Unter Normalnull

Am kommenden Mittwoch, 22. Mai, darf ich wieder die Psychiaterin besuchen.

Es gibt viel von meiner Seite zu sagen. Und dieser Text ist mein Versuch, vorab das Getöse in erste Worte zu fassen, ohne das der Druck des „bitte sprechen Sie jetzt“ mich zum Schweigen hin hemmt.

Um den Menschen, die zufällig hier herein geraten, einen kurzen Abriß zu liefern, was bisher geschah: seit 2013 weiß ich, daß ich transgender bin. Im Dezember 2018 habe ich die psychiatrische Betreuung begonnen, die in Luxemburg verpflichtend ist, damit Leistungen in Bezug auf Transition von Seiten der Krankenkasse gezahlt werden. Am 26. April habe ich begonnen, Estradiol als Gel zu verwenden. Ebenso ist mir Androcur verschrieben worden, ein Testosteronblocker. Am 30. April wurde die Scheidung bestätigt. Der Gerichtstermin war bereits am 9. April.

Zuletzt hatten die Psychiaterin und ich an einem Outingbrief für meine Kolleg*innen gearbeitet und mit der letzten Version war sie zufrieden. Im dem Moment, da ich nun schreibe, weiß ich nicht, ob der Brief gebraucht wird. Denn die Hormontherapie läuft anders, als ich erwartet hätte.

Das sich optisch schnell etwas ändert, wurde mir schon ausgeredet und ich hatte auch gar nicht damit gerechnet. Die Psychiaterin ließ mich wissen, daß ich darauf gefaßt sein müsse, verletzlicher zu sein. Dünnhäutiger.

Nun, da ich mich in eine zweite Pubertät begebe, war ich mir auch dessen relativ sicher. Und leider hatte ich mit Hormonbehandlung bereits 2009/2010 Erfahrungen sammeln müssen. Damals ging es um Serotonin. Um die Bekämpfung meiner Depression, die mich bis 2012 mindestens einmal an den Rand zum Suizid gebracht hat. Die Tablettenbehandlung brachte eine verminderte, emotionale Beteiligung. Ein Leben, wie hinter Milchglas. Abgeschnitten und abgelegt. Es waren einfach die falschen Tabletten, die Diagnose dieses gottverdammten Profis brauchte fünf Minuten, dann war das Rezept ausgestellt. Ich setzte die Tabletten im Herbst 2010 wieder ab. Ohne Rücksprache mit dem Profi, in den ich überhaupt kein Vertrauen mehr setzte.

Im Frühjahr 2011 begann ich eine neue Therapie, die dann auch damals – auf lange Sicht – Fortschritte brachte. Auch neue Tabletten, die halfen, ohne einen Glaskasten überzustülpen.

Ich kenne mich also ein wenig auf dem Gebiet der Medikation aus.

Und die ersten Tage mit Estradiol und Androcur waren turbulent.

Ob das, was mit meinem Körper geschah, alles davon verursacht wurde? Eher nicht. Aber es kamen Kurzatmigkeit (richtig schlimm teilweise), Verwirrungszustände, Entwirrungszustände (ein Passwort, das mir in den letzten Monaten beim besten Willen nicht mehr einfallen wollte, war plötzlich wieder da), kurze geistige Lichtblitze (scheisse, ich finde kein besseres Wort dafür), Herzrasen, der Wunsch mich zu töten.

Nach drei Tagen halbierte ich beide Dosen. Es wurde etwas besser. Der heftige Seegang jener drei Tage beruhigte sich leidlich. Dennoch blieb vor allem das Rasen der Verstands. Und auch die immer wiederkehrenden Momente, in denen mentale Dunkelheit nach meinem Leben griff. Sie waren da.

Ich ließ Androcur ganz weg. Versuchte immer mal wieder die halbe Dosis auf täglicher Basis einzunehmen. Immer wieder das selbe: einige Stunden im Körper kamen die Todessehnsucht. Als wenn der Rest nicht schlimm genug wäre?

Was ist dieser Rest?

Zunächst einmal ist da noch dieser Gedanke, das Testosteron… mich… am… leben… hält? Körper… geht’s noch? Willst du mich verarschen? Du weißt ganz genau, das ich seit ich denken kann (und das sind inzwischen wohl lockere 40 Jahren), mit dem männlich gelesen Leben, diesem Bild eines Mannes nicht klar kam! Das ich unbewußt immer diese geschlechtlichen Grauzonen gesucht habe. Das ich verdammt nochmal in meinem stillen Kämmerchen Glamrock liebte, weil er auf geschlechtliche Abgrenzung kackte und neue Freiheiten für graue Mäuse, wie mich, offerierte. Im Moment habe ich das Gefühl, ich wäre besser dort im Closet geblieben.

Um einen technischen Vergleich heranzuziehen.

Die HRT mit Estradol verursacht in meinem Körper, Geist, Verstand ein Gefühl, als würde in einem Fahrzeug während der Benutzung das Getriebe gewechselt.

In manchen Teilen meiner Selbstempfindung ist ein verschlingendes NICHTS. Jaja, es wurde vorher davon gesprochen, daß sexuelle Erregung rückläufig sein werde. Doch darum geht es gar nicht, die interessiert mich im Moment auch tatsächlich nicht. Das NICHTS fühlt sich im Großraum von Brust und Herz. Dort zerreißt es alte Strukturen. Waren die schlecht? Ich weiß es nicht. Sie sind nicht mehr da.

Ist das der Weg von Deadname H zu Isa? Als wenn es diesen Weg nicht schon zuvor gegeben hatte? Sogar mit Freude war er beschritten. Nun, so viel Freude, wie das Umfeld zuließ, denn der Wechsel zog auch einiges an real beschädigten Strukturen mit sich. Und doch war es innerlich befreiend, sich selbst diesen neuen Namen zu geben. Das, was aber gerade körperlich, mental geschieht, ist etwas anderes, noch nicht definierbar, außer, das es fühlbar kaputt macht, doch es entsteht nichts Neues. Noch nicht, jedenfalls.

Ich kann mit niemanden sprechen. Ich kann gerade mal diesen Text schreiben, und auch das fällt ungemein schwer, denn die Stunden, denen ich die Worte abringen, lassen sich nicht als Zeitringe abbilden.

Kurz nach Beginn der HRT kam es zum unvorbereiteten und ungeplanten Outing vor zwei Arbeitskollegen. Sie fragten mich, wie es mir gingen und sie wollten es auch wirklich wissen, da ich sehr schlecht aussah. Und sie nahmen sich auch Zeit. Nun, es waren auch zwei Kollegen, von denen ich ahnte, daß sie positiv, empathisch und aufbauend sein würden. So war es auch.

Aber inzwischen ist es schwieriger geworden. Mit meinen beiden besten Freundinnen M und S habe ich seit Tagen nicht mehr kommunizieren können. Ich kann keine Whatsapp-Nachrichten abhören, weil ich mich sofort schuldig fühle, da von mir keine Antwort kommen wird.

Warum? Ich weiß nicht, wer antwortet? Wer bin ich überhaupt noch? Das Abbruchunternehmen HRT oder andere damit geweckte innere Faktoren leisten ganze Arbeit. Die Bilder werden von den Wänden genommen. Es sind noch Schatten zu sehen. Und es wird alles schwerer. Der Körper an sich wurde jetzt drei Wochen lang heftig beansprucht und schmerzt an allen Ecken und Enden.

Kann ich noch weitermachen? Was würde passieren mit mir, wenn ich weitermache? Wenn ich stoppe, wie geht es dann erst recht weiter?

Die Frage ist dann erst recht, wer ich überhaupt noch bin?

Ich suche Antworten, habe aber keine Ansätze mehr. Ich bin unter Normalnull gerutscht.

Hilfe.

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