Fragment 28.10.2019

TW mobbing, mental issues, medical issues

Ich stehe in einem dunklen Rohbaukeller. Nur eine Glühlampe gibt einen Faden an Licht ab. Ich bin fünf Jahre alt. Ich kann mich nicht erinnern, was ich dort tue. Diese typisch auf Baustellen zu findende Lampe in einer einfachen Fassung, die an einem Nagel in der Wand aufgehangen ist, fällt zu Boden, das Glas bricht, ein gruselnder Schrecken durchfährt mich, ich laufe schreiend davon. Laufe ich wirklich schreiend davon? Vielleicht bleibe ich auch, wie erstarrt, stehen, nur noch der Schall meines Schreiens, der sich durch den Raum bewegt.

In manchen Momenten der Zeit nach 1976 erinnere ich mich vage an diesen Moment und dieser Todesangst, die mich damals ergriff. Ich habe nie wieder eine solch wuchtige Angst vor einem Geschehen gefühlt. Was, wenn ich damals den Tod gestorben bin, vor dem ich mich so fürchtete?

Die Zeit ist eingefroren. Kein Zeiger bewegt sich. In diesem Raum ändert sich nichts. Doch! Hin und wieder startet die Heizung. Ich erkenne es an dieser kleinen Flamme, die in diesem Inspektionsfenster zu sehen ist. Oder eher ein Licht. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie oft die Heizung startete und wieder in Ruhe fiel, während ich mich in diesem Raum befand. Was tat ich in diesem Raum? Ich weiß es nicht. Hatte es damit zu tun gehabt, das ich an dem Gasherd herum gespielt hatte? Es wäre eine plausible Erklärung, für eine Strafbehandlung in einem Heizungskeller. Vielleicht hätte ich lieber tot sein sollen?

Ich weiß nicht, warum mich dieser ältere Junge im Schwitzkasten hält. Sein Unterarm preßt gegen meinen Hals, ich kann mich nicht bewegen. Er raunt mir ins Ohr. Worte, getränkt durch den widerlichen Atem, die sie tragen. Worte, die drohen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wo ich Grenzen überschritten haben mag, die diesen Mensch bedroht haben mochten. Dieser Mensch, der schon einen halben Kopf größer ist, als ich. Stärker, aggressiver.

Aggressiv bohrt sich auch die Sonde durch meine Harnröhre, weiter in das Innere meines Körpers. Es ist auf dem Bildschirm zu erkennen. Wie mir später berichtet wird, hört eins mein Schreien auch jenseits der Türe dieses Untersuchungszimmers. Ich hatte wieder zu bettnässen begonnen. Eine körperliche Störung wurde gerade in eisiger Kälte ausgeschlossen. Warum? Warum? Warum mußte das unter diesen Schmerzen geschehen? Warum konnte ich nicht einfach tot sein? Und nein! Diese Gedanken sind meinem jungen Ich nicht aus dem Jahr 2019 aufgepropft. Ich fragte mich damals mehr als einmal, warum ich leben muß. Warum meine Erscheinung 1979 andere Menschen zum Mobbing anregte? Nein, hieß es, du hast hier nichts zu suchen. Dann laßt mich einfach weggehen. Nein, warum sollen wir dich weggehen lassen? Du hast schließlich hier nichts zu suchen. Warum kann ich dann nicht einfach weggehen, bitte? Nein, wir lassen dich nicht weggehen.

In dem Untersuchungszimmer mit dem Bildschirm, auf dem die Sonde gerade die Harnblase erreicht hat, erinnere ich mich selber an keine Schreie. Ich erinnere mich nur an eine durchbohrende Eiseskälte, an eine Ohnmacht, die mir die Knochen bricht, ohne mir ein sichtbares Härchen zu krümmen. Und immer wieder die Phasen der Einsamkeit in fremden Umgebungen. Die Fehlgeburt, die meine Mutter hatte, die mich mit vier Jahren auf eine Umlaufbahn bei Verwandten schoß. Fast jeden Tag bei anderen Menschen zu Gast sein. Die sogenannten Ferien bei Verwandten, die mich lehrten, das Geräusch eines Ford Fiesta I genau zu erkennen, denn dieses Fahrzeug würde mich wieder nach Hause bringen. Die immer länger werdenden Ferien, welch ein grausames Wort, bei Großeltern, als meine Schwester geboren wurde. Nein, noch zwei Tage. Ach, noch zwei weitere Tage. Die Tage wurden zu einer endlosen Aneinanderreihung, wie auch die Krankenhausaufenthalte, die in jener Zeit noch nur ein kleines Besuchszeitfenster boten. Aber vielleicht war es für die Besucher auch angenehmer, nicht zu viel Zeit mit diesem Menschen verbringen zu müssen.

Der Duft von Binden machte mich glücklich. Landkarten machten mich glücklich. Süßigkeiten machten mich glücklich. Der Versuch, mich irgendwie in die Rolle, die mich als Junge erwartete, einzufinden, machte mich unglücklich. Ich war (ohne es damals zu wissen) ein queer kid, und hätte einiges dafür gegeben, zu passen. Meine Kindheit in den 1970er (bis 1981), entgegen der heutigen Mainstream-Meinung, war weder abenteuerlich, noch frei und ungebunden. Sie war zu großen Teilen traurig und gewalterfahrend. Über mein Verhältnis zum Essen von Fleisch hatte ich schon in zwei anderen Texten geschrieben. Auch darüber, wie sich das Verhältnis von anderen, älteren Menschen zu mir änderte, wenn sie mit meiner Weigerung, Fleisch zu konsumieren, konfrontiert wurden.

Ich wurde stumm. Ich wurde ein Platzhalter. Eine Schauspielerin, die eine schweigsame, kaum anwesende männliche Rolle übernahm. Ich erfüllte große Teile meiner Pflichten. Und nahm Verletzungen hin. Warum dieser Lehrer im freiwilligen Flötenunterricht der unseligen Grundschule mich nach dem Verheilen meines Mittelarmbruchs überhaupt nicht mehr wahrnahm? Ich war der letzte „Junge“ im Kurs, war es das? War es, was er sich zusammenreimte und mit seinem Weltbild als nicht vereinbar meinte? Letztlich wurde diese Person der Grund, warum ich jahrelang aktives Musizieren aus meinem Leben strich. Und einfach schweigend aus dem Kurs herausschlich.

Es ist nicht immer die Faust oder ein anderes Gerät der Gewalt, welches uns Menschen verletzt. Ich bin ein Kind der Kinder der Nazis. Die Generation meiner Eltern war in der Nähe dieser auch heute noch unvorstellbaren Verbrechen gegen jede Menschlichkeit. Ihre Eltern gehörten entweder zu Ausführenden oder denen, die schwiegen. Die möglicherweise einfach ihr Leben weiterlebten, weil ihnen „ja auch nichts geschenkt wurde“. Die, das mögliche aus den ewig kargen Eifelböden herauszuholen versuchten. Die wählten, was der Pastor vorgab. Aber die sicherlich erfahren hatten, als das Nachbarland Luxemburg, das fast so nah lag, wie einen Steinwurf entfernt, besetzt wurde. Die zuvor erfahren haben mußten, das da ein sogenannter Westwall errichtet wurde. Welche Fragen haben sie sich gestellt? Die sicherlich mehr als einmal in den Jahren nach 1933 selbst in dieser Einöde ein Hakenkreuz gesehen haben mußten?! Und wenn ich hier anklagend klingen mag, so meine ich nicht nur meine direkten Großeltern, sondern auch jene, in deren Welt ich 1971 geboren wurde. Ich schicke diese Frage in Eure ruhelosen Gräber hinterher: „Was seid Ihr für Menschen gewesen?“

Seitdem ich mich mit dem sogenannten dritten Reich beschäftigt habe, bin ich über die Wucht dieses Zivilisationsbruches schockiert. Und ebenso erschüttert darüber, daß diese seismische Verwerfung in mein Leben hineingreift, und das aktiv durch Menschen, die ihr Menschenbild in jenen Tagen formen ließen und bewußt oder unbewußt in die Zeit nach dem 8. Mai 1945 hineintrugen.

Wir müssen darüber sprechen, Deutschland.

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