Geschichten vom König, erster Teil

Liebe Welt,

jener „König“, den ich in der Überschrift anspreche, ist natürlich der König Fußball, der sogenannte. Von ihm ist nun in den folgenden Geschichten die Rede. Es mag in diesen Erzählungen ein gewisser autobiographischer Aspekt vorhanden sein, doch werde ich mich hier nun hüten, anzugeben, welchen Prozentsatz er erreichen mag. Es könnte dreistellig sein… könnte, wohlgemerkt.

Warum bin ich Fußballfan?

Warum auch dazu noch Fan der Mannschaft von Borussia Dortmund? Wir schreiben hierzu aktuell den 16. April 2012, und wahrlich: Es gibt schlechtere Zeiten Fan dieses Vereins zu sein. Der achte Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft liegt einen Wimpernschlag entfernt (sprich: man sollte bitte sehr noch zwei Punkte aus drei Spielen holen, dann ist alles klar gemacht), dazu steht man im DFB-Pokalfinale am 12. Mai 2012 gegen den FC Bayern München.

Und damit ist die große Polarität bereits angesprochen und benannt.

Ich stamme aus tiefster und ärmster Fußballprovinz. Sie ist so durch und durch grau, kahl und entvölkert, daß der nächste Club, welcher dem Profifußball hin und wieder auflauert der Verein gewordene Pokalschreck Eintracht Trier ist. Und selbst Trier war damals, 1979, eine kleine Weltreise und wurde selten besucht. Jenes Jahr sah mich denn eines sonnigen Samstags am Radio sitzen und Fußballergebnisse hören. Am 33. Spieltag der Saison 1978/79 besiegte Eintracht Frankfurt Borussia Dortmund mit 3:1. Das Ergebnis zählte nicht in meinen Ohren, doch der Klang jenes Clubnamens, der vibrierte und besaß eine Süße, derer ich mich später nie mehr entziehen konnte. Selbst zwischen 2003 und 2005 nicht, als die schlechten Zeiten eine Dichte annahmen, die stählerne Nerven erforderte. Der Name Molsiris läßt auch heute noch einen negativen Schauer über den Rücken laufen.

Der Radiosender am 02. Juni 1979 war RTL, der Sprecher müßte Benno Weber gewesen sein, und Tore kündete man damals beim Sender aus dem benachbarten Luxemburg mit einem silbern rattelnden Klingeln an, das ich bis heute nicht vergessen habe, doch kaum beschreiben könnte. Die regionale Tageszeitung, der sogenannte Volksfreund aus Trier, hielt sich damals eisern an die regionalen Topclubs, die genannte Eintracht, sowie den späteren Ein-Jahres-Zweitligisten FSV Salmrohr, sowie den langjährigen Oberligisten, SV Leiwen. Die Bundesliga wirkte hingegen damals als fremdes, weit entferntes Land, und somit war die geographische Nähe zum a) 1. FC Köln oder b) 1. FC Kaiserslautern für viele meiner Freunde und Bekannten kein Argument, welchem Verein man sein Herz schenkte. Immerhin könnte ich zwei Lautern-Fans mit Namen nennen, die ich bis heute (2012) kennengelernt habe. Der Kölner FC hat es da etwas besser und neben einigen Menschen, die ihm bei gutem Wetter die Daumen drücken, habe ich vor Jahren einen echten Hardcore-Fan kennengelernt, der alle Höhen und Tiefen mitmachte und neben diesem Club höchstens noch den Doors-Frontmann Jim Morrison in seinem großen und weiten Herzen trug.

Der Rest waren Fans des FC Bayern München. Warum? Das kann ich definitiv nicht beantworten. Die pausenlosen Erfolge, Titel, Siege, Ehrungen, massenhaften Nationalspieler ergo Jugendidole? Wahrscheinlich. Ich stand auf Manni Burgsmüller. Wolfgang Vöge. Eike Immel. Ralf Loose. Miroslav Votava. Michael Zorc. Und befand mich im Spätsommer 1979 sogar in der Nähe von Düsseldorf, als der BVB die dort ansässige Fortuna mit 5:3 besiegte und zum ersten Mal während meiner beginnenden Fanjahre Tabellenführer der Bundesliga wurde. Am Ende verspielte man souverän die Qualifikation zum UEFA-Cup. Wie im darauffolgenden Jahr. Dazu trug man die wunderschönen Trikots mit der passendsten Werbung aller Zeiten: UHU. Ich fühle mich schuldig, wenn ich ein Produkt namens Pattex in den Händen halte: diese an einen süddeutschen Verein gemahnende Farbgebung, pfui. Ja, es mag vor Ort in Dortmund fremdartig erscheinen, aber für mich haben die Begegnungen mit den Bayern eher einen Derbycharakter, denn die Freunde dieses Clubs leben vor dieser Haustür, begegnen dir in den Geschäften, am Arbeitsplatz, in Kneipen und Cafes. Wenn du im Wald spazierst, tauchen sie auf. Wenn du einen Haarschnitt brauchst, stehen sie hinter dir. Minimum sechs PKW-Fahrstunden von der unsäglichen Säbener Straße entfernt, wimmelt es hier in diesem gottverlassenen Winkel von ihnen… alleine der Begriff Semmel hat sich noch nicht durchgesetzt, es besteht noch Hoffnung. Alleine die CSU hat noch keine Regionalvertretung aufgemacht, es besteht noch letzte Hoffnung.

Fußball spielte in meiner Familie keine Rolle. Überhaupt keine Rolle. Fußball tauchte mit mir eigentlich erstmalig in meiner Familie auf. Nun gut, eine Tante outete sich ca. 1981 als Symphatisantin des 1. FC Köln, doch blieb sie damit auch alleine auf weiter Flur. Von verschiedenen Cousins vermute ich, daß auch sie es mit den Bayern hielten, die rotgesichtige Meute. Und wer weiß schon, wozu das alles gut sein soll? Ein paar von der gesammelten Meute sind ja auch gute Menschen…

Wer erinnert sich nicht an das DFB-Pokalfinale von 1982? Der andere Hoeneß, der Dieter, mit dem Turban. Der einzige Tag, an welchem ich dem 1. FC Nürnberg in diesem Leben die Daumen drückte. Versagt haben sie. Machten den anderen Hoeneß zum Helden. Eine der vielen Niederlagen, die da auf den jungen BVB-Anhänger warteten. Vor allem wenn man noch eine andere Macht in seinem Herzen walten ließ: den Hass auf die Säbener Straße.

Die Saison 1982/83 bot dann Himmel und Hölle. Vorne weg: am Ende endlich mal qualifiziert für den UEFA-Cup. Und dieser grandiose Novembernachmittag! Ich saß am elterlichen Radiokasten (genau! So ein langes Möbelstück mit eingebautem Plattenspieler, der seit Ende der Märchenplattenzeit irgendwie stillgelegt schien…). Langweilte mich während der weitestgehend Live-Übertragungslosen Bundesligasendung. BVB gegen Arminia Bielefeld… zur Pause laues 1:1. Dann nach 16:30 Uhr bekam der arme Moderator keine ruhige Minute mehr, denn auseinandergenommen wurde, was auseinandergenommen gehört. Und das sind die Gegner der Borussia. Und es war ein Schlachtfest. Und wie gerne würde ich in meinem Leben noch einmal Zeuge eines zweistelligen Sieges sein, wie damals an jenem dunklen Samstagnachmittag. Als Tore wie reife Äpfel fielen. 11:1. Um es mal geschrieben zu haben. Elf zu Eins. Zehn Tore in Halbzeit Zwei. Doch eines zählte in jenen Jahren generell nicht zum Leistungspektrum der Borussia: Konstante Leistungen. Immer wieder auf und ab. Und am Ende grinsten immer die Ordinären, die Gewöhnlichen, die Bayern-Fans. So wachsen Minderwertigkeitskomplexe. Ja, sie tun es. Sie starteten an Ostern 1983. Der BVB im Pokalhalbfinale bei Fortuna Köln, dem ewigen Zweitligisten. Meine Eltern hatten etlichen Besuch, aus mir nicht mehr erinnerbarem Grund. Das Haus war voll. Voll mit Menschen, denen unter anderem auch Fußball irgendwie etwas bedeutete. Menschen, die meine Leidenschaft schon kannten. Die meine Unruhe sahen, denn das Fernsehen zeigte nichts zu diesem Spiel. Die Radiosender schwiegen. Das Spiel lief, geschah, vollzog sich und ich bekam nichts mit. Ein Hoch von hier aus dem Internet und seiner Zweitdisziplin: dem Liveticker. Es war laut im ganzen Haus. Es schlug wieder eine volle Stunde, und ich preßte mein linkes Ohr ganz nahe ans Radio, um nicht eine eventuelle Nachrichtenmeldung des Entstands aus Köln zu verpassen. Da! Das Ergebnis wurde gemeldet! Die Vereinsnamen träufelten aus dem Lautsprecher, dann die erste Zahl. Die Tore der Heimmannschaft, Fortuna Köln. Fünf. Die andere Zahl. Null. Das Haus und seine anderen Insassen ergingen sich in triefendem Mitleid. Vermutlich hielten es einige mit den Bayern. Die Opportunisten.

In den direkt folgenden Jahren wurde der Himmel düster. Zum einen war der Besuch in Europa ein sehr, sehr kurzer. Dazu aber – es war ein großer Sieg – BVB-Bettwäsche. Einen BVB-*Hut*. Einen Handball in schwarz-gelb und mit dem wunderschönen Emblem. Und als letzte Draufgabe Abstiegskampf. Ein Bild aus einer Saisonvorbereitung mit Horst Hrubesch, der selten staksiger aussah. Ein weiteres Foto, auf welchem ein schüchterner, gar eingeschüchterter Pal Csernai zu sehen war. Dagegen das Jahrhunderttor von Daniel Simmes im Herbst 1984 gegen Bayer Leverkusen. Maradona? Pah. Doch der BVB war Tabellenletzter.

Die Zeiten waren dennoch zumeist eine elende Mischung aus mehr oder weniger eingedüsterten Grautönen. Dazu lebte man unter der Knute eines Helmut Kohls. Das alleine mußten doch goldene Zeiten für die garstigen Bayern sein, die denn auch in jenen Jahren auf höchsten Wellen dahinsegelten. Und dabei von mir gar einen öden Nachmittag lang im Oktober 1982 auf dem Bökelberg live betrachtet wurden. Im Spiel das Positivste dieses Strafausflugs (ich hatte meine er-folglose, eigene Karriere im Ballsport begonnen – Verteidiger Typ Günter Kutowski. Die Trainer dachten, es sei für jedermann eine schöne Sache diese rotwangigen und beliebten Edelprofis aus der Nähe zu betrachten) war die rote Karte, die zehn Meter von mir entfernt einem Wolfgang Dremmler gezeigt wurde. Ansonsten war dieses 0:0 eine tranige Angelegenheit. Jean-Marie Pfaff war zu begutachten, der sich von Freund und Feind alleine gelassen mit Strafraumgymnastik warm hielt. Mein persönlicher Höhepunkt fand bereits vor Betreten des Stadions statt, als mich ein Verkäufer mit Fan-Utensilien ansprach, und wir nach kürzester Zeit herausfanden, daß wir beide einer anderen, als der örtlichen Borussia zugetan waren. Er schenkte mir ein Stickerset. Cloud Nine, wie der Engländer sagt.

Doch es wartete die Saison 1985/86 auf den Verein und auf mich.

That’s it, Folks Mehr folgt, wenn ich die Stärke finde, mich wieder jenen Momenten zu stellen. Die, welche damals dabei waren, sie wissen. Ja, sie wissen.

Ergebenst,
Ihr Herr Hansen

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