28. Juni 2015

Die Kritik vorab… Weswegen müssen deutsche Filmverleihe auch Jahrzehnte nach der widerlichen Erfindung eines gewissen Balduin als wiederkehrender Protagonist von Louis-de-Funes-Filmen weiterhin Filme mit nichtssagenden und unpassenden deutschsprachigen Titeln versauen? Wenn irgendwann die Kinos bei eigentlich hervorragenden Filmen leerbleiben, kann das ein durchaus plausibler Grund sein.

Filme von Quentin Tarrantino werden auch ohne deutsche Titel stark besucht, also warum läßt man es nicht generell dabei? Mein aktuelles Unbehagen bezieht sich auf die Paarung des schon zuvor angedeutenden, umwerfend guten Films the perks of being a wallflower, welcher eingedeutsch plötzlichVielleicht lieber Morgen heißt. Warum? Was sich wie eine zögerliche Aussage anhört, findet nirgends innerhalb des Filmes und seiner Geschichte eine Entsprechung. Also bleibt die Frage offen, warum man nicht einfach die Aussage aus der Synchronisation übernimmt, wonach die „Vorzüge ein Mauerblümchen“ zu sein, erwähnt werden. Aber das scheint den genormten deutschen Kinogänger wohl nach Meinung des Filmverleihs zu überfordern.

Damit genug der negativen Energie. Und weiter mit Aussagen aus den Mündern der Schauspieler: „Glaubst du, die Leute werden noch mit jemandem reden, wenn sie wissen, wie verrückt man wirklich ist?“ Die Aussage des Charlies, der die Hauptfigur in dieser Buchverfilmung ist, läßt sich besser verstehen, wenn die Umstände bekannt sind. Deswegen ein paar verräterische Bemerkungen: Charlie leidet an Depressionen, eventuell erhält er eine Medikation mit Psychopharmaka, hat ein Jahr vor der Handlung des Buches einen engen Freund durch Suizid verloren. Ein Verlust, an welchem Charlie noch spürbar leidet. Auch fühlt er sich schuldig am Unfalltod seiner Tante Helen einige Jahre zuvor, mit welcher ihn jedoch eine zum Zeitpunkt der Bemerkung in Film und Buch noch nicht bekannte erweiterte Beziehung verbindet, bzw. quält. Charlie stellt sich zu Beginn der Handlung als enorm schüchterner Protagonist vor. Im Film ist dies brillant verkörpert durch den fast permanent von unten herauf gerichteten Blick, nicht ganz Shoegazer, aber fast. Es wundert nicht, daß Charlie sich als Liebhaber der Musik von Nick Drake outet. Auch wird ein ebenso ständiges Zittern, meist der Hände, dargestellt. Laut einiger Aussagen hat er ebenfalls Probleme mit Halluzinationen. Darüber hinaus schreibt er einem imaginären Freund Briefe über sein Leben. Dies könnte jedoch auch eine Art der Verlustbewältigung aufgrund des erwähnten Suizids sein, denn inmitten des Filmes erwähnt Charlie die eigene Trauer, das der Freund keinen Brief hinterlassen habe.

Die Person, welcher Charlie die Frage stellt, ist Sam. Die junge Frau, in die sich Charlie verliebt. Auch sie ist problembehaftet. Als sie von Charlie erfährt, daß er noch nie ein Mädchen geküsst hat, übernimmt sie mit Ernsthaftigkeit diese Aufgabe, damit „Charlie seinen ersten Kuss von jemandem erhält, der ihn liebt“. Wir erfahren hier, daß sie im Alter von elf Jahren vom Chef ihres Vaters geküsst, sprich mißbraucht wurde. Sie pflegt bis zu diesem Moment oberflächliche, aber hoffnungsbeseelte Beziehungen, die eine hohe Quantität zu erreichen scheinen, denn ihr Ruf ist schlecht. Sie scheint dabei auch keinen wirklichen emotionalen Input zu leisten. Entsprechend ist die Figur des Craig, welcher den größten Teil der Handlung als der Beziehungspartner von Sam genannt und gezeigt wird, eher ein Utensil, das in der einen Szene anwesend sein mag, in einer anderen Szene dann wieder nicht. Es wird auch möglicherweise über die Nichtanwesenheit gesprochen, doch ein Unterschied stellt sich nicht heraus. Sam selbst ist vielmehr innerlich damit beschäftigt, ihre eigene Mitte zu finden und zu fühlen, um damit auch eine Richtung in ihrem Leben zu schaffen. Auch hegt sie innerhalb der Handlung mehr und mehr Gefühle für Charlie.

Zurück jedoch zu Charlies Frage danach, wie verrückt man sein darf. Diese Frage geht über den Film an sich hinaus, sie berührt jeden. Ob man den Film gesehen, das Buch gelesen hat, ob man einen ähnlichen Hintergrund hat, wie die Protagonisten. Es spielt keine Rolle. Denn man befindet sich auf einer der beiden Seiten, jederzeit. Um es mit Macbeth zu sagen: „Werten oder gewertet werden, das ist hier der Zustand.“ Hat der Mensch eine Chance? Nur wenn eine Seite sich aus dem Spiel verabschiedet und das geschieht alleine willentlich. Letztlich spielt es auch keine Rolle, wie verrückt der Mensch ist, mit dem Du, lieber Leser, gerade kommunizierst. Was kümmert es Dich? Bist Du selber ohne jeden inneren, psychischen Makel? Entsprichst Du der Norm, welche die Menschheit vielleicht aufgestellt haben mag, irgendwann in einem Nest, in den Südstaaten der USA gelegen? Unter eines desinteressierten Gottes Obhut? „Klar, ständig.“ wird Sam antworten.

Was wird uns noch erzählt? Oh, eine große Menge an wichtigen Dingen. Die Wichtigkeit des Sprechens. Und der Schwierigkeiten, die dieses Thema umranken. Wie sang bereits damals Tilman Rossmy noch als Stimme der Band Die Regierung: Ich wünschte, ich könnte sprechen. Am Abschluß der abschließenden Regierungs-LP Unten (1994).

Ich wünschte, ich könnte es so sagen, wie es ist.

Und ich wünschte, ich könnte sprechen.

Ich wünschte, ich könnte da ran kommen.

War manchmal für ’ne kurze Zeit lang,

da ist meine Sprache frei von Geräusch und hört sich gut an.

Worte, die auch unser Held Charlie unterschreiben würde. Und nebenbei lehrt uns der Film, daß David Bowie sein grandioses Lied heroes“ nur für diesen Film geschrieben hat. Er wußte bereits 1977, daß es irgendwann zu dem Buch und später zur Verfilmung kommen würde. Da setzte er sich hin, nahm den Griffel und schrieb den Tunnelsong. Nach dem Schauen des Filmes wird jeder „heroes“ mit diesen Szenen verknüpfen. Keiner wird mehr an Christiane F. denken. Jeder wird von dem Gefühl des Brennens, der Luftströme, der Unendlichkeit überflutet werden.

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