Ein Comeback

Das ist Isa. Autorin und Figur im folgenden Text.

Vor ungefähr vier Monaten schrieb ich einen Text, der hier unter dem Titel „Unter Normalnull“ erschien. Mir ging es zur Zeit der Niederschrift sehr schlecht. Das strömte aus nahezu jedem Wort jenes Textes hervor. Ich hatte meine Hormontherapie begonnen. Und schwankte zwischen den Möglichkeiten, diese zu beenden oder wahlweise mein Leben.

Beides ist nicht geschehen. Das ist gut. Mir geht es heute gut. Mir geht es sogar viel besser.

Ich habe gelernt, das es körperliche Dysphorie gibt. Ich habe so tief darin festgesteckt, das ich es nie zu der Zeit so hätte beschreiben können, das ich mich darin eingerichtet hatte, auch weil ich lange nicht wußte, das es einen Ausweg gibt.

Die Zeit der Dysphorie endet. Schritt für Schritt. In diesen Maßeinheiten erlange ich meinen Körper zurück. Mit – sorry – fucking 48 Jahren. Es ist quasi eine schwangerschaftsähnliche Entwicklung, die ich jetzt durchlaufe.

Der Schwangerschaftsvergleich ist natürlich nur ein vages Bild, denn im Gegensatz zu jenem Zeitraum eines Menschen im Bauch der Mutter, bin ich autark und handele selbsttätig, in gewissem Rahmen. Denn da sind die Hormone. Die waren schon immer da. In einem – für meine Person – ungünstigen Verhältnis zu einander. Und wie heftig die Änderung einen Donnerschlag in mein Leben trieb, kann in dem oben erwähnten Text nachgesehen werden. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, daß mit einer Anpassung der Dosierung des Testosteron-Blockers eine erfreulich schöne Balance in meinem Inneren geschaffen wurde.

Dazu zwei Beispiele aus meinem Leben (womit ich mich als direkte Stimme erst einmal zurückziehe):

1991, der Deadname H., männlich gelesen, war 20 Jahre alt, stand er eines Nachts vor einem Spiegel. Er blickte die Person an. Lange. Dann schlug er zu. Er wollte das Bild dieses Menschen zerstören.

2019 steht auch die Isa vor dem Spiegel, beendet irgendwann das Selfcare-Paket aus Zahn- und Haarpflege, Make-Up um den unangenehmen Bartschatten in die verdiente Unscheinbarkeit zu verbannen. Sie ballt die Faust, blickt fest in die Augen des Gegenüber und sagt: „Yes!“

Der Mensch ist der gleiche. Und hätte H. 1991 gewußt, das es nicht seine Existenz als solche ist, die er zerbrechen wollte, er aber damals nie den Mut dazu fand, sondern ein Aspekt seiner Person, seines Körpers, seiner Mentalität, den er ändern müsse, so wären Berge an negativen Gefühlen von den Schultern dieses Individuums gefallen. Er hätte sich schon lange vor unserer Gegenwart befreien können. Ihm fehlte jedoch das Wissen, denn das Thema Transgender brauchte noch sehr lange, bis es im Leben des H. endlich ankommen durfte. Bis es seine eminente Wichtigkeit für H. zeigen durfte.

H. ist nicht mehr. Niemand bedauert das. Denn Isa ist die Gegenwart. Ich bin die Gegenwart. Mein Name ist Isabelle. Ich bin nun mein Körper. Endlich bin ich angekommen und habe Besitz ergriffen. Und das mit Macht.

Mit Macht häute ich mich und werde von Tag zu Tag mehr Isa.

Das bringt es mit sich, daß ich auch die alten Knochen des H. mir ansehe und darüber nachdenke, was mir diese Person bedeutet. Jetzt, in dem Moment, in dem ich ein verändertes, positiveres, kraftvolleres Leben beginne. Das sich auf dem Fundament der alten Knochen aufbaut. Insofern wird H. nie vergessen sein. Seine guten, seine schlechten Seiten strahlen schon noch vage in die Gegenwart, denn teilweise sind sie übernommen. Doch seine selbstzerstörerische Seite ist geschlossen worden. Isa nimmt den Körper, wie er ist, wie er sein wird, an und wird ihn nun eher hegen und pflegen, als an seinem Ende zu basteln, wie es H. von Zeit zu Zeit tat.

Auch hat Isa es geschafft, sich in der Welt, in der Gesellschaft besser einzurichten. Das Schweigen von H. hat sie beendet. Er hielt sich oft, zu oft, für zu unwesentlich, um eine Meinung zu äußern. Um seinen Platz in der Welt einzunehmen. Er war anwesend und doch nur ein Schatten.

Als Isa im August 2019 auf einer Bühne stand und unter anderem auch die Lieder, deren Texte H. einst geschrieben hatte, sang, da fühlte sie sich erstmal wirklich glücklich und richtig an dem Ort, an dem sie war. Es fiel ihr natürlich leichter, die Lieder auch zu verkörpern, für die sie selbst schon verantwortlich war. Doch war es ihr auch wichtig, das Werk H.s zu würdigen, ihm einen Platz zu schaffen. Einige Anpassungen hatte sie vorgenommen. Teilweise aus Unwissenheit geschriebene -Ismen getilgt.

Doch am wichtigsten war es Isa, das sie sich auf dieser Bühne bewegte, wie nur sie sich bewegen würde. Das im Publikum auch ihre Kraft und ihre Sicherheit spürbar würden.

Wenn der begnadete Will Toledo für seine Band Car Seat Headrest singt: „give me Frank Ocean’s Voice, James Brown’s stage presence“, dann weiß Isa, das sie das nicht nötig hat. Sie hat ihre eigene Stimme gefunden. Sie füllt ihren eigenen Raum auf jeder kommenden Bühne aus.

Sie ist zu Hause angekommen. Sie geht nie mehr weg.

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