Ausflug an die Autobahn

Ich nehme Euch an die Hand und führe Euch tief in die Vergangenheit. Das Jahr 1997 war tatsächlich eine ganz andere Welt, als jene, die wir heute 22 Jahre hernach zu kennen meinen.

Ich sollte mich irgendwann in jenem Sommer in Belgien auf einem Festivalgelände umhertollen. Auf dem Weg dorthin war L in meinem Auto als Begleiter unterwegs. Vermutlich hatte er in der Bubble, die mich noch so als Anhängsel akzeptierte, das kurze Streichholz gezogen. Er war aber auch ein netter Kerl, strohblonde Haare und ein Bubengesicht, mit dem er sicher auch heute noch aussieht, als käme er gerade aus der Kinderkrippe. G war mit anderen Leuten in einem der weiteren Fahrzeuge unserer Kolonne unterwegs. Auf ihn freute ich mich besonders, er war das personifizierte Hippie-Cool. Ja, lange Haare, ein großes Interesse an Philosophie, was er auch später studierte, grandiose Gitarrentechnik, und einen wunderbar abgedrehten Humor. Mit ihm hatte ich „Arizona Dream“ gesehen und mich minutenlang über einen grünen Plastikkaktus im Hintergrund totgelacht. Wir waren selbstverständlich high, ohne Ende. Nein, es war eine Lampe! In Kaktusform. Im Haus von Onkel Leo. Ich kann es nicht vergessen, aber so richtig griffig wird es nicht, die Erinnerung hat ihre Stacheln.

Im Hintergrund ist der Kaktus dann als Lampe identifizierbar. Damals war dieses Ding zuviel für mich.

Aber die Erinnerung an G ist und bleibt gut. Jahre später haben wir zusammen an einem meiner sehr individuellen musikalischen Projekt gearbeitet, bei dem die meisten Menschen mit dieser Kunstfertigkeit mir einen Vogel gezeigt hätten, wenn ich ihnen die Ideen so vorgestellt hätte, wie sie letztlich umgesetzt wurden. G verstand intuitiv, das Kunst auch eine Arbeit an der Darstellung von Emotion sein kann, und nicht eine Form von Selbstdarstellung der eigenen Virtuosität. Und so wurden manche Aufnahmen modelliert zu zerklüfteten, menschenfeindlichen, eiseskalten Sphären, welche die wenigen Hörer meist erschüttert bis angewidert zurückliessen, doch manche, wie G, liebten sie für ihre Authentizität. Für den Moment mag es wahr gewesen sein. Ein Zeugnis der Dunkelheit nach dem Rausch, könnte eins es nennen. Aber ich schweife schon ab, bevor der Weg überhaupt erwähnt wurde.

In Belgien 1997 kann ich mich nicht sehr stark an G erinnern, ich weiß er war damals noch mit B zusammen. Oder? Die beiden waren gemeinsam dort? Ach, whatever, hat nicht so lange gehalten. Menschen scheitern immer an dem Moment, wenn die Romantik des theoretisch Möglichen auf den Abwasch stößt. Und je länger dieser ignoriert wird, desto kräftiger ziehen Blitz und Donner später über die feindlich gewordenen Linien hinweg. Ich hatte immer eine enorme Angst vor diesen Momenten, Partner*innen werden sich hoffentlich an meine Lust an Hausarbeit erinnern.

Aber G war dort. Und die andere Bubble ebenfalls. Jene, die sich aus ganz Deutschland rekrutierte und immer wieder mal auf Parties irgendwo zusammentraf. Die große B und T waren darunter. Ja, und ich erreichte irgendwann mit L das Ziel. Und natürlich hatte ich größte Panik mit meinem PKW durch diese Massen an Menschen zu fahren, um auf einem der Parkplätze die verstreuten Bekannten zu finden. L half immerhin tatkräftig mit und beruhigte mich.

Warum ich überhaupt den Unfug dieses Festivalbesuchs mitmachte? Ach, da waren etliche Artists, die mich ansprachen und dann war C dort. Klar? Das ist eine lange Geschichte und sie ist vor allem überhaupt nicht gut. Sie läßt sich nach einem Besuch bei G vielleicht ertragen. So, wie dieses eine Mal, als ich dort war und – bitte liebe Kinder, macht das nie nach / und ich fühle mich auch jetzt noch schlecht deswegen – ich später noch in einen Club fuhr, auf einem Weg, den ich besser als Westentasche kenne, und mich aber permanent fragen mußte: Wo bin ich hier? Das ist doch R? Wieso bin ich nach R gefahren? Oder ist das nicht R, sondern schon BP? Dazu lief Sonic Youth in atemberaubender Lautstärke und half meiner Unsicherheit mit vorzüglicher Hochachtung. Fuhr ich in jener Nacht schneller als Schrittgeschwindigkeit? Letztlich kam ich an.

An jenem Abend hätte mir ein anderes Ich diese C-Geschichte erzählen können, und vielleicht hätte ich zugehört und mich amüsiert. Denn dieses andere Ich war so needy, so klein und gebückt in seiner Needyness. Vielleicht hätte ich ihm die Wangen getätschelt und gesagt: „Ooooh. Armes, anderes Ich. Hm? Blöde Sache.“

Ja, C hatte diese Beziehung beendet. Und das andere Ich hatte das nicht verarbeiten können. Nach außen hin sahen viele das nicht, außer die wenigen, die das andere Ich mit seinem Leid zutextete. Und die meine traurigen Lieder aushielten, die ich immer hörte. G mußte nur manchmal meine Zusammenbrüche verarzten. Er blieb da Hippie-Cool und war so comfy, daß ich mich rückwirkend verlieben könnte. Wir waren noch so jung und die Zukunft war das, was du eh nicht verhindern konntest und da zog ich doch lieber an einem Joint. John Lennon hatte uns mit seinem tollen Spruch* in einen panischen freeze befördert. Ich weiß gar nicht mehr abzuschätzen, mit welcher Masse an Komplexen ich gerade 1997 belastet war. Und vielleicht war das der Schlüssel zu der C-Story? In jenen Monaten mit ihr hatte ich mich etwas abladen können, hatte meine eigene Last nicht mehr ständig so heftig spüren müssen. C war ja nicht nur eine attraktive junge Frau, sondern auch ein Mensch, der eine gewisse Empathie besaß. Verständlicherweise in dem Rahmen, den sie dem Gegenüber zugestehen konnte oder wollte. Manche meiner unverständlichen Flausen nahm sie hin, andere nicht. Ich ging ihr letztlich in Belgien aus dem Weg. Ich kam mir vor, als sei ich der Stalkerei anheimgefallen. Klar, waren da viele andere Mutuals, aber mein Kopf hatte da so seine eigene Meinung.

Freitags angekommen, sollten wir bis Sonntag unser Leben auf einer riesigen Wiese betreiben. Ich kann es nicht. Ich kann kein Camping, keinen Wanderurlaub. Ich brauche einen Fluchtpunkt. Ich brauche einen Ort, der zum Beispiel in Mauern gefaßt, Platz schafft für eine Toilette, für einen Schrank, der Nahrung fasst. Auf einer riesigen Wiese in Belgien war kein Platz für derlei Träumerei. Also aß und trank ich fast nichts. Hatte schon einen Tag vorher damit aufgehört. Timing ist alles, oder?

Ein Mal schon hatte ich ein Festival getestet, das mehr als einen Tag einnahm. Es war dieses große Teil, das immer noch in der Eifel stattfindet, meine Frage hierzu lautete: Überlebe ich? Check. Aber es war emotional auslaugend. Eine Hülle schleppte sich zuletzt zu ihrem Fahrzeug, und versuchte aus dem Schlammbad herauszukommen. Einzig die Erkenntnis, das eine Gottesvision alleine durch enorme Lautstärke herbeizuführen ist, wie es die Young Gods (welch‘ klingender Name!) schafften, blieb nach diesem Erlebnisurlaub haften.

Der Freitag wurde zum Samstag, und an diesem Tag sollte am späten Abend David Bowie spielen. Sehr schön! Dazu noch Paul Weller und Suede, Supergrass am nächsten Tag. Ihr merkt, ich hatte einen Union Jack tief in den Ohren stecken, auslaufende Britpop-Ära, y’know. Doch Weller machte mich nicht an. Sein Cool hatte er wohl damals verloren und dieser Muckerrock stand ihm nicht, meinem Gemüt schon gar nicht. Erschrocken war ich zufällig in die Nähe der Nebenbühne gekommen, als dort ein inzwischen vergessenes Nichts namens Reef spielte, und ich entgeistert auf Uhr schaute: Ist es schon 1974?

Um Bowie nah zu sehen, ging ich kurz bevor Suede beginnen sollten vor die Hauptbühne. Suede hatte ich Monate zuvor via einer WDR-Rocknacht schon gesehen und die ersten drei Songs waren auch komplett identisch zu diesem Gig. Kurz vorher war ich G noch über den Weg gelaufen, der mich mitrauchen ließ. Nice. Und so leicht jetzt, wo dort der so schmale, wie attraktive Brett Anderson auf der Bühne turnte. Neil Codling, der Keyboarder, saß mißmutig an seinem Instrument und schmiss regelmässig seinen Mikroständer um. Der Roadie kam gelaufen. Der Ständer fiel erneut. Der Roadie kam gelaufen. Und das ganze noch einmal. Codling zog immer noch eine Fresse. Es war erschütternd anzusehen. Ich war jedoch inzwischen zu weit abgeschlossen, um mich zu echauffieren und blickte nur versteinert zur Bühne und lies die Augen langsam zu Brett Anderson weiterwandern. Waren weitere Songs an uns vorübergezogen? Ich vermute, ja.

Ja, es ist Brett Anderson.

Es begann nun ein eher leises Intro. Mein Blutdruck stieg plötzlich an! Das war „Picnic By The Motorway“! Das hatten sie in Düsseldorf nicht gespielt! Was passierte plötzlich mit mir? Brett und Neil waren mir plötzlich egal, außer, das sie diese Töne, diese Musik erzeugten, die mich mit einer Macht ergriff. Brett ist über alles mögliche traurig, die Gitarre quengelt quecksilbrig darunter, die schon die ersten Töne so herrlich zerfetzt klingend gegeben hatte. Einzig der Bass hat noch etwas Bodenhaftung, in diesem Sofa-Szenario, das ebenso dicht war, wie diese Hörerin im Publikum. Und dann dieser Wumms in den Refrain, als der Tag dann schön wurde. Es schüttelte mich, nahm mich nun die kräftige Gitarre an der Hand und riss mich in den Himmel. Wir liefen über die Bridge, die einfach nur das schönste war, das in diesem Moment möglich war. Selbst der üble Codling half bei diesem Traumszenario jetzt kräftig mit und ich fühlte mich, wie von Brett geküsst.

Es kamen die Tränen. Es kämen Sturzbäche an Tränen, als hätten sich die Schleusen über mir geöffnet. Die Tränen sie liefen nur so, als sei es das natürlichste auf dieser Welt, auf einem Feld in Belgien zu stehen und Tränen laufen zu lassen. Dicht auf einem Feld in Belgien, heulend. Nicht geküsst von Brett, aber reingewaschen von ihm und seinen Freunden für einen Moment, für diesen einen Moment. Tränen hatten so viel Trauer aufgelöst und aus mir ausgeschwemmt. Während diesem Picknick an der Autobahn rissen die Wolken auf, und es war letztlich alles voller Sonnenstrahlen.

Der Song war zu Ende. Ich wandte mich von der Bühne ab, lief der großen B noch über den Weg, die mich „Dreieckauge“ nannte, suchte mein Auto und fuhr davon. Bowie? Wer brauchte ihn noch.

für jene, die sich fragten, welches Feld in Belgien denn gemeint sein kann.

Wer den besagten Song auch noch hören möchte, der folge dem LINK

Lennons *: „life is what happens to you, while you’re busy making other plans“

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