Why I quit

Es fehlt mir die Kraft, um weiterzumachen. Es fehlt mir fast schon die Kraft, diesen Text zu schreiben.

Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Aber die Angst ist stärker. Die Angst vor Menschen, die ich nicht kenne. Sie war schon immer da. Sie war schon immer stark. Ich hatte sie in den letzten Jahren etwas besser kontrollieren können. Jetzt ist sie gewachsen. Sie ist massiv.

Sie saugt meine Stärke aus. Und ich bin stark gewesen in den Jahren. Ich habe eure Angriffe, eure Respektlosigkeiten ausgehalten und überlebt. Ihr nennt nicht meinen Namen und ihr ahnt nicht, welche messerspitzen Schmerzen das verursacht. Ich habe all euren Spott überlebt, wenn ich nicht eure Sprache nutzte. Eure Angriffe, wenn ich mich weigerte, euer widerliches Fleisch zu essen. Wenn ich Angst zeigte, als ihr mich angegriffen habt.

Immer wieder habe ich mich in mir selbst versteckt, vor euch. Ich hasse euch und das mit einer Wucht, die so stark geworden ist, das sie mich erstickt. Denn ihr habt mich nicht einmal unter Feuer genommen, sondern immer wieder, mit beständigen Schlägen ins Gesicht.

Und die von denen ich hoffte, das sie mit mir seien. Ihr habt mich allein im Griff der Feindseligen gelassen, es hat euch keinen Deut geschert. Auf wen soll ich in einer Zukunft setzen? Wer soll mir eine Hoffnung in Menschengestalt darstellen? Habt ihr eine Antwort auf diese Frage? Ich nicht mehr.

Also sitze ich hier allein, mit meiner Angst vor Menschen. Meiner Wut auf Menschen.

This is why I quit.

P.S. Ich habe wirklich keine Kraft mehr, hier eine detaillierte, mit Quellen belegte Abhandlung zu schreiben. Jene, die ich anklage, wissen, wenn sie gemeint sind. Falls sie diese Worte überhaupt jemals lesen sollten.

Das Elend der männlich dominierten Musik in der Gegenwart

Ich höre seit Jahrzehnten Musik. Pop- und Rockmusik haben mein Leben gerettet. Und das immer wieder mit alten, mit neuen Sounds. Seit mindestens 20 Jahren wird mein Leben auch durch Jazz und seit zehn Jahren von Folk gerettet. Ich habe inzwischen meine Sucht nach Tonträgerkäufen einigermassen im Griff, und überhaupt ziehe ich mir heute lieber eine Runde mp3’s.

Wer jetzt mit „ABER DER KLANG DER MUSIK“ kommt, den frage ich: Na, wo ist denn Ihr perfekter Hörraum? Ich habe keinen, nie gehabt und meine inzwischen nahe der Midlife Crisis gealterten Lautsprechertürme müssten tatsächlich irgendwann mal eingemottet werden und durch kleine Soundwürfel, die niemanden erschlagen, wenn sie ins Wanken geraten, ersetzt werden. Was soll’s, noch kommen Töne raus, also weiter.

Da ich ein Statistiken liebendes Nerdgirl bin, habe ich inzwischen auch seit Jahrzehnten Listen darüber geführt, wie gut/schlecht Musik in meinen Ohren klingt. Das ist gelebte Subjektivität, die aber einen Wandel abbildet: Seit Beginn der 2010er brauche ich fast eine Männerquote, damit dieses Geschlecht noch stattfindet. Nuje, ich finde das jetzt nicht wirklich schlimm und wenn ich mir meine Lieblingsplatten dieses 2020er Jahrgangs bislang ansehe, dann sind da Dua Lipa, Lyra Pramuk und der Birds-Of-Prey-Soundtrack! Der erste Mann, der irgendwann auftaucht, ist der Jazz-Schlagzeuger Makaya McCraven, der mit „We’re New Again“, die gerade zehn Jahre alt gewordene, letzte Platte des sagenhaften und leider 2011 verstorbenen Gil Scott-Heron („I’m New Here“ der Titel jener LP) neu „Reimagined“, wie es im Untertitel so schön heißt. Eine tolle Platte. Aber die zuvor erwähnten Namen munden mir noch besser. Fein.

Nun dachte ich mir, könnte ich mal meiner Arbeit Früchte pflücken und schauen, was sind die 35 All-Time-Best-Male Platten… männlicher Solist, hauptsächlich männliche Band als Eintrittskarten und dann mal schauen, warum da heute, 2020, bzw. in den letzten zehn Jahren nichts mehr läuft. Oder vielleicht lief ja was und diese Künstler gehörten zur gefährdeten, aber noch nicht ausgestorbenen Spezies: Männer, die es nach 2010 noch hinbekamen. Grins.

Dann, Vorhang bitte.

  1. Can – Monster Movie (1969) + 10. Tago Mago (1971) Ja, von Can kann nichts mehr kommen. Die Band löste sich nach der Veröffentlichung ihres letzten, auch wirklich kaum brauchbaren Albums „Rite Time“ (rec. 1986/VÖ 1989) schrittweise auf. Und inzwischen sind Michael Karoli (Gitarre) und Holger Czukay (Bass) auch verstorben. Eine so rau und perfekt zwischen kunstvollem Krach, psychotischen Wiederholungsorgien und CopyCatism rausgehauenem Untergrundprodukt würde ich auch heute noch gerne ganz neu mein Ohr leihen, egal welchen Geschlechts.
  2. John Coltrane – A Love Surpreme (1965) John starb bereits im Juli 1967 an Krebs. Bis dahin hatte er uns alle möglichen Sterne vom Himmel geholt. So einen wird es sowieso nie wieder geben. Aber, was uns danach alleine seine Frau Alice bis ihrem Tod 2007 noch an grandioser, tief inspirierter Musik gab. Sollte eins auch mal draufschauen. Heißer Tip!
  3. Mike Oldfield – Ommadawn (1975) + 6. Tubular Bells (1973) Er lebt noch. Versuchte sich sogar 2017 an einer LP mit Titel „Return to Ommadawn“. Nicht ganz schlecht. Trotz allem eher der Beweis für meine These, das die Herren … naja, okay. Aufgrund gewisser Hintergründe der 1975er LP, freue ich mich eher für Herrn Oldfield als Mensch, das die alte Intensität nicht wiederkehrte, denn der Mann hatte ziemliche psychische Probleme, mit denen er in den 1970er klar kommen mußte. Vieles davon floß als Einfluß in seine Musik und machte sie – das ist meine persönliche Erfahrung – zum Anker für Menschen, in ähnlichen Situationen. Gerade „Ommadawn“ ist ein unwirtliches, abweisendes musikalisches Land, das aber zu einer schützenden Heimat werden kann, wenn eins den Eingang gefunden hat.
  4. Godspeed You! Black Emperor – Yanqui U.X.O. (2002) + 11. Lift Your Skinny Fists… (2000) Noch nicht im Metal angekommener, aber dennoch post-apokalyptisch wirkender Postrock. Mit wenig Hoffnung, aber viel Trauer, Schmerz, Wut. Musik, die auch 2020 noch immer gerne gebraucht werden könnte, wenn es da nicht die beiden Hit-Doppelalben des kanadischen Kollektivs gäbe. Deswegen interessieren mich die Post-Comeback-Platten ab 2012 auch überhaupt nicht. Vielleicht sind sie ja toll. Oder sogar überwältigend. Egal.
  5. The Decemberists – Picaresque (2005) Das schöne an Godspeed… und den Decemberists ist ja, das eins zuerst mal nachgucken muß, ob der männliche Anteil an Mitgliedern wirklich über 50% ist. Ja, sie schaffen es knapp. Die Decemberists schafften es sogar 2015 mit „What A Terrible World, What A Beautiful World“ eine richtig starke Platte zu veröffentlichen, die dem 2005er Meisterwerk fast gefährlich nahe kam: kraftvolle, melodieselige Songs mit berührenden Texten über die Menschen an den Aussenstellen des Lebens, der Gesellschaft. Und es begeistert mich auch heute noch, wenn in „The Mariner’s Revenge Song“ die beiden Todfeinde sich im Bauch eines Wales, der gerade zwei Schiffe verschlungen hat, als einzige Überlebende gegenüberstehen und der Erzähler den Schwur gegenüber der sterbenden Mutter zu singen beginnt. Also, die Decemberists sind der erste Act, der noch Hoffnung für die Zukunft birgt. Vielleicht.
  6. siehe Mike Oldfield
  7. David Bowie – Blackstar (2016) Nun, die Zukunft ist vorbei. Aber immerhin gab es im vergangenen Jahrzehnt noch diesen grandiosen, musikalischen Wurf von Herrn Bowie. Wobei er auch der erste Herr in dieser Auflistung ist, welcher nicht wirklich ohne Schrammen aus seiner Geschichte hervorgeht. Sein widerliches Verhalten gegenüber jungen Frauen in den 1970er (mann nannte sie Groupies, Band-Aids, whatever, und benutzte sie). Sein Verhältnis zum Faschismus, der 1978 – zusammen mit dem Teilzeitrassisten Eric Clapton – zur Gründung der Bewegung Rock Against Racism (vorher schon die Anti-Nazi-League) in England führte. Zu dem Zeitpunkt war Herr Bowie zwar schon wieder klar im Kopf (kokslos), doch 1976 war das anders. Stichwort: Victoria Station.
  8. Robert Wyatt – Rock Bottom (1974) Der gute Robert ist seit jeher dafür Kommunist gewesen. Vermutlich auch heute noch. Er hat jedoch inzwischen seine Karriere beendet. Sein letzter Output war 2010 „For The Ghosts Within…“, eine Zusammenarbeit mit Gilad Atzmon und Ros Stephen. Irgendwo zwischen Jazz, Hip Hop und Third Stream. Ein Highlight, auch gegenüber den vorangegangenen, sehr starken Wyatt-eigenen Alben. Doch „Rock Bottom“ knackte keines. Robert Wyatt war ein angesehener und fintenreicher Schlagzeuger zwischen Pop, Rock und Jazz, als er im Juni 1973 von einem Balkon fiel und seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Die Stücke auf „Rock Bottom“ gab es teilweise bereits zuvor. Doch, aus dem Krankenhaus entlassen, nahm sich Wyatt mit Kolleg*innen dem Material neu an und heraus kam ein einzigartiger, musikalischer Strudel zwischen Emotion, Liebe, Zivilisationsmüdigkeit und verqueren Kabbeleien mit seiner ewigen Partnerin Alfreda Benge. Eine Gnade, das es diese Platte gibt.
  9. Belle And Sebastian – If You’re Feeling Sinister (1996) „Tigermilk“, im gleichen Jahr erstveröffentlicht, und diese LP sind der diskussionslose Höhepunkt der Band aus Glasgow. Und im Gegensatz zu The Smiths, bei denen Belle And Sebastian durchaus auch lernten, haben sie keinen Frontmann, der in der Gegenwart nur noch ekelerregend mit seinen Äußerungen ist. Und obwohl diese Band noch aktiv ist, erwarte ich keinen Wurf mehr, der mich noch begeistern könnte. Dazu müßte ich mir neues Material anhören, doch hat 2006 „The Life Pursuit“ mich so angewidert, als würde mich Steven P. Morrissey für ein Date anrufen. Schlußpunkte setzen kann ich. Und wer wissen will, warum „If You’re Feeling Sinister“ so grandios ist, der sollte sich schleunigst mal die Platte anhören. Und nicht immer die ganzen ideenlosen Epigonen, die unter einem sogenannten Indie-Banner danach diesen Globus bevölkerten.
  10. siehe Can
  11. siehe Godspeed You!Black Emperor
  12. Steely Dan – Countdown To Extasy (1973) + 29. Gaucho (1980) Spätestens seit Walter Beckers Tod ist Steely Dan nicht mehr existent. Zuvor auch lange schon nur noch als Altherren-Konzertcombo. Und so ist hier auch keine Zukunft mehr zu erwarten. Was auch gut ist, denn wenn ich ehrlich bin, ist Steely Dan – vor allem im textlischen Bereich – immer schon irgendwie diese „Alte-Weisse-Männer“-Band gewesen. Auch wenn die Protagonisten in den Songs auch mal jung waren, so blickten Donald Fagen und Walter Becker immer schon von dieser Warte, inclusive einer vom Jazz geborgten Distanzierung, auf die Welt und bildeten sie ab. Auf dem makellos instrumentierten und spannend erzählten „Countdown To Extasy“ ist dies noch nicht so spürbar, doch „Gaucho“ (1980) lebt schon massiv von dieser Denke. Gerade die beiden Hits der Platte „Babylon Sisters“ und „Hey Nineteen“, aber auch „Glamour Profession“ sind sicherlich Songs, die Milliarden weißer alter Männer pföffen, wenn sie sie kennen würden. Ganz unironisch.
  13. Leonard Cohen – Songs of Love And Hate (1971) + 27. Songs Of Leonard Cohen (1969) Auch Herr Cohen ist tot. Und so wird auch von ihm kein weises Wort mehr zu Liebe oder Hass zu erwarten sein. Nun. Es war auch vielmehr Erotik und Selbsthass, von dem 1971 die Rede war. Oder pure wortschöpfende Klasse: „Famous Blue Raincoat“. Posthumer Literaturnobelpreis, verdammt nochmal! Aber unter uns… Leonard Cohen war seit 1988 musikalisch alt. Seither schmückten seine Aufnahmen meistens mehr schlecht, als recht bediente Rhythmusprogramme. Und eine Betulichkeit, die auch seine zahllosen Live-Aufnahmen, in die ich meine Ohren manchmal tauchen ließ, belastete. Vielleicht war „You Want It Darker“, sein letzter Output anders? Ich weiß es nicht. Siehe Belle And Sebastian…
  14. Swans – The Seer (2012) Wow, da haben wir ja mal eine 100%-ig zu lobende Männercombo aus den 2010er. Und auch alt (die Männer) dazu, teilweise. Nun, ich habe mich über die Jahre an den Lärm- & Druckluftorgien jener Swans-Besetzung sattgehört. Und warte nach „The Glowing Man“ erst einmal nicht auf neue Produktionen (und ignoriere diese auch). Aber immerhin, haben die Band und ich uns noch nicht auseinandergelebt. Da ist noch eine Hoffnung, die glimmt.
  15. King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969) Ja, gibt es noch. Inzwischen sogar mit drei Schlagzeugern! Und das ist Grund, warum ich – nach zwei Live-LPs aus den Jahren 2016 und 2017 – von King Crimson 21st Century Incarnation nichts mehr wissen will. Drei Leute sitzen auf Schemeln und jeder wartet darauf, was einer der anderen eventuell machen wird. 1974 saß der feurige Bill Bruford allein hinter dem Instrument, das in dem Fall tatsächlich Schießbude genannt werden kann, und produzierte mehr Wirbel, als moderne „3“. Vielleicht sollte sich Robert Fripp mal weibliche Hilfe suchen. Okay, nicht vielleicht, sondern unbedingt. Wenn King Crimson in den ganzen Jahrzehnten mal eine Pause machten – machten sie oft – und danach wiederkamen, waren sie immer anders, neu aufregend und scherten sich einen Kehricht um ihre Historie – die sie anderweitig hegten und pflegten. Dieses letzte Comeback beschert uns tatsächlich mal Stücke in Konzerten, die seltenst bis nie live gespielt wurden – oder halt seit Urzeiten nicht mehr. Eigentlich nett, aber für King Crimson ein Todesurteil. Mal ganz davon abgesehen, daß das wenige neue Material nichts taugt.
  16. Die Regierung – Unten (1994) Die Essener Regierung kennen leider zu wenige Menschen. Selbst, als Tilman Rossmy dann nach Hamburg zog, um dort zur „Schule“ zu gehen, wurde die Bekanntheit nur marginal größer. Aus dieser Zeit stammt diese lakonische Aufarbeitung des Verhältnis zwischen den binären Geschlechtern. Ja, Tilman backte erst einmal kleine Brötchen, aber sie mundeten vorzüglich, denn niemand konnte jemals so beredet schweigen, wie er. Höret dazu „Natalie sagt“. Nach einer längeren Zeit als Solist oder mit Quartett im Rücken, hat Tilman Rossmy sogar 2017 und 2019 neue Regierungs-Erklärungen veröffentlicht. Ja, sind gut. Aber sie sind leider nicht mehr umwerfend, brennend oder genialisch hingesaut. Auch wenn diese Stücke nicht auf „Unten“ sind: „Immer jemand im Busch“ spürst du als Hörerin auch nach Jahren noch. „Loswerden“ ist das wortkargste Trennungsstück der Menschheitsgeschichte. Vielleicht schafft Tilmann Rossmy noch einmal einen solchen Quantensprung. Und dann sollten es ihm mal Milliarden Menschen danken.
  17. Arzachel – Arzachel (1969) Sorry, hier ging das Nerdy Girl mit mir durch. Zumal, wie erklärt eins diese Band, die eigentlich keine war? Beziehungsweise zwei andere Bands? Nerdzeugs, halt. Es begann mit Uriel, die aber 1969 zum Ende kamen. Sich dann in Egg umformten (1970 auch ein selbstbetiteltes, sehr gutes Debüt veröffentlichten). Bei Egg jedoch fehlte Steve Hillage als Gitarrist. Der sollte später als Solist, bzw. bei Gong ein hochklassiger Saitenkünstler werden. Zwischen Uriel und Egg kam das spätere Egg-Trio mit Hillage noch einmal zusammen und spielte als Freizeitspaß die Arzachel-LP ein. Unter Pseudonymen, z.B. Sam Lee-Uff (= Dave Stewart, Keyboards). Und es war ein Spaß! Alle Grenzen des Psychedelic Rocks wurden gesprengt und Arzachel spielten sich wahrhaftig in andere Bewußtseinszustände, ohne die heimische Landschaft rund um Canterbury, wo die Band residierte, zu vergessen. Pastorale Kosmosgesänge entstanden hier. Wir können uns so sicher sein, wie sich Canterbury seit 1969 verändert hat, daß eine solcher Sound kaum jemals mehr neu entstehen wird. Naja, gibt es ja auch schon.
  18. Dizzy Gillespie, Sonny Stitt & Sonny Rollins – Sonny Side Up (1959) They don’t play the hard bop like that anymore. Ja, das finde ich auch schade. Doch, wie im Falle von Arzachel, gibt es schon den Hard Bop, sogar nicht nur einmal, sondern in vielen Variationen, die zwischen ca. 1955 und 1964 entstanden. Und diese Platte ist ein wahrer Höhepunkt, vor allem an Spielfreude und Inspiration.
  19. Nick Cave And The Bad Seeds – No More Shall We Part (2001) Der Höhepunkt dieser Platte…. nein, es gibt gleich mehrere! Wenn in „Hallelujah“ Nick Cave im Bademantel durch die Straßen schlurft, weil seine Betreuerin sich das Wochenende mal frei genommen hat. Wenn in „Oh My Lord“ ein Fremder Nick Cave beim Friseurbesuch belästigt und seinen nackten Arsch zeigt (ich hoffe, ich habe das richtig verstanden). Wenn in „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ genau das Koks fehlt. Wenn in „Darker With The Day“ Nick Cave und die Hörerin die Welt brennen sehen wollen, weil alles nur noch Verzweiflung ist. Dann hat der Songwriter seine Kunst bis zur Vollendung verfeinert und der tief gefühlten Worte sind es viele auf dieser Platte. Danach gelang in meiner Welt dem Herrn Cave nur noch ein Lied auf diesem hervorragenden Niveau: „O Children“. Er könnte sich, gleich dem gnädigen Robert Wyatt, mal zur Ruhe setzen.
  20. Sun Ra And His Arkestra – Sleeping Beauty (1979) Ah, schon wieder Jazz! Schön! Und genau das ist diese Platte bis zum Überquillen. Sun Ra ist eine sehr mythische Persönlichkeit (die ich hier jetzt nicht erklären werde, sonst werde ich mit dem Rest nicht mehr fertig: selber googlen!), und in den späten 1970er (auch vorzüglich: „Lanquidity (1978)) ließ er sein Arkestra einen federnden, groovigen, dennoch Tiefe erzeugenden Soul Jazz spielen, der in „Door Of Cosmos“ wie ein galaktischer Hippy Sit-In wirkt, der dann im Banne des mit großer Lust aufspielenden Arkestras langsam über die Bäume dieses polyester grün wirkenden Planeten hinausschwebt und uns Hörer*innen mit sich nimmt. Sun Ra selbst verließ den Planeten 1993.
  21. Brian Eno – Taking Tiger Mountain (By Strategy) (1974) Dear Brian, you are a problem. Was dieser sonderliche Mann bis 1995 an unglaublicher Arbeit zugunsten aller hörenden Menschen getan hat, ist mindestens so ein großes Thema, wie der Mythos von Sun Ra. Alleine diese an Ideen überquellenden vier Solo-Alben mit weitestgehender Rockmusik zwischen 1973 und 1977! Darunter „Taking Tiger Mountain“, einer LP mit sonderbar verquerem Pop, der sich jedoch schnell in das Hirn hineinfrisst. Er erfindet noch Ambient Music („Music For Airports“ (1978) brachte mich an einem schlimmen Sonntag Abend einst zum heulen). Er half anderen Künstler*innen als Produzent, Mitmusiker oder anders: Bowie in Berlin, Talking Heads, U2 als die größten Nummern, damit wir Werte an der Y-Achse stehen haben. Dann ist nach 1995 Schluß und Ideen kommen keine mehr, sondern nur noch schlechte Wiederholungen und überhaupt… Eno unterstützt den BDS (Boycott, Divestment & Sanctions gegen Israel). Schlußstrich.
  22. David Sylvian – Secrets Of The Beehive (1987) undefinedGut, das sich David Sylvian nie vor einen politischen Karren spannen ließ, sondern einfach immer nur schön war! Und tolle Musik machte, nebenbei 🙂 Ja, „Secrets Of The Beehive“ ist die schönste 80er-Jahre Songwriter-LP mit Jazz-Einflüssen, mit Ruhe, mit Texten, die allerdings den politischen Aspekt des privaten Handelns nicht ignorieren („The Boy With The Gun“). Oder homoerotisches Liedgut, wie „Forbidden Colours“, das ursprünglich für den Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983) geschrieben wurde. Oder die Gewalt in einer Beziehung, wie in „When The Poets Dreamed Of Angels“. Es wundert nicht, das Sylvian, der immer progressiv dachte, sich im 21. Jahrhundert in die freie Musik aufmachte und dort auch noch ein sehr starkes Album schuf: „Blemish“ (2003). Doch danach verstummte er langsam, aber sicher.
  23. Morrissey – Your Arsenal (1992) undefinedVerstummen wäre für Morrissey mal eine Idee. Oder auch: „Fresse halten, Steven!“ Nach 2004 wird er unaufhörlich unerträglicher. Das es mal anders war, kann eins inzwischen fast nicht mehr glauben und tatsächlich birgt diese Platzierung auch ein hohes Maß an Nostalgie, als er noch ein Held für die Menschen an den Außenrändern war. Und auf „Your Arsenal“ war er ein lauter Held, einer der sich alleine gegen eine Horde an Feinden stellte. Mit einem Stolz auf die eigene Befremdlichkeit und Verletzlichkeit in der Welt. Einer, der trotz aller Feindseligkeit, die er empfing, an ein gutes Morgen glaubte und das als Grundton in der Musik letztlich einwob. Ja, damals. Heute: „Fresse halten, Steven!“.
  24. Galaxie 500 – Today (1988) undefinedAndere sagen „On Fire“ wäre die Top-LP von Galaxie 500, aber ich hänge am Debüt „Today“, vor allem wegen des Einsteigers „Flowers“. Doch ist „On Fire“ auch feinste Musik. Aber dort finden sich auch nicht die ersten zwei 3/4 Minuten von „Don’t Let Our Youth Go To Waste“ (Cover von Jonathan Richman), in denen das furchtlos spielende Trio suchend durch das Gestrüpp des 80er Alternative/Indie-Rock durchbricht… das wichtige Wort in diesem Satz ist „Furchtlos“. Halten Sie das im Hinterkopf. Galaxie 500 sind des weiteren auch furchtlose Romantiker! Und auch furchtlose Liebhaber des dritten Velvet-Underground-Albums, die anstelle eigener Songs lieber eine Endlosversion von „Pale Blue Eyes“ spielen würden. Das wäre auch schön! Aber ich genieße lieber ihre gelungenen Variationen, wenn sie so herrlich frühlingshaft und süchtigmachen verliebt klingen, wie eben „Flowers“. Das ist Lebenskraft, die darinnen wohnt. Ungünstig für unsere Gegenwart ist, das sich Galaxie 500 schon nach der dritten Platte trennten. 2/3 der Band, sprich die Bassistin Naomi Yang und Schlagzeuger Damon Krukowski gründeten ihr eigenes Duo und verschwanden im Untergrund. Dean Wareham gründete etliche andere Bands, die auch mal gute Platten machten, aber so stark wurden alle drei nimmer mehr.
  25. Genesis – Foxtrot (1972) + 28. The Lamb Lies Down On Broadway (1974) undefined Uiuiui! Gefährliches Terrain! Progressive Rock! Die Höhle der Nerds! 20-Minuten-Songs! Ja. Und er ist hervorragend. Und Phil Collins ist ein herausragender Schlagzeuger. Und Peter Gabriel schrieb skurrile Szenarien, die allerlei Literatur anzapften und die Band klopfte Filme daraus, mal kürzer, mal länger. Das ist fucking Kunst! Wie es später die Art Punks von Wire machten: when the lyrics ran out, the song stopped. Aber Hauptsache, Menschen haben aus Grundsätzen heraus Angst, sich dieser Musik zu stellen, weil irgendwer mal sagte: Prog-Rock ist uncool. Und nur für Nerds. Fickt Euch! Genesis gibt es ja eh nicht mehr, und grundsätzlich starb die Band 1975 mit Peter Gabriels Ausstieg. Der Rest war kassenklingelnder Pop. Wer’s braucht.
  26. siehe Leonard Cohen
  27. Nick Drake – Five Leaves Left (1969) undefined Vor Nick Drakes neuen Veröffentlichungen braucht niemensch Angst zu haben. Er schied im November 1974 freiwillig aus diesem Leben, hinterließ drei Platten, von denen zwei magische Erfahrungen sind. Das dritte ist leider nur brilliant. Er setzte neue Akzente in der Bildsprache des Folk, in dessen Bereich er sich weitestgehend bewegte, wobei ihm von Außen gerne noch ein wenig erweiterte Instrumentierung mitgegeben wurde, die er erst auf seinem Schwanengesang „Pink Moon“ (1972) eliminierte. Doch lebt „Five Leaves Left“ gerne mit dem schmückenden Beiwerk, denn hier umgreift Drake noch ein mögliches Leben, das vor Depression, ausuferndem Drogenkonsum möglich scheint. Manche Stücke lassen sogar romantische Gefühle erahnen. „Pink Moon“ erzählt von der Entfremdung, Distanzierung, Verlust. „Five Leaves Left“ aber pflanzt noch einen Obstbaum. Ichhoffe, Nick Drake hat seinen Frieden gefunden.
  28. siehe Genesis
  29. siehe Steely Dan
  30. The Driftwood Manor – Of The Storm (2013) undefined Ich hoffe nicht, das Eddie Keenan der Nick Drake der Gegenwart wird. Immerhin ist Keenan eher auf Bühnen zu finden, als es der superscheue Drake in seiner Karriere war. Und der Output der Band Driftwood Manor ist bereits etwas größer, doch leider stockt es seit 2016 „For The Moon“ erschien. Wobei ich noch eher verstehen könnte, wenn es nach dem zuvor geschaffenen „Of The Storm“ nicht mehr weitergegangen wäre, denn die Meisterschaft, wie Eddie Keenan hier die Worte der Geschichten, der Emotionsszenarien sich zueinander gesellen läßt, ist größte Könnerschaft. Alleine diese Aufzählung von Songtiteln dieses herausragenden Albums sollte einiges zeigen: „Tell Your Troubles To A Stone (And Then Throw That Stone In A River)“, „God Knows I’m a Sinner For You Now“ und „If I Could Kill The Demon Drink“. Ja, Keenan ist Nick Drake nicht ganz unähnlich, da beide von einer sehr pessimistischen Weltsicht her kommen und überhaupt der Tod nicht der schlimmste Zeitgenosse ist. Da gibt es immer noch das viel schrecklichere Selbst. Ja, von Eddie Keenan würde ich gerne noch ein weiteres Häppchen nehmen.
  31. Coil – The Remote Viewer (2002) undefined Coil sind leider auch Geschichte. John Balance verlor diese und stürzte 2004 zu Tode. Bandmitgründer Peter Christopherson starb 2010. In den letzten Jahren mit der Formation Coil erarbeiteten sie einen selbst als „Mond-Musik“ bezeichneten Sound, der zwischen industriellem Soundaufbau und John Balances süchtig machender, warm, wie weichen Stimme einen teilweise fast schamanenhaften, rituell wirkenden Output schuf. Das galt sehr stark für „The Remote Viewer“, auf welchem diese nach Balances Stimme dürstende Hörerin zwar auf diese verzichten mußte, doch nach dem Genuß der kompletten fünf Stücke (also unbedingt auf die Bonus-CD achten!) denkt eins sich nur noch eines: FUUUUUUCCCCCKKKKK! Und wer mehr Hurdy-Gurdy oder Drehleier braucht, als es hier geboten wird, ist süchtig. Das kann diese Musik auch erwirken.
  32. Jeff Buckley- Grace (1994) undefined Was ist hier für ein Totentanz! Es ist erschreckend. Aber ich kann nichts dafür. Als ich Jeff Buckleys Musik entdeckte, war er noch alive and well and living in whatever, New York? Und sicherlich würde er auch heute noch manch schönes Liedchen schreiben, wenn es ihn nicht im Übermut zum Schwimmen getrieben hätte. Ja, sein Tod war eher überbordender Lebenslust geschuldet, wie es scheint. So kann es einem gehen, wenn eins seine Dämonen, seine Leiden, seine dunklen Träume in Musik verpackt und sich damit therapieren kann. So klingt nämlich „Grace“. Wie ein in fruchtiger Rockmusik und sehnigen Balladen verkleideter Exorzismus. Und – um das direkt hinterherzuschieben – damit war die Therapie wohl auch erfolgreich, denn das, was dem arglosen Volk später als musikalische Hinterlassenschaft verschachert wurde („Sketches For My Sweetheart The Drunk“) ist doch arg leblos dahingerockt. Dann eher nach einer der zahllosen Live-Aufnahmen greifen, z.B. „Live à L’Olympia“, bei der Jeff Buckley auch ein wenig Humor beweist, der sogar nicht ganz blöd ist. Ja, er lebte gerne.
  33. Ash Ra Tempel – Ash Ra Tempel (1971) undefined Schon wieder Krautrock. Ja, es reicht nicht mit Can. Manuel Göttsching lebt auch noch und hat sicher auch manchmal noch eine Idee für neues Material. Doch ist er schon in den 1970er in eine elektronische Gegend verschwunden, in der seine Gitarre meist wenig benutzt wird. Auf dem gerne als Meilenstein bezeichneten „E2-E4“ (1984) ist das nicht nur okay, sondern die Gitarre erscheint innerhalb dieser 59 Minuten langen Prä-Techno/House-Arbeit im letzten Drittel und formt ein hübsches Sahnerl mit Kirsche. Das war zu Beginn anders. Da wurden Grenzen ausgelotet. Die beiden Titel des Ash Ra Tempel-Debüts hießen: „Amboss“ und „Traummaschine“. Beide waren eine LP-Seite lang. „Amboss“ freakrockte nach einem längeren, gedehnt gespielten Intro, was das Zeug hielt. Ja, wenn der spätere Synth-Pionier Klaus Schulze am Schlagzeug loslegt. Dann wird auch „Amboss“ zur körperlichen Angelegenheit, denn dieses Power Trio (Göttsching, Schulze & Hartmut Enke am Bass) spielt einen Sound, der fordert und vermutlich sogar erhöhten Kalorienverbrauch mit sich bringt. Die letzten Minuten sind ein Schlußspurt in the most true sense! „Traummaschine“ ist natürlich ein ganz anderes Spiel. In seiner Atmosphäre zunächst ähnlich dem noch beatlosen Beginn von „Amboss“ nimmt dieses Stück die Hörerin an der Hand und leitet sie langsam, mit Gemach, in einen klanglich sehr unterbewußt tanzenden Kellerclub. Ambient ist es überhaupt nicht und Sigmund Freud wäre erstaunt, ob der wilden Assoziationen, die sich durch diese Maschine wecken lassen. Wer mehr davon will: „Join Inn“ (1973)!
  34. Flowerpornoes – Ich & Ich (1996) undefined Oh, Tom Liwa. Der Kopf der Flowerpornoes. Damals wortgewandter Künstler, der ein Leben abbilden konnte, das unendliche Prallheit vorzeigen konnte. Der, wie kaum eine andere Künstlerperson, Pophits eindeutschen konnte: Auf „Mamas Pfirsische“ (1993) das „REM-Cover“, ursprünglich mal „Losing My Religion“, vorzüglich! Hier „Sweet Thing“ aus der Feder von Van Morrison. Und wer dieses Stück covert, ist sowieso nah dem Heiligenstatus. Und Tom Liwa läßt dieses Stück juveniler Emotionsexplosion, welche dem Sänger die Luft zu rauben scheint, strahlen: „Ich werde niemals, niemals wieder so alt werden, ich schwörs!“ Oh, küss mich, Tom. Lass mich deine Partnerperson in „Noch nicht müde genug“ sein. Ach, der Platz ist ja schon belegt, schade. Na, mir bleibt die Kunst, um mich daran zu ergötzen. Und zu den früheren Flowerpornoes-LPs gab es nach dieser dann noch einige Hände voller Liwa-Solo-Scheiben (wovon die Akustik-Platte „Voeding“ die wunderbarste ist). Inzwischen hat Tom Liwa auch die Flowerpornoes wieder ins Rennen geschickt. Aber, entweder bin ich zu alt geworden, was ich niemals, niemals wieder werden wollte! Oder Tom hat an Qualität auf der langen Bahn doch eingebüßt.
  35. Peter Gabriel – Peter Gabriel III (1980) undefined Ich mag den Hitkomponisten Gabriel nicht besonders. „Don’t give up“, ja. Den Rest nach 1986 empfinde ich als so geil, wie seine alte Band Genesis auch, also großer Schwamm drüber. Und heute engagiert sich Gabriel auch für den BDS, siehe Brian Eno. Immerhin zeigte mir Peter Gabriel 2010, das Paul Simons Song „The Boy In The Bubble“ eine ganz großartige Geschichte beinhaltet, wenn das südafrikanische Rhythmusgebimmel die Worte nicht mehr übertüncht. Und das Dr. Gregory House sehr effektvoll zu einem Arcade Fire-Song, gesungen von Peter Gabriel, von einem Balkon in einen Pool fällt („My Body Is A Cage“). Das war gut. 1980 war allerdings besser. Viel besser. Wie sich in „Family Snapshot“ der kleine, von den Eltern vernachlässigte Junge, der hinter der Haustür hockt, und der versteckte Sniper, der auf sein Opfer wartet, überblenden, das tut etwas mit dir, wenn du es hörst. Es läßt so wenig kalt, wie die klaustrophobische Angst, die Gabriel im passend „Intruder“ betitelten Einsteiger aufkommen läßt. Wenn niemensch weiß, wo der Eindringling sich befindet. Und dann war da noch der Künstler Gabriel, der Aufmerksamkeit schafft, denn ich weiß nicht, wie viele Menschen ohne ihn vom Schicksal des südafrikanischen Bürgerrechtlers Stephen Biko erfahren hätten. Vor dem Internet brauchte eins diese Form von Informationsfluss. Trotzdem würde ich mich heute freuen, wenn Peter Gabriel und die anderen BDSler eine Form der Kritik finden könnten, die nicht purer Antisemitismus wäre. Im Falle der Kritik an der südafrikanischen Apartheid-Politik konnten sie doch auch noch einigermassen differenzieren. Arschlöcher!

So. Schluß hier. Wir haben erfahren, daß es Hoffnung via The Decemberists und The Driftwood Manor gibt. Und wer heute gute Männermusik hören will, der kann sich ja mal (ich denke, die meisten Menschen, welche bis hierher gelesen haben, sind der deutschen Sprache mächtig) mit ein paar musikalischen Happen beschäftigen: Die Nerven, zum Beispiel. Car Seat Headrest, auch wenn ich vor dem ganz aktuellen Album eher warnen möchte, denn zu viele neue Ideen sind manches mal zu viele neue Ideen. The Comet Is Coming und Kamasi Washington, denn auch in der Gegenwart wird guter Jazz geboten! Isolation Berlin und Mount Eerie. Ezra Furman und Nils Frahm. Tyler The Creator und Ben Howard. Sam Fender und Helado Negro. Ich denke, das reicht mal als Denk- und Höranstoß. Die alte Riege ist tot. Tatsächlich. Die anderen sind aus gutem Grund nicht mehr tragbar.

Oder Ihr seid vernünftig und hört einfach mal mehr Frauenmusik.

Call Me By Your Name – eine Hand voller Gedanken

Warum hat mich dieser Film so berührt? Warum ist mir die Geschichte von Elio und Oliver so nahe gegangen? Elio ist 17, Oliver ist 24, die Geschichte spielt 1983 in Italien, in einem höheren, priviligierten, akademischen Umfeld.

Der Film spielt im Sommer. Er ist sonnendurchflutet. Es steht ein Klavier in der Villa, in der Elios Familie den Sommer verbringt. Oliver ist akademischer Mitarbeiter von Elios Vater, und wird daher einige Zeit lang mit der Familie leben. In den ersten zwanzig Minuten des Filmes verspürt Elio jedoch eine massive Abneigung gegen den von ihm so empfundenen Eindringling. Er verspürt von dessen Seite eine Arroganz. Jedoch ist in dieser Zeitspanne des Filmes auch ein anderes Mittel eingeführt, das den Film in seiner kompletten Länge erheben wird: Zeit. Das Empfinden und Darstellen von Zeit, des Vergehens von Zeit.

Es gehört eine große Portion Mut dazu, die erlebte Geschwindigkeit eines Filmes derart zu verlangsamen, da gerade die sogenannten Hollywood-Blockbuster der vergangenen zwei Jahrzehnte eben auf dieser Spielwiese das Rädchen immer weiter in höhere Dimensionen drehten. „Call Me By Your Name“ ist da anders. Fast schon, wie im Rahmen einer Theateraufführung, malt die Kamera Stilleben, in denen sich vielleicht Menschen befinden und gar bewegen, möglicherweise sogar sprechen, oder auch nicht. Oder Oliver geht durch die Eingangshalle der Villa. Es erinnert an eine Studie der Anatomie der Person. Wir können die Figur in solchen Momenten erfahren, aufnehmen (selbst Tage später werden wir uns noch an die Farbe und den Schnitt der Hose erinnern). Und das zieht sich durch die ganze Länge, in der auch selten der Film einen Dialog abbricht, sondern die Figuren selbst. Aus ihrem eigenen Antrieb, nicht weil das Drehbuch auf die Uhr schaut. Auch gehört zum Faktor der Zeit die besondere Vorliebe der Kameraführung ganze Räume aufzunehmen, dazu gehören das Wohnzimmer der Villa, Marktplätze, die Sportwiese oder das Café, in dem Oliver bereits nach wenigen Tagen schnell Kontakte hergestellt hat. Diese Orte erhalten ein Leben, sind nicht mehr nur Kulissen. Und als Zuschauer*in fragt eins sich, warum Elio in dieser Umgebung nur Bücher liest oder Musik auf Notenblätter überträgt? Da seine räumliche Umgebung mit einer immensen Kraft belehnt ist, was übrigens nicht nur aus der Farbgebung zu erklären ist, sondern wahrlich zur Hauptsache aus den überragen Kameraperspektiven entsteht.

Ja, aber Elio und Oliver haben auch ihre charakterlichen Schwächen und damit meine ich nicht Elios Sommerbeschäftigung, die eben ein Punkt ist, den er mit sich selbst ausmachen muß. Sein Verhalten gegenüber seiner weiblichen Sommerliebelei Marzia ist widerlich. Nicht, das andere Menschen (ich schaue in den Spiegel) solches Verhalten nicht kennen würden, aber das ändert nichts daran, das es falsch ist. Das weiß das Spiegelbild auch. Eins wühlt auch nicht in den Kleidungsstücken eines Gastes, pinkelt nicht im Stehen, ist generell freundlicher gegenüber den Angestellten der Familie. Elio ist oft – um es auf englisch zu schreiben – „a spoiled brat“ in vielerlei Hinsicht. Und doch ist es nachvollziehbar, das ihn – und das macht der Film klar – seine Eltern lieben. Denn irgendwie ist er, trotz der angesprochenen Schwächen, ein liebenswürdiger junger Mensch.

Das gleiche gilt durchaus für Oliver, der seinerseits oft eine gewisse Übergriffigkeit mit sich führt. Oder ist es überzogene Offenheit? So wird er es vermutlich nennen, andere empfinden es negativer. Wir kennen diese Diskrepanz. Oliver wirkt über weite Strecken als Mensch, der nicht gut auf andere Menschen eingehen kann. Auf sie zugehen ja, sie und ihre unausgesprochenen Zeichen deuten nein. Elios Vater ist darin meisterlich, wie sich gegen Ende des Films zeigen wird, als er Elio dessen Situation in sehr warmen Worten erklärt und ihm damit klar macht, etwas wertvolles erlebt zu haben. Es ist einer der Höhepunkte. Auch ist es ziemlich negativ, das Oliver Elio nichts von der Beziehung erzählt, die er in New England pflegt. Auch wenn wir später erfahren, das es schwierige Phasen in dieser Beziehung gab… he should have told him! He should have opened up about this!

Vor allem nachdem Elio Oliver seinen Lieblingsplatz zeigte. Wir Zuschauer*innen spüren, was dies für Elio bedeutet. Wir spüren, das hier der Zeitpunkt kommt, an dem die beiden sich gegenüber einander öffnen. Und von dieser Situation aus, und dem was noch kommt, sind die Tränen Elios am Ende des Films nur zu gut nachzuvollziehen. Die Operation am offenen Herzen ist gescheitert. Und solche Situationen sind auch in fortgeschrittenem Alter nicht einfacher zu verarbeiten.

Der Film spielt im Jahr 1983. Die Kommunikation in jener Zeit war auf wenige Kanäle reduziert. Wenn das Telefon nicht klingelte, klingelte es gar nicht. Die Zeiträume zwischen Geschehnissen wirkten weitergefaßt. Es war nicht besser. Die Ruhe, die davon ausgehen mag, ist eine nervöse Ruhe. Elios Verhalten, gerade nachdem er mit Oliver zusammen gekommen ist, zeugt davon. Zeigt sich in der „Pfirsich-Szene“. Hier sind Drehbuch und Regie zu rühmen, denn viele andere hätten aus dieser Aktion eine Peinlichkeit oder einen Gag inszeniert. Hier nicht. Selbst das spätere Verhalten von Oliver ist fast liebenswürdig.

Es bleibt mir noch die musikalische Auswahl zu rühmen. Sufjan Stevens mit Musik aus der Gegenwart, einige kontemporäre Hits von 1982/1983 und teilweise überirdische schöne Klavierstücke (ich habe eh eine Schwäche für Klaviermusik des 20. Jahrhunderts, entschuldigt mich). Und über allem schwebt das wunderbar die Homosexualität rühmende „Love My Way“ von den Psychedelic Furs. Kein Wunder, das Oliver zweimal im Film auf diesen Song abtanzt, als gäbe es kein Morgen.

Es lohnt sich, diesen Film mit offenem Herz zu schauen. Eins wird nicht so tief verletzt, wie Elio, aber ähnlich tief berührt.

Glitzacatz – Kapitel VIII

Kapitel Acht

Mütterchen Ennia hatte ja nicht umsonst der Katerei die Tür für ihre Untersuchung geöffnet. Sie hatte neben der harten Arbeit in diesem von vielem verlassenen Bergdorf immer wieder gerne Kriminalromane gelesen. Und sie war pfiffig. Nachdem die männlichen Protagonisten und Salynna den Ort verlassen hatten, schnappte sie sich eine bereitstehende Dose mit Gebäck und spazierte hinüber, um der „Wandernden Sonne“ einen Besuch abzustatten. Es dauerte nach ihrem Klingeln eine ganze Weile, bis eine unsicher wirkende Person die Tür öffnete.

„Hallo, ich bin Mütterchen Ennia. Ich wohne da, gegenüber, sehen Sie? Ich wollte Ihnen ein wenig Gebäck bringen. Darf ich kurz eintreten? Wie heißen Sie?“

Die Person wisch zurück und sah Mütterchen Ennia mit ganz großen Augen an, sprach jedoch nicht.

„Darf ich eintreten?“ schob das Mütterchen noch einmal nach und öffnete die Gebäckdose, blickte der Person tief in die Augen. Diese wisch noch einen Schritt weiter zurück und starrte weiter. Da tauchte, laut schimpfend Woosh Wuschinski im Hintergrund auf. Wuschinski hielt sich für das wichtige, weil selten vorkommende fünfte Rad am Wagen der „Wandernden Sonne“.

„Peppy, komm von der Tür weg. Du weißt, du sollst da nicht hingehen. Hallo!? Wer sind Sie? Entschuldigen Sie, es hätte noch etwas gedauert, bis ich an die Tür kommen konnte. Es tut mir leid, daß Peppy Ihnen geöffnet hat. Sie ist halt nicht ganz bei sich. Ich hoffe, Sie sind… das sind ja Plätzchen! Sind die selbstgemacht? Kommen Sie doch herein. Gestatten Sie, Woosh Wuschinski. Und Sie heißen nochmal?“

Inzwischen war Mütterchen Ennia den Flur des Hauses hineingeführt worden und rechter Hand in ein Empfangszimmer geführt.

„Hier nennen mich alle Mütterchen Ennia. Herr Wuschinski, Sie sind doch sicher der große Chef dieser Gruppe, nicht wahr? Hier greifen Sie doch bitte zu.“

Wuschinski wurde tiefrot im Gesicht. Nach einem weiteren Moment erschien ein leicht beschämtes Grinsen, das dann aber an Kraft gewann, blickte er das Mütterchen an und bot ihr Tee an. Mütterchen Ennia, die genau wusste, daß Wuschinski weniger als nichts in dieser Gemeinschaft zu sagen hatte, sah mit einer sanften Freude, daß sie hier vielleicht eine neue Agenda gestartet hatte. Sie nahm das Angebot gerne an. Gleichzeitig fragte sie sich, was mit dieser Peppy-Person sei. Diese habe über alle normalen Verstörtheiten hinweg Rekorde gebrochen in ihrer schreckhaft, gebückten Haltung. Dazu die fehlenden Worte, der glasige Blick. Eine weitere Person, die von Wuschinski mit Birdy angesprochen wurde, brachte den Tee. Auch diese sprach selber gar nicht, wirkte jedoch darüber hinaus standfester, unerschrocken. An der Oberfläche tauschte Mütterchen Ennia weiter mit diesem Wuschinski Floskeln des kleinen Geredes aus. Als ein Moment des Schweigens eingetreten war, sah sie ihn an und brach endlich die Stille:

„Was machen Sie alle hier eigentlich, Herr Wuschinski? Erzählen Sie mal.“

Und Wuschinski erzählte.

„Nun ja, Frau Ennia. Wir sind eine Gruppe Menschen aus Amerika. Außer natürlich unserem Meister, der große Salvatore, der stammt aus diesem Ort, wohin er uns nun zurückgeführt hat in seiner Gnade. An diesen schönen Ort. Sie müssen hier ja ganz paradisisch leben, oder?“

Ohne eine Antwort von Mütterchen Ennia abzuwarten, plapperte Wuschinski weiter.

„Wir beten die Sonne an. Und damit wir an jedem Tag genug Sonnenenergie erhalten, legen wir uns unter unsere Sonnographen, die mit Licht direkt von der Sonne gespeist werden und uns erquicken. Meister Salvatore läst uns an diesem Wunder teilhaben, denn er hat die Sonnographen erfunden.“

Wuschinski griff sich ein Plätzchen und geräuschvoll wurde es verschlungen. Noch bevor er fertig war, griff er den Faden wieder auf.

„Sehen Sie, Frau Ennia, jeden Tag preisen wir die Sonne und auch Meister Salvatore, und dann legen wir uns unter die Sonnographen und dann speisen wir, machen ein wenig Froharbeit für Meister Salvatore und dann dürfen wir wieder unter den Sonnographen, bis die wahre Sonne hinter dem Horizont versinkt. Es folgen noch etwas Speisen und Froharbeit, bevor wir uns in unsere Betten legen dürfen.“

Mütterchen Ennia beugte sich vor, legte ihre Hand auf Wuschinskis Knie und blickte ihm tief in die Augen.

„Was ist denn Froharbeit, Herr Wuschinski?“

Dann reichte sie ihm die Plätzchendose, damit er nocheinmal kräftig zulangen konnte.

„Ja, die Froharbeit. So nennt es unser Meister Salvatore. Wir haben etwas zu tun und sind dabei froh. So ist das, sehen Sie. Und wir singen bei der Froharbeit. Das ist wichtig. Wir singen immer über das, was wir gerade tun. Sehen Sie, Frau Ennia, sehen Sie, wir haben sonst ein Problem mit der Zeit, Frau Ennia.“

Diese schaute ihren Gegenüber lange an. Was sie nicht wußte, war, das jener Woosh Wuschinski unsterblich war. Und so verstand sie nicht, welcher tiefe Schmerz in seinem letzten Satz steckte und wie sehr er sich über die Gesänge während der Froharbeit freute. Wuschinski bestand seit vielen Jahrzehnten auch nur noch aus den Bedürfnissen nach Gesang, nach Gespräch, nach langem Schlaf, doch dieser war in Meister Salvatores Gemeinschaft nicht so gerne gesehen. Doch die Gespräche, die erarbeitete sich Wuschinski in jeder sich bietenden Situation. Er blockierte in jedem neuen Domizil, das die Wandernde Sonne belegte, das erste Zimmer zur Ausgangstür, um jederzeit mit Menschen von Außerhalb ins Gespräch zu kommen. Und Wuschinskis offene, umarmende Art des Umgangs bescherte diesem Zirkel auch immer wieder neue Mitglieder, die vermuteten, das alle Mitglieder der Wandernden Sonne einen solch erfrischenden Charakter hätten. Das er unsterblich sei, wurde Woosh Wuschinski selber erst im Laufe seiner Existenz bewußt, als er bemerkte, das andere Menschen geboren wurden, aufwuchsen, alterten, starben. Er war eines Tages gegen Mittag in einem Zimmer in einer schweizerischen Stadt, möglicherweise Genf, zu Bewußtsein gekommen. Das Jahr mußte 1698 gewesen sein, so vermutete er heute. Zuviele Erinnerungen blockierten inzwischen maßgebliche Teile seines Hirnes, und Wuschinski suchte geradezu nach weiterer Nahrung für dieses, wenn er Menschen ansprach. Ihm fielen die vielen Jahre, die Jahrzehnte und Jahrhunderte zur Last, die seinen Körper einfach nicht altern ließen. Das ihm die Regelmäßigkeiten des Lebens bei der Wandernden Sonne gut tun würden, hatte er nicht vermutet, als er sich von Delayo beschwatzen ließ, sich dieser Sekte anzuschließen. Er sah es seinerzeit nur als einen erneuten Ausflug in einen verqueren Spleen an, der ihm die unvergehende Zeit vertreiben sollte.

Woosh Wuschinski hatte nun tatsächlich einige Momente geschwiegen, während sein Blick feste über der Plätzchendose hing. Nun wanderte seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Gast:

„Sie wohnen hier gegenüber? Wir werden wohl länger hier sein und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie öfter mit diesem wundervollem Gebäck zu Besuch kämen. Ich könnte Sie dafür ein wenig in unsere Lehre einführen.“

„Ach, das hat noch Zeit, lieber Herr Woosh, erzählen Sie mir vielleicht mal etwas über Jimmisch Joah? Den kennen Sie doch auch sicherlich sehr gut? Er ist doch ein guter Freund Ihres Meisters, dem alten Salvatore. Den kannte ich ja schon als junges Früchtchen, als er hier mit dem Fahrrad durch die Straßen brauste.“

„Oh, oh! Der Jimmisch Joah, das ist jetzt nicht unbedingt ein Freund für uns. Wissen Sie nicht, daß er mit dem blutrünstigen Traw zusammenarbeitet? Immer wenn er uns besuchen kommt, ist danach alles Gebäck versteckt oder auch gegessen, von ihm oder von Meister Salvatore, das weiß ich nicht so genau. Meister Salvatore ist dann auch immer etwas ungeduldig und möchte, daß wir noch viel mehr der Sonne fröhnen und am nächsten Tag dann sehr viel mehr Singen und Froharbeit leisten, als wenn dieser Jimmisch Joah ihm einen üblen Geist auferlegt, verstehen Sie? So, als wenn Meister Salvatore vielleicht sogar selbst die Sonne bräuchte? Aber er ist doch selbst auch die Sonne! Deswegen mögen wir den Jimmisch Joah gar nicht so gerne.“

„Oh, das wußte ich nicht. Das tut mir leid, wenn er ihnen Sorgen bereitet. Von diesem Traw habe ich auch noch nie gehört. Wieso soll der denn so blutrünstig sein?“ Mütterchen Ennia spitzte ihre Ohren, sah Woosh freundlich an und reichte ihm einmal mehr die Dose. Dies schien ihn sehr zu beruhigen, doch nur kurz, denn nun dachte er an…

„Nein, nein, nein, diesen Traw möchten Sie nie kennenlernen. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber schon so viel über ihn gehört. Er legt Ihnen seine Tatze auf die Schulter und die Klauen bohren sich einfach so direkt tief in Ihr Fleisch, so das Sie schon nach ein paar Minuten verblutet sind. Er spricht wohl kaum, nur immer einige Wortfetzen und er trifft sich nur mit Ihnen, wenn er Ihr Leben will! Meister Salvatore, bewahre uns vor diesem Monster! Oh, oh!“

Der arme Woosh war in seiner Erregung gefangen und hochgefahren, nun sackte er zusammen, weswegen Mütterchen Ennia sich erhob, ihm beruhigend auf die Schulter klopfte und sich empfahl. Wuschinski blieb noch einige Minuten, wie unter Schockstarre, auf seinem Stuhl sitzen. Peppy kam, um ihn zum Gesang abzuholen, und damit regten sich auch wieder alle Lebensgeister in Wuschinskis Körper. Erschrocken jedoch mußte er feststellen, daß Mütterchen Ennia die Plätzchendose wieder mitgenommen hatte. Es war ein Grauen auf dieser Welt!

Tweet <3 #1

Gestern antwortete ich auf einen Tweet, und letztlich überkam mich der Gedanke, diesen kleinen Thread hier festzuhalten. Weil… einfach so, ich mochte es halt.

Danke an den wunderbaren Twitter-User Stefan Urbach (@herrurbach), der mit folgendem Tweet meinen Lauf startete (besuchen Sie bitte den Ach Je-Verlag):

Welchen Song würdet ihr heiraten wenn ihr könntet? Warum?

Folgend nun meine Lebens- und Liebesgeschichte, die ich gegenüber den Originaltweets um das ein oder andere Wort ergänzte (hier besteht keine Zeichengrenze).

Ich wäre die Witwe von Atmosphere von Joy Division, weil ich mich schon in jungen Jahren in seine traurigen Augen verliebt habe, seine zärtlichen Berührungen, seine wunderschönen Worte.

Später lernte ich Refuse from a Silver Phial (Gene Clark) kennen, der mich mit seiner schwelgerischen Art umwarb und für sich gewann. Ich ließ seinen Namen auf meinen linken Unterarm tätowieren. Wir waren glücklich, bis er gerade erst im mittleren Alter angekommen, starb. Seine wild umarmende Art hatte ihn ausgezehrt.

Nach einer weiteren Trauerphase schloß ich mich Song for Sharon (Joni Mitchell) an, mit der ich gefühlt ziellos durch die Vereinigten Staaten tingelte. Mit uns wurde es nie langweilig und der Sex war großartig, diese Schönheit von Motelnächten. Eines Morgens wachte ich allein auf, ihre letzten Worte hatte ich leider schon vergessen, doch ihre Geschichten nie.

Inzwischen doch ziemlich gealtert, wünschte ich mir eine letzte, wirklich feste Beziehung und in einer Gruppentherapie traf ich auf From The Morning (Nick Drake). Es wurde ein stürmischer Emotionswirbel zwischen uns, den wir gemeinsam beendeten, als er das Fahrzeug über die Klippe lenkte. Im Schritttempo.

Zu unserem gemeinsamen Begräbnis erklang Solveigs Lied aus Peer Gynt.

Nick Drake – eine Erinnerung

TW mental issues, depression

Am 25.11.2019 jährt sich Nick Drakes Todesnacht zum 45. Mal.

Wahrscheinlich wird es eher in den frühen Morgenstunden jenes Tages gewesen sein, nachdem er die Tabletten zu sich genommen hatte. Ja, es war weder ihm, noch seinen Eltern, bei denen er inzwischen wieder wohnte, klar, wie gefährlich das Antidepressivum war. Es war ein Amitriptylin-Präparat.

Ich möchte mit diesem Text an ihn erinnern, und auch darüber schreiben, warum er nicht vergessen werden sollte.

Vor ungefähr zwanzig Jahren, zur Jahrtausendwende, ereignete sich tatsächlich ein kleiner Nick-Drake-Boom. Die Jahre, in denen sein Name immer wieder von Kennern erwähnt wurde, die ersten CD-Re-Releases, das beginnende Internet, das in Mailinglists und ersten Foren Menschen zusammenbrachte, entzündete diese Flamme, die dann tatsächlich noch von einem – tatsächlich fast gelungenen – VW-Werbespot in die Höhe getrieben wurde.

Doch geriet die Renaissance einige Jahre später wieder zur stillen und vereinsamten Verehrung. Was jedoch auch viel eher der Idealfall ist, um sich auf Drakes Musik einzulassen (fast könnte eins geneigt sein, zu glauben, Kopfhörer seien nur für diese Musik geschaffen worden). Selbst ein lebender Nick Drake hätte sich auch weiterhin eher vor Konzerten gedrückt, das Publikum mit langem Saitenstimmen verärgert, mit Nichtkommunikation gestraft. Die Magie seiner Musik liegt in den Aufnahmen seiner Lieder und deren Menge ist leider überschaubar. Doch ist die Kraft nicht zu ermessen und sie schwindet auch nach Jahrzehnten nicht.

Nur zu einem kleinen Überblick sei gesagt, daß vier Tonträger hier zu beachten sind: Das Debütalbum „Five Leaves Left“, das 1969 veröffentlicht wurde und Nick Drakes Songwriting oft hochklassig zwischen Folkballade, Streicherarrangements und Liedkunst zeigte. Es folgte 1970 „Bryter Layter“, das die Mischung des Debüts in eine fast easy-listening-mässige Schmissigkeit bewegte, die jedoch von Drakes Texten und seiner melancholischen Stimme konterkariert wurde. Das letzte Album, das Nick Drake zu Lebzeiten veröffentlichte wurde „Pink Moon“ (1972). Ein minimalistischer Meilenstein, wäre da nicht die spürbare Belastung des Künstlers, in der Entstehung der Lieder.

1979 wurde posthum das Album „Time Of No Reply“ veröffentlicht, das unbekannte Aufnahmen zusammenfasste, darunter die letzten vier Aufnahmen aus dem Frühjahr 1974.

Das Epizentrum von Nick Drakes Musik ist „Pink Moon“. 28 Minuten und 36 Sekunden dauert dieses Album, doch ist die Länge eher in Herzschlag zu messen. Nick Drake reduzierte die Musik auf seine Gitarre, seine Stimme. Im Titelsong erklingt kurz ein Klavier. Über allem schwebt die Dunkelheit, in welcher die Aufnahmen auch gemacht wurden. Zum Ende erklingt das Lied „From The Morning“ und es bricht mir das Herz, dieses Lied hören … zu können, zu dürfen, zu müssen. Die fast schon erleichterten Akkorde, die den Text untermalen, welcher die Dämmerung begrüßt, die Schönheit des Geschehens beschreibt und in einer Art Refrain schließt, das wir das Spiel aufgreifen sollen, das uns der Morgen lehrte.

Und weiter heißt es:

and now we rise

and we are everywhere

and now we rise

from the ground

see, she flies, she is everywhere

see, she flies all around

so look see the sights

the endless summer nights

go play the game, that you learned from the morning

Und damit schließt das Album, das zuvor eine Schwere in Musik einführte, die – auch ohne die Umstände zu kennen, in denen Drake seinerzeit lebte – klar machten, das der Künstler unter Depressionen oder ähnlichen schweren Belastungen litt. Den stärksten Eindruck hierbei macht das instrumentale, 83 Sekunden dauernde „Horn“, dem ich die folgenden Worte widme:

„Nick Drake lebt. Seine Finger leben. Sie bewegen sich. Doch ist ihnen starr. Sie rutschen, von ungewollten Impulsen getrieben, eher verdrossen auf diesen dünnen Saiten nach oben, nach unten, etwas zur Seite. Sie möchten sich lieber abwenden, oder sich verkrampfen. Alternativ auch einfach erschlaffen. Ihnen ist selten danach, sich zur Faust zu ballen, sich dann auf einen Gegenstand fallen zu lassen, um diesen zu treffen, einen Eindruck zu hinterlassen. Sie möchten nur noch existieren, nicht mehr. Eher weniger.“

Der Moment, als der letzte Ton von „Horn“ erklingen soll, jener Ton, der die aufgebaute Spannung auflösen soll, der jedoch eher als Ahnung in der Akustik steht und die Stille sich knapp ausbreitet und folgend die Akkorde von „Things Behind The Sun“ erklingen, die einerseits so flott daherklingen, jedoch so schicksalschwer beladen sind in ihrer Molligkeit. In diesem Moment werden Menschen Tränen vergießen.

and the people around your head

who say everything’s been said

and the movement in your brain

sends you out into the rain

Wieso schreibe ich über diese Musik? Sie spricht so intensiv für sich selbst. Sie belebt das Unsagbare in unseren Köpfen und sie weiß, das wir allein sind. Selbst wenn Nick Drake sich mit der Dosierung des Amitriptylins anders verhalten hätte, die Musik war bereits unter uns und wartete darauf, uns die Hand zu reichen.

Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Oder eben nicht. Ende.

Fragment 28.10.2019

TW mobbing, mental issues, medical issues

Ich stehe in einem dunklen Rohbaukeller. Nur eine Glühlampe gibt einen Faden an Licht ab. Ich bin fünf Jahre alt. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort tue. Diese typisch auf Baustellen zu findende Lampe in einer einfachen Fassung, die an einem Nagel in der Wand aufgehangen ist, fällt zu Boden, das Glas bricht, ein gruselnder Schrecken durchfährt mich, ich laufe schreiend davon. Laufe ich wirklich schreiend davon? Vielleicht bleibe ich auch, wie erstarrt, stehen, nur noch der Schall meines Schreiens, der sich durch den Raum bewegt.

In manchen Momenten der Zeit nach 1976 erinnere ich mich vage an diesen Moment und dieser Todesangst, die mich damals ergriff. Ich habe nie wieder eine solch wuchtige Angst vor einem Geschehen gefühlt. Was, wenn ich damals den Tod gestorben bin, vor dem ich mich so fürchtete?

Die Zeit ist eingefroren. Kein Zeiger bewegt sich. In diesem Raum ändert sich nichts. Doch! Hin und wieder startet die Heizung. Ich erkenne es an dieser kleinen Flamme, die in diesem Inspektionsfenster zu sehen ist. Oder eher ein Licht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie oft die Heizung startete und wieder in Ruhe fiel, während ich mich in diesem Raum befand. Was tat ich in diesem Raum? Ich weiß es nicht. Hatte es damit zu tun gehabt, das ich an dem Gasherd herum gespielt hatte? Es wäre eine plausible Erklärung, für eine Strafbehandlung in einem Heizungskeller. Vielleicht hätte ich lieber tot sein sollen?

Ich weiß nicht, warum mich dieser ältere Junge im Schwitzkasten hält. Sein Unterarm preßt gegen meinen Hals, ich kann mich nicht bewegen. Er raunt mir ins Ohr. Worte, getränkt durch den widerlichen Atem, die sie tragen. Worte, die drohen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo ich Grenzen überschritten haben mag, die diesen Mensch bedroht haben mochten. Dieser Mensch, der schon einen halben Kopf größer ist, als ich. Stärker, aggressiver.

Aggressiv bohrt sich auch die Sonde durch meine Harnröhre, weiter in das Innere meines Körpers. Es ist auf dem Bildschirm zu erkennen. Wie mir später berichtet wird, hört eins mein Schreien auch jenseits der Türe dieses Untersuchungszimmers. Ich hatte wieder zu bettnässen begonnen. Eine körperliche Störung wurde gerade in eisiger Kälte ausgeschlossen. Warum? Warum? Warum mußte das unter diesen Schmerzen geschehen? Warum konnte ich nicht einfach tot sein? Und nein! Diese Gedanken sind meinem jungen Ich nicht aus dem Jahr 2019 aufgepropft. Ich fragte mich damals mehr als einmal, warum ich leben muß. Warum meine Erscheinung 1979 andere Menschen zum Mobbing anregte? Nein, hieß es, du hast hier nichts zu suchen. Dann laßt mich einfach weggehen. Nein, warum sollen wir dich weggehen lassen? Du hast schließlich hier nichts zu suchen. Warum kann ich dann nicht einfach weggehen, bitte? Nein, wir lassen dich nicht weggehen.

In dem Untersuchungszimmer mit dem Bildschirm, auf dem die Sonde gerade die Harnblase erreicht hat, erinnere ich mich selber an keine Schreie. Ich erinnere mich nur an eine durchbohrende Eiseskälte, an eine Ohnmacht, die mir die Knochen bricht, ohne mir ein sichtbares Härchen zu krümmen. Und immer wieder die Phasen der Einsamkeit in fremden Umgebungen. Die Fehlgeburt, die meine Mutter hatte, die mich mit vier Jahren auf eine Umlaufbahn bei Verwandten schoß. Fast jeden Tag bei anderen Menschen zu Gast sein. Die sogenannten Ferien bei Verwandten, die mich lehrten, das Geräusch eines Ford Fiesta I genau zu erkennen, denn dieses Fahrzeug würde mich wieder nach Hause bringen. Die immer länger werdenden Ferien, welch ein grausames Wort, bei Großeltern, als meine Schwester geboren wurde. Nein, noch zwei Tage. Ach, noch zwei weitere Tage. Die Tage wurden zu einer endlosen Aneinanderreihung, wie auch die Krankenhausaufenthalte, die in jener Zeit noch nur ein kleines Besuchszeitfenster boten. Aber vielleicht war es für die Besucher auch angenehmer, nicht zu viel Zeit mit diesem Menschen verbringen zu müssen.

Der Duft von Binden machte mich glücklich. Landkarten machten mich glücklich. Süßigkeiten machten mich glücklich. Der Versuch, mich irgendwie in die Rolle, die mich als Junge erwartete, einzufinden, machte mich unglücklich. Ich war (ohne es damals zu wissen) ein queer kid, und hätte einiges dafür gegeben, zu passen. Meine Kindheit in den 1970er (bis 1981), entgegen der heutigen Mainstream-Meinung, war weder abenteuerlich, noch frei und ungebunden. Sie war zu großen Teilen traurig und gewalterfahrend. Über mein Verhältnis zum Essen von Fleisch hatte ich schon in zwei anderen Texten geschrieben. Auch darüber, wie sich das Verhältnis von anderen, älteren Menschen zu mir änderte, wenn sie mit meiner Weigerung, Fleisch zu konsumieren, konfrontiert wurden.

Ich wurde stumm. Ich wurde ein Platzhalter. Eine Schauspielerin, die eine schweigsame, kaum anwesende männliche Rolle übernahm. Ich erfüllte große Teile meiner Pflichten. Und nahm Verletzungen hin. Warum dieser Lehrer im freiwilligen Flötenunterricht der unseligen Grundschule mich nach dem Verheilen meines Mittelarmbruchs überhaupt nicht mehr wahrnahm? Ich war der letzte „Junge“ im Kurs, war es das? War es, was er sich zusammenreimte und mit seinem Weltbild als nicht vereinbar meinte? Letztlich wurde diese Person der Grund, warum ich jahrelang aktives Musizieren aus meinem Leben strich. Und einfach schweigend aus dem Kurs herausschlich.

Es ist nicht immer die Faust oder ein anderes Gerät der Gewalt, welches uns Menschen verletzt. Ich bin ein Kind der Kinder der Nazis. Die Generation meiner Eltern war in der Nähe dieser auch heute noch unvorstellbaren Verbrechen gegen jede Menschlichkeit. Ihre Eltern gehörten entweder zu Ausführenden oder denen, die schwiegen. Die möglicherweise einfach ihr Leben weiterlebten, weil ihnen „ja auch nichts geschenkt wurde“. Die, das mögliche aus den ewig kargen Eifelböden herauszuholen versuchten. Die wählten, was der Pastor vorgab. Aber die sicherlich erfahren hatten, als das Nachbarland Luxemburg, das fast so nah lag, wie einen Steinwurf entfernt, besetzt wurde. Die zuvor erfahren haben mußten, das da ein sogenannter Westwall errichtet wurde. Welche Fragen haben sie sich gestellt? Die sicherlich mehr als einmal in den Jahren nach 1933 selbst in dieser Einöde ein Hakenkreuz gesehen haben mußten?! Und wenn ich hier anklagend klingen mag, so meine ich nicht nur meine direkten Großeltern, sondern auch jene, in deren Welt ich 1971 geboren wurde. Ich schicke diese Frage in Eure ruhelosen Gräber hinterher: „Was seid Ihr für Menschen gewesen?“

Seitdem ich mich mit dem sogenannten dritten Reich beschäftigt habe, bin ich über die Wucht dieses Zivilisationsbruches schockiert. Und ebenso erschüttert darüber, daß diese seismische Verwerfung in mein Leben hineingreift, und das aktiv durch Menschen, die ihr Menschenbild in jenen Tagen formen ließen und bewußt oder unbewußt in die Zeit nach dem 8. Mai 1945 hineintrugen.

Wir müssen darüber sprechen, Deutschland.

too confuse to Titel.

TW Depression, Panikattaken, Trauma

Da bin ich wieder. Tief eingesunken in der zähen Masse der Depression.

Ich dachte, ich wäre inzwischen einigermassen safe.

Ich bin auf dem Weg zur Transition, ich habe eine gut eingestellte HRT.

Ich habe vor kurzem einen dämonischen und traumatisierenden Aspekt meiner Kindheit, den ich selber lange verschüttet hielt, erkannt und für mich benannt.

Und doch sitze ich hier und weiß kaum weiter. Wische die Tränen aus dem Gesicht, die einfach so fließen. Ist es die zweite Pubertät, die über mich kommt? Kommt die nächste Welle an Bewußtsein, die sich aus dem Unterbewussten herauskämpft?

Ich habe Dinge gelesen und diese haben mich getriggert. Ich wurde zurückgeworfen auf eine bis heute kaum aufgearbeitete Zeit. Meine Jugend. Im Körper eines Jungen, so von Außen wahrgenommen und genormt. Im Innern war ich schon das heranwachsende Mädchen, das sich noch nicht bemerkbar machen konnte.

Das große Thema jener Tage war fehlende Wertschätzung.

Ich hatte begonnen in einer Jugendfußballmannschaft zu spielen, das ohne sehr großes Talent, das sollte ich direkt erwähnen. Aber engagiert, denn ich hatte ja kein Talent und irgendwie sollte das Unternehmen schon Sinn machen.

Ich hielt es bis zur damals noch so bezeichneten A-Jugend aus (bis 18 Jahre). Inzwischen gehörte ich meistens zur Startelf einer Mannschaft, die durchaus gute Ergebnisse erzielte, wobei ich als talentlose Arbeiterin (Eigenbezeichnung) die linke Abwehrseite dicht machte. Doch je öfter ich spielte, desto mehr wuchs ich aus der Mannschaft raus. Warum? Es sollte doch eigentlich genau andersherum sein? Wertschätzung möchte ich nicht schon wieder als DAS WORT verwenden. Das Hineinwachsen scheiterte schon daran, daß ich kaum wahrgenommen wurde (wer braucht schon linke Verteidigerinnen?).

Zwei aus dem Kader waren keine Granaten. Ich war die eine davon. Wir waren immer da, wenn wir gebraucht wurden. Immer im Training. Doch endete jede zweite Übungseinheit damit, daß die Cracks sich unterhielten, wenn all die anderen Jocks, die inzwischen keinen Bock mehr auf sportliche Mühen, zum Team gehörten: was wären „wir“ Champions!

„Wir“ war in dem Fall natürlich ein feiner Euphemismus. Denn obwohl jedem Mensch klar ist, daß Fussball ein Teamsport ist, war es hier der Realität geschuldet, das wir zwei Nieten vor Ort waren, während die tollen Könner andere Wege der Freizeitgestaltung suchten und nicht widerkehren würden. Und die endlosen Wiederholungen dieser Träumereien machten den abwertenden Charakter erst so richtig handfest.

Etliche der Spiele fanden auf feinen, sogenannten Hartplätzen statt. Ein Pokalspiel stand an, und – was mir als Verteidigerin ja selten geschah – ich wurde heftig gefoult, schlitterte über den grobkörnigen Untergrund. Das rechte Knie troff nur so vor Blut, das unter dem Dreck hervorquoll. Super. Noch nicht einmal einen Freistoß gab es. Ich humpelte ein wenig auf dem Platz umher, niemand nahm Notiz von der Situation. Also verließ ich den Platz, ging in die Kabine und wusch in einem kleinen Handwaschbecken die Wunde aus. Als ich nach fünf Minuten fertig war, humpelte ich wieder auf den Platz und spielte im Rahmen der Möglichkeiten weiter. Nach Verlängerung kam das Elfmeterschießen, das ich dann mit einem gekonnten Schuß in die Wolken beendete. Es war mir egal. Ich war ja auch egal. Mein Knie ist seither gezeichnet von diesem Tag. Nichts zu danken.

Die zwei Jahre in der A-Jugend hatten immerhin den kleinen Vorteil, daß die sogenannten Heimspiele nicht auf jenem Waldspielplatz stattfanden, der in einem der Orte lag, die zu dieser Jugendspielgemeinschaft gehörten. Fanden die Spiele dort statt, war ich dankbar, wenn ich auf der Ersatzbank sitzen durfte. Oder höchstens eine Halbzeit spielen mußte, im besten Falle dann auf der dem sogenannten Publikum entfernten Spielfeldseite.

Das Publikum waren Männer mit Bierbäuchen, Bierflaschen in der Hand, und die sportlichen Erfahrungen von mindestens fünf Jahrzehnten, vermutlich inclusive Hitlerjugend. War es ihr Selbsthass oder der Abscheu vor den Nachkommen, die sie zu einer kaum zweistelligen, aber tobenden Masse an rotem, verdorbenen Fleisch mutieren ließ? Ich weiß bis heute nicht, warum ich mir diese Veranstaltungen überhaupt antat, wenn ich bedenke, wieviel Angst und Panik ich dort schlucken mußte. Der Weg aus dem Wald heraus brachte dann immer nur eine zeitlich begrenzte Linderung von diesem beklemmenden Gefühl in meiner mikrigen Brust.

PeerGroupPressure…? Diese ganzen fünf Jahre aktive Erfahrung als Fußballerin haben mich damals nichts gelehrt. Nur der Punkt, als ich wußte, es ist wirklich an der Zeit die Schuhe wegzuschmeißen, weil die Superkönner eine 3:0-Pausenführung mit Klimbim und fehlendem Teambewußtsein zu einer gefühlten 3:3-Niederlage vergeigten, aber tausend andere Faktoren diesen Einbruch verursacht hatten. Ich fühlte mich endgültig verarscht. Und kam nicht mehr zurück. Ich gehörte auch nie annähernd in die Peergroup.

Heute habe ich endlich gelernt, daß mich gerade die fehlende Wahrnehmung nachhaltig beschädigt hat. Verständlicherweise in feiner Zusammenarbeit mit den permanenten Provinzerniedrigungen, welche die Autorin schon als Kind erleben mußte, weil sie einfach kein Fleisch essen wollte. In Wahrheit konnte sie kein Fleisch essen. Runtergeputzt und nicht beachtet… wo soll da irgendein Selbstwertgefühl wachsen, wenn schon das Kind seine Geschlechterrolle nicht wirklich findet? Wenn permanent die innere Balance im Off hängt. Wenn die Dosis das Gift macht, so brauchte die Welt bei mir nicht wirklich viel auszulegen, um mich zu töten.

Was aus heutiger Sicht fast am schlimmsten ist: Ich war über Jahrzehnte innerlich so blockiert und ohne jedes Selbstwertgefühl, daß ich diese Verletzung nicht einmal für valide hielt, sie gegenüber meiner langjährigen Therapeutin zu äußern.

Die toxische Art und Weise, wie Männlichkeit in der Provinz gelebt wurde (und vielfach auch noch wird), hatte mir früh die Beine gebrochen. Und ich verkroch mich mit 13, 14, 15 Jahren zum größten Teil der Zeit in mein Zimmer. Neben Schule und dem erwähnten Fußballverein war ich im öffentlichen Leben unsichtbar. Wenn heute in sozialen Medien von Kindheit und Jugend in den 1970/80ern geschwärmt wird, bin ich außen vor. Ich liebte die Katzen, die bei meiner Oma wohnten. Und das war es dann auch schon, was mich begeisterte. Ich klaubte mir die weite Welt aus den Buchstaben von Zeitungen und Büchern. Wenige Bücher, leider. Die örtliche Bücherei bot die Rassismushilfe „Fünf Freunde“. Nicht zu spät immerhin entdeckte ich die Verbrechenswelt von Agatha Christie, die mich vor allem mit „Die Morde des Herrn ABC“ (The ABC murders) nachhaltig beeindruckt hat, denn die Figur des mordverdächtigen Alexander Bonaparte Cust war die erste Figur von der ich las, die unter psychischen Problemen litt (zusätzlich zur Epilepsie). Custs Beschreibung brachte in meinem jungen, verunsicherten Ich eine Saite zum klingen, vor allem auch die massive Einsamkeit, die seine Person umflorte. Er war das schwarze Loch, dem ich mich so nah fühlte. Ich hatte keinen wirklichen Platz. Keinen, der nicht auch von Panikattacken heimgesucht werden konnte.

Dieser Text hat keinerlei konsistenten Fluß. Wie sollte er auch? Wenn ich an früher denke, an die dunkleren Passagen, dann ist das verbunden mit Gesichtern alter Männer und Frauen, die mich schelten, hochmütig zu sein, daß ich ihr Fleisch nicht essen will/kann. Dieses Gefühl ist auch heute noch präsent und stark, daß ich mich wegdrehen muss. Von was auch immer. Mein Magen rebelliert. Es zieht sich alles zusammen. Der Anblick von Fleisch ist mit einer Angst verbunden, deren Grund ich nicht nachvollziehen kann. Und die Qual, der ich jahrelang schutzlos ausgeliefert war, weil ich der Mensch war, der verachtend von oben herab blickte auf die armen Leute, die sich endlich wieder ihr Stück Kotelett leisten konnten, und ich lehnte einfach ab, wollte nicht kosten.

Ob irgendwann der Grund zu Tage tritt? Ich habe das starke Bedürfnis, es nicht wissen zu wollen.

Ich habe auch keine Lust, diesem Text den Fluß zu geben, der Leser*Innen helfen mag. Die Angst lebt noch immer tief in mir und so lange, habe ich genug damit zu tun, zu mir zu stehen.

Ausflug an die Autobahn

Ich nehme Euch an die Hand und führe Euch tief in die Vergangenheit. Das Jahr 1997 war tatsächlich eine ganz andere Welt, als jene, die wir heute 22 Jahre hernach zu kennen meinen.

Ich sollte mich irgendwann in jenem Sommer in Belgien auf einem Festivalgelände umhertollen. Auf dem Weg dorthin war L in meinem Auto als Begleiter unterwegs. Vermutlich hatte er in der Bubble, die mich noch so als Anhängsel akzeptierte, das kurze Streichholz gezogen. Er war aber auch ein netter Kerl, strohblonde Haare und ein Bubengesicht, mit dem er sicher auch heute noch aussieht, als käme er gerade aus der Kinderkrippe. G war mit anderen Leuten in einem der weiteren Fahrzeuge unserer Kolonne unterwegs. Auf ihn freute ich mich besonders, er war das personifizierte Hippie-Cool. Ja, lange Haare, ein großes Interesse an Philosophie, was er auch später studierte, grandiose Gitarrentechnik, und einen wunderbar abgedrehten Humor. Mit ihm hatte ich „Arizona Dream“ gesehen und mich minutenlang über einen grünen Plastikkaktus im Hintergrund totgelacht. Wir waren selbstverständlich high, ohne Ende. Nein, es war eine Lampe! In Kaktusform. Im Haus von Onkel Leo. Ich kann es nicht vergessen, aber so richtig griffig wird es nicht, die Erinnerung hat ihre Stacheln.

Im Hintergrund ist der Kaktus dann als Lampe identifizierbar. Damals war dieses Ding zuviel für mich.

Aber die Erinnerung an G ist und bleibt gut. Jahre später haben wir zusammen an einem meiner sehr individuellen musikalischen Projekt gearbeitet, bei dem die meisten Menschen mit dieser Kunstfertigkeit mir einen Vogel gezeigt hätten, wenn ich ihnen die Ideen so vorgestellt hätte, wie sie letztlich umgesetzt wurden. G verstand intuitiv, das Kunst auch eine Arbeit an der Darstellung von Emotion sein kann, und nicht eine Form von Selbstdarstellung der eigenen Virtuosität. Und so wurden manche Aufnahmen modelliert zu zerklüfteten, menschenfeindlichen, eiseskalten Sphären, welche die wenigen Hörer meist erschüttert bis angewidert zurückliessen, doch manche, wie G, liebten sie für ihre Authentizität. Für den Moment mag es wahr gewesen sein. Ein Zeugnis der Dunkelheit nach dem Rausch, könnte eins es nennen. Aber ich schweife schon ab, bevor der Weg überhaupt erwähnt wurde.

In Belgien 1997 kann ich mich nicht sehr stark an G erinnern, ich weiß er war damals noch mit B zusammen. Oder? Die beiden waren gemeinsam dort? Ach, whatever, hat nicht so lange gehalten. Menschen scheitern immer an dem Moment, wenn die Romantik des theoretisch Möglichen auf den Abwasch stößt. Und je länger dieser ignoriert wird, desto kräftiger ziehen Blitz und Donner später über die feindlich gewordenen Linien hinweg. Ich hatte immer eine enorme Angst vor diesen Momenten, Partner*innen werden sich hoffentlich an meine Lust an Hausarbeit erinnern.

Aber G war dort. Und die andere Bubble ebenfalls. Jene, die sich aus ganz Deutschland rekrutierte und immer wieder mal auf Parties irgendwo zusammentraf. Die große B und T waren darunter. Ja, und ich erreichte irgendwann mit L das Ziel. Und natürlich hatte ich größte Panik mit meinem PKW durch diese Massen an Menschen zu fahren, um auf einem der Parkplätze die verstreuten Bekannten zu finden. L half immerhin tatkräftig mit und beruhigte mich.

Warum ich überhaupt den Unfug dieses Festivalbesuchs mitmachte? Ach, da waren etliche Artists, die mich ansprachen und dann war C dort. Klar? Das ist eine lange Geschichte und sie ist vor allem überhaupt nicht gut. Sie läßt sich nach einem Besuch bei G vielleicht ertragen. So, wie dieses eine Mal, als ich dort war und – bitte liebe Kinder, macht das nie nach / und ich fühle mich auch jetzt noch schlecht deswegen – ich später noch in einen Club fuhr, auf einem Weg, den ich besser als Westentasche kenne, und mich aber permanent fragen mußte: Wo bin ich hier? Das ist doch R? Wieso bin ich nach R gefahren? Oder ist das nicht R, sondern schon BP? Dazu lief Sonic Youth in atemberaubender Lautstärke und half meiner Unsicherheit mit vorzüglicher Hochachtung. Fuhr ich in jener Nacht schneller als Schrittgeschwindigkeit? Letztlich kam ich an.

An jenem Abend hätte mir ein anderes Ich diese C-Geschichte erzählen können, und vielleicht hätte ich zugehört und mich amüsiert. Denn dieses andere Ich war so needy, so klein und gebückt in seiner Needyness. Vielleicht hätte ich ihm die Wangen getätschelt und gesagt: „Ooooh. Armes, anderes Ich. Hm? Blöde Sache.“

Ja, C hatte diese Beziehung beendet. Und das andere Ich hatte das nicht verarbeiten können. Nach außen hin sahen viele das nicht, außer die wenigen, die das andere Ich mit seinem Leid zutextete. Und die meine traurigen Lieder aushielten, die ich immer hörte. G mußte nur manchmal meine Zusammenbrüche verarzten. Er blieb da Hippie-Cool und war so comfy, daß ich mich rückwirkend verlieben könnte. Wir waren noch so jung und die Zukunft war das, was du eh nicht verhindern konntest und da zog ich doch lieber an einem Joint. John Lennon hatte uns mit seinem tollen Spruch* in einen panischen freeze befördert. Ich weiß gar nicht mehr abzuschätzen, mit welcher Masse an Komplexen ich gerade 1997 belastet war. Und vielleicht war das der Schlüssel zu der C-Story? In jenen Monaten mit ihr hatte ich mich etwas abladen können, hatte meine eigene Last nicht mehr ständig so heftig spüren müssen. C war ja nicht nur eine attraktive junge Frau, sondern auch ein Mensch, der eine gewisse Empathie besaß. Verständlicherweise in dem Rahmen, den sie dem Gegenüber zugestehen konnte oder wollte. Manche meiner unverständlichen Flausen nahm sie hin, andere nicht. Ich ging ihr letztlich in Belgien aus dem Weg. Ich kam mir vor, als sei ich der Stalkerei anheimgefallen. Klar, waren da viele andere Mutuals, aber mein Kopf hatte da so seine eigene Meinung.

Freitags angekommen, sollten wir bis Sonntag unser Leben auf einer riesigen Wiese betreiben. Ich kann es nicht. Ich kann kein Camping, keinen Wanderurlaub. Ich brauche einen Fluchtpunkt. Ich brauche einen Ort, der zum Beispiel in Mauern gefaßt, Platz schafft für eine Toilette, für einen Schrank, der Nahrung fasst. Auf einer riesigen Wiese in Belgien war kein Platz für derlei Träumerei. Also aß und trank ich fast nichts. Hatte schon einen Tag vorher damit aufgehört. Timing ist alles, oder?

Ein Mal schon hatte ich ein Festival getestet, das mehr als einen Tag einnahm. Es war dieses große Teil, das immer noch in der Eifel stattfindet, meine Frage hierzu lautete: Überlebe ich? Check. Aber es war emotional auslaugend. Eine Hülle schleppte sich zuletzt zu ihrem Fahrzeug, und versuchte aus dem Schlammbad herauszukommen. Einzig die Erkenntnis, das eine Gottesvision alleine durch enorme Lautstärke herbeizuführen ist, wie es die Young Gods (welch‘ klingender Name!) schafften, blieb nach diesem Erlebnisurlaub haften.

Der Freitag wurde zum Samstag, und an diesem Tag sollte am späten Abend David Bowie spielen. Sehr schön! Dazu noch Paul Weller und Suede, Supergrass am nächsten Tag. Ihr merkt, ich hatte einen Union Jack tief in den Ohren stecken, auslaufende Britpop-Ära, y’know. Doch Weller machte mich nicht an. Sein Cool hatte er wohl damals verloren und dieser Muckerrock stand ihm nicht, meinem Gemüt schon gar nicht. Erschrocken war ich zufällig in die Nähe der Nebenbühne gekommen, als dort ein inzwischen vergessenes Nichts namens Reef spielte, und ich entgeistert auf Uhr schaute: Ist es schon 1974?

Um Bowie nah zu sehen, ging ich kurz bevor Suede beginnen sollten vor die Hauptbühne. Suede hatte ich Monate zuvor via einer WDR-Rocknacht schon gesehen und die ersten drei Songs waren auch komplett identisch zu diesem Gig. Kurz vorher war ich G noch über den Weg gelaufen, der mich mitrauchen ließ. Nice. Und so leicht jetzt, wo dort der so schmale, wie attraktive Brett Anderson auf der Bühne turnte. Neil Codling, der Keyboarder, saß mißmutig an seinem Instrument und schmiss regelmässig seinen Mikroständer um. Der Roadie kam gelaufen. Der Ständer fiel erneut. Der Roadie kam gelaufen. Und das ganze noch einmal. Codling zog immer noch eine Fresse. Es war erschütternd anzusehen. Ich war jedoch inzwischen zu weit abgeschlossen, um mich zu echauffieren und blickte nur versteinert zur Bühne und lies die Augen langsam zu Brett Anderson weiterwandern. Waren weitere Songs an uns vorübergezogen? Ich vermute, ja.

Ja, es ist Brett Anderson.

Es begann nun ein eher leises Intro. Mein Blutdruck stieg plötzlich an! Das war „Picnic By The Motorway“! Das hatten sie in Düsseldorf nicht gespielt! Was passierte plötzlich mit mir? Brett und Neil waren mir plötzlich egal, außer, das sie diese Töne, diese Musik erzeugten, die mich mit einer Macht ergriff. Brett ist über alles mögliche traurig, die Gitarre quengelt quecksilbrig darunter, die schon die ersten Töne so herrlich zerfetzt klingend gegeben hatte. Einzig der Bass hat noch etwas Bodenhaftung, in diesem Sofa-Szenario, das ebenso dicht war, wie diese Hörerin im Publikum. Und dann dieser Wumms in den Refrain, als der Tag dann schön wurde. Es schüttelte mich, nahm mich nun die kräftige Gitarre an der Hand und riss mich in den Himmel. Wir liefen über die Bridge, die einfach nur das schönste war, das in diesem Moment möglich war. Selbst der üble Codling half bei diesem Traumszenario jetzt kräftig mit und ich fühlte mich, wie von Brett geküsst.

Es kamen die Tränen. Es kämen Sturzbäche an Tränen, als hätten sich die Schleusen über mir geöffnet. Die Tränen sie liefen nur so, als sei es das natürlichste auf dieser Welt, auf einem Feld in Belgien zu stehen und Tränen laufen zu lassen. Dicht auf einem Feld in Belgien, heulend. Nicht geküsst von Brett, aber reingewaschen von ihm und seinen Freunden für einen Moment, für diesen einen Moment. Tränen hatten so viel Trauer aufgelöst und aus mir ausgeschwemmt. Während diesem Picknick an der Autobahn rissen die Wolken auf, und es war letztlich alles voller Sonnenstrahlen.

Der Song war zu Ende. Ich wandte mich von der Bühne ab, lief der großen B noch über den Weg, die mich „Dreieckauge“ nannte, suchte mein Auto und fuhr davon. Bowie? Wer brauchte ihn noch.

für jene, die sich fragten, welches Feld in Belgien denn gemeint sein kann.

Wer den besagten Song auch noch hören möchte, der folge dem LINK

Lennons *: „life is what happens to you, while you’re busy making other plans“

Eine Polemik gegen den Mittelstand

TW mental issues, eating disorder

Ich möchte heute aus den Trümmern des untergegangenen Reichs der sogenannten bürgerlichen Mitte, des Mittelstands berichten.

Ich habe dort viel Zeit als Gast gelebt. Den Niedergang habe ich am Rande stehend, mit einem Lächeln quittiert.

Blicken wir zurück. Wie lebte es sich dort, unter den Bürgern? Eng war es. In den kleinen Häusern, die nach den großbürgerlichen Villen ausgerichtet waren. In den Herzen, die tugendhaft zum Verzicht hin blickten.

Wer waren jene, die diese „Mitte“ bevölkerten? Es waren jene Familien, welche durch den harten Kampf um Menschenrechte, Arbeitsrechte, um Wahlrechte, durch die politisch linken Gruppierungen seit dem Beginn der Industriellen Revolution zu einem Maß an Wohlstand gekommen waren, der nach sich zog, daß das Brot des folgenden Tages meist gesichert war. Es waren keine reichen Menschen. Doch sie konnten sich in einer relativen Sicherheit einrichten.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Wenn die Ernährung für Deine Familie und Dich am nächsten Tag keine erneute Schlacht bedeutet, die Dich auf Dauer auslaugt und -zehrt, bis sie Dich eines Tages umwirft und nur ein weiteres Opfer der Umstände zu beklagen ist? Es ist gut, daß diese Situation für viele Menschen beendet wurde. Doch zurück zur Frage: Was macht es aus den Menschen? Dankbare Wähler der Parteien, die für ihre verbesserte Situation sorgten? Naja. Wenn eins auf die Ergebnisse der Reichtagswahlen ab 1871 (bzw. 1867 im Norddeutschen Bund) schauen, sehen wir, daß die Sozialisten erst ab 1890 eine signifikante Kraft werden, wobei in jener Zeit natürlich das Wahlrecht noch an Geschlecht und Einkommensverhältnisse („Steuerleistung“) angeschlossen war. Und es waren die Sozialisten, die gegen viele Widerstände bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gravierende Verbesserungen für die Arbeiterklasse erreichen konnten. Jene Klasse, die sich dann trotzdem in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 sich in den langen Schlangen der arbeitslos gewordenen Massen einreihten. Doch daran konnte letztlich auch die inzwischen zur SPD gewordene Partei nicht wirklich viel ändern, zumal ihr Wahlerfolg auch weit hinter die Erfolgszahlen prä-WW1 gefallen waren. Und die SPD war inzwischen auch zahmer, reformorientierter geworden (seit 1925), die härteren, unbeugsameren Kämpfer hatten sich in der KPD gefunden.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Ich greife diese Frage erneut auf. 1933 war ein Teil der Antwort: Nazis. Willige Helfer der nationalsozialistischen Diktatur. Willige Helfer in der kommenden Vernichtungsindustrie.

Es geht hier natürlich nicht nur um jene „Aufsteiger“ aus der Arbeiterklasse. Es geht auch um jene Menschen, die schon im Kaiserreich eine gesicherte, mittlere Existenz lebten. Es geht um jene, die vor dem Adel buckelten. Die nach dem November 1918 den deutschnationalen Traum von der Wiederkehr des Kaiserreichs träumten und sich dafür auch mal für ein Freikorps anwerben ließ. Wie viele dieser Existenzen waren 1945 wohl entweder aufgrund des 2. Weltkrieges tot, kriegsgefangen oder standen vor den Ruinen ihres ehemaligen Besitzes? Und wie gerecht das ist! Steigbügelhalter des Faschismus haben nichts anderes, als den persönlichen Untergang verdient. Befehlsnotstand, my ass!

Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg hat auch die Wiederkehr jener „bürgerlichen Mitte“, des Mittelstands gebracht. Genügend Menschen, die nicht reich waren, aber sich nicht um das Brot von Morgen zu kümmern brauchten.

Spüren Sie meinen Unmut gegenüber diesen Menschen? Warum sollte ich jener Klasse negativ gegenüberstehen, deren langjähriger Gast ich war? Ja, ich stamme aus dem Arbeitermillieu. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es schlechter, als meiner Familie ging. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es besser ging. Was ich in den ersten Jahren meines Lebens nicht kennenlernte, waren z. B. People of Color. Es gab in diesem Teil der deutschen Provinz einfach keine. Dafür hatten wir als Kinder aber gewaltige Angst vorm „schwarzen Mann“ in Fangspielen zu Zeiten der Grundschule, die mehr als alles andere ein grausames Gefängnis war, mit Strukturen, die Andersartigkeiten aller körperlichen Arten sanktionierte und die lautesten, aggressivsten Zöglinge nach vorne spülte. Dort wurden Männer gemacht. Dort wurden Plätze in den Hierarchien erkämpft. Noch heute würde ich diesen Ort am liebsten niederbrennen. Diesen Ort, an dem niemand anderes sich bewegte, als die deutsche, weisse, sexuell zu normierende Mittelklasse, ob nun aus Bürgertum (wenige) oder Arbeiterklasse (die Mehrheit) stammend. Bewacht von Lehrpersonen, die sich auch auf Hierarchien und Handgreiflichkeiten verliessen. Allen gemein war inzwischen, das sie die Mittelstand darstellten. Selbst ich, der Gast.

Der oben erwähnte, eigentlich beendete Überlebenskampf wurde hier nachgespielt in Szenarien, die sich tagtäglich wiederholten und den Willen zum Überleben unter den Unterlegenen nicht förderten. Ich sah einen Knaben, vielleicht neun oder zehn, der von einer Horde kreischender, schreiender Soldaten to come, aufs Blut gereizt wurde, der in einer Jagd über eine Kette springen wollte, ein Fuß verfing sich, der Junge prallte mit dem Gesicht auf den Asphalt. Blut, Blut und Zähne auf dem Boden, Blut überall. Was war der Grund, warum dieser Mensch zur Zielscheibe wurde? Er litt unter Albinismus. Und er war ein Fehler im Muster dieser „Mitte“-Menschen, die schon in Besitzansprüchen dachten und handelten.

Ja, ich will diesen Ort der Gewalt niederbrennen sehen. Als ein nachhaltiges Zeichen gegen die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland.

Eins mag über Film „Fight Club“ denken, was eins will. Aber dort taucht folgendes Zitat auf:

„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen“

Es mag der einzige vernünftige Satz in jenem Film sein, aber er sagt sehr viel über den Mittelstand aus. Die Verwobenheit der Menschen untereinander im Bezug auf ihren Besitz wird hier genau seziert und sie ist toxisch.

Wie oft hörte ich Gespräche in jedwedem Rahmen, in denen über andere Menschen gesprochen wurde. Vielleicht 5% dieser Gespräche hatten einen empathischen Grund, ein „jenem Menschen müßte geholfen werden“. In den anderen Fällen handelte es sich um Neuigkeiten im Leben anderer Menschen, Fehltritte, neuerworbener Besitz. Okay, das kann einfach Gossip sein. Aber lasset die Themen nicht auf Nischen der Gesellschaft kommen, auf sexuelle Graubereiche, wie sie LGBTQIA für den Mittelstand darstellt! Der Mittelstand greift doch gerne zum Sagrotan, um sich rein zu halten. Selbst über Homosexualität wird noch zu oft im Flüsterton gesprochen. Aber Transsexualität wird gar nicht gesprochen, weil nichts gewußt wird. Es erscheint, als träfen sich diese Leute auch gerne an Orten, die den Kampfkellern im „Fight Club“ ähnlich sind. Aber, „was wissen wir schon, über diese Leute“, denkt sich der Mittelstand und versemmelt noch ein paar Tausender an Aktienmärkten, von denen er nichts versteht.

Und dieser mittelständische Hang zum Fleischverzehr. Ich entschuldige mich nicht mehr für meine militant gewordene Haltung gegen diese Ernährungsform. Ich kämpfe seit meiner Kindheit dafür kein Fleisch essen zu müssen. Diese verfaserte Etwas, diese Fettstreifen, die sich dadurch ziehen. Dieser Hang dazu, das Fleisch müsse noch blutig sein. Wie widerlich kann eins sein, solches zu essen? Und kommt mir keiner mit – was weiß ich – Proteinen, Fetten, etc., die mir fehlen sollen. Es reicht mir, wenn ich diesen Ekel nicht mehr erleben muß, den ich Jahre über mich ergehen lassen mußte, wenn ich dem Mittelstand beim Verzehr von Lebenwesen zusehen mußte.

Gast dieser Klasse gewesen zu sein, läßt mich Freude über ihr Ende empfinden. Darüber, daß vor allem Ängst, zumeist irrationale Ängste wie Salpetersäure durch die tragenden Wände des Mittelstandes gefressen haben, um diese letztlich zum Einsturz zu bringen. Die Ängste über Menschen, wie mich, die wie Viren in diesem Organismus agierten. Über Menschen, die fremde Bräuche, Religionen, einfach nicht ablegen wollten, und sich der als Integration getarnten Assimilierung widersetzten.

Der Mittelstand hat nie verstanden, daß Menschen Individuen sind. Deswegen hat sich der Mittelstand in den Weltkriegen mit Macht in die Schlachten gestürzt, denn der einzelne zählt nicht mehr. Hat der Mittelstand mit Macht die Nazi-Vernichtungsmaschinerie geölt und am Laufen gehalten, denn die netten, anständigen Leute mußten unterstützt werden gegen das Fremde, gegen das Unvölkische. Würde der Mittelstand auch jede neue nationalistische Diktatur mit Macht unterstützen, aus den gleichen Gründen.

Mittelstand, du hast einfach nicht verstanden, daß deine Feinde nicht jene sind, die du verfolgen würdest, wenn es wieder Zeit dazu würde. Zünde lieber jene Banken an, die dein Vermögen vernichteten.