25.05.2017

Revolte + Terror = Jugendkultur hahahahahaha

vorwort: Wem der Stil des Geschriebenen nicht paßt, wer den Wirrungen und Irrungen der Gedanken nicht folgen kann, wer was auch immer …. geht einfach weg. Okay?

this is the worst trip I’ve ever been on. Mann, ich steh voll in der Wüste. Auf einer Brücke, unter der die Sanddünen lachend hindurchziehen. Als ich vor einigen Tagen über Rockmusik nachdachte, fiel mir dieser Streifen „almost famous“ ein. Ist inzwischen fast volljährig, der Film. Und dann folgte der Gedanke über diese Szene darinnen, in welcher der Junge die Platten von seiner rebellischen Schwester unter dem Bett hervorzieht, und sein Leben gerettet werden soll. Zum Glück war kein Serge Gainsbourg dabei, sowas wie Histoire de Melody Nelson, kultivierter Schweinkram mit kleiner Körbchengröße und satten Arrangements.  Zu feingeistig für die kommende Stewardess und überhaupt zu kultiviert für irgendein Amerika. Ob nun das verfilmte 1969 oder auch der Donny-Age-Komplex, unter welchem wir zu schnaufen beginnen. Als wenn das nicht egal wäre…. kaum verflogen die Klänge… stand dieses kurze Intervall am Beginn eines Streichquartetts von Alban Berg in der Atmosphäre und… was ist mit Euch los? Fragen Alban und auch ich!

Die Erinnerung an „almost famous“ hatte schon einen gewissen Sinn. Ein Film über das Ende jener Phase einer heiß gelaufenen Maschinerie. Das Vorglühen war der Rock’n’Roll, die Hüfte, Algerien, Wirtschaftsaufschwung und vor allem AUFSCHWUNG. Bis ins Weltall. Im ersten Akt wurde der Jazz dann heißer, drängender, freier, entstand eine mündige Schicht an Menschen, die Rechte forderten, flogen die Raketen im Orbit, wurden die Kriegsschauplätze exotischer und Einnahmen aus Schallplattenverkäufen galten noch ein wenig wie Wolkenkuckucksheim. Im zweiten Akt verfliegt die Exotik des Krieges, denn Er Will Dich, wird in flirrenden Paisleymustern [Das sind aber ganz schön konkrete Gedankengänge, mein lieber Schwan oder auch Scholly oder… äh] dieses Wollen verneint, mit grinsender Kopulationsakrobatik auf Rockbühnen die Macht zelebriert als Poesie der Wirtschaftsmuskelmasse, während der Rest langsam schnauft. Und wenn 1973 die Maschine eben heiß läuft? The Fall of Saigon steht vor der Tür. Die Ölkrise. Die RAF. Die PLO. Die ETA. Die IRA. Die nicht gut abzukürzende Brigate Rossi (Okay, die Abkürzung bringt Medienleute aus Bayern zum knurren) Dazu ist alleine in Europa noch so manches Ländchen unter einer Diktatur bemantelt. Spanien, Portugal, Griechenland, der Zypern-Konflikt. Dazu noch der ganze Warschauer Pakt, eine fantastische eigene Liga der Unterdrückung. Nicht zu vergessen, nicht?

Wozu das Ganze? Weil dies grelle Augenpaar manchmal ARTE schaut. Weil dort immer gerne des Sommers schöne, kreischend bunte Dokus über die Rebellen jener Zeit gezeigt werden, die uns heute mal so richtig schön zeigen können, wie der Unzustand unserer Zeit in eine total groovige … ach, klappt ja gar nicht, weil die Realität ja weder ARTE-konform, noch Netflix-bingemäßig zurecht geschustert werden kann, denn da ist der Mann mit dem Bombenkoffer. Und der macht das Licht aus. Das haben die schon immer gemacht. Die ganzen Hirnis, die nur drei Buchstaben behalten können, hatte ich schon aufgezählt. Und damit sind wir plötzlich am Brunnen Mimirs angelangt. Ganz ohne ein Auge zu verlieren. Nur eine volle Dröhnung an Alban Berg oder einen anderen geilen Macher aus der (Achtung) Neuen Wiener Schule. Nicht die Alte. Die Neue! Ist zwar älter als sowohl Frankfurt, als auch Hamburg. Nichtsdestotrotz! Oder halt mit John, bzw. Alice Coltrane hochfahren. Mimir sagt: Jungens, Mädels.

Da seht sie stehen! Dort stehen sie herum, die Konserven.

Die Konservativen.

Die Kompressionierten.

Die Konfektionierten.

Die Kompromittierten.

Die Kompostierten.

Alice, das ist nur scharf. Shiva Loka.

Die Kondolierten.

Die Gondolierten? Die Kronzeugierten!

„Das geht so nicht weiter, Mimir!“

Die Präservativen.

Die Präversativen.

Die Frittierten!!!

„Du kannst nicht so Recht sprechen, oder in den Quell der Weisheit blicken, Mimir!“

Das Kapital. Spielt und würfelt. Es rückt die Figuren. Das ist doch klar. Das ist Physik. Wölbt sich das weiße Yang oben aus, quellt das schwarze Yin nach unten weg. „Und natürlich“…. nee, ruft Mimir: meet the new boss, same as the old boss. Denn auch das ist Physik: die Luft am Gipfel ist immer dünner, als im Tal. Da können so viele Wortspiele und Versprechungen, Versprungungen, durch die Welten schwirren, das kann nicht gehen.

„Mimir! Warum schicken Leute Dick-Pics und dann seh ich nur Richard Nixon?“

Weil eben „Dicky’s such an Asshole.“ und heute singen wir „Donny’s such an Asshole“, und statt einem DickyPic, setzen wir ne blöde Orangenperücke auf. Annoying Orange for real.

Is everybody in?

Nein. Warum auch. Jedes so begrenzt, es kann. Kondoliert doch, wo ihr wollt. Zum Teufel. Ständig sterben Menschen, jederzeit, jeden Orts. Durch Krebs. Durch HIV-induzierte Erkrankungen. Durch Bombensplitter. Kein Tod ist schön. Nirgends. Nie. Und dennoch rafft es Menschen dahin. Der Schrecken ist immer die Lücke, die der Tod reißt. Die Unzeit, die er erschafft. Und dennoch sagen Mimir und auch ich: Kommt endlich klar damit, das Euer Abo mal irgendwann abläuft. Das Ticket wird Euch aus der Hand gerissen, da seht Ihr nur noch die Fetzen im Winde wehen. Und natürlich habt Ihr Angst davor, wenn der Schalter umgelegt wird. Und im Off steht nicht mal Wayne. Mimir lacht. Über die, die vor toxischen Menschen warnen. Mimir ROFLT. So ein nordisches Wesen sollte sich nicht so verstörend verhalten. Hey.

Jetzt ist die Bagatelle passiert. Der Schreiber lacht auch. Hat aber nur eine Sekunde zuvor das Wasser getrunken. Das Papier wellt. Heilig’s Blechle. Und warum das Ganze? Weil nasses Papier die Eigenheiten des Wassers übernimmt, natürlich! Das Farbband muß in der Nacht am Feuer verweilen, auf das trockenen Fußes der Text weiterwandert. Gleich einer akustischen Guitarrrrre. Chico legt noch ein paar Flöten mit ins Grab. I think it’s gonna rain today.

Zwischenwort:

Wer jetzt noch hier rum nölt, ey! Mein Freund Haarmann hat ein Hackebeilchen

„So, Mimir“ Was! Mit den Fingerchen fummelnd wie Mister Burns, nur Millionen an Dollars weniger „Also, sollen Menschen nicht Dinge und andere Menschen meiden, die schädlich sind?“ Watt is dat für ne scheiß Frage, du Eierkopf. Dann kannste dich inne Höhle einschließen. Datt ganze Leben is voll toxisch. Kaum biste auffe Welt, iss schon die Kakke am dampfen. Oder willste dem Finanzamt auch jetzt mal mit „Also, ich muß Sie bitten von Ihren Forderungen nach Steuerzahlungen Abstand zu nehmen, denn das erzeugt eine negative Schwingung in meinem Leben“ auffen zeiger gehen, watt? vollpfosten! Damals als noch über Nixon-Bilder sinniert wurde, ha. Ja, girl in trouble. Hat irgendwer mal drüber nachgedacht, was DickPicMusic ist? So was, wie … wir kommen nicht ausse zeit da raus. Almost famous und so. Led Zep I oder II. squeeze me lemon til the juice runs down me leg. Robert Plant aus Yorkshire, kreisch! Aber das ist dann der Sound der Revolte. Und natürlich der arme Hendrix, der doch niemandem was getan hatte*. Und immer wieder nur Satisfaction. Ich verlange auch nach genau dem und verlange dazu auch noch die Wahl der Waffen. Waffeln. Wenn immer auf die gleiche Stelle geschlagen wird, dann ist das Physik! Oder Biologie! Da entsteht ein Bluterguß. Und Schmerz. Und irgendwann bricht auch der Knochen. Habt Ihr sonst keine anderen Ideen? Seid doch nicht immer so eindimensional! Stellt Euch vor, Ihr stündet vor Kafkas Schloß, hört die Telefone und die Schreibmaschinen. Stellt Euch vor, Ihr seid ein Käfer. Was denn?! Ihr geht dann rein!

time takes no prisoners. time takes a cigarette.

Ein kurzer klarer Moment wie ein Pochen. Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er hatte ein klares und einfaches Ziel: Gleiche Rechte für alle Rassen.

Was hat 2017 zu bieten? Mimir will wieder ROFLN. Können wir einfach den alten Faden wieder aufnehmen und noch „Gleiche Rechte für die Geschlechter“ hinzufügen? Okay? (this is the most worst trip I’ve ever been on) Ich bin doch der Käfer. Und das Wasser habe ich getrunken. Einst sprudelte es. -.-

* Jimi machte mal den Song little wing. Wer da irgendwas von Revolte raushört, sollte mal ein Wasser trinken. Jimi wollte doch auch nur wegfliegen.

08. Oktober 2016 – eine kurze Bestandsaufnahme, ein Ansatz zur Diskussion gegen das Poltern des Populismus

Was tun?

Jaja, die AFD treibt weiterhin ihr Wesen, und die selektiven Rassisten, nicht nur die deutscher Nationalität, nehmen die Meinungshoheit an sich. Wer sich ihnen in den Weg stellt, dem tönt es entgegen, daß alles der Meinungsfreiheit zugehöre.

Ach, haltet doch eure Fressen. Es ist mit euch nicht zum aushalten, ihr Storch-Petry-Höcke-Kindsköppe. Ihr seit nicht einmal bessere Rattenfänger. Ihr könnt nur gut, weil ihr die mediale Präsenz erhaltet und auf dieser Klaviatur einigermassen gut klimpern könnt. Das war es auch schon. Ein Konzept, wie ihr eure sogenannte Volksgemeinschaft im Falle einer demokratisch gewonnenen Wahl führen möchtet, ist beim besten Willen nicht zu erkennen, denn ihr wißt schon, daß ihr den Ast auf dem ihr so feiste sitzen wollt, bei erster Gelegenheit absägen werdet: Sozialleistungskürzungen für Jedermann. Eieiei, seid schweigsam darüber, sonst wird das nichts.

Doch genug des Bashings der freiwilligen Trottel eines sogenannten Volkswillens.

Was ist das schon: Ein Volk?

Diese Frage wird im Laufe der folgenden Zeilen auch noch betrachtet, doch wende ich mich erst einmal einer wichtigeren Untersuchung zu. In großen Buchstaben geschrieben:

„WARUM GEHT’S MIR SO DRECKIG?“

So hieß die erste Platte der Band Ton Steine Scherben 1971 und mit diesem Satz können sich sicherlich viele, viele Menschen auf diesem Kontinenten indentifizieren. „Uns“ geht es scheiße, dann kommen diese Flüchtlingen und die bekommen alles in den hinteren Unterleib geschoben. Sogar Smartphones haben die. Und kriminell sind sie. Et Cetera.

Das es den Menschen, die sich auf eine Flucht, gar in äußerst fragwürdigen Booten über das Mittelmeer, begeben, dies kaum freiwillig tun, ist hier natürlich den meisten Menschen, die über diese sogenannte Flüchtlingskrise klagen, gar nicht klar. Selbst wenn die Flucht über die Balkanroute führt, ist es immer noch ein grausig schwieriges Unterfangen, das im Grunde höchste Hochachtung vor dem Willen dieser Menschen herausfordert. Doch was haben wir übrig: Ablehnung. Was sind wir doch für ein moralisch fragwürdiges Geschmeiß! Die wir in unseren beheizten Häusern sitzen an diesem Tag im frühen Oktober 2016. Draußen weht nicht der erste schneidende Wind. Drinnen hat es 18° Celsius oder mehr Behaglichkeit. Wir sollten unsere feisten Fressen halten, als über diese Menschen, die von egal woher zu uns strömen, herzuziehen. Ich verneige mich auch vor den sehr zynisch so genannten Wirtschaftsflüchtlingen. Denn woher kommt deren Gefühl, daß es ihnen so dreckig geht, das sie ihre Heimat hinter sich lassen? Oh, richtig. Unser Wohlbehagen, unsere Ausbeutung, unsere Unterstützung diktatorischer Regime. Kurzes Innehalten: Bin ich, als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, automatisch an diesen genannten Wirtschaftsverbrechen und Unterdrückungen beteiligt. Tja, scheiße. Ja. So lange ich nicht dagegen protestiere, oder daran setze, meinen Anteil der Ausbeutung soweit zu minimieren, daß ich reineren Gewissens weiterleben kann. Doch dazu gehört Aktivität. Sehe ich solche Aktivität unter den AFD-Genossen, gar unter CDU/CSU-Sympathisanten? Um Himmels Willen, das widerspricht der deutschen Lebensart! Das ist links-versifftes Geseier. Danke auch! Ihr mich auch, nicht wahr. Abgrenzung gegen diese Menschen tut not und wird von mir aktiv betrieben. Sollen diese Selektivrassisten auch gerne nicht mehr weiterlesen, obwohl einigen der Rest gefallen könnte. Ja, vielleicht.

Denn: Ja, es geht sehr vielen Menschen in Deutschland dreckig. Und nicht nur in Deutschland. Der Erfolg des Front Nationale in Frankreich, der Brexit der Briten, die Erfolge populistisch-nationalistischer Strömungen in Polen, Ungarn, Österreich und Dänemark kommen nicht von ungefähr. Leute haben die Faxen dicke.

Doch: Wer ist daran schuld? Die Flüchtlinge, die sich in Massen nach Europa begeben? Die kriminellen Ausländer mit ihren Drogen? Die jüdische Weltverschwörung?

Nein. Die Schuld liegt tiefer begraben. Die Schuld wurde in Europa und dem Rest der sogenannten ersten Welt geschaffen. Und wenn WIR (damit schließe ich auch Menschen ein, die gerade noch Selektivrassisten waren, doch dann bemerken, daß ihr Intellekt eigentlich groß genug ist, um doch noch über Tellerrand zu blicken) nicht jetzt langsam etwas dagegen unternehmen, dann wird der Boden, auf dessen Fundament unser Wohlergehen aufgebaut ist, unter unseren Füssen weggezogen durch genau diese Rotte, die doch lauthals vor den geiernden Fremden warnt.

Den Menschen im Bereich der Europäischen Union geht es besser, als vielen Menschen im Rest der Welt (individuelle Härtefälle aussen vor). Das Wohlstandsniveau im Bereich der Europäischen Union hat sich ebenfalls in den Jahrzehnten verbessert. Und dennoch ist da nicht nur ein Gefühl, daß es für sehr viele Menschen besser sein könnte. Ja und dazu müssen wir in die Vergangenheit reisen.

Der Club of Rome warnte schon 1972 über Die Grenzen des Wachstums. Hört man auch 2016 noch Politikern zu, wissen sie immer darauf hinzuweisen, daß alles getan werden müßte, um das Wachstum zu erhöhen. Was bedeutet diese Diskrepanz? Nun, Politiker sind auch immer Teile ihrer Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist auf einen Holzweg geraten. Wann? Vermutlich schon immer, doch hat sich im Nachgang des Zweiten Weltkriegs eine Verschärfung, eine Perfektionierung der Suche nach dem zerstörerischen, gesellschaftszerrüttenden Holzweg ergeben. Ich habe bereits die Jahre 1971 (Ton Steine Scherben) und 1972 (Die Grenzen des Wachstums) genannt. Und schiebe noch eine relative Zeitgenossenschaft hinterher, nun aus dem Bereich des deutschsprachigen Schlagers. Ein Gus Backus sang einmal: „Und dann hau ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein kaputt, mit dem Innenleben von dem kleinen Sparschwein gehts mir dann wieder gut.“ Putzig, nicht? Nein. Gar nicht putzig. Wer sich heute, 2016, noch mit Sparschweinen umgibt, ist vermutlich einer der offiziell traurigsten Menschen der Welt (außer es sollte sich noch eine Verschärfung der Negativzinsen für Guthaben ergeben). Und dennoch vermutlich auch im Inneren glücklich? Was bedeutet uns das Sparschwein? Diese Frage ist jetzt sehr ernsthaft gestellt. Was beudeutet DIR, Leser, das Sparschwein? Ein zeitlicher Anakronismus? An der Oberfläche nur gekratzt: Ja. Die Geschwindigkeit unserer Leben im Jahr 2016 hat das Sparschwein von diesem Planeten gefegt und wir können nur noch staunend, erschaudernd hinterherschauen. Das Zeitalter des Sparschweins ist definitiv vorüber. Doch wäre genau der Versuch, die Geschwindigkeit unserer Leben, die das Sparschwein als Symbol für finanzielle Rückstellungen im Bereich des privaten Lebens obsolet werden ließ, zu drosseln. Ganz im Sinne der immer wieder aktualisierten Berichte des Club of Rome, deren Ergebnisse sich nicht wirklich für die Zukunft unserer Nachkommen verbessert. Ganz zu schweigen davon, daß WIR – die Menschen der Gegenwart – inzwischen die Schattenseiten dieser Analysen zu spüren bekommen. Es wird immer stärker auch aus der Politik heraus geklagt, daß sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Der Mittelstand schrumpft, die Ängste von aktuell noch „sicher“ lebenden Menschen vor einem Abrutschen in Armut verschärft sich. Die Ängstlichen suchen sich Feindbilder und eilen Populisten hinterher, die ihnen einfache Lösungen vorgauckeln. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor? Dazu möchte ich eine Schlagwörter aus dem Ärmel schütteln:

Die Älteren erinnern sich noch an Arbeitskämpfe zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften um eine Arbeitszeitverkürzung von 40 Wochenstunden auf eine niedrigere Zahl (letztlich gab es da eine teilweise durchgesetzte 38,5-Stunden-Woche) bei vollem Lohnausgleich.

Die Menschen des Jahres 2016 kennen viele Fälle von Menschen, die mehr als einen Job ausüben, um über die Runden zu kommen.

Die Älteren erinnern sich an: „Die Renten sind auf lange Sicht sicher.“

Die Menschen des Jahres 2016 wissen nicht unbedingt, ob sie über diesen Spruch wirklich noch lachen können, auch im Angesicht der Verwirrungen (ein Euphemismus), die durch die Einführung von geförderten privaten Vorsorge geschaffen wurde.

Die Älteren erinnern sich an Zukunftsvisionen, die verlockend waren, die Lust versprachen.

Die Menschen des Jahres 2016 sehen als Sieger im Kampf um die Zukunft die Herren Orwell, Huxley und andere Dystopisten hervorgehen.

Die erhöhte Geschwindigkeit hat uns als Menschen, als Individuen den Garaus gemacht. Und damit auch in hohem Maße die Achtung vor dem Mitmenschen zerrissen. Das ist keine Anklage gegen die neue Medienlandschaft, doch bietet sie erhöhte Möglichkeiten der Lust an der Beschimpfung nicht persönlich bekannter Menschen zu frönen. Ob Du Dich daran beteiligst, liegt nicht am Internet, sondern an Dir.

Die erhöhte Geschwindigkeit wurde an anderer Stelle eingeführt. Es geschah in dem Moment, als die Soziale Marktwirtschaft zugunsten befreiter Märkte zu Grabe getragen wurde. Und wer Mitte der 1990er Jahre dabei war, als ein deutscher Kommunikationskonzern mit großem T seine ersten für jedermann erwerbbaren Aktienpakete öffnete, war dies nur ein kleiner Schritt bei der Öffnung einer pandoraschen Büchse, jedoch signifikant. Denn: wieviele Blasen haben die Aktienmärkte innerhalb der vergangenen 20 Jahre erdulden müssen? Wieviele individuelle Träume sind hier zerschlagen worden? Hat die Menschheit den Schlag der Bankenkrise von 2008 eigentlich schon wirklich verdauen können? Nein, das hat sie nicht. Denn: natürlich sind finanzielle Krisen, wie der immer noch nicht wirklich verhinderte Staatsbankrott Griechenlands eine sehr sauber, hausgemachte Krise, doch gut geölt durch die Möglichkeiten der befreiten Geldmärkte geraten diese Schieflagen noch schneller ausser Kontrolle, und auch solch barbarische Mordorismen, wie „Wetten gegen eine Währung“, sind bei den dringenden Aufräumarbeiten einer nationalen Finanzwelt so hilfreich, wie Brandstiftung gegen ein Krankenhaus. Es ist eine Straftat. Wer anders denkt, sollte gute Argumente zu Felde führen können. Für mich gilt immer noch das Individuum höher, als ein finanzieller Gewinn.

In den Jahren nach dem Zerfall des Kommunismus wurde vom Ende der politischen Linken, vom Ende des Klassenkampfes gesprochen. Ich hoffe, diese Kommentatoren wissen um ihre völlige Fehleinschätzung (F.A.Z.?). Die einstigen, früheren Klassenkämpfe sind nur in ihrer Richtung verändert. Wurde früher vertikal gekämpft, geht es heute mit dem Messer in der Hand gegen die horizontal stehenden Gegner. Dabei verlieren die Kämpfer den Überblick, sehen aber dem Feind ins Auge. Doch wer ist dieser Feind, und warum ist er/sie es? Die neuen Kampfeslinien verlaufen auf oftmals irrationalen Wegen, und werden daher leicht von der einfachen Argumentation des Populismus an der Hand genommen. Dabei spielen dann plötzlich Wörter, wie „Volk“, „Nation“, „Leitkultur“, „Terrorismus“ eine Rolle. Und vieles scheint plötzlich neu zu sein. Es herrscht das Gefühl vor, ganz neue Wege zu beschreiten, wenn der Terrorismus als Beispiel besprochen wird. Natürlich spielt hier die sogenannte Flüchtlingskrise eine wichtige Rolle, denn im Schatten dieser bewegen sich die Täter in unsere Breitengrade und werden zu einer Bedrohung vor unserer Haustüre. Ja, das kann durchaus geschehen, die Wahrscheinlichkeit ist sicherlich höher als Null. Dennoch, bei aller Angst davor, gibt es ein gewisses Maß an staatlicher Sicherheitsapparatur, das hier an der Verhinderung der Gefahr arbeitet. Und, ganz wichtig zu erwähnen ist, daß die Kriminalogie in Deutschland durchaus gut eingearbeitet ist, seit den Tagen der RAF. Den Tagen der PLO. Den Tagen der AKP. Den Tagen der Wehrsportgruppen und anderer Freikorps. Terror in Deutschland ist – so scheußlich das klingen mag – ein widerkehrendes Phänomen, das sicherlich vor allem nicht durch einen sogenannten „Krieg gegen den Terror“ zu bekämpfen ist. Das sollten vor allem die letzten 15 Jahre eindeutig gezeigt haben.

Doch ist es ein leichtes im horizontalen Kampf dem Widersacher einen Terrorismusverdacht nachzusagen, oder ihn aus „Volk“, „Nation“ oder „Leitkultur“ auszuschließen, und ihn dadurch offen als Gegner zu brandmarken, den es zu schlagen oder mindestens erniedrigen gilt. Wenn dieser Widersacher eine sprachlose Menge ist, wie es die vielen heimatlosen Flüchtlinge der letzten Jahre sind, ist es um so einfacher, diese zu marginalisieren, sie auch als Steigbügel für eigene Profilierung zu nutzen. Das die dabei vielfach genutzten Schlagwörter „Volk“, „Nation“ und „Leitkultur“ nie wirklich klar definiert werden, spielt jedoch keine wirkliche Rolle. Doch täte es genau daran wirklich Not, denn was ist dieses „Volk“, zum Beispiel jenes auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Ich stelle zur Disposition, das es definitiv kein homogenes Volk in diesem Land gibt, das nicht nur an landsmannschaftlichen Unterschieden liegen mag, sondern auch dadurch bedingt wird, wie groß auch im Jahr 2016 noch die selbstgefühlte Scham in Anbetracht einer 12jährigen Spanne der deutschen Geschichte ist. Eine vielleicht kurze Zeit, die dennoch eine übermenschliche Katastrophe in jeder Facette des Menschlichen, der Menschlichkeit darstellt. Hier darf niemals eine Marginalisierung stattfinden. Und um die Frage eines jugendlichen Bürgers dieses Landes im Laufe des Jahres 2015 aufzugreifen: „Bin ich jetzt Schuld an den 60 Millionen Toten?“: Nein, kein deutscher Bürger, der nach dem 8. Mai 1945 geboren wurde, trägt daran eine Schuld, doch ist uns als Nachfahren – ob un- oder nur mittelbar – eine Pflicht erwachsen, mindestens auf dem Gebiet dieses Landes dafür Sorge zu tragen, das Verfolgung geächtet wird. Das die Zugehörigkeit zu einer Rasse und das Geschlecht eines Menschen nicht dazu führt, Benachteiligung zu erfahren. Das die sexuelle Orientierung eines Menschen geachtet wird. Kommen Menschen in dieses Land, welchen diese Grundwerte fremd sind, dann sind wir dazu angehalten zu lehren und vor allem mit einem Beispiel voranzugehen, das so gut ist, wie wir es eben jeder für sich leisten kann. Dazu ist die Selbstversicherung jedes Menschen notwendig. Kein Mensch ist jederzeit frei davon gegen irgendetwas, irgendjemanden Abneigung zu empfinden. Diese innere Abgrenzug ist ein Teil der menschlichen Existenz. Doch kann jeder Mensch lernen, damit umzugehen, es nicht in Wort oder Tat nach aussen zu führen.

Doch Selbstversicherung und Selbstvergewisserung sind Prozesse, die ihre Zeit brauchen. Womit sich der Kreis zum Sparschwein schließt, denn auch dieses brauchte Zeit, um sich zu füllen.

Es ist nicht die Frage, ob ein Mensch jedes Jahr ein neues Smartphone braucht. Es ist eher die Frage, warum jedes Jahr ein neues Smartphone angeboten wird, und warum globale Konzerne, die dieses Angebot in die Welt schreien, noch nicht einmal einer regulären Steuerpflicht dort unterliegen, wo sie ihre Geschäfte machen. Gerade dieser Aspekt stinkt bereits seit vielen Jahren, und niemand räumt auf.

Wie hieß es damals in der Zeit, als Zukunft noch etwas Gutes schien: Think global, act local. Genau: ACT LOCAL, ihr Blutsauger der Menschen, die ihr eure Targets (Zielscheiben) nennt. Wir, die Menschen dieses Planeten, sind nicht für das Wohlergehen eurer CEOs und Aktionäre zuständig. Werdet wieder gewahr, daß ihr nur die Produzenten von Produkten sind, die WIR für uns nutzen.

P.S. für die AFD-Fanboys und -girlies: Wenn irgendwo auf diesem Planeten ein Mensch, der dort Ausländer ist, straffällig wird, ist – so seine Schuld nachgewiesen ist – dieser zu bestrafen. Ich weiß nicht, warum solch eine klare Realität unseres Zusammenlebens immer wieder zur Sprache gebracht werden muß. Sollte es im Bereich der Legislativen Lücken geben, sind diese durch die gesetzgebende Exekutive unserer Gewaltenteilung zu schließen. Punkt.

Nach „Brüssel, 22.03.2016“

Vielleicht ist dieser Text der letzte, den ich schreiben werde. Ich bin frustriert, sehr tief. Warum? Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 sind der Auslöser. Ein weiteres Warum?

In den vergangenen Monaten hat sich das gesellschaftliche Klima in Europa gewandelt. Ein paneuropäischer Nationalismus greift um sich. Ein Klima, das vergiftet auf alles, was fremd ist, starrt und dessen Verschwinden verlangt. Die Art, wie dieses Verlangen artikuliert wird, ist von Hass und Wut getragen. Lange habe ich versucht, in Texten und Gesprächen, dieser Bewegung etwas entgegenzustellen. Sei es Empathie, Vernunft, eigene Fassungslosigkeit.

Am vorgestrigen Tag, dem genannten 22.03.2016, sind wieder einmal Menschen zu Tode gekommen, als Ergebnis einer Anschlagsserie. Sage ich es kurz: Es geht nicht an. Dieser Art von Menschenfeindlichkeit ist Einhalt zu gebieten.

Sowohl bei jenen, die sich als Islamisten bezeichen, als auch bei jenen, die von Tag zu Tag gegen alles Fremde wettern. Es ist erschütternd zu sehen, wie zwei extrem gegenpolige Ansichten miteinander wetteifern, wer die schärfste Klinge fährt. Frustierend ist jedoch, wie günstig die Attentate für den paneuropäischen Nationalismus sind. Doch letztlich können sich die konservativen, populistischen Kreise Europas nicht davon freisprechen, eine Mitverursacherschaft an den Terrorakten zu tragen. Sind sie es doch, die nun bereits seit Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen,

– eine europäische Leitkultur zu verfechten

– dem Islam eine Existenz auf europäischem Boden zu verwehren

– die permanente Gefährdung aller europäischen Nationen durch Überfremdung zu predigen

Können sich die Fürsprecher dieser Thesen vorstellen, daß gerade junge Menschen, die ständig diesem Feuer der Angst und Abgrenzung ausgesetzt sind, dieses letztlich aufnehmen und nach außen weitertragen? Dies äußerst sich zum einen darin, daß konservativ-nationalistische Kreise eine überdurchschnittliche Beliebtheit in Altersgruppen bis zu 29-jährigen erreichen. Die Kehrseite sind junge Selbstmordattentäter, die letztlich auch durch Perspektivlosigkeit und Ablehnung in den eurozentrisch gesinnten Gesellschaftspartien dahingehend vorgeschliffen werden.

Dieses permanente Wechselspiel sehen zu müssen, ist ernüchternd. Und bringt mich dazu, diese Form von Texterei in Frage zu stellen. Deswegen möchte ich ein letztes Mal meine Stimme erheben und den letzten Leserinnen ein paar Ideen mit auf den Weg geben.

Der ausländische Straftäter.

Jaja, das Todschlagargument. Doch gehe ich einfach davon aus, daß in der europäischen Justiz sicherlich kein Straftäter laufengelassen wird, wenn er „fremd“ genug ausschaut. Wobei ich hoffe, daß das Gegenteil auch nicht der Fall sei. Wundere ich mich doch mit Bauchschmerzen über die Tendenz der Justiz in den Vereinigten Staaten eine größere Härte gegen nicht-weiße Bürger anzuwenden. Ein Fall, wie der Mord an Alexandra Mezher in Schweden durch einen bereits abgewiesenen Asylantragssteller, muß mit der gleichen Härte betrieben werden, wie jeder andere, gleichgelagerte Mordfall unter Menschen mit gleicher Nationalität. Hier gibt es überhaupt kein Vertun. Und es soll auch nicht auf derlei kapitale Verbrechen beschränkt bleiben, sondern auch Vorfälle, wie die Sexualstraftaten in Köln zu Silvester 2015 müssen aufgeklärt und bestraft werden. Und ein inhaftierter Sträfling sollte auch in seine Heimat transferiert werden. Wenn hierzu die legislativen Voraussetzungen fehlen sollten, sind sie zu schaffen. Doch wenn die Realität das Wort kurz erheben darf: Die meisten Straftaten in Europa werden von den jeweiligen Einheimischen begangen, von Mord, über Vergewaltigung zu Steuerhinterziehung und Körperverletzung.

Europäische Leitkultur und Überfremdung:

Ich fasse mich zu Beginn einmal kurz: Die Idee einer europäischen, womöglich christlichen Leitkultur ist einer der größten, zynischsten Scherze, die je von Menschen ersonnen wurden.

Haben sich die Urheber dieser Ideen eigentlich mit der europäischen Geschichte seit Herodot auseinandergesetzt?

Wenn ja: ist ihnen aufgefallen, daß sich keine Konstante ergeben hat, die auch nur die zeitliche Grenze von eintausend Jahren überdauert hat, die als kulturelles Fundament angesehen werden kann? Vielleicht mag jetzt jemand den religiösen Aspekt der Christenheit erwähnen. Hierzu gebe ich folgendes zu bedenken, bevor ich mich der Frage der Religion als solches widme: Wie hoch ist die Zahl der Menschenleben, die von Vertretern dieser verschiedenen, christlich-orientierten Religionsgruppen getötet wurden?

Besonders in Zeiten, in welchen Teilgruppen untereinander verfehdet waren, womit nicht nur die Hochzeit zwischen 1618 und 1648 gemeint ist.

Ein Gottesglaube ist darüberhinaus, in meinen Augen, kaum für einen menschlichen Geist wahrhaft zu erfassen. Der Gottesbeweis des Thomas von Aquin wird von mir zwar befürwortet, doch, wo jener einen Gott als causa prima, als Erstursache, erkannt haben mochte, sehe ich ein physikalisches Phänomen. Wobei nicht gesagt sei, daß die Basis einer christlichen Morallehre, wie sie in den Evangelien zu beobachten ist, kein wunderbares Fundament für das Miteinanderleben von Menschen auf diesem Planeten sei, doch ist die Lehre jenes Jesus für uns einfache Leute grundsätzlich zu revolutionär und – um nur auf dieses eine Beispiel zu verweisen, daß jedoch auch auf andere große Religionen der Welt zutrifft – wurde nur kurz nach dem Tod des Religionsgründers die Rolle der Frauen neu definiert und diese in die zweite Reihe verbannt. Da liest sich das neue Testament durchaus anders. Und somit direkt an die Leitkultur gefragt: Aus der Historie ergibt sich hier, daß die Frau weiterhin gerade mal sich der 3 großen K’s widmen dürfte, doch das kann heute niemandens Ernst mehr sein. Geschieht hier der erste große Bruch und die Rückbesinnung auf die Machtverteilung in der Jungsteinzeit?

Der massiv größte Teil der letzten zweitausend Jahre in Europa, aus welchen sich vielleicht am Ehesten eine handvoll an regionalen Leitkulturen destillieren liesse, ist von Kriegen, mehr oder weniger freiwilligen Völkerbewegungen und Machtmissbrauch aus Egomanie gekennzeichnet. Die größte, europäische Leistung dieser Zeitspanne ist, ohne jedwede Diskussion, die Gründung der Europäischen Union. Wer hier widerspricht, sollte ein wirklich sehr gutes Argument zur Hand haben, warum die Schaffung eines möglichen, kontinentalen Miteinanders ohne Waffengewalt, nicht die allerhöchste, die mächtigste Leistung war und auch noch ist. Keine technische Revolution kommt dieser Errungenschaft gleich.

Die Erhaltung dieser Union ist noch wichtiger, als die Bekämpfung von terroristischen Umtrieben. Die Erhaltung der Freiheit in dieser Union ist ebenso von größter Bedeutung. Und dies gilt umso mehr, als der bereits erwähnte paneuropäische Nationalismus um sich greift, der auf die Wiedererrichtung von Grenzen setzt, sowie auf die Wiederbelebung von nationalen Gefühlen und das Fehlen dieser unter Strafe stellen möchte.

Hier frage ich: Welches Land – nicht nur im Bereich der Europäischen Union – ist ein reines Land? Es gibt sie nicht mehr, heißt die einzig korrekte Antwort. Spätestens mit Beginn des demokratisierten Individualverkehrs hat die Durchmischung der Völker und Ethnien einen höchst erfreulichen Grad an süßer Unreinheit erreicht. Jedes Individuum an jedwedem Ort dieses Planeten hat einen individuellen Hintergrund. Durch die Möglichkeiten der Vernetzung werden auch die inneren Erlebniswelten weiter von regionalen Leitkultürchen entfernt. Und in diesem Sinne ist eine Einnordung auf diese Leitbilder höchstens unter Ergreifung von Zwangsmaßnahmen möglich, sollte sie auch für die Eingeborenen gelten und nicht nur für die einreisenden Fremden. Letztlich werden im Bezug auf die Errichtung einer Leitkultur auch Erinnerungen an die Gleichschaltungen im dritten Reich wach.

Eine Leitkultur ist nicht mehr, als eine Normierung. Und diese ist das Ende der Individualität. Das diese Ideen derzeit auch in Ländern um sich greifen, die doch gerade unter den Deutschen des dritten Reichs gelitten haben, kann als sehr merkwürdig empfunden werden. Gibt es keine anderen Wege, um die innere Verbundenheit zu einer Region aufleben zu lassen? Und weshalb bezieht sich ein Stolz immer auf eine ganze Nation? Was hindert Menschen daran, stolze Menschen aus Cornwall, Lothringen, den Podlachien, Umbrien zu sein? Sind die regionalen Wurzeln nicht stark genug, um den faden Glanz des Nationalismus zu überstrahlen? Sind Nationen überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch gesetzt, sondern ernsthaft zur Überlegung gestellt.

Diese Frage wird von der Welt verworfen und nie beantwortet. Dieser Text wird nie eine Anregung sein. Der Ansatz ist noch nicht zeitgemäß. In keiner Weise. Und Utopien braucht wohl niemand. Es ist der letzte Text, den ich geschrieben habe.

01. August 2015

Guten Tag, liebe Leserin. Es ist einige Zeit vergangen, seit ich zuletzt an dieser Stelle ausholte, um meine Gefühle zu äußern oder einfache abstruse Geschichten in die Welt hinauszulassen. Warum schwieg ich seit Wochen? Gab es keine neuen Gedanken? Nein, ganz im Gegenteil. Es war mir einfach unmöglich soweit zu fokussieren, daß ich an dieser Stelle auch nur ein fast vernünftiges Wort hätte äußern können.

Das sei heute möglich. Ich möchte daher beginnen, Sie mit dem rätselhaften Wesen von Äußerungen zu belästigen. Die folgenden zwei Sätzen sind dabei die Konfrontation:

„Der Neoliberalismus ist der neue Faschismus“ lautet der Erste.

„Neoliberalisten sind die neuen Faschisten“ ist darauf die Nummer Zwei.

Sie spüren vermutlich schon, worauf ich hinaus will. Im ersten Fall wird eine wirtschaftspolitische Strömung unserer Tage beschrieben und in eine negative Ecke gestellt. Im zweiten Fall wird das ganze auf eine persönliche Ebene geholt. Die Menschen, welche in Fall #1 noch als Teil eines Ganzen beschrieben werden, sind nun demaskiert. Doch was möchte ich Ihnen genau damit sagen? Zum einen ist dies meine Meinung. Vor allem die Aussage #2. Der erste Satz kommt verängstigten Menschen über die Lippen, wobei ich damit keinen Vorwurf gegen diese verknüpfen möchte. Doch ist mir wirklich daran gelegen, jene Zeitgenossen, welche neoliberalen Wirtschaftsströmungen etwas Positives abgewinnen können, meinen ganze Hass entgegensetzen. Warum? Weil sie die neuen Faschisten des 21. Jahrhundert sind. Die Feinde jedweden humanen Umgangs in dieser Welt sind nicht ein paar verirrte NPD’ler oder Pegidisten, sondern jene, welche das Unbehagen, welches auch jene fehlgeleiteten Teilzeitrassisten befällt und in ihren Visionen bestätigen mag, erst entfachen und schüren. Und so kommen wir auf die Neuauflage von „Mein Kampf“: Es heißt heute TTIP, als Beispiel. Wie schon in der blutigen Erstauflage im 20. Jahrhundert ist es für die Großwirtschaft wichtig, den Faschismus an die Macht zu hieven. Denn, meine lieben NPD’ler und Pegidisten und andere mittelständische Ausländer- und Asylfeinde: Möchtet Ihr wissen, wie es Euren sogenannt arischen Vorvätern in jenen als glorreich aufgebauschten – je nach Geisteshaltung sind es zwölf oder auch tausend – Jahren ergangen ist? Jenen aufrechten Deutschen, die auch mit ihrem Schweiß und Blut jenen Unterdrückungsstaat mit konsequenter Ausbeuterhaltung stützten, ohne zu wissen, wie sehr sie von ihren Führerwesen betrogen und – je nach sexueller Ausrichtung – in ihren blanken Arsch gefickt wurden? Ist der Arier Max Mustermann aus Mainz in jenen Jahren vom einfachen Bürger zum Wohlstandswesen geworden? Kennt Ihr einen Menschen, der in jenen Tagen einfach aufgrund der politischen Situation aufgestiegen sei? Vermutlich nicht. Alles, was in jenen Tagen vielen deutschen Bürgern unrechtmäßig geraubt wurde, ist in den von vornherein üppig gefüllten Taschen jener gelandet, die entweder schon vor 1933 begütert waren oder zur politischen Elite gehörten. Falls Sie Fakten brauchen, forschen Sie bitte nach, wie Josef Neckermann zu seinem blühenden Versandhandel gekommen ist, der ihm auch nach 1945 nicht mehr abhanden kam. Soviel zu nicht gesühntem Unrecht.

Und so wird es wiederkommen. Mit einer Hand voller gekonnt platzierten Unterschieden. Da der neoliberale Faschismus der Gegenwart weiß, daß die Politik selbst nicht mehr so blauäugig ist, daß sie sich wie in jenen wilden 1920’er Jahren aushebeln ließe – wobei in jenen Tagen auch die Macht der alten, kaisertreuen Eliten noch ihren erheblichen Teil beisteuerte – so nutzen die neuen, global auftretenden und vernetzten Extremisten des Kapitalismus neue mitgestalteten Hohlräume, um mit deren Hilfe entscheidende, zukunftsträchtige Nervenzentren zu besetzen. Ein Mittel hierzu ist jener TTIP genannte Hammer, welcher sich 1933 als der Reichstagsbrand zeigte. Mit Hilfe dieses Werkzeuges ließen sich damals schon die Ermächtigungsgesetze gegen jeden noch übrig gebliebenen Glauben an solch Utopisches, wie die Demokratie durchprügeln und auch heute werden wir noch erfahren, welche neuen Einsatzmöglichkeiten sich bieten werden. Was schon klar angezeigt ist: Politik in ihrer zur Zeit noch durchgeführten Erscheinungsform wird beendet. Ein Bundestag, ein House of Commons, ein amerikanischer Senat, eine Duma werden noch tagen, doch wird ihr Wirkungsfeld unbedeutend sein. Nationalstaaten werden noch existieren, Grenzen werden noch bewacht werden, es wird mit höchster Sicherheit noch bewaffnete Konflikte geben, doch ist dies nur noch Spektakel im Sinne der neuen Herren. Wer werden diese sein?

Namen werden dabei keine Rolle spielen, denn wo einst führende Spinner jener untergegangenen DDR noch meinten, daß „die Partei immer Recht hat“, so wird in Zukunft mehr als bereits heute „Der Markt alles regeln“. Dies ist die neue Maxime des kommenden Totalitarismus.

Ich werde nun einige Fragen stellen:

Aus welchem Grund sind Wirtschaftsjournalisten schon seit etlichen Jahren immer wieder mit Äußerungen aufgetreten, daß diese oder jene Fusion/Übernahme wichtig sei, sie gar nicht zu vermeiden sei? Anders formuliert ließe sich fragen, warum eigentlich zur Objektivität verflichtete Journalisten dem Größenwahn der Wirtschaft das Wort reden?

Aus welchem Grund lassen sich die sogenannten Volksvertreter – vor allem der aktuell noch existierenden europäischen Demokratien – von jenem hemdsärmeligen, neuen Faschismus zur Bedeutungslosigkeit degradieren? Wenn diese Menschen noch einen letzten Funken an Anstand und Ehre besäßen, würden sie endlich aufstehen und dem syndikalistischen Moloch, der vor ihren Augen entsteht, Einhalt gebieten. Doch nein! Die Angst geht auch in Berlin, Paris, London, Rom, wo auch immer um, daß man persönlich nach der Zeitenwende, die uns allen droht, von der neuen Herrschaftsebene heruntergefegt wird. Wir wissen noch nicht, wo und wie das neue Auschwitz entstehen wird, doch das es kommt, daß wird selbst der wetterwendisch verängigstigte, europäische Mittelstand zu spüren bekommen, der sich zur Zeit noch vor ärmlichen, verängstigteren Flüchtlingen aus den schon entstandenen Krisengebieten fürchtet.

Die nächste Frage schließt hier nahtlos an: Wann wird die versagende Politik vielleicht noch eine letzte Kehrwende schaffen und den Märkten einen Riegel vorschieben und Spekulation um Währungen und Grundnahrungsmittel verbieten? Wann wird eine auch über Europa hinausgehende, globale Regelung getroffen, daß Wasser ein Gemeingut ist und niemals in ein Unternehmensportfolio integriert werden darf? Und Wasser ist dabei wirklich der Name des kleinsten, gemeinsamen Nenners.

Warum sind Banken systemrelevant? Diese Frage ist in insofern wichtig, da wir in den letzten sieben Jahren leider Zeugen werden mußten, welche Mengen an Volksvermögen dazu mißbraucht wurden, um der Bejahung dieser Frage zu dienen. Insofern möchte ich die Frage auch umstellen: In welchem System sind Banken relevant? Im ersten Moment möchte man dabei daran denken, daß Guthaben von Bürgern und Unternehmen im Falle eines Bankentodes bedroht sind und der Zerstörung anheim fallen. Doch genau dies ist es, was in Krisenfällen, wie dem drohenden Staatsbankrott in Griechenland passiert. Und das schon bevor der Worst Case Scenario eintritt. Wen schützt dieses System, in welchem Banken relevant sind?

Wir, die Bürger der sogenannten Ersten Welt, haben diese Situation heraufbeschworen und gefördert. Wir handeln seit etlichen Jahren mit Aktien. Wir wollen den tosenden Fortschritt. Wir lieben unseren Wohlstand und unsere Informationsflut. Wir sind abhängig vom Thrill der Gegenwart. Und wenn ich diese Worte hier auf einem Portal, wie Facebook, veröffentliche, mag dies als Paradox erscheinen, doch liegt mir daran, die Möglichkeiten, die hier geboten werden, für diese Revolte zu nutzen.

Es ist an der Zeit den global agierenden, sich selbst für mehr als systemrelevant ansehenden Konzernen und Lobbygruppierungen zu zeigen, daß der moderne Mensch fähig dazu ist, den wahren Feind der eigenen Freiheit zu erkennen und sich ihm entgegenzustellen. Ich verbiete keinem jener Konzerne, sei es Nestle als Beispiel, nicht, ihr Kerngeschäft zu betreiben und Produkte herzustellen und sie, wo es gesetzlich möglich ist, zu vertreiben, doch ihrem Machtstreben sind Grenzen zu ziehen. Es muß verboten sein, daß jene TTIP vorantreibenden Konzerne sich jenseits der Politik, und damit sind die Interessen von Völkern, Bürgern, Menschen gemeint, ein eigenes, wucherndes Herrschaftswesen zu installieren. Es ist eine klare Grenze zu definieren, wo die Interessen von Bürgern bedroht werden, und wenn sich dabei einer jener Konzerne zu erkennen gibt, ist er zu zerschlagen. Die Politik, die Staaten müssen wieder eine erkennbare Handlungsfähigkeit zurückerlangen. Dazu muß eine striktere Trennung der Arbeit eines Politikers von wirtschaftlicher Tätigkeit vollzogen werden. Es kann nicht sein, daß gewählte Volksvertreter gleichzeitig in Aufsichtsräten von Unternehmen sitzen. Dies mag Usus sein, doch letztlich ist es ein Verrat an jenen, die von diesen Menschen vertreten sein wollen. Genauso muß das Unwesen an Parteispenden vollständig ausgeschaltet werden. Ein Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika mag genügen, um zu erkennen, welches Höchstmaß an Terrorismus hieraus entsteht, wenn Frauen, wie Männer, die sich um politische Ämter bewerben, ihren sogenannten Wahlkampf nicht mehr durchführen können, wenn sie nicht mehrere Millionen an Dollar Spenden erhalten? Liebe Leserin, Sie mögen sich vermutlich daran stören, daß ich diese Form von Finanzierung Terrorismus nenne, doch frage ich Sie, wieviel infrastrukturielle Hilfe möglich wäre, wenn diese gesamten Ausgaben dazu genutzt würden, um in überbevölkerten Teilen dieses Planeten nur einmal Grundsätzliches, wie die Wasser- und Hygieneversorgung verbessert würde? Ich bleibe dabei, Wahlkampfspenden als multinationalen Terrorismus zu brandmarken, der die IS als kleine Pfadfindergruppe aussehen läßt. Und vergessen Sie bitte nicht, daß dieser Akt des Terrors eine bakterielle Infektion hinterläßt, die später erst zu wahrer Pracht ausbrechen wird. Oder halten Sie George W. Bush wirklich für den verantwortungslosen Volltrottel, den er über Jahre spielen mußte? Der Mann wußte, das er früher oder später enttarnt würde. Und hier geht es nicht um Verschwörungen, sondern darum, zu erkennen, daß eine Menge Geld an der falschen Stelle Leichenberge produziert. Es ist dabei egal, wie. Es wird passieren. Mit Gott, oder ohne Gott. Religion ist kein Teil jenes Spektakels, das im Laufe der technischen Revolution des 20. Jahrhunderts aufgezogen und bis heute verfeinert wird.

Lesen Sie ruhig George Orwells 1984. Sie können die dort genannten Namen gerne durch jene ersetzen, die Ihnen dabei durch den Kopf gehen mögen. Und danach ziehen Sie ihre Schlüsse und handeln.

11. Juni 2015

Da ich den letzten Text mit dem schönen Schlagwort Nationalsozialisten beendete, und dieses Hämmerchen einen feinen Einstieg bietet: Es soll ja Menschen in Deutschland geben, die gerne die Behandlung der Thematik rund um die nationalsozialistischen Untaten zwischen 1933 und 1945 beendet, ja, abgeschlossen sähen. Diese Menschen in Deutschland sagen zum Beispiel:

„Ich bin nach 1945 geboren und kann daher nichts für die Geschehnisse dieser Zeit.“

oder

„Was der Staat Israel mit den Palästinänsern macht, ist fast genauso schlimm, wie der Holocaust.“

oder

„Aber die Juden haben doch immer schon dieses und jenes getan, und die Sache mit Jesus. Und andere haben auch schon immer die Juden gejagt und die haben die Pest ausgelöst und so weiter und so fort.“

Okay, der letzte Ausflug war von mir erfunden, doch wurden diese Argumente in gleicher oder ähnlicher Form in den letzten Jahrhunderten gerne mal verwendet, um Antipathien gegen diese Religionsgemeinschaft anzustacheln.

Warum ist aber all dieses falsch?

Und wie begegne ich Menschen, die solche Äußerungen von sich geben?

Zum einen, ist es in meinen Augen nicht statthaft, beide Konfliktsituationen (Nazi-Deutschland vs. Juden / Israel vs. Palästina) zu vergleichen. Darüberhinaus gibt es einen interessanten Aspekt, den ich beleuchten möchte:

Es gibt so viele Deutsche, die wie auch ich, nach 1945 geboren sind, doch in der Familie existieren Personen, die zwischen 1918 und 1945 alt genug waren oder wurden, um ein staatsbürgerlisches Bewußtsein zu haben. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, nachzufragen, was diese Personen innerhalb dieser Zeitspanne taten, nicht taten, glaubten, an Überzeugungen lebten. Ich weiß es, weil ich die Fragen selber nicht gestellt habe. Und dies ist Angst? Angst davor, etwas zu erfahren, was das Zusammenleben mit diesen Personen belasten kann. So ist ganz menschlich das Hemd näher als die Hose. Aber das Hemd ist zu eng, es zwickt an allen Enden. Und es nimmt die Luft. Einer meiner Großväter war in Frankreich im Krieg. Mehr weiß ich nicht. Ist das eventuell, neben der Angst, fehlende Empathie? Was treibt dann viele Deutsche dazu, der israelischen Politik Vorhaltungen zu machen, und dabei ein enormes Herz für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu beweisen? Dieser Teil ist definitiv nicht beanstanden, doch sind mir die Motive dubios. Warum dort der Abstand zur Vergangenheit von nahestehenden Menschen, hier das große Mitleiden? Es erscheint mir als eine kuriose Ersatzhandlung. Oder einfach gesprochen: weiterhin schwelender Judenfeindlichkeit? Vielleicht. Es gibt genauso viele Gründe, wie es Meinungsträger gibt. Letztlich steckt in den heute lebenden Deutschen, wenn sie sich erst einmal mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandergesetzt haben, ein Gefühl der Mitschuld alleine schon auf der Basis der verwandschaftlichen Verbundenheit mit den damaligen Tätern. Oder Zuschauern. Und auch dies drängt gerne in der Gegenwart dazu, jetzt das Richtige zu tun. Das ist ebenfalls wiederum nicht falsch, doch wird damit der Bezug von Damals zu Heute gezogen, denn das heutige Tun wird durch die Gräuel der Vergangenheit befeuert. Möglicherweise ginge uns Israel heute an den vier Buchstaben vorbei, wenn unsere Vorfahren nicht die indirekten Gründerväter dieses Staates geworden wären und damit im Anschluß noch das Elend der dort lebenden Araber mitverursachten.

Warum tut sich der Mehrheitsdeutsche dann mit einer Aktion, wie den Stolpersteinen, die vor Ort an ehemalige jüdische Mitmenschen erinnern sollen, so schwer? Ist es die Nähe zur Gegenwart, dieser zeitliche Brückenschlag, der Ängste heraufbeschwört, daß diesen Stolpersteinen auch eine Mahnung innewohnt? Ein „Nie Wieder!“? Hat der deutsche Bürger möglicherweise ganz für sich erkannt, daß dieses „Nie Wieder!“ harte Arbeit bedeutet? Oder liegt im Argwohn gegen die Stolpersteine die schon angesprochene Nähe zu den eigenen Vorfahren, die vielleicht Menschen zum Stolpern brachten? Oder sind dem Bürger die Mahnmale am liebsten, die von Gemeinde- oder Staatswesen errichtet, angebracht werden? Der Mensch, nicht nur in Deutschland, läßt sich ungern von den negativen Seiten der Vergangenheit berühren. Doch das ist falsch. Die Lehren der Vergangenheit wären verloren. Es entstünde die gleiche Situation, wenn die Menschheit jedwedes Lesen einstellen würde. Es ist zwar, wie ich oben schrieb, meines Erachtens falsch einen aktuellen Konflikt, wie jener in Israel, in Palästina, mit einem vergangenen Konflikt zu vergleichen, gar aufzurechnen, doch sind Lehren und Erfahrungen aus vergangenen Konflikten unabdingbar und anwendbar.

Da ich gerade die Erstellung und Übernahme von Mahnmalen durch Gemeinwesen ansprach… ist das komplette Überlassen dieses Aspekts vom Individuum an die Allgemeinheit nicht in gewissem Maße der letzte Sieg der totalitären Regime? Die Frage lasse ich mal stehen.

30. Mai 2015 bis 04. Juni 2015 – ein Dilemma

Ich mochte die heutige Überschrift um zwei Wörter neben dem üblichen Datum erweitern, damit klar ist, daß es sich nicht um einen einfachen Eintrag handeln wird. Später wurde aus dem üblichen Datum sogar noch ein Zeitraum.

Ich möchte zunächst mitteilen, wie wenig ich weiß bezüglich des Dilemmas, das ich heute besprechen möchte. Ob der Streit heute noch aktuell ist? Das weiß ich zum Beispiel nicht. Es wäre wünschenswert, daß man sich ausgesöhnt hätte. Wer soll sich aussöhnen? Julian Cope und Tim Lewis. Tim Lewis ist den meisten Menschen besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thighpaulsandra. 2005 veröffentlichte er das Album Double Vulgar II. Schon um das erste Double Vulgar-Album entstanden Kontroversen, doch #2 setzte dem ganzen eine Krone auf. An diesem Beispiel kann jedoch gut und ausgiebig die Freiheit der Kunst diskutiert werden.

Setzen wir uns kurz mit den Biographien der Protagonisten auseinander.

Tim Lewis stammt aus Wales. Begann in 1980’er als einfacher Rockmusiker, der es auch gerne krachen ließ, musikalisch. Zur ersten Zusammenarbeit mit Julian Cope kommt es im Jahr 1994, als Lewis Keyboards und Synthesizer für Copes Album Autogeddon spielt. In der Folge wird Lewis für einige Jahre zu Julian Copes wichtigstem musikalischen Kompagnion. Dieser hat seit den Tagen, als er in Liverpool seinen Einstieg in die Musikerkarriere nimmt und mit der Band The Teardrop Explodes kurzzeitig zum Popstar aufstieg, immer wieder enger mit einzelnen Bandkollegen, Freunden, Mitmusikern zusammengearbeitet. So übernahm Lewis diesen Staffelstab von Donald Ross Skinner, mit dem sich Cope dann während der Arbeit an Autogeddon ein wenig überwirft. Skinner wird erst zehn Jahre später bei Konzerten wieder mit Cope auf einer Bühne stehen, obwohl man sich nach dem Streit schnell wieder versöhnt hatte. Es blieb bei einer freundschaftlichen Trennung. Als es Cope dann weiter in der zweiten Hälfte der 1990er mehr dazu drängt als Buchautor tätig zu werden, schließt sich Lewis zunächst als Livemusiker der Band Spiritualized an. Ebenfalls wird er loses Mitglied von Coil. Der Kontakt zwischen Spiritualized und Julian Cope wird mit den Jahren auch immer enger, denn mit zwei weiteren Mitgliedern dieser Band formiert Cope 2001 das Projekt Brain Donor. Doch der Einfluß von Tim Lewis als Thighpaulsandra im Sound von Coil ist größer, wird doch mit seinem Eintreffen die sogenannte Mondphase der Band begonnen.

Was geschieht dann 2005 mit der Veröffentlichung des erwähnten Albums Double Vulgar II? Das veröffentlichende Label Beta-Lactam Ring Records versendet Promos, unter anderem an Julian Cope. Dieser wird später folgend paraphrasiert: „I can’t be associated with things like this, I’ve got a family.“ Ich möchte nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden, ich habe eine Familie. Diese Aussage bezieht sich vermutlich vollständig auf das Artwork der CD, das hier besehen werden kann:

http://nnm.me/blogs/stombik/thighpaulsandra_-_double_vulgar_ii/

Hierbei fehlt jedoch noch ein Bild, welches zur Promo-Veröffentlichung gehörte und den erigierten Penis des jungen Fotomodells, Chris Jones, zeigt. Da Lewis-Thighpaulsandra nie auch nur den Ansatz eines Hehls aus seiner Homosexualität gemacht hat, sollte Julian Cope nicht überrascht gewesen sein. Auch zeigte das 2003 veröffentlichte Double Vulgar den Star auf dem Cover in einer eindeutigen Kuschelpose mit Liebhaber. Als Mitglied von Coil musizierte Lewis in einem Umfeld massiv ausgelebter Homosexualität. Die beiden Coil-Gründer, Jhonn Balance und Peter Christopherson, hatten nicht zuletzt 1984 der Band Aufmerksamkeit beschert mit der Ansage, ihre Musik solle die homosexuelle Energie des Planeten erhöhen. Wohl an! Wir erkennen, daß Julian Cope hier kaum ein Problem gehabt haben kann. Und da die Musik auf Double Vulgar II nicht grundlegend anders ist, als auf vorangegangenen Thighpaulsandra-Alben, mag auch dies nicht zur Verstörung und Abbruch des Kontaktes geführt haben. Bleiben also die Images, die Fotographien, die optische Kunst.

Ist es Kunst? Wenn ich mir die Bilder so unvoreingenommen, wie möglich, betrachte… was sehe ich? Versuche ich, den homosexuellen Hintergrund des Musikers und älteren Modells Tim Lewis, des jüngeren Modells Jones – der auf einer Webseite namens Gaydar von Lewis gefunden und kontaktiert wurde – und des Designers Christopherson in den Hintergrund zu rücken. Oder funktioniert es dann nicht mehr? Ich schaue mal.

Das Titelcover zeigt Lewis, der über Jones hockt, welcher mit nacktem Oberkörper auf einer Wiese liegt. Lewis hält eine Art Stock an Jones‘ Hals, blickt dabei in die Kamera. Er wird sehr prominent aus dem Hintergrund beleuchtet (Cover1). Das nächste Bild zeigt Lewis, der Jones ,über seine Schulter geworfen, trägt. Jones ist nackt, der Betrachter sieht seine Rückseite. Jones könnte bewußtlos sein. Die Umgebung wirkt total unbelebt. Lewis steht vor der Eingangstür einer Hütte (Cover2). Folgend sehen wir ein erstes Bild, das möglicherweise innerhalb dieser Hütte gemacht wurde. Lewis hält Jones‘ Kopf, der sich auf seiner Brusthöhe befindet, mit der rechten Hand von hinten, drei Finger seiner Linken zwängen sich in Jones‘ Mund. Jones drückt Schmerz aus (Cover3). Das vierte Bild zeigt ein Gesichtsportrait des jungen Modells. Blutspuren unter dem linken Auge und der Schulter sind zu sehen. Jones wirkt dennoch gelöst (Cover4). Das letzte Bild zeigt erneut den nackten Chris Jones, doch dieses Mal sieht man ihn bäuchlings auf einer Wiese liegen (Cover5). Und dann war da natürlich noch der delikate Höhepunkt, das Backcover: ein Schuß des, wie schon zuvor geschrieben, steifen Penis von Chris Jones.

Der erste Gedanke mag in Richtung reiner Pornographie gehen, dabei der entsprechenden Nische von SM (Sadomasochismus), weil physische Aktion überwiegt, zuzuordnen. Aber erzählen die Wunden in Cover4 nicht davon, daß für ein simples Rollenspiel zu weit gegangen wurde? Auch berichtet mir der Blick von Tim Lewis, daß hier keine Pornographie per se veröffentlicht wird: dieser Blick, der einerseits sehr bestimmt ist, andererseits jedoch jede Aggressivität vermissen läßt, selbst wenn die eigene Hand sich in den Mund des Partners bohrt. Nein, zur Deutung geht kein Weg an der sexuellen Orientierung der Protagonisten vorbei. Genauso, wie das Sexualverhalten des Betrachters wichtig wird. Denn obwohl die Fotographien im Grunde genommen überhaupt keine lusterzeugende Ausstrahlung haben, beziehungsweise auch gar nicht erzeugen möchten – vielleicht mit der Ausnahme des Bildes Cover5 – so ist dennoch keines der Bilder ohne sexuellen Hintergrund zu verstehen. Für das Titelcover (Cover1/Lewis mit Stock auf Jones) könnte man sich vielleicht noch vorstellen, daß hier eine reine körperliche, verfehlt pädagogische Züchtigung irgendeines Vergehens vorgenommen wird. In der Kunst ist schließlich vieles inszenierbar, auch das seltsamste Verhalten. Ich denke dabei an Hieronymus Bosch, dessen Höllenphantasien und grinse für mich. Doch ist in Foto Cover1 dieser Blick von Tim Lewis direkt in die Kamera, der den Betrachter einlädt: Komm, mach mit. Was antworte ich, der Voyeur? Der Blick von Tim Lewis öffnet die Tür zur sexuellen Interpretation. Er stellt klar: Hier sind zwei Männer, hier ist homosexuelles Terrain. Hier wird der Bogen begonnen, der in Cover5 das Fleisch des Penis als Feier anbietet. Und so funktionieren die Bilder Cover2-4 auch nur dann, wenn der Betrachter integriert wird. Dann entsteht die Geschichte, die in diesen Bildern erzählt wird. Ohne den Betrachter sind gerade diese Fotographien schal und wertlos. Sie erscheinen im besten Fall als mittelmäßige Provokation, die vielleicht noch mit stumpfem Messer für die Freiheit der Kunst kämpfen will. Doch kann dies nicht der Fall sein, denn wiederum blickt Tim Lewis in Cover2 und 3 in die Kamera, sowie Chris Jones es in Cover4 tut. Es geht um Kontaktaufnahme. Und hier erinnere ich noch einmal an den Einstieg, als ich Julian Cope erwähnte, der nach Konfrontation mit diesen Bildern den Kontakt zu Tim Lewis alias Thighpaulsandra abbrach. Er sah die Bilder und diese sprachen: Hallo Julian, wie sieht es aus? Bist auch du der Meinung, daß wir Schwule ein solch perverses Pack, wie hier dargestellt, sind? Peter Christopherson, der Designer und Fotograph dieser Bilder, spielt nämlich genau mit diesem Ansatz im Subtext der Bilder. Es geht um das potentielle Bild homosexueller Männer in den Vorstellungen der anderen Menschen. Und dieses Bild wird hier gleichermassen beworben, als auch ad absurdum geführt, denn Tim Lewis erscheint einfach nicht wirklich in seiner Rolle als Dom aufzugehen. Er wirkt physisch gleichgültig, doch ist er in dieser Rolle anwesend mit dem Anflug eines motivierten Dozenten.

So schleicht sich dann noch ein weiterer Aspekt in die Deutungsebene. Schließlich trägt die CD, für die dieses Artwork geschaffen wurde, den Titel Double Vulgar II. Was mag denn doppelt vulgär sein? Die Homosexualität aus der Sicht der unbeteiligten Dritten habe ich schon angeführt. Dabei möchte ich grundsätzlich festhalten, daß es mit Sicherheit schwule Männer gibt, die dieser Art der Lust auf einer der beiden Seiten gerne frönen und ihre Befriedigung darin finden. Doch ist dies unter gleichgeschlechtlich liebenden Männern eine Nische, wie es auch in der gesamten menschlischen Sexualität jenseits des Mainstreams steht. Es zählt, aus meiner Sicht, aber der Grundsatz: Schön ist, was gefällt und einvernehmlich geschieht. Ein Teilaspekt des doppelten Schmutzes möchte ich in einer Frage formulieren: Lieber Julian Cope, welcher Hintern gefällt Ihnen besser: Chris Jones oder Nicky Minaj? Jones‘ Po wurde in dieser Untersuchung bereits als nackt zu sehen beschrieben, für die angegebene Dame gebe ich Ihnen die Suchwortkombination: „Nicky Minaj Anaconda“. Nein, es sollte von meiner Seite keine Verurteilung sein, daß Frau Minaj ihr Gesäß nicht besonders verhüllt, sondern eher prall zur Schau stellt unter der Zuhilfenahme eines Zentimeters Stoff. Doch ist die Frage durchaus berechtigt, warum hier eine kuriose Form von Diskriminierung in der Popkultur stattfindet? Warum darf Nicky Minaj? Warum darf Chris Jones nicht? Hätte er noch einen String getragen, wären die Bilder nicht wirklich anders geworden. Und überhaupt würden viele Menschen bestimmt auch gerne mal Kanye West zu 95% nackt sehen. Oder Orlando Bloom. Mats Hummels. Männer immer nur bekleidet, also Erotik statt Porno? Soso. Immerhin steht Michelangelos David für Hochkultur. Die vorangestellten Fragen bleiben dennoch für uns alle noch offen.

Was die Zwistigkeit zwischen den Herren Cope und Lewis anbelangt, ist mir während dieser Arbeit klar geworden, daß es sicherlich noch weitere Aspekte gibt, möglicherweise eher im privaten Raum, die hier zu den Verwerfungen führte. Vielleicht empfand Mister Cope die Selbstinszenierung von Tim Lewis als a) homosexuellem Dom und b) als Unruhestifter für den Rest der Welt als zu narzistisch und egozentrisch. Diese Möglichkeit wäre nicht ganz von der Hand zu weisen, braucht es doch einen wirklich starken Arm, um der Welt den Spiegel vorzuhalten.

Mir bleibt noch eine letzte Frage, die sich beim Betrachten des Double Vulgar II-Artwork einstellte: Wieviele unterdrückt homosexuelle Männer gab es eigentlich unter den Nationalsozialisten? Guido Knopp, übernehmen Sie bitte.

17. Mai 2015

Es ist heute der Tag, der am 17.05. geborenen. Nachdem der §175 dStGB seit 1994 aufgehoben ist, ist endlich die männliche Homosexualität straffrei. Hurra! Dies ist auch für nicht homosexuelle Männer ein Grund zur Freude, denn – ob mann sich auf schwule Kontakte einläßt oder nicht – das Tor zu diesem Teil eines kompletten Menschenbildes ist nicht mehr staatlich unter Strafe gestellt. Überhaupt bringe ich in diesem Zusammenhang die Frage an den Rest der Welt: Was geht den Staat die Sexualität von erwachsenen Menschen an? Natürlich unter dem Gesichtspunkt, daß der Zwang zu sexuellen Handlungen ein Verbrechen darstellt. Doch bei einvernehmlichem Sex muß der Staat außen vor bleiben. Doch dies war 122 Jahre in deutschem Rechtsgebiet nicht der Fall, und verwunderlich ist, daß während der ersten sozialdemokratischen Regierungsphase in der Bundesrepublik dieser höhnende Paragraph nicht schon gekippt wurde. Natürlich wird auch heute noch gerne mit einem verqueren moralischen Bild gegen jedwede Homosexualität angegangen, die in meinen Augen jedoch gerade charakterliche Mängel bei den feindlichen Predigern offenlegen, schließlich ist es nicht nur eine Frage von Offenheit und Toleranz, sondern gar einfacher Respekt gegenüber anderen Menschen, der dazu anhalten sollte, eine eventuell negative Meinung über Homosexualität einfach für sich zu behalten. Schließlich wird kein Mensch dazu gezwungen. Und wenn doch, handelt es sich um den Sachverhalt der Vergewaltigung, und dieser ist zum einen strafbar und unter Heterosexuellen leider häufiger anzutreffen (das „leider“ bezieht sich auf die Opfer einer Vergewaltigung).

Insofern ist es ebenfalls eine Pflicht für jeden aufgeklärten Staatsbürger sich global für die Rechte homosexueller Frauen und Männer einzusetzen, die oft unter massivsten Repressalien leiden müssen. Denn die Feinde der Freiheit gibt es überall. Und ob Frauen unterdrückt werden, Lesben und Schwule gejagt werden, Zugezogene angepöbelt werden, die Angst geht um in den Hirnen der Bemitleidenswerten. Das Fremde, oh, das Fremde! Es greift um sich und alles wird niedergerannt von dem Fremden, den fremden Sitten. Oh, Grundgütiger, wir werden alle zu homosexueller Unzucht angehalten mit den fremdesten der Fremden. Lasst uns schnell vor Kreuzen niedersinken, uns verschleiern oder für Gotteskrieger in idiotischste Kriege ziehen, nur um das Fremde Sein vor unseren Türen bekämpfen zu können, zu ignorieren, zu beschimpfen, niederzumetzeln. Die Angst! Die Angst! Vor dem Fremden…

Keine Entschuldigung von mir für diese Pöbelei. Ich bin glücklich, mich in dieser Welt schon immer fremd gefühlt zu haben. Danke, irrer Geist.

kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts

Liebe Welt,

einige kurze Worte, die auch anderweitig Verwendung finden werden.

eine kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts

Inmitten der Hügel an Kram fand ich ein Notizbuch, aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dieses war mit Fragen überfüllt. Fragen fanden sich darin. An jeder Ecke.

Zweifel, die sich in Fragen hüllten!

Fragen, die ihre Zweifel in sich hüteten!

und während ich die Fragen sichtete, blickte ich kurz auf und sah eine Frau, so ergreifend und klug, wie ein Gerhard-Richter-Gemälde. Die Fragen nahmen mich im nächsten Moment wieder gefangen, die Farben zerflossen. Den Blick wieder gebannt in das Notizbuch versenkt.

Inmitten der Trümmer fand ich eine Schatulle.

Inmitten der Trümmer fand ich ein Haarband.

Inmitten der Trümmer fand ich eine Holzfigur mit langer Nase.

Inmitten der Trümmer fand ich einen Spiegel.

Inmitten der Hügel an Kram fand ich ein Notizbuch.

Inmitten des Notizbuches fand ich Wörter. Die Wörter griffen sich an ihren Händen und verbanden sich zu zweifelgetränkten Fragen. Der Zweifel wies zu einer Denkerstube. Der Zweifel lugte an jeder Ecke aus Haufen an Kram hervor. Haufen an Buchstaben und Wörterhülsen, zerstreut über den Eichenfußboden. An den Wänden Gemälde von Erich Heckel, Egon Schiele.

Inmitten der Trümmer fand ich Ideologien.

Inmitten der Trümmer fand ich Ideen.

Inmitten der Trümmer fand ich Visionen.

Inmitten der Trümmer fand ich die Metaphysik.

Inmitten der Trümmer fand ich den Dandy.

Inmitten der Trümmer fand ich den Nihilisten.

Inmitten der Trümmer fand ich den Hochmütigen.

Inmitten der Trümmer fand ich den Gestiefelten.

Inmitten der Träume fand ich Trümmer.

Während ich sinnend, das Notizbuch in meiner Hand, ging, stieß ich auf einen Stacheldraht. Ich blickte zu Boden, es war ein Graben dort. Ich blickte nach oben, es war dort eine Schußanlage.

Kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Wen kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Weshalb kann ich jetzt für ein zukünftiges Paradies töten?

Kann ich Menschen in einem Lager sammeln, um sie morgen für ein zukünftiges Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition einsetzen, um Menschen dazu aufzufordern, andere jetzt für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit ausbauen, das ich Menschen dazu auffordere, andere jetzt für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit stärken, daß ich Menschen ausliefere, die ich zuvor dazu aufgefordert habe, andere für ein zukünftig versprochenes Paradies zu töten?

Kann ich meine Machtposition damit zementieren, daß ich Menschen ihre Sprache nehme, um sie in ihrer Unwissenheit zum Mord an anderen aufzuhetzen?

Während ich sinnend diese Fragen las, stand ich an einem Stacheldraht, vor mir der Graben, über mir die Schußanlage. Während ich sinnend die Fragen las, lagen hinter mir die Trümmer. Während ich sinnend die Fragen las, stürzte in meinem Rücken ein Gebäude ein. Während ich sinnend die Fragen las, stürzten Kinder, Frauen, Männer zu Tode. Waren neue Trümmer über die Träume gestürzt. Waren neue Trümmer über die Träume gestürzt. Inmitten eines Jahrhunderts stürzten neue Trümmer über tote Träumer. Inmitten eines Jahrhunderts stürzten schwere Trümmer über tote Träumer. Inmitten eines Jahrhunderts. Inmitten eines Lagers eingesammelt, mit schweren Träumen die Taschen gefüllt.

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse?

Kann ich Menschen unterstützen, die Andersdenkende töten, aber deren Ziele ich für gut heisse, Jean-Paul?

Inmitten eines Lagers hob ich den Kopf und sah in den blanken, blauen Himmel. Sah keine Engel, sah keinen Gott, sah nur Wolken. Sah keine Engel, sah keinen Gott, sah nur weisse Wolken.

Pegida – na und?

Liebe Welt,

genau diesen Titel trägt das heutige Textchen. Und es ist im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte so tituliert. Warum? Einfach lesen.

Pegida – na und?

In einem unbedeutenden Winkel einer vom Autor nicht beglaubigten Nebenhölle, sitzt Andreas Baader. Sein Höllennachbar, ein ehemaliger SS-Offizier, hat ihm von „Luschen, die sich Pegida nennen“ erzählt. „Nicht einmal eine vernünftige Abkürzung!“ Der Offizier verzieht die Mundwinkel. Und Baader nickt. Als er später wieder alleine ist, denkt er nach. Pegida Frigida! Baader stellt sich dazu eine schwedische Softporno-Darstellerin mit dominierendem Rollenverhalten vor. Er legt eine Platte auf, zündet eine Zigarette an, stellt sich die Standardfrage „Problem oder Lösung“ und beginnt, einen Gerhard-Richter-Druck mit dem Abbild seiner alten Flamme Gudrun in der Hand, zu masturbieren. Später schläft er ein.

Wäre dieses Szenario nicht erfunden, so könnte ich behaupten, Andreas Baader hätte das Wesen der Pegida erfaßt, als er einschlief. Um es anders zu sagen: Dieser Club wird überbewertet.

Ich weiß, das beide Seiten der Pegidischen Medaille aufschreien. Die einen werden sich sicherlich verkannt fühlen, in ihrem Bemühen islamistische Gefahrenmomente und andere Schimären zu bekämpfen. Die andere Seite droht mit allen verfügbaren Zeigefingern und warnt vor den dunklen Potentialen, die von diesem Pulk ausgehen kann.

Wovor fürchten sich die geknechteten Spaziergänger eigentlich? Da sind die bereits angesprochenen Islamisten. Menschen, die eine ausgedachte, verschärfte Koran-Version in ihren Händen, einen flammenden Islam über alle Mitbürger, bereits gläubig oder immer noch stur auf Anti gebürstet, bringen möchten. Haben Sie, liebe Leserin, den Fehler bemerkt? Der Islamist möchte nicht. Er macht. Der Islamist hat quasi immer was zu tun. Ich werfe dazu mal die Frage in den Raum: Das Pegida-Deutschland wird also gerade von diesen Schwerterschwingern heimgesucht? Lörrach soll schon gefallen sein! Oder wo mögen diese Bangheit in der Großpackung verteilenden Assassinen die Grenze überschreiten? Wo ist der Rubikon für Pegida Frigida?

Damit soll nicht gesagt werden, daß die neuzeitlichen Kalifen mit ihren bluttriefenden Idealvorstellungen eines männlichkeitsstrotzenden Gottesstaates nicht eine Gefahr darstellen! Jeder Vollidiot, der seinen Wahn auf andere Menschen übertragen möchte, ist eine Gefahr. Und wenn sich Vollidioten auch noch zusammenrotten und schlimmerweise Waffen benutzen, ist die Gefahr akut. Und was die Jungs und Mädels von „Iris, Isis, Penis“ (kleines Monty Python-Zitat, sorry) anbelangt, ist die Gefahr schon im roten Bereich. Eigentlich ein Fall für Bruce Willis oder andere Weltenretter. John Wayne. Die siebte Kavallerie. Wenn man diese Typen mal braucht, sind sie entweder tot, erfunden oder im Urlaub. Also eher Karl Martell 2.0. Zum Beispiel. Der Prototyp hatte mal in Südfrankreich sich den Eintritt in die neu zu errichtende Pegida-Ruhmeshalle erworben. Hier wäre dann noch zu klären, ob – auch wenn man wacker die üblen Islamkrieger schlägt – dieser Sieg auch qualifiziert, wenn er nicht auf deutschem Boden errungen wurde. Wie der schon genannte Bruce Willis in zahllosen Vorlesungen lehrte, schmeckt der Triumph am Besten, wenn er im aller-aller-allerletzten Moment und mit viel, viel Schmutz im Gesicht errungen wird. Und natürlich im schweißtriefenden Alleingang. Karl Martell soll hingegen eine Armee im Schlepptau gehabt haben. Stellen wir uns daher mal vor, es sei keine Armee, sondern bloße Schlachtenbummler gewesen, die ihren Hammer-Kalle (Das ist mal richtig feiste deutsch! Leider ist der Kerl Karl aber nur ein Franke gewesen. Nein, nicht die Leute, die immer Schäufele oder so essen, sondern die Franken genannten Germanen (Germans, ya know?!), die übel verirrt später Frankreich aus der Taufe heben sollten. Was vermutlich jeden eifrigen Nationalisten zu Stirnrunzeln bringt. Aber ach, die Nachwehen der Völkerwanderung, da hatten viele die Orientierung verloren) angefeuert haben. Wenn also schon die Schlacht in Frankreich disqualifizieren sollte, muß leider auch der tolle Prinz Eugen draussen bleiben. Auch er agierte im Ausland, gar im tiefsten Serbien, als er sich – ebenfalls von etlichen Schaulustigen begleitet – mit bewaffnetem Muselmanentum maß. Vielleicht können sich die Pegiden an einem der nächsten Montage mal über die Errichtung und die Einlasskriterien ihres eigenen Wallhalls unterhalten, und mal nebenbei etwas konkretes für die deutsche Bauwirtschaft tun. Ja! So muß das. Nicht immer nur nörgeln und nölen! Und dann noch drüber wundern, wenn man unbeliebt ist. Else Kling konnte auch kaum jemand leiden.

Was ist dann jedoch gegen die Kalifen zu tun? Bekämpfung vor Ort. So sehr ich auch ein Pazifist bin, gegen Gotteskrieger greife ich nicht zum Schwert wegen gleicher Waffen, sondern mindestens zur halbautomatischen Feuerwaffe. Wer in den selbst entfesselten Krieg zieht, und dabei einen Gott im Gepäck trägt, zählt zu den erwähnten hochgefährlichen Vollidioten. Wie schon Kreuzritter, Konquistadoren, Maoisten (Bibel? Ha!), Sarazenen. Wer dies tut, spielt willentlich mit dem Feuer, wie Paulinchen im Struwwelpeter. In meinen Augen ist Religion Privatsache. Und ich glaube höchstens an den Zweifel. Und im Zweifel ist kein Platz für die Gottesstreiterei. Daneben ist mir jedoch auch gleich, ob das Stadtbild von Köln irgendwann von einer Moschee bestimmt wird, oder weiterhin vom Dom. Oder einem Eichenhain. Das nenne ich dann auch nicht persönliche Weltoffenheit, sondern persönliche Ignoranz des Glaubens der Anderen. Und ich empfinde es durchaus als wichtig, Mitmenschen auch hin und wieder aktiv in Ruhe zu lassen. Die Worte „hin und wieder“ sind im letzten Satz betont. Es muß für Menschen im 21. Jahrhundert wieder möglich werden, einander in die Augen zu blicken, ohne allumfassende Wertungen vorzunehmen, die auf jedem jemals geäußerten Buchstaben in den sozialen Medien fußt. Die Forderung nach der Möglichkeit des Vergessens im Internet wird von mir begrüßt. Und so sollte jeder Pegidist auch wieder aufgenommen werden, wenn er erkennt, daß er falschen Forderungen, Hoffnungen nachgeeilt ist.

Was ist falsch daran, Pegida zu folgen? Vergessen Sie, liebe Leserin, bitte die Pamphlete der weltoffenen, nicht rassistischen, nicht phobiegeplagten Menschen. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Bürger im heutigen Mexico. Man schriebe das Jahr 1520 unserer Zeitrechnung. Ihre Nationalität sei aztekisch. Sie marschieren innerhalb eines Pulks an Mitbürgern und protestieren gegen die kriegerischen Ambitionen von fremden Volk, das sich mit allerlei Schiffen aus dem fernen Osten zu Ihnen begeben hat und das scheinbar wenig Willens ist, mit leeren, nicht bluttriefenden Händen sich wieder hinfort zu heben. Liebe Leserin, mit Ihrem heutigen Wissensstand ist Ihnen klar, daß ich Sie in diesem Beispiel auf die Verliererseite der spanischen Eroberung Mesoamerikas stelle. Sie und ich wissen, daß kein Azteke je zu einem Plakat griff, um gegen die spanischen Eroberungspläne zu protestieren. Das hätte im Nachhinein ähnlich blümchenhaft gewirkt, wie ein Protestzug irgendwo in Polen im August 1939, der das Bild vom bösen, imperialistischen, kriegslüsternen Deutschen malt. Und niemand könnte heute sagen, eine Warnung vor diesen so beschriebenen Deutschen hätte keine Realität besessen. Haben die Pegidisten eine ähnliche Rechtfertigung anzubieten? Nein. Sie sehen zwar Gefahrenpotentiale, doch sind diese noch lange nicht am schon erwähnten Rubikon angelangt. Es gibt die Möglichkeit innerhalb aktueller deutscher Grenzen einem Akt des Terrors von islamistischer Seite

zum Opfer zu fallen. Ebenfalls gibt es die Möglichkeit innerhalb aktueller deutscher Grenzen einem Akt des Terrors von rechtsradikaler, nationalistischer Seite zum Opfer zu fallen. Beides kann deutschen Staatsangehörigen geschehen. Und wichtig ist, daß die Gefahrenpotentiale von rechtsradikaler Seite höher anzusetzen sind. Verwirrung könnte jedoch stiften, wenn sich rechtsradikale Täter auch noch als Christen outen! Das macht aus einem sogenannten Hassverbrechen, eine Tat mit religiösem Hintergrund. Der Ku-Klux-Clan arbeitet schon seit längerem an Studien zu dieser Umdeutung der verbrecherischen Motivation. Passend zum geistigen Niveau schuf der Clan jedoch nur eine Karnevalskostümierung, die weder kleidsam ist, noch in ihrer der Burka abgekupferten Vollkaschierung besonders christlich oder couragiert daherkommt. Doch eines verbirgt dieser Mummenschanz sehr gut und gültig: Die Angst, die sich unter der Maske verbirgt. Wer Plakate für Pegida trägt oder eine Zwei-Löcher-Augen-Kapuze zum Grillfest trägt, hat ein Angstproblem.

Wovor fürchten sich diese Leute? Vor dem Islam. Nein, nicht wirklich. Sie fürchten sich vor einer Änderung des Status Quo. Sie fürchten sich vor Änderungen, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Protestler fürchtet, daß sein großer oder auch gerne kleiner Wohlstand plötzlich gefährdet wird. Er fürchtet sich, daß seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen gefährdet werden. Dahinter sieht er die Fremden am Werk. Hand in Hand mit einer fremdenfreundlichen Politik, flankiert von liberaler Lügenpresse. Dem ist jedoch nicht so. Es mag sein, daß Teile dieser Erklärung hin und wieder greifen können, doch im Großen und Ganzen ist es Humbug. Die Problematik liegt an anderer Stelle:

Wer wird uns – nicht nur in Deutschland, sondern quer über die sogenannte westliche Welt – retten, wenn wir weiterhin aktiv sämtliche mittelständischen Strukturen zerstören? Ich fürchte mich nicht vor einer Islamisierung, als vielmehr vor einer Amazonisierung. Frei nach dem alten Greenpeace-Spruch über den letzten gefällten Baum, sage ich: Wenn das letzte unabhängige Einzelhandelsgeschäft schließt, werden wir feststellen, daß alle Städte der Welt endlich gleich aussehen. Welch eine verlockende Vision! (Achtung: Sarkasmus) Wir werden nie wieder reisen müssen! Wir werden nie wieder Mißverständnisse mit fremden Menschen haben, denn wir alle haben den gleichen Hintergrund. Wir werden endlich die Möglichkeit haben, als Mitarbeiter eines der letzten fünf globalen Konzerne zu gleichen Hungerlöhnen zu arbeiten, wie jeder andere Menschen überall auf diesem Planeten. Hier hilft kein Protestmarsch oder Spaziergang. Hier hilft nur die Einsicht, daß jedes Produkt auf dieser Welt seinen Preis hat. Gilt sowohl für Elektroartikel, Kleidung, Hühnerei. Jedes Produkt hat seinen Preis. Die wichtige Erkenntnis ist die: Wer zahlt den Preis? Wenn wir, die Konsumenten weiterhin darauf beharren, mit der Hilfe überregional agierender Konzerne (nennen wir hier ruhig einmal Aldi als einen Vorreiter dieser Entwicklung), den Produzenten diesen Preis zahlen zu lassen, müssen wir uns über die Rechnungen, die von dieser Seite nicht mehr beglichen werden können, nicht wundern. Worin bestehen diese Rechnungen? Produktionsverlagerungen, Dumpinglöhne und Einfuhr billigster Arbeitskräfte, Kampf gegen ökologische Mindeststandards. Sicherlich habe ich noch manches Schlupfloch übersehen oder vergessen. Dennoch möchte ich anmerken, daß nicht jeder multinational agierende Warenproduzent von Grund auf verdorben ist und nur alleine auf Profitsteigerung aus ist. Der sogenannte Druck des Marktes entsteht nicht nur durch die produzierenden Marktteilnehmer, sondern wird auch durch den Abnehmer und Konsumenten erzeugt.

Eine Bekleidungsfabrik in Bangladesh, in der Näherinnen zu höchster Produktivität geprügelt werden, dabei diese nur Hungerlöhne erhalten, ist kein Entwicklungsprojekt. Es ist blanker Hohn! Hier ist klar, wer den Preis für unsere günstige Kleidung zahlt. Ein faires Projekt säe so aus, daß in einer solchen Fabrik Kleidung für den Markt in Bangladesh produziert wird, die Näherinnen einen für das Land gerechtfertigten Lohn erhalten, Arbeitszeitregelungen, sowie Regelungen rund um die Herstellung von Waren den Errungenschaften unserer Gesellschaft angepaßt würden. Wenn ein solches Unternehmen dann eine Ware herstellt, die global nachgefragt würde, wäre dies positiv zu sehen, jedoch müßte ein korrekter Preis dafür bezahlt werden. Sind wir dazu willens? Sind wir auch bereit dazu, die Art und Weise, wie Globalisierung bisher definiert wird, weiter zu tragen? Wäre es nicht wünschenswert, an Stelle einer aus dem fernen Osten importierten Bluse, an der vielfarbiges Blut klebt, diese nicht bei der lokalen Näherei zu kaufen? Global denken und lokal handeln! So heißt es seit Jahrzehnten. Doch dazu ist eigenes Handeln nötig und es läßt sich dazu schlecht über die Politik schimpfen.

Globalisierung sollte nicht heißen, daß ich als Konsument meine Wünsche von überall zu günstigstem Preis erfülle, sondern jedem Menschen offen begegnen kann. Wenn ich jedoch als Ausbeuter auftrete, muß ich mich nicht über Hass wundern, der mir entgegenschlägt. Wenn ich als Ausbeuter auftrete, werden die Ausgebeuteten irgendwann vor meiner Türe stehen, um sich das Raubgut zurückzuholen.

Pegida ist abzulehnen, doch eine Änderung unserer Kultur ist dringend von Nöten. Anpacken!

P.S. 1: Warum starte ich mit Andreas Baader? Er wäre als Opportunist, Nachplapperer, Egozentriker eine tolle Führungsfigur dieser Bewegung. Ich hoffe nur, daß die Pegidisten klug genug sind, nicht den Weg des bewaffneten Kampfes aufzunehmen und damit Baader wenigstens in dieser Hinsicht zu überragen.

P.S. 2: Am 07.01.2015, als ich mir erste Gedanken über diesen Text machte, mußten in Paris zwölf Menschen sterben. Ein widerliches Verbrechen, ein barbarischer Akt des Terrors. Ich wünsche den Tätern die Justiz, wie sie vor dem Attentat Bestand hatte, an den Hals. Nicht einen Gott, nicht einen Lynchmob oder eine tödliche Geschlechtskrankheit. Nein, die Justiz. Das ist die Stärke unserer demokratischen Gemeinwesen.

Besuch beim Preussenkönig F.W. 3

Liebe Welt,

einst in tiefem Traume Numero Zwo: da sah ich diese Geschichte und was dazu geschah. Ich schrieb sie auf, änderte wenig bis nichts, denn das Drehbuch war so fein schon vorbereitet.

the black angel’s death song

Mein Name ist Gideon Hunziger. Ich zähle noch keine dreiunddreißig Jahre, lebte in Prillwitz, bis zu dem Tage als mich die Beiden ansprachen. Dort habe ich als Küster unserer Kirche gedient; auch als Totengräber, denn ich habe kein Handwerk gelernt. Im Süden war meine Heimat, bin in Roßla geboren und gut einige Jahre dort immer gern nach dem Kyffhäuser gewandert um den großen Kaiser zu sehen, wenn er kommt. Dann aber bin ich dem Korsen Auge in Auge gegenübergestanden! Damals, bei Leipzig, da hätte ich ihn tödlich streifen können! Doch hat mir ein Franzmann das Knie zerschmettert, und ich armer Knirps bin so grade mit meinem Leben davongekommen. Oh, wie ist das dann übel mir gegangen, denn mein Vater ist nicht aus der Schlacht heimgekehrt und meine Mutter war schon immer siech! Der Oheim Karl hat mich, kaum das ich dann fünfzehn Jahre zählte, mit einem Empfehlungsschreiben hier herunter zum alten Boll geschickt. Drei Monate war ich unterwegs, habe mich auch mal irreleiten lassen, und stieß nach einigen Tagen auf die Oder, so nannte ein Fuhrwerker mir den Fluß, der mich dann in den Norden mitnahm, bis ich wieder Fahrt auf Neubrandenburg fand. Der alte Boll hat mich nach Prillwitz verwiesen und so hab ich dann dort erst eine lange, harte Schulbank gedrückt. Ja, zwei Jahre hat mich der Alte mit den Knirpsen auf die Bank gezwungen, jeden Vormittag, damit mir der Schädel brummen sollte. Dann lag der Alte plötzlich selber in der engen Kiste, noch gar nicht einmal sehr alt. So nahmen mich die Bolls dann nach Neubrandenburg in ihr Hause auf, wo ich mir gerne die Zeit mit Franzel vertrieb oder auf den kleinen Ernst Obacht geben mußte. Einmal dann, nach Jahren ist der König in die Stadt gekommen, und ich bin mit Franzel und Ernst dorthin gegangen, ihn zu sehen. Naja, ich denke immer nur an den Korsen, der mir so nah war, ich hätte ihn wirklich beinahe gehabt, auch wenn ich dann dem Schlag von dem Anderen wohl nicht mehr hätte so ausweichen können.

Der Franz ließ mir eine Nachricht aus Halle kommen, worauf ich nach Greifswald hinging, damit ich dort eine Sendung für ihn übernähme, auf die er schon Monate wartete. Die Sammlung seines Vaters an Altertümern mochte er damit erweitern. Dort angekommen, sprachen mich die Zwei an. Ich kann nicht sagen, mit welchem Bedürfnis sie sich an mich wendeten, doch kam ich ihnen nicht aus dem Wege. Selbst auf der Heimreise stellten sie mir nach, ohne je gesagt zu haben, was ihr Begehr denn sei. Die kleine Truhe, die ich immer fest an mich preßte, bedachten sie mit keinem Blicke.

Endlich kam Prillwitz in Sicht. Ich saß noch auf dem Fuhrwerke, daß mich seit Stargard mitgenommen hatte. Dort hatte ich mich in trüber Abendstimmung aus der Beobachtung der Zwei herausgeschlichen. Franz empfing mich dort in meiner kleinen, alten Heimat, freute sich, wie ich es selten bei ihm gesehen hatte, über diese kleinen Utensilien, die er aus der Holzkiste herauszog. Eines war ein Kamm, ich erinnre‘ mich genau, den er strahlend vor seine Augen hielt: „Mindestens viele hundert Jahr‘ schon alt!“ Es war ein so schönes Bild. „Endlich in der Heimat wieder!“, rief er. Zwei Tage hernach, Franzel war wieder über Neubrandenburg gen Halle zum Studium, hatte ich mein nicht sehr üppig Tagwerk erledigt und wanderte am Tollensesee entlang, bis ich mich in den Osten verlor und plötzlich vor Stargards Toren stand. Kaum, daß ich einige Momente verloren durch die Strassen herumirrte, standen die Zwei vor einer Schenke, wiesen auf mich, riefen mir zu und ich konnte nicht mehr umhin, ihnen in das Innere des Krummen Dolches zu folgen. Dort saß ich schnell zwischen Ihnen und endlich ließen sie mich ihre Namen wissen. Der größere und fraglos ältere der Zwei hieß András Tokody. Er nannte sich einen ungarischen Edlen, den die verhaßten Habsburger von Grund und Boden vertrieben hatten, da er keine Gefolgschaft leisten wollte. Tiefer Schrecken durchfuhr mich, als er ihnen mit geballter Faust grollend drohte. In den folgenden Tagen hörte ich noch oft den Fluch auf den elenden Franz, den Totengräber! Der Andere war kleiner, aber dennoch von größerer Kraft, wie mir vom ersten Momente an schien, und so fürchtete ich mich vor diesem wesentlich mehr, zumal er einen groben Stoff nur nutzte, um seinen schmalen Körper zu bedecken. Seinen Namen ließ meine Zunge kaum ohne Fehl aussprechen. Er nannte sich Zsolt Sztáray. Er stammte aus einer Händlerfamilie, die in Buda wohl mehr als tausende Ellen Lager besaß, die unzählige Boten, Reisende und Rechner beschäftigte und die ihm nicht zu helfen vermochte in seinem Elend, wie ich von ihm auch später erfuhr. Siebzehn Jahre sei es nun her, seit er die Heimat verlassen habe, um der Welt gegen den Korsen beizustehen.

Den großen Kampf bei Leipzig hatte er in einem Regiment der Preußischen Armee bestanden, dem er folgte, bis zum Tage von Waterloo, als ihm der General Blücher selbst Dank sagte. Der Kampf nun gewonnen, hielt Sztáray die Hand auf, um den Lohn eines Jahres harten Dienstes für die freien Völker zu erhalten. Doch man trieb ihn mit Knüppeln davon. Es solle ihn doch sein eigen Volk auszahlen, oder die elenden Wiener, die im faulen Prunke ertranken.

So habe er sich umhergetrieben. Sieben Jahre lang habe er in allerlei Unternehmungen verdingt, bis endlich in Koblenz er dem Landsmann, dem verlorenen Tokody, begegnete. Man erkannte schnell des anderen Geist und geschwind war man nach ersten Streichen der Stadt verwiesen. Auf dem Weg nach Osten schworen sie dieser kleingeistigen Welt die höchste Rache, doch wollten sich die beiden Schadenslüsternen zunächst nicht auf einen generalen Gedanken einigen. Auch wollte immer der tägliche Hunger gestillt werden. So verwandt man eine üble Zeit, durch die Lande zu ziehen, ohne das der nächste Tag je wußte, welche Gestalt er denn tragen würde. Auch wurden die Pläne, die man schmiedete immer zerfahrener, wußte man heute nicht ob der Feind ein Habsburger, ein Preusse, Russe oder gar ein Landsmann sei. Zuoft träumte man wirr vor sich her, ertranken Tokody und Sztáray ihren Schmerz während trübem Abendglanz im Branntwein und versuchten sich nach Morgengrauen darin, Geld für den nächsten Umtrunk auf allerlei dunkle Art zu erwerben.

Eines Nachts jedoch wurde Tokody von seinem jüngeren Freunde wütend aus dem Schlaf gerissen, darauf dieser ihm berichtete im Traume von Gesichtern bedrängt worden zu sein, und er, Sztáray, nun wisse, wohin es sie ziehe! Es ginge um das Leben Friedrich Wilhelms, des Preussenkönigs! Sie beide müßten dieses beenden. Es müsse nun geschieden werden, und alles, was sie noch bräuchten seien die tötlichen Worte und einen, der sie spräche. Dieses Geschehen vollzog sich in einer schlimmen Märznacht in Berlin und die Magyaren fühlten den Frevel mit solcher Stärke in ihrer Brust brennen, daß sie diese Stadt noch vor der Mittagszeit verließen und nicht mehr von der Strecke in den Norden abwichen. Hier trafen sie bald auf die Tore der altehrwürdigen Stadt Greifswald, und dort sahen sie mich und erkannten meinen Platz in ihrem Plangespinst. Wie ich schon berichtete, konnte ich dem bösen Ansinnen der Beiden noch bis zu meiner Rückkehr nach Stargard entgehen. Dort wurde ich ein Teil des Netzes, das den guten König einnehmen und zu Tode bringen sollte. Aus der Schenke nahmen sie mich auf die Straße, einen kurzen Stich in eine geringe Talsenke hinab, dort östlich von der Stargarder Burg. Im dichten Busch hatten sie sich einen Unterstand aus Gestrauch, Stein und Baum geschaffen; Sztáray lief auch immer flink den Stamm hinauf zum Ausguck. Ich saß auf lichten Grasbücheln, ich bekam nun Angst. Der gealterte Tokody, der graue Stich im Gesicht, die Augen, die sich in ihre Höhlen zurückgezogen hatten und dagegen dieser feurige Sztáray. Solche Unterschiede mochten sich nicht in meinem Geiste treffen und vereinigt Werke starten und zu Ende bringen. „Was denkst Du über den König?“, rief Sztáray aus dem Baume herab. Ich stierte in das Grün über meinem Schädel und mochte nicht sehr gescheit geschaut haben, es entgegte mir ein schallend Lachen, in das auch der müde Tokody nach einigem Schnaufen einfiel. Nie hatte ich mir darüber einen Gedanken gemacht, und so sprach ich es auch aus. „Aha! Dann kannst Du unser Mann sein, Gideon! Das haben wir uns genauso ausgemalt, als wir Dich zum ersten Male sahen.“ Immer noch kam keine Erleuchtung, als Tokody mir müde eine Schrift zusteckte. Ich besah mir die gestochen zu Papier gebrachten Zeichen und versuchte die Worte im Geist zu formen. Die Stirn in kraus gelegt, hatte ich die ersten zwei Zeilen entziffert, da sprang der fesche Sztáray aus dem Baum herab, riß mir das Blatt aus der Hand. „Na, das Augenrollen mußt Du noch sehr gut lernen, nicht wahr, András?“ Tokody nickte: „Er muß noch viel, viel lernen!“ „Was wollt ihr mit dem König?“, warf ich in die Runde. Sztáray hatte, das Blatt in der Hand, in einem Strauch gewühlt und dort eine braune Flasche gefunden und schnell entkorkt. Mit einem stechenden Blick hielt er sie mir entgegen, worauf ich sie griff und trank. „Wir wollen nichts mit Deinem König, Gideon.“ Sztáray hatte sich zu mir herabgesenkt, sprach raunend, beschwörend: „Alleine sein Leben wollen wir ihm abspenstig machen.“ Noch einen Schluck mußte ich trinken. Die Dämmerung setzte ein und so schwand des Lichtes Stärke von oberhalb der Burg. Der alte Tokody hatte sich mit einiger Mühe erhoben, legte mir die Hand auf die Schulter: „Wirst Du uns dabei helfen? Du brauchst kein Schwert gegen Deinen König zu erheben. Alleine begleiten mußt Du uns auf Hohenzieritz, dort wirst Du diesen Text vortragen,“ er hielt das Blatt wieder in die Höhe, das er Sztáray aus der Hand genommen hatte, „und alles weitere wird von unserer Hand geschehen.“ „Wieso?“ Sztáray wandte sich ab, um leise grollend den Baum zu besteigen. Tokody ließ sich nun neben mir nieder. „Was er hat er Euch getan, daß Ihr sein Leben nehmen wollt?“ „Was hat er für Dich getan, Gideon?“ Darauf wußte ich nichts zu sagen, doch nach einigem Sinnen sprach ich in Franzel’s Art: „Er wacht doch über uns.“ „Oh, ja“, rief András Tokody mit Wucht aus, „dieser König wacht über uns und er wacht gut. Nein, ich will Dich nicht mit einer hintergründigen Ironie in die Irre leiten, die Du nicht verstehen wirst, junger Mann. Verstehe, wir beide, Du und ich zählen für diesen Mann nichts. Wir sind gerade gut genug, als Untertanen zu gelten, mehr nicht. Hast Du in Deinem jungen Leben bereits in einer Schlacht gestanden?“ Die Erinnerung an mein Heldentum in der alten Heimat sprang mir in den Rücken: „Ja, ich hab dem Korsen bei Leipzig gegenübergestanden. Beinahe hätte ich ihm einen üblen Hieb gegeben.“ Zunächst strahlend und wie aus einem Füllhorn sprudelnd, erstarb dann meine Stimme und meine Schultern sanken zusammen. „Gut, Gideon. Gegen diesen Tyrann haben wir alle vereint gestanden. Ja, der Franzmann hat das ganze Abendland geeint in stummer Wut, die sich dort in Leipzig und in Belgien in einen furiosen Sturm der Befreiung gebündelt hat. Wir haben ihn jeder für sich, dennoch gemeinsam in die Hölle geschleudert. Ja, auch Zsolt war in Leipzig. Er ist mit einem preussischen Regiment bis nach Waterloo gezogen, um den Despoten zu stürzen. Er führt den Säbel sicher und gut, weißt Du? Davon versteht er etwas, das ist sein bestes Handwerk, und ich will nicht wissen, wieviele Franzmänner er aufgespießt hat. Das wäre ein feiner Turm, wenn wir sie alle hier in den Himmel türmen könnten. Ja, das wäre die einzige Chance für diese feigen Spitzel in die Nähe von unserem Herrgott zu kommen!“ Tokodys schon vergessener Haß auf den alten Gegner schüttelte ihn nun von Neuem. Ich reichte ihm die Flasche, aus der er einen tiefen Schluck nahm. Die Sterne in jener Nacht glühten rot vor Zorn. Der Trunk nahm mich derweil in wärmende Arme und bald lag ich schlafend im Gras. Fühlte mich sicher und angenommen, bereit. Träumte von meiner Begegnung mit dem König, den ich bisher gerade für einen kurzen Moment je gesehen hatte. Würde ich diese Prüfung bestehen können?

Als der neue Morgen uns drei merkwürdige Gestalten weckte, da speisten die beiden Ungarn mich mit hartem Brot und am vergangenen Tage entwendeten Würsten. Sztárays Appetit war ungeheuerlich, seine Energie von ähnlichem Feuer und so war er es, der den alten Tokody und mich Unsicheren auf den Weg trieb. Die Beiden hatten Kunde erfahren, daß der König sich in diesen Tagen in Großherzog Georgs Schloß zu Hohenzieritz aufhielt, und diese Gunst wollten sie nicht tatenlos verstreichen sehen. Auf dem zunächst beschwerlichen Weg hin zum Tollensesee ließen die Zwei mich noch meist geschützt vor ihren Beschwörungen, die erst wieder einsetzten, als wir das Nemerower Holz erreichten, da wir dort auch eine erste Rast begannen. Tokody griff erneut zu jenem Papier, das er in seinem Beutel aufbewahrte. „Gideon, erinnerst Du Dich an meine Frage, was Du über Deinen König denkst, und was wir Dir über unsere Pläne verrieten?“ Ich nickte, während Tokody zweifelnd meine krause Stirn betrachtete. Er griff meine Hand: „Dein König ist kein guter Mann, dessen kannst Du sicher sein. Wir beide wissen auch, daß es nicht rechtens ist, das Leben eines jedweden Menschen zu beenden. Wir wollen keine Mörder sein, sei dessen ebenfalls gewiß, Gideon!“ Immer noch traf mich der harte, prüfende Blick des alten Ungarn. „Aber wir alle standen bereits in unserem Leben in einem Krieg und wissen, daß nur Taten zählen. Die Herren, für die wir den Korsen in die Hölle gefegt haben, sie haben sich gegen uns gewendet. Sie packen uns am Genick und schütteln alle Freiheiten von uns ab. Wir aber irren durch unser Leben und finden keinen Wert mehr in unseren Taten wider. Unser Schicksal ist allein das Holz für die Öfen, das Wasser für die Mühlen zu sein, die für das Wohlergehen weniger und unsäglicher Tyrannen zu sorgen. Dein Herr, dieser Friedrich Wilhelm, ist ein gottloses Beispiel für die unsägliche Torheit des Schicksals, das ihn an diese Position hingeschleudert hat. Er ist ein lebendes Beispiel für den Hass des Herrn auf seine Schöpfung. Ein Verfechter der Versklavung des Volkes, das nicht seinen eigenen Sinn, ein lebendiges Leben, ein vernünftiges Trachten verfolgen darf,“ Tokody spürte, daß ich ihm nicht mehr folgen konnte, „wir leben nur noch in Ketten und dämmern hin zum Tode.“ Der feste Druck, mit dem er meine Hand hielt, lockerte sich. Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Umarme mich, Gideon.“ Ich wußte kaum noch, wie mir geschah, doch schlossen seine Arme sich um mich. Wilder hat mein Herz nicht mehr geschlagen, seit ich dem Korsen in die Augen sah. „Wir Menschen müssen in Liebe miteinander leben,“ flüsterte er mir zu. Drohend setzte er nach: „Die Herren selbst, sie sind keine Menschen mehr.“ Das Feuer wurde gelöscht, das Wasserkesselchen eingepackt, der Weg fortgesetzt. Sztáray lief voraus, wachsamer als ein Rudel Füchse. Tokody nahm sich nun meiner Belehrung an: „Der König hält sich also zur Zeit auf Hohenzieritz auf. Es soll ein Ort der Muße für ihn sein, damit er der kleingeistigen Berliner Bürokratie entfliehen kann, die ihn so sehr fordert. Dabei vergessen wir nicht, daß er selbst der größte Tor ist. Nicht einmal lesen soll er können.“ Angewidert spuckte er aus, bevor er fortfuhr: „Der Großherzog Georg hat seit einigen Jahren ein großes Herz für die Poesie, und damit hat er seinen Schwager nach einiger Diskutiererei infiziert. Der König besitzt zwar kein reales Verständnis für diese Wortkunst, doch liebt er es, wenn die Verehrung seiner untertänigen Poeten sich darin zeigt, das sie ihm alleine ihre Werke auf Hohenzieritz vorzutragen pflegen. Er läßt sich hinter eine spanische Wand nieder und schläft, während davor die Dichter ihre Lobeshymnen vortragen. Und ebendies werden wir tun, Gideon. Du bist der Dichter und wirst unsere Poesie vortragen. Wir werden uns derweil als deine Diener ausgeben, die während des Vortrages im Hintergrund verweilen. Im rechten Momente begeben Zsolt und ich uns hinter den königlichen Schutzschild um Friedrich Wilhelm einen Besuch abzustatten. Du aber darfst in Deinem Vortrage nie inne halten.“ Tokodys Stimme besaß einen drohenden Unterton, durch den sich eine dunkle Wolke des Verhängnisses bildete, unter deren Schutz wir unseren Weg fortsetzten. Ich begann mich zu fürchten, während wir unseren Weg fortsetzten. Ein Mensch würde sterben, wenn uns niemand stellen würde. Meine Zweifel standen mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn Sztáray stieß Tokody an und raunte ihm mir unverständliche Worte ins Ohr. Sztárays stechende Augen ruhten nun unvermindert auf mir; selbst als in der folgenden Nacht ich endlich entschlief, tauchte er in meinem Traume auf, hier jedoch bewegungslos im hintergründigen Dunkel verharrend. Ein Wasserschwall weckte mich, es war noch dunkel. Wir waren nahe Wustrow und die Ungarn hatten vor, noch an diesem Tage ihre Tat gegen den König zu begehen. Tokody kroch mir ins Genick und hämmerte mir in den folgenden Stunden meine Worte auf das genaueste in den Schädel. Kein Stottern, kein Schleifen war gestattet. Am späten Vormittage erreichten wir den Anblick Hohenzieritz‘, und in meinem Innern nur ein Kreiseln, eine unerträgliche Angst, eine tiefe Übelkeit. Neue Kleider wurden mir gereicht.

Wie in einem schweren Traum zogen die nächsten Stunden vorüber. Wir erreichten das Schloß. Die Worte, die mir die Ungarn eingeschärft hatten, verließen fehlerfrei meinen Mund und die Dienerschaft des Großherzogs führte mich in einen Empfangsraum und bedeuteten mir zu warten. Meine Begleiter wies man vor die Türe. Ich verwahrte mich dagegen, forderte, daß sie an meiner Seite warteten und mir auch vor den König folgen sollten. Ein angedeutetes Kopfschütteln von Seiten des Pagen, bald unmerkliche Annerkennung in Tokodys Augen. Wir wurden nach einer ersten Wartezeit von Großherzog Georg empfangen, der nach Referenzen meines Werkes suchte, die ich, nach Auskunft der Ungarn gab, doch er schien nicht zufriedengestellt. Aber er wollte die Angelegenheit nicht vertiefen und überließ uns einer weiteren Zeit des Harrens. Mir schien, als sei die Dämmerung bereits angebrochen, da erschien der Page und es ward der Moment gekommen, auf den mich Sztáray und Tokody so fein vorbereitet hatten. Die Zeilen zogen unentwegt durch meinen Geist, das Reale schien mich kaum mehr zu berühren. Wie eine Marionette bewegte ich mich in das Kaminzimmer, sah die spanische Wand. Der Schatten, der sich darauf abbildete, flackerte mit der Bewegung der Flammen. Der Page betrachtete meine Begleiter, wandte sich dann um und schloß die Türe. Ich hörte die Stimme des Königs, der meinen Namen erfrug. Ohne Zögern gab ich Antwort, zählte auch die Stationen meines poetischen Weges auf. Ein beruhigtes Grunzen erscholl von jenseits des Schirms. „So trage denn Dein Werk mir vor.“
Ein leichtes Zittern überfiel mich. Ein Blick nach Tokody. Ich begann meinen Vortrag:
„So führen denn die Wege mich
aus einer üblen Finsternis hervor,
vor diesen Toren halte ich –
besinne und treibe meinen Geist empor
hinauf noch nie geahnte Höhen zu erklimmen,
die den Herren böse Träume werden.

So sehen Dich denn aus vier Augen
Deine Ängste blitzend an
allein Dir fehlt der wahre Glauben,
das Dir dieses widerfahren kann
so schnell, vom Blute rot die Ohren Dir erglimmen
sollen fallen sie, wie die Träume eines Kind.“
Meine Stimme erhob sich, wie ein Flehen gegen das Schicksal, dessen Hand ich führte. Die Ungarn hatten sich am Rande des Zimmers in die Höhe der spanischen Wand geschlichen und bewegten sich nun auf den König hin, der weder meinen Worten, noch den Gestalten, die nach ihm trachteten, Aufmerksamkeit zu schenken schien.
„So ist gelähmt und stumm Dein Sinn
feste im Griffe des großen Schrecken
hält der die kalte Klinge an deinen Halse hin,
so ist’s zu spät zu rufen nach der Hilfe Deiner fahlen Recken“
ich flüsterte die nächsten Worte, die mir nur schleichend aus dem Munde flohen.
„muß der König leiden“
ich sah erhobene Hand eines Gefährten, die über dem massigen Körper des Königs drohte und die nächste Zeile stand mir in den Augen geschrieben:
„muß der König sterben
und ist’s getan, dann ist’s zu spät“
doch blieb mir der Atem, floh mir der Mut, versagte die Stimme, die Hand blieb erhoben… mir fleuchten die Sinne.

That’s it, Folks!
Wer nach einem solchen Traumbilde, unverwirrt sein Tagwerk beginnt, muß einen großen Anteil mechanischer Apparaturen anstelle seines Herzen mit sich umhertragen. Ein solcher darf nie Tränen vergießen, da er zu rosten droht.
Wehe dem, ihr Herr Hansen!