Unter Normalnull

Am kommenden Mittwoch, 22. Mai, darf ich wieder die Psychiaterin besuchen.

Es gibt viel von meiner Seite zu sagen. Und dieser Text ist mein Versuch, vorab das Getöse in erste Worte zu fassen, ohne das der Druck des „bitte sprechen Sie jetzt“ mich zum Schweigen hin hemmt.

Um den Menschen, die zufällig hier herein geraten, einen kurzen Abriß zu liefern, was bisher geschah: seit 2013 weiß ich, daß ich transgender bin. Im Dezember 2018 habe ich die psychiatrische Betreuung begonnen, die in Luxemburg verpflichtend ist, damit Leistungen in Bezug auf Transition von Seiten der Krankenkasse gezahlt werden. Am 26. April habe ich begonnen, Estradiol als Gel zu verwenden. Ebenso ist mir Androcur verschrieben worden, ein Testosteronblocker. Am 30. April wurde die Scheidung bestätigt. Der Gerichtstermin war bereits am 9. April.

Zuletzt hatten die Psychiaterin und ich an einem Outingbrief für meine Kolleg*innen gearbeitet und mit der letzten Version war sie zufrieden. Im dem Moment, da ich nun schreibe, weiß ich nicht, ob der Brief gebraucht wird. Denn die Hormontherapie läuft anders, als ich erwartet hätte.

Das sich optisch schnell etwas ändert, wurde mir schon ausgeredet und ich hatte auch gar nicht damit gerechnet. Die Psychiaterin ließ mich wissen, daß ich darauf gefaßt sein müsse, verletzlicher zu sein. Dünnhäutiger.

Nun, da ich mich in eine zweite Pubertät begebe, war ich mir auch dessen relativ sicher. Und leider hatte ich mit Hormonbehandlung bereits 2009/2010 Erfahrungen sammeln müssen. Damals ging es um Serotonin. Um die Bekämpfung meiner Depression, die mich bis 2012 mindestens einmal an den Rand zum Suizid gebracht hat. Die Tablettenbehandlung brachte eine verminderte, emotionale Beteiligung. Ein Leben, wie hinter Milchglas. Abgeschnitten und abgelegt. Es waren einfach die falschen Tabletten, die Diagnose dieses gottverdammten Profis brauchte fünf Minuten, dann war das Rezept ausgestellt. Ich setzte die Tabletten im Herbst 2010 wieder ab. Ohne Rücksprache mit dem Profi, in den ich überhaupt kein Vertrauen mehr setzte.

Im Frühjahr 2011 begann ich eine neue Therapie, die dann auch damals – auf lange Sicht – Fortschritte brachte. Auch neue Tabletten, die halfen, ohne einen Glaskasten überzustülpen.

Ich kenne mich also ein wenig auf dem Gebiet der Medikation aus.

Und die ersten Tage mit Estradiol und Androcur waren turbulent.

Ob das, was mit meinem Körper geschah, alles davon verursacht wurde? Eher nicht. Aber es kamen Kurzatmigkeit (richtig schlimm teilweise), Verwirrungszustände, Entwirrungszustände (ein Passwort, das mir in den letzten Monaten beim besten Willen nicht mehr einfallen wollte, war plötzlich wieder da), kurze geistige Lichtblitze (scheisse, ich finde kein besseres Wort dafür), Herzrasen, der Wunsch mich zu töten.

Nach drei Tagen halbierte ich beide Dosen. Es wurde etwas besser. Der heftige Seegang jener drei Tage beruhigte sich leidlich. Dennoch blieb vor allem das Rasen der Verstands. Und auch die immer wiederkehrenden Momente, in denen mentale Dunkelheit nach meinem Leben griff. Sie waren da.

Ich ließ Androcur ganz weg. Versuchte immer mal wieder die halbe Dosis auf täglicher Basis einzunehmen. Immer wieder das selbe: einige Stunden im Körper kamen die Todessehnsucht. Als wenn der Rest nicht schlimm genug wäre?

Was ist dieser Rest?

Zunächst einmal ist da noch dieser Gedanke, das Testosteron… mich… am… leben… hält? Körper… geht’s noch? Willst du mich verarschen? Du weißt ganz genau, das ich seit ich denken kann (und das sind inzwischen wohl lockere 40 Jahren), mit dem männlich gelesen Leben, diesem Bild eines Mannes nicht klar kam! Das ich unbewußt immer diese geschlechtlichen Grauzonen gesucht habe. Das ich verdammt nochmal in meinem stillen Kämmerchen Glamrock liebte, weil er auf geschlechtliche Abgrenzung kackte und neue Freiheiten für graue Mäuse, wie mich, offerierte. Im Moment habe ich das Gefühl, ich wäre besser dort im Closet geblieben.

Um einen technischen Vergleich heranzuziehen.

Die HRT mit Estradol verursacht in meinem Körper, Geist, Verstand ein Gefühl, als würde in einem Fahrzeug während der Benutzung das Getriebe gewechselt.

In manchen Teilen meiner Selbstempfindung ist ein verschlingendes NICHTS. Jaja, es wurde vorher davon gesprochen, daß sexuelle Erregung rückläufig sein werde. Doch darum geht es gar nicht, die interessiert mich im Moment auch tatsächlich nicht. Das NICHTS fühlt sich im Großraum von Brust und Herz. Dort zerreißt es alte Strukturen. Waren die schlecht? Ich weiß es nicht. Sie sind nicht mehr da.

Ist das der Weg von Deadname H zu Isa? Als wenn es diesen Weg nicht schon zuvor gegeben hatte? Sogar mit Freude war er beschritten. Nun, so viel Freude, wie das Umfeld zuließ, denn der Wechsel zog auch einiges an real beschädigten Strukturen mit sich. Und doch war es innerlich befreiend, sich selbst diesen neuen Namen zu geben. Das, was aber gerade körperlich, mental geschieht, ist etwas anderes, noch nicht definierbar, außer, das es fühlbar kaputt macht, doch es entsteht nichts Neues. Noch nicht, jedenfalls.

Ich kann mit niemanden sprechen. Ich kann gerade mal diesen Text schreiben, und auch das fällt ungemein schwer, denn die Stunden, denen ich die Worte abringen, lassen sich nicht als Zeitringe abbilden.

Kurz nach Beginn der HRT kam es zum unvorbereiteten und ungeplanten Outing vor zwei Arbeitskollegen. Sie fragten mich, wie es mir gingen und sie wollten es auch wirklich wissen, da ich sehr schlecht aussah. Und sie nahmen sich auch Zeit. Nun, es waren auch zwei Kollegen, von denen ich ahnte, daß sie positiv, empathisch und aufbauend sein würden. So war es auch.

Aber inzwischen ist es schwieriger geworden. Mit meinen beiden besten Freundinnen M und S habe ich seit Tagen nicht mehr kommunizieren können. Ich kann keine Whatsapp-Nachrichten abhören, weil ich mich sofort schuldig fühle, da von mir keine Antwort kommen wird.

Warum? Ich weiß nicht, wer antwortet? Wer bin ich überhaupt noch? Das Abbruchunternehmen HRT oder andere damit geweckte innere Faktoren leisten ganze Arbeit. Die Bilder werden von den Wänden genommen. Es sind noch Schatten zu sehen. Und es wird alles schwerer. Der Körper an sich wurde jetzt drei Wochen lang heftig beansprucht und schmerzt an allen Ecken und Enden.

Kann ich noch weitermachen? Was würde passieren mit mir, wenn ich weitermache? Wenn ich stoppe, wie geht es dann erst recht weiter?

Die Frage ist dann erst recht, wer ich überhaupt noch bin?

Ich suche Antworten, habe aber keine Ansätze mehr. Ich bin unter Normalnull gerutscht.

Hilfe.

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Suicide Airlines


Waldo Jeffers hatte die Schnauze voll. Ständig mußte er lesen, daß wieder eine Person ihr Leben freiwillig beendete, ohne das ein wirtschaftlicher Mehrwert erzielt wurde. Er hatte wenig für diese Verlierer übrig. Und ganz der amerikanische Selfmade-Geschäftsmann, kam ihm die Idee seines Lebens. Wenn diese Menschen schon ein One-Way-Ticket buchten, so sollten sie es bei ihm einlösen und er würde ihnen dafür eine schöne, letzte Reise bieten.

Waldo Jeffers hatte in den vorangegangenen Jahren ein kleines Vermögen realisieren können, als er im anheizenden Immobilienmarkt Schrott für bare Münze verkaufen konnte. Er hatte frühzeitig bemerkt, daß diese Schraube nicht mehr fester gedreht werden könnte und hatte sich verändert, war nach Florida gezogen, um am Rande Orlandos, ein fast schon in Lockheart angesiedeltes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Immerhin wimmelte es in diesem Bundesstaat nur so von Rentnern, und diese waren auf natürliche Art und Weise Jeffers Kundschaft. Er sah sich jedoch inzwischen getäuscht: Es waren immer wieder gut funktionierende enddreißiger, mittvierziger Männer, die ihm in die Kisten schlüpften. Oft mit Würgemalen am Hals. Und im Nachgang sah er Banken, Behörden, die sich die leidlichen Restvermögen einverleibten. Und er, der die Arbeit hatte, sah seine Kosten öfter als ihm lieb war, erst nach einigen Monaten gezahlt. Vorkasse wurde eine seiner Lieblingsvokabeln. Doch in Jeffers‘ Metier war dies schwierig umsetzbar. Bis zu seiner Idee.

Waldo Jeffers plante nun sein Bestattungsunternehmen in Form einer LLC mit seinen beiden Handwerksmitarbeitern weiterzuführen, um im Falle des Falles ein Fangkissen unter sich zu haben, sollte die Idee fehlschlagen. Die Eintragungen in den Registerbehörden Orlandos wurden mit leeren Mienen entgegengenommen. Selbst der Firmenname seines Reiseunternehmens „Suicide Airlines“ zog keine gehobenen Augenbrauen nach sich. Jeffers sah dies mit einer inneren Fröhlichkeit. Sein Vorhaben nahm Formen an. Einige Jahre zuvor hatte er Europa besucht, hatte sich dort über vielerlei gewundert und hatte auch manches geliebt. Dieser Sinn fuhr das Kleinteilige hatte ihn am Nachhaltigsten bewegt, im Guten, wie im Bösen. Nun wollte er am Pittoresken andocken, und diesen Aspekt für sein Geschäft ausbeuten. Auf dieser Reise hatte er in diesem Kleinstland, das zwischen Frankreich und Deutschland zerdrückt wurde, Station gemacht und erfuhr dort nebenbei von einer Brücke, die unter Selbstmödern beliebt war. Über die Menschen, die unter der Brücke lebten, war sogar ein Film gedreht worden.

„Having a great view before you die!“

„Suicide Airlines – one way ticket to your destiny!“

„Really sick of life? – go with style! Go with Suicide Airlines“

waren einige der Ideen, die er als Werbesprüche realisieren wollte. Er kannte einige Besitzer kleiner Flugzeuge, die es bis nach Europa schaffen könnten, also begann er Besuche zu machen. Jacky Yule, der alte Geizkragen, der mit 87 Jahren noch immer nicht in die Kiste wollte, war seine erste Adresse. Nach den üblichen Gemeinheiten, die sie sich an den Kopf warfen, erklärte Waldo seinen Plan. Darauf wetterte der alte Yule: „Du willst diese wankers noch um die halbe Welt fliegen, bevor sie endlich den Löffel abgeben?“

„Das kostet sie natürlich auch eine schöne Stange Geld, Jacky! Und das ist alles für uns, wenn Du mit einsteigst.“

„Und die fallen da von dieser Brücke runter? Gibt es da keine Sicherheitsmaßnahmen?“

„Oh, ich glaube, da gibt es einen Zaun, oder etwas ähnliches. Aber das ist nichts, was nicht mit Geld zu richten ist, Jacky. Vertrau mir, da bist du totsicher.“

Beide lachten. In Jackies Mund waren kaum noch Reste von Zähnen zu sehen. Dafür rann aber das Millers gut die Kehlen hinunter.

„Wie viele Schäfchen kannst Du denn aufnehmen, Jacky?“

„Ach, die brauchen es dann ja nicht so luxuriös, oder? Dann gehen zehn Leute mit uns gut rein.“

„Oh, Jacky, bis wir am Ziel sind, muß das alles gut laufen, sonst bekommen die noch kalte Füsse. Da darf nichts schief gehen.“

„Was denn? Denen ist doch klar, daß sie nie wieder kommen?“

„Ja, schon. Denke ich mal. Aber, wir wollen doch auch, daß sie ihr Ziel so ein wenig vergessen, sonst sind die schon stundenlang in der Luft nur schlecht drauf, und ich kenne dich, Jacky. Du schmeisst die dann über dem Atlantik schon raus.“

Jacky lachte lange, bis ihn ein Hustenanfall stoppte.

Waldo Jeffers hatte einen Entschluß gefaßt. Er konnte den alten Jacky gut an Bord gebrauchen, um eine gewisse Disziplin aufrecht zu erhalten. Aber sein Flugzeug wäre nur zu gebrauchen gewesen, wenn es eine echte Kleingruppe sei, die ihre Reise bei ihm buchte. Und Jacky konnte das Geld gut gebrauchen, er sah inzwischen sogar schon schlecht für sein hohes Alter aus. Vielleicht ließe sich auch irgendwo in diesem Europa was machen, dachte Waldo. Er war inzwischen schon auf dem Weg zu Billy.

Waldo Jeffers kannte Billy O’Neill bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Army. O’Neills Eltern hatten sich aus irgendwelchen schottischen Glens nach Orlando aufgemacht und der gute Billy war vom kleinen Segelflieger zum Army-Piloten zum Steuermann diverser Großraumjets gewachsen. Inzwischen machte er in Tourismus, und konnte Waldo sicherlich in manchem planerischen Aspekt große Hilfe leisten. Jacky und Billy, die hatte er sich sofort an Bord seines neuen Unternehmens gewünscht. Seit einem schweren Verkehrsunfall hinkte Billy und schien auch seither immer weiter zu schrumpfen, schien es Waldo. Er legte seinen Plan dar, Billy kratzte seinen Vollbart, schob immer wieder die Baseballcap weiter in die Stirn, und suchte letztlich zwei Flaschen Bud.

„Coole Idee, Waldo. Sehr coole Idee! Glaube zwar, daß könnte mal richtigen Ärger geben, was? Ich mein, versteh ich das richtig? Die Leute fliegen da nach Luxemburg und springen von’ner Brücke? Und vorher zahlen die richtig Kohle?“

Waldo nickte, Billy hatte das Konzept erfaßt und griffig widergegeben.

„Aber die wollen das auch so?“

„Ach Billy, ob die sich hier zu Hause einen Strick um den Hals legen und von einem kleinen Höckerchen springen oder noch einen richtig aufregenden Flug von einer Brücke fürs Geld bekommen? Der Unterschied, das ist unser Verdienst. Und klar, wir machen Verträge. Ich suche mir mindestens zwei Anwälte, die das hieb- und stichfest formulieren werden. Das ist dann totsicher, Billy!“

Waldo schlug dem Freund lachend auf die Schulter.

„Billy, ich brauch noch guten Zugriff auf ein Flugzeug. Und ich brauche das immer bedarfsgerecht. Vielleicht fliegen mal fünf Leutchen, vielleicht sind aber auch mal fuffzig unterwegs. Wir müssen das relativ gut bedienen können. Und ich weiß, Du hast die Connection.“

Billy überlegte und nickte bedächtig.

„Ich denke, über Kissimmee können wir viel abwickeln. Oder sogar noch eher über Orlando Sanford, die werden von diesen Belgiern angeflogen, soweit ich weiß. Das ist doch dann schon fast da, wo du diese Leute hinhaben willst?“

„Das klingt doch fantastisch, Billy! Ich wußte, ich kann auf dich zählen.“

Beide lachten und als sie sich noch den Codenamen „die Susies“ für ihre kommenden Kunden ausgedacht hatten, lachten sie noch lauter.

Waldo Jeffers war in den kommenden Wochen überaus geschäftig. Er nordete seine beiden Schreiner ein, ihr künftiges Zweitleben als Geschäftsleute zu würdigen. Er besuchte gar drei Anwälte, mit denen er die rechtliche Sicherheit seines neuen Unternehmens festigte und die Möglichkeiten von Werbung abklopfte. Seine ursprüngliche Sprüchesammlung wurde dreimal als zu offensiv abgeschmettert. Waldo war ein wenig erstaunt, sah er darin doch eine hilfreiche Transparenz für die „Susies“, die dann genau wüßten, das er ihnen helfen würde.

Waldo Jeffers fand mit Hilfe eines seiner Schreinergesellen, Doug, schnell eine fähige, aber aufsehenerregend graugesichtige Webseiten-Designerin, die neben den Informationsseiten eine sanfte und gut strukturierte Buchungsmaske schuf. Doug flüsterte Waldo zu, sie werde sicher auch mal eine Kundin. Waldo verunsicherte diese Bemerkung für einige Momente, darauf wartete er nur noch auf ihre Frage nach Rabatt. Die Arbeit dauerte an, das Datenvolumen der Seite wuchs, die Maske machte sich, Waldo konnte die Spannung nicht mehr aushalten: „Finden Sie unsere Geschäftsidee nicht auch grandios? Die beste Exit-Strategie aller Zeiten, und mit tollem Panorama.“ Die Frau blickte ihn ausdruckslos an, und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Doug hatte dieser Szenerie an seinen Fingern kauend zugesehen. Waldo drehte seine letzten, langen Nackenhaare um seine Finger.

„Sie können auch gerne einen Nachlass haben.“

Nun traf ihn ein Blick voller Kälte, wie ein Sturz von einer roten Brücke, dann arbeitete die Designerin weiter, als habe nie jemand gesprochen.

Waldo Jeffers mußte nur zwei Wochen warten, nachdem die Webseite suicide-airlines.com startete, bis er die ersten elf Buchungen hatte. Jeffers hatte die ersten Buchungen für – nach seinem Ermessen – lausige 600 Dollar ausgelobt. Das dies ein Fehler war, wurde ihm erst bewußt, als ihm klar wurde, daß keiner seiner Kunden eine Fünf-Sterne-Bewertung hinterlassen würde, die folgend steigende Preise rechtfertigen würden. Im nächsten Moment wischte er diese Sorge beseite, denn das Gegenteil würde auch nicht der Fall sein, und letztlich mußte immer das Geschäftsmodell für den Kunden griffig und zusagend sein. Für diese erste Reise mußte Waldo Jeffers dennoch eine Hand voller Dollars drauflegen. Der kleinere Flieger, den Billy noch organisieren konnte, half noch das Minus zu beschränken, und es würde die ersten Susies nicht wirklich bedrücken, daß sie ab Kissimmee Airport fliegen würden. Die Mails waren automatisch versendet. Der alte Jacky war beordert, die dann doch falsch in Orlando Sanford Gestrandeten zum korrekten Flugplatz zu schaffen. Für diese Arbeiten gab es keinen Besseren, als den gutmütig gealterten Jacky, der auch einfach froh war, noch irgendwo gebraucht zu werden. Für die Fahrt hatte Doug einen umgebauten Kleintransporter organisiert. Gerade 200 Dollar hatte die Investition veranschlagt, die Doug mit den Worten: „Wenn die Kiste auseinanderbricht, kommt keiner zu Schaden, der es nicht wollte.“ kommentierte, wofür ihn Waldo heftig schalt, da schließlich ihr Freund Jacky am Steuer sitzen würde. Doug murmelte nur: „Ach, der ist auch längst überfällig. Stoß ihn doch auch von der Brücke, bitte.“

Waldo Jeffers atmete tief durch. Sie flogen seit drei Stunden schon über den Atlantik und die ganze Gruppe war noch beieinander. Wie er vermutet hatte, war die Mehrzahl männlich. Ganze zehn Herren wollten „Luxemburg sehen und sterben“, die Frau hieß Ethel, und wurde ihrem Namen gerecht. Sie sah aus, wie der fleisch- und altgewordene Albtraum einer Bibliothekarin von Nicht-Lesern. Selbst ihre Brille stammte optisch aus einem lange vergangenen Jahrzehnt. Billy grummelte, Jacky grummelte, Waldo wandte sich für einen Augenblick von allen ab. Die Susies kannten sich alle schon aus Jackys Bus, da jeder den falschen Flughafen angesteuert hatte, doch keiner sprach mit dem anderen. Billy hatte noch kleine Fluglektüren aus seinem Büro entwendet, um sie zu verteilen, doch schienen die Susies alle nur in ihren Gedanken unterwegs zu sein. Als Waldo sich wieder seinem Tross zuwandte, blickte er auf dreizehn verschiedene Welten. Nach einigen Momenten schloß Ethel zu ihm auf, und bat ihn um ein Gespräch. Jeffers seufzte innerlich, dann bewegte er sich zu ihrer Sitzgruppe, und hörte sich ihre Fragen nach dem Programm vor Ort an. Ihre letzte Frage: „Wie wird es denn geschehen?“

Waldo Jeffers und die gesamte, restliche Gruppe saßen endlich im Folgeflug von Amsterdam nach Luxemburg. Die vielen Europäer um sie herum, die in nicht-englischer-Sprache palaverten, machten Billy und Jacky doch etwas nervös, die ihre Unsicherheit vermehrt an den Susies ausliessen. Immer wieder mäkelten sie an deren

Sitzhaltung, knufften den ein oder anderen heftig gegen den Oberarm, rissen auch mal einen an den Haaren, alles immer wieder mit einem hämischen Lachen untermalt. Waldo machte dieses Verhalten auch unruhig. Beim nächsten Flug wären die Gruppen zu trennen, die Susies sollten ruhig alleine unter sich bleiben und ihr letztes Schweigen auskosten. Ja, irgendwie konnte Waldo die Genervtheit seiner Kollegen nachempfinden, diese Leute waren einfach unerträglich langweilig. Diese Verschwiegenheit, diese Grübeleien, diese verhärmten Gesichter. Und die eine Frau nicht mal ansatzweise attraktiv. Einer wollte gerade Kopfhörer aufsetzen. Billy schlug sie ihm direkt aus der Hand.

„Wir sind gleich da! Da hattest Du stundenlang schon Zeit für, jetzt ist’s rum damit.“

Waldo Jeffers warf Billy einen mässigenden Blick zu, doch dieser ließ sich davon nicht einfangen, rumorte gegenüber den nächstsitzenden zwei Susies noch weiter. Ein anderer Fluggast mischte sich nun in gebrochenem Englisch ein, und diese Intervention sorgte im entfesselten Billy endlich für die notwendige Erdung. Er zog sich auf seinen Platz zurück und schwieg bis zur Landung. Auch von Jacky war so lange nichts mehr zu hören. Einzig ein nach einigen Momenten ein geflüstertes: „Ich will endlich ein Bier.“ Waldo fühlte tief mit ihm. Selbst ihm wurde die Präsenz der Susies inzwischen zu mächtig, gerade weil sie sich geräusch- und existenzlos gaben. Er hatte ja nichts gegen introvertierte Menschen, doch dieses in die Gegend starren, das er da sehen mußte. Dieses in Hefte kritzeln, die vermutlich nie jemand anderes lesen würde. Diese ständigen Wechsel bei einem zwischen Tränen in den Augen und einem Aufblitzen von Hoffnung in den Augen. Er verstand sie einfach nicht. Sie waren so anstrengend, so anders. Waldo fühlte sich erst besser, als ihm klar wurde, daß er der Gesellschaft einen Dienst erwies.

Waldo Jeffers winkte dem Mann, der sie erwartete, am Flughafen zu. Hinter ihm die Susies, den Abschluß der sonderbaren Karawane bildeten die weiterhin ernüchternd stummen Billy und Jacky. Jean-Claude wandte sich direkt flüsternd an Waldo, dieser nickte und lächelte in Richtung der Susies. Vor dem Terminal wartete der Kleinbus, in welchem die Gruppe Platz nahm. Waldo, der sich auf den Beifahrersitz fallen gelassen hatte, wandte sich kurz nach hinten und erklärte, daß sie nun eine Stadtrundfahrt unternehmen würden. Danach sei ein kurzer Snack eingeplant und hernach noch ein gemeinsamer Spaziergang.

Als der erwähnte Spaziergang plötzlich eine unwegsame Anhöhe heraufführte, wurde die inzwischen fast gelöste Atmosphäre zwischen den einzelnen Susies empfindlich gestört. Sie sahen sich verwundert untereinander an, doch dann sahen sie den sportlichen Jean-Claude an der Spitze den Trampelpfad hinaufhasten. Waldo wies mit einer Kopfbewegung an, die Beine in die Hand zu nehmen. Es war nicht wirklich weit, doch dann sahen sich die Susies am Rand einer Autobahn angelangt, und entlang dieser wurden sie durch einen Tunnel gescheucht. Der unbeschreibliche Lärm ließ nicht nur Ethel schrumpfen. Ein Licht am Ende dieser Unterführung war nicht zu erkennen, die Dämmerung außerhalb war schon der Nacht gewischen. Einer drehte sich in der Mitte der Strecke um, doch blickte er nun in eine gezückte Waffe in Billys Hand, umfasst von einem praktischen Handschuh. Billys Blick changierte zwischen purem Glücksgefühl und innerer Vereisung. Waldo und Jean-Claude hatten sich nach dem Verlassen des Kleinbus in Mäntel geworfen, die von Jean-Claudes Kontakten vor Ort mit der entsprechenden Hardware bestückt waren, darunter auch elektrische Viehtreiber. Am Ende des Tunnels erreichte die Gruppe die rote Brücke, den Zielpunkt der Reise. Einige Nächte zuvor hatten findige Kräfte die Schutzwand aus Plexiglas an einer Stelle mit einer wiederverschließbaren Öffnung versehen, einer Tür gleich, die Jean-Claude zielsicher ansteuerte. Er drehte sich dort zum Rest der Gruppe um, stieß mit dem Fuß die Türe auf, zog seinerseits eine Glock und rief: „Wer will der Erste sein?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sich Waldo seinen Elektroschocker und Raney sprang schon von der voltstarken Welle ergriffen in die Tiefe. Jacky stieß den ersten der beiden Pauls nach vorne, der wohl noch etwas sagen wolllte, doch auch ihn traf der heftige Strom aus Waldos Hand. Nach diesem Prinzip folgten Abe, Josh, der zweite Paul, Bobby und Dave. Im Hintergrund jedoch hatte Nate andere Pläne ergriffen, doch ein Schuß aus Billys Waffe machte einen Strich durch die Rechnung. Ronny, Jake und Ethel blickten erschrocken auf den am Boden liegenden und vor Schmerz schreienden Nate, als Waldo Jake am Arm ergriff und ihn die Tiefe stolpern ließ. Ethel schmiß sich in die Ronnys Arme, doch wurde dieser durch Jacky mit einem gezielten Hieb eines Schlagrings in die Bewußtlosigkeit befördert. Billy griff sich Ethel und schrie ihr: „Wird’s bald!“ ins Ohr und warf sie die vierundsiebzig Meter in die Tiefe.

Zwei Minuten später war der Fußgängerweg entlang der Autobahn wieder menschenleer.

Trans und Depressiv, auweh!

Wie es kam, daß ich eine depressive Transfrau wurde?

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, oder ich überhaupt in die Nähe einer Antwort komme, werde ich einige Worte vorab schreiben müssen, um einige Klarheiten zu schaffen:

Transsexuelle Menschen sind Individuen. Es gibt kein gemeinsames, transsexuelles Schicksal mit Ausnahme der Basis, das wir einem anderen Geschlecht zugehörig sind, als es bei Geburt zugewiesen wurde. Und deswegen mag mancher Teil des folgenden Textes von anderen Menschen anders aufgefaßt werden. Daher von meiner Seite: Ich möchte hier meine individuelle Situation darstellen und erhebe absolut keinen Anspruch darauf, hier einen irgendwie gearteten Standard zu setzen. Das ist mir generell zuwider.

Als nächsten Punkt spreche ich kurz die Macht der Worte an. Liebe Leser, stellen Sie sich vor: Sie haben ein Bedürfnis zu trinken. Sie sagen zu einem in der Nähe stehenden Menschen: „Ich möchte etwas trinken. Ich habe Durst.“ Dieser Mensch sieht Sie an und sagt: „Dann tun Sie es. Trinken Sie!“ Nun überdenken Sie die Ihnen zugeschriebene Formulierung: „Ich möchte….“. Diese Art der Formulierung wird von sehr vielen Menschen benutzt, anstatt – um im Beispiel zu bleiben – direkt auszudrücken: „Ich habe Durst. Ich werde etwas trinken.“ Ich beschreibe hier nur ein schwaches Phänomen einer sprachlichen Vermummung, einer Selbstschwächung, einer Verschleierung, der ich auch selber länger anhing, bevor mir dies klar wurde. Auch heute tappe ich manches Mal noch in diesen sprachlichen Hinterhalt. Schwieriger ist es mit Fällen, in welchen eine direkte Wortwahl getroffen wird, die von Grund auf problematisch ist. Besonders, wenn die problematische Wortwahl einem Einverständnis des heteronormativen Mainstreams unterliegt. Ein Beispiel ist das Wort „Homoehe“, das jeden Mensch, der auch nur annähernd der Zielgruppe dieses „Geschenks“ nahesteht, wie eine Ohrfeige trifft, liegt doch in diesen drei Silben die Basis einer Abgrenzung des erwähnten Mainstreams gegen die Betroffenen. Schlimmer jedoch wiegt die Fehlverwendung der „-Phobie“ begriffe, die auf Menschen gemünzt werden, welche sich gegenüber marginalisierten Gruppierungen diskriminierend verhalten. Der Grund dieses negativen Verhaltens ist jedoch keine „Phobie“! Sondern der Grund ist Diskriminierung. Eine Phobie ist die Bezeichnung einer Angststörung, welche der „Sammelbegriff für mit Angst verbundenen psychischen Störungen ist“. Eine Phobie ist demnach keine Entschuldigung für ein „Arschlochverhalten“. Diesen Absatz beende ich mit der Bitte, die Macht der Worte zu achten. Ich selber bin eine Lernende auf diesem Gebiet.

Wie zeigt sich meine transsexuelle Seite? Warum sehe ich mich als Frau, obwohl die Zuschreibung aufgrund der Geschlechtsorgane eben eine andere ist?

Es ist ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen und auch dem ein oder anderen größeren Aspekt erstellt, welche in mir die innere Notwendigkeit erzeugten, eine Transition anzugehen, um auch in einer hoffentlich näheren Zukunft auch wirklich in einem durch und durch weiblichen Körper leben zu dürfen. Hier mögen Menschen einwerfen, daß das Frau-Sein unter anderem auch ein soziales Konstrukt ist. Und das Frau-Sein auch von innen kommt. Beide Punkte sind richtig. Dennoch muß ich für meinen Standpunkt darlegen, denn auch ich bin ein individuelles Schicksal, das sich nicht einfach in ein äußeres Konstrukt zwingen läßt.

Mag für viele Feministinnen das Aufbrechen der weiblich genannten Sozialisation wichtig sein, so ist für mich das Eintauchen in diese ein durchaus wichtiger Aspekt. Stop, bevor jemand zu weit denken mag: Nein, ich möchte jetzt nicht in die „Kinder, Küche, Kirche“-Welt abdriften. Es geht mir auch eher um das eigene Als-Frau-Gesehen-Werden. Ich möchte, daß meine Brust so groß wird, das ein Büstenhalter wichtig ist. Ich möchte breitere Hüften haben. Ich möchte einfach, ungefragt, lange Haare haben. Fragen Sie nicht, es ist nicht so simpel.

Teile des Mosaiks sind Enttäuschungen. Da war meine Teilnahme am Flötenunterricht in der Grundschule. Ich war der letzte „Junge“, der dabei war. Dann kam ein gebrochener Innenarm und wegen der Zwangspause wurde ich später von dem sogenannten „Lehrer“ nicht mehr weiter beachtet.

Dieses Mal, als ich der Mutter Monatsbinden entwendete, nicht wissend, welchen Zweck diese je erfüllen sollten, doch unglaublich angezogen von der Weiblichkeit dieser Produkte.

Die unzähligen Male, in denen mir das „Schimpfwort“ Weiberheld hinterhergerufen wurde. Ja, es war als Beleidung gedacht.

Der erstmalige Wunsch den Körper zu tauschen, als ich mit einer Bekannten einer Grundschulfreundin gemeinsam auf einer Schaukel stand.

In der kommenden Schule war ich Teil des Chores und nicht überraschend im Sopran, da auch noch sehr jung. Mit 13 Jahren sollte ich in den Tenor wechseln. Ich hätte zwar einen großen Stimmumfang, doch wäre ich im Tenor besser aufgehoben. Nach ein paar Wochen verließ ich den Chor. Denn es war hier der gleiche Fall, der auch an anderen Situationen meiner schülerischen Karriere durchbrach: Ich suchte Kontakt zu Mädchen. Klar, denkt man. Und ja, ich war auch ein ums andere Mal verliebt. Doch es war eher der Versuch in freundschaftliche Bande einzusteigen und den Genuß der weiblichen Freundschaft. Da ich in jener Zeit noch nicht ahnte, daß ich transsexuell war, kam ich mir dabei linkisch und gestört vor und war – im Laufe des 10. Schuljahres – fast glücklich, als hier eine Verbindung möglich wurde und ich mich von Pia, Manuela, Sonja und Irene während der Abschlußfahrt positiv aufgenommen wurde, als ich mich immer wieder ihnen angeschlossen hatte. Wenige Wochen später verließ ich die Schule, besuchte nun eine reine „Jungenklasse“ und litt zum ersten Mal in meinem Leben an einer massiven, Lebenssaft saugenden Depression. Dabei war es in dieser weiterführenden, kaufmännischen Schule, wie auch zuvor, nicht so, daß ich mit meinen „offensichtlichen“ Geschlechtsgenossen keine Freundschaften aufbauen konnte. Ganz im Gegenteil, einige halten bis zum heutigen Tag.

Doch war dieses Jahr ein unglaublicher und extremer Tiefpunkt in meinem Leben. Als Sieben-, Achtjährige hatte ich eine Zeitlang mit dem Todeswunsch gekämpft, was unter anderem an der grausigen Grundschule lag, in der Mobbing ein geduldetes Gesellschaftsspiel war. Und ich war nicht die, die es am schlimmsten traf. Aber auch die Beobachtungen, die ich machte, genügten, um später einordnen zu können, daß der Faschismus auch mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch seine Brutstätten besaß, in welchen grundsätzlich das Schwache mit Gewalt zu bekämpfen ist.

In der Grundschule lernte ich viel über das eigene Fremdsein, das vielleicht in dem englischen Wort „awkward“ sehr viel besser illustriert ist. Ich lernte viel über die Vorzüge des Unscheinbarsein. Des Abtauchens in einer Masse.

Zum Ende der nächsten Schulzeit mit 16 Jahren, hatte ich eine gewisse Freude gefunden. Im Apollo Theatre in London hatten Manuela und Pia mich geschminkt. Das war ein Moment puren Glücksgefühls gewesen. Und weiterhin ahnte ich nicht, daß genau diese Emotion eben nicht von ungefähr kam. Klar, kann eins sagen: Auch Jungs dürfen sich jederzeit schminken. Das werden sich die beiden Freundinnen damals auch gedacht haben, denn auch ihnen wird verborgen gewesen sein, was ich vor mir selbst nach Jahrzehnten outen würde. Falls sie es doch bemerkten, wäre ich ihnen sehr dankbar gewesen, hätten sie mich darauf hingewiesen (denken Sie sich hier bitte einen bitter lächelnden Smiley).

Der Sommer 1987 wurde darauf zum tiefen Sturz. Im September war ich mit den Nerven am Ende. Und vergrub mich um die Jahreswende in „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley. Wie ich inzwischen lesen mußte, ist die Schriftstellerin beschuldigt oder verdächtigt mißbräuchlichen Verhaltens. Nichtsdestotrotz hatte mich der Roman selber in jenen Jahren äußerst nachhaltig beeindruckt. Diese Nacherzählung der Artus-Sage, in der jedoch nun die Frauengestalten aus dem Hintergrund treten und sich als die wahren Handelnden zeigen, zog mich tief in seinen Bann. Auch hier fehlte noch das Hinterfragen dieser Situation, in welcher ich kaum wußte, welche der Romanfiguren mir am meisten aus der Seele sprach, ich auch kaum wußte, wie ich die großartigen, aus meinem Leben gefallenen Frauen ersetzen könnte, oder besser den Kontakt aufrecht erhalten konnte. Die Depression lähmte mich, das fehlende Selbstbewußtsein lähmte mich, die fehlenden kommunikativen Möglichkeiten des Jahres 2018 hätten mir eventuell weiterhelfen können.

In den folgenden Jahren konnte ich aus der inneren Isolation, in die ich damals sackte, langsam herausfinden. Musik wurde ein Schlüssel und letztlich die Bandgründung von „Permanent Confusion“ half Schritt für Schritt auf ein Level zu kommen, in welchem zwar die Depressionen in Schach gehalten werden konnten, ich jedoch auch in meine Rolle als „junger Mann“ stärker hineinschlüpfte, diese jedoch immerhin auch leicht aufbrechen konnte: mit geliehener Bluse, mit mäßig guten, aber ehrlichen Texten über Trauer, Einsamkeit und Sex. Und spätestens 1997 sogar mit dem ersten Rollenwechsel, als ich für das Stück „La Habana“ das lyrische Ich eine Frau sein ließ. Doch zu diesem Zeitpunkt war die beste Zeit der Band schon vorüber, hatte sich die ursprüngliche, innere Verbundenheit etwas gelöst und ein zuvor existentes kleines, aber feines Publikum war weitergezogen. Und dennoch war und ist es unglaublich wichtig, sich in dieser Kunst auszudrücken. Und deswegen ist es auch am wichtigsten, Musik zu hören, die aus einer inneren Notwendigkeit geschaffen wird.

In dieser Zeit hatte ich erste Beziehungen zu Frauen gehabt, und ja, es gab bis zum heutigen Tage Sex in meinem Leben, denn es gibt zwei Kinder. Den Grund möchte ich hier nicht verheimlichen: Ich liebe Frauen. Und im Sex nutzte ich das Instrumentarium, das mir zur Verfügung stand.

Um die körperlich-mentale Diskrepanz zu erläutern, verweise ich noch einmal kurz auf die depressiven Episoden. Bevor ich im Oktober 2013 endlich die Erkenntnis meiner Transsexualität hatte, war ich in physotherapeutischer Behandlung. In einer – ich kann mich nicht mehr an die genaue Begrifflichkeit erinnern – „Versenkungsübung“ sollte ich mich in meinem Körper einfinden. Später, als ich Autogenes Training beginnen sollte, wurde dies zum Standard und durch die geänderten Situation meiner Selbstsicht, ist dies inzwischen kein Problem, doch in jener Übung mußte ich erkennen, daß mein Körper und mein „Geist“ nichts miteinander zu tun hatten. Dieses „sich-in-den-Körper-einfinden“ wurde zum schwierigsten Teil der Übung. Ich selbst war über diese Situation zunächst einfach nur erstaunt. Während der „Versenkung“ erschien es mir, als stünde ich komplett neben mir, als müsse ich erst „in mich hineinsteigen“. Die Entfremdung, die ich schon jahrelang gespürt hatte, bekam in dieser Situation ein Bild. Es kam nicht von ungefähr, daß Albert Camus‘ „Der Fremde“ seit jeher eines meiner liebsten, weil tief in meine Seele greifendes Buch war. Und ich damals heulte, als ich zum ersten Mal die letzten Zeilen las:

Damit sich alles erfüllt, damit ich mich weniger allein fühle, brauche ich nur noch eines zu wünschen: am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

So lange habe ich jetzt darauf gewartet, den alten Körper sterben zu lassen. So viel Selbstverletzung ist darüber gezogen. Der Rest möchte bitte bald neu anfangen.

25.05.2017

Revolte + Terror = Jugendkultur hahahahahaha

vorwort: Wem der Stil des Geschriebenen nicht paßt, wer den Wirrungen und Irrungen der Gedanken nicht folgen kann, wer was auch immer …. geht einfach weg. Okay?

this is the worst trip I’ve ever been on. Mann, ich steh voll in der Wüste. Auf einer Brücke, unter der die Sanddünen lachend hindurchziehen. Als ich vor einigen Tagen über Rockmusik nachdachte, fiel mir dieser Streifen „almost famous“ ein. Ist inzwischen fast volljährig, der Film. Und dann folgte der Gedanke über diese Szene darinnen, in welcher der Junge die Platten von seiner rebellischen Schwester unter dem Bett hervorzieht, und sein Leben gerettet werden soll. Zum Glück war kein Serge Gainsbourg dabei, sowas wie Histoire de Melody Nelson, kultivierter Schweinkram mit kleiner Körbchengröße und satten Arrangements.  Zu feingeistig für die kommende Stewardess und überhaupt zu kultiviert für irgendein Amerika. Ob nun das verfilmte 1969 oder auch der Donny-Age-Komplex, unter welchem wir zu schnaufen beginnen. Als wenn das nicht egal wäre…. kaum verflogen die Klänge… stand dieses kurze Intervall am Beginn eines Streichquartetts von Alban Berg in der Atmosphäre und… was ist mit Euch los? Fragen Alban und auch ich!

Die Erinnerung an „almost famous“ hatte schon einen gewissen Sinn. Ein Film über das Ende jener Phase einer heiß gelaufenen Maschinerie. Das Vorglühen war der Rock’n’Roll, die Hüfte, Algerien, Wirtschaftsaufschwung und vor allem AUFSCHWUNG. Bis ins Weltall. Im ersten Akt wurde der Jazz dann heißer, drängender, freier, entstand eine mündige Schicht an Menschen, die Rechte forderten, flogen die Raketen im Orbit, wurden die Kriegsschauplätze exotischer und Einnahmen aus Schallplattenverkäufen galten noch ein wenig wie Wolkenkuckucksheim. Im zweiten Akt verfliegt die Exotik des Krieges, denn Er Will Dich, wird in flirrenden Paisleymustern [Das sind aber ganz schön konkrete Gedankengänge, mein lieber Schwan oder auch Scholly oder… äh] dieses Wollen verneint, mit grinsender Kopulationsakrobatik auf Rockbühnen die Macht zelebriert als Poesie der Wirtschaftsmuskelmasse, während der Rest langsam schnauft. Und wenn 1973 die Maschine eben heiß läuft? The Fall of Saigon steht vor der Tür. Die Ölkrise. Die RAF. Die PLO. Die ETA. Die IRA. Die nicht gut abzukürzende Brigate Rossi (Okay, die Abkürzung bringt Medienleute aus Bayern zum knurren) Dazu ist alleine in Europa noch so manches Ländchen unter einer Diktatur bemantelt. Spanien, Portugal, Griechenland, der Zypern-Konflikt. Dazu noch der ganze Warschauer Pakt, eine fantastische eigene Liga der Unterdrückung. Nicht zu vergessen, nicht?

Wozu das Ganze? Weil dies grelle Augenpaar manchmal ARTE schaut. Weil dort immer gerne des Sommers schöne, kreischend bunte Dokus über die Rebellen jener Zeit gezeigt werden, die uns heute mal so richtig schön zeigen können, wie der Unzustand unserer Zeit in eine total groovige … ach, klappt ja gar nicht, weil die Realität ja weder ARTE-konform, noch Netflix-bingemäßig zurecht geschustert werden kann, denn da ist der Mann mit dem Bombenkoffer. Und der macht das Licht aus. Das haben die schon immer gemacht. Die ganzen Hirnis, die nur drei Buchstaben behalten können, hatte ich schon aufgezählt. Und damit sind wir plötzlich am Brunnen Mimirs angelangt. Ganz ohne ein Auge zu verlieren. Nur eine volle Dröhnung an Alban Berg oder einen anderen geilen Macher aus der (Achtung) Neuen Wiener Schule. Nicht die Alte. Die Neue! Ist zwar älter als sowohl Frankfurt, als auch Hamburg. Nichtsdestotrotz! Oder halt mit John, bzw. Alice Coltrane hochfahren. Mimir sagt: Jungens, Mädels.

Da seht sie stehen! Dort stehen sie herum, die Konserven.

Die Konservativen.

Die Kompressionierten.

Die Konfektionierten.

Die Kompromittierten.

Die Kompostierten.

Alice, das ist nur scharf. Shiva Loka.

Die Kondolierten.

Die Gondolierten? Die Kronzeugierten!

„Das geht so nicht weiter, Mimir!“

Die Präservativen.

Die Präversativen.

Die Frittierten!!!

„Du kannst nicht so Recht sprechen, oder in den Quell der Weisheit blicken, Mimir!“

Das Kapital. Spielt und würfelt. Es rückt die Figuren. Das ist doch klar. Das ist Physik. Wölbt sich das weiße Yang oben aus, quellt das schwarze Yin nach unten weg. „Und natürlich“…. nee, ruft Mimir: meet the new boss, same as the old boss. Denn auch das ist Physik: die Luft am Gipfel ist immer dünner, als im Tal. Da können so viele Wortspiele und Versprechungen, Versprungungen, durch die Welten schwirren, das kann nicht gehen.

„Mimir! Warum schicken Leute Dick-Pics und dann seh ich nur Richard Nixon?“

Weil eben „Dicky’s such an Asshole.“ und heute singen wir „Donny’s such an Asshole“, und statt einem DickyPic, setzen wir ne blöde Orangenperücke auf. Annoying Orange for real.

Is everybody in?

Nein. Warum auch. Jedes so begrenzt, es kann. Kondoliert doch, wo ihr wollt. Zum Teufel. Ständig sterben Menschen, jederzeit, jeden Orts. Durch Krebs. Durch HIV-induzierte Erkrankungen. Durch Bombensplitter. Kein Tod ist schön. Nirgends. Nie. Und dennoch rafft es Menschen dahin. Der Schrecken ist immer die Lücke, die der Tod reißt. Die Unzeit, die er erschafft. Und dennoch sagen Mimir und auch ich: Kommt endlich klar damit, das Euer Abo mal irgendwann abläuft. Das Ticket wird Euch aus der Hand gerissen, da seht Ihr nur noch die Fetzen im Winde wehen. Und natürlich habt Ihr Angst davor, wenn der Schalter umgelegt wird. Und im Off steht nicht mal Wayne. Mimir lacht. Über die, die vor toxischen Menschen warnen. Mimir ROFLT. So ein nordisches Wesen sollte sich nicht so verstörend verhalten. Hey.

Jetzt ist die Bagatelle passiert. Der Schreiber lacht auch. Hat aber nur eine Sekunde zuvor das Wasser getrunken. Das Papier wellt. Heilig’s Blechle. Und warum das Ganze? Weil nasses Papier die Eigenheiten des Wassers übernimmt, natürlich! Das Farbband muß in der Nacht am Feuer verweilen, auf das trockenen Fußes der Text weiterwandert. Gleich einer akustischen Guitarrrrre. Chico legt noch ein paar Flöten mit ins Grab. I think it’s gonna rain today.

Zwischenwort:

Wer jetzt noch hier rum nölt, ey! Mein Freund Haarmann hat ein Hackebeilchen

„So, Mimir“ Was! Mit den Fingerchen fummelnd wie Mister Burns, nur Millionen an Dollars weniger „Also, sollen Menschen nicht Dinge und andere Menschen meiden, die schädlich sind?“ Watt is dat für ne scheiß Frage, du Eierkopf. Dann kannste dich inne Höhle einschließen. Datt ganze Leben is voll toxisch. Kaum biste auffe Welt, iss schon die Kakke am dampfen. Oder willste dem Finanzamt auch jetzt mal mit „Also, ich muß Sie bitten von Ihren Forderungen nach Steuerzahlungen Abstand zu nehmen, denn das erzeugt eine negative Schwingung in meinem Leben“ auffen zeiger gehen, watt? vollpfosten! Damals als noch über Nixon-Bilder sinniert wurde, ha. Ja, girl in trouble. Hat irgendwer mal drüber nachgedacht, was DickPicMusic ist? So was, wie … wir kommen nicht ausse zeit da raus. Almost famous und so. Led Zep I oder II. squeeze me lemon til the juice runs down me leg. Robert Plant aus Yorkshire, kreisch! Aber das ist dann der Sound der Revolte. Und natürlich der arme Hendrix, der doch niemandem was getan hatte*. Und immer wieder nur Satisfaction. Ich verlange auch nach genau dem und verlange dazu auch noch die Wahl der Waffen. Waffeln. Wenn immer auf die gleiche Stelle geschlagen wird, dann ist das Physik! Oder Biologie! Da entsteht ein Bluterguß. Und Schmerz. Und irgendwann bricht auch der Knochen. Habt Ihr sonst keine anderen Ideen? Seid doch nicht immer so eindimensional! Stellt Euch vor, Ihr stündet vor Kafkas Schloß, hört die Telefone und die Schreibmaschinen. Stellt Euch vor, Ihr seid ein Käfer. Was denn?! Ihr geht dann rein!

time takes no prisoners. time takes a cigarette.

Ein kurzer klarer Moment wie ein Pochen. Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er hatte ein klares und einfaches Ziel: Gleiche Rechte für alle Rassen.

Was hat 2017 zu bieten? Mimir will wieder ROFLN. Können wir einfach den alten Faden wieder aufnehmen und noch „Gleiche Rechte für die Geschlechter“ hinzufügen? Okay? (this is the most worst trip I’ve ever been on) Ich bin doch der Käfer. Und das Wasser habe ich getrunken. Einst sprudelte es. -.-

* Jimi machte mal den Song little wing. Wer da irgendwas von Revolte raushört, sollte mal ein Wasser trinken. Jimi wollte doch auch nur wegfliegen.

Nach „Brüssel, 22.03.2016“

Vielleicht ist dieser Text der letzte, den ich schreiben werde. Ich bin frustriert, sehr tief. Warum? Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 sind der Auslöser. Ein weiteres Warum?

In den vergangenen Monaten hat sich das gesellschaftliche Klima in Europa gewandelt. Ein paneuropäischer Nationalismus greift um sich. Ein Klima, das vergiftet auf alles, was fremd ist, starrt und dessen Verschwinden verlangt. Die Art, wie dieses Verlangen artikuliert wird, ist von Hass und Wut getragen. Lange habe ich versucht, in Texten und Gesprächen, dieser Bewegung etwas entgegenzustellen. Sei es Empathie, Vernunft, eigene Fassungslosigkeit.

Am vorgestrigen Tag, dem genannten 22.03.2016, sind wieder einmal Menschen zu Tode gekommen, als Ergebnis einer Anschlagsserie. Sage ich es kurz: Es geht nicht an. Dieser Art von Menschenfeindlichkeit ist Einhalt zu gebieten.

Sowohl bei jenen, die sich als Islamisten bezeichen, als auch bei jenen, die von Tag zu Tag gegen alles Fremde wettern. Es ist erschütternd zu sehen, wie zwei extrem gegenpolige Ansichten miteinander wetteifern, wer die schärfste Klinge fährt. Frustierend ist jedoch, wie günstig die Attentate für den paneuropäischen Nationalismus sind. Doch letztlich können sich die konservativen, populistischen Kreise Europas nicht davon freisprechen, eine Mitverursacherschaft an den Terrorakten zu tragen. Sind sie es doch, die nun bereits seit Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen,

– eine europäische Leitkultur zu verfechten

– dem Islam eine Existenz auf europäischem Boden zu verwehren

– die permanente Gefährdung aller europäischen Nationen durch Überfremdung zu predigen

Können sich die Fürsprecher dieser Thesen vorstellen, daß gerade junge Menschen, die ständig diesem Feuer der Angst und Abgrenzung ausgesetzt sind, dieses letztlich aufnehmen und nach außen weitertragen? Dies äußerst sich zum einen darin, daß konservativ-nationalistische Kreise eine überdurchschnittliche Beliebtheit in Altersgruppen bis zu 29-jährigen erreichen. Die Kehrseite sind junge Selbstmordattentäter, die letztlich auch durch Perspektivlosigkeit und Ablehnung in den eurozentrisch gesinnten Gesellschaftspartien dahingehend vorgeschliffen werden.

Dieses permanente Wechselspiel sehen zu müssen, ist ernüchternd. Und bringt mich dazu, diese Form von Texterei in Frage zu stellen. Deswegen möchte ich ein letztes Mal meine Stimme erheben und den letzten Leserinnen ein paar Ideen mit auf den Weg geben.

Der ausländische Straftäter.

Jaja, das Todschlagargument. Doch gehe ich einfach davon aus, daß in der europäischen Justiz sicherlich kein Straftäter laufengelassen wird, wenn er „fremd“ genug ausschaut. Wobei ich hoffe, daß das Gegenteil auch nicht der Fall sei. Wundere ich mich doch mit Bauchschmerzen über die Tendenz der Justiz in den Vereinigten Staaten eine größere Härte gegen nicht-weiße Bürger anzuwenden. Ein Fall, wie der Mord an Alexandra Mezher in Schweden durch einen bereits abgewiesenen Asylantragssteller, muß mit der gleichen Härte betrieben werden, wie jeder andere, gleichgelagerte Mordfall unter Menschen mit gleicher Nationalität. Hier gibt es überhaupt kein Vertun. Und es soll auch nicht auf derlei kapitale Verbrechen beschränkt bleiben, sondern auch Vorfälle, wie die Sexualstraftaten in Köln zu Silvester 2015 müssen aufgeklärt und bestraft werden. Und ein inhaftierter Sträfling sollte auch in seine Heimat transferiert werden. Wenn hierzu die legislativen Voraussetzungen fehlen sollten, sind sie zu schaffen. Doch wenn die Realität das Wort kurz erheben darf: Die meisten Straftaten in Europa werden von den jeweiligen Einheimischen begangen, von Mord, über Vergewaltigung zu Steuerhinterziehung und Körperverletzung.

Europäische Leitkultur und Überfremdung:

Ich fasse mich zu Beginn einmal kurz: Die Idee einer europäischen, womöglich christlichen Leitkultur ist einer der größten, zynischsten Scherze, die je von Menschen ersonnen wurden.

Haben sich die Urheber dieser Ideen eigentlich mit der europäischen Geschichte seit Herodot auseinandergesetzt?

Wenn ja: ist ihnen aufgefallen, daß sich keine Konstante ergeben hat, die auch nur die zeitliche Grenze von eintausend Jahren überdauert hat, die als kulturelles Fundament angesehen werden kann? Vielleicht mag jetzt jemand den religiösen Aspekt der Christenheit erwähnen. Hierzu gebe ich folgendes zu bedenken, bevor ich mich der Frage der Religion als solches widme: Wie hoch ist die Zahl der Menschenleben, die von Vertretern dieser verschiedenen, christlich-orientierten Religionsgruppen getötet wurden?

Besonders in Zeiten, in welchen Teilgruppen untereinander verfehdet waren, womit nicht nur die Hochzeit zwischen 1618 und 1648 gemeint ist.

Ein Gottesglaube ist darüberhinaus, in meinen Augen, kaum für einen menschlichen Geist wahrhaft zu erfassen. Der Gottesbeweis des Thomas von Aquin wird von mir zwar befürwortet, doch, wo jener einen Gott als causa prima, als Erstursache, erkannt haben mochte, sehe ich ein physikalisches Phänomen. Wobei nicht gesagt sei, daß die Basis einer christlichen Morallehre, wie sie in den Evangelien zu beobachten ist, kein wunderbares Fundament für das Miteinanderleben von Menschen auf diesem Planeten sei, doch ist die Lehre jenes Jesus für uns einfache Leute grundsätzlich zu revolutionär und – um nur auf dieses eine Beispiel zu verweisen, daß jedoch auch auf andere große Religionen der Welt zutrifft – wurde nur kurz nach dem Tod des Religionsgründers die Rolle der Frauen neu definiert und diese in die zweite Reihe verbannt. Da liest sich das neue Testament durchaus anders. Und somit direkt an die Leitkultur gefragt: Aus der Historie ergibt sich hier, daß die Frau weiterhin gerade mal sich der 3 großen K’s widmen dürfte, doch das kann heute niemandens Ernst mehr sein. Geschieht hier der erste große Bruch und die Rückbesinnung auf die Machtverteilung in der Jungsteinzeit?

Der massiv größte Teil der letzten zweitausend Jahre in Europa, aus welchen sich vielleicht am Ehesten eine handvoll an regionalen Leitkulturen destillieren liesse, ist von Kriegen, mehr oder weniger freiwilligen Völkerbewegungen und Machtmissbrauch aus Egomanie gekennzeichnet. Die größte, europäische Leistung dieser Zeitspanne ist, ohne jedwede Diskussion, die Gründung der Europäischen Union. Wer hier widerspricht, sollte ein wirklich sehr gutes Argument zur Hand haben, warum die Schaffung eines möglichen, kontinentalen Miteinanders ohne Waffengewalt, nicht die allerhöchste, die mächtigste Leistung war und auch noch ist. Keine technische Revolution kommt dieser Errungenschaft gleich.

Die Erhaltung dieser Union ist noch wichtiger, als die Bekämpfung von terroristischen Umtrieben. Die Erhaltung der Freiheit in dieser Union ist ebenso von größter Bedeutung. Und dies gilt umso mehr, als der bereits erwähnte paneuropäische Nationalismus um sich greift, der auf die Wiedererrichtung von Grenzen setzt, sowie auf die Wiederbelebung von nationalen Gefühlen und das Fehlen dieser unter Strafe stellen möchte.

Hier frage ich: Welches Land – nicht nur im Bereich der Europäischen Union – ist ein reines Land? Es gibt sie nicht mehr, heißt die einzig korrekte Antwort. Spätestens mit Beginn des demokratisierten Individualverkehrs hat die Durchmischung der Völker und Ethnien einen höchst erfreulichen Grad an süßer Unreinheit erreicht. Jedes Individuum an jedwedem Ort dieses Planeten hat einen individuellen Hintergrund. Durch die Möglichkeiten der Vernetzung werden auch die inneren Erlebniswelten weiter von regionalen Leitkultürchen entfernt. Und in diesem Sinne ist eine Einnordung auf diese Leitbilder höchstens unter Ergreifung von Zwangsmaßnahmen möglich, sollte sie auch für die Eingeborenen gelten und nicht nur für die einreisenden Fremden. Letztlich werden im Bezug auf die Errichtung einer Leitkultur auch Erinnerungen an die Gleichschaltungen im dritten Reich wach.

Eine Leitkultur ist nicht mehr, als eine Normierung. Und diese ist das Ende der Individualität. Das diese Ideen derzeit auch in Ländern um sich greifen, die doch gerade unter den Deutschen des dritten Reichs gelitten haben, kann als sehr merkwürdig empfunden werden. Gibt es keine anderen Wege, um die innere Verbundenheit zu einer Region aufleben zu lassen? Und weshalb bezieht sich ein Stolz immer auf eine ganze Nation? Was hindert Menschen daran, stolze Menschen aus Cornwall, Lothringen, den Podlachien, Umbrien zu sein? Sind die regionalen Wurzeln nicht stark genug, um den faden Glanz des Nationalismus zu überstrahlen? Sind Nationen überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch gesetzt, sondern ernsthaft zur Überlegung gestellt.

Diese Frage wird von der Welt verworfen und nie beantwortet. Dieser Text wird nie eine Anregung sein. Der Ansatz ist noch nicht zeitgemäß. In keiner Weise. Und Utopien braucht wohl niemand. Es ist der letzte Text, den ich geschrieben habe.

01. Juli 2015

Im Kopf, tief drinnen, sitzt ein roter Knopf. Diesen darf niemand drücken. Es ist der (Selbst-)zerstörungsmechanismus, der dadurch ausgelöst wird. Wenn ich unter Schmerzen bin, ist der Weg freigelegt. Passend zu diesen Gedanken lief gerade der wunderbar in Harmonien badende, sanfte Gesang theme aus dem heiteren Paris au printemps-Album von Public Image Limited. Wie singt der gnädige John Lydon dort: and I wish I could die. Der Hörer mag sich wundern, wie sich dieses wunde Röhren vor dieser unbarmherzig rotierenden Bass-Schlagzeug-Gitarrensplitter-Maschinerie überhaupt noch am Leben erhält? Das Schlagwerk (ja, so muß man es tatsächlich benennen) erinnert nirgends besser an den Rhythmusgeber einer Galeere. Das die Gitarre an sich, ob der aggressiven Schleifarbeit, Funken absprüht, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Keith Levene, der hier für diese feinmechanische Zerstörungsarbeit an den Synapsen zuständig ist, belegt mit dieser Aufnahme seinen Doktorarbeit in neurologischer Infarkterzeugung. Jah Wobble am Bass geht in diesem Tumult leider etwas unter, doch vermute ich, sind seine Zähne schon als Anblick tragisch genug, um den Lydon’schen Ausruf auszulösen. Hehehe, Pennsatucky-Style. Ich vermute, die meisten Leser werden inzwischen das heftige gefühlsmäßige Pendeln in diesem Text bemerkt haben und ich möchte kurz anmerken, daß dies nicht damit zu tun hat, daß ich eventuell gerade mal ein Wort pro Vierteltag schreibe, wodurch verschiedenste Mentalzustände ihren Niederschlag fänden. Nein, so nicht. Ich kann innerhalb von Sekunden mein Empfinden brachial verändern. Und derweil heult John Lydon immer noch uns diametral ins Gesicht, daß and I wish I could die. Was ist so bemerkenswert an dieser Aussage? Liegt es an dem wirklich erkennbaren Überdruß, der da mitschwingt? Liegt es an Jah Wobbles Zähnen? Liegt es an Paris im Frühling? An den Pariser Bürgern, die dort John Lydon während eines Konzertes betrachteten? Okay, der Song ist ja schon älter, als diese Aufnahme und so fällt Paris als Stadt des tief empfundenen Todeswunsches leider aus. Derweil möchte ich dennoch anmerken, daß ich schon in Paris weilte und wirklich lieber tot gewesen wäre. Und es lag durchaus an Paris! Teilweise ausgelöst durch die mir mangelhaft bekannte, oder tatsächlich vor Ort mangelhaft ausgeprägte Infrastruktur an guten Plattenläden. Schämt Euch, ihr Pariser! Vinyl muß an der Champs Elysée verkauft werden! Da, wo ich herumgeschleppt wurde. Was interessieren mich irgendwelche französischen Prachtbauten, auf die man sich nebenher über ellenlängere Prachtstraßen hinbewegen muß, ohne je das Gefühl zu erlangen, daß man sich überhaupt vorwärtsbewegt. Nebendran fahren Franzosen auch noch Auto. Ich sollte lieber schreiben: Als mitgeliefertes Schauspiel führen Franzosen in Karosserien waghalsigere Manöver vor, als sie sich Transformers-Drehbuchautoren je ausdenken könnten. Und das zu 90% Haftpflicht unversichert. Könnten arglose Touristen nicht leihweise mit Scheuklappen bestückt werden, damit sie sich diese suizidal-fröhliche Treiben nicht noch mit ansehen müssen? Wer soll das aushalten? Stellen Sie sich diesen mackenbeladenen, amerikanischen Detektiv namens Monk vor, den schon ein paar Laserpointer zu springteufelhaften Tanzen bringen? Er würde sich sofort entleiben, müßte er dem Verkehr entlang französischer Prachtstraßen beiwohnen. Keith Levenes Gitarre, laut über Kopfhörer, hilft da schon einen Schritt weiter. Wie akustische Handgranatensplitter dringt sie durch die Szenerie, hinterläßt tiefe, bluttriefende Wunden. Die Bilder klaffen. Oder zerreissen sie die Augen der Schaulistigen. Genau. Zu lange gestarrt, der kleine Levene kommt und übernimmt die Kontrolle. And I wish I could die. Es sind die Hörer, die da singen, es ist nicht John Lydon. Er wird als Medium genutzt, um den anschwallenden Überdruß hörbar zu machen. Nein, mein Name ist nicht Greil Marcus. Aber ich weiß, daß Sie das denken. Ich weiß. Morgen höre ich mir lieber Cleaners from Venus an. Und das Paris der 1990er kann der Teufel holen, und durch Prachtboulevards voller unabhängiger Plattenläden ersetzen. Kilometer lang sollen sie sein. Man kann dort kaufen. Man kann jedoch auch eigene Ware mitführen, die dort gewienert und gewaschen wird. Die glänzenden Vinyls werden von Hand Dir übergeben. Mit Kennerblick wirst Du gemustert. „Sie besitzen diese Original-Seven-Inch von Bent Fabric?“ „Ja.“ „Oh! Auf Metronome, wie ich sehe.“ Der Übergebende zieht fast unbemerkt die Augenbraue in die Höhe. „Ja, ich habe sie mal irgendwo gekauft.“ „Ein glücklicher Kauf, wissen Sie?“ Für einige Momente darf man sich gut fühlen, dann wird Dir wieder klar, daß a) die Single trotzdem nichts wert ist und b) die Musik – das Eigentliche eines solchen Produkts – unerträglich fade. Der Traum sollte dennoch in einem Paris der Zukunft umgesetzt werden. Nick Hornby, bitte finanzieren oder Investoren klarmachen!

16. Juni 2015

Heute ist mir das Wesen der Kopfschmerzen klargeworden. Es ist ein klarer Fall von Stromfluß, übermäßige Elektrizität auf Nervenbasis in der rechten Körperhälfte. Die linke Hälfte ist davon jedoch nicht abgenabelt, sondern bemerke ich dort ein eher statisches, dumpfes Gefühl noch unter Schmerzlevel. Der linke Arm tendiert zu leichtem Zittern, ebenso die linke Kinnhälfte. Das rechte Auge, über welchem der Schmerz trohnt, halte ich am liebsten geschlossen. Leichte Übelkeit ist mit im Paket.

Singen Sie zur Melodie von „es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“:

Es spielt der FC Jerusalem und Jesus steht im Tor.

Die Jünger steh’n im Abeseits, das kommt mir spanisch vor.“

Mit den Kopfschmerzen stehen auch fast permanent Tränen in den Augen. Und trotz Tablette, wird es nicht wirklich besser. Das Medikament ist inzwischen eher verantwortlich für das beginnende Sodbrennen. Hervorragend. Und Elvis Costello sang vor einigen Minuten davon, daß Alison sich von diesem kleinen Typen das Partykleid ausziehen ließ. In meinem Zustand kann ich solche Sex-Andeutungen nicht ertragen. Nebenher mußte ich darüber nachdenken, warum eigentlich nur Frauen gegönnt ist, sexy Kleidung zu tragen. Okay, der Gedanke erübrigt sich, wenn ich mir erotische Männerbekleidung vorstelle. Da sind selbst Elvis Costellos Andeutungen gar nicht mehr so schlimm. Eines Tages kann ich auch über Lou Reed weiterschreiben.

11. Juni 2015

Da ich den letzten Text mit dem schönen Schlagwort Nationalsozialisten beendete, und dieses Hämmerchen einen feinen Einstieg bietet: Es soll ja Menschen in Deutschland geben, die gerne die Behandlung der Thematik rund um die nationalsozialistischen Untaten zwischen 1933 und 1945 beendet, ja, abgeschlossen sähen. Diese Menschen in Deutschland sagen zum Beispiel:

„Ich bin nach 1945 geboren und kann daher nichts für die Geschehnisse dieser Zeit.“

oder

„Was der Staat Israel mit den Palästinänsern macht, ist fast genauso schlimm, wie der Holocaust.“

oder

„Aber die Juden haben doch immer schon dieses und jenes getan, und die Sache mit Jesus. Und andere haben auch schon immer die Juden gejagt und die haben die Pest ausgelöst und so weiter und so fort.“

Okay, der letzte Ausflug war von mir erfunden, doch wurden diese Argumente in gleicher oder ähnlicher Form in den letzten Jahrhunderten gerne mal verwendet, um Antipathien gegen diese Religionsgemeinschaft anzustacheln.

Warum ist aber all dieses falsch?

Und wie begegne ich Menschen, die solche Äußerungen von sich geben?

Zum einen, ist es in meinen Augen nicht statthaft, beide Konfliktsituationen (Nazi-Deutschland vs. Juden / Israel vs. Palästina) zu vergleichen. Darüberhinaus gibt es einen interessanten Aspekt, den ich beleuchten möchte:

Es gibt so viele Deutsche, die wie auch ich, nach 1945 geboren sind, doch in der Familie existieren Personen, die zwischen 1918 und 1945 alt genug waren oder wurden, um ein staatsbürgerlisches Bewußtsein zu haben. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, nachzufragen, was diese Personen innerhalb dieser Zeitspanne taten, nicht taten, glaubten, an Überzeugungen lebten. Ich weiß es, weil ich die Fragen selber nicht gestellt habe. Und dies ist Angst? Angst davor, etwas zu erfahren, was das Zusammenleben mit diesen Personen belasten kann. So ist ganz menschlich das Hemd näher als die Hose. Aber das Hemd ist zu eng, es zwickt an allen Enden. Und es nimmt die Luft. Einer meiner Großväter war in Frankreich im Krieg. Mehr weiß ich nicht. Ist das eventuell, neben der Angst, fehlende Empathie? Was treibt dann viele Deutsche dazu, der israelischen Politik Vorhaltungen zu machen, und dabei ein enormes Herz für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu beweisen? Dieser Teil ist definitiv nicht beanstanden, doch sind mir die Motive dubios. Warum dort der Abstand zur Vergangenheit von nahestehenden Menschen, hier das große Mitleiden? Es erscheint mir als eine kuriose Ersatzhandlung. Oder einfach gesprochen: weiterhin schwelender Judenfeindlichkeit? Vielleicht. Es gibt genauso viele Gründe, wie es Meinungsträger gibt. Letztlich steckt in den heute lebenden Deutschen, wenn sie sich erst einmal mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandergesetzt haben, ein Gefühl der Mitschuld alleine schon auf der Basis der verwandschaftlichen Verbundenheit mit den damaligen Tätern. Oder Zuschauern. Und auch dies drängt gerne in der Gegenwart dazu, jetzt das Richtige zu tun. Das ist ebenfalls wiederum nicht falsch, doch wird damit der Bezug von Damals zu Heute gezogen, denn das heutige Tun wird durch die Gräuel der Vergangenheit befeuert. Möglicherweise ginge uns Israel heute an den vier Buchstaben vorbei, wenn unsere Vorfahren nicht die indirekten Gründerväter dieses Staates geworden wären und damit im Anschluß noch das Elend der dort lebenden Araber mitverursachten.

Warum tut sich der Mehrheitsdeutsche dann mit einer Aktion, wie den Stolpersteinen, die vor Ort an ehemalige jüdische Mitmenschen erinnern sollen, so schwer? Ist es die Nähe zur Gegenwart, dieser zeitliche Brückenschlag, der Ängste heraufbeschwört, daß diesen Stolpersteinen auch eine Mahnung innewohnt? Ein „Nie Wieder!“? Hat der deutsche Bürger möglicherweise ganz für sich erkannt, daß dieses „Nie Wieder!“ harte Arbeit bedeutet? Oder liegt im Argwohn gegen die Stolpersteine die schon angesprochene Nähe zu den eigenen Vorfahren, die vielleicht Menschen zum Stolpern brachten? Oder sind dem Bürger die Mahnmale am liebsten, die von Gemeinde- oder Staatswesen errichtet, angebracht werden? Der Mensch, nicht nur in Deutschland, läßt sich ungern von den negativen Seiten der Vergangenheit berühren. Doch das ist falsch. Die Lehren der Vergangenheit wären verloren. Es entstünde die gleiche Situation, wenn die Menschheit jedwedes Lesen einstellen würde. Es ist zwar, wie ich oben schrieb, meines Erachtens falsch einen aktuellen Konflikt, wie jener in Israel, in Palästina, mit einem vergangenen Konflikt zu vergleichen, gar aufzurechnen, doch sind Lehren und Erfahrungen aus vergangenen Konflikten unabdingbar und anwendbar.

Da ich gerade die Erstellung und Übernahme von Mahnmalen durch Gemeinwesen ansprach… ist das komplette Überlassen dieses Aspekts vom Individuum an die Allgemeinheit nicht in gewissem Maße der letzte Sieg der totalitären Regime? Die Frage lasse ich mal stehen.

23. Mai 2015

Okay, Angst. Am heutigen Morgen ist mir Moriarty begegnet, der Erzfeind. Schon war mir klar, daß die Aussage, daß ich mich freuen würde, über das Thema Angst zu schreiben… äh… ein wenig das berüchtigte Pfeifen im Walde war. Wer mag Angst? Sicherlich kann sich etwas daraus entwickeln, wenn ein Mensch sich der Angst stellt und sie überwindet. Doch das ist leider der eher seltene Fall, zumal ich auch heute morgen, als ich Moriarty in seinem schwarzen BMW davonfahren sah, spürte, daß Angst letztlich dadurch am gefährlichsten ist, das sie völlig irrational ist. Kenne ich meine Furcht? Eine gute Frage. Sie ist kaum zu beantworten, da die Ängste in immer neuen Verkleidungen, immer neuen Masken auftreten. Jede Situation, in welcher die innere Unsicherheit um sich greift, ist anders. Um einen kleinen Seitensprung zu den von mir behaderten Ängsten anderer Menschen zu wagen: Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß sich Menschen wirklich vor konkreten Triggerbanden fürchten, sprich als Beispiel die Angst vor den fremden Menschen, die in „meinem“ Land nichts zu suchen haben, nur eine Reflektion ist, die vor allem die eigene(n) Schwäche(n) kaschieren soll. Dazu sollte ich ausführen, daß der Begriff der Triggerbande von mir gerade erfunden wurde. Der Trigger existiert und er trägt manchesmal die Gestalt eines Menschen, der Angst auslöst. Manchesmal ist es auch eine Gruppe von Menschen, doch nie die Triggerbande, die sich als Exempel „der Ausländer/Homosexuelle/Zigeuner“ nennt. Angst ist auch nicht so einfach zu entlarven. Sie wohnt in der Tiefe ihres Wirtes. Sie reagiert auf Eindrücke ihres Wirtes, doch auch auf äußere Impulse, auf die der Wirt keinen Einfluß nimmt. Sie ist insofern bespielbar für einen Dritten, denn sie lebt von der Bestätigung, die sie zum Aufplustern bringt. Ist der Trigger bedient, trägt die Angst ihr schönstes Kleid, schillert sie in den leuchtendsten Farben. Sie betritt ihre Bühne und tanzt dort. Sie setzt sich unter dem Namen Moriarty in ihren BMW und kreuzt meinen Weg, grinst mir frech ins Gesicht und zeigt eine Faust, die mir sagt: „Wenn es mir plaisiert, werde ich dich zerquetschen. Und niemand wird dir zur Hilfe eilen, denn du bist die Schwäche, die ich, Moriarty, ausmerzen werde. Alle Götter sind mit mir, dem Starken.“ Es erzeugt diese Enge im Hals. Der Griff der kalten Hand um mein Herz, welches sich zusammenzieht. Das Pochen im Bauch. Der Fröstel auf den Armen, im Nacken. Da ist sie und wuchert.

Vor einigen Wochen schrieb ich folgende Worte: „Eine Frage, die sich ein Opfer immer stellen sollte ist: Was brauche ich? Abstand? Konfrontation?“ Dieser Textpartikel ist so auch zur Angstbewältigung zu schreiben. Es hat keinen Sinn grundsätzlichen Abstand oder Konfrontation zu fordern, denn die Art der Angst ist, daß sie auch individuell gemeistert werden will. Doch es gibt immer den einen Weg, den der Wirt versuchen sollte: Der Blick in die eigene Tiefe, an den Platz, an welchem die Angst wurzelt. Doch bitte auf diesen Weg nur mit Hilfe eines geschulten Therapeuten gehen. Dinge, die man dort sieht, können zu irrationalem Verhalten anhalten. Ich weiß, wovon ich schreibe.

21. Mai 2015

Wenn ich hier schreibe, stellt sich zu Anfang die Frage: Was ist das Thema? Gestern noch hatte ich mich dagegen entschieden, den Oldfield’schen Reigen mit dem Album Incantations weiterzuführen. Ich werde mich in naher Zukunft darum kümmern, doch nicht in diesem Text. Es folgte der Impuls über den Sommer 1982 zu schreiben. Das tat ich dann, bog jedoch ab, um die arme Band Supertramp und ihren damaligen Hit it’s raining again zu beschimpfen. Dann löschte ich das Ganze. Und nun?

Was kann das Thema sein? Jeder Mensch, der schreibt, muß diese Frage ständig beantworten. Wobei selbstverständlich auch jeder Mensch seine Eckpunkte besitzt, die immer wiederkehrend behandelt werden. Ich bin ein Musikfanatiker, seit Jahrzehnten. Damit ist klar, daß hier immer wieder Musik behandelt wird. Darüberhinaus bin ich ein politisch bewußter Mensch, der sich jedoch schon seit Jahrzehnten (schon wieder!) im links-liberalen Feld angesiedelt sieht, was vermutlich ein Erbe der dunklen Kohl-Ära sein könnte. Ebenfalls bin ich ein religiöser Zweifler. Dieses Thema habe ich erst vor kurzem so intensiv, wie mir möglich, behandelt. Und damit komme ich in die Nähe des Kerns dieses Textes. Jeder Mensch sollte zunächst über Themen schreiben, mit welchen er sich auskennt, auseinander gesetzt hat, erlebt hat. Dahinter darf keine Grenze errichtet werden, denn die Fantasie wäre ansonsten sinnlos und ohne die kann niemand überleben. Fantasie ist eine Facette der Hoffnung. Dennoch möchte ich hier das Thema der Angst behandeln. Schließlich hatte ich in meinem Beitrag zum 17.05.2015 vollmundig die Befürchtungen Dritter pöbelnd und spöttisch angesprochen. Ja, ich kenne mich auch aus damit. Diesen Satz schrieb ich gerade mit dem spitzen Lächeln des Profis. Damit ich das ganze etwas auswalzen kann, werde ich denn hiermit ankündigen, daß es an diesem Platz in den nächsten Tagen um Musik und Angst gehen wird. Bei Zeus, ick freu mir!