Ferien mit Gott Teil 3

Am nächsten Morgen erwachte der Wolf. Sein Bauch war nicht mehr riesig, wie am Abend zuvor. Stattdessen hatte er Hunger. Schlimmen Hunger. Die Unmenge an Tauben, die er gestern verzehrt hatte, weckten sein lange unterdrücktes Wolfswesen. Er blickte aus dem Fenster seines Hauses und es litt ihn der Anblick, der vielen Gemüse- und Kräuterarten, die er dort sehen mußte. Ihn hungerte es fürchterlich nach Fleisch. Es mußten noch nicht einmal die Tauben sein, die ein Feinkosthändler für die Schweine hergerichtet hatte. Alleine es mußte Fleisch sein. Da klopte es an seiner Tür. Das Geräusch konnte das Rinnen des Wassers in seinem Mund nicht aufhalten, zu kräftig und saftig hatte es geklungen. Das war kein Insekt, keine Blume, kein Gemüsestengel. Das mußte ein muskulöses Wesen sein, und mit einem Knick im Genick würde es in des Wolfes Magen landen. Er eilte zur Tür, riss sie auf und blickte einem Mann ins Gesicht. Hinter dem Mann winkten nun zwölf weitere Männer. Der vorderste streckte dem Wolf die Hand entgegen und sprach: „Hallo Wolf. Ich bin Gott, das sind meine Freunde.“ Der Wolf blickte entgeistert. „Wir haben gehört, du möchtest den Schweinen helfen, ihr Haus umblassicher zu gestalten. Wir halten das für eine sehr gute und uneigennützige Idee. Wir möchten dich dabei unterstützen, Wolf. Auch wenn wir hauptsächlich nur Fischer sind, aber ich habe eine Zeitlang für einen Zimmermannbetrieb gearbeitet. Können wir eintreten, um unsere Zusammenarbeit zu besprechen?“ Der Wolf trat, immer noch völlig entgeistert, mit glasigem Blick zur Seite und ließ den seltsamen Trupp an Männern in eher walduntypischenh Bekleidung eintreten in sein Haus.

Da sassen sie nun, ein jeder stellte sich mit Namen und Profession vor, sogar ein Zöllner war unter ihnen. Der Wolf konnte die Fassung einfach nicht wiedergewinnen. Immer wieder schüttelte er unmerklich seinen Kopf. Wie widerfuhr ihm hier? Er versuchte Zeit zu gewinnen und sprach den Anführer an: „Sie sagen, Sie seien Gott? Wie kommen Sie dazu?“ Der Angesprochene lächelte, kraulte seinen Bart: „Ja, ich bin Gott. Meine Freunde und ich sind seit ziemlich genau zweitausend Jahren immer wieder im Einsatz des Guten auf dieser Welt. So wie jetzt an dieser Stelle. Lieber Wolf, wir wissen von Ihrem Hunger. Und um ihnen zu helfen, Ihren guten Weg weiterzuführen, sind wir übereingekommen, hinabzufahren.“ Der Wolf schluckte. „Ja, ich glaube davon habe ich gehört.“ Der Anführer beugte sich dem Wolf entgegen: „Sie haben wovon gehört, lieber Wolf?“ „Na, Gedankenleser und so. Zauberer. Die Frösche haben davon erzählt.“ „Die Frösche? Aber nein, Wolf, wir sind keine Zauberer oder ähnliches. Wären wir das, würden wir ein wenig mit unseren Fingern schnakeln und das Haus der Schweine wäre renoviert und Ihr Magen wäre für immer gefüllt.“ „Sicher, das wäre schön.“ Der Wolf fasste sich kurz an den Kopf, dann begriff er, daß gerade sein Bauch den Verstand überflügelt und gesprochen hatte. Nein, nun sah er klar. Gott mochte in seinem Haus rumsitzen, doch würde ihm das keine Speise bringen. Wut wollte sich bilden, doch schob er diese schnell beiseite: „Wie soll denn unsere Zusammenarbeit nun ausschauen, mein lieber Gott, liebe Freunde von Gott?“ „Nun, ich denke, wir sollten es auf einen Vor-Ort-Termin ankommen lassen“, sprach jener, der sich Gott nannte, und kraulte erneut seinen Bart. Es folgten alle Dreizehn dem Wolf zur Tür heraus. Jener ging einige Schritte noch in Richtung der Frösche Teich und rief dort: „Hallo Frösche! Gott und seine Freunde sind bei mir zu Besuch!“ Die Frösche quakten wild durcheinander. „Halt deine Gedanken beisammen! Sie werden sie dir sonst stehlen!“ war die Summe der Informationen, welche die Frösche dem Wolf zuschrien. Sowie: „Bring sie bloß nicht her!“ Der Wolf reckte sich kurz, dann wies er seinen Gästen die Richtung und schon war man auf dem Weg zum Nachbarwald.

Die Schweine schauten verwirrt, als der Bauarbeitertrupp vor ihrem Haus anlangte. Die zwölf Handlanger postierten sich vor der Gartenpforte, während Wolf und Gott vorantraten, um sich einen Überblick über die notwendigen Arbeiten zu verschaffen. Es mag der sonderbarste aller Anblicke gewesen sein, als beim Blick zum Dach hin Gott dem Wolf seinen Arm auf die Schulter legte, doch wurde der Eindruck massivst verstärkt durch die drei Schweine, die um die beiden herumtänzelten. Von der Pforte her rief einer der Zwölf: „Abreissen, und ein neues Steinhaus bauen!“ Gott erwiderte ohne hinüberzublicken: „Ist okay, Petrus. Nur weil Du mein Fels bist, brauchst du nicht immer von Beton zu schwärmen.“ „Ja, Jeshua.“ Der Wolf schaute kurz irritiert, doch der Angerufene wies schon auf das Loch in der Wand: „Was, um meiner Heimat Willen, ist denn dort passiert?“ Der Wolf beugte sich zu dem Schaden herunter, und bemerkte dabei erstmals, wie dünn die Wand des Hauses war, und war plötzlich dem Vorschlag jenes Petrus sehr zugetan. „Gestern ist ein Wildschwein an dieser Stelle durch die Wand gegangen.“ „Huch!“ „Ich denke, wir sollten den Vorschlag Ihres Freundes ins Auge fassen. Hier ist doch nicht wirklich etwas anderes zu tun? Schauen Sie her, äh, Gott. Sehen Sie, wie dünn die Wand ist?“ „Mein lieber Wolf, natürlich sehe ich das. Ich habe schließlich nicht nur zwei Augen, ich habe noch mehr im Blick, als das, was Sie mit den Ihren sehen. Und wahrlich, ich sage Ihnen, mein lieber Wolf, daß wir hier keinen Beton anrühren werden. Sie werden zunächst einmal dieses Loch mit Holz abschließen, und wir werden uns um die endgültige Schließung kümmern. Wir werden uns niederlassen und beten. Kommt, meine Freunde!“ Die Zwölf betraten nun den Garten der Schweine und liessen sich nieder, wo sie Platz fanden. Alle senkten die Köpfe, auch jener, der wohl Jeshua hieß. Er hatte sich in der Mitte der Männergruppe niedergelassen. Der Wolf stand noch an der ungeplanten Öffnung und überlegte, wo er hier bloß Holz herbekäme. Unvermutet halfen ihm die Schweine selbst, denn sie hatten mit dem Haus einen ziemlichen Vorrat an Brennholz übernommen. Nun standen die Drei staunend ob des ganzen Geschehens wie verloren um ihr Häuschen umher. Die Frage des Wolfes, ob er sich ein paar Stücke ihres Holzvorrats holen könne, um das Loch zurechtzumachen, verstanden sie nicht.

Innerhalb der folgenden Stunde war das Haus der Schweine geradezu umzingelt von heimlichen Beobachtern, besonders die Elfen hatten ein hohes Interesse an Allem, was hier vor sich ging. Sie konnten den Wolf sehen, der versuchte ohne Werkzeug Holz zu zerkleinern, um damit das Wildschweinloch zu schließen. Sie konnten die dreizehn Männer sehen, welche unter Anleitung eines Jeshua hin und her wackelnd vor sich her leierten. Die Schweine, welchen all dies Treiben galt, lagen auf der angrenzenden Wiese und grunzten laut im Schlaf. Es wollte nicht werden. Der Wolf begann zu verzweifeln. Er griff nach dem nächstliegenden Schwein, welches Jonathan hieß. Diesen wies er laut an, er solle ihm gefälligst endlich Werkzeug besorgen, mit dem sich hier etwas erreichen ließe. Sie hätten doch sicherlich noch irgendwo Hämmer, Zangen, Sägen und alles andere liegen, womit sie hier schon die Arbeit begonnen hätten. Jonathan sah den Wolf zunächst betroffen, ängstlich und schließlich fragend an. Nein, sie hätten hier noch nichts gebaut. Der Vorbesitzer hätte alles nach ihren Wünschen hergerichtet und sei dann nach Erhalt der Schweinszahlung fortgezogen. Der Wolf griff sich an den Kopf und fühlte das große Bedürfnis, zu weinen. Ihm am nächsten saß ein Jakobus, den er anstieß und beauftragte, endlich vernünftiges Werkzeug für diesen Saustall zu besorgen. Die Schweine begannen zu weinen, als sie dies Schimpfen hören mußten.

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