Trans und Depressiv, auweh!

Wie es kam, daß ich eine depressive Transfrau wurde?

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, oder ich überhaupt in die Nähe einer Antwort komme, werde ich einige Worte vorab schreiben müssen, um einige Klarheiten zu schaffen:

Transsexuelle Menschen sind Individuen. Es gibt kein gemeinsames, transsexuelles Schicksal mit Ausnahme der Basis, das wir einem anderen Geschlecht zugehörig sind, als es bei Geburt zugewiesen wurde. Und deswegen mag mancher Teil des folgenden Textes von anderen Menschen anders aufgefaßt werden. Daher von meiner Seite: Ich möchte hier meine individuelle Situation darstellen und erhebe absolut keinen Anspruch darauf, hier einen irgendwie gearteten Standard zu setzen. Das ist mir generell zuwider.

Als nächsten Punkt spreche ich kurz die Macht der Worte an. Liebe Leser, stellen Sie sich vor: Sie haben ein Bedürfnis zu trinken. Sie sagen zu einem in der Nähe stehenden Menschen: „Ich möchte etwas trinken. Ich habe Durst.“ Dieser Mensch sieht Sie an und sagt: „Dann tun Sie es. Trinken Sie!“ Nun überdenken Sie die Ihnen zugeschriebene Formulierung: „Ich möchte….“. Diese Art der Formulierung wird von sehr vielen Menschen benutzt, anstatt – um im Beispiel zu bleiben – direkt auszudrücken: „Ich habe Durst. Ich werde etwas trinken.“ Ich beschreibe hier nur ein schwaches Phänomen einer sprachlichen Vermummung, einer Selbstschwächung, einer Verschleierung, der ich auch selber länger anhing, bevor mir dies klar wurde. Auch heute tappe ich manches Mal noch in diesen sprachlichen Hinterhalt. Schwieriger ist es mit Fällen, in welchen eine direkte Wortwahl getroffen wird, die von Grund auf problematisch ist. Besonders, wenn die problematische Wortwahl einem Einverständnis des heteronormativen Mainstreams unterliegt. Ein Beispiel ist das Wort „Homoehe“, das jeden Mensch, der auch nur annähernd der Zielgruppe dieses „Geschenks“ nahesteht, wie eine Ohrfeige trifft, liegt doch in diesen drei Silben die Basis einer Abgrenzung des erwähnten Mainstreams gegen die Betroffenen. Schlimmer jedoch wiegt die Fehlverwendung der „-Phobie“ begriffe, die auf Menschen gemünzt werden, welche sich gegenüber marginalisierten Gruppierungen diskriminierend verhalten. Der Grund dieses negativen Verhaltens ist jedoch keine „Phobie“! Sondern der Grund ist Diskriminierung. Eine Phobie ist die Bezeichnung einer Angststörung, welche der „Sammelbegriff für mit Angst verbundenen psychischen Störungen ist“. Eine Phobie ist demnach keine Entschuldigung für ein „Arschlochverhalten“. Diesen Absatz beende ich mit der Bitte, die Macht der Worte zu achten. Ich selber bin eine Lernende auf diesem Gebiet.

Wie zeigt sich meine transsexuelle Seite? Warum sehe ich mich als Frau, obwohl die Zuschreibung aufgrund der Geschlechtsorgane eben eine andere ist?

Es ist ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen und auch dem ein oder anderen größeren Aspekt erstellt, welche in mir die innere Notwendigkeit erzeugten, eine Transition anzugehen, um auch in einer hoffentlich näheren Zukunft auch wirklich in einem durch und durch weiblichen Körper leben zu dürfen. Hier mögen Menschen einwerfen, daß das Frau-Sein unter anderem auch ein soziales Konstrukt ist. Und das Frau-Sein auch von innen kommt. Beide Punkte sind richtig. Dennoch muß ich für meinen Standpunkt darlegen, denn auch ich bin ein individuelles Schicksal, das sich nicht einfach in ein äußeres Konstrukt zwingen läßt.

Mag für viele Feministinnen das Aufbrechen der weiblich genannten Sozialisation wichtig sein, so ist für mich das Eintauchen in diese ein durchaus wichtiger Aspekt. Stop, bevor jemand zu weit denken mag: Nein, ich möchte jetzt nicht in die „Kinder, Küche, Kirche“-Welt abdriften. Es geht mir auch eher um das eigene Als-Frau-Gesehen-Werden. Ich möchte, daß meine Brust so groß wird, das ein Büstenhalter wichtig ist. Ich möchte breitere Hüften haben. Ich möchte einfach, ungefragt, lange Haare haben. Fragen Sie nicht, es ist nicht so simpel.

Teile des Mosaiks sind Enttäuschungen. Da war meine Teilnahme am Flötenunterricht in der Grundschule. Ich war der letzte „Junge“, der dabei war. Dann kam ein gebrochener Innenarm und wegen der Zwangspause wurde ich später von dem sogenannten „Lehrer“ nicht mehr weiter beachtet.

Dieses Mal, als ich der Mutter Monatsbinden entwendete, nicht wissend, welchen Zweck diese je erfüllen sollten, doch unglaublich angezogen von der Weiblichkeit dieser Produkte.

Die unzähligen Male, in denen mir das „Schimpfwort“ Weiberheld hinterhergerufen wurde. Ja, es war als Beleidung gedacht.

Der erstmalige Wunsch den Körper zu tauschen, als ich mit einer Bekannten einer Grundschulfreundin gemeinsam auf einer Schaukel stand.

In der kommenden Schule war ich Teil des Chores und nicht überraschend im Sopran, da auch noch sehr jung. Mit 13 Jahren sollte ich in den Tenor wechseln. Ich hätte zwar einen großen Stimmumfang, doch wäre ich im Tenor besser aufgehoben. Nach ein paar Wochen verließ ich den Chor. Denn es war hier der gleiche Fall, der auch an anderen Situationen meiner schülerischen Karriere durchbrach: Ich suchte Kontakt zu Mädchen. Klar, denkt man. Und ja, ich war auch ein ums andere Mal verliebt. Doch es war eher der Versuch in freundschaftliche Bande einzusteigen und den Genuß der weiblichen Freundschaft. Da ich in jener Zeit noch nicht ahnte, daß ich transsexuell war, kam ich mir dabei linkisch und gestört vor und war – im Laufe des 10. Schuljahres – fast glücklich, als hier eine Verbindung möglich wurde und ich mich von Pia, Manuela, Sonja und Irene während der Abschlußfahrt positiv aufgenommen wurde, als ich mich immer wieder ihnen angeschlossen hatte. Wenige Wochen später verließ ich die Schule, besuchte nun eine reine „Jungenklasse“ und litt zum ersten Mal in meinem Leben an einer massiven, Lebenssaft saugenden Depression. Dabei war es in dieser weiterführenden, kaufmännischen Schule, wie auch zuvor, nicht so, daß ich mit meinen „offensichtlichen“ Geschlechtsgenossen keine Freundschaften aufbauen konnte. Ganz im Gegenteil, einige halten bis zum heutigen Tag.

Doch war dieses Jahr ein unglaublicher und extremer Tiefpunkt in meinem Leben. Als Sieben-, Achtjährige hatte ich eine Zeitlang mit dem Todeswunsch gekämpft, was unter anderem an der grausigen Grundschule lag, in der Mobbing ein geduldetes Gesellschaftsspiel war. Und ich war nicht die, die es am schlimmsten traf. Aber auch die Beobachtungen, die ich machte, genügten, um später einordnen zu können, daß der Faschismus auch mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch seine Brutstätten besaß, in welchen grundsätzlich das Schwache mit Gewalt zu bekämpfen ist.

In der Grundschule lernte ich viel über das eigene Fremdsein, das vielleicht in dem englischen Wort „awkward“ sehr viel besser illustriert ist. Ich lernte viel über die Vorzüge des Unscheinbarsein. Des Abtauchens in einer Masse.

Zum Ende der nächsten Schulzeit mit 16 Jahren, hatte ich eine gewisse Freude gefunden. Im Apollo Theatre in London hatten Manuela und Pia mich geschminkt. Das war ein Moment puren Glücksgefühls gewesen. Und weiterhin ahnte ich nicht, daß genau diese Emotion eben nicht von ungefähr kam. Klar, kann eins sagen: Auch Jungs dürfen sich jederzeit schminken. Das werden sich die beiden Freundinnen damals auch gedacht haben, denn auch ihnen wird verborgen gewesen sein, was ich vor mir selbst nach Jahrzehnten outen würde. Falls sie es doch bemerkten, wäre ich ihnen sehr dankbar gewesen, hätten sie mich darauf hingewiesen (denken Sie sich hier bitte einen bitter lächelnden Smiley).

Der Sommer 1987 wurde darauf zum tiefen Sturz. Im September war ich mit den Nerven am Ende. Und vergrub mich um die Jahreswende in „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley. Wie ich inzwischen lesen mußte, ist die Schriftstellerin beschuldigt oder verdächtigt mißbräuchlichen Verhaltens. Nichtsdestotrotz hatte mich der Roman selber in jenen Jahren äußerst nachhaltig beeindruckt. Diese Nacherzählung der Artus-Sage, in der jedoch nun die Frauengestalten aus dem Hintergrund treten und sich als die wahren Handelnden zeigen, zog mich tief in seinen Bann. Auch hier fehlte noch das Hinterfragen dieser Situation, in welcher ich kaum wußte, welche der Romanfiguren mir am meisten aus der Seele sprach, ich auch kaum wußte, wie ich die großartigen, aus meinem Leben gefallenen Frauen ersetzen könnte, oder besser den Kontakt aufrecht erhalten konnte. Die Depression lähmte mich, das fehlende Selbstbewußtsein lähmte mich, die fehlenden kommunikativen Möglichkeiten des Jahres 2018 hätten mir eventuell weiterhelfen können.

In den folgenden Jahren konnte ich aus der inneren Isolation, in die ich damals sackte, langsam herausfinden. Musik wurde ein Schlüssel und letztlich die Bandgründung von „Permanent Confusion“ half Schritt für Schritt auf ein Level zu kommen, in welchem zwar die Depressionen in Schach gehalten werden konnten, ich jedoch auch in meine Rolle als „junger Mann“ stärker hineinschlüpfte, diese jedoch immerhin auch leicht aufbrechen konnte: mit geliehener Bluse, mit mäßig guten, aber ehrlichen Texten über Trauer, Einsamkeit und Sex. Und spätestens 1997 sogar mit dem ersten Rollenwechsel, als ich für das Stück „La Habana“ das lyrische Ich eine Frau sein ließ. Doch zu diesem Zeitpunkt war die beste Zeit der Band schon vorüber, hatte sich die ursprüngliche, innere Verbundenheit etwas gelöst und ein zuvor existentes kleines, aber feines Publikum war weitergezogen. Und dennoch war und ist es unglaublich wichtig, sich in dieser Kunst auszudrücken. Und deswegen ist es auch am wichtigsten, Musik zu hören, die aus einer inneren Notwendigkeit geschaffen wird.

In dieser Zeit hatte ich erste Beziehungen zu Frauen gehabt, und ja, es gab bis zum heutigen Tage Sex in meinem Leben, denn es gibt zwei Kinder. Den Grund möchte ich hier nicht verheimlichen: Ich liebe Frauen. Und im Sex nutzte ich das Instrumentarium, das mir zur Verfügung stand.

Um die körperlich-mentale Diskrepanz zu erläutern, verweise ich noch einmal kurz auf die depressiven Episoden. Bevor ich im Oktober 2013 endlich die Erkenntnis meiner Transsexualität hatte, war ich in physotherapeutischer Behandlung. In einer – ich kann mich nicht mehr an die genaue Begrifflichkeit erinnern – „Versenkungsübung“ sollte ich mich in meinem Körper einfinden. Später, als ich Autogenes Training beginnen sollte, wurde dies zum Standard und durch die geänderten Situation meiner Selbstsicht, ist dies inzwischen kein Problem, doch in jener Übung mußte ich erkennen, daß mein Körper und mein „Geist“ nichts miteinander zu tun hatten. Dieses „sich-in-den-Körper-einfinden“ wurde zum schwierigsten Teil der Übung. Ich selbst war über diese Situation zunächst einfach nur erstaunt. Während der „Versenkung“ erschien es mir, als stünde ich komplett neben mir, als müsse ich erst „in mich hineinsteigen“. Die Entfremdung, die ich schon jahrelang gespürt hatte, bekam in dieser Situation ein Bild. Es kam nicht von ungefähr, daß Albert Camus‘ „Der Fremde“ seit jeher eines meiner liebsten, weil tief in meine Seele greifendes Buch war. Und ich damals heulte, als ich zum ersten Mal die letzten Zeilen las:

Damit sich alles erfüllt, damit ich mich weniger allein fühle, brauche ich nur noch eines zu wünschen: am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

So lange habe ich jetzt darauf gewartet, den alten Körper sterben zu lassen. So viel Selbstverletzung ist darüber gezogen. Der Rest möchte bitte bald neu anfangen.

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