„Glaube“/4

Liebe Welt,

du wirst nun mit dem 4. (3.) Teil meiner zerfleddernden Gedanken über das Thema Glauben/Religion im Angesichts der endlosen Weiten des Todes konfrontiert. Auch wenn die Sonne scheinen mag, lege bitte einen Mantel an.

Teil 4:

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Pathina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Nebendran, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich von Menschen im Einfluß oder dem Individuum selbst implantiert wird.

P.S. Keine Kinderbilder! Keine Kinderbilder von Diktatoren!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s