GlitzaCatz – Kapitel III

Kapitel Drei

Es kam, wie es kommen mußte. Die Glitzacatz standen um die Rauferei herum, die im letzten Kapitel begonnen hatte und fragten sich, woher diese Feindseligkeit des verärgerten Geistes Meursaults herkam. Glücklicherweise haben wir Mittel und Wege uns diese Information leichthändig zu ergaunern. Währenddessen übrigens kam Tin noch auf die Idee, sich mit Traw, dem übellaunigen und selten bösen Hasen, in Kontakt zu setzen. Vielleicht könne dieser ihnen zu Hilfe sein. Während nun vier Catz darüber diskutieren, verlassen wir diese für eine handvoll Sekunden, in welchen wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit unternehmen und dort auf den jungen, aber schon fantastisch verschlagenen Paulo Schmitz treffen. Er hat noch keine Drähte in seine Haare geflochten, damit seine Hand darauf puffern kann. Er hat auch noch keine Kette an Cafés mit notwendiger medizinischer Betreuung. Er ist nur ein aufstrebender Prä-Emporkömmling mit einem bereits vibrierenden Ego. Er befindet sich in der Stadt Interzone, die auch Hauptstadt des gleichnamigen Landes ist. Er empfindet es als widerwärtig, doch er muß zu einer Verabredung in einem Café, das nicht seinen futuristischen Ansprüchen annähernd entspricht. Dort wartet J.P. Sattler auf ihn. Dieser ließ ihn rufen, und dem Ruf leistet jeder Folge, der seinen Namen behalten will. J.P. Sattler verfügt über ein Netzwerk an Meinungsbildern, die selbst lebendige Personen in etwas staubiges, gestriges verwandeln, und keiner wird den zeternden Lebenden noch glauben, daß sie tatsächlich vital sind. Sie sind im besten Falle noch Fake Ghosts. Schmitz würde also das Café betreten. Er würde auch seine heruntergezogenen Mundwinkel nicht verbergen. Die Tassen, welche auf den Tischen, auf der Theke, in den Schränken und Regalen stünden, würde er mit Verachtung strafen. Diese ungebändigten Mengen an Kaffee in den Tassen, würden ihm wie eine räudige Vergeudung erscheinen. Er würde Sattler in einer hinteren Ecke sehen, wie dieser seine kleinen, feisten, arglistigen Augen hinter dicken Brillengläser über einem beschriebenen Blatt spazieren führt. Seine Nase ist fein und klein, spitz. Sattler kann Zettel mit dieser Nase aufspießen. Doch würde Sattler nie einem Zettel, noch einer Fliege etwas zu Leide tun. Er ließe den Zettel liegen, bis dieser sich wieder zu dem Zellstoff zerlege, aus dem er erschaffen war. Sattler ignorierte die schlechten Dinge in ihren Urzustand zurück. So, wie er lebende Menschen zu Fake Ghosts mutieren ließ. Hierzu würde er Schmitz benötigen. Sattler hatte von Schmitz gehört. Er wußte, daß Schmitz nicht die größte Leuchte Interzones sei, doch das seine Egozentrik weit über des Landes Grenzen hinausstrahlen würde, wenn es scheinen sollte. Paulo Schmitz setzte sich auf den Stuhl, und sah seinen Gegenüber an, dessen Augen weiterhin über Geschriebenes stolzierten. Sattler murmelte vor sich hin. Schmitz war nicht gewohnt, daß er nicht sofort angesprochen wurde. Er begann mit seinen wohlgeformten Fingern auf den Tisch zu trommeln. Sattler schnippste einmal kurz mit rechter Hand in die Luft, las murmelnd weiter. Der Patron des Cafés erschien und sprach Schmitz an.

„Monsieur?“

„Nein, ich möchte hier nichts trinken. Sie verkaufen hier nur Kaffee in Tassen. Das ist widerwärtig.“

„Oh, Monsieur, wir verkaufen auch verschiedenste Weine, Alkoholika in unterschiedlichen Gift- und Schweregraden. Wir können auch einzigartige Cocktails für Sie anmischen. Darf ich Ihnen einen Samsubarum empfehlen? Es ist ein königliches Getränk, von dem sich erzählt wird, das es Uhren anders ticken läßt und Spuren verwischt?“

Schmitz horchte auf. Er nickte, ein leichtes Lächeln andeutend. Als er sich nun Sattler wieder zuwand, blickte ihn dieser an.

„Das sind vier Sekunden gewesen. Sie sind ein langsamer Mensch. Das müssen Sie unbedingt unterlassen. Diesen Zeitverlust werde ich nie wieder einholen können. Es wundert mich nicht, daß Sie einen Samsubarum kredenzt haben wollen. Sie scheinen ja ein Millionär an Sekunden und anderen Zeitnoten zu sein. Ja, werfen Sie bitte nur mit unnötigen Minuten und Stunden um sich. Aber ich kann mir solch ein schauerlisches Verhalten nicht leisten. Sie werden mir nun zuhören! Wenn ich Ihnen Ihren Auftrag erläutert habe, erhalten Sie dreißig Sekunden, um Unklarheiten zu beseitigen. Dann können Sie sich an einem anderen Tisch mit Ihrem Getränk niederlassen. Das haben Sie nun verstanden. Also, hören Sie. Es lebt ein Mann namens Meursault in der Stadt. Er schrieb ein Buch, das in einer Woche erscheinen wird. Sie werden für mein Journal „Das Moderne Gewese“ einen Verriss schreiben, mit welchem Meursault erledigt sein muß. Ich erwarte, daß Sie sich in Ihren Worten so aufplustern, daß sein Buch vom erschriebenen Tisch rutscht und in den Schmutz des Bodens fällt. Sie erhalten dafür Vergünstigungen, um Ihren Plan einer Café-Kette zu verwirklichen. Ihre Zeit läuft jetzt.“

Schmitz hatte erschrocken zugehört und nun begannen die elektrischen Impulse seines Gehirns ihr mühseliges Tun.

„Wer? Was? Wo gibt es das Buch?“

Sattler blickte ausdruckslos.

„Der Mann heißt Meursault. Das Buch erscheint erst, aber das interessiert nicht. Die Thematik, alles, es ist uninteressant. Sie sollen Meursault in die Bedeutungslosigkeit schreiben. Sie schreiben eine Besprechung, die nicht an dem eigentlichen Thema interessiert ist, weil das Thema nutzlos ist. Ihre Zeit ist verstrichen. Vielen Dank. Den Text liefern Sie bitte in der Gasse des Nützlichen Zorns 21 ab. Dort ist unsere Redaktion. Am folgenden Freitag, spätestens 15.00 Uhr. Auf Wiedersehen.“

Schmitz würde nun also aufstehen, dem Patron seinen neuen Zielort anzeigen und sich niederlassen. Er würde warten, bis sein Cocktail mitsamt eines Schirmchens gebracht wurde, um darauf zu fragen:

Kennen Sie bitte diesen Mann namens Meursault?“

„Ach, Monsieur Sattlers Nemesis?“

„Wer?“ Schmitz sollte nun zucken, und leicht verunsichert das klobige Glas greifen und seine Lippen würden die Flüssigkeit berühren.

„Wen meinen Sie? Wer ist diese Nemesis, Ausländerin?“

Der Patron würde seine Hand auf Schmitzens legen, dabei lächelnd unterrichten:

Sie werden schon verstehen. Trinken Sie, es geht auf die Rechnung von Herrn Sattler. Er ist sehr spendabel. Und über diesen Monsieur Meursault werden Sie schon erfahren. Gehen Sie in die Taverne Schwarzer Mantel. Dort werden Sie den Monsieur sehen können.“

In der Folge tränke Paulo Schmitz sich mittels des Samsubarum weiter in eine Welt des Konjunktives, die eine leichte Schrägung einnähme, weswegen Schmitz sich vorsichtiger bewegen müsse, um nicht aus der Waage fallend, den Boden mit Gewalt zu treffen. Dennoch sollte sich Schmitz einmal noch schreckhaft umdrehen, zu Sattlers Tisch starren und diesem in die riesigen Augen blicken. Sattler lächelte ihn an. Ein Gast rempele ihn nun an, zische ihm ins Ohr.

„Geh endlich, mach deinen Job, Herr Schmitz. Hören Sie, Herr Schmitz. Los.“

Paulo Schmitz griffe sich an den Schädel und herauf wieder nach Halt an einer schrägen Stuhllehne, die sich unter ihm jedoch wegducke, worauf ein anderer Gast ihn auffinge und vor die Tür begleite, ihm ebenfalls ständig ins Ohr zische:

„Los, in die Taverne Schwarzer Mantel mit dir, Strolch. Hier ein Blatt, hier ein Stift. Nimm endlich und halte alles fest, was du denkst. Alles ist wichtiger als Meursault. Meursault, Meursault, Meursault. Lass diesen Widerling deinen leeren Kopf besetzen und schreibe ihn wieder raus. Tu es für Sattler, dann wird er für dich sein.“

Der Gast knüffte ihn noch in die Seite, als sie auf die Gasse träten. Schmitz fielen Blatt und Stift aus der Hand, weswegen ihn der Gast noch weiter knüffte.

„Lauf los,Strolch.“, weiter im erweiterten Konjunktiv voran knuffend. Schmitz begänne sich abzuwenden und möglicherweise könnte er rufen:

„Ich könnte Ihnen wirklich verbunden sein, wenn Sie die Knufferei einstellten und mir den Weg zu dieser Taverne zeigten?“

Einige andere Gäste wären aus dem Café getreten und alle begönnen mit Gelächter und süngen in einem Chor:

„Wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da, du-da.

Ja, wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da du-da-de.“

Paulo Schmitz sei geflohen, schnellen Schrittes, bemüssigt nicht in der Schräge zu Fall zu kommen. Ein Gast hielte ihm in der Taverne Schwarzer Mantel die Türe auf, würde ihm die Hand reichen. Ein Patron nähme ihm ein Glas aus der Hand, bevor sich Schmitz von seinem Stuhl erhübe. Alle Anwesenden täten ihre Kiefer bewegen, als sprächen sie in einem Fort. Einige trünken gar, quälmten Räuche aus Nasen, Münder, Ohren, Wasserstände in den Augen. Schmitz, der in einer Schräge gegen Wände lehnen könnte, würde immer wieder ein Samsubarum zugeflüstert erhielten. Meursault trüge einen schwarzen Mantel. Meursault trüge zwei schwarze Mäntel. Meursault gäbe Schmitz einen schwarzen Mantel in dessen Hände. Schmitz würfe diesen schwarzen Mantel in die Menge der Gäste, die diesen verschlüngend in Fetzen rössen. Meursaults Kopf täte auf und nieder tänzeln. Schmitzens Mund liefe in eine Offenheit:

„Monsieur, Sie sind es, hahahaha“, drüngen kehlige Lachfalten aus seinem Hals heraus.

„Ja, ich sei Monsieur. Können Sie sein? Können Sie da sein? Monsieur?“

„?Gefunden mich Sie haben Wie ?Gesuchten mich Sie haben Warum“, dächte Schmitz, das Mersault ihn früge. Meursault könnte aber nur einfach schauen, dort wo Schmitzens Augen seien. Die Worte, die aus den Mündern der Gäste trüngen, hüngen in den Lüften, wirbelten vielleicht dort vor sich hin, zauselnd, drehend, allgewaltig fabulierend. Schmitz bräche mit dem Tisch, auf dem er tänzeln könnte, hinab.

Paulo Schmitz muß heftigst nach Atem ringen. Sein Brustkorb scheint unter Wackersteinen zu liegen, der Hals wie zugeschnürt. Seit Stunden versuchte er zu atmen. Der Mund in der gesamten Zeit aufgerissen. Die Bilder, die nun nicht nur in seine Augen eindringen, sondern sogar als Impuls im Hirn eine Verbindung knüpfen, versprechen ihm zunächst keinen Balsam, doch dann erfolgt die Kenntnis. Er ist in einer öffentlichen Toilettenanlage in Interzones Zentrum und hält ein Urinal umschlungen.

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