29.03.2019 – Liebe und Tod

Eigentlich wollte ich etwas neunmalkluges zu dem PR-Versuch von Rammstein am gestrigen 28.03.2019 schreiben, doch wurde mir schnell klar, daß eh das beste schon geschrieben wurde und ehrlich hat mich Rammstein seit ihren Anfängen nie wirklich interessiert. Und das wird sich nicht ändern. Und wichtiger ist eigentlich auch die Frage, wann in Großbritannien mal wieder reale Politik für Menschen betrieben wird?

Doch noch wichtiger ist dann das Thema, das mir in den Sinn schoss. Liebe. Verbunden mit der Frage, was Liebe ist.

Nicht, das diese Frage noch nie gestellt wurde. Vermutlich bin ich die 1.000.000 Fragende alleine in 2019. Im luxemburgisch-deutschen Grenzgebiet. Doch habe ich sicher noch fünf Cent beizusteuern.

Warum dieser Gedanke überhaupt aufploppte? Hand in Hand mit dem Satz „Der Mensch ist sterblich.“ Oha. Das macht direkt Freude, da ist die Lust am Kochen. Und vor meinem inneren Erinnerungsauge standen Menschen vor einer Eisdiele und schleckten an ihren Kugeln. Eiskugeln.

Stellt Euch diese Szenerie vor. Ihr befindet Euch in einer normisierten Fußgängerzone, dreißig Meter entfernt die Eisdiele, davor die gemischte Kundschaft, die Waren in Empfang genommen, sich wieder zerstreuend, leckend. Was denkt Ihr darüber?

Nun, wenn Euch nicht gerade der Ekel vor diesem Bild packt, so werdet Ihr mir zustimmen, das eine gewisse Verletzlichkeit offenbar wird. Wie schleckt Ihr Eiskugeln? Mit der Zunge, den Lippen? Reinbeissen? Die Kühle des Eis läßt uns vorsichtiger, sensibler vorgehen. Und die Hand, in welcher wir unser Hörnchen halten, ist ständig in Mundhöhe gehalten. Ja, optisch verliert jeder Mensch, der eine Eis to go ißt, jede Coolness. Da hilft auch keine Sonnenbrille oder andere Hilfsmittel, die zu anderen Zeiten Mängel der ausgestrahlten Kälte auffangen. Und das ist einerseits auch gut, denn Entwaffnung macht liebenswerter und menschlicher. Dieser Satz gilt jederzeit, auch in Kriegsgebieten.

In meiner Vorstellung ist da – zwischen anderen – dieser Mann. Weiß. Vermutlich 60 Jahre alt, oder gar etwas mehr. Gekleidet in die verschiedenen, von einer Mehrheit akzeptierten, Beigetöne. Hemd eher heller, Hose eher dunkler. Die Frisur ist bereits auf dem Rückzug, dafür jedoch auf die Entfernung hin sichtbar dunkle Haare auf dem Handrücken. Darunter die vorstehenden Adern. Eine goldene Uhr blitzt unter dem Hemdsärmel hervor. In den Bewegungen ist keine Sicherheit, aber Übung. Vanille und Schoko. In den Erinnerungen des Mannes kostet eine Kugel zwanzig Pfennig und er musste sich ganz schön recken, um die Eistüte aus der Hand der Frau zu greifen. Er erinnert sich auch, daß die Frau nur wenige Jahre später bei einem Verkehrsunfall starb. Auf dem Beifahrersitz.

In meiner Vorstellung ist da – zwischen anderen – dieses Mädchen. Auch sie ist weißer Haut. Es tut mir leid, die Fußgängerzone meiner Vorstellung ist nicht wirklich divers bevölkert. Das reale Vorbild ist es auch nicht. Das Mädchen ist sechs Jahre alt. Und hat Probleme das Eis, das Schmelzen des Eis, den Verzehr des Eis zu kontrollieren. Ihr Mund ist bunt. Erdbeer und Schoko färben lustig ab. Sie trägt eine Jeanshose und ein weisses T-Shirt mit buntem Aufdruck. Sie weiß nichts über die Situation bei der Herstellung ihrer Kleidung in Bangladesh. Sie weiß nicht, daß sie dort lebend, in einer handvoll Jahren auch in der Textilindustrie eine Arbeit finden müßte.

Zwei priviligierte Menschen, die ich gerade aus dieser Vorstellung herausgepickt habe. Da sind noch einige mehr, denn es ist ein sonniger Tag. Ich aber fokussiere genau diese beiden vorgestellten Individuen. Und gewiß ist, daß diese beiden Menschen sterben werden. So sicher, wie sie das Eis an ihre Lippen führen. Als wäre das Eis vergiftet, so sicher ist ihr Tod.

Was haben all diese Worte mit der Frage nach der Liebe zu tun? Mehr, als offensichtlich ist.

Wir sind letztlich hineingeworfen in unsere Lebensrealitäten. Wir bringen nichts mit, wir nehmen nichts mit. Und in einem Moment, einem Aufblitzen, führen wir die Eistüte an die Lippen. Mit offenem Mund spüren wir die Kälte und stehen schutzlos in einer Fußgängerzone, gekleidet aber in sichtbares Privileg, das dennoch unser Verschwinden nicht aufhalten wird.

So unbeholfen wir in dem Moment aussehen mögen, so zärtlich ist die Aura, die uns umhüllt. Zärtlich, aber vergänglich.

So ist Liebe.

Die Liebe, die wir brauchen.

Die Liebe, die wir geben.

Weitere Deutung finden Sie in Ihrem Herzen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s