Die Welt nach Nietzsche

Liebe Welt,

die Zeit verging in den vergangenen Wochen, wie sie es bereits von jeher tat: Pro Minute verstrich eine Minute Zeit. Und dennoch blieben Fragen offen, die ich eigentlich bereits als beantwortet angesehen haben wollte. Da dem nicht so war, werfe ich nun die folgenden Worte Dir, liebe Welt, entgegen. Die großspurige Überschrift, mit der Erwähnung eines lange verblichenen Denkers, war alleine Pose, beziehungsweise Promotion, Blickfang.

Die Gottesfrage – die nächste Stufe

Peng verließ den Froschkönig mit einer gewissen Zufriedenheit. Er hatte sein Anliegen über das Fehlen einer wahren, göttlichen Existenz vortragen dürfen, hatte alle ihm in den Sinn gekommenen Beweise genannt. Hatten ihn die Freunde Ping und James noch in ihrer Schroffheit enttäuscht, so hatte der Froschkönig nicht nur interessiert gewirkt, sondern letztlich sogar überzeugt. Er hatte genickt und Peng freundlich entlassen.

Einige Tage später konnte Peng seine Freunde tuscheln hören, daß der Froschkönig eine extrem wichtige Bekanntmachung vorbereite. Als sie seine Aufmerksamkeit bemerkten, blickten sie verschämt in eine andere Richtung. Und es kam so, wie es von Ping und James unter der Hand besprochen wurde, daß der Froschkönig bekannt gab, daß ab diesem Tag der Rede kein Gott mehr existiere und alle Religion abgeschafft sei. Ping und James sahen Peng seines Weges kommen. Sie packten ihn an den Armen und stellten ihn zur Rede.
„War das Verbot von Gott Deine Idee, Peng?“
Peng schaute verdutzt, da Ping und James ihn seit jenem Gespräch kaum beachtet hatten und ihm gar aus dem Wege zu gehen schienen. Er nickte kurz, dann erzählte er von seinem Besuch beim Froschkönig, wobei er von seinen Gedanken zur Gottesfrage berichtet hatte. James der Bär schien aufbrausen zu wollen, dann jedoch sank er ratlos in sich zusammen.
„Was soll ich Dich denn jetzt schlagen? Für wen soll ich das tun?“
Die Beiden liessen Peng nun los, der sich die Arme rieb und zweifelnd wirkte. Er wußte nicht, wie er sich den alten Freunden gegenüber verhalten sollte. Sie wirkten wie Fremde auf ihn, da sie ihren Glauben an etwas Irrationales zwischen ihn und sich stellten. Ihm war doch völlig klar, daß es diese Gottesgestalt nicht geben konnte. Hatten seine Argumente nicht ausgereicht, oder hatten die Freunde ihren Verstand ausgeschaltet gegenüber dem, was er zu dieser Frage zu sagen hatte? Ping stieß James an:
„Du kannst ihn doch einfach schlagen! Vor wem willst du dich denn verantworten? Der Froschkönig hat Dir doch nichts zu sagen.“
James nickte und so bekam Peng ein zweites Mal die Tatze des Bären zu spüren und fand sich im Gras liegend wieder. Sie wollten ihn einfach nicht verstehen, und lehnten nicht nur seine Argumente, sondern auch seine Person ab. Peng war tief enttäuscht. Traurig blickte er denn Ping und James nach, die sich entfernten.

Ping war ebenfalls von Trauer erfüllt.
„Wie kommt er bloß auf solche Gedanken? Warum meint er denn, daß er alles einfach so erklären kann? Er sagt doch, daß das Weltall zu groß sei, als daß ein kleiner Frosch es so erklären könnte! Also! Warum will er dann Gott spielen, der doch gar nicht existiert?“
„Peng versteht nur einen Teil des Ganzen, kleiner Ping. Er versteht nicht, daß sich Gott nicht an jedem Tag an jedem Ort an- und abmelden muß, um allen Kleingeistern zu beweisen, daß es ihn gibt. Aber nun ist er ja vom Froschkönig als verboten erklärt. Das bedeutet, wenn Peng und der König recht haben, daß wir nun alleine sind im weiten All. Das wird eine traurige Zeit. Wir leben dann ohne die Hölle, was ja gut ist, aber auch ohne den Himmel, auf den ich mich doch so gefreut hatte, weil ich dort meine Eltern wiederfinden wollte. Nun ist das alles vorbei, alle Hoffnung dahin.“
James setzte sich und begann zu weinen. Ping versuchte ihn zu trösten, doch auch ihm war sehr schwer ums Herz, denn er fühlte einen immensen Verlust.

Peng hatte gehofft, durch seinen Vorstoß die Frösche zu einer Diskussion anzuregen, um den Weg zu einer neuen Blickweise zu öffnen, und, an seiner Meinung nach berechtigten Stellen, Zweifel zu säen. Daher hatte es ihn zum Froschkönig gezogen, der jedoch keine halben Sachen tat, sondern direkt allen Glauben begrub. Die Befreiung, die Peng wollte, war nun einer neuen Geißelung gewichen, denn wo zuvor ein religiöses Gefühl in den Fröschen weilte, war nun ein staatlich verordnetes Vakuum. In Pengs Vorstellung sollten die Frösche nicht blind für ihre Realität umherirren, in dem Glauben, daß es eine reine, selige Fortsetzung nach dem Tode gäbe. Peng hielt dies für eine Irreführung, die seine Kameraden zu willfährigen Opfern machte. Er sah die Religionen als nicht Besseres, als eine irdische Ideengemeinschaft, die nur nach diesseitiger Macht strebte. Gedankenlose Gläubige waren hierfür eine willkommene Herde, die man für sämtliche Zwecke mißbrauchen könne. Nun hatte Peng jedoch versucht diesen Schwindel zu beenden und der Wind hatte sich gedreht. Leider genau in die entgegengesetzte Richtung. Nun zog der Froschkönig tatsächlich an allen Fäden. Er war nun nicht mehr nur der Herr über den Leib, sondern auch über die Seele geworden. Peng fühlte sich sehr schlecht. Doch nicht schuldig. Er sah den Kosmos weiterhin als groß und unerklärlich an, doch sah er darin keinen Gott als Urheber. Höchstens einen kleinen Unfall mit unermäßlichen Ausmaßen auf physikalischer Ebene. Wer den Unfall verursacht hatte, wußte Peng jedoch nicht. So weit es ging, runzelte er seine Stirn.

Der Froschkönig war auch am zweiten Tag nach der Bekanntgabe des Gottesverbots noch überglücklich. Dies war ein Streich, der überraus gelungen war. Dieser kleine, träumerische Denker hatte ihm das größte Geschenk gemacht, das er bislang erhalten hatte. Er selbst hatte in diesem Gott nie etwas von Substanz gespürt, doch hatten ihn die Gottesfrösche immer verärgert. Allein durch ihre Anwesenheit hatten sie seine Tage verdorben, hatten sie doch seine Allmacht in Zweifel gezogen und ihm vorgehalten, nur ein Frosch zu sein. Er sah sich als größer, immerhin war er der Froschkönig und das alleine. Nun hatte er sie mit einem Handschlag entmachtet, ihnen die Berechtigung des Großen Wortes unter den Füssen entzogen. Es war ein wunderbares Gefühl, es sollte nimmer enden, wenn denn sein Wille geschehe. Er trat vor auf seinem Königshügel und ließ seinen Blick über ein ruhiges Land streifen.

Ein Gottesfrosch hatte Peng in einen Hinterhalt gelockt und festgesetzt. Er sah den traurigen und zweifelnden Frosch mit grimmigen Blicke an. Dann unterbreitete er die Anklage, daß er, Peng, Schuld daran trüge, daß der Froschkönig ihren Gott, den Glauben und die Religion verboten habe. Dadurch sei nun jede Hoffnung für die verzweifelten unter ihresgleichen unterdrückt. Der Gottesfrosch war von großem Zorn bewegt. Peng schwieg zu den Anschuldigungen, denn er sah keine Gelegenheit an dieser Stelle ein verständiges Ohr zu finden. Auch er fühlte sich verzweifelt, unterdrückt und sehr hoffnungslos. Doch sah er weder den Froschkönig, noch die Illusion einer Gottesexistenz als den Verursacher, sondern einen entmachteten und daher frustrierten Frosch. Diesen Gedanken behielt er für sich, denn ihm war bewußt, daß er den Gottesfrosch nicht reizen solle. Doch wußte er auch keine Worte der Beruhigung für diesen. So ließ er jenen zetern, dann schreien und später wüten. Immer wieder mußte Peng auch Schläge auf den Kopf hinnehmen. Als der Gottesfrosch sich beruhigte, wurde Peng auch eine Möglichkeit bewußt, sich mit einer List aus dieser schrecklichen Lage zu entwinden. Er versprach dem Gottesfrosch, daß er erneut das Gespräch mit dem Froschkönig suchen würde und diesen bitte, seine Anweisungen zu lockern und eine Freiheit der Religionsausübung zu gewähren. Dies stimmte den Gottesfrosch nicht froh, doch erkannte dieser, daß die Zeit noch kein größeres Ziel zuliesse. Er ließ Peng gehen, nicht ohne ihn jedoch scharf zu warnen, daß es auch keine Zeit der Tücke gäbe. Er habe ein wachsames Auge auf Peng.

Die erste Woche ohne Gott neigte sich ihrem Ende zu. Ping und James verbrachten die meiste Zeit zusammen und versuchten die Trauer über den Verlust des Paradieses aufrecht zu erhalten. Doch fehlte ihnen inzwischen am meisten der verlorene Freund, Peng. Sie hatten ihn nun seit jener fruchtlosen Diskussion nicht mehr gesehen, wähnten ihn jedoch in der Nähe des Froschkönigs, dessen Berater er ja nun sein mußte. Dem war aber nicht so.

Peng hatte Wort gehalten und den Froschkönig aufgesucht. Er hatte diesen gebeten eine gewisse Erleichterung für die Gläubigen zu erlauben, denn es herrsche nun viel Verzweiflung unter den Fröschen. Der König verneinte sich dem Antrag. Weshalb denn nun Verweiflung herrsche? Wo doch die Frösche nur an das Nichts glaubten, so hätte er, Peng, es doch bewiesen! Solle er doch die Frösche lehren gehen, was dieses Königsgebot bedeute, was der Hintergrund sei, welche Chancen nun für die klugen Frösche bestünden! Wenn der König selbst nun einen Schritt zurück mache, würde er wieder von seiner neuen Machtfülle abgeben, würde er die Trennung von Leib des Untergebenen und dessen Seele auf immer zustimmen. Er könne auch seinem Volk dieses nicht zumuten, daß sie zwei Herren dienten. Er habe auch diesen Gott nie gesehen, habe immer nur den Druck durch die aufsässigen Gottesfrösche verspürt und sei nun auch froh, daß diese sich nun in einer neuen Demut vor ihm zeigten. Mit Pengs Hilfe habe er der Froschheit ein neues Kapitel ihrer Geschichte aufschlagen können. Peng solle doch nun ein wenig Freude darüber zeigen. Nein, dieser wirkte zerknirscht, doch gewann er schnell wieder die Fassung und erkannte, daß er hier nichts gewinnen könne. Der Froschkönig war von seiner Meinung durchdrungen und würde nie davon abrücken. Auch war es Peng gleichgültig, womit sich die Gläubigen, wie auch die Gottlosen die Zeit vertrieben, wenn ihre Gedanken von Angst und Hoffnungslosigkeit geplagt wurden. Er wußte nur, was ihn selbst bewegte. Er verabschiedete sich vom Froschkönig und dankte diesem für seine Aufmerksamkeit. Dann machte er sich auf schnellstem Wege auf zu seinen Freunden, die er so sehr vermißte.

Ping und Peng und James, der Bär fielen sich in die Arme und feierten mit oder ohne Gott bis weit in den nächsten Morgen.

That’s it, Folks. Dankt nicht mir, sondern der Lust, die Euch zum lesen verführte. Und… hütet Euch nicht nur vor den Gottesfröschen. Auch andere planen gekonnte Hinterhalte.

Mit ergebenster Paranoia,
Ihr Herr Hansen

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4 Gedanken zu „Die Welt nach Nietzsche

  1. Interessanter Blick auf eine post-religiöse Welt. Das entspricht im Übrigen vollkommen meiner Idee, mit Peng hast du dabei auch sehr schön Nietzsche in diese Froschwelt transferiert.
    Mir gefallen deine Fabeln mit dieser ungewöhnlichen 3er-Konstellation super, mach bitte gerne mehr!
    Von mir gibts auch demnächst irgendwann mal ein Update, sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet hatte, hatte ewig viel um die Ohren!

    Liken

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