Euch nicht gerade der Ekel vor diesem Bild packt, so werdet Ihr mir zustimmen, das eine gewisse Verletzlichkeit offenbar wird. Wie schleckt Ihr Eiskugeln? Mit der Zunge, den Lippen? Reinbeissen? Die Kühle des Eis läßt uns vorsichtiger, sensibler vorgehen. Und die Hand, in welcher wir unser Hörnchen halten, ist ständig in Mundhöhe gehalten. Ja, optisch verliert jeder Mensch, der eine Eis to go ißt, jede Coolness. Da hilft auch keine Sonnenbrille oder andere Hilfsmittel, die zu anderen Zeiten Mängel der ausgestrahlten Kälte auffangen. Und das ist einerseits auch gut, denn Entwaffnung macht liebenswerter und menschlicher. Dieser Satz gilt jederzeit, auch in Kriegsgebieten.

In meiner Vorstellung ist da – zwischen anderen – dieser Mann. Weiß. Vermutlich 60 Jahre alt, oder gar etwas mehr. Gekleidet in die verschiedenen, von einer Mehrheit akzeptierten, Beigetöne. Hemd eher heller, Hose eher dunkler. Die Frisur ist bereits auf dem Rückzug, dafür jedoch auf die Entfernung hin sichtbar dunkle Haare auf dem Handrücken. Darunter die vorstehenden Adern. Eine goldene Uhr blitzt unter dem Hemdsärmel hervor. In den Bewegungen ist keine Sicherheit, aber Übung. Vanille und Schoko. In den Erinnerungen des Mannes kostet eine Kugel zwanzig Pfennig und er musste sich ganz schön recken, um die Eistüte aus der Hand der Frau zu greifen. Er erinnert sich auch, daß die Frau nur wenige Jahre später bei einem Verkehrsunfall starb. Auf dem Beifahrersitz.

In meiner Vorstellung ist da – zwischen anderen – dieses Mädchen. Auch sie ist weißer Haut. Es tut mir leid, die Fußgängerzone meiner Vorstellung ist nicht wirklich divers bevölkert. Das reale Vorbild ist es auch nicht. Das Mädchen ist sechs Jahre alt. Und hat Probleme das Eis, das Schmelzen des Eis, den Verzehr des Eis zu kontrollieren. Ihr Mund ist bunt. Erdbeer und Schoko färben lustig ab. Sie trägt eine Jeanshose und ein weisses T-Shirt mit buntem Aufdruck. Sie weiß nichts über die Situation bei der Herstellung ihrer Kleidung in Bangladesh. Sie weiß nicht, daß sie dort lebend, in einer handvoll Jahren auch in der Textilindustrie eine Arbeit finden müßte.

Zwei priviligierte Menschen, die ich gerade aus dieser Vorstellung herausgepickt habe. Da sind noch einige mehr, denn es ist ein sonniger Tag. Ich aber fokussiere genau diese beiden vorgestellten Individuen. Und gewiß ist, daß diese beiden Menschen sterben werden. So sicher, wie sie das Eis an ihre Lippen führen. Als wäre das Eis vergiftet, so sicher ist ihr Tod.

Was haben all diese Worte mit der Frage nach der Liebe zu tun? Mehr, als offensichtlich ist.

Wir sind letztlich hineingeworfen in unsere Lebensrealitäten. Wir bringen nichts mit, wir nehmen nichts mit. Und in einem Moment, einem Aufblitzen, führen wir die Eistüte an die Lippen. Mit offenem Mund spüren wir die Kälte und stehen schutzlos in einer Fußgängerzone, gekleidet aber in sichtbares Privileg, das dennoch unser Verschwinden nicht aufhalten wird.

So unbeholfen wir in dem Moment aussehen mögen, so zärtlich ist die Aura, die uns umhüllt. Zärtlich, aber vergänglich.

So ist Liebe.

Die Liebe, die wir brauchen.

Die Liebe, die wir geben.

Weitere Deutung finden Sie in Ihrem Herzen.

GlitzaCatz – Kapitel VII

Kapitel Sieben

Die Glitzacatz hatten Clemenz in einem Moment erwischen können, als dieser singulär war. So beschrieb Clemenz selbst den Zustand eines Mediums, wenn keine Verbindung zu einem Geist bestand. Tin wollte unbedingt erfahren, wie der Geist sein Medium fand, und wie der Kontakt zustande kam. Doch als Clemenz die Glitzacatz kommen sah, lief er ihnen in die Arme, und begann hemmungslos zu weinen.

Bitte helft mir, hier wegzukommen. Er ist jetzt nicht da. Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin schon so oft Medium für einen Geist gewesen, aber der hier, dieser Meursault macht mich so fertig. Ich halte das nicht mehr aus! Nehmt mich einfach mit weg. Egal wohin! Hauptsache ist, er findet mich nicht mehr!“

So konnte Tin nun seine erste Frage direkt hilfsgebunden stellen:

Aber wie findet der Geist Sie dann?“

Wenn er meine Schwingung in seiner Nähe wahrnimmt, kann er sich an meine Aura heften und mich so lange drücken, bis ich den Kontakt erwidere.“

Kann er nicht eine andere Person als Medium bewohnen?“

Nein, wir Medien sind leider Auserwählte. Wir haben eine Eigenart, die ich nicht genau beschreiben kann, die es sich selbst noch bewußten Geistern ermöglicht, sich an uns zu heften, um dann Kontakt zur Welt der Lebenden aufzubauen.“

Jin nickte und rief:

Dann lass uns doch endlich abhauen, wenn du so schnell weg willst!“

Tin mußte ihn beruhigen, denn sie wüßten ja gar nicht, wo der verärgerte Geist Meursaults zur Zeit waberte, um sich von jenem fern zu halten. Viel wichtiger sei zu erfahren, wie Clemenz geholfen werden könne, wenn der Geist ihn doch wieder bewohnen würde.

Meursault war ein Stadtmensch und er fasst mich eigentlich immer nur in der Stadt. Wenn wir also einfach hier wegfahren können? Ins Grüne? Da würde ich mich dann schon besser fühlen. Wenn er mich erst einmal hat, läßt er mich erst wieder gehen, wenn er müde ist und ich ihm zu viel Widerstand leiste. Er ist halt auch sehr aggressiv und will ständig, daß ich diesen Sattler verprügeln gehe. Das will ich aber nicht, der Mann hat mir nichts getan, aber der arge Meursault glaubt feste daran, daß dieser Sattler an seinem Tod Schuld trägt. Und überhaupt kann ich diesen Hass auf allen und jedes nur ganz schlecht verarbeiten, er hinterläßt immer diesen üblen Geschmack im Mund. Kein Geist hat mich je so belastet und sich so in meine Säfte hineingewässert. Ich kann, wenn er mich verlassen hat, oft nur noch stundenlang heulen. Das einzige, was mir dann noch hilft, ist Samsubarum, und damit verliere ich aber auf Dauer nur noch schneller den Verstand. Ich liebe Interzone sehr, ich bin hier zu Hause, aber hier lauert er an jeder Ecke, wenn ich nicht aufpasse. Ich habe manchmal Glück, daß ich seine Nähe spüre, bevor er mich bemerkt, dann versuche ich mich ihm zu entziehen. Es kann aber auch passieren, daß ich ihm dann genau in die Quere laufe, das ist immer mit großem Schock verbunden, wenn er mich dann mit einem Male zu drücken beginnt. Ihr könnt euch das nicht vorstellen, wenn diese Kälte über den Nacken läuft und sich der ganze Körper zusammenzieht, in sich implodieren will. Ich will dann in ein Loch fallen oder einfach zerquetscht werden, das letzte bisschen Lebensfreude aus mir herauswringen. Meine Freunde sagen immer, wie schlecht ich aussehe, seit er mich gewählt hat. Das ist jetzt zwei Jahre her und es sind die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens. Nicht einmal des Nachts kann ich ruhig schlafen. Immer wieder fühle ich diese Angst, das er mich zu drücken beginnt. Und wenn ich schlafe, träume ich von ihm, seit er mich dazu brachte, ein Bild zu seinen Lebzeiten anzusehen. Das sollen wir Medien eigentlich nicht tun, denn wir sollen neutral zu den Geistern sein. Sie sollen uns nicht beeinflussen, so wie wir sie ebenso wenig. Aber der arge Meursault, er treibt mich mit hartem Griff durch sein Leben, immer wieder auch in dieses Café, in dem er zu Tode kam.“

Es war inzwischen noch die letzte Farbe aus Clemenz‘ Gesicht gewischen. Der eher technisch gesinnte Bin, der neben Clemenz stand, legte diesem die Tatze auf die Schulter.

„Ich laufe nur noch gebückt durch die Stadt. Ich kann nicht mehr in Ruhe essen, habe schon Magenprobleme. Da hilft auch kein Kaffee intravenös mehr. Und das Zittern…“

Tin griff Clemenz‘ Hand.

„Komm jetzt einfach mit zu unserem Bus. Und dann hauen wir schnellstens aus der Stadt ab.“

Clemenz schlich mit den Glitzacatz gemeinsam durch einige Straßen, bis sie endlich den Bus erreichten. Seine Augen glänzten vor Feuchte. War es Freude, war es Angst, war es Überdruß? Es war alles.

Salynna wachte am ersten Morgen in ihrer neuen Zwischen- oder Wahlheimat auf. Am vorigen Abend hatte sie zum ersten Mal für 15 Minuten unter eine Höhensonne gedurft. Klapp Klappowitsch hatte sie dabei begleitet und über die korrekte Nutzung der Höhensonne gewacht. Unterstützt wurde Klappowitsch, ohne dessen bewußt zu sein, selbstverständlich auch von Wagner und Alessandro, die beiden Mitarbeiter der Katerei, die mit allerlei technischem Gerät das Haus der „Wandernden Sonne“ überwachten. Aus Gründen technischer Unzulänglichkeit, konnten sie jedoch nur das zweite und dritte Stockwerk des Hauses behören, so war ihnen nicht vergönnt, den Grund des Besuches von Jimmisch Joa zu ergründen, bis dieser dann plötzlich bei ihnen auftauchte, um ihnen zu offenbaren, daß der Sektier Salvatore Delayo bei Traw schwerstens in der Kreide stand und das Delayo sich seinerseits mit fest angelegten Reichtümern brüstete. Jimmisch Joa gab auch einen Hinweis auf die Herkünfte des Delayo’schen Vermögens: Delayo schien einem Produktzirkel anzugehören, welcher Handelsgüter aus dem Haus des Wolfes kopierte und günstiger in Umlauf brachte. Diese Erkenntnis ließ Wagner die Haare zu Berge stehen, denn ihm war bekannt, daß der Wolf und Delayo ein im Grunde genommen bislang gutes, fast freundschaftliches Verhältnis pflegten. Und Wagner wollte sich partout nicht ausmalen, was Delayo geschehe, wenn der Wolf von diesen Händeln Wind bekam. Das dies noch nicht geschehen war, mußte daran liegen, daß Delayo bis dato eher auf einem anderen Kontinent geschäftlich tätig war und dem Wolf bei kontinuierlichen Umsätzen seiner Produkte egal war, ob Dritte seine Einnahmen auf diese Weise anzapften. Der Erfolg der Kopien bestätigte schließlich die Überlegenheit der Originale. Wagner wußte auch, daß Delayo letztlich ein sehr pfiffiges Kerlchen war, der aufgrund seiner Vergangenheit auch relativ schnell erfassen konnte, auf welcher Basis zum Beispiel eine Ultrazig funktionierte und wie sie – bei Übernahme des bekannten Äußeren – günstig zu duplizieren war. Der Jimmisch Joa schnitt jedoch Wagners Befürchtugen ab, daß es zu einem blutigen Aufeinandertreffen Delayos mit dem Wolf kommen könnte, denn:

„Wenn er nicht übermorgen zahlt, dann findet der Wolf nur noch ’ne Leiche mit blutverkrusteten Ohren vor.“

Lachend war der Jimmisch Joa daraufhin gegangen. Alessandro und Mütterchen Ennia, die beide Zeugen dieser Offenbarung wurden, staunten noch lange schweigend vor sich hin. Doch dann explodierte Wagner:

„Jetzt müssen wir auch noch auf das Leben von diesem Luftikus aufpassen! Das kann doch gar nicht wahr sein! Wir haben hier gerade von drei Verbrechen erfahren, von denen zwei darum kämpfen, welches zuerst passiert und das dritte können wir gar nicht auf die Schnelle beweisen, und wenn wir es beweisen, bekommt eines der beiden anderen Verbrechen einen ungerechtfertigten Vorsprung auf dem Weg zum Geschehen!“

Wagner ließ sich in einen Sessel fallen und sah Alessandro wieder einige Momente zu lang an, als das dieser sich nicht zu einer Erwiderung verpflichtet gesehen hätte.

„Ja, Chef.“

Nun aber sah Salynna aus dem Fenster, auf den kleinen Vorplatz, der auf den weitläufigen Markt hinausführte, sah Mütterchen Ennia im Fenster des gegenüberliegenden Hauses und winkte ihr zu. Dieses alte, aber friedvolle Gesicht erfüllte Salynna mit einer Ruhe, die ihr noch unbekannt war, die sie aber als so schön empfand, das sie diese immer in sich tragen wolle. Sie sagte sich:

Ich bin endlich angekommen. Jetzt will ich auch endlich sein.“

Doch der Friede wurde sofort gestört, als – ohne einen Klopfer – Klapp Klappowitsch in den Raum stürmte, um kundzutun, daß

Bitte zu Delayo. Jetzt.“

Er war tatsächlich ein Mensch weniger Worte. Salynna legte noch eine Jacke über ihre Schultern und folgte dem Boten eine Treppe hinab. Auch Delayo hatte es überraschend eilig und wollte seiner neuesten Gläubigen nicht den Grund verraten, warum sein rechtes Ohr verbunden sei. Er griff ihren Arm und führte sie in das Sunfaithmobil – diesen schlechten Namen hatte das sekteneigene Fahrzeug in einer Abstimmung der Anhänger erhalten – und gab dorthin unterwegs gerade noch den Tip, daß sie sich zu Paulo Schmitz aufmachen müssten. Man habe am gestrigen Tag wichtige Punkte noch nicht angesprochen und das liesse sich nicht über Telefon verhandeln. Und sie, Salynna, müsse unbedingt dabei sein. Er sei auf ihre volle Unterstützung angewiesen. Dies gesprochen, die Hand schon am Türgriff des Fahrzeugs, blickte Delayo Salynna tief in die Augen. Seine Gedanken schrien hinterher:

Hoffentlich lässt mich die dumme Pute nicht hängen! Sie muss einfach Schmitzens Geld in meine Tasche fließen lassen und zwar pronto!“

Richard Wagner bemerkte den leicht verspannten Gesichtsausdruck bei Delayo, und folgerte, daß er und Alessandro unbedingt dieser Fahrt folgen müssten, denn

Da geht jetzt was! Wie hieß nochmal dieser Kaffee-Fuzzi? Schmitz? Die werden sich nochmal treffen, und die Dame soll da Geld locker machen, eh, Alessandro? Was denkst Du?“

Alessandro, seine Jacke greifend, nickte zustimmend.

Die große Tragik vieler Erzählungen und auch realistischer Dokumentationen liegt darin, daß gewisse Handlungen und Geschehnisse sich schon von weitem mit Pauken und Trompeten ankündigen. Aus Sicht des_r Leser_in. Für die handelnden Personen sind diese Zeichen am Horizont ihrer Welt oft nicht zu lesen, zu erkennen. So hält eins oft ein Buch in der Hand und – während des Lesens – formt sich dieser Gedanke:

Nein! Paßt doch auf! Das wird, das muß doch schief gehen!“

Oder ähnliches. Und auf einen solchen Augenblick steuern auch wir in dieser Erzählung zu. Damit der Moment nicht – für die unaufmerksamen Teile des Publikums – zu überraschend einher rauscht, werde ich hier einige der wichtigsten Informationen bereits zum Besten geben:

In diesem Land, das sich Interzone nennt, gibt es einen bergigen Norden. Im Süden grenzt es an ein Land, das sich Italien schimpft. Irgendwo im Westen Interzones existiert auch eine Grenze an Frankreich, sowie die Schweiz. Dort hatte sich Salvatore Delayo einst aufgehalten, als er aus seinem heimatlichen Bergdorf in die Welt aufgebrochen war. In Interzone gibt es Straßen, auf welchen Fahrzeuge unterwegs sind. Paulo Schmitz, der inzwischen oftmals erwähnt wurde, ist kein Einheimischer. Wie Mütterchen Ennia bereits zu Beginn bemerkte: Schmitz stammt aus Mailand. Er ist darüber hinaus mit etlichen der Protagonisten befreundet: Sattler, dem Wolf, Delayo. Doch nicht mit der Katerei. Und das Hasentrio um Traw ist ihm nicht ganz geheuer. Von den Glitzacatz hat er bis zu diesem Zeitpunkt nur gehört, und hält sie für einen Mythos. Jenseits von Schmitz ist es wichtig festzuhalten, daß Interzone über ein eher mässiges Gesundheitssystem verfügt. Es existieren Krankenhäuser, doch sind diese in keinem guten Zustand und auch nur ungenügend besetzt. Die unterdurchschnittliche Bezahlung nutzte Paulo Schmitz aus, um für seine Café-Intravenös-Kette Krankenschwestern anzuwerben, die bei ihm nicht besser entlohnt wurden, doch gab es die Möglichkeit von Trinkgeldern.

In Interzone gibt es neben der Hauptstadt noch zwei weitere größere Städte, die allesamt im südlichen Teil des Landes liegen. Ahnen Sie schon, was passieren wird?

Währenddessen kurvt der Bus der Glitzacatz mit dem zusammengesunkenen Medium Clementz an Bord aus Interzone in Richtung Norden, um dort dem gedrückten Gast ein wenig Luft zum Durchatmen zu verschaffen.

GlitzaCatz – Kapitel VI

Kapitel Sechs

So steckten nun die Glitzacatz, in engen, muckeligen Kisten, Traw gegenüber und ihnen wurde Tee serviert. Der Lemmes verbeugte sich und schob sich in seinen eigenen Karton. Er sprach nun die Glitzacatz an:

„Traw möchte nun erfahren, wie er euch helfen kann.“

Die Glitzacatz, vor allem Tin, erzählten ihm ausführlich von ihrem Problem, zu erfahren, welches Problem sie für den verärgerten Geist von Meursault lösen sollten, da dieser ausgesprochen unfreundlich und wenig mitteilsam gewesen sei. Als die Glitzacatz letztlich schweigend an ihren Teetassen nippten, wog Traw seinen Kopf und sprach:

„Strange. Strange. Straaaaaannnggggeeee.“

Er sah zum Lemmes herüber, dieser nickte und sprach:

„Sehet, liebe Glitzacatz, wir haben nur eine bedingte Anzahl an Informationen über den Zwist zwischen dem heutigen, verärgerten Geist von Meursault und seiner Nemesis, jenem Sattler genannten Mensch. Dieser Sattler soll subtextlich am Tode Meursaults schuldig sein, so hören wir von unserem Informanten. Doch wissen wir, daß Meursault auf einem Stück Seife ausrutschte, das in seinem Stammcafé auf dem Boden der sanitären Anlagen lag. Ob Sattler dieses dort in Hoffnung auf einen fatalen Ausrutscher platzierte, oder Meursault gerade in Gedanken an Sattler war, als er unbewußt auf das glitschige Stück trat, ist uns jedoch nicht bekannt, doch das Genick brach beim Sturz auf das Waschbecken. Das wissen wir, denn obwohl die Leiche letztlich verbrannt war, konnte dies problemlos festgestellt werden. Auch die Fettspuren an den Schuhresten sprechen davon. Meursault hatte eine brennende Ultrazig im Mund, als er stürzte, die sein Haar in Brand setzte.“

Die Glitzacatz waren erschrocken. Tin fragte, woher diese explizit genauen Informationen denn stammten. Traw grinste von einem Ohr zum anderen. Lemmes sprach:

„Wir haben die Seife platziert und den Unfall beobachtet. Doch hatten wir eine andere Person zu Tode bringen wollen. Es war insofern ein Unglücksfall.“

Es schien, als stünde dem wahrhaft wilden Lemmes ein Lächeln ins Hasengesicht geschrieben.

Tin schüttelte als erster den Schock aus seinen Gliedern.

„Grundgütiger! Das ist ja fürchterlich. Sollten wir das dem verärgerten Geist Meursaults nicht mitteilen, damit er sich vielleicht beruhigen kann?“

Traw meinte hierzu nur:

„Strange.“ in einem bedauernden, leicht ablehnenden Tonfall.

Der Lemmes schüttelte ebenfalls seinen Kopf und sprach:

„Unsere Zielen geht es sehr gut zu Pass, daß es einen Gegenspieler zu jenem Sattler gibt, da dieser ein ausgefuchstes Netzwerk unterhält, das er aus dem Café d’Äkkzém heraus steuert. Doch wir vermuten inzwischen, daß hinter ihm noch eine größere Figur steht.“

Traw grunzte und blickte angriffslustig, während der Lemmes sprach:

„Es könnte sich um den Wolf handeln.“

Die Glitzacatz zuckten zusammen. Der Wolf, dieser Name war von einer ähnlichen Wucht, als spräche eins von Traw. Doch war Traw einfach der grundsätzliche Mörder, Erpresser, Großkriminelle, ein schlimmer Hase halt, verhielt es sich um den Wolf etwas schwieriger. Der Wolf war zunächst ein gerissener Erfinder. Die Ultrazig war eines seiner Meisterwerke, mit welchem er einen bereits florierenden Markt im Handstreich übernahm und von diesem Kuchen keinen Krümel mehr abgab. Der zweite Streich war die Anfangs in Interzone legale Einführung veganen LSDs. Hier erwischte der Wolf das gesamte Staatswesen mit heruntergelassener Hose, das sich durch die bloße Namensgebung blenden ließ, denn des Wolfs veganes LSD waren einfache Trips in neuer Umverpackung. Es herrschte innerhalb von drei Monaten eine gravierende Krise in ganz Interzone. Die einen Menschen, Katzen, Hasen und andere Wesen verschrieben sich des puren Liebreizes eines blümeranten Rausches, die anderen brachten die erstgenannten aufgrund chemisch produzierter Paranoia um. Der Wolf zählte derweil Bündel an Geld, die ihm die Arbeit seines Laboratoriums eingebracht hatte. Als Finanzier strebte er darauf in die Welt Interzones, und erhöhte seinen hintergründigen Einfluß um ein Vielfaches. Das er unter anderem eine gute Geschäftsbeziehung mit Paulo Schmitz führte, muß gar nicht erwähnt werden. Dessen Café-Intravenös-Kette baute sich auf einigen Koffern Wolfsgeld auf. Und auch nachdem Schmitz alle Darlehen getilgt hatte, blieben diese beiden Charaktere in bester Freundschaft miteinander verbunden. So hatten die beiden auch im Laufe der Zeit die famose Idee, einige Hundefreunde zu ihrem Nutzen zu vereinen und ihnen regelmässige Suchaufträge zu übergeben. Zur Verwirrung ihrer Umwelt bezeichneten der Wolf und Schmitz diese Truppe als RUH, als „Rudel unzuverlässiger Hunde“.

So sprach der Wolf zu Schmitz:

Lass mal RUH.“

Und Schmitz lachte. Und irgendeins in Interzone würde ein Problem haben.

Der Lemmes hatte inzwischen auf Traws Zwinkern ohrenbetäubend laute Ambientmusik eingeschaltet. Deren sphärisch-röhrende Klangglitzerei schob sich durch die Sitzkisten und Traw schloss seine Augen, hin und wieder nur am Tee nippend. Die Glitzacatz wurden von Lemmes noch über einige Details von Meursaults Tod unterrichtet, dann forderte er sie auf, zu gehen. Die Glitzacatz liessen sich das nicht zweimal sagen. Im Hause Traws hielt eins sich selbst als Freund nicht länger auf, als notwendig. An der Türe ließ sie Lemmes noch wissen:

Traw meditiert gerade über einen neuen Zugang zu sozialer Interaktion. Er interessiert sich plötzlich für Freundlichkeit.“

Das Staunen glühte noch nach Stunden in der Glitzacatz‘ Augen.

Der verärgerte Geist Meursaults schweifte durch die Gassen Interzones, ließ die Ahnung seiner rechten Hand, sanft wie eines Geistes würdig, über Bruchsteinwände gleiten. Nicht, daß er das vorherige Leben vermisste! Nein! Teile davon, ja, vor allem die geistigen Getränke, und die Frauen. Ach, am meisten vermisste er, daß er im Jetzt nicht mehr ohne dieses Medium existieren konnte. Dieser geduckt laufende Clemenz mit seinem spitzen Mausegesicht, den grauenden Haaren. Er hätte ein Widergänger seiner Nemesis sein können. Doch Clemenz saß nicht tagelang mit gespitzten Bleistiften in Tavernen fest, in denen er einen ganzen Tisch blockierte und in acht Stunden ein stilles Wasser trank. Ah! Sacrément! Dieser hohe Herr Sattler kam ihm selbst jetzt als Geist noch immer in den schwirrenden Sinn und verdunkelte ihm alles. Zut alors! Der verärgerte Geist Meursaults tat sich auch nach seinem Tod noch schwer, sich im Griff zu halten. Gedanken drängten sich in seiner Luftigkeit. In dieser Gasse fiel plötzlich ein Löffelchen von einer Fensterbank. Die größte Wucht, die der verärgerte Geist Meursaults, auslösen konnte, hatte es diese fehlenden zwei Zentimeter zum Abgrund hin bewegt. Der verärgerte Geist Meursaults hätte sich beinahe mit Schweißperlen auf seiner nicht existenten Stirn materialisiert. Sein Nichts ließ er nun mehrere Male mit Schwung auf das arme Löffelchen herab prallen. Dazu schrie der verärgerte Geist Meursaults.

Bolos! Bolos! Bolos!“

Staub wurde nicht wirklich aufgewirbelt und der verärgerte Geist Meursaults sehnte sich nach seinem Medium. Wenn er Clemenz bevölkerte, konnte er diesen steuern und damit etliches Unheil anrichten. Ja, das würde er bei nächster Gelegenheit tun. Und vielleicht würde er es auch wieder versuchen, mit diesen geistig so durchsichtigen Glitzacatz etwas anzufangen. Wo war Clemenz?

Nachdem die Glitzacatz Trawcountry wieder verlassen hatten, traf Jimmisch Joa von seinem Ausflug zu Mensch und Katz ein. Traw bedeutete seinen beiden Hasenkollegen das Fahrzeug bereitzustellen. Traw wollte nun eine kleine Übungsreise halten. Lemmes und Jimmisch Joa waren bester Laune. Auch wenn es kein Blutbad geben würde, so waren sie sich sicher, daß Traws Versuche in Freundlichkeit erschütternd unterhaltsam werden würden. Vielleicht sollten sie nicht nur über Land fahren, sondern einen ausdrücklichen Besuch von Interzones intellektueller Szene hinzufügen. Lemmes und Jimmisch Joa sprachen Traw darauf an und dieser lächelte von einem Ohr zum nächsten. Jimmisch Joa wählte Polka Schmitz als Reisebeschallung aus und sie setzten sich in Bewegung. Und schon lief vor ihnen ein junger Hund, den sie mit gutgezielten Kieselsteinwürfen zum stehen brachten.

Der Jimmisch Joa beugte sich aus dem Fahrzeug.

Wer bist Du, Hund?“

Was, wieso, wer, ich? Warum?“

Der Lemmes rief aus dem Hintergrund:

Natürlich Du. Wir haben Dich mit wertvollem Kiesel beworfen. Grundgütiger! Nun, sag schon, wie sie dich im Rudel rufen?“

Ahh, ja. Sie rufen mich den Blitz.“

Aus dem Hasenfahrzeug erscholl schallendes Gelächter. Als sich dieses etwas gelegt hatte, stieg Traw aus dem Fahrzeug aus. Er stellte sich vor den jungen Hund, den sie Blitz nannten. Er legte seine rechte Tatze auf dessen Schulter. Der Blitz zuckte und zitterte. Traw blickte den Blitz fragend an. Lemmes sprach:

Wenn Dich jemand angreift, Blitz, wie wirst du dich dann verteidigen?“

Was, warum, wer, ich? Äh, ja. Nein.“

Traw ließ seine Klauen in Blitzens Fleisch sinken. Blut quoll darunter hervor.

Au, ja. Ich weiß es nicht. Wie soll ich mich denn verteidigen?“

Der Lemmes blickte zu Traw:

Traw, möchtest Du ihm sagen, was Du in der Meditation gelernt hast? Oder soll ich?“

Traw blickte verschämt zur Seite, um dann leise zu kichern. Lemmes war inzwischen zu den beiden getreten, sah den Blitz scharf an und sprach:

Wenn dich jemand angreift, wie verteidigst du dich dann am besten? Mit guten Manieren!“

Die Hasen rollten sich lachend im Gras, der Blitz stand wie festgewurzelt mit seiner blutenden Schulter. Leise Tränen zeigten sich auf seiner Wange.

Als sich die Hasen ausgelacht hatten und bemerkten, daß der Blitz nach wie vor schweigend und betrübt dastand, war es keine Scham, die sie befiehl. Traw grunzte kurz, worauf der Jimmisch Joa ein Verbandspäckchen hervorzauberte und der Lemmes dem Blitz noch eine Portion „Wolfsspaß“ hinhielt, die inzwischen illegale Marke veganen LSDs. Der Jimmisch Joa schlug noch auf die gesunde Schulter und meinte:

Nimm es locker, Blitz.“

Der unheilvolle Einfluß des Wolfs auf die Bevölkerung Interzones zeigte sich am heftigsten in den vielfachen Nachwirkungen seiner Produkte, die von einem ungemein hohen Anteil der Lebenwesen konsumiert wurde. Selten ließ der Wolf sie aus seinem Griff der Nebenwirkungen entweichen, wie seinen Kumpel Paulo Schmitz, den er darauf hinwies nur spezielle Varianten seiner Produkte zu konsumieren. Er sprach zu Schmitz:

Ich lasse Dich gehen.“

Schmitz nahm diese Worte auf, nickte verständnislos mit dem Kopf und wandte sich nach einem

Ja, ja. Wird schon gehen. Whatever… häh?“

einem weiteren Thema seines Lebens an.

Doch andernorts konnten andere Szenarien entstehen. So hatten sich die drei Hasen Traw, Lemmes und der Jimmisch Joa nach der Heimsuchung des Blitzes wieder auf ihren Weg gemacht und wollten wohlgelaunt nun in der Hauptstadt einfallen, doch plötzlich brachte Jimmisch Joa das Fahrzeug zum Stehen. Er blickte seine beiden Kollegen an, die ihn annickten.

Der Lemmes sprach nun:

Wer sind wir überhaupt? Wenn jemand unsere Geschichte aufschriebe, wie würde er uns darstellen und wie würden uns die Leser wahrnehmen?“

Traw nickte und wirkte betrübt. Auch Jimmisch Joa ließ den Kopf hängen, doch dann sprach er:

Wollen wir unsere Geschichte aufschreiben? Wollen wir unsere Seite mitteilen? Wir wissen ja gar nicht, ob jenes, welches unsere Geschichte erzählt, überhaupt alles wissen kann, was in unserer Leben je geschehen ist? Wenn dieses Mensch nie den Boden Interzones betreten hat, wie soll es wissen, welches Leben eins hier führt?“

Traw rief aus:

Strange! Strange! Strange… yeah, Good! Good!“

Der wilde Lemmes sprang aus dem Fahrzeug und riss einen Baum des an die Straße grenzenden Waldes aus dem Boden, warf ihn auf die gegenüberliegende Seite und schrie:

Ja, genauso ist es! Jimmisch Joa! Du hast es wieder einmal auf den Punkt gebracht. Ich liebe Dich! Verdammt noch mal!“

Wieder im Fahrzeug sitzend:

Fahren wir einfach mal nach Interzone, setzen uns in eine Café und fangen an, unsere Geschichte niederzuschreiben.“

GlitzaCatz – Kapitel V

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.