Bigmouth shuts it up!

Das ist ein persönlicher Text. Eine Abrechnung mit einem Menschen, den ich einstmals angehimmelt habe. Jetzt aber ist es aus. Und das ging so (take your time, it’s a long way):

Im Sommer 1992 war ich auf einem kleinen Flohmarkt unterwegs. Einer der Stände hatte ein paar LPs auf dem Boden liegen. Darunter eine jugoslawische Pressung der Smiths-LP „The Queen Is Dead“. Das Cover von Feuchtigkeit schon halb zerschlissen, die Platte mit übermässigen Hairlines gesegnet, aber nur 3 Mark. Gekauft.

Und verkauft war meine Seele, denn die verlor ich darauf an eine Band, die schon vier Jahre nicht mehr existierte und von der damals schon klar war, daß sie nie wiederkehren würde. Zu sehr hatten sich die Mitglieder untereinander zerstritten. Also hielt ich mich an das einzige Mitglied, das zu dem Zeitpunkt valide, neue Musik machte: Morrissey, den Sänger, Texter, Planer der Optik.

Doch noch einen Blick zurück auf den Flohmarkt-Kauf. „The Queen Is Dead“ ist vielleicht die bemerkenswerteste LP, die in den 1980er veröffentlicht wurde (und wer sucht, findet in der Musik jenes Jahrzehnts viele rasend gute Platten), doch sie war auch ein erstes Warnsignal.

Auf der Habenseite stand die Musik einer Band, die inzwischen zu einer schlagkräftigen Einheit gewachsen war, was sich alleine in den ersten Momenten, in denen eins die LP laufen ließ zeigte, nämlich wenn der Titelsong wirklich startete (zunächst läuft eine – äh – alte Aufnahme von „Take Me Back To Dear Old Blighty“, whatever. Irgendwann bemerkt eins dieses Teil nicht mehr), und mit Macht jeden Raum füllt. Morrissey entert Windsor Castle und macht keine Gefangenen. Das ist bemerkenswertes Songwriting, das durch das militärisch präzise Schlagzeug von Mike Joyce getragen wird. Dazu die Gitarrenkaskaden von Johnny Marr, die alle möglichen Frequenzen mit Emotionen füllt. Doch darüber thront Morrissey, der uns einen Holden Caulfield für die Neuzeit gibt: „Her very Lowness with her head in a sling, I’m truly sorry, but it sounds like a wonderful thing“. Da waren ja die Sex Pistols in „God Save The Queen“ noch zivil, welche die Königin nur mit einer Atombombe verglichen. Und Morrissey wird nicht netter: Crossdressing, Kastraktion und der ungenannte Königinnenmord, der zwischen den Zeilen wabert, werden verhandelt. Und die letzte Zeile lautet: „Life is very long, when you’re lonely“.

Und das war das Zeichen, das The Smiths eben eine Band waren, die sich einer engen Kategorisierung entzogen. War ihre Musik besonders von Gitarrenbands der 1960er beeinflußt, dazu verfeinert durch Glam und Postpunk-Sounds (hier besonders der Paisley-Underground aus San Francisco), so verausgabte sich Morrissey in seinen Worten darin, Provokation, Introspektion und Qualität in einer Waage zu halten. Meistens gelang es.

Neben „The Queen Is Dead“ sind die seltsame Erotik von „Some Girls Are Bigger Than Others“, die Jammerode des Provokateurs in „Bigmouth Strikes Again“ zu nennen. Und dann ist da noch „There’s A Light That Never Goes Out“ zu nennen. Damit gelang der Band ein zeitloser Klassiker. Ein Liebeslied, wie es nie jemand anderes geschrieben hat: Die Fantasie des gemeinsamen Todes als Motor der Romantik. Diese massive Einsamkeit, die Dich in jedem Moment anspringt, der nasse Asphalt. Die Lichter der Nacht. Die letzten Bittbriefe an die Existenz. Wenn Morrissey in diesem Lied das Wort „Privilege“ erwähnt, dann ist das nur der Hauch eines Wunsches. Fuck, was für ein Treffer.

Und die Fehlwürfe. Nun, „Vicar In A Tutu“ balanciert mehr schlecht als recht zwischen dem Versuch der Kritik an fehlender Toleranz in kirchlichen Strukturen und reimgeschädigter Comedy über Crossdressing (schon wieder!?). Der musikalische Rückgriff auf Rockabilly hilft hier nicht.

Doch der wahre Fehler ist die Person auf dem Cover. Morrissey, der für die bildliche Gestaltung aller Smiths-Veröffentlichungen zuständig war, wählte hier ein Foto des französischen Schauspielers Alain Delon aus dem Film „Die Hölle von Algier“ aus. Das Cover genießt inzwischen einen ähnlich ikonischen Status, wie die LP als solches. Das ist falsch. Alain Delon ist ein Misogynist. Er konnte seine mafiösen Machenschaften nie wirklich aus der Welt schaffen. Brach mit seiner Mutter, weil sie seinen unehelichen Sohn in Pflege nahmen, von dem er nichts wissen wollte. Er hegt Sympathien für rechtsextreme Politiker. Er äußert sich feindlich zu Homosexualität. Was er über Transgender zu sagen hat, will ich da gar nicht wissen.

Pfui, Alain Delon auf dem Cover. Riesenpfui!

Neben diesem massiven Fehlgriff, muß der Band jedoch zugestanden werden, daß viele ihrer Arbeiten richtige und wichtige Anstöße lieferten. Zu „Meat Is Murder“ darf jeder eine individuelle Meinung haben, doch brachten gerade in Großbritannien die Smiths genau das Thema vegetarischer Ernährung so richtig auf den Tisch. Morrissey lieferte textlich mit einigen Songs, wie „Stretch Out And Wait“, „Ask“ oder „Sheila Take A Bow“ wesentliche neue Ausblicke auf typische Popthemen, wie Liebe und Sexualität. Auch Einsamkeit, Depression, Verzweiflung (Höhepunkt mag „Asleep“ sein) wurden thematisiert und halfen der Band eine Reputation aufzubauen, die kaum je mehr schwinden mag. Selbst zeitgenössische „Skandale“, wie der Vorwurf, das Stück „Suffer Little Children“ würde das Andenken der Opfer der sogenannten Moor Mörder, Ian Brady und Myra Hindley, besudeln, konnte von der Band abgewehrt werden. Was auch jede/r HörerIn bestätigen kann, so nicht voreingenommen. Es lag darüber hinaus auch nicht im Sinne von S.P. Morrissey, es jemandem leicht zu machen.

Diesen Weg verfolgte er auch nach dem Ende der Band.

Und auch wenn ihm in den weitestgehend guten Jahren bis 2004 etliche wertige, aufbauende Stücke gelangen, so fand er auch Fettnäpfchen. Oder in diesem Fall ein Fass. Die Rede ist von einem eigentlich leicht vernachlässigbaren LP-Stück mit dem Titel „Bengali In Platforms“. Ich gebe zu, dieses Stück aus dem Album „Viva Hate“ wirklich vernachlässigt zu haben, denn es ist musikalisch langweilig und ich habe die Message, die uns Steven Patrick mitgeben will, auch zunächst gar nicht realisiert. Um dies zu ändern, hat mir vieles geholfen, was ich in den vergangenen Jahren gerade über Plattformen, wie Twitter, lernen konnte. Und wie viel Unheil in diesem eigentlich lächerlich hingesauten Stück steckt, kann eins gerne unter dem Link https://genius.com/Morrissey-bengali-in-platforms-lyrics nachlesen. Dort findet eins den Kommentar des britischen Musikjournalisten David Stubbs, der zu jener Zeit der Veröffentlichung (1988) durch Heirat familiäre Kontakte zu Sikhs pflegte. Der Bruder seiner Ehefrau war glühender Smiths-Verehrer und hatte gar einen speziellen Tanzstil für Sikh-Hochzeitsfeiern entwickelt, der dem Stil Morrisseys nachempfunden war. Er sah den Sänger als wichtiges Sprachrohr für sich als gesellschaftlichen Aussenseiter. Und nun mußte er dieses „Lied“ als einen Hieb ins Gesicht ertragen. Nicht direkt feindselig gegenüber dem Fremden, dem „Bengali“, sondern einfach massiv herablassend. Was letztlich nicht weniger abwertend ist.

Hier eindeutig auf der falschen Seite gelandet, wurde Morrissey 1992 auch für sein Stück „National Front Disco“ sehr hart kritisiert. Doch muß ich ihn hier in Schutz nehmen, denn nun bewies der Mann, das er dem planen Schwarz-Weiß-Denken mit wenigen gut gesetzten Worten etwas wertiges entgegen setzen konnte. Im Narrativ begegnen wir dem jungen David, der sich rechtsextremem Gedankengut anschließt und der im Titel angesprochenen National Front Party anbändelt. Wir hören, daß sein Umfeld diesem Wandel sehr skeptisch gegenübersteht. Immer wieder heißt es „We’ve lost our boy“. Morrissey bleibt seinem Protagonisten gegenüber eher distanziert, läßt ihn vom Wandel, vom Umsturz träumen. Das die Titelpartei seit ihrem Hoch in den späten 1970er Jahren inzwischen eher eine politische Randerscheinung war, störte Morrissey nicht, als er ihr an dieser Stelle zu Ehren verhalf und störte auch die Kritiker nicht, die den Sänger genau ob diesem Punkt geißelten. Auch die Verwendung des Satzes „England für die Engen“ (England for the English) wurde ihm vorgeworfen. Was die Kritiker übersahen, war der Punkt, daß Morrissey beide Seiten dieses – im Falle des Songs – eher familiären Konflikts gleichmäßig porträtiert und die biedere, ausländerfeindliche National Front Party zur Disco degradierte. Ihnen entging, daß Morrissey hier die BNP (British National Party) mit ihrem Hass auf POC (People Of Color) in eine Veranstaltung mit hauptsächlicher Black Music umwandelte. Ja, okay, er machte es nicht immer leicht, aber diesen Punkt so einfach zu übersehen, war für die fixe Musikpresse des UK doch eher demütigend. Zu diesem Zeitpunkt hatte Morrissey auch eine andere Körperlichkeit entdeckt und umgab sich auch mit einer neuen, festen Band, die einen leichten Hauch von Fußballhooligans mitbrachten. Wer wollte, konnte immerhin dabei lernen, was hinter dem Begriff „Suedehead“ (auch der Titel seiner ersten Single) steckte. Es blieb dabei: Kontroverse, da machte ihm auch Jahre nach „Meat Is Murder“ keiner was vor.

Und das ist auch heute noch so. Doch ist der Unterschied gewaltig.

Die musikalischen Leistungen des Mannes sind inzwischen durchgängig auf dem Niveau seines ersten, großen Songfehltrittes, dem erwähnten „Bengali In Platform“: utter forgettable. Seinen letzten musikalischen Höhepunkt markierte das Album „You Are The Quarry“, das 2004 dem Fan (ich zählte mich damals dazu) die Tränen ob des Vintage-Sounds in die Augen trieb. Vintage bedeutete zwar, daß die Ideen nicht neu waren, doch war Energie und ein gewisses Maß an Wortwitz vorhanden. Mit einem US-feindlichen „America Is Not The World“ konnten viele Menschen in den Walker-Bush-Jahren auch etwas anfangen. Und das Morrissey die königliche Familie nicht leiden konnte, machte aus „Irish Blood, English Heart“ einen energetischen Widergänger, aber eben ein Widergänger. Und das Oliver Cromwell ein Widerling war, unterschreibe ich auch gerne.

Und während die musikalische Entwicklung eine Seite ist, ist die Geschmacklosigkeit, welche der Mensch in Interviews seit einigen Jahren von der Stange läßt, etwas eindeutig anderes. Etwas, das mir das Wort Niederträchtigkeit in den Sinn kommen läßt.

Das Morrissey auch heute noch jedwede Art an Fleischkonsum geißelt, ist aus seiner Geschichte verständlich. Das dabei auch die Schlachpraktiken nicht-christlicher Religionen von ihm heftig kritisiert werden, genau wie auch das Essen bei Kentucky Fried Chicken, ist quasi im Preis seiner Tiraden inbegriffen.

Diese Punkte sind beinhaltet in einem Interview, das auf http://www.morrisseycentral.com/messagesfrommorrissey/there-is-a-light-that-must-be-switched-on zu finden ist. Hier ist die Essenz eines AFD-haft gewordenen Denken abgebildet, das erschreckend ist, wenn eins bedenkt, welch großen Horizont dieser Mann einst bespielte. Oder hat er es früher eher versteckt? In einem gewissen Sinne ist hier der frühere Außenseiter, der von dort aus kraftvolle Botschaften für die anderen Außenseiter der Welt sendete, ein Heckenschütze geworden, der nur noch Feindbilder im Auge hat und diese auszulöschen sucht. Sein im Juli 2011 auf der Bühne geäußerter Vergleich des Breivik-Attentates mit den erwähnten Zubereitungspraktiken bei KFC oder dem goldenen M ist unerträglich. Provokation soll Denkprozesse anregen und dies hatte er längere Zeit erreicht. Diese Formen der sogenannten Meinungsäußerungen sind einfach nur noch Geschmacklosigkeiten, die ihm eine mediale Bühne besorgen sollen. Im oben verlinkten Interview wird auch oft das Wort „accused“ (beschuldigen) gegenüber dem gebeutelten Sänger verwendet. Jeder beschuldigt den Mann, der doch immer nur klare, unschuldige und wahre Worte findet.

Morrissey, I know it’s over. Arschloch.

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Die Welt der Underground-Sampler in den 1980er – Teil 1

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

Im Zeitalter des Postpunk zwischen 1976/1977 und 1985 erreichte die Arbeit an musikalischen Zusammenstellungen (sprich: Sampler/Compilations, oft auf Cassetten veröffentlicht) einen ästhetischen Höhepunkt. In den Folgejahren gab es noch einige Labels (sprich: Plattenfirmen), die das Niveau weiterhin hochhielten, doch leider verlief sich diese Kunst spätestens mit dem Zugriff von Printmagazinen auf beigelegten CD’s, die endgültig nur noch Marketing bedeuteten.

Selbstverständlich sind auch die hier vorgestellten Sampler genau das, doch eben nicht nur. Sie sind einerseits Vorstellung von Künstlern, die in den meisten Fällen unbekannt sind, andererseits haben sie einen Mehrwert, der jenseits des Monetären zu finden ist.

Ich versuche die Sampler in einer größtenteils chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens vorzustellen, doch wird es Querverbindungen geben, die den zeitlichen Ablauf sprengen.

Subterranean Modern (Ralph Records/1979)

Diese Zusammenstellung erscheint auf dem Label der Residents und vereinigt, neben den selbstverständlich mit vier Stücken vertretenen Hausherren, noch weitere drei Acts, die um 1978/1979 in San Francisco lebten. Das Artwork stammte von Gary Panter, der seinerzeit auch gerne von Frank Zappa angeheuert wurde (z.B. Studio Tan).

Musikalisch wurde mir hier klar, daß ich mich nicht weiter mit The Residents beschäftigen werde (außer jemensch bietet wirklich überzeugende Argumente). Alleine ihre Version des von jedem Act hier interpretierten Tony-Bennett-Klassiker „I Left My Heart In San Francisco“ ist gut, der Rest überzogen erfunden.

Tuxedomoon interpretieren „I Left My Heart…“ als kurzes Hörspiel eines Long-Distance-Telefonat mit Harmonika im Hintergrund. Eine derart tiefgreifende, aber trocken und amerikanische Melancholie haben Tuxedomoon nie wieder in ihrer langen Laufbahn erreicht. Das zweite großartige Stück der späteren Bürger aus Brüssel ist „Waterfront Seat“, das auch den gerne mal hypnotischen Minimalsound der späteren Werke vorweggreift. Peter Principle fällt mit seinem Trademark-Bass auf.

Chrome, die im Kern aus Helios Creed und Damon Edge (zwei definitive Ausserirdische) bestehen, verwöhnen teilweise mit ihrem Velvet-Underground-als-Außerirdische-Sound, was nur leider an dem allzu irdischen Schlagzeugsound krankt. Wenn das egal ist, hat eins enorme Freude an den beiden Originalen „Anti-Fade“ und „Meet You In The Subway“. Ihr „I Left My Heart…“ ist Residents-mäßig zu erfunden und auch nur 28 Sekunden kurz.

MX-80 klingen hingegen bei „I Left My Heart…“ als seien Pere Ubu gerade aus Cleveland umgezogen, was okay ist. „Lady In Pain“ schafft es diesen Schatten nicht ganz abzuwerfen, bleibt jedoch ein feines Stück, im Gegensatz zu „Possessed“, das immer noch recht zackig sein will, jedoch vor allem kraftlos daherkommt.

Club Foot (Subterranean Records/1981)

Dieser Sampler scheint direkt an die vorangegangene Veröffentlichung anzuschließen, da sich der hiesige Labelname und der dortige Sampler-Titel massiv gleichen… und gleichermassen sitzen Label und die Acts wieder alle in San Francisco. Doch das sind die einzigen Parallelen. Subterranean Records ist weitestgehend eher ein Treffpunkt der Punk und Hardcore-Szene aus San Francisco, doch ist die Musik auf diesem Sampler eher jazz-affin, sprich Jazz soll es werden.

Das klappt hervorragend überall, wo die trockene Stimme von David Swan erklingt: Longshoremen mit dem Opener „What Does It All Mean“ und der Abschluß des ansonsten eher mässig erregenden „Theme From Club Foot: Medley“ des Club Foot Orchestra, das sich aus Musikern, dieses Clubs in San Francisco zusammenstellte. Dem Titel nach sollte „Modern Jazz“ von Naked City hier auch anschliessen, doch erinnert es eher an den Versuch einer Postpunk-Band aus Manchester Jazz zu verkörpern: Was sich hier kritisch liest, ist jedoch musikalisch sehr geschmackvoll. Ein fantastischer Höhepunkt ist das im Hintergrund massiv Steve Reich belehnende „Frank Sinatra“ der Alterboys. Ganz anders, aber ähnlich eigen und stark anzuhören ist der weitere Alterboys Celebrity-Kracher „Roy Orbit’s Son“. Die Bay Of Pigs bieten mit „I’m Writing It Down“ und „Everything Changes“ auch zwei ganz gute Stücke, doch ich wünschte, es wären Instrumentale, denn Stimme Andrew Hayes will gerne als wirrer Querdenker erscheinen, nervt aber nur.

Auf dem Cover dieser Platte sehen wir übrigens Richard Edson, der u.a. der erste Schlagzeuger der Sonic Youth war. Er sah ziemlich gut aus.

From Brussels With Love (Les Disques Du Crépuscule/1980)

Da kommt ein richtiger Höhepunkt! Und wir werfen einen Blick auf die erste Version, die im November 1980 als Tape erschien. In den folgenden Jahren wurde „From Brussels With Love“ einige Male auf verschiedenen Formaten neu aufgelegt, dabei immer auch mit Änderungen an der Songliste.

Daher ist es wichtig zu schauen, ob die größten Erfolge auf dem Tonträger zu finden sind. Zentral waren jeweils zwei Interviews, die mit der großen Schauspielerin Jeanne Moreau (im Hintergrund ein Klavierstück aus der Feder von Erik Satie) und mit Brian Eno (auch Musik im Hintergrund: hier von Phill Niblock) geführt wurden. Beide Stücke sind so vorzüglich erarbeitet und als Kunststücke aufgestellt, daß sie (selbst bei Problemen der Verständlichkeit) sehr viel Spaß bei Zuhören machen.

Darüber hatte eins das große Gefühl von einem musikalischen Impressionismus überflutet zu werden. Was für größte Freude sorgt, wenn es sich dabei beispielsweise um The Durutti Column handelt, die „Piece For An Ideal“ zum Besten geben, während „Sleep Will Come“ nicht zuviel Freude verursacht. Oder das sehr atmosphärische „The Shadow Garden“ von Bill Nelson, der 1980 schon in seiner Post-Pop-Phase angelangt war und sich nicht mehr um Songstrukturen scherte. Diese waren perfekt in einer frühen Version von „Airwaves“ von Thomas Dolby angelegt. Ein Hit, ein Hit! Der sonderbare Factory-Zögling Kevin Hewick durfte seinen Vorschlag eines Popsongs darbieten und verbreitete mit „Haystack“ durchaus Freude. Doch ist er eher der tolle Performer, als das er ein besonderer Sänger sei. In der Bill-Nelson/Brian-Eno-Ambient-Liga ist auch Harold Budd ein gern gesehener Spieler und kaum jemand kann so fein Klavierspiel mit Hall versehen. Das könnte eins als Kritik ansehen, hihihi. Doch sehen wir es realistisch: Gegen ein Harold-Budd-Stück auf einem Sampler ist nichts zu sagen, das ist etwas Schönes, eine Atemübung des Weltenlaufs. Eine ganze Platte hingegen ist nahe an einer Zumutung. Auch sehr pianotropfend erscheint Gavin Bryars, doch in diesem Umfeld ist „White’s S.S.“ grandios aufgehoben. Doch auch kratzigen New-Wave/Post-Punk gibt es auf hohem Niveau: Radio Romance erinnern etwas an die lokal auch sehr erfolgreichen Polyphonic Size. Und The Names gewinnen jeden The-Cure-Soundalike-Contest nicht zuletzt aufgrund der verwechselbar ähnlichen Stimmen von Michel Sordinia und Robert Smith. Auch hier übrigens wieder die guten Verbindungen zu Factory Records, die auch zum Beitrag von Martin Hannett führten. Weniger impressionistisch oder verträumt, als die Herren Budd und Nelson, dafür kratziger und auch verspielter gibt sich „The Music Room“. Der Mann lieferte mit diesem Track auch wieder den Beweis, ein Enigma sein zu wollen. Und wir machen den Hacken dran: Geschafft.

The Fruit Of The Original Sin (Les Disques Du Crépuscule/1981)

1981 sandte Les Disques Du Crépuscule ein weiteres sonderbares Produkt sonderbarer Musik den Grüssen aus Brüssel hinterher.

Die Kenner jubeln über das erste Treffen mit der späteren Songwriterin Virginia Astley, die hier für Richard Jobson Klavier spielte, während er in „The Happiness of Lonely“ klingt, als sei er als englischer Landadelszögling gerade aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs heil zurück gekehrt. Sonderbares Stück. Doch sonderbarer wird das Gesamtkonzept, denn es bringt uns HörerInnen im gleichen Atemzug die No-Waver von DNA, die gleich drei kurze Schreckensschreie aus den U-Bahnschächten New Yorks … anbieten? Gitarrist Arto Lindsay wurde später ein Schöngeist, hier liefert er wegweisende Gitarrenarbeit in „Cop Buys Donut“.

Haarsträubend ist auch Williams S. Burroughs Lesung „Twilight’s Last Gleaming“, in welcher im Zentrum eine Blinddarm-OP steht. Sollte eins definitiv nicht vor einem solchen Eingriff hören. Niemals! Aber andererseits, was gibt es besseres, als Burroughs‘ Stimme. Ihm werden wir bei einem späteren Sampler wiederbegegnen.

Auch der Saxophonist Peter Gordon, der den Titelsong dieses Tonträgers spielt, bereichert das überbordernde Klangspektrum mit einem zickigen Avantgarde-Jazz, der den Postpunk-Anzug trägt. Da kann uns die ein zweites Mal Klavier spielende Virginia Astley ein wenig Ruhe bringen. Sie taucht im Hintergrund eines Interviews mit Marguerite Duras auf. Wie schon auf „From Brussels With Love“ gehört auch hier das Gespräch zum Höhepunkt. Kratzig wird es derweil wieder, wenn eine Formation namens Marine den Francis-Lai-Filmmusik-Klassiker „A Man And A Woman“ interpretiert. Schon orginalgetreu, aber ohne jedwede romantische Regung. Die flutet „Clair de Lune“, gespielt von Cécile Bruynoghe. Claude Debussy war in den frühen 1980er Jahren wohl ein sehr beliebter Komponist. Wie Burroughs werden wir ihm noch begegnen.

Ein Sampler aus Brüssel: Wer darf da nicht fehlen? The Durutti Column. Von ihnen gab es irgendwann einen Song namens „For Belgian Friends“. Die beiden Stücke „The Eye And The Hand“, sowie „Experiment In Fifth“ sind für die Duruttis sehr solide, also brilliant. Und da ist dann auch wieder diese leicht verträumte Atmosphäre, die auch den Vorgänger so beflügelte und Arthur Russell vertieft, als hätte er seine Aufnahme in direkter Umgebung eines hochmotivierten Springbrunnens gemacht. Sonderbar! Und dann ist da noch eine frühe Aufnahme der schottischen Orange Juice, die ganz juvenil „Three Cheers For Our Side“ fordern. Jungs halt, deren Sänger Edwyn Collins war. Der nahm später mit dem Landsmann Paul Quinn den Velvet-Underground-Klassiker „Pale Blue Eyes“ auf. Paul Quinn sang 1981 noch für die French Impressionists und diese boten einerseits den törichsten Songtitel „Boo Boo’s Gone Mambo/My Guardian Angel“, andererseits war es betörende Musik, der eins gerne den Titelfehler verzieh. Schmacht! Und dann tauchten Marine noch einmal auf und musizierten, wie es ein Jahr später Haircut 100 taten und damit filthy rich wurden. Klang 1981 noch frisch, diese Uptempo-Rhythmus-Gitarren mit Slappbässen.

Winston Tong war für einige Jahre die Stimme von Tuxedomoon. Hier taucht er auf, um in einer Liga mit William S. Burroughs zu spielen, und siehe da: er geht nicht unter! „The Next Best Thing To Death“ ist verstörender als jener und damit ein ziemlich normales Winston Tong-Stück.

Some Of The Interesting Things You’ll See On A Long-Distance Flight (Les Disques Du Crépuscule/1982)

1982 bewiesen dann Les Disques Du Crépuscule, das auch ihnen nicht alles gelingt. Eine Konzertour, die man unter dem Titel „Dialogue North/South“ organisierte, brachte die Aufnahmen dieses Samplers.

Natürlich an Bord waren The Durutti Column, die hier auch live sehr stark zu überzeugen wußten. Allerdings gab es zwischendurch immer wieder die mit „A Raving Lunatic“ betitelten Versuche eines Wally Van Middendorp eine Kreuzung zwischen Ansager, Showmaster, Stand-Up-Comedian und einfachem Suffkopp darzustellen, die völlig ärgerlich sind. Und die 20-Sekunden-Auszüge eines Serge-Gainsbourg-Songs hätte man sich auch wahrlich sparen können.

Der auch bereits zuvor genannte Richard Jobson liess sich hier von Tuxedomoon begleiten und bietet ein gutes, romantisches Set, aus dem „Etiquette The Ballad“ und „Pavillion Pole“ herausstechen.

Darüberhinaus hören wir: Paul Haig & Rhythm Of Life, Antena und The Names (ja, die Cure-Soundalikes von eben). The Names konnten auf „From Brussels With Love“ mit ihrem Song „Cat“ überzeugen, aber hier (und das gilt für die beiden anderen Acts auch) gibt es Konzertaufnahmen und diese sind dünn, kraftlos, langweilig. Diese Acts in den 1980er live gesehen zu haben, scheint mir Geldverschwendung gewesen zu sein. Dieser Sampler konnte sich gerade noch durch die Duruttis und Richard Jobson retten.

A Factory Quartet (Factory Records/1980)

Factory hatten schon 1980 einen teilweise in Konzerten mitgeschnittenen Sampler zum Besten gegeben.

Teil des Ganzen waren natürlich – Tusch! – The Durutti Column. Kann es sein, daß ich eine gewisse Affinität, eine Liebe zu dieser Band habe? Fangirling? Hüstel. Also sage ich auch nicht, wie toll und fantastisch die drei Stücke sind. Ihr glaubt es mir eh nicht mehr. Meine Objektivität ist den Bach hinab.

Blurt, die Band von Ted Milton, Saxophon, sind generell ein Fall für die Connoisseuse mit ihrem wagemutig als schräg beschriebenen Sound. Wer „Dyslexia“ durchhält, der liebt die Band. Und es ist ganz einfach. Doch auch „Puppeteer“ ist ganz lustig.

Kevin Hewick haben wir weiter oben schon kennengelernt mit einem ganz netten Einstand. Wie ich dort schon schrieb, ist er kein großer Sänger. Hier sind Live-Aufnahmen. Wie kommt er auf ein paar nette Kommentare? Nun, die Songs taugen einfach, z.B. „The Enchanted Kiss“. Doch insgeheim wünschte ich, Scott Walker hätte ein paar Hewick-Songs interpretiert. Das hätte ein Fest werden können.

Und dann waren da noch The Royal Family And The Poor. Nein, Charlie oder Liz hatten nichts mit der Band zu tun. Ich vermute, beide mögen es nicht so aggressiv. Diese Band bot einen Sound, der aus meist maschinenhaft, aber menschlich produziertem Beat und hart vorgetragenem Sprechgesang (nein, hat nichts mit Rap zu tun, überhaupt nicht, ist total weiß) bestand, wobei die Texte zwischen linkem Polit-Agit und situationistischen Auszügen (tja, „Vaneigem Mix) bestanden. Das kann eins mögen, aber ich glaube, eine ganze LP würde ich nicht durchhalten.

Insane Music For Insane People Volume 1 (Insane Music/1981)

Hier kommen wir zu einer schlechten Idee. Also, die Idee, darüber zu schreiben, ist unvorsichtig, denn „Insane Music For Insane People“ ist eine Serie an 25 Tape-Veröffentlichungen, die zwischen 1981 und 1988 erschienen. Das Projekt war der Einfall von Alain Neffe, einem belgischen Musiker aus der Industrial-Szenerie. Dieser steckt auch hinter vielen „Bands“, die auf diesen Samplern vertreten waren.

Ich habe zur Zeit noch keinen Zugriff auf alle der 25 Veröffentlichungen, doch möchte ich mich grundsätzlich auf die besten drei konzentrieren. Das sind die Volumes #5, #6 und #1 in qualititativer Reihenfolge.

Volume #1, erschienen 1981, bringt schon mal meinen persönlichen Lieblingstitel, sprich der Titel des Songs ist das, was ich mag: „Manuel ist unehrlich“. Musikalisch ist dieses Stück von M.A.L. nicht weiter erwähnenswert, aber hinter dem Titel scheint ein großes menschliches Schicksal zu lauern. M.A.L. haben jedoch noch einen zweiten Auftritt, und der knallt! Als seien Pink Floyd in eine Zeitlupe geraten und zusätzlich noch ins Jahr 1969 (ca. LP „more“) geschleudert, so klingt „Insects In Love“. Grandios! Überhaupt ist die Musik nicht nur auf Volume #1so unglaublich körperlos und auf seltsame und seltene Art und Weise ätherisch, ohne New-Age-haft verkitscht zu sein. Es wundert nicht, daß an großen Namen gerade einmal die Legendary Pink Dots und die langjährige Swans-Keyboarderin und Sängerin Jarboe auf diesen Samplern vorbeischauten.

Auf dieser Cassette #1 sind die mehr als nur orientalisch fremdartigen Stücke „Pikah ô Papikah??“ Teil 1 und 2 von Japanese Genius Schlüssellochblicke in eine seltsame Welt, auch das live mitgeschnittene „TV News“ von Mecanique Vegetale ist ein wahrhaftiger Trip. Die über viele der Tapes verstreuten Stücke der Formation Cortex beginnen hier und sind sofort von kalkulierter Lieblichkeit. „Cortex A“ verbindet schwebende Keyboardflächen mit weiblichem Geflüster auf Französisch. „Cortex C“ bedient das gleiche Grundmuster, doch hier singt die weibliche Stimme. Der Cortex-Macher, Alain Neffe, engagierte zu jedem Stück eine neue Mitstreiterin. Mit dem windig sureellen „Dracustein’s Revenge“ von I Scream könnte fast „Insects In Love“ übertrumpft werden, wenn das Stück nicht in videospielartigen Echoeffekten enden würde.

Als Gesamtpaket ist Volume #1 ein überzeugender Trip in fremdartige Welten, der – wie geschrieben – das Leitbild für die Serie vorgibt.

Insane Music For Insane People Volume 5 (Insane Music/1984)

Mit Volume #5 (1984) erreicht die Serie schon den frühen Höhepunkt. Cortex zaubert mit „Cortex X“ eine romantische Atmosphäre, die von Enno Velthuys im dramatischen „Conclusion“ als klanglichem Finale eines 1980er Noir-Streifens, weitergeführt und korrekt ins Ziel einfährt. Vielleicht das langlebigste Stück dieser Serie. Wenn da nicht die auf diesem Tape vier Mal vertretenen und auf höchstem Niveau zaubernden Empty Wien wären: „Thomas Szabdz“ ist minimalistischer Elektropop, „Mitch“ ist ebenso bezaubernder Pop, doch hintergründiger und dann der Knaller „Leave It“, der ein ganz, ganz großer Hit hätte sein sollen, denn selten erleben wir einen solch sicher in sich ruhenden, elektronischen Sound mit dieser heiligen Absichtslosigkeit. Festlich.

Und auch M.A.L. sind wieder an Bord und drehen ihre Phaser weit auf, damit die Gitarre schön durch die Weiten des Alls driften kann. Der Titel „Pure Emotion“ ist allerdings vielleicht ein wenig übertrieben. Ein Fest für die Freunde valiumgeschwängerter Sequenzer ist Twilight Rituals „Fear For Loosing You“, welche hier die körperlose Atmosphäre mit gequältem Gesang und schneidenden Keyboardsounds anreichern und damit fast schon menschlich wirken. Gosh! Hinter Human Flesh lauert schon wieder Alain Neffe. Das verhindert nicht, das „Just Another Movie“ ein schöne, zickige Traumreise wird. Ein weiterer Titel „Conclusion“, dieses Mal von I Scream dargeboten, überfällt uns mit glitzernden Sounds, dem Dröhnen der tiefen Manuale einer Kirchenorgel und eins möchte meinen, da sei einfach nur Schönheit im Angebot.

Insane Music For Insane People Volume 6 (Insane Music – 1984)

Treiben wir weiter zu dem Tape mit der Nummer #6 (auch 1984). Natürlich regieren auch hier die sonderbaren, die erstaunlichen Lieder. Wie jenes von Eric Abithol und Valerie Desperiez, welche über die „Substance M“ nachgrübeln. Ein wenig sinnliches, aber höchst verwirrendes Stück Synth-Pop. Und Twilight Ritual kehren wieder, kredenzen uns „Tears On The Wall“, das uns mit einem ungleichen Dreieck aus Gleichmaß, Gezappel und gezogenem Gesang beglücken möchte. Jedenfalls beruhigender, als es Voidkampf ist, die eine Idee, die David Byrne und Brian Eno 1981 schon einmal umgesetzt hatten, hervorkramen: Eins nehme das Gerede eines Politakteurs und lege einen Beat darunter. Hier unter dem Titel „Politician Trying To Express His Opinion“ dargeboten. Sehr oft fällt das Wort „Very“. Tara Cross verbindet einen leicht ätherischen Gesang mit Heimorgelcharme, das ganze fein abgeschmeckt mit Spuren von Sprechgesang und fertig ist „Desperate“. Doch, das ist die Hörerin danach nicht. Eine endgültig von irdischen Sinnen losgelöste Meditation erwischt uns durch Maybe Mental und „Quiet“, welches mit hintergründigen Spracheinspielungen und entrückenden Sounds die Fesseln löst. Und das „Hotel Motorpool“, geführt von M.Soden, liegt tief im Wald, wo selbst nur selten der Wind weht, doch manchen Tages hört eins Stimmen. Spooky, sehr! Da wirkt „Tonight“ von den amerikanischen Algebra Suicide doch schon fast irdisch, normal, konkret strukturiert. Mit Text!

Doch sei noch erwähnt, daß auch die weiteren Tapes aus dieser Serie etliche Höhepunkte bieten. Seid neugierig!

Demnächst folgt ein weiterer Überblick über Sampler und Compilations aus den frühen 1980er.

Sonic Youth – Trilogy (Daydream Nation, 1988)

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

1988 haben Sonic Youth ihr Doppelalbum „Daydream Nation“ veröffentlicht. Vielfach wird es als der Höhepunkt der Kunst der Band angesehen. Dazu kann eins stehen, wie eins will. Es ist Geschmackssache. Die Musik ist teilweise nicht mehr derart wild, wie auf den vorangegangenen Alben. Die Wucht eines Titels „Death Valley 69“ ist auch nicht so einfach zu reproduzieren. Außerdem, wozu? Sonic Youth sind in diesem Falle schon progressiv gewesen und haben selten Stücke geschrieben, die Kopien vorangeganer Stücke waren. Und so haben sie auf dem angesprochenen „Daydream Nation“ sich über die 10-Minuten-Grenze hinausgewagt. Ja, mit einem kleinen Trick: Es wurden drei Stücke zusammengefügt zu einer „Trilogie“, worauf sich auch der Titel des ganzen dann bezieht: „Trilogy“. Hihi.

Die einzelnen Stücke sind „The Wonder“, „Hyperstation“ und „Eliminator Jr.“. 14 Minuten Achterbahn.

Wenn nach dem Fingersliden über die elektrifizierten Gitarrensaiten die Bassdrum einsetzt, schießt das Adrenalin durch den Körper der Hörerin. Steve Shelley am Schlagzeug ist überhaupt der heimliche Held der Band. Er macht keine Scherze, er ist der Motor, der die Schrauben der Musik löst oder fest zurrt. Und in „The Wonder“ ist die Musik völlig loose, er muß erden. Von einem Looping zur nächsten 90° Abfahrt geht es in wenigen Sekunden, musikalischen Schnitten. Gehen Sie raus! Kopfhörer on oder in-ear. Lautstärke so hoch, daß Mitmenschen Sie entgeistert angaffen. Sie werden den Riss in der Realität erfahren, den die Musik Ihrem Leben antun wird. Als sei die Welt in einem Fotostudio von einem Positiv ins Negativ rückverwandelt. Alles ist so fremd, Synapsen sind falsch verdrahtet. Daydreaming Days in a Daydream Nation, heißt es dann in „Hyperstation“ und das ist eine nette Umschreibung für diese Verzerrung. Immer wieder stechen jetzt die Gitarren zu, wird an einem Rad gedreht, um Ihre Nerven weiter zu reizen. Sie wissen, wie Uma Thurman in Pulp Fiction nach dieser Spritze nach Luft schnappt? Na, wenn Sie dieses Bild vor sich sehen, sitzen Sie in der Bahn, die gerade die „Hyperstation“ verläßt. Und die Gitarrenschreie sind Medusenköpfen gleich. Wenn es nicht gerade gen Ende des zweiten Drittelstücks zu einem leichten Ausatmen kommt und selbst Steve Shelley nur noch den Shaker bedient. Kim Gordon läßt den Bass im Hintergrund dröhnen. Vielleicht schlägt sie ihn nur von hinten, um die Saiten noch in der Vibration zu halten. Und dann ist da die Minute 11:27.

Gerade war es noch ruhig, war ein Gleichmaß nach all diesem Wüten eingetreten. Jetzt: Die Gitarren, Kims Aufstöhnen, das ganze Drumkit und wieder dieser dröhnende Bass. Diese halbe Minute ist vielleicht das beste Vorspiel (nicht sexuell), das je in Musik gegossen wurde. Denn dann rutscht der Fuß auf der spiegelglatten Eisfläche aus und ab geht die wilde Fahrt. Und finster wird es! Finster! Finster! Finster! Es geht nur noch ums Überleben und nein, es wird nichts damit. Das an anderen Stellen des Internet Menschen Kim Gordons stimmliche Performance als „sexy“/“erotisch“ bezeichnen, kann nur damit entschuldigt sein, daß jene Menschen sich nicht um den Hintergrund des Textes von „Eliminator jr.“ kümmerten.

Kim Gordon nahm die Rolle von Jennifer Levin ein, die Opfer des sogenannten „Preppy Killer“, ein R. Chambers, wurde. Dieser Fall hatte New York am 26. August 1986 erschüttert. Die Aufarbeitung gerade durch die Medien, die schon damals auch ein gerne den „hoffnungsvollen, jungen Mann“ hofierten, während das Opfer nur das böse Flittchen ist, war grenzwertig. Die Verteidigung baute unter anderem darauf auf, die tote Jennifer Levin als Nymphomanin, die ein Sex-Tagebuch führte, darzustellen. Chambers wollte auch den Tod durch Erwürgen herbeigeführt haben, als er das Opfer während des „rough sex“ von sich habe stoßen wollen. Nun, ein 100-kg-Typ ist einem vermutlich etwas mehr als halb so schweren Mädchen körperlich völlig unterlegen (Zynismus wieder aus). Immerhin saß R. Chambers seine kompletten fünfzehn Jahre ab, und ist inzwischen wieder inhaftiert (Drogendelikte).

Mit diesem Hintergrundwissen gewinnt die Zeile „take a walk in the park“ eine neue Bedeutung, denn dort geschah der Mord. Wie auch „a poor rich boy coming right through me“.

Der Mond steht strahlend am Himmel in all seiner Herrlichkeit. Am Boden liegen zwei Körper. Die Band führt den Song mit Krawall und kratzigem Bass fort. Die Gitarren heulen noch zweimal auf, wie dramatisches Aufbäumen, dann wird der Druck zu stark. Das Lied ist zu Ende.

Nehmen Sie bitte die Hörer von/aus den Ohren. Sie leben. Das ist gut, oder?

„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

Wenn ich diese Aussage lese. dann stimme ich ein wenig zu. Der Mensch, welcher dieses sagte, will wohl auch einfach etwas zuspitzen und vielleicht sogar Widerspruch auslösen. Was auch immer. Ich frage mich natürlich, ob Rockmusik im Jahr 2016 wirklich noch wichtig ist. War sie jemals wichtig? Ja. Auf jeden Fall. Doch die beste Musik, die ich selber über die Jahre in meinem Herzen sammelte, war Musik, die vielleicht Rock oder auch komplett anderes war, aber Musik, die berührte. Insofern kann die Rockmusik ab der Gegenwart ruhig verschwinden, in Bezug auf die erwähnten „young kids“. Und die Alten, die noch zum Instrument greifen? Okay, seien wir ehrlich. Weltbewegendes hat es in der Rockmusik tatsächlich seit Jahren nicht mehr gegeben. Und eine neue Punk-, Metal-, Indierockband braucht auch kein Mensch. Explosive Musik mit Gitarren, Bass, Schlagzeug machten zuletzt höchstens noch die Swans, die das Vokabular der Musik jedoch auch mächtig erweiterten, da sie Atmosphäre und Aura der Musik belebten und ihnen die Länge eines Musikstückes völlig egal wurde, so das die Fugen auseinanderbrachen. Und da die Swans ihre Musik hauptsächlich über die neue Schiene des Fundraising finanzierten, war die Musikindustrie nur noch als teilweiser Verteiler gefragt. Und die Industrie braucht den Rockmusiker noch, und dabei auch gerne mal jung und unverbraucht, damit auch das junge Publikum noch bedient werden kann. Es mag 14-jährige Jungs und Mädels geben, die einen Michael Gira als Idol sehen können, aber viele werden es nicht sein, welche die Geduld aufbringen, sich mit derart sperriger Musik auseinanderzusetzen. Wenn also alt, dann Acts, die auch bei sommerlichen Festivals noch die Massen bewegen können. Und das ist keine Rockmusik mehr, sondern Show. Entertainment. ZDF-Fernsehgarten für Hippies und solche, die das nie zugeben würden, denn ihre Tattoos passen nicht dazu, denn sie sind HARTE, ganz HARTE Jungs und Mädels.

„young kids should stop flogging dead horses.“

Noch ein Zitatteil, das in sofern interessant ist, da es auf einen Plattentitel der Sex Pistols verweist. Der Kenner weiss, das diese Platte erst nach dem Ende der Band veröffentlicht wurde und auch nur Unveröffentlichtes und Ausschuß zusammenraffte, womit dem Titel „flogging a dead horse“ auch schön Genüge getan wurde. Und da setze ich doch mal an: Was wäre jetzt so schrecklich an einer Band aus 19- bis 25-jährigen Menschen, die den Ball der Sex-Pistols-Nachfolgeband P(ublic) I(mage) L(imited) aufnähmen und einen Sound wie jene auf „metal box“ brächten? Oh, das wäre himmlisch! Wird es eine solche Band geben? Nein. Es könnte sie geben, denn sicherlich wird dem ein oder anderen jungen Menschen irgendwann dieser Sound auf dem Lebensweg begegnen. Und von diesen jungen Menschen wird vielleicht jeder zehnte auch so tief beeindruckt sein, das er/sie sich denkt: „Das will ich auch mal machen.“ Denn der zwischen Krautrock und Dub angesiedelte klinische Antirock-Sound mit schneidenden Gitarren, angewidertem Mundwerk ist sicherlich noch nicht totgespielt, kein verendetes Pferd vom Anger. Dennoch wissen die meisten Menschen, die es jemals mit der Musik versuchten, das der eigene Sound auch sehr stark von der direkten Umwelt geprägt wird, was auch für die Musik von PIL galt, denn diese hörten Can und Reggae am Gunter Grove. Das nur mal als Anstoß. Neue unrockende, aber laute Wege sind möglich, auch noch nach 2016.

Warum trotzdem immer noch junge Menschen es mit diesem Klangbild versuchen? Außer, das es einfacher ist, als z.B. sich im Jazz zu versuchen? Die Rockmusik ist inzwischen gesellschaflich so integriert, daß der Tod eines Rockmusikers in der Jetztzeit mehr Tränen hervorrufen kann, als der Tod eines anderen prominenten Menschen. Sollten tatsächlich irgendwann Mitglieder der Rolling Stones sterben, werden wir es wieder messen können. Ein weiterer Grund ist der wirtschaftliche Aspekt, denn würden die Kids tatsächlich diesem Stil entsagen und völlig neue musikalische Klangwelten entwickeln, würde dies die Musikindustrie vor ein unglaubliches Problem stellen, denn damit brächen sicherlich auch Kundenpotenzen weg, die vielleicht das neue RedHotChilliPeppers-Album einfach ignorierten und bei deren Auftritt während einem Sommer-OpenAir einfach das Gelände verliessen, denn: „Rock? Pfff!“ Undenkbar? Naja. Ganz undenkbar sicherlich nicht, doch um wirklich den jungen Rock zu schleifen, bräuchte es auch ein Umdenken in anderen Aspekten des täglichen Lebens.

„young kids should definitely search for the interacting with others in making music, but not by evoking old clichés.“

Da findet sich dann auch der Ansatz, daß ein wesentlicher Punkt des Bandmusizierens wichtig ist: Das Miteinander. Und es ist kein Miteinander, das von einem unbestimmten Außen gefordert wird, denn oft ist der Funke, der eine Band begründet, die gemeinsame Sympathie. Oder? Für mich als Hörer wäre eher wichtig, das sich junge Menschen dem Aspekt stellen, das ihre Musik berührt. Und wie einst der weise Robert Fripp wußte: „In der Rockmusik kann es dir passieren, das du gefickt wirst.“ Was sich vielleicht abschreckend anhören kann, ist jedoch eine einfache Einladung dazu, offen zu sein für die Schwingungen der Musik. Und wer sich dazu hingibt, macht keine Musik mehr, die sich nur wie eine Klonung bestehender Sounds anhören wird.

Q-Tips #3 – on a sunday morning

Der neueste Mix aus der Q-Tips-Reihe – erstellt, um Ohren zu reinigen – huldigt einmal großflächig den Taten der Altvorderen. Doch zaget nicht, ihr Jüngsten, auch die moderne Musik wird einziehen, in dieser Reihe. Ich verwende keine Energie auf Grenzziehung und -erhalt.

Dieser Mix ist dem desperat sonnigen Sonntag Vormittag gewidmet. Und sollten Sie keinem depressiven Schub erliegen, könnte er auch eine Wirkung erzielen. Ich wünsche Glück hierfür.

Und so startet dieser Mix, nach dem inzwischen in den Ohren verankerten Laika-Intro, mit den ersten sechs Minuten des schönsten Radiohead-Stücks aller Zeiten. Kurioserweise nannten sie sich damals noch Pink Floyd und die Platte hieß „Meddle“. Waren die Radioköpfe eigentlich 1971 schon geboren? Sei’s drum, „Echoes“ ist ein Monument der leichten Köstlichkeit. Progressiv, aber noch lange, lange nicht exaltiert in Kopflastigkeit. Der richtige Dosenöffner für einen hinreißenden Tag.

Was „Echoes“ noch möglicherweise an Funk fehlt, da sich die Floyds gerne eher in die Wolken spielten, bringen Can, bei denen Drummer Jaki Liebezeit gerne mal einen dreckigen Beat spielte. Hier bleiben wir im Jahr 1971 und lauschen einem Auszug aus dem glorreichen „Halleluwah“ aus der sensationellen „Tago Mago“. Wenn der Sonntag mit dem Kitzeln der Floyds beginnt, so sind Can die feinen Wasserstrahlen der Dusche, im Laufe des Stückes mit Massagewirkung auf der Kopfhaut.

Es liegt nicht an der Musik, daß der folgende Song etwas ungelenk durch die Türe stakst, denn der Franzose an sich gilt ja gerne als elegant. And french he is, indeed. Jean-Jacques Perrey. Mit dem Stück „E.V.A.“, diesmal ausgesuchtes 1970er Material. Ein weiches Frotteehandtuch, das sich freundlich um den Körper des Hörers legt.

Und – schwupps – sitzet frau beschwingt am Küchentisch und nippt am Orangensaft. Am frisch „gerippten“ Orangensaft. Passenderweise hören wir den jungen Edwyn Collins mit seiner ersten Hitband, welche – huch – Orange Juice hieß. 1982 veröffentlichten sie das unglaublich begeisternd wippende „rip it up“.

Möchten wir nun noch ein modernes Küchengerät starten, so brauchen wir unbedingt „electricity“, flugs geliefert von den hereinschneienden Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, aus derem zweiten Album. Ja, das ist doch schon richtiger Punk, oder? Kraftwerk mit Verve nachmachen, und von jenen einen Songtitel von 1971 (schon wieder…) borgen, und das ganze 1980 total unquantisiert einherrocken, ohne Gitarre. Punk!

Jetzt mal schön zurücklegen mit dem Bill Evans Trio. Ach nein, die Platte heißt ja „Sunday at the Village Vanguard“. Überraschung! Und „my man’s gone now“ sollte für die Hörerin/den Hörer bitte nicht passen. Ansonsten schreiben Sie mir, ich bin ein guter Leser. Und vielleicht kann Bill Evans Sie ein wenig ablenken. Und wenn nicht, wird…

…Richard Strange, auch bekannt als Kid Strange von den Doctors of Madness, Sie mit seiner negativen Weltsicht anheimeln. „Kiss goodbye tomorrow“ nahm er 1980 neu auf, das Original stammt noch von seiner alten Band, den Doctors (LP „sons of survival“, 1978). Nice! Diese akustischen Gitarren, die so gerne rocken wollen.

So sitzt der Sonntag vormittag in einem Café, und wir senden dem Rest der Welt ein unsicheres Lächeln. Und wer konnte solche zwielichtigen Gefühlszustände besser vertonen, als der junge Matt Johnson, der sich gerne als der Der bezeichnete. (???) Ja, dummer Scherz, die Band nannte er The The. 1983 kam das erste richtige Bandalbum, welches „soul mining“ hieß, und dort fand sich dieses Kleinod „uncertain smile“, das neben Matt Johnson einen weiteren Star aufbot. Der hieß Jools Holland, und Sie dürfen nun raten, welches Instrument er spielte und damit gar nicht aufhören wollte…

Dieses Instrument findet sich definitiv nicht im folgenden Song. Dafür Krawall und Rückkopplung, ach! Wie ein sonntag morgendlicher Sonnenstrahl, auch dieser harmonische Gesang. Sie meinen den Song zu erkennen, aber nicht so? Nun, es war auch ein Welthit, dieses Mal jedoch von 1972. Und auch Neil Young selbst hätte es zu anderen Zeiten geschafft „heart of gold“ so klingen zu lassen. Hat er aber nicht, so blieb es den Nozems vorbehalten 1992 den Song unter Strom zu setzen. Und wenn der Song in einer rocktypischen Feedbackorgie endet, schält sich langsam….

…wieder der beste Radiohead-Song aller Zeiten aus dem Nebel und wir werden belohnt für all die Zeit des Harrens mit den letzten sieben Minuten von „Echoes“. Hach. Da schwingt ein kleines Maß an sonntäglichem Fernweh mit.

that’s it, Folks!

15.05.2016 – Was war das nochmal mit „OK Computer“?

Vor vielen, vielen Jahren schrieb ich bereits ein handvoll Zeilen (hier der Link für starke Nerven… Ihr müßt ein bisserl runterscrollen) über diese sogenannte beste Platte aller Zeiten hier: RateYourMusic, Stand 15.05.2016

Damals nannte ich das Album „die Arno-Schmitt-Platte 1997“. Stehe ich auch heute noch zu. Die größte Frage, die ich damit wohl aufwerfe ist: „Wer oder was ist Arno Schmitt?“ Eure Schuld, wenn ihr es nicht wißt! Bildet Euch, bei Zeus!

Wer sich einmal Zeit seines Lebens mit entweder „Schwarze Spiegel“ oder „Abend mit Goldrand“ auseinandergesetzt hat, oder mit einem der anderen literarischen Höhepunkte des Herrn Schmitt, der weiß, der Mann hatte eine ziemlich unverdeckte Wut, meist auf seine direkte Gegenwart. In „Schwarze Spiegel“ begegnet der Leser einem Protagonisten, der alleine durch ein kriegsatomar verwüstetes Norddeutschland wandert. Er trifft irgendwann auf eine ebenfalls überlebende Frau. Dieses Aufeinandertreffen ist nebensächlich, die beiden gehen bald wieder ihre eigenen Wege. Die Kunst Schmitts in dieser Erzählung liegt daran, das totale, überwältigende Fehlen von jeglicher Handlung durch seine Sprachgewalt vom Tisch zu fegen, mit welcher er das in Worte webt, was sein Protagonist sieht, und was das Gesehene an Geschichte zeigt. Kaum eine andere Erzählung ist tieferer Menschenhass, der zweifelsohne noch durch die Zeitgeschichte Deutschlands von 1933 bis 1945, und die Ausläufer eines teilweise widerwärtigen, konservativen Denken bis weit in die 1950er geprägt ist.

Was hat dies mit Radiohead zu tun? Nun, es hilft nichts, daß bezüglich ihres Albums „ok computer“ gerne von der Musik geredet/geschrieben wird. Ahnungsloses Gestocher. Damals schrieb der deutsche Rolling Stone davon, daß diese Platte das „dark side of the moon“ der 1990 sei. Vielleicht. Die Wirkung eines Stückes, wie „us and them“ ist durchaus generationsübergreifend, und damit die Deutung des Rolling Stone widerlegt. Und so wird auch „lucky“ noch in jahrzehnten empathische Menschen ergreifen. Und es wird natürlich an der hochgetürmten Musik liegen, an den mellotronartigen Keyboardsounds, doch ich erzähle Euch Lesern nun genau, woher die kalte Hand kommt, die Euch ans Herz greift, und es nicht Schlagzeug, Bass, Gitarre, Tasten… nein, auch nicht der Gesang an sich. Klar, daß das Zusammenspiel dieser Elemente den Song trägt, doch es ist dieser kleine Moment, bevor Thom Yorke sich in den ersten Refrain geschwungen hat, zum ersten Mal die Worte „pull me out of the aircrash“ gesungen hat… da kommt dieser Moment, in welchem er etwas tiefer Luft holt, leicht nasal, und „pull me out of the lake“ hinterherruft (1:16). Und wenn Ihr ehrlich seit, so besitzt auch dieses Stück einen gefühlten Untertitel, der „Schwarze Spiegel“ heißt (ohne den Arno-Schmitt-Plot), alleine durch die Undurchdringlichkeit, die Radiohead hier in der Reflexion dieses Stückes dem Hörer anbieten. Hier gibt es keine Gefühle, die wir mitnehmen in unser Leben, weil da jemand ein Lied schreibt, daß uns in unserer Existenz weiterhilft. Oder das uns irgendwie bestätigt. Selbst „exit music (for a film)“, das letztlich von einer Romanze zu erzählen scheint und auch mit der damaligen Verfilmung von „Romeo and Juliet“ in Verbindung stand, ist ein schwarzer Monolith, welcher uns Rezipienten genauso harsch und ohne Erklärung vor die Tür setzt, wie das die Monolithen in „2001 – Odyssee im Weltall“ mit den armen Forschern taten. Radiohead senden uns nicht zum Jupiter, nein, sie sagen: „Geht kotzen und erstickt“. Das ist Punk, oder? Hätte ein etwas besser reflektierender John „Sid V.“ Richie auch gesagt und dementsprechend musiziert. Aber Radiohead sind keine Prolo-Punks mit zuviel Substanz in den Adern, sondern im Hirn. Und vermutlich auch zuviele Tritte ins Gesicht zur Schulzeit, wenn wir uns die Visagen der Herren so ansehen. Der Fuzzbass am Ende von „exit music“ ist wohl einer der verwegensten seit John Cale in „white light/white heat“ der Zunft der Viersaiter seine Definition eines irren Basslaufes aus der Hüfte entgegenschoß. Der Mann spielte ja lieber auch andere Instrumente.

Was preisen wir dann auch „no surprises“? Eine Aufforderung zum Amoklauf, vielleicht, mit unbedingter Selbsttötung am Ende? Ein Lied, das wie ein Kinderlied klingt. Einfach, harmonisch einwandfrei, und doch definitiv tötlich. Wird der Hörer hineingelassen? Will er da rein? Am schlimmsten ist, daß heute, neunzehn Jahre später, dieses Stück keine Sekunde langweilt, trotz oftmaligen Hörens. Was auch für die anderen Couplets gilt. Okay, „fitter happier“ ist vielleicht doch etwas plan gedacht und ausgedrückt, doch ist es ein klarer Teil des Konzepts, dem Radiohead hier folgen. Also doch, „dark side of the moon“? Nein, denn Pink Floyd waren auf ihre Art und Weise gesellschaftskritisch, und hatten vor Finger in Wunden zu legen, und genau dem verweigern sich Radiohead. Sie müßten eine Gesellschaft anerkennen, die sie kritisieren würden. Und genau hier ist der Unterschied. Radiohead tauchen in „karma police“ auf der Partie der jungen Frau mit der Hilterfrisur auf und sorgen für Unruhe. So ist auch der Sinn dieser ganzen Platte. „OK Computer“ ist nicht nur ein Party- sondern ein Lifecrasher. Ein vertonter Amoklauf, dessen Ziel nicht die Leben, sondern die Sicherheit dessen ist, was die Hörer bis zu dem Zeitpunkt seines Lebens als Realität ansehen mochte.

Ich verstehe von daher den andauernden Erfolg der Platte nicht. Da bin ich ehrlich. Ich vermutete bis dato, daß es auf diesem Planeten so viele ihrer selbst sicheren Menschen gäbe, die irgendwann sagte: „Liebe Radioheads, jetz‘ is‘ mal gut, nich‘.“ Oder sind da vielleicht zu viele Erinnerungen an z.B. Collegesex zu „the tourist“? Ich empfehle lieber „kind of blue“, bessere Tempogestaltung über die volle Länge der LP. Oder ist da doch vielleicht eine größere Menge an Menschen, die sich gerne der subtilen Beleidungsorgie anschließen, die sich in diesen Tönen versteckt? Oder zuviele, die auch „chickens“ in ihren Köpfen gackern hören? Die sich entsprechend als paranoide Androiden sehen? Nicht von der Hand zu weisen, einer schreibt hier gerade 😉

In jedem Falle gelang dieser Band hier der gerade Weg von „thought to expression“, für den es laut Lou Reed „a lifetime“ braucht. „Pablo Honey“ ist langweilig und schlecht geklaut (bis auf den einen Hit). „The Bends“ ist in den lauten Songs grausig, die Balladen weisen schon einen Weg. „Kid A“ hat einige gute Verbeugungen vor dem Vorgänger, der Rest ist zu bemüht, andere Geschichten zu erzählen. „Amnesiac“ hinterläßt an manchen Stellen weniger Kopfkratzen, als Wutschreie, ob der miesen Songqualitäten. „Hail to the Thief“ ist noch ein Versuch, der ein Versuch bleibt. Keine Ahnung, was danach kam. Meine Geduld war zu Ende, und eines wußte ich: „OK Computer“ gibt es schon.

Es gibt bessere Platten, aus meiner Sicht. Eine wäre „Metal Box“ von P.I.L., die eine noch härtere Art des Weltekels bietet. Und ebenfalls von Bassläufen lebt.

Aber sind wir doch froh, das es diese Künstler gibt. Thom Yorke und seine Jungs. John Lydon, Keith Levene, Jah Wobble und der ein oder andere Drummer.

Q-Tips #2 (heyhey, Mixcloud, hey)

Die ersten Momente gehören dem etablierten Intro der Q-Tips-Reihe, die schon vor etlichen Jahren auf Radiowellen begann: Laikas „spider happy hour“.

Es folgen die in San Francisco beheimateten Longshoremen, die mit einem schönen Beatgedicht zu – sind das Küchengeräte? – und Fingerschnippsen einhergrooven. „what does it all mean“ heißt das Stück und im Song: „television personality’s out“. Zu finden ist dieses feine Stück auf dem Sampler „Club Foot“ aus dem Jahr 1981. Vor einigen Monaten neu aufgelegt.

„Dig it“, heißt es noch, dann starten Tuxedomoon mit „music for piano + guitar“, das 1986 auf „ship of fools“ veröffentlicht wurde. Ein erstes, beinahe leises Balsam für Seelen.

Coil veröffentlichten 1991 ihr Album „love’s secret domain“, und ein Jahr später liessen sie eine Platte mit dem Titel „stolen and contaminated songs“ folgen, auf welchem sich etliche Urversionen der „l…s…d“-Songs fanden. Unter anderem „original chaostrophy“, das in aller digitalen Heimeligkeit hier nun sein Wesen daherschleifen lassen darf.

Es folgt ein Stück, das wohl zu den mysteriösesten Veröffentlichungen zählt. Die Platte trägt den Titel „Lingva Pravorvm Peribit“ und ist um 2001 durch das belgische Label Firstcask veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen aus dem lettristischen Umfeld, heißt es. Die Titel selbst bleiben unbenannt. Im Run-Out-Groove der Seite C, auf welcher das gespielte Stück erscheint, steht Videoconference. Klingt doch gut, oder? In jedem Fall ein sonderbares, hölzern groovendes Stück mit fürstlichen Melodien, wie ein Erschießungskommando. (Link zu weiterführender Information zu dieser Schallplatte)

Da paßt der Nachruf auf die letzte Nacht der RAF’s Ensslin, Raspe und – bäh – Baader, den Permanent Confusion mit dem Titel „18. Oktober“ präsentieren. Wackelig, nervös und beunruhigt schleicht dieses Stück dahin, um sich in beschwörendem Flüstern aufzulösen.

Mit Rip, Rig & Panic folgt eine leider sehr in Vergessenheit geratene Combo, die den wunderbarsten Songtitel hat: „beware (our leaders love the smell of napalm). Erschienen 1980 auf „god“. Auf dem Cover kratzt sich ein Tier am Hintern. Das jazzige Klavier im Titel unterstreicht die Würde jedes Agnostikers, danke!

Die Kinks haben ihn erfunden oder eher seinen Namen im kontinentalen Bereich bekannt gemacht. Jetzt darf hier der Ex-S.Y.P.H.-Sänger Harry Rag bei „russian puppet“ auch Klavier spielen, nicht jazzig, aber punktiert und langsam, aber nicht sentimental. Nee, nee! Erschienen 1992 auf „Trauerbauer“.

Und zack, tauchen schwebende Gitarren auf, gespielt von M.A.L., zu finden auf „insane music for insane people, vol. 1“, 1981. Und „insects in love“ heißt das süße Liedlein, das klingt, wie ein feuchter Fiebertraum jedes Pink-Floyd-Fanatikers.

Von Pink Floyd zu Simon & Garfunkel scheint im Overground des Mainstreams ein kurzer Schritt, doch obacht! Die beiden komischen New Yorker Käuze konnten auch nicht konsensselig, wie ihre brückenlastigen Hits nahelegen mögen. Hier hatte Paul mal in der U-Bahn die Augen auf, und schrieb dann „a poem on the underground wall“, 1966 auf „parsley, sage, rosemary and thyme“ veröffentlicht.

Auf der B-Seite der weltbekannten Ronettes-Single „be my baby“ versteckte 1964 der berüchtigte Produzent Phil Spector ein jazzig-loungiges Instrumental mit dem Titel „Tedesco and Pitman“. Was ist hier wirklich der größere Hit?

Und nun zur hier ätherisch klingenden Brigitte Fontaine mit einem Stück aus der vorzüglichen Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble of Chicago, „comme à la radio“, das 1969 aufgenommen wurde.

Und plötzlich hält der unglaubliche Groove Einzug! Duke Ellington nahm 1963 mit Charles Mingus und Max Roach die hervorragende Scheibe „money jungle“ auf. Dort findet Ihr alle diesen Knaller, „caravan“! Ja, ich weiß, ist ein Ellington-Klassiker.

Und es wird wieder anschmiegsam mit Bill Rieflin und Chris Connelly, die uns „prayer“ aus dem Album „largo“ spielen, das 2000 veröffentlicht wurde. Vom munteren Klavier zum betulichen.

Und weiter zur kratzigen Gitarre von DNA! Da kann frau mal richtigen No-Wave hören mit Arto Lindsay. Der Song war die A-Seite der 1979er Single „you & you“

Ja, aber da wird die Gitarre doch wieder folky und akustisch! Und die Band heißt „Let’s have healthy Children“. Schon wieder aus der Reihe „Insane Music for Insane People“, diesmal Volumen #5. Das spricht mich doch total an. „fear no more“ ist der Titel. Sollte aber auch jeder so raushören können.

Lange kein Klavier mehr hier gehört. Auf zu Colourbox und aus ihrer ersten self-titled-85er Platte perlt „sleepwalker“. Oder taumelt. Schleicht.

Das Todesklavier könnte er spielen, doch läßt Karl Biscuit in „requiem“ lieber ein Todesrauschen oder -schwelgen erklingen. Zu finden auf dem schön becoverten „regrets eternels“ von 1984. So gehen Dandys dahin.

Und gar keine Dandys waren die Mothers of Invention, und so bekommen wir nun die klare Aussage über das schönere Sterben der Creeps. Pow Pow Pow! Oder Lagerhaltung der Freaks. Frank Zappa wußte schon immer, wie unsubtil und doch mehrdeutig und zeitlos gegen alles Krawall gemacht werden konnte. „concentration moon“ findet sich auf „we’re only in it for the money“ von 1969.

Schöner Schwelgen im Schmerz, das kann kaum einer, wie Scott Walker. Scott as in Scott only knows. Dieses Stück, „I threw it all away“ (Original Bob Dylan) nahm er 1996 für den Soundtrack zu „to have and to hold“ auf, der ansonsten von der Echte-Männer-Crew Cave, Harvey, Bargeld mit viel, viel Geigenschmelz erzeugt wurde. Damals hatte Scott schon „Tilt!“ gerufen und war noch einmal zurückgekehrt.

Und ganz plötzlich ist dann Schluß. That’s it, Folks!

Erster Einsatz in der Mixcloud

Die Erkennungsmelodie der kommenden Q-Tips-Zusammenstellungen oder auch Mixe ist der Titel „spider happy hour“ von Laika, aus deren 1994er LP „silver apples of the moon“. Dieses Stück startete bereits 1998/1999 die Sendungen dieses Individuums auf einem kleinsten, luxemburgischen Radiosender, welche ebenfalls Q-Tips hieß. Der Untertitel damaliger Tage soll auch heute gelten: Schöne Musik für schöne Menschen.

Als ersten Song hört ihr deutschen Garagenrock von einer Band, die eigentlich nicht für diesen Sound bekannt wurde, ihn aber hier scharf aus dem Ärmel schüüttelt (hihihi): Amon Düül II mit „Archangels Thunderbird“ (LP: „Yeti“, 1970). Da könnte es dazu kommen, daß alte Meinungen über diese Band, sowie den hier verhandelten Krautrock plötzlich zusammenbrechen. Wer mehr mag, dem sei das „Wolf City“-Stück „surrounded by the stars“ dieser Band ans Ohr gelegt.

Weiter mit Neu!. Neu! machten in Motorik. Wer letztlich diesen Sound irgendwann so beschrieb, weiß ich jetzt nicht. Vielleicht war es Klaus Dinger selbst, der hier Schlagzeug spielt und den Neu!-Sound vielleicht zu etwas mehr als 50% erschuf (der Rest geht natürlich auf das Konto von Michael Rother, der anderen Neu!-Hälfte). Dieser Song heiß „Isi“, stammt von der Michael-Rother-Seite des Albums „Neu! 75“ aus ebenjenem Jahr. Ein exquisit rollendes Stück und ich möchte gerne in dem Klaviersound baden.

Folgend eine total unbekannte Kombo namens Camp Hansen. Leider unbekannt. Der Song trägt den Titel „Autorenmusik“ aus dem Album „keep music progressive“ von 2004. Der Titel soll auf den im Hintergrund hörbaren Ausschnitten aus sogenannten „Autorenkino“-Filmen beruhen. Ob die verwendeten Filmemacher so bezeichnet werden möchten, wissen nur jene selbst, doch tut das der schwebenden Atmosphäre keinen Abbruch.

Ein weiterer Neu!-Titel, „Neuschnee“ aus der LP „Neu! 2“ von 1973 folgt. Auch hier regieren federnder, wie fordernder Beat im Gleichklang mit einer schönen Melodieseligkeit. Das Neu! auch total anders konnten, mag jeder wissen, der sich einmal der hier mißachteten Debüt-LP aussetzte. Anspieltips hier: „Hallogallo“ und „Negativland“.

Und ab mit The Permanent Confusion, die in den 1990er eher für einen weniger krautigen, als dunklen Sound bekannt waren. Hier hören wir „9. November“ aus ihrem erst bald erscheinenden Album „Deutscher Herbst“. In zwei markante Teile zerschnitten, hört sich die erste Hälfte tatsächlich wie eine Fortsetzung des Neu!-Sounds an, doch der Bruch um die 3. Minute bietet ein fürchterlich schönes, anderes Bild. Wenn auch die Melodien gleich bleiben, sind die Parameter im Mix derart verschoben worden, daß ein anderer Song zu laufen scheint, der dann auch eine fast paranoid wirkende Beschreibung von historischen Geschehen an 9. November“n“ in Deutschland zum Bedenken gibt.

Der Sound hier mag ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern, von denen nun das Titelstück ihrer 1990er LP „Haus der Lüge“ folgt. Mit präzisem Beat, nicht nur in der Percussion, sondern auch im Gitarrenspiel, entsteht die Basis für die Wortarchitektur von Blixa Bargeld, der hier gekonnt ein Denkgebäude skizziert, das Siegmund Freud hätte grinsen lassen.

Wieder einen eher harmonischen Sound hören wir von Brian Eno, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Der Song „The Belldog“ erschien auf ihrem zweiten, gemeinsamen Sessionstück „after the heat“. Wer sich noch nicht mit Eno oder dem Duo Cluster (unter diesem Namen firmierten Moebius und Roedelius zwischen 1971 und 1981, sowie später noch manchesmal) auseinandergesetzt haben mag, dem mag hier nicht aufgehen, wie stark sich die beiden deutschen Teilnehmer auf den Sound ihres britischen Kollegen eingelassen hatten. Enos weicher Gesang, der zwar klar verständlich ist, und doch von der Konzeption her eher einem poetischen Genuschel gleicht. Auch wirkt das komplette musikalische Backing eher wie ein wonnevolles Schaumbad. So sollten Cluster nie geklungen haben.

Es folgt der Versuch von „Monza“, einem Titel der Formation Harmonia, die aus den inzwischen hier schon vorgestellten Herren Moebius, Roedelius und Rother (schau nach bei Neu!) bestand. Für das Album „Deluxe“, auf welchem „Monza“ zu finden ist, verstärkte noch der Guru-Guru-Drummer Mani Neumeier die Band. Leider leidet dieses Stück hier unter digitalem Gezische und Geholpere, weswegen es dann weit vor seinem Ende ausgeblendet wird. Ein starker Song bleibt es dennoch.

Wir begegnen nun den möglichen Königen des sogenannten Krautrocks.

Deswegen ein Absatz.

Michael Karoli, Gitarre und Geige.

Jaki Liebezeit, Schlagzeug.

Irmin Schmidt, Tasten.

Holger Czukay, Bass und Radio.

Damo Suzuki, Stimme.

= CAN

Der Song, „bring me coffee or tea“, beendete 1971 das Jahrhundertwerk „tago mago“, das in seiner irrwitzigen Labyrinthhaftigkeit von Jorge von Burgos, dem blinden, humorlosen Mönch aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ erdacht sein könnte. „Tago Mago“ hätte auch den Titel „Finis Africae“ tragen können, als Herberge des vermeintlichen Schatzes der absoluten, aber nicht konsumfähigen Erkenntnis. Und so bietet auch dieses einzelne Stück nur einen Hauch des Glanzes, den das ganze Album in Toto genossen, zu geben mag. Ich empfehle den Transfer auf eine unbeschriftete Musikkassette… irgendwann wirst Du, Hörer, nicht mehr wissen, an welchem Punkt in diesem Irrgarten Du Dich befindest. Du wirst spüren, mit welcher Macht, diese Musik geschaffen wurde. Sei bereit.

01. Mai 2016: Susie, Caroline and the Boys.

Popmusik ist immer ein schöner Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie entsteht. Interessant sind dadurch die Blicke auf sogenannte Evergreens, die auch nach Jahrzehnten noch gerne von vielen Menschen gehört werden.

Ich möchte in diesen Zeilen zwei Lieder vergleichen, die beide bereits etliche Jahre seit ihrer Entstehung auf dem Buckel haben. Das eine ist möglicherweise auch heute noch ein Radio-Evergreen, „wake up little Susie“ von den Everly Brothers. Doch unter Fachleuten findet vermutlich eher „Caroline no“ von den Beach Boys höchste Anerkennung.

Worum gehts? Beginne ich mit den Everly Brothers, die mit dem Song über die kleine Susie noch ganz am Start ihrer Karriere standen. Und der Chef ihres Labels Cadence, wollte diesen ersten gigantischen Welthit gar nicht erst veröffentlichen. Ist er doch auch ein Song mit einem gewissen Punkappeal. Das mag für die Menschen, die den Song, wie ich es lange, lange Zeit tat, nur als Radiohintergrundgeräusch wahrnahmen, erstaunlich sein. Doch, obacht! Nennen wir der Einfachheit halber, das lyrische Ich des Songs, Everly, als Summe der Interpreten. Everly also hat die „kleine“ Susie zum Kino eingeladen, und der Mutter versprochen, daß man um Zehne wieder daheim sei. Nun ist es jedoch vier Uhr morgens, und Everly wacht erschrocken in seinem PKW auf und neben ihm die noch schlafende Freundin. Die Beiden müssen durch ein erschreckendes Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum den Film „Baader“ von Christopher Roth gesehen haben und sind dabei (un)selig eingeschlafen. Wie heißt es im Song: „and we’re in trouble deep“. Wie sieht die Situation nun aus: Susie ist von diesem Abend an die liederliche Schlampe und wir, die Hörer wissen, daß dies nach dem, was uns an Information aus Everlys Mund bekannt ist, nicht stimmt. Die Beiden hatten Pech. Einen unglaublich langweiligen Film zu schauen, bei welchem das Publikum einschläft, nun. Das nennt man Unglück. Auf jeden Fall finden wir hier schon eine Parallele zu der Beach Boys Lied „Caroline no“. Wie werden die weiblichen Protagonisten wahrgenommen? Wir haben schon erfahren, daß Susie unglaublich in der Klemme steckt, denn alle, Eltern und Freunde und Schaulustige, werden eine Meinung bilden, die zum einen nicht dem Geschehen entspricht, und zum anderen völlig konträr zu dem stehen wird, wie der zweite Handelnde (Schlafende), Everly, bewertet wird. Ihm gilt vermutlich das positiv-verbrüdernde „ooh la la“ der Freunde, aus dem Text. Doch Everly sieht sich selber nicht so, er nimmt im Song die Schuld für die verfahrene Situation auf sich, denn ER hatte der Mutter die zeitige Heimkehr versprochen. Nun werden wir natürlich nie erfahren, wie die Geschichte letztlich ausgeht, denn mit den Worten „we gotta go home“ verabschiedet sich der Song mit einigen Takten ausgepumptem Instrumental, nachdem die Musik doch vorher sehr engagiert und emotional aufgeputscht ihre Runden drehte.

Wir können zwar erahnen, daß der empathische Everly seine Susie nicht im folgenden Regen alleine stehen lassen wird. Und wir können hoffen, daß dieses Geschehen im Autokino keine großen Kreise ziehen wird, so daß Susie auch am folgenden Tag sich noch in der Kommune blicken lassen kann, ohne daß ihr Steine um die Ohren fliegen. Ich erinnere noch einmal daran, der Song wurde 1958 veröffentlicht.

Noch ein letztes Wort zu dem vorhin erwähnten „Punk-Appeal“ des Songs. Wenn das, was ich gerade als bestmögliches Ergebnis erzählt habe, so nicht geschieht, dann wird aus „wake up little Susie“ ein Song, der Aussenseiter und Ausgestoßene produziert. Und wenn nun die Leserin sich sehr sicher ist, daß diese Story von 1958 heute kaum mehr relevant ist, dann frage ich gerne nach, ob dem wirklich so ist? Vom grundsätzlichen Aspekt her, sehe ich hier wirklich die Geschichte einer glücklicherweise beendeten Ära, in welcher die unbedingte Reinheit der Frauen über allem zu wahren war, jeglicher Schatten eines Verdachts ein Unding! Hier wurde die Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts im Ideellen massiv beschnitten, wobei gerade auch Geschlechtsgenossinnen ihren Anteil hatten. Hieran rüttelten die Everly Brothers noch sicherlich nicht, doch war ihr Song immerhin gefährlich genug, um diese Geschichte zu erzählen, daß – wie schon erwähnt – der Chef ihres Labels den Song zunächst nicht veröffentlichen wollte und im Nachgang etliche Radiostationen das Stück boykottierten. Insofern hat dieses kleine Stück schon eine gewisse Progressivität in sich enthalten. Wollen wir nur hoffen, daß all die kleinen Susies, die auch heute noch unter den wachsamen Augen ihrer Familien keine Freiheiten spüren dürfen, irgendwann genau dieses Ziel erreichen können.

Und die Beach Boys?

Es ist wirklich bemerkenswert, daß seit Mitte der 1990er die große Bewunderung für deren Album „pet sounds“ aus dem Jahr 1966 ein Maß erreicht hat, daß jene Platte unter die größten Werke der zeitgenössischen Musik gespült hat. Ja, ich habe mich insofern davon anstecken lassen, diesen Tonträger vor wohl zwanzig Jahren erworben zu haben. Ich darf wohl sagen, daß ich das Titelstück, ein Instrumental, wirklich für sehr, sehr gelungen halte. Doch wollte Brian Wilson damals den beiden von ihm bewunderten Beatles-LPs „rubber soul“ und „revolver“ ein noch besseres Werk entgegensätzen. Das hat nicht funktioniert. Mindestens „revolver“ ist letztlich zwar – mit Ausnahme von „tomorrow never knows“ einfacher gestrickt, doch in Verbindung mit der einfallsreicheren Textarbeit tragen die Beatles den Sieg über „pet sounds“ davon, da sie eine bessere Balance schaffen und ihr Ideenreichtum Wilson und Helfer übertrifft. Nebenher halte ich „revolver“ auch für eine insgesamt bessere Platte, als der Nachfolger „Sergeant Pepper’s lonely hearts club band“, der gerade in seinem Mittelteil etliche Längen aufweist.

Doch was hat dies mit Caroline zu tun? Genau, zurück zum eigentlichen Thema. Zunächst ist mir natürlich auch bekannt, daß der Text des Stücks „Caroline no“ nicht unbedingt etwas mit einer so genannten Frau zu tun hat. Zwar gibt es mindestens zwei zu der Zeit lebende Damen, die jedoch beide Carol hießen, die in eine leichte Verbindung mit den Worten gebracht wurden, doch der Texter Tony Asher läßt uns wissen, daß er Brian Wilsons Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit der Unschuld hier zwischen den Zeilen erkennt. Asher hatte Wilsons Vorlage in die letztlich verwendete Fassung gebracht. Und eine der beiden Frauen, die ich erwähnte, ist auch Tony Ashers vormalige Liebschaft gewesen.

Wir treffen auf einen traurigen Mann in den Worten des Songs. Nennen wir ihn Brian. Er betrachtet jene Caroline: Sie hat ihre Haare geschnitten. Sie hat ihre glückliche Ausstrahlung verloren. Sie hat wohl einst versprochen, daß sie sich nie verändern werde. Nun ist es geschehen. Und damit stirbt eine süsse Sache, so hören wir es von Brian, der von diesem Verlust schwer getroffen ist. Die Musik, welche die Worte untermalt, ist formidabel gesetzt. Meisterlich! Wäre es ein Instrumental, würde ich auf die Knie gehen und dieses Stück preisen. Doch nein! Da sitzt Brian und muß sich nun folgendes anhören: Wie ich schon erwähnte, sieht der Mitverfasser Tony Asher hier eine Allegorie. Von Brian Wilson ist ähnliches zu lesen. Er sah sich inzwischen so stark mit dem Ernst des Lebens konfrontiert, daß ihm Angst wurde. Doch steht es so nicht in der Lyrik dieses Liedes. Nein, dort wird eine weibliche Person namens Caroline geziehen, sich verändert zu haben! Sie hat sich die Haare geschnitten! Sie hat ein anderes Auftreten! Diese Dirne! Vermutlich hat sie Drogen konsumiert und sich Haschisch gespritzt! Und eines meiner Sandförmchen versetzt!

Das mag jetzt etwas arg verletzend in Richtung unseres Song-Brians gemünzt sein, doch habe ich nur die oberflächliche Botschaft des Songs in krawallige Wörter paraphrasiert. Und hier haben wir mit Brian einen jener Vollidioten, die 1958 noch die arme Susie aus der Stadt gejagt hätten, denn die war oberflächlich auch nicht in ihrer Küche sitzen geblieben und hatte sich, während sie sich jungfräulich empfangene Kinder wünschte, die hochgeschlossenen Kleider für den nächsten Kirchgang bereit gelegt. (Siegmund Freud hätte seine Freude gehabt: Gerade wollte ich Kirchgang tippen, da verirrte sich einer meiner Finger zu „Kri…echgang“. Freud lacht noch immer) Selbstreflexion bietet der Song-Brian in keinem Buchstaben. Auch ist keine Bewegung, keine Empathie (im Gegensatz zu Herrn Everly aus dem vorigen Song) in den Worten nachzuweisen, nur die manisfestierte Enttäuschung in einen anderen Menschen, oder auch in eine Situation. Und dieser Song wird als Meisterwerk gepriesen? Bei Zeus! Würde der Großmeister des Ku-Klux-Clan ein barock komponiertes Werk voller textlicher Allegorien veröffentlichen, würden dann auch die ganzen Pet-Sounds-Nerds diesem Schund hinterhereiern?

Vermutlich. Charles Manson soll auch etliche Bewunderer haben.

01. Juli 2015

Im Kopf, tief drinnen, sitzt ein roter Knopf. Diesen darf niemand drücken. Es ist der (Selbst-)zerstörungsmechanismus, der dadurch ausgelöst wird. Wenn ich unter Schmerzen bin, ist der Weg freigelegt. Passend zu diesen Gedanken lief gerade der wunderbar in Harmonien badende, sanfte Gesang theme aus dem heiteren Paris au printemps-Album von Public Image Limited. Wie singt der gnädige John Lydon dort: and I wish I could die. Der Hörer mag sich wundern, wie sich dieses wunde Röhren vor dieser unbarmherzig rotierenden Bass-Schlagzeug-Gitarrensplitter-Maschinerie überhaupt noch am Leben erhält? Das Schlagwerk (ja, so muß man es tatsächlich benennen) erinnert nirgends besser an den Rhythmusgeber einer Galeere. Das die Gitarre an sich, ob der aggressiven Schleifarbeit, Funken absprüht, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Keith Levene, der hier für diese feinmechanische Zerstörungsarbeit an den Synapsen zuständig ist, belegt mit dieser Aufnahme seinen Doktorarbeit in neurologischer Infarkterzeugung. Jah Wobble am Bass geht in diesem Tumult leider etwas unter, doch vermute ich, sind seine Zähne schon als Anblick tragisch genug, um den Lydon’schen Ausruf auszulösen. Hehehe, Pennsatucky-Style. Ich vermute, die meisten Leser werden inzwischen das heftige gefühlsmäßige Pendeln in diesem Text bemerkt haben und ich möchte kurz anmerken, daß dies nicht damit zu tun hat, daß ich eventuell gerade mal ein Wort pro Vierteltag schreibe, wodurch verschiedenste Mentalzustände ihren Niederschlag fänden. Nein, so nicht. Ich kann innerhalb von Sekunden mein Empfinden brachial verändern. Und derweil heult John Lydon immer noch uns diametral ins Gesicht, daß and I wish I could die. Was ist so bemerkenswert an dieser Aussage? Liegt es an dem wirklich erkennbaren Überdruß, der da mitschwingt? Liegt es an Jah Wobbles Zähnen? Liegt es an Paris im Frühling? An den Pariser Bürgern, die dort John Lydon während eines Konzertes betrachteten? Okay, der Song ist ja schon älter, als diese Aufnahme und so fällt Paris als Stadt des tief empfundenen Todeswunsches leider aus. Derweil möchte ich dennoch anmerken, daß ich schon in Paris weilte und wirklich lieber tot gewesen wäre. Und es lag durchaus an Paris! Teilweise ausgelöst durch die mir mangelhaft bekannte, oder tatsächlich vor Ort mangelhaft ausgeprägte Infrastruktur an guten Plattenläden. Schämt Euch, ihr Pariser! Vinyl muß an der Champs Elysée verkauft werden! Da, wo ich herumgeschleppt wurde. Was interessieren mich irgendwelche französischen Prachtbauten, auf die man sich nebenher über ellenlängere Prachtstraßen hinbewegen muß, ohne je das Gefühl zu erlangen, daß man sich überhaupt vorwärtsbewegt. Nebendran fahren Franzosen auch noch Auto. Ich sollte lieber schreiben: Als mitgeliefertes Schauspiel führen Franzosen in Karosserien waghalsigere Manöver vor, als sie sich Transformers-Drehbuchautoren je ausdenken könnten. Und das zu 90% Haftpflicht unversichert. Könnten arglose Touristen nicht leihweise mit Scheuklappen bestückt werden, damit sie sich diese suizidal-fröhliche Treiben nicht noch mit ansehen müssen? Wer soll das aushalten? Stellen Sie sich diesen mackenbeladenen, amerikanischen Detektiv namens Monk vor, den schon ein paar Laserpointer zu springteufelhaften Tanzen bringen? Er würde sich sofort entleiben, müßte er dem Verkehr entlang französischer Prachtstraßen beiwohnen. Keith Levenes Gitarre, laut über Kopfhörer, hilft da schon einen Schritt weiter. Wie akustische Handgranatensplitter dringt sie durch die Szenerie, hinterläßt tiefe, bluttriefende Wunden. Die Bilder klaffen. Oder zerreissen sie die Augen der Schaulistigen. Genau. Zu lange gestarrt, der kleine Levene kommt und übernimmt die Kontrolle. And I wish I could die. Es sind die Hörer, die da singen, es ist nicht John Lydon. Er wird als Medium genutzt, um den anschwallenden Überdruß hörbar zu machen. Nein, mein Name ist nicht Greil Marcus. Aber ich weiß, daß Sie das denken. Ich weiß. Morgen höre ich mir lieber Cleaners from Venus an. Und das Paris der 1990er kann der Teufel holen, und durch Prachtboulevards voller unabhängiger Plattenläden ersetzen. Kilometer lang sollen sie sein. Man kann dort kaufen. Man kann jedoch auch eigene Ware mitführen, die dort gewienert und gewaschen wird. Die glänzenden Vinyls werden von Hand Dir übergeben. Mit Kennerblick wirst Du gemustert. „Sie besitzen diese Original-Seven-Inch von Bent Fabric?“ „Ja.“ „Oh! Auf Metronome, wie ich sehe.“ Der Übergebende zieht fast unbemerkt die Augenbraue in die Höhe. „Ja, ich habe sie mal irgendwo gekauft.“ „Ein glücklicher Kauf, wissen Sie?“ Für einige Momente darf man sich gut fühlen, dann wird Dir wieder klar, daß a) die Single trotzdem nichts wert ist und b) die Musik – das Eigentliche eines solchen Produkts – unerträglich fade. Der Traum sollte dennoch in einem Paris der Zukunft umgesetzt werden. Nick Hornby, bitte finanzieren oder Investoren klarmachen!