„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

„Young kids playing rock music, should be ashamed of themselves for not doing something really new.“

Wenn ich diese Aussage lese. dann stimme ich ein wenig zu. Der Mensch, welcher dieses sagte, will wohl auch einfach etwas zuspitzen und vielleicht sogar Widerspruch auslösen. Was auch immer. Ich frage mich natürlich, ob Rockmusik im Jahr 2016 wirklich noch wichtig ist. War sie jemals wichtig? Ja. Auf jeden Fall. Doch die beste Musik, die ich selber über die Jahre in meinem Herzen sammelte, war Musik, die vielleicht Rock oder auch komplett anderes war, aber Musik, die berührte. Insofern kann die Rockmusik ab der Gegenwart ruhig verschwinden, in Bezug auf die erwähnten „young kids“. Und die Alten, die noch zum Instrument greifen? Okay, seien wir ehrlich. Weltbewegendes hat es in der Rockmusik tatsächlich seit Jahren nicht mehr gegeben. Und eine neue Punk-, Metal-, Indierockband braucht auch kein Mensch. Explosive Musik mit Gitarren, Bass, Schlagzeug machten zuletzt höchstens noch die Swans, die das Vokabular der Musik jedoch auch mächtig erweiterten, da sie Atmosphäre und Aura der Musik belebten und ihnen die Länge eines Musikstückes völlig egal wurde, so das die Fugen auseinanderbrachen. Und da die Swans ihre Musik hauptsächlich über die neue Schiene des Fundraising finanzierten, war die Musikindustrie nur noch als teilweiser Verteiler gefragt. Und die Industrie braucht den Rockmusiker noch, und dabei auch gerne mal jung und unverbraucht, damit auch das junge Publikum noch bedient werden kann. Es mag 14-jährige Jungs und Mädels geben, die einen Michael Gira als Idol sehen können, aber viele werden es nicht sein, welche die Geduld aufbringen, sich mit derart sperriger Musik auseinanderzusetzen. Wenn also alt, dann Acts, die auch bei sommerlichen Festivals noch die Massen bewegen können. Und das ist keine Rockmusik mehr, sondern Show. Entertainment. ZDF-Fernsehgarten für Hippies und solche, die das nie zugeben würden, denn ihre Tattoos passen nicht dazu, denn sie sind HARTE, ganz HARTE Jungs und Mädels.

„young kids should stop flogging dead horses.“

Noch ein Zitatteil, das in sofern interessant ist, da es auf einen Plattentitel der Sex Pistols verweist. Der Kenner weiss, das diese Platte erst nach dem Ende der Band veröffentlicht wurde und auch nur Unveröffentlichtes und Ausschuß zusammenraffte, womit dem Titel „flogging a dead horse“ auch schön Genüge getan wurde. Und da setze ich doch mal an: Was wäre jetzt so schrecklich an einer Band aus 19- bis 25-jährigen Menschen, die den Ball der Sex-Pistols-Nachfolgeband P(ublic) I(mage) L(imited) aufnähmen und einen Sound wie jene auf „metal box“ brächten? Oh, das wäre himmlisch! Wird es eine solche Band geben? Nein. Es könnte sie geben, denn sicherlich wird dem ein oder anderen jungen Menschen irgendwann dieser Sound auf dem Lebensweg begegnen. Und von diesen jungen Menschen wird vielleicht jeder zehnte auch so tief beeindruckt sein, das er/sie sich denkt: „Das will ich auch mal machen.“ Denn der zwischen Krautrock und Dub angesiedelte klinische Antirock-Sound mit schneidenden Gitarren, angewidertem Mundwerk ist sicherlich noch nicht totgespielt, kein verendetes Pferd vom Anger. Dennoch wissen die meisten Menschen, die es jemals mit der Musik versuchten, das der eigene Sound auch sehr stark von der direkten Umwelt geprägt wird, was auch für die Musik von PIL galt, denn diese hörten Can und Reggae am Gunter Grove. Das nur mal als Anstoß. Neue unrockende, aber laute Wege sind möglich, auch noch nach 2016.

Warum trotzdem immer noch junge Menschen es mit diesem Klangbild versuchen? Außer, das es einfacher ist, als z.B. sich im Jazz zu versuchen? Die Rockmusik ist inzwischen gesellschaflich so integriert, daß der Tod eines Rockmusikers in der Jetztzeit mehr Tränen hervorrufen kann, als der Tod eines anderen prominenten Menschen. Sollten tatsächlich irgendwann Mitglieder der Rolling Stones sterben, werden wir es wieder messen können. Ein weiterer Grund ist der wirtschaftliche Aspekt, denn würden die Kids tatsächlich diesem Stil entsagen und völlig neue musikalische Klangwelten entwickeln, würde dies die Musikindustrie vor ein unglaubliches Problem stellen, denn damit brächen sicherlich auch Kundenpotenzen weg, die vielleicht das neue RedHotChilliPeppers-Album einfach ignorierten und bei deren Auftritt während einem Sommer-OpenAir einfach das Gelände verliessen, denn: „Rock? Pfff!“ Undenkbar? Naja. Ganz undenkbar sicherlich nicht, doch um wirklich den jungen Rock zu schleifen, bräuchte es auch ein Umdenken in anderen Aspekten des täglichen Lebens.

„young kids should definitely search for the interacting with others in making music, but not by evoking old clichés.“

Da findet sich dann auch der Ansatz, daß ein wesentlicher Punkt des Bandmusizierens wichtig ist: Das Miteinander. Und es ist kein Miteinander, das von einem unbestimmten Außen gefordert wird, denn oft ist der Funke, der eine Band begründet, die gemeinsame Sympathie. Oder? Für mich als Hörer wäre eher wichtig, das sich junge Menschen dem Aspekt stellen, das ihre Musik berührt. Und wie einst der weise Robert Fripp wußte: „In der Rockmusik kann es dir passieren, das du gefickt wirst.“ Was sich vielleicht abschreckend anhören kann, ist jedoch eine einfache Einladung dazu, offen zu sein für die Schwingungen der Musik. Und wer sich dazu hingibt, macht keine Musik mehr, die sich nur wie eine Klonung bestehender Sounds anhören wird.

Q-Tips #3 – on a sunday morning

Der neueste Mix aus der Q-Tips-Reihe – erstellt, um Ohren zu reinigen – huldigt einmal großflächig den Taten der Altvorderen. Doch zaget nicht, ihr Jüngsten, auch die moderne Musik wird einziehen, in dieser Reihe. Ich verwende keine Energie auf Grenzziehung und -erhalt.

Dieser Mix ist dem desperat sonnigen Sonntag Vormittag gewidmet. Und sollten Sie keinem depressiven Schub erliegen, könnte er auch eine Wirkung erzielen. Ich wünsche Glück hierfür.

Und so startet dieser Mix, nach dem inzwischen in den Ohren verankerten Laika-Intro, mit den ersten sechs Minuten des schönsten Radiohead-Stücks aller Zeiten. Kurioserweise nannten sie sich damals noch Pink Floyd und die Platte hieß „Meddle“. Waren die Radioköpfe eigentlich 1971 schon geboren? Sei’s drum, „Echoes“ ist ein Monument der leichten Köstlichkeit. Progressiv, aber noch lange, lange nicht exaltiert in Kopflastigkeit. Der richtige Dosenöffner für einen hinreißenden Tag.

Was „Echoes“ noch möglicherweise an Funk fehlt, da sich die Floyds gerne eher in die Wolken spielten, bringen Can, bei denen Drummer Jaki Liebezeit gerne mal einen dreckigen Beat spielte. Hier bleiben wir im Jahr 1971 und lauschen einem Auszug aus dem glorreichen „Halleluwah“ aus der sensationellen „Tago Mago“. Wenn der Sonntag mit dem Kitzeln der Floyds beginnt, so sind Can die feinen Wasserstrahlen der Dusche, im Laufe des Stückes mit Massagewirkung auf der Kopfhaut.

Es liegt nicht an der Musik, daß der folgende Song etwas ungelenk durch die Türe stakst, denn der Franzose an sich gilt ja gerne als elegant. And french he is, indeed. Jean-Jacques Perrey. Mit dem Stück „E.V.A.“, diesmal ausgesuchtes 1970er Material. Ein weiches Frotteehandtuch, das sich freundlich um den Körper des Hörers legt.

Und – schwupps – sitzet frau beschwingt am Küchentisch und nippt am Orangensaft. Am frisch „gerippten“ Orangensaft. Passenderweise hören wir den jungen Edwyn Collins mit seiner ersten Hitband, welche – huch – Orange Juice hieß. 1982 veröffentlichten sie das unglaublich begeisternd wippende „rip it up“.

Möchten wir nun noch ein modernes Küchengerät starten, so brauchen wir unbedingt „electricity“, flugs geliefert von den hereinschneienden Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, aus derem zweiten Album. Ja, das ist doch schon richtiger Punk, oder? Kraftwerk mit Verve nachmachen, und von jenen einen Songtitel von 1971 (schon wieder…) borgen, und das ganze 1980 total unquantisiert einherrocken, ohne Gitarre. Punk!

Jetzt mal schön zurücklegen mit dem Bill Evans Trio. Ach nein, die Platte heißt ja „Sunday at the Village Vanguard“. Überraschung! Und „my man’s gone now“ sollte für die Hörerin/den Hörer bitte nicht passen. Ansonsten schreiben Sie mir, ich bin ein guter Leser. Und vielleicht kann Bill Evans Sie ein wenig ablenken. Und wenn nicht, wird…

…Richard Strange, auch bekannt als Kid Strange von den Doctors of Madness, Sie mit seiner negativen Weltsicht anheimeln. „Kiss goodbye tomorrow“ nahm er 1980 neu auf, das Original stammt noch von seiner alten Band, den Doctors (LP „sons of survival“, 1978). Nice! Diese akustischen Gitarren, die so gerne rocken wollen.

So sitzt der Sonntag vormittag in einem Café, und wir senden dem Rest der Welt ein unsicheres Lächeln. Und wer konnte solche zwielichtigen Gefühlszustände besser vertonen, als der junge Matt Johnson, der sich gerne als der Der bezeichnete. (???) Ja, dummer Scherz, die Band nannte er The The. 1983 kam das erste richtige Bandalbum, welches „soul mining“ hieß, und dort fand sich dieses Kleinod „uncertain smile“, das neben Matt Johnson einen weiteren Star aufbot. Der hieß Jools Holland, und Sie dürfen nun raten, welches Instrument er spielte und damit gar nicht aufhören wollte…

Dieses Instrument findet sich definitiv nicht im folgenden Song. Dafür Krawall und Rückkopplung, ach! Wie ein sonntag morgendlicher Sonnenstrahl, auch dieser harmonische Gesang. Sie meinen den Song zu erkennen, aber nicht so? Nun, es war auch ein Welthit, dieses Mal jedoch von 1972. Und auch Neil Young selbst hätte es zu anderen Zeiten geschafft „heart of gold“ so klingen zu lassen. Hat er aber nicht, so blieb es den Nozems vorbehalten 1992 den Song unter Strom zu setzen. Und wenn der Song in einer rocktypischen Feedbackorgie endet, schält sich langsam….

…wieder der beste Radiohead-Song aller Zeiten aus dem Nebel und wir werden belohnt für all die Zeit des Harrens mit den letzten sieben Minuten von „Echoes“. Hach. Da schwingt ein kleines Maß an sonntäglichem Fernweh mit.

that’s it, Folks!

15.05.2016 – Was war das nochmal mit „OK Computer“?

Vor vielen, vielen Jahren schrieb ich bereits ein handvoll Zeilen (hier der Link für starke Nerven… Ihr müßt ein bisserl runterscrollen) über diese sogenannte beste Platte aller Zeiten hier: RateYourMusic, Stand 15.05.2016

Damals nannte ich das Album „die Arno-Schmitt-Platte 1997“. Stehe ich auch heute noch zu. Die größte Frage, die ich damit wohl aufwerfe ist: „Wer oder was ist Arno Schmitt?“ Eure Schuld, wenn ihr es nicht wißt! Bildet Euch, bei Zeus!

Wer sich einmal Zeit seines Lebens mit entweder „Schwarze Spiegel“ oder „Abend mit Goldrand“ auseinandergesetzt hat, oder mit einem der anderen literarischen Höhepunkte des Herrn Schmitt, der weiß, der Mann hatte eine ziemlich unverdeckte Wut, meist auf seine direkte Gegenwart. In „Schwarze Spiegel“ begegnet der Leser einem Protagonisten, der alleine durch ein kriegsatomar verwüstetes Norddeutschland wandert. Er trifft irgendwann auf eine ebenfalls überlebende Frau. Dieses Aufeinandertreffen ist nebensächlich, die beiden gehen bald wieder ihre eigenen Wege. Die Kunst Schmitts in dieser Erzählung liegt daran, das totale, überwältigende Fehlen von jeglicher Handlung durch seine Sprachgewalt vom Tisch zu fegen, mit welcher er das in Worte webt, was sein Protagonist sieht, und was das Gesehene an Geschichte zeigt. Kaum eine andere Erzählung ist tieferer Menschenhass, der zweifelsohne noch durch die Zeitgeschichte Deutschlands von 1933 bis 1945, und die Ausläufer eines teilweise widerwärtigen, konservativen Denken bis weit in die 1950er geprägt ist.

Was hat dies mit Radiohead zu tun? Nun, es hilft nichts, daß bezüglich ihres Albums „ok computer“ gerne von der Musik geredet/geschrieben wird. Ahnungsloses Gestocher. Damals schrieb der deutsche Rolling Stone davon, daß diese Platte das „dark side of the moon“ der 1990 sei. Vielleicht. Die Wirkung eines Stückes, wie „us and them“ ist durchaus generationsübergreifend, und damit die Deutung des Rolling Stone widerlegt. Und so wird auch „lucky“ noch in jahrzehnten empathische Menschen ergreifen. Und es wird natürlich an der hochgetürmten Musik liegen, an den mellotronartigen Keyboardsounds, doch ich erzähle Euch Lesern nun genau, woher die kalte Hand kommt, die Euch ans Herz greift, und es nicht Schlagzeug, Bass, Gitarre, Tasten… nein, auch nicht der Gesang an sich. Klar, daß das Zusammenspiel dieser Elemente den Song trägt, doch es ist dieser kleine Moment, bevor Thom Yorke sich in den ersten Refrain geschwungen hat, zum ersten Mal die Worte „pull me out of the aircrash“ gesungen hat… da kommt dieser Moment, in welchem er etwas tiefer Luft holt, leicht nasal, und „pull me out of the lake“ hinterherruft (1:16). Und wenn Ihr ehrlich seit, so besitzt auch dieses Stück einen gefühlten Untertitel, der „Schwarze Spiegel“ heißt (ohne den Arno-Schmitt-Plot), alleine durch die Undurchdringlichkeit, die Radiohead hier in der Reflexion dieses Stückes dem Hörer anbieten. Hier gibt es keine Gefühle, die wir mitnehmen in unser Leben, weil da jemand ein Lied schreibt, daß uns in unserer Existenz weiterhilft. Oder das uns irgendwie bestätigt. Selbst „exit music (for a film)“, das letztlich von einer Romanze zu erzählen scheint und auch mit der damaligen Verfilmung von „Romeo and Juliet“ in Verbindung stand, ist ein schwarzer Monolith, welcher uns Rezipienten genauso harsch und ohne Erklärung vor die Tür setzt, wie das die Monolithen in „2001 – Odyssee im Weltall“ mit den armen Forschern taten. Radiohead senden uns nicht zum Jupiter, nein, sie sagen: „Geht kotzen und erstickt“. Das ist Punk, oder? Hätte ein etwas besser reflektierender John „Sid V.“ Richie auch gesagt und dementsprechend musiziert. Aber Radiohead sind keine Prolo-Punks mit zuviel Substanz in den Adern, sondern im Hirn. Und vermutlich auch zuviele Tritte ins Gesicht zur Schulzeit, wenn wir uns die Visagen der Herren so ansehen. Der Fuzzbass am Ende von „exit music“ ist wohl einer der verwegensten seit John Cale in „white light/white heat“ der Zunft der Viersaiter seine Definition eines irren Basslaufes aus der Hüfte entgegenschoß. Der Mann spielte ja lieber auch andere Instrumente.

Was preisen wir dann auch „no surprises“? Eine Aufforderung zum Amoklauf, vielleicht, mit unbedingter Selbsttötung am Ende? Ein Lied, das wie ein Kinderlied klingt. Einfach, harmonisch einwandfrei, und doch definitiv tötlich. Wird der Hörer hineingelassen? Will er da rein? Am schlimmsten ist, daß heute, neunzehn Jahre später, dieses Stück keine Sekunde langweilt, trotz oftmaligen Hörens. Was auch für die anderen Couplets gilt. Okay, „fitter happier“ ist vielleicht doch etwas plan gedacht und ausgedrückt, doch ist es ein klarer Teil des Konzepts, dem Radiohead hier folgen. Also doch, „dark side of the moon“? Nein, denn Pink Floyd waren auf ihre Art und Weise gesellschaftskritisch, und hatten vor Finger in Wunden zu legen, und genau dem verweigern sich Radiohead. Sie müßten eine Gesellschaft anerkennen, die sie kritisieren würden. Und genau hier ist der Unterschied. Radiohead tauchen in „karma police“ auf der Partie der jungen Frau mit der Hilterfrisur auf und sorgen für Unruhe. So ist auch der Sinn dieser ganzen Platte. „OK Computer“ ist nicht nur ein Party- sondern ein Lifecrasher. Ein vertonter Amoklauf, dessen Ziel nicht die Leben, sondern die Sicherheit dessen ist, was die Hörer bis zu dem Zeitpunkt seines Lebens als Realität ansehen mochte.

Ich verstehe von daher den andauernden Erfolg der Platte nicht. Da bin ich ehrlich. Ich vermutete bis dato, daß es auf diesem Planeten so viele ihrer selbst sicheren Menschen gäbe, die irgendwann sagte: „Liebe Radioheads, jetz‘ is‘ mal gut, nich‘.“ Oder sind da vielleicht zu viele Erinnerungen an z.B. Collegesex zu „the tourist“? Ich empfehle lieber „kind of blue“, bessere Tempogestaltung über die volle Länge der LP. Oder ist da doch vielleicht eine größere Menge an Menschen, die sich gerne der subtilen Beleidungsorgie anschließen, die sich in diesen Tönen versteckt? Oder zuviele, die auch „chickens“ in ihren Köpfen gackern hören? Die sich entsprechend als paranoide Androiden sehen? Nicht von der Hand zu weisen, einer schreibt hier gerade 😉

In jedem Falle gelang dieser Band hier der gerade Weg von „thought to expression“, für den es laut Lou Reed „a lifetime“ braucht. „Pablo Honey“ ist langweilig und schlecht geklaut (bis auf den einen Hit). „The Bends“ ist in den lauten Songs grausig, die Balladen weisen schon einen Weg. „Kid A“ hat einige gute Verbeugungen vor dem Vorgänger, der Rest ist zu bemüht, andere Geschichten zu erzählen. „Amnesiac“ hinterläßt an manchen Stellen weniger Kopfkratzen, als Wutschreie, ob der miesen Songqualitäten. „Hail to the Thief“ ist noch ein Versuch, der ein Versuch bleibt. Keine Ahnung, was danach kam. Meine Geduld war zu Ende, und eines wußte ich: „OK Computer“ gibt es schon.

Es gibt bessere Platten, aus meiner Sicht. Eine wäre „Metal Box“ von P.I.L., die eine noch härtere Art des Weltekels bietet. Und ebenfalls von Bassläufen lebt.

Aber sind wir doch froh, das es diese Künstler gibt. Thom Yorke und seine Jungs. John Lydon, Keith Levene, Jah Wobble und der ein oder andere Drummer.

Q-Tips #2 (heyhey, Mixcloud, hey)

Die ersten Momente gehören dem etablierten Intro der Q-Tips-Reihe, die schon vor etlichen Jahren auf Radiowellen begann: Laikas „spider happy hour“.

Es folgen die in San Francisco beheimateten Longshoremen, die mit einem schönen Beatgedicht zu – sind das Küchengeräte? – und Fingerschnippsen einhergrooven. „what does it all mean“ heißt das Stück und im Song: „television personality’s out“. Zu finden ist dieses feine Stück auf dem Sampler „Club Foot“ aus dem Jahr 1981. Vor einigen Monaten neu aufgelegt.

„Dig it“, heißt es noch, dann starten Tuxedomoon mit „music for piano + guitar“, das 1986 auf „ship of fools“ veröffentlicht wurde. Ein erstes, beinahe leises Balsam für Seelen.

Coil veröffentlichten 1991 ihr Album „love’s secret domain“, und ein Jahr später liessen sie eine Platte mit dem Titel „stolen and contaminated songs“ folgen, auf welchem sich etliche Urversionen der „l…s…d“-Songs fanden. Unter anderem „original chaostrophy“, das in aller digitalen Heimeligkeit hier nun sein Wesen daherschleifen lassen darf.

Es folgt ein Stück, das wohl zu den mysteriösesten Veröffentlichungen zählt. Die Platte trägt den Titel „Lingva Pravorvm Peribit“ und ist um 2001 durch das belgische Label Firstcask veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen aus dem lettristischen Umfeld, heißt es. Die Titel selbst bleiben unbenannt. Im Run-Out-Groove der Seite C, auf welcher das gespielte Stück erscheint, steht Videoconference. Klingt doch gut, oder? In jedem Fall ein sonderbares, hölzern groovendes Stück mit fürstlichen Melodien, wie ein Erschießungskommando. (Link zu weiterführender Information zu dieser Schallplatte)

Da paßt der Nachruf auf die letzte Nacht der RAF’s Ensslin, Raspe und – bäh – Baader, den Permanent Confusion mit dem Titel „18. Oktober“ präsentieren. Wackelig, nervös und beunruhigt schleicht dieses Stück dahin, um sich in beschwörendem Flüstern aufzulösen.

Mit Rip, Rig & Panic folgt eine leider sehr in Vergessenheit geratene Combo, die den wunderbarsten Songtitel hat: „beware (our leaders love the smell of napalm). Erschienen 1980 auf „god“. Auf dem Cover kratzt sich ein Tier am Hintern. Das jazzige Klavier im Titel unterstreicht die Würde jedes Agnostikers, danke!

Die Kinks haben ihn erfunden oder eher seinen Namen im kontinentalen Bereich bekannt gemacht. Jetzt darf hier der Ex-S.Y.P.H.-Sänger Harry Rag bei „russian puppet“ auch Klavier spielen, nicht jazzig, aber punktiert und langsam, aber nicht sentimental. Nee, nee! Erschienen 1992 auf „Trauerbauer“.

Und zack, tauchen schwebende Gitarren auf, gespielt von M.A.L., zu finden auf „insane music for insane people, vol. 1“, 1981. Und „insects in love“ heißt das süße Liedlein, das klingt, wie ein feuchter Fiebertraum jedes Pink-Floyd-Fanatikers.

Von Pink Floyd zu Simon & Garfunkel scheint im Overground des Mainstreams ein kurzer Schritt, doch obacht! Die beiden komischen New Yorker Käuze konnten auch nicht konsensselig, wie ihre brückenlastigen Hits nahelegen mögen. Hier hatte Paul mal in der U-Bahn die Augen auf, und schrieb dann „a poem on the underground wall“, 1966 auf „parsley, sage, rosemary and thyme“ veröffentlicht.

Auf der B-Seite der weltbekannten Ronettes-Single „be my baby“ versteckte 1964 der berüchtigte Produzent Phil Spector ein jazzig-loungiges Instrumental mit dem Titel „Tedesco and Pitman“. Was ist hier wirklich der größere Hit?

Und nun zur hier ätherisch klingenden Brigitte Fontaine mit einem Stück aus der vorzüglichen Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble of Chicago, „comme à la radio“, das 1969 aufgenommen wurde.

Und plötzlich hält der unglaubliche Groove Einzug! Duke Ellington nahm 1963 mit Charles Mingus und Max Roach die hervorragende Scheibe „money jungle“ auf. Dort findet Ihr alle diesen Knaller, „caravan“! Ja, ich weiß, ist ein Ellington-Klassiker.

Und es wird wieder anschmiegsam mit Bill Rieflin und Chris Connelly, die uns „prayer“ aus dem Album „largo“ spielen, das 2000 veröffentlicht wurde. Vom munteren Klavier zum betulichen.

Und weiter zur kratzigen Gitarre von DNA! Da kann frau mal richtigen No-Wave hören mit Arto Lindsay. Der Song war die A-Seite der 1979er Single „you & you“

Ja, aber da wird die Gitarre doch wieder folky und akustisch! Und die Band heißt „Let’s have healthy Children“. Schon wieder aus der Reihe „Insane Music for Insane People“, diesmal Volumen #5. Das spricht mich doch total an. „fear no more“ ist der Titel. Sollte aber auch jeder so raushören können.

Lange kein Klavier mehr hier gehört. Auf zu Colourbox und aus ihrer ersten self-titled-85er Platte perlt „sleepwalker“. Oder taumelt. Schleicht.

Das Todesklavier könnte er spielen, doch läßt Karl Biscuit in „requiem“ lieber ein Todesrauschen oder -schwelgen erklingen. Zu finden auf dem schön becoverten „regrets eternels“ von 1984. So gehen Dandys dahin.

Und gar keine Dandys waren die Mothers of Invention, und so bekommen wir nun die klare Aussage über das schönere Sterben der Creeps. Pow Pow Pow! Oder Lagerhaltung der Freaks. Frank Zappa wußte schon immer, wie unsubtil und doch mehrdeutig und zeitlos gegen alles Krawall gemacht werden konnte. „concentration moon“ findet sich auf „we’re only in it for the money“ von 1969.

Schöner Schwelgen im Schmerz, das kann kaum einer, wie Scott Walker. Scott as in Scott only knows. Dieses Stück, „I threw it all away“ (Original Bob Dylan) nahm er 1996 für den Soundtrack zu „to have and to hold“ auf, der ansonsten von der Echte-Männer-Crew Cave, Harvey, Bargeld mit viel, viel Geigenschmelz erzeugt wurde. Damals hatte Scott schon „Tilt!“ gerufen und war noch einmal zurückgekehrt.

Und ganz plötzlich ist dann Schluß. That’s it, Folks!

Erster Einsatz in der Mixcloud

Die Erkennungsmelodie der kommenden Q-Tips-Zusammenstellungen oder auch Mixe ist der Titel „spider happy hour“ von Laika, aus deren 1994er LP „silver apples of the moon“. Dieses Stück startete bereits 1998/1999 die Sendungen dieses Individuums auf einem kleinsten, luxemburgischen Radiosender, welche ebenfalls Q-Tips hieß. Der Untertitel damaliger Tage soll auch heute gelten: Schöne Musik für schöne Menschen.

Als ersten Song hört ihr deutschen Garagenrock von einer Band, die eigentlich nicht für diesen Sound bekannt wurde, ihn aber hier scharf aus dem Ärmel schüüttelt (hihihi): Amon Düül II mit „Archangels Thunderbird“ (LP: „Yeti“, 1970). Da könnte es dazu kommen, daß alte Meinungen über diese Band, sowie den hier verhandelten Krautrock plötzlich zusammenbrechen. Wer mehr mag, dem sei das „Wolf City“-Stück „surrounded by the stars“ dieser Band ans Ohr gelegt.

Weiter mit Neu!. Neu! machten in Motorik. Wer letztlich diesen Sound irgendwann so beschrieb, weiß ich jetzt nicht. Vielleicht war es Klaus Dinger selbst, der hier Schlagzeug spielt und den Neu!-Sound vielleicht zu etwas mehr als 50% erschuf (der Rest geht natürlich auf das Konto von Michael Rother, der anderen Neu!-Hälfte). Dieser Song heiß „Isi“, stammt von der Michael-Rother-Seite des Albums „Neu! 75“ aus ebenjenem Jahr. Ein exquisit rollendes Stück und ich möchte gerne in dem Klaviersound baden.

Folgend eine total unbekannte Kombo namens Camp Hansen. Leider unbekannt. Der Song trägt den Titel „Autorenmusik“ aus dem Album „keep music progressive“ von 2004. Der Titel soll auf den im Hintergrund hörbaren Ausschnitten aus sogenannten „Autorenkino“-Filmen beruhen. Ob die verwendeten Filmemacher so bezeichnet werden möchten, wissen nur jene selbst, doch tut das der schwebenden Atmosphäre keinen Abbruch.

Ein weiterer Neu!-Titel, „Neuschnee“ aus der LP „Neu! 2“ von 1973 folgt. Auch hier regieren federnder, wie fordernder Beat im Gleichklang mit einer schönen Melodieseligkeit. Das Neu! auch total anders konnten, mag jeder wissen, der sich einmal der hier mißachteten Debüt-LP aussetzte. Anspieltips hier: „Hallogallo“ und „Negativland“.

Und ab mit The Permanent Confusion, die in den 1990er eher für einen weniger krautigen, als dunklen Sound bekannt waren. Hier hören wir „9. November“ aus ihrem erst bald erscheinenden Album „Deutscher Herbst“. In zwei markante Teile zerschnitten, hört sich die erste Hälfte tatsächlich wie eine Fortsetzung des Neu!-Sounds an, doch der Bruch um die 3. Minute bietet ein fürchterlich schönes, anderes Bild. Wenn auch die Melodien gleich bleiben, sind die Parameter im Mix derart verschoben worden, daß ein anderer Song zu laufen scheint, der dann auch eine fast paranoid wirkende Beschreibung von historischen Geschehen an 9. November“n“ in Deutschland zum Bedenken gibt.

Der Sound hier mag ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern, von denen nun das Titelstück ihrer 1990er LP „Haus der Lüge“ folgt. Mit präzisem Beat, nicht nur in der Percussion, sondern auch im Gitarrenspiel, entsteht die Basis für die Wortarchitektur von Blixa Bargeld, der hier gekonnt ein Denkgebäude skizziert, das Siegmund Freud hätte grinsen lassen.

Wieder einen eher harmonischen Sound hören wir von Brian Eno, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Der Song „The Belldog“ erschien auf ihrem zweiten, gemeinsamen Sessionstück „after the heat“. Wer sich noch nicht mit Eno oder dem Duo Cluster (unter diesem Namen firmierten Moebius und Roedelius zwischen 1971 und 1981, sowie später noch manchesmal) auseinandergesetzt haben mag, dem mag hier nicht aufgehen, wie stark sich die beiden deutschen Teilnehmer auf den Sound ihres britischen Kollegen eingelassen hatten. Enos weicher Gesang, der zwar klar verständlich ist, und doch von der Konzeption her eher einem poetischen Genuschel gleicht. Auch wirkt das komplette musikalische Backing eher wie ein wonnevolles Schaumbad. So sollten Cluster nie geklungen haben.

Es folgt der Versuch von „Monza“, einem Titel der Formation Harmonia, die aus den inzwischen hier schon vorgestellten Herren Moebius, Roedelius und Rother (schau nach bei Neu!) bestand. Für das Album „Deluxe“, auf welchem „Monza“ zu finden ist, verstärkte noch der Guru-Guru-Drummer Mani Neumeier die Band. Leider leidet dieses Stück hier unter digitalem Gezische und Geholpere, weswegen es dann weit vor seinem Ende ausgeblendet wird. Ein starker Song bleibt es dennoch.

Wir begegnen nun den möglichen Königen des sogenannten Krautrocks.

Deswegen ein Absatz.

Michael Karoli, Gitarre und Geige.

Jaki Liebezeit, Schlagzeug.

Irmin Schmidt, Tasten.

Holger Czukay, Bass und Radio.

Damo Suzuki, Stimme.

= CAN

Der Song, „bring me coffee or tea“, beendete 1971 das Jahrhundertwerk „tago mago“, das in seiner irrwitzigen Labyrinthhaftigkeit von Jorge von Burgos, dem blinden, humorlosen Mönch aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ erdacht sein könnte. „Tago Mago“ hätte auch den Titel „Finis Africae“ tragen können, als Herberge des vermeintlichen Schatzes der absoluten, aber nicht konsumfähigen Erkenntnis. Und so bietet auch dieses einzelne Stück nur einen Hauch des Glanzes, den das ganze Album in Toto genossen, zu geben mag. Ich empfehle den Transfer auf eine unbeschriftete Musikkassette… irgendwann wirst Du, Hörer, nicht mehr wissen, an welchem Punkt in diesem Irrgarten Du Dich befindest. Du wirst spüren, mit welcher Macht, diese Musik geschaffen wurde. Sei bereit.

01. Mai 2016: Susie, Caroline and the Boys.

Popmusik ist immer ein schöner Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie entsteht. Interessant sind dadurch die Blicke auf sogenannte Evergreens, die auch nach Jahrzehnten noch gerne von vielen Menschen gehört werden.

Ich möchte in diesen Zeilen zwei Lieder vergleichen, die beide bereits etliche Jahre seit ihrer Entstehung auf dem Buckel haben. Das eine ist möglicherweise auch heute noch ein Radio-Evergreen, „wake up little Susie“ von den Everly Brothers. Doch unter Fachleuten findet vermutlich eher „Caroline no“ von den Beach Boys höchste Anerkennung.

Worum gehts? Beginne ich mit den Everly Brothers, die mit dem Song über die kleine Susie noch ganz am Start ihrer Karriere standen. Und der Chef ihres Labels Cadence, wollte diesen ersten gigantischen Welthit gar nicht erst veröffentlichen. Ist er doch auch ein Song mit einem gewissen Punkappeal. Das mag für die Menschen, die den Song, wie ich es lange, lange Zeit tat, nur als Radiohintergrundgeräusch wahrnahmen, erstaunlich sein. Doch, obacht! Nennen wir der Einfachheit halber, das lyrische Ich des Songs, Everly, als Summe der Interpreten. Everly also hat die „kleine“ Susie zum Kino eingeladen, und der Mutter versprochen, daß man um Zehne wieder daheim sei. Nun ist es jedoch vier Uhr morgens, und Everly wacht erschrocken in seinem PKW auf und neben ihm die noch schlafende Freundin. Die Beiden müssen durch ein erschreckendes Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum den Film „Baader“ von Christopher Roth gesehen haben und sind dabei (un)selig eingeschlafen. Wie heißt es im Song: „and we’re in trouble deep“. Wie sieht die Situation nun aus: Susie ist von diesem Abend an die liederliche Schlampe und wir, die Hörer wissen, daß dies nach dem, was uns an Information aus Everlys Mund bekannt ist, nicht stimmt. Die Beiden hatten Pech. Einen unglaublich langweiligen Film zu schauen, bei welchem das Publikum einschläft, nun. Das nennt man Unglück. Auf jeden Fall finden wir hier schon eine Parallele zu der Beach Boys Lied „Caroline no“. Wie werden die weiblichen Protagonisten wahrgenommen? Wir haben schon erfahren, daß Susie unglaublich in der Klemme steckt, denn alle, Eltern und Freunde und Schaulustige, werden eine Meinung bilden, die zum einen nicht dem Geschehen entspricht, und zum anderen völlig konträr zu dem stehen wird, wie der zweite Handelnde (Schlafende), Everly, bewertet wird. Ihm gilt vermutlich das positiv-verbrüdernde „ooh la la“ der Freunde, aus dem Text. Doch Everly sieht sich selber nicht so, er nimmt im Song die Schuld für die verfahrene Situation auf sich, denn ER hatte der Mutter die zeitige Heimkehr versprochen. Nun werden wir natürlich nie erfahren, wie die Geschichte letztlich ausgeht, denn mit den Worten „we gotta go home“ verabschiedet sich der Song mit einigen Takten ausgepumptem Instrumental, nachdem die Musik doch vorher sehr engagiert und emotional aufgeputscht ihre Runden drehte.

Wir können zwar erahnen, daß der empathische Everly seine Susie nicht im folgenden Regen alleine stehen lassen wird. Und wir können hoffen, daß dieses Geschehen im Autokino keine großen Kreise ziehen wird, so daß Susie auch am folgenden Tag sich noch in der Kommune blicken lassen kann, ohne daß ihr Steine um die Ohren fliegen. Ich erinnere noch einmal daran, der Song wurde 1958 veröffentlicht.

Noch ein letztes Wort zu dem vorhin erwähnten „Punk-Appeal“ des Songs. Wenn das, was ich gerade als bestmögliches Ergebnis erzählt habe, so nicht geschieht, dann wird aus „wake up little Susie“ ein Song, der Aussenseiter und Ausgestoßene produziert. Und wenn nun die Leserin sich sehr sicher ist, daß diese Story von 1958 heute kaum mehr relevant ist, dann frage ich gerne nach, ob dem wirklich so ist? Vom grundsätzlichen Aspekt her, sehe ich hier wirklich die Geschichte einer glücklicherweise beendeten Ära, in welcher die unbedingte Reinheit der Frauen über allem zu wahren war, jeglicher Schatten eines Verdachts ein Unding! Hier wurde die Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts im Ideellen massiv beschnitten, wobei gerade auch Geschlechtsgenossinnen ihren Anteil hatten. Hieran rüttelten die Everly Brothers noch sicherlich nicht, doch war ihr Song immerhin gefährlich genug, um diese Geschichte zu erzählen, daß – wie schon erwähnt – der Chef ihres Labels den Song zunächst nicht veröffentlichen wollte und im Nachgang etliche Radiostationen das Stück boykottierten. Insofern hat dieses kleine Stück schon eine gewisse Progressivität in sich enthalten. Wollen wir nur hoffen, daß all die kleinen Susies, die auch heute noch unter den wachsamen Augen ihrer Familien keine Freiheiten spüren dürfen, irgendwann genau dieses Ziel erreichen können.

Und die Beach Boys?

Es ist wirklich bemerkenswert, daß seit Mitte der 1990er die große Bewunderung für deren Album „pet sounds“ aus dem Jahr 1966 ein Maß erreicht hat, daß jene Platte unter die größten Werke der zeitgenössischen Musik gespült hat. Ja, ich habe mich insofern davon anstecken lassen, diesen Tonträger vor wohl zwanzig Jahren erworben zu haben. Ich darf wohl sagen, daß ich das Titelstück, ein Instrumental, wirklich für sehr, sehr gelungen halte. Doch wollte Brian Wilson damals den beiden von ihm bewunderten Beatles-LPs „rubber soul“ und „revolver“ ein noch besseres Werk entgegensätzen. Das hat nicht funktioniert. Mindestens „revolver“ ist letztlich zwar – mit Ausnahme von „tomorrow never knows“ einfacher gestrickt, doch in Verbindung mit der einfallsreicheren Textarbeit tragen die Beatles den Sieg über „pet sounds“ davon, da sie eine bessere Balance schaffen und ihr Ideenreichtum Wilson und Helfer übertrifft. Nebenher halte ich „revolver“ auch für eine insgesamt bessere Platte, als der Nachfolger „Sergeant Pepper’s lonely hearts club band“, der gerade in seinem Mittelteil etliche Längen aufweist.

Doch was hat dies mit Caroline zu tun? Genau, zurück zum eigentlichen Thema. Zunächst ist mir natürlich auch bekannt, daß der Text des Stücks „Caroline no“ nicht unbedingt etwas mit einer so genannten Frau zu tun hat. Zwar gibt es mindestens zwei zu der Zeit lebende Damen, die jedoch beide Carol hießen, die in eine leichte Verbindung mit den Worten gebracht wurden, doch der Texter Tony Asher läßt uns wissen, daß er Brian Wilsons Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit der Unschuld hier zwischen den Zeilen erkennt. Asher hatte Wilsons Vorlage in die letztlich verwendete Fassung gebracht. Und eine der beiden Frauen, die ich erwähnte, ist auch Tony Ashers vormalige Liebschaft gewesen.

Wir treffen auf einen traurigen Mann in den Worten des Songs. Nennen wir ihn Brian. Er betrachtet jene Caroline: Sie hat ihre Haare geschnitten. Sie hat ihre glückliche Ausstrahlung verloren. Sie hat wohl einst versprochen, daß sie sich nie verändern werde. Nun ist es geschehen. Und damit stirbt eine süsse Sache, so hören wir es von Brian, der von diesem Verlust schwer getroffen ist. Die Musik, welche die Worte untermalt, ist formidabel gesetzt. Meisterlich! Wäre es ein Instrumental, würde ich auf die Knie gehen und dieses Stück preisen. Doch nein! Da sitzt Brian und muß sich nun folgendes anhören: Wie ich schon erwähnte, sieht der Mitverfasser Tony Asher hier eine Allegorie. Von Brian Wilson ist ähnliches zu lesen. Er sah sich inzwischen so stark mit dem Ernst des Lebens konfrontiert, daß ihm Angst wurde. Doch steht es so nicht in der Lyrik dieses Liedes. Nein, dort wird eine weibliche Person namens Caroline geziehen, sich verändert zu haben! Sie hat sich die Haare geschnitten! Sie hat ein anderes Auftreten! Diese Dirne! Vermutlich hat sie Drogen konsumiert und sich Haschisch gespritzt! Und eines meiner Sandförmchen versetzt!

Das mag jetzt etwas arg verletzend in Richtung unseres Song-Brians gemünzt sein, doch habe ich nur die oberflächliche Botschaft des Songs in krawallige Wörter paraphrasiert. Und hier haben wir mit Brian einen jener Vollidioten, die 1958 noch die arme Susie aus der Stadt gejagt hätten, denn die war oberflächlich auch nicht in ihrer Küche sitzen geblieben und hatte sich, während sie sich jungfräulich empfangene Kinder wünschte, die hochgeschlossenen Kleider für den nächsten Kirchgang bereit gelegt. (Siegmund Freud hätte seine Freude gehabt: Gerade wollte ich Kirchgang tippen, da verirrte sich einer meiner Finger zu „Kri…echgang“. Freud lacht noch immer) Selbstreflexion bietet der Song-Brian in keinem Buchstaben. Auch ist keine Bewegung, keine Empathie (im Gegensatz zu Herrn Everly aus dem vorigen Song) in den Worten nachzuweisen, nur die manisfestierte Enttäuschung in einen anderen Menschen, oder auch in eine Situation. Und dieser Song wird als Meisterwerk gepriesen? Bei Zeus! Würde der Großmeister des Ku-Klux-Clan ein barock komponiertes Werk voller textlicher Allegorien veröffentlichen, würden dann auch die ganzen Pet-Sounds-Nerds diesem Schund hinterhereiern?

Vermutlich. Charles Manson soll auch etliche Bewunderer haben.

01. Juli 2015

Im Kopf, tief drinnen, sitzt ein roter Knopf. Diesen darf niemand drücken. Es ist der (Selbst-)zerstörungsmechanismus, der dadurch ausgelöst wird. Wenn ich unter Schmerzen bin, ist der Weg freigelegt. Passend zu diesen Gedanken lief gerade der wunderbar in Harmonien badende, sanfte Gesang theme aus dem heiteren Paris au printemps-Album von Public Image Limited. Wie singt der gnädige John Lydon dort: and I wish I could die. Der Hörer mag sich wundern, wie sich dieses wunde Röhren vor dieser unbarmherzig rotierenden Bass-Schlagzeug-Gitarrensplitter-Maschinerie überhaupt noch am Leben erhält? Das Schlagwerk (ja, so muß man es tatsächlich benennen) erinnert nirgends besser an den Rhythmusgeber einer Galeere. Das die Gitarre an sich, ob der aggressiven Schleifarbeit, Funken absprüht, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Keith Levene, der hier für diese feinmechanische Zerstörungsarbeit an den Synapsen zuständig ist, belegt mit dieser Aufnahme seinen Doktorarbeit in neurologischer Infarkterzeugung. Jah Wobble am Bass geht in diesem Tumult leider etwas unter, doch vermute ich, sind seine Zähne schon als Anblick tragisch genug, um den Lydon’schen Ausruf auszulösen. Hehehe, Pennsatucky-Style. Ich vermute, die meisten Leser werden inzwischen das heftige gefühlsmäßige Pendeln in diesem Text bemerkt haben und ich möchte kurz anmerken, daß dies nicht damit zu tun hat, daß ich eventuell gerade mal ein Wort pro Vierteltag schreibe, wodurch verschiedenste Mentalzustände ihren Niederschlag fänden. Nein, so nicht. Ich kann innerhalb von Sekunden mein Empfinden brachial verändern. Und derweil heult John Lydon immer noch uns diametral ins Gesicht, daß and I wish I could die. Was ist so bemerkenswert an dieser Aussage? Liegt es an dem wirklich erkennbaren Überdruß, der da mitschwingt? Liegt es an Jah Wobbles Zähnen? Liegt es an Paris im Frühling? An den Pariser Bürgern, die dort John Lydon während eines Konzertes betrachteten? Okay, der Song ist ja schon älter, als diese Aufnahme und so fällt Paris als Stadt des tief empfundenen Todeswunsches leider aus. Derweil möchte ich dennoch anmerken, daß ich schon in Paris weilte und wirklich lieber tot gewesen wäre. Und es lag durchaus an Paris! Teilweise ausgelöst durch die mir mangelhaft bekannte, oder tatsächlich vor Ort mangelhaft ausgeprägte Infrastruktur an guten Plattenläden. Schämt Euch, ihr Pariser! Vinyl muß an der Champs Elysée verkauft werden! Da, wo ich herumgeschleppt wurde. Was interessieren mich irgendwelche französischen Prachtbauten, auf die man sich nebenher über ellenlängere Prachtstraßen hinbewegen muß, ohne je das Gefühl zu erlangen, daß man sich überhaupt vorwärtsbewegt. Nebendran fahren Franzosen auch noch Auto. Ich sollte lieber schreiben: Als mitgeliefertes Schauspiel führen Franzosen in Karosserien waghalsigere Manöver vor, als sie sich Transformers-Drehbuchautoren je ausdenken könnten. Und das zu 90% Haftpflicht unversichert. Könnten arglose Touristen nicht leihweise mit Scheuklappen bestückt werden, damit sie sich diese suizidal-fröhliche Treiben nicht noch mit ansehen müssen? Wer soll das aushalten? Stellen Sie sich diesen mackenbeladenen, amerikanischen Detektiv namens Monk vor, den schon ein paar Laserpointer zu springteufelhaften Tanzen bringen? Er würde sich sofort entleiben, müßte er dem Verkehr entlang französischer Prachtstraßen beiwohnen. Keith Levenes Gitarre, laut über Kopfhörer, hilft da schon einen Schritt weiter. Wie akustische Handgranatensplitter dringt sie durch die Szenerie, hinterläßt tiefe, bluttriefende Wunden. Die Bilder klaffen. Oder zerreissen sie die Augen der Schaulistigen. Genau. Zu lange gestarrt, der kleine Levene kommt und übernimmt die Kontrolle. And I wish I could die. Es sind die Hörer, die da singen, es ist nicht John Lydon. Er wird als Medium genutzt, um den anschwallenden Überdruß hörbar zu machen. Nein, mein Name ist nicht Greil Marcus. Aber ich weiß, daß Sie das denken. Ich weiß. Morgen höre ich mir lieber Cleaners from Venus an. Und das Paris der 1990er kann der Teufel holen, und durch Prachtboulevards voller unabhängiger Plattenläden ersetzen. Kilometer lang sollen sie sein. Man kann dort kaufen. Man kann jedoch auch eigene Ware mitführen, die dort gewienert und gewaschen wird. Die glänzenden Vinyls werden von Hand Dir übergeben. Mit Kennerblick wirst Du gemustert. „Sie besitzen diese Original-Seven-Inch von Bent Fabric?“ „Ja.“ „Oh! Auf Metronome, wie ich sehe.“ Der Übergebende zieht fast unbemerkt die Augenbraue in die Höhe. „Ja, ich habe sie mal irgendwo gekauft.“ „Ein glücklicher Kauf, wissen Sie?“ Für einige Momente darf man sich gut fühlen, dann wird Dir wieder klar, daß a) die Single trotzdem nichts wert ist und b) die Musik – das Eigentliche eines solchen Produkts – unerträglich fade. Der Traum sollte dennoch in einem Paris der Zukunft umgesetzt werden. Nick Hornby, bitte finanzieren oder Investoren klarmachen!

28. Juni 2015

Die Kritik vorab… Weswegen müssen deutsche Filmverleihe auch Jahrzehnte nach der widerlichen Erfindung eines gewissen Balduin als wiederkehrender Protagonist von Louis-de-Funes-Filmen weiterhin Filme mit nichtssagenden und unpassenden deutschsprachigen Titeln versauen? Wenn irgendwann die Kinos bei eigentlich hervorragenden Filmen leerbleiben, kann das ein durchaus plausibler Grund sein.

Filme von Quentin Tarrantino werden auch ohne deutsche Titel stark besucht, also warum läßt man es nicht generell dabei? Mein aktuelles Unbehagen bezieht sich auf die Paarung des schon zuvor angedeutenden, umwerfend guten Films the perks of being a wallflower, welcher eingedeutsch plötzlichVielleicht lieber Morgen heißt. Warum? Was sich wie eine zögerliche Aussage anhört, findet nirgends innerhalb des Filmes und seiner Geschichte eine Entsprechung. Also bleibt die Frage offen, warum man nicht einfach die Aussage aus der Synchronisation übernimmt, wonach die „Vorzüge ein Mauerblümchen“ zu sein, erwähnt werden. Aber das scheint den genormten deutschen Kinogänger wohl nach Meinung des Filmverleihs zu überfordern.

Damit genug der negativen Energie. Und weiter mit Aussagen aus den Mündern der Schauspieler: „Glaubst du, die Leute werden noch mit jemandem reden, wenn sie wissen, wie verrückt man wirklich ist?“ Die Aussage des Charlies, der die Hauptfigur in dieser Buchverfilmung ist, läßt sich besser verstehen, wenn die Umstände bekannt sind. Deswegen ein paar verräterische Bemerkungen: Charlie leidet an Depressionen, eventuell erhält er eine Medikation mit Psychopharmaka, hat ein Jahr vor der Handlung des Buches einen engen Freund durch Suizid verloren. Ein Verlust, an welchem Charlie noch spürbar leidet. Auch fühlt er sich schuldig am Unfalltod seiner Tante Helen einige Jahre zuvor, mit welcher ihn jedoch eine zum Zeitpunkt der Bemerkung in Film und Buch noch nicht bekannte erweiterte Beziehung verbindet, bzw. quält. Charlie stellt sich zu Beginn der Handlung als enorm schüchterner Protagonist vor. Im Film ist dies brillant verkörpert durch den fast permanent von unten herauf gerichteten Blick, nicht ganz Shoegazer, aber fast. Es wundert nicht, daß Charlie sich als Liebhaber der Musik von Nick Drake outet. Auch wird ein ebenso ständiges Zittern, meist der Hände, dargestellt. Laut einiger Aussagen hat er ebenfalls Probleme mit Halluzinationen. Darüber hinaus schreibt er einem imaginären Freund Briefe über sein Leben. Dies könnte jedoch auch eine Art der Verlustbewältigung aufgrund des erwähnten Suizids sein, denn inmitten des Filmes erwähnt Charlie die eigene Trauer, das der Freund keinen Brief hinterlassen habe.

Die Person, welcher Charlie die Frage stellt, ist Sam. Die junge Frau, in die sich Charlie verliebt. Auch sie ist problembehaftet. Als sie von Charlie erfährt, daß er noch nie ein Mädchen geküsst hat, übernimmt sie mit Ernsthaftigkeit diese Aufgabe, damit „Charlie seinen ersten Kuss von jemandem erhält, der ihn liebt“. Wir erfahren hier, daß sie im Alter von elf Jahren vom Chef ihres Vaters geküsst, sprich mißbraucht wurde. Sie pflegt bis zu diesem Moment oberflächliche, aber hoffnungsbeseelte Beziehungen, die eine hohe Quantität zu erreichen scheinen, denn ihr Ruf ist schlecht. Sie scheint dabei auch keinen wirklichen emotionalen Input zu leisten. Entsprechend ist die Figur des Craig, welcher den größten Teil der Handlung als der Beziehungspartner von Sam genannt und gezeigt wird, eher ein Utensil, das in der einen Szene anwesend sein mag, in einer anderen Szene dann wieder nicht. Es wird auch möglicherweise über die Nichtanwesenheit gesprochen, doch ein Unterschied stellt sich nicht heraus. Sam selbst ist vielmehr innerlich damit beschäftigt, ihre eigene Mitte zu finden und zu fühlen, um damit auch eine Richtung in ihrem Leben zu schaffen. Auch hegt sie innerhalb der Handlung mehr und mehr Gefühle für Charlie.

Zurück jedoch zu Charlies Frage danach, wie verrückt man sein darf. Diese Frage geht über den Film an sich hinaus, sie berührt jeden. Ob man den Film gesehen, das Buch gelesen hat, ob man einen ähnlichen Hintergrund hat, wie die Protagonisten. Es spielt keine Rolle. Denn man befindet sich auf einer der beiden Seiten, jederzeit. Um es mit Macbeth zu sagen: „Werten oder gewertet werden, das ist hier der Zustand.“ Hat der Mensch eine Chance? Nur wenn eine Seite sich aus dem Spiel verabschiedet und das geschieht alleine willentlich. Letztlich spielt es auch keine Rolle, wie verrückt der Mensch ist, mit dem Du, lieber Leser, gerade kommunizierst. Was kümmert es Dich? Bist Du selber ohne jeden inneren, psychischen Makel? Entsprichst Du der Norm, welche die Menschheit vielleicht aufgestellt haben mag, irgendwann in einem Nest, in den Südstaaten der USA gelegen? Unter eines desinteressierten Gottes Obhut? „Klar, ständig.“ wird Sam antworten.

Was wird uns noch erzählt? Oh, eine große Menge an wichtigen Dingen. Die Wichtigkeit des Sprechens. Und der Schwierigkeiten, die dieses Thema umranken. Wie sang bereits damals Tilman Rossmy noch als Stimme der Band Die Regierung: Ich wünschte, ich könnte sprechen. Am Abschluß der abschließenden Regierungs-LP Unten (1994).

Ich wünschte, ich könnte es so sagen, wie es ist.

Und ich wünschte, ich könnte sprechen.

Ich wünschte, ich könnte da ran kommen.

War manchmal für ’ne kurze Zeit lang,

da ist meine Sprache frei von Geräusch und hört sich gut an.

Worte, die auch unser Held Charlie unterschreiben würde. Und nebenbei lehrt uns der Film, daß David Bowie sein grandioses Lied heroes“ nur für diesen Film geschrieben hat. Er wußte bereits 1977, daß es irgendwann zu dem Buch und später zur Verfilmung kommen würde. Da setzte er sich hin, nahm den Griffel und schrieb den Tunnelsong. Nach dem Schauen des Filmes wird jeder „heroes“ mit diesen Szenen verknüpfen. Keiner wird mehr an Christiane F. denken. Jeder wird von dem Gefühl des Brennens, der Luftströme, der Unendlichkeit überflutet werden.

24. Juni 2015

Im Oktober 2013 ist Lou Reed verstorben. Da der Tod eines Menschen selten geplant ist, mochte ich damals mir keine Gedanken darüber machen, was mir die Musik dieses Mannes bedeutet. Es braucht den richtigen Moment.

Und so war es am gestrigen Abend ein YT-Video, in welchem Peter Capaldi, Richard Strange und Sarah Jane Morris zusammen den alten Velvet-Underground-Klassiker pale blue eyes aufführten. Nicht, daß mich diese Interpretation so sehr gerührt hätte – die drei machten einen guten Job und vor allem Richard Strange hinterließ als Gitarrist und Sänger einen angenehmen Eindruck – jedoch wurde mir wieder die unglaubliche Kraft dieses Stückes bewußt, in welchem der Lyriker Lou Reed einen wirklich erschütternd guten Eindruck hinterläßt.

Aber was, abseits dieser Lobhudelei, ist eigentlich so beachtenswert an dem Werk des Musikers, Songwriters und Texters Lou Reed? Schauen wir uns einmal mit Candy Says einen nicht ganz so prominenten Song an. Dieser erschien 1969 auf dem dritten Album der Band The Velvet Underground, welches selbstbetitelt blieb. Auf dieser Platte findet sich das schon erwähnte Glanzlicht pale blue eyes, das erotische-rätselhafte some kinda love, eine der schönsten Rhythmusgitarren in what goes on und letztlich noch das verletzte I’m set free. Doch beginnt die Platte mit Candy says, einem Lied so traurig und zurückgezogen. Es handelt von Candy Darling, einer Drag Queen aus dem Umfeld von Andy Warhols Factory. Candy Darling starb 1974 durch Krebs, der durch ihre Hormonbehandlung ausgelöst wurde. Candys vorheriger Name war völlig unpoetisch James Slattery. Und so sagt der Text des Liedes schon in der ersten Zeile alles wichtige: Candy says, I’ve come to hate my body and all that it requires in this world. Solch ein Satz, das ist die Verdichtung, die der Poet als solcher zu jeder Zeit sucht. Ein Satz, der in einem tief und intensiv gefühlten Ekel badet. Ein Satz, der Jahre eines Lebens in wenigen Worten auf den Punkt bringt. Wir wissen nicht, wie lange James Slattery gelebt hat, bevor er diese Erkenntnis für sich gewonnen hatte. Denn, wie heißt es später: Candy says, I hate the big decisions, that cause endless revisions in my mind. Bitter wird dieser Satz angesichts des späteren Todes von Candy Darling, der durch eine tiefgreifende Entscheidung letztlich ausgelöst wurde. Lou Reed schafft es, in einem öffentlichen Raum, den Candy Darling belegte, eine vielsagende und allgemein fühlbare Intimität zu schaffen. Dies gelingt Meistern. Was Miss Candy selbst von diesem Song hielt, wie auch ihrer Wiederkehr in einem Lou-Reed-Song, nämlich Walk on the wild side (Candy came from out on the island, in the backroom she was everybody’s darling, but she never lost her head, even when she was givin‘ head, she says…), ist mir nicht überliefert.

Doch ist Candy says auch wirklich zu süß von Doug Yule gesungen, der bei Velvet Underground den Posten von John Cale übernommen hatte. Er gibt dem Namen der Titelheldin hier die akustische Entsprechung. So erhält der Song noch seine besondere Nachtschwärze, da er den Eindruck einer zerbrechlichen Filmheldin in Schwarz/Weiß und End-1940er Outfit erweckt. Eine Heldin in innerer Not. Hier fassen sich die gepickte Gitarre, der zarte Backgroundgesang, das nahezu unhörbare Schlagzeug zart an den Händen, um dunkle Blumen der Trauer zu verstreuen. Candy says, I hate the quiet places, that cause the smallest taste of what will be.

Candy Darling war eine wunderschöne Frau. Und Lou Reeds Song bleibt ihr ein großes Denkmal.

Das neue Bibelzitat:

Und Jesus sprach: „Wo zwei oder drei Personen in meinem Namen versammelt sind, bekomme ich Platzangst.“

30. Mai 2015 bis 04. Juni 2015 – ein Dilemma

Ich mochte die heutige Überschrift um zwei Wörter neben dem üblichen Datum erweitern, damit klar ist, daß es sich nicht um einen einfachen Eintrag handeln wird. Später wurde aus dem üblichen Datum sogar noch ein Zeitraum.

Ich möchte zunächst mitteilen, wie wenig ich weiß bezüglich des Dilemmas, das ich heute besprechen möchte. Ob der Streit heute noch aktuell ist? Das weiß ich zum Beispiel nicht. Es wäre wünschenswert, daß man sich ausgesöhnt hätte. Wer soll sich aussöhnen? Julian Cope und Tim Lewis. Tim Lewis ist den meisten Menschen besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thighpaulsandra. 2005 veröffentlichte er das Album Double Vulgar II. Schon um das erste Double Vulgar-Album entstanden Kontroversen, doch #2 setzte dem ganzen eine Krone auf. An diesem Beispiel kann jedoch gut und ausgiebig die Freiheit der Kunst diskutiert werden.

Setzen wir uns kurz mit den Biographien der Protagonisten auseinander.

Tim Lewis stammt aus Wales. Begann in 1980’er als einfacher Rockmusiker, der es auch gerne krachen ließ, musikalisch. Zur ersten Zusammenarbeit mit Julian Cope kommt es im Jahr 1994, als Lewis Keyboards und Synthesizer für Copes Album Autogeddon spielt. In der Folge wird Lewis für einige Jahre zu Julian Copes wichtigstem musikalischen Kompagnion. Dieser hat seit den Tagen, als er in Liverpool seinen Einstieg in die Musikerkarriere nimmt und mit der Band The Teardrop Explodes kurzzeitig zum Popstar aufstieg, immer wieder enger mit einzelnen Bandkollegen, Freunden, Mitmusikern zusammengearbeitet. So übernahm Lewis diesen Staffelstab von Donald Ross Skinner, mit dem sich Cope dann während der Arbeit an Autogeddon ein wenig überwirft. Skinner wird erst zehn Jahre später bei Konzerten wieder mit Cope auf einer Bühne stehen, obwohl man sich nach dem Streit schnell wieder versöhnt hatte. Es blieb bei einer freundschaftlichen Trennung. Als es Cope dann weiter in der zweiten Hälfte der 1990er mehr dazu drängt als Buchautor tätig zu werden, schließt sich Lewis zunächst als Livemusiker der Band Spiritualized an. Ebenfalls wird er loses Mitglied von Coil. Der Kontakt zwischen Spiritualized und Julian Cope wird mit den Jahren auch immer enger, denn mit zwei weiteren Mitgliedern dieser Band formiert Cope 2001 das Projekt Brain Donor. Doch der Einfluß von Tim Lewis als Thighpaulsandra im Sound von Coil ist größer, wird doch mit seinem Eintreffen die sogenannte Mondphase der Band begonnen.

Was geschieht dann 2005 mit der Veröffentlichung des erwähnten Albums Double Vulgar II? Das veröffentlichende Label Beta-Lactam Ring Records versendet Promos, unter anderem an Julian Cope. Dieser wird später folgend paraphrasiert: „I can’t be associated with things like this, I’ve got a family.“ Ich möchte nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden, ich habe eine Familie. Diese Aussage bezieht sich vermutlich vollständig auf das Artwork der CD, das hier besehen werden kann:

http://nnm.me/blogs/stombik/thighpaulsandra_-_double_vulgar_ii/

Hierbei fehlt jedoch noch ein Bild, welches zur Promo-Veröffentlichung gehörte und den erigierten Penis des jungen Fotomodells, Chris Jones, zeigt. Da Lewis-Thighpaulsandra nie auch nur den Ansatz eines Hehls aus seiner Homosexualität gemacht hat, sollte Julian Cope nicht überrascht gewesen sein. Auch zeigte das 2003 veröffentlichte Double Vulgar den Star auf dem Cover in einer eindeutigen Kuschelpose mit Liebhaber. Als Mitglied von Coil musizierte Lewis in einem Umfeld massiv ausgelebter Homosexualität. Die beiden Coil-Gründer, Jhonn Balance und Peter Christopherson, hatten nicht zuletzt 1984 der Band Aufmerksamkeit beschert mit der Ansage, ihre Musik solle die homosexuelle Energie des Planeten erhöhen. Wohl an! Wir erkennen, daß Julian Cope hier kaum ein Problem gehabt haben kann. Und da die Musik auf Double Vulgar II nicht grundlegend anders ist, als auf vorangegangenen Thighpaulsandra-Alben, mag auch dies nicht zur Verstörung und Abbruch des Kontaktes geführt haben. Bleiben also die Images, die Fotographien, die optische Kunst.

Ist es Kunst? Wenn ich mir die Bilder so unvoreingenommen, wie möglich, betrachte… was sehe ich? Versuche ich, den homosexuellen Hintergrund des Musikers und älteren Modells Tim Lewis, des jüngeren Modells Jones – der auf einer Webseite namens Gaydar von Lewis gefunden und kontaktiert wurde – und des Designers Christopherson in den Hintergrund zu rücken. Oder funktioniert es dann nicht mehr? Ich schaue mal.

Das Titelcover zeigt Lewis, der über Jones hockt, welcher mit nacktem Oberkörper auf einer Wiese liegt. Lewis hält eine Art Stock an Jones‘ Hals, blickt dabei in die Kamera. Er wird sehr prominent aus dem Hintergrund beleuchtet (Cover1). Das nächste Bild zeigt Lewis, der Jones ,über seine Schulter geworfen, trägt. Jones ist nackt, der Betrachter sieht seine Rückseite. Jones könnte bewußtlos sein. Die Umgebung wirkt total unbelebt. Lewis steht vor der Eingangstür einer Hütte (Cover2). Folgend sehen wir ein erstes Bild, das möglicherweise innerhalb dieser Hütte gemacht wurde. Lewis hält Jones‘ Kopf, der sich auf seiner Brusthöhe befindet, mit der rechten Hand von hinten, drei Finger seiner Linken zwängen sich in Jones‘ Mund. Jones drückt Schmerz aus (Cover3). Das vierte Bild zeigt ein Gesichtsportrait des jungen Modells. Blutspuren unter dem linken Auge und der Schulter sind zu sehen. Jones wirkt dennoch gelöst (Cover4). Das letzte Bild zeigt erneut den nackten Chris Jones, doch dieses Mal sieht man ihn bäuchlings auf einer Wiese liegen (Cover5). Und dann war da natürlich noch der delikate Höhepunkt, das Backcover: ein Schuß des, wie schon zuvor geschrieben, steifen Penis von Chris Jones.

Der erste Gedanke mag in Richtung reiner Pornographie gehen, dabei der entsprechenden Nische von SM (Sadomasochismus), weil physische Aktion überwiegt, zuzuordnen. Aber erzählen die Wunden in Cover4 nicht davon, daß für ein simples Rollenspiel zu weit gegangen wurde? Auch berichtet mir der Blick von Tim Lewis, daß hier keine Pornographie per se veröffentlicht wird: dieser Blick, der einerseits sehr bestimmt ist, andererseits jedoch jede Aggressivität vermissen läßt, selbst wenn die eigene Hand sich in den Mund des Partners bohrt. Nein, zur Deutung geht kein Weg an der sexuellen Orientierung der Protagonisten vorbei. Genauso, wie das Sexualverhalten des Betrachters wichtig wird. Denn obwohl die Fotographien im Grunde genommen überhaupt keine lusterzeugende Ausstrahlung haben, beziehungsweise auch gar nicht erzeugen möchten – vielleicht mit der Ausnahme des Bildes Cover5 – so ist dennoch keines der Bilder ohne sexuellen Hintergrund zu verstehen. Für das Titelcover (Cover1/Lewis mit Stock auf Jones) könnte man sich vielleicht noch vorstellen, daß hier eine reine körperliche, verfehlt pädagogische Züchtigung irgendeines Vergehens vorgenommen wird. In der Kunst ist schließlich vieles inszenierbar, auch das seltsamste Verhalten. Ich denke dabei an Hieronymus Bosch, dessen Höllenphantasien und grinse für mich. Doch ist in Foto Cover1 dieser Blick von Tim Lewis direkt in die Kamera, der den Betrachter einlädt: Komm, mach mit. Was antworte ich, der Voyeur? Der Blick von Tim Lewis öffnet die Tür zur sexuellen Interpretation. Er stellt klar: Hier sind zwei Männer, hier ist homosexuelles Terrain. Hier wird der Bogen begonnen, der in Cover5 das Fleisch des Penis als Feier anbietet. Und so funktionieren die Bilder Cover2-4 auch nur dann, wenn der Betrachter integriert wird. Dann entsteht die Geschichte, die in diesen Bildern erzählt wird. Ohne den Betrachter sind gerade diese Fotographien schal und wertlos. Sie erscheinen im besten Fall als mittelmäßige Provokation, die vielleicht noch mit stumpfem Messer für die Freiheit der Kunst kämpfen will. Doch kann dies nicht der Fall sein, denn wiederum blickt Tim Lewis in Cover2 und 3 in die Kamera, sowie Chris Jones es in Cover4 tut. Es geht um Kontaktaufnahme. Und hier erinnere ich noch einmal an den Einstieg, als ich Julian Cope erwähnte, der nach Konfrontation mit diesen Bildern den Kontakt zu Tim Lewis alias Thighpaulsandra abbrach. Er sah die Bilder und diese sprachen: Hallo Julian, wie sieht es aus? Bist auch du der Meinung, daß wir Schwule ein solch perverses Pack, wie hier dargestellt, sind? Peter Christopherson, der Designer und Fotograph dieser Bilder, spielt nämlich genau mit diesem Ansatz im Subtext der Bilder. Es geht um das potentielle Bild homosexueller Männer in den Vorstellungen der anderen Menschen. Und dieses Bild wird hier gleichermassen beworben, als auch ad absurdum geführt, denn Tim Lewis erscheint einfach nicht wirklich in seiner Rolle als Dom aufzugehen. Er wirkt physisch gleichgültig, doch ist er in dieser Rolle anwesend mit dem Anflug eines motivierten Dozenten.

So schleicht sich dann noch ein weiterer Aspekt in die Deutungsebene. Schließlich trägt die CD, für die dieses Artwork geschaffen wurde, den Titel Double Vulgar II. Was mag denn doppelt vulgär sein? Die Homosexualität aus der Sicht der unbeteiligten Dritten habe ich schon angeführt. Dabei möchte ich grundsätzlich festhalten, daß es mit Sicherheit schwule Männer gibt, die dieser Art der Lust auf einer der beiden Seiten gerne frönen und ihre Befriedigung darin finden. Doch ist dies unter gleichgeschlechtlich liebenden Männern eine Nische, wie es auch in der gesamten menschlischen Sexualität jenseits des Mainstreams steht. Es zählt, aus meiner Sicht, aber der Grundsatz: Schön ist, was gefällt und einvernehmlich geschieht. Ein Teilaspekt des doppelten Schmutzes möchte ich in einer Frage formulieren: Lieber Julian Cope, welcher Hintern gefällt Ihnen besser: Chris Jones oder Nicky Minaj? Jones‘ Po wurde in dieser Untersuchung bereits als nackt zu sehen beschrieben, für die angegebene Dame gebe ich Ihnen die Suchwortkombination: „Nicky Minaj Anaconda“. Nein, es sollte von meiner Seite keine Verurteilung sein, daß Frau Minaj ihr Gesäß nicht besonders verhüllt, sondern eher prall zur Schau stellt unter der Zuhilfenahme eines Zentimeters Stoff. Doch ist die Frage durchaus berechtigt, warum hier eine kuriose Form von Diskriminierung in der Popkultur stattfindet? Warum darf Nicky Minaj? Warum darf Chris Jones nicht? Hätte er noch einen String getragen, wären die Bilder nicht wirklich anders geworden. Und überhaupt würden viele Menschen bestimmt auch gerne mal Kanye West zu 95% nackt sehen. Oder Orlando Bloom. Mats Hummels. Männer immer nur bekleidet, also Erotik statt Porno? Soso. Immerhin steht Michelangelos David für Hochkultur. Die vorangestellten Fragen bleiben dennoch für uns alle noch offen.

Was die Zwistigkeit zwischen den Herren Cope und Lewis anbelangt, ist mir während dieser Arbeit klar geworden, daß es sicherlich noch weitere Aspekte gibt, möglicherweise eher im privaten Raum, die hier zu den Verwerfungen führte. Vielleicht empfand Mister Cope die Selbstinszenierung von Tim Lewis als a) homosexuellem Dom und b) als Unruhestifter für den Rest der Welt als zu narzistisch und egozentrisch. Diese Möglichkeit wäre nicht ganz von der Hand zu weisen, braucht es doch einen wirklich starken Arm, um der Welt den Spiegel vorzuhalten.

Mir bleibt noch eine letzte Frage, die sich beim Betrachten des Double Vulgar II-Artwork einstellte: Wieviele unterdrückt homosexuelle Männer gab es eigentlich unter den Nationalsozialisten? Guido Knopp, übernehmen Sie bitte.