12. Mai 2015

Jeder Mensch, der schreibt, weiß, daß der erste Satz des Tages der schwierigste überhaupt ist. Nicht, daß man direkt Mauern niederreißen wolle, doch genau dieser Wunsch verbirgt sich dahinter. Und jeder Mensch überhaupt weiß, daß der Anfang der Dinge grundsätzlich das größte Hindernis ist. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagte der unbedingt großartige Hermann Hesse, der sicherlich nicht zu verdächtigen ist, seinen Lesern einen Motivationsbären aufbinden zu wollen. Es ließe sich auch darauf schnell antworten, daß man das magische Handbuch heute leider vergessen habe, daher könne man zur Zeit mit Nichts beginnen. Da schneit auch schon die Inspiration herein, in Form des unbedingt wenig großartigen Gordon Sumner, besser bekannt als Sting. Jener sang einst die folgenden Worte: „that nothing comes from violence“, es entsteht nichts aus der Gewalt. Da mag der gute Sting Recht haben wollen, doch leider ist dem nicht so. Jeder anständige Diktator, jeder erfolgreiche Geschäftsmann wird ihm widersprechen. Die Gewalt, der Ellenbogen sind Teil des Lebens. Und es hindert jene, die Gewalt und Ellenbogen einsetzen, nicht daran, daß wir Menschen, hier hat Sting definitiv recht, zerbrechlich sind. Und natürlich mag ich Sting darin unterstützen, Gewaltausübung als Übel zu brandmarken, doch kommen wir hier an einen Punkt, an welchem die Frage sich stellt: Was ist Gewalt? Wir können ziemlich schnell darauf hinauszielen, zu erkennen, daß die Tötung von Leben Gewalt ist. Doch wissen wir, daß sich auch hier schon schnell Unterfragen stellen: Euthanasie? Abtreibung? Mein persönliches Steckenpferd, die Todesstrafe? Und dann sind da noch die Tötungen aus Notwehr. Und eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Menschen (Männern) hält die sogenannten Ehrenmorde für unbedingt notwendig! So, Sting! Was nun? Das, was wir hier schnell lernen, sind die Grenzen des gutgemeinten Popsongs zu erkennen. Was ist zerbrechlicher: Der Popsong oder der Mensch? Sagen wir es mal so: Die Stücke, die der ewig wohlmeinende Sting geschrieben hat, sind verflucht zerbrechlich. Ein kurzer Blick, schon zeigen sich die ersten Risse. Aber genug jetzt mit dem vergnüglichen Sting-Bashing. Er stammt aus Newcastle, aber er möchte doch ein Weltbürger sein. Kann er ja auch. Doch sollte er die Schlichtheit seiner Verse bedenken. Wer schlichtes dichtet, sollte nicht davon ausgehen, daß es sich um Epik handelt. Er kann es ja auch, der Sting. Das auch als schlichtes Liebeslied konzipierte The secret Marriage als Beispiel, welches das mittelmäßige …nothing like the Sun-Album zum Abschluß brachte. In etwas mehr als zwei Minuten zu schlichtem Klavier präsentierte der wohlmeinende Sting Worte der Liebe. Ähnlich ergreifend, in gleicher Länge und Schema, beendete vier Jahre später der begabtere S. P. Morrissey sein mittelmäßigeres Album Kill Uncle mit dem putzigen There’s a place in Hell for me and my Friends. Da konnten sich der wohlmeinende Sting und der oft gern garstige Morrissey die Hände reichen. Zu Klavierklängen schufen sie schöne, verzückende Ausklänge über die Eckpunkte des Lebens: die Liebe, die Freundschaft, die Einheit, die Hölle.

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