Die Welt nach Nietzsche

Liebe Welt,

die Zeit verging in den vergangenen Wochen, wie sie es bereits von jeher tat: Pro Minute verstrich eine Minute Zeit. Und dennoch blieben Fragen offen, die ich eigentlich bereits als beantwortet angesehen haben wollte. Da dem nicht so war, werfe ich nun die folgenden Worte Dir, liebe Welt, entgegen. Die großspurige Überschrift, mit der Erwähnung eines lange verblichenen Denkers, war alleine Pose, beziehungsweise Promotion, Blickfang.

Die Gottesfrage – die nächste Stufe

Peng verließ den Froschkönig mit einer gewissen Zufriedenheit. Er hatte sein Anliegen über das Fehlen einer wahren, göttlichen Existenz vortragen dürfen, hatte alle ihm in den Sinn gekommenen Beweise genannt. Hatten ihn die Freunde Ping und James noch in ihrer Schroffheit enttäuscht, so hatte der Froschkönig nicht nur interessiert gewirkt, sondern letztlich sogar überzeugt. Er hatte genickt und Peng freundlich entlassen.

Einige Tage später konnte Peng seine Freunde tuscheln hören, daß der Froschkönig eine extrem wichtige Bekanntmachung vorbereite. Als sie seine Aufmerksamkeit bemerkten, blickten sie verschämt in eine andere Richtung. Und es kam so, wie es von Ping und James unter der Hand besprochen wurde, daß der Froschkönig bekannt gab, daß ab diesem Tag der Rede kein Gott mehr existiere und alle Religion abgeschafft sei. Ping und James sahen Peng seines Weges kommen. Sie packten ihn an den Armen und stellten ihn zur Rede.
„War das Verbot von Gott Deine Idee, Peng?“
Peng schaute verdutzt, da Ping und James ihn seit jenem Gespräch kaum beachtet hatten und ihm gar aus dem Wege zu gehen schienen. Er nickte kurz, dann erzählte er von seinem Besuch beim Froschkönig, wobei er von seinen Gedanken zur Gottesfrage berichtet hatte. James der Bär schien aufbrausen zu wollen, dann jedoch sank er ratlos in sich zusammen.
„Was soll ich Dich denn jetzt schlagen? Für wen soll ich das tun?“
Die Beiden liessen Peng nun los, der sich die Arme rieb und zweifelnd wirkte. Er wußte nicht, wie er sich den alten Freunden gegenüber verhalten sollte. Sie wirkten wie Fremde auf ihn, da sie ihren Glauben an etwas Irrationales zwischen ihn und sich stellten. Ihm war doch völlig klar, daß es diese Gottesgestalt nicht geben konnte. Hatten seine Argumente nicht ausgereicht, oder hatten die Freunde ihren Verstand ausgeschaltet gegenüber dem, was er zu dieser Frage zu sagen hatte? Ping stieß James an:
„Du kannst ihn doch einfach schlagen! Vor wem willst du dich denn verantworten? Der Froschkönig hat Dir doch nichts zu sagen.“
James nickte und so bekam Peng ein zweites Mal die Tatze des Bären zu spüren und fand sich im Gras liegend wieder. Sie wollten ihn einfach nicht verstehen, und lehnten nicht nur seine Argumente, sondern auch seine Person ab. Peng war tief enttäuscht. Traurig blickte er denn Ping und James nach, die sich entfernten.

Ping war ebenfalls von Trauer erfüllt.
„Wie kommt er bloß auf solche Gedanken? Warum meint er denn, daß er alles einfach so erklären kann? Er sagt doch, daß das Weltall zu groß sei, als daß ein kleiner Frosch es so erklären könnte! Also! Warum will er dann Gott spielen, der doch gar nicht existiert?“
„Peng versteht nur einen Teil des Ganzen, kleiner Ping. Er versteht nicht, daß sich Gott nicht an jedem Tag an jedem Ort an- und abmelden muß, um allen Kleingeistern zu beweisen, daß es ihn gibt. Aber nun ist er ja vom Froschkönig als verboten erklärt. Das bedeutet, wenn Peng und der König recht haben, daß wir nun alleine sind im weiten All. Das wird eine traurige Zeit. Wir leben dann ohne die Hölle, was ja gut ist, aber auch ohne den Himmel, auf den ich mich doch so gefreut hatte, weil ich dort meine Eltern wiederfinden wollte. Nun ist das alles vorbei, alle Hoffnung dahin.“
James setzte sich und begann zu weinen. Ping versuchte ihn zu trösten, doch auch ihm war sehr schwer ums Herz, denn er fühlte einen immensen Verlust.

Peng hatte gehofft, durch seinen Vorstoß die Frösche zu einer Diskussion anzuregen, um den Weg zu einer neuen Blickweise zu öffnen, und, an seiner Meinung nach berechtigten Stellen, Zweifel zu säen. Daher hatte es ihn zum Froschkönig gezogen, der jedoch keine halben Sachen tat, sondern direkt allen Glauben begrub. Die Befreiung, die Peng wollte, war nun einer neuen Geißelung gewichen, denn wo zuvor ein religiöses Gefühl in den Fröschen weilte, war nun ein staatlich verordnetes Vakuum. In Pengs Vorstellung sollten die Frösche nicht blind für ihre Realität umherirren, in dem Glauben, daß es eine reine, selige Fortsetzung nach dem Tode gäbe. Peng hielt dies für eine Irreführung, die seine Kameraden zu willfährigen Opfern machte. Er sah die Religionen als nicht Besseres, als eine irdische Ideengemeinschaft, die nur nach diesseitiger Macht strebte. Gedankenlose Gläubige waren hierfür eine willkommene Herde, die man für sämtliche Zwecke mißbrauchen könne. Nun hatte Peng jedoch versucht diesen Schwindel zu beenden und der Wind hatte sich gedreht. Leider genau in die entgegengesetzte Richtung. Nun zog der Froschkönig tatsächlich an allen Fäden. Er war nun nicht mehr nur der Herr über den Leib, sondern auch über die Seele geworden. Peng fühlte sich sehr schlecht. Doch nicht schuldig. Er sah den Kosmos weiterhin als groß und unerklärlich an, doch sah er darin keinen Gott als Urheber. Höchstens einen kleinen Unfall mit unermäßlichen Ausmaßen auf physikalischer Ebene. Wer den Unfall verursacht hatte, wußte Peng jedoch nicht. So weit es ging, runzelte er seine Stirn.

Der Froschkönig war auch am zweiten Tag nach der Bekanntgabe des Gottesverbots noch überglücklich. Dies war ein Streich, der überraus gelungen war. Dieser kleine, träumerische Denker hatte ihm das größte Geschenk gemacht, das er bislang erhalten hatte. Er selbst hatte in diesem Gott nie etwas von Substanz gespürt, doch hatten ihn die Gottesfrösche immer verärgert. Allein durch ihre Anwesenheit hatten sie seine Tage verdorben, hatten sie doch seine Allmacht in Zweifel gezogen und ihm vorgehalten, nur ein Frosch zu sein. Er sah sich als größer, immerhin war er der Froschkönig und das alleine. Nun hatte er sie mit einem Handschlag entmachtet, ihnen die Berechtigung des Großen Wortes unter den Füssen entzogen. Es war ein wunderbares Gefühl, es sollte nimmer enden, wenn denn sein Wille geschehe. Er trat vor auf seinem Königshügel und ließ seinen Blick über ein ruhiges Land streifen.

Ein Gottesfrosch hatte Peng in einen Hinterhalt gelockt und festgesetzt. Er sah den traurigen und zweifelnden Frosch mit grimmigen Blicke an. Dann unterbreitete er die Anklage, daß er, Peng, Schuld daran trüge, daß der Froschkönig ihren Gott, den Glauben und die Religion verboten habe. Dadurch sei nun jede Hoffnung für die verzweifelten unter ihresgleichen unterdrückt. Der Gottesfrosch war von großem Zorn bewegt. Peng schwieg zu den Anschuldigungen, denn er sah keine Gelegenheit an dieser Stelle ein verständiges Ohr zu finden. Auch er fühlte sich verzweifelt, unterdrückt und sehr hoffnungslos. Doch sah er weder den Froschkönig, noch die Illusion einer Gottesexistenz als den Verursacher, sondern einen entmachteten und daher frustrierten Frosch. Diesen Gedanken behielt er für sich, denn ihm war bewußt, daß er den Gottesfrosch nicht reizen solle. Doch wußte er auch keine Worte der Beruhigung für diesen. So ließ er jenen zetern, dann schreien und später wüten. Immer wieder mußte Peng auch Schläge auf den Kopf hinnehmen. Als der Gottesfrosch sich beruhigte, wurde Peng auch eine Möglichkeit bewußt, sich mit einer List aus dieser schrecklichen Lage zu entwinden. Er versprach dem Gottesfrosch, daß er erneut das Gespräch mit dem Froschkönig suchen würde und diesen bitte, seine Anweisungen zu lockern und eine Freiheit der Religionsausübung zu gewähren. Dies stimmte den Gottesfrosch nicht froh, doch erkannte dieser, daß die Zeit noch kein größeres Ziel zuliesse. Er ließ Peng gehen, nicht ohne ihn jedoch scharf zu warnen, daß es auch keine Zeit der Tücke gäbe. Er habe ein wachsames Auge auf Peng.

Die erste Woche ohne Gott neigte sich ihrem Ende zu. Ping und James verbrachten die meiste Zeit zusammen und versuchten die Trauer über den Verlust des Paradieses aufrecht zu erhalten. Doch fehlte ihnen inzwischen am meisten der verlorene Freund, Peng. Sie hatten ihn nun seit jener fruchtlosen Diskussion nicht mehr gesehen, wähnten ihn jedoch in der Nähe des Froschkönigs, dessen Berater er ja nun sein mußte. Dem war aber nicht so.

Peng hatte Wort gehalten und den Froschkönig aufgesucht. Er hatte diesen gebeten eine gewisse Erleichterung für die Gläubigen zu erlauben, denn es herrsche nun viel Verzweiflung unter den Fröschen. Der König verneinte sich dem Antrag. Weshalb denn nun Verweiflung herrsche? Wo doch die Frösche nur an das Nichts glaubten, so hätte er, Peng, es doch bewiesen! Solle er doch die Frösche lehren gehen, was dieses Königsgebot bedeute, was der Hintergrund sei, welche Chancen nun für die klugen Frösche bestünden! Wenn der König selbst nun einen Schritt zurück mache, würde er wieder von seiner neuen Machtfülle abgeben, würde er die Trennung von Leib des Untergebenen und dessen Seele auf immer zustimmen. Er könne auch seinem Volk dieses nicht zumuten, daß sie zwei Herren dienten. Er habe auch diesen Gott nie gesehen, habe immer nur den Druck durch die aufsässigen Gottesfrösche verspürt und sei nun auch froh, daß diese sich nun in einer neuen Demut vor ihm zeigten. Mit Pengs Hilfe habe er der Froschheit ein neues Kapitel ihrer Geschichte aufschlagen können. Peng solle doch nun ein wenig Freude darüber zeigen. Nein, dieser wirkte zerknirscht, doch gewann er schnell wieder die Fassung und erkannte, daß er hier nichts gewinnen könne. Der Froschkönig war von seiner Meinung durchdrungen und würde nie davon abrücken. Auch war es Peng gleichgültig, womit sich die Gläubigen, wie auch die Gottlosen die Zeit vertrieben, wenn ihre Gedanken von Angst und Hoffnungslosigkeit geplagt wurden. Er wußte nur, was ihn selbst bewegte. Er verabschiedete sich vom Froschkönig und dankte diesem für seine Aufmerksamkeit. Dann machte er sich auf schnellstem Wege auf zu seinen Freunden, die er so sehr vermißte.

Ping und Peng und James, der Bär fielen sich in die Arme und feierten mit oder ohne Gott bis weit in den nächsten Morgen.

That’s it, Folks. Dankt nicht mir, sondern der Lust, die Euch zum lesen verführte. Und… hütet Euch nicht nur vor den Gottesfröschen. Auch andere planen gekonnte Hinterhalte.

Mit ergebenster Paranoia,
Ihr Herr Hansen

Werbeanzeigen

Papst Gsehng

Liebe Welt,

da nun der Besuch des Herrn Ratzinger in seiner alten Heimat Deutschland bevorsteht, eile ich in die bekannte Teichwelt, um dort Informationen über die Zukunftsfähigkeit des allgemeinen Religionismus zu erhalten. Man diskutierte dort …

Die Gottesfrage

Ping kam seines Weges und sah Peng, den Freund, nachdenklich im Schatten eines Baumes verweilen. Dieser sah den Wandernden, blickte ihn lange an. Dann sprach er:
„Ping, es gibt keinen Gott. Es ist in sich völlig unmöglich, daß es eine solche Existenz gibt. Die Religionen können immer nur einen Glauben an eine Gottesexistenz anbieten, da es keine handfesten Beweise gibt. Auch sind sie immer ortsgebundene Phänomene gewesen in den Zeiten vor der Motorisierung des Meinungs- und Glaubenswesens. Gäbe es einen Gott, hätten sich zuvor bereits völlig identische Religionen entwickelt. Und da es dies nie gab, vermeinten etliche Völker eine besondere religiöse Wahrheit zu besitzen, die sie mit Feuer und Schwert unter den Fremden zu verbreiten suchten. Fakten sind kein Glaube. Und der Glaube ist keine Logik. Der Glaube entsteht nur alleine aus sich selbst. Doch was ist denn das – Glaube?“
Ping zuckte die Schultern und wollte sich von dannen heben, da ihm dieses Thema nicht behagte, denn er fürchtete sich vor dem Tod. Und Ping sah den Tod als die Existenzberechtigung aller Religionen. Peng schnitt den Argumentationsversuch des Freundes jedoch wirsch ab.
„Mit dem Tod endet doch jeder Glaube, Ping! Der Tod ist auch in jeder ausgeübten Religion das, was man dem Feind des eigenen Glaubensbildes bringt! Dann lodern die Scheiterhaufen, werden die Ungläubigen aufgespießt und gemartert.“
Das wollte Ping so nicht hinnehmen und brachte das Thema auf die christlichen Märtyrer.
„Jaja, der alte Trick. Narre den Feind, indem Du Dich in die warmen Arme des tröstenden Todes wirfst, auch wenn es ein Löwenmaul ist. Was hatten diese Kreaturen denn zu verlieren? Die Feinde des Martyriums handeln aus Angst vor dem Todesbereiten. Doch aus welchen Gründen handelt der Märtyrer selbst? Er glaubt. Soweit gut, doch welche Erfahrung würde er uns berichten, wenn wir ihn einige Minuten nach seinem Tod befragen könnten?“
Ping war entsetzt und schalt Peng einen bösen Zyniker.
„Wieso ein Zyniker? Ich unterscheide nur zwischen der Hoffnung, die den Märtyrer treibt, die jedoch aus den unbewiesenen Handlungen eines anderen Subjekts oder Gottes gespeist werden und dem, was der arme, kommende Heilige letztlich wirklich für seine Opferbereitschaft erhält und das ist die ewige Dunkelheit. Der einzige zählbare Nutzen ist für die Religions- oder Interessengemeinschaft, welcher der Märtyrer angehört, vorbehalten. Diese erntet und kann dafür posthume Lorbeeren verteilen. Weißt Du, Ping, diese Herrschaften sind die wahren Zyniker!“
Ping, der den Tränen nahe wahr, warf sich mit Kraft gegen diese Dinge, die er wirklich nicht hören wollte und rief Peng an, ihm doch dann zu sagen, woran der Frosch denn noch glauben könne, wenn doch alles nur Lug und Trug und Verkauf von Idealen sei.
„Weshalb, o Ping, willst Du denn glauben? Laß doch diese Energieverschwendung sein und freue Dich an den schönen Dingen, die Du siehst, hörst, riechst. Die Welt und der Weltraum sind groß, viel zu groß, als das wir kleinen Frösche sie letztlich erfahren können. Und wie groß müßte ein Gotteswesen, das Weltall so zu beherrschen, zu bewegen, wie es ihm von allen Religionen nachgesagt wird., sein? Und wieso sollte sich dieses Wesen für uns Frösche interessieren, gar uns gnädig gesinnt sein? Wir sollten uns freuen, daß dieser Gott nicht ständig mit seinen Stiefeln auf unseren Köpfen herumtrampelt.“
Ping hörte dies, setzte sich nun verzweifelt auf eine Baumwurzel und sah James, den Bären, nahen.
„James, komm und hilf!“
Der Bär beschleunigte seinen Schritt und, als er näher kommend Pings Jammermiene und Pengs unbeteiligte Überlegenheit sah, da strafte er Peng mit einem bösen Blick.
„Was stellst Du wieder für üble Thesen auf, Peng?“
Ping griff des Bären Arm und erzählte ihm von Pengs Theorien, die ihm den grünen Kopf durchschüttelten.
„James, er sagt, es gäbe keinen Gott, die Religionen seien nur Lüge und wir sollten nichts glauben, denn das sei verlorene Kraft.“
James sah Peng einen Moment lang an, dann hieb er ihm die Tatze in das freche Gesicht.
„Hast Du gespürt, wie Dir Gott ein Zeichen gegeben hat? Oder nenn es ruhig Schicksal.“
Peng schwieg nun trotzig, während die beiden Anderen feixten und sich des Weges trollten.

That’s it, Folks. Soweit, so gut. Doch auch die nächsten Logbucheintragungen in dieser Station werden sich der Unterwanderung religiöser Gefühle nicht verweigern.

Bei Gordon!
Ihr Herr Hansen

Sieben Tage Käse

Liebe Welt,

soso, du hast also John Niven zum „heißesten Scheiß“ hochgejubelt? Das ist natürlich nicht wirklich fair gegenüber den Schweigsamen, die ihre Haufen dort hinschickten, wo diese seit Äonen willkommen sind. Nichtsdestotrotz habe ich meine Hand ganz tief hineingleiten gelassen, und was fand ich dort? Die Wahrheit, natürlich, was sonst? Hier lege ich sie dar: Vorzeitiges P.S.: Nicht, daß es irgendetwas von Substanz sagen würde, geschweige denn witzig sei. Nein. Aber das Ego drängt, dieses Jahrzehnte vor sich hin gereifte Stück Käse aus dem Haus zu schmeißen. Für dich, Welt. Nur für dich!

Gott und der siebte Tag

Es ist schon gewissermaßen ein Hohn, daß zeitweilig Leute daherkommen, und nicht einfach nur sinnlose Bücher schreiben. Nein, diese Bücher sind auch noch von unerträglicher Mittelmäßigkeit, stecken voller Halbwahrheiten und schlagen dir ihren vor Seichtigkeit triefenden Stil um die Ohren.

Dies ist eine Geschichte, auf die diese Vorwürfe genauestens zutreffen. Und doch muß ich gleich hier anführen, daß es wiederum Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden müssen, auch wenn sie noch so furchtbar sind. Denn all dies, das ich jetzt hier bekunde, ist wahr, und wurde mir in einer Vision dargestellt.

Das, was ich sah, war die Antwort auf die Frage, was Gott am siebten Tag der Schöpfung unternommen hatte. Hierüber hat sich der offizielle Ratgeber in Sachen Gott, die Bibel, bislang sehr diskret herumgedrückt. Man liest, daß er nach einer harten 40-Stunden-Woche erst einmal ruhte. Dabei ist die Bibel ansonsten ja oft bis zum Erbrechen detailbewußt, und alles wird beschworen, die absolute, reine und unverfälschte Wahrheit zu sein. Natürlich steht daher auch viel Mumpitz in diesem Werk.

Man konnte sich also bislang über Gottes Ruhetag frei seine eigenen Gedanken machen, und man konnte sich vorstellen, daß Gott tatsächlich einen echten Ruhetag einlegte, seinen Engeln sagte, sie sollten sich zum Teufel scheren und Ihn ruhen lassen. Man hörte Ihn sagen:

„Ich habe schwer gearbeitet, ich brauche meinen Schlaf, um wieder zu Kräften zu kommen, denn es liegt noch eine kleine Ewigkeit vor mir.“

Nun hätte man Ihm erwidern können:

„Hey, warum hast Du nicht einfach ein paar Kräfte gespart, und auf Amerika verzichtet?“

Gott hätte diese Bemerkung mit einer eindeutigen Geste abgetan, und uns kundgetan:

„Auf Amerika verzichtet? Nein, denn aus diesem Land wird dereinst ein Mann kommen, dem ich nicht würdig bin, auf seine blauen Wildlederschuhe zu treten, man wird ihn den König nennen, und er wird mit seinen Hüften wackeln.“

So weit, so gut, man wird dies verstehen und hinnehmen, und auf die Frage, warum er nicht wenigstens dann auf Richard Nixon und Walker Bush verzichten konnte, wird Gott sich auf sein Bett zurückziehen, und uns mit Nichtbeachtung strafen. Nein, am Ruhetag gibt es keine Erörterung von Detailfragen.

Doch so war es nicht.

Ich selber hatte bis zu diesem Tag ein sanftes und wohlgelenktes Leben geführt. Ich tat meine Arbeit, um mein täglich Brot zu verdienen, war ein pflichtbewußter Bürger, wählte immer die Regierung, denn diese Leute kümmerten sich so rührend um mich und meine Mitmenschen. Nie hatte ich Kritik geübt, und jeden Sonntag ging ich zur Kirche, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Doch alles änderte sich an diesem Tag. Ich saß auf meiner weichen Couch und hatte die Heizung in Gang gesetzt, denn neben den üblichen Steuererhöhungen stand auch der Herbst vor der Tür. Ich fühlte mich äußerst behaglich, trank eine Tasse entkoffeinierten Kaffees, rauchte ultraleichte Zigaretten und hierzu sah ich fern. Wundersame unterhaltende Gameshows, mit allwissenden Moderatoren und ultraleichten Kandidaten. Ich war zu diesem Zeitpunkt mit meinem Leben und der großen, weiten Welt in Einklang. Ich sah das alles gut war und vermutete einen alten, weisen und höchst bärtigen Gott über uns, der alles im Griff hatte.

Da hörte ich ein Geräusch in meiner Diele, ein Stolpern und Husten. Ich ging zur Tür, öffnete und sah ein Fabelwesen, einen Engel, der nach oben blickte und fragte, ob er schon auf Sendung sei. Unwillkürlich warf auch ich einen Blick in die Höhe und sah eine Decke. Da hatte mich mein Gast auch schon bemerkt. Er trat auf mich zu, streckte die Hand aus, und sagte:

„Hallo, ich bin der Engel des Herrn.“

„…?“

Er bemerkte meine überwältigende Unsicherheit, legte mir die Hand auf die Schulter, schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann sprach er erneut:

„Äh-„, räusper, „fürchte Dich nicht. Gott ist mit Dir.“

Da wich ich zurück, blickte diese Gestalt fragend an, und versuchte noch einen klaren Gedanken zu fassen…

Eine minimale Ewigkeit später hatte mich mein Gast auf meine weiche Couch zurückverfrachtet, sich eine Tasse entkoffeinierten Kaffees besorgt, und sein Päckchen Gitanes ohne Filter hervorgezaubert. Er schreckte nicht davor zurück, mir diese Nikotin- und Teergranate anzubieten, doch ich lehnte brüsk ab. Ich hatte mich inzwischen wieder etwas gefangen. Ich betrachtete diesen rauchenden Engel des Herrn lange. Er blies mir den Rauch direkt in die Augen:

„Was soll das?“, fragte ich.

„Ich bin der Engel des Herrn, Du sollst Dich nicht fürchten, und alles andere überlaß mir!“

Er lehnte sich zurück. Das ging natürlich nur so weit, wie es seine Flügel zuließen, aber er schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er blies nun den Rauch zur Decke. Ich sah, wie die erste Asche zu Boden fiel. Zorn machte sich in meiner Brust breit.

„Ich fürchte mich nicht, jedenfalls nicht vor so einem wie Dir, Du fürchterlicher Hippie!“, schrie ich ihn an.

Das schien ihn doch tatsächlich zu beeindrucken. Ich ließ nicht locker, und legte schnell nach:

„Was wird hier gespielt? Was tust Du hier? Und was hab ich damit zu tun?“

„Man hat Dich ausgewählt. Du sollst die Wahrheit erfahren, die reine, absolute und unverfälschte Wahrheit. Du bist ausgewählt, zu erfahren, was Dein und auch mein Herr und Gott am siebten Tag der Schöpfung tat.“

„….?“

Jetzt war die Chance einen klaren Gedanken zu fassen entgültig vertan.

Der Engel fingerte ein Gerät aus seinem Umhang, es wirkte wie eine Mischung aus Fernbedienung und Funkgerät, fuchtelte damit in der Gegend umher, und plötzlich kam es mir vor, als würde ich ohnmächtig.

Ich sah ein gewaltiges Schlafgemach. Ein Bett, welches am anderen Ende des Raumes stand, ansonsten waren die Ausmaße nur einfach gigantisch, doch die Ausstattung spartanisch.

Dann sah ich, wie sich der Herr erhob. Er sah nicht so aus, wie man Ihn sich ansonsten vorstellte. Kein Bart, und überhaupt wirkte der Herr sehr jung. Dies war natürlich kein Wunder, denn alles stand am Anfang, alles war noch jungfräulich, so wie der Herr selbst.

Er also saß nun aufrecht in seinem Bette, und dies war ein wahrhaftes Himmelbett. Ja, ich staunte. Doch dann erhob Er seine Rechte, und rieb sich die Brust inclusive der Behaarung dieser, wobei er herzhaft gähnte. Nach dieser kurzen Selbstmassage durchquerte seine Stimme den Raum:

„Ich, der Herr, wünsche Kaffee, aber etwas plötzlich.“

Nun erschienen elf Damen, die eilig um Ihn herum liefen. Diese Damen besaßen keine Flügel, ein Faktum, das mich etwas beunruhigte. Dies schien mein Platznachbar, der Raucher-Engel, bemerkt zu haben, denn er unterbrach sofort die Aufzeichnung, legte seine nikotinbraune Hand auf mein Knie, ließ sie dort nicht von meiner eigenen Hand wegscheuchen, sah mir tief in die Augen, und sprach:

„Höre. Wenn Du irgendein Problem hast, mit den Dingen, die Du hier sehen wirst, dann wende Dich vertrauensvoll an mich. Ich werde Dir alles erklären.“

Er blickte mir immer noch so tief in die Augen, daß ich mich unwillkürlich abwandte, und ins Leere gaffte. Er hingegen rückte immer näher, und flüsterte mir ins Ohr:

„Ich bin ja so froh, daß ich hier bei Dir sein darf, um Dir diesen kleinen Dokumentarfilm zu zeigen. Du bist ja so ein süßer Fratz.“

Hier zuckte ich zusammen, und das nicht nur wegen des heißen Atems an meinem Ohr. Ich rückte an das äußerste Ende meines Sofas, und fragte:

„Wer sind die Frauen an des Herrn Bett?“

Der Rüpel-Engel rutschte wieder etwas zurück, und antwortete mit kühler Gelassenheit, als wenn ihn die Antwort selbst nicht zu tangieren schien:

„Ach, irgendwelche Weiber, der Himmel ist voll davon. Sie lungern an jeder Ecke herum, und wenn Du nicht aufpaßt, dann reißen sie Dir die Klamotten vom Leib. Sie halten sich für etwas wesentliches, weil einige von Ihnen wichtige Dinge an unserem Herrn vollziehen.“

Ich war nicht ganz überzeugt davon alles verstanden zu haben, und fragte räuspernd nach:

„Welche Dinge?“

„Na, diverse Dinge halt. Was Frauen halt so tun. Aber warte nur ab, Du wirst schon verstehen, mein Zuckerengel.“

Er zückte erneut seinen Funktionsriegel, und die Vorführung fuhr fort.

Wieder sah ich die Frauen, welche flink und ausdauernd wuselten. Ich konnte immer noch nicht eindeutig erkennen, was sie an unserem Herrn vollzogen, denn die Kameraführung war etwas nachlässig und anscheinend nicht an derartigen Dingen interessiert. Dem Herrn selbst schien der Vollzug zu gefallen. Er legte ein wahres Sonntagsgrinsen auf. Dies verschwand auch nicht, nachdem eine Viertelstunde vergangen war, und Ihm eine der elf Damen eine Zigarette in den rechten Mundwinkel steckte und anzündete. Er paffte einige Züge lang, dann öffnete er erneut seine Augen und ließ die Damen folgendes wissen:

„Vous me faire mal, Mademoiselles.“

Die Angesprochenen senkten ihren Blick, knieten kurz nieder und verschwanden.

Nur einen winzigen Augenblick später erschien ein Engel, und servierte dem Herrn ein wahres Sonntagsfrühstück mit Kaffee, zwei Croissants und Erdbeerkonfitüre. Während der Herr nun speiste, stellte ich meinem Informations-Engel die Frage, wieso Gott denn Französich spreche, und warum es dann so fehlerhaft sei. Der Engel unterbrach erneut die Aufzeichnung und blickte ernst zu mir hinüber:

„Erstens reden wir im Himmel gerne in dieser Sprache, und zweitens ist es NICHT fehlerhaft, was unser Herr gesagt hat. Es ist sogar vollkommen richtig. Diese komischen Franzosen haben, nachdem wir ihnen in einem Anfall an Gutmütigkeit eine eigene Sprache geschenkt haben, gemeint, sie müßten das ganze etwas komplizierter gestalten, damit niemand sagen könne, sie seien dümmer als die Deutschen. Du weißt schon, auf der einen Seite die Dichter, Denker und Fußballkämpfer, auf der anderen, die Savoir-Vivres, die Rotweintrinker und die Fußballästethen. Aber bitte verschon mich mit so schwachen Fragen. Man meint ja, Du hättest keine Ahnung.“

Seine leicht säuerliche Miene wurde mir zur ersten kleinen Freude, seit er aufgetaucht war, aber schon lief die Vision wieder an. Man konnte dem Herrn bei seiner Ankleidung zusehen, wobei der Frühstücks-Engel jederzeit seine Materialisierung so plazierte, daß man nie „jene“ Stellen des Herrn sah, geschweige denn nur vermuten konnte. Zur Krönung zog sich Gott zuguterletzt noch eine Katzenmütze über, denn es schien ein recht kühler Tag zu sein. Mein Zeremonien-Engel raunte mir zu, daß an jenem Tage auch der Hausmeister seinen Ruhetag gehabt habe, und die Zentralheizung im Paradies ausgefallen sei. Der Herr mit Katzenmütze bahnte nun seinen Weg aus dem Schlafgemach über einen ellenlangen Flur in einen Audienzsaal, welcher angefüllt war mit einer unüberschaubaren Masse an singenden, klingenden und frohlockenden Engeln, welche alle ihr eigenes Hosianna auf den Lippen trugen, und dieses hinaus in die Schallwellenwelt schleuderten. Gott betrat den Raum und schlenderte zu einem Rednerpult, vor welchem Fragen- und Bittsteller knieten. Der erste dieser Reihe war ein recht jung erscheinendes Männlein, welches Gott sofort seinen Fragen-/Bittzettel überreichte. Der Herr überflog den Zettel, schüttelte kurz den Kopf, dem Männlein wuchsen zwei Hörner am Kopf, dann war schon der nächste an der Reihe.

Nach dem zweiundvierzigsten Bittsteller machte Gott eine kurze Pause, verweilte, zündete sich eine Zigarette an, und blies den Rauch gedankenverloren in die Luft, dann rief Er einem ernsthaft scheinenden Engel, der eine besonders wichtige Position inne zu haben schien, die Zahl „42“ zu. Dieser nickte, wandte sich ab, und begann menetekelnd Wände in grellen Farben zu verzieren. Dazu benutzte er Sprühlacke. Leider ging die Entzifferung dieser Wandzeitung über meine engen Verstandsgrenzen hinaus, doch die alte Show fuhr nun fort mit einer weiblichen Person, die Gott direkt ansprach:

„Mein Herr und Gebieter, bedenket, daß die Zweiundvierzig keine Primzahl ist, und dadurch unvorhersehbare Schwierigkeiten entstehen können, ja, ich sehe es direkt vor mir, man wird geradezu Bücher schreiben.“

Hier unterbrach der Herr die Frau, und sprach:

„Hallo, ihr dahinten, könnt ihr mal den Rand halten. Ständig dieses Frohlocken, ich bekomme direkt Migräne davon. Und Du, was hast Du gegen die Zweiundvierzig? Ach, immer diese Feministinnen, ständig suchen sie ein Haar in der Suppe, und versuchen mir jeden Spaß zu vereiteln. Aber Schluß jetzt! Ich bin müde von euren Problemen, ich habe noch eine kurze Ewigkeit vor mir, ich muß mich ausruhen, sonst halte ich es nicht durch, und mache dann Neunzehnhundertachtundsechzig schlapp, und ihr werdet dann sehen, was ihr davon habt.“

Er beugte sich ein wenig nach vorne, und sah dabei der Frau in die Augen, dann lehnte Er sich erneut zurück, zog ein weiteres Mal an Seiner Zigarette, dann hub Er zu einer großen Rede an:

„Die Primzahl, die Primzahl, ach ihr Mißgeschick. Ich verstehe sie nicht, und daher leugne ich sie, mir sind seit wenigen Tagen eh die Primeln lieber. Die Primzahl, die Primzahl, ich kann ihr nun wirklich nicht helfen, die Natur hat sie geschaffen, jetzt muß sie sich einfach selber weiterhelfen. Ich jedenfalls werde ihr keine weiterführende Bedeutung verschaffen können. Die Primzahl, die Primzahl.“

Während dieser großen Rede war der Herr ins Schwanken geraten, ja, er kreiselte sogar, wobei weibliche Engel um Ihn herum tänzelten und mit roten Tüchern Figuren in die Luft zeichneten, die auf geometrischen Berechnungen beruhten, dabei aber auf die Zuhilfenahme von Primzahlen verzichteten, denn deren Existenz wurde im Paradies, wie wir nun gelernt haben, geleugnet. Die singende, klingende und frohlockende Engelmasse im Hintergrund hatte das Lied des Herrn schnell aufgeschnappt, und nun schrien sie zu tausenden „Die Primzahl, die Primzahl!!!“. Es war ein wundervolles Schauspiel. Ja, es war so schön, daß der Tätschel-Engel zu meiner Linken die Vorführung stoppte, aufsprang und mit lauten Rufen durch meine Wohnzimmer tänzelte, und dabei ebenfalls in das Primzahlen-Hosianna einfiel. Ich stoppte diese unglückliche Showeinlage, in dem ich den Hippie-Engel mit einem gekonnten Grätscher zu Boden brachte. Er sprang jedoch sofort hastig auf, griff in seinen tunikaähnlichen Umhang und brachte einen gelben Karton hervor, den er mir vor die Nase hielt.

„So, Freund, das ist die gelbe Karte. Noch einmal, und du fliegst vom Platz!“

Wir setzten uns zurück, und mit Hilfe des Funktionsriegels ging die Vorführung weiter.

Der Herr kreiselte auch weiterhin, dabei fiel Ihm die Katzenmütze vom Kopf, und nun stoppte Er Seinen Tanz, ließ sich Seine Mütze reichen, dann verließ Er erregt das Audienzzimmer, wobei Er den Kopf so sehr schüttelte, daß ein ums andere Mal die geschmackvoll gekürschte Mütze den Kopf verließ. Der Herr wurde von einigen in zornigem Rot gekleideten Engeln begleitet, nein, eher verfolgt, doch der leicht mürrische Herr, Er ging und ging und ging. Er ließ nicht locker, der Herr. Nach einigen Kilometern Korridor wurden nun endlich die roten Zornengel etwas müde, fielen zurück, doch der Herr, Er ging und ging und ging. Dann plötzlich drehte Er sich im Laufe um die eigene Achse, verlangsamte Seinen Lauf, und während Er nun bremste, sprach Er:

„Es solle ein Regen einsetzen! Dazu reiche man Mir, dem Herrn, Mein Glitzerjacket, sowie eine Rhythmusguitarre, damit Ich zuvorderst spielen werde ein Konzert mit einigen souligen Nummern.“

Dabei wurde der Korridor immer breiter, bis er zu einer Landschaft gereift war. Ich hielt den Atem an, und murmelte:

„Das ist Magie.“

Der Karten-Engel schielte zu mir herüber, und flüsterte:

„Die Magie liegt in uns selber, und außerdem geht es hier um den Herrn, unseren Gott, den zu ehren wir uns verpflichtet sehen. Du bist wohl so ungläubig, daß Du es für Zauberei hältst, wenn Er einen Korridor zur weiten Landschaft mutieren läßt. Du Naivling, Du bist gar nicht so ein Schnuckelstück, wie ich gedacht habe, denn Deine nebulöse Gedankenwelt ist wie Valium für meinen Geist.“

Er sah ganz schön genervt aus, daher lächelte ich ihn zuckersüß an. Das hätte ich besser nicht getan, denn statt die Vorführung fortzuführen, hockte der Engel-Bock plötzlich auf mir, und zu allem Verdruß steckte er mir seine Zunge in den Hals. Ich war ein weiteres Mal so perplex, daß keine Gegenwehr funktionierte, doch er ließ von mir ab, zog sich zurück, wobei er ernst blickend folgendes sprach:

„Wage nie wieder so zu blicken, sonst garantiere ich für nichts mehr, ich bin schließlich auch nur ein Engel.“

Die Vision fuhr nun endlich wieder fort. Die Landschaft war fertig ausgestaltet, eine gewaltige Open-Air-Konzertbühne entstanden, eine gigantische Zuschauermenge produziert, die sich trotz des Regens wohlzufühlen schien, jedenfalls wühlten viele der ihren im Matsch. Die Bühne war noch fast leer. Diverse Tontechniker huschten hecktisch vor und zurück, einer hangelte am Mikrofonständer herum, und hustete mehrfach in die Membranen. Es donnerte.

Dann verschwanden die Technik-Clowns von der Bühne, und es wurde einige Momente sehr still. Kaum waren diese vorüber, begann die Menge zu rumoren, und in Bälde schallte es:

„Gott, Gott, Gott, Gott, Gott!“

Ich befürchtete schon fast, daß Eric Clapton nun die Bühne betreten würde, aber nein, eine glitzernde Gestalt erschien, das Gesicht durch den Schatten eines Katzemützenschirms verdeckt. Die Gestalt kitzelte ein kurzes, prägnantes Riff aus der elektrischen Vic-Strat und dem angeschlossenen Sheriff-Amplifier. Die Menge johlte. Es erschienen nun auch die anderen zwei Gitarristen, der Bassist, die zwei Keyboarder, der Drummer, der Percussionist, die drei Backgroundsängerinnen, der Tabla-Assistent, der Handtuchhalter, der Pausenclown, die sieben Eintänzer, der Würstlchef und der Choreograph, der dafür sorgen sollte, daß der Pausenclown, der vollkommen zugedröhnt war, nicht ständig entweder von der Bühne fallen sollte, oder mit Würsten wüsten Schabernack trieb. Damit war die Bühne dann sowieso voll, die Band setzte ein, man spielte einige Songs, aus denen Barry White einige tausend Jahre später ein sehr einträgliches Gurren und Buhlen entwickeln sollte.

Das Publikum tobte, schrie, wälzte sich im Schlamm und tobte notgedrungen weiter, damit der Matsch nicht noch trocknen sollte. Nach vier Stücken hielt der Herr durch ein kaum merkliches Zittern im kleinen Zeh linken Fußes die rollende Groovemaschinerie an, wandte sich an die Menge und sprach:

„Good evening, ladies and gentlemen. Good to be back on earth, yeh, yeh. Wir werden nun spielen ein Lied, das ist ’sex machine‘, dann mußt du tanzen und schwitzen wie Hölle.“

Kaum waren diese Worte gesprochen und kaum hatte der Beat wieder eingesetzt, da flog plötzlich ein Stück Matsch in Richtung des Herrn, und fegte diesem die Katzenmütze vom Schädel. Wieder zitterte der kleine Zeh linken Fußes, wieder pausierte die Band. Gott trat an den Bühnenrand, blickte ernst umher, während Er von großer Sorge erfüllt um die richtigen Worte rang:

„Hört, hört. Ich bin von großer Sorge erfüllt, und ringe um die richtigen Worte, denn so geht das hier nicht. Ihr wißt wohl nicht, welchen Wert diese Mütze hat, die Ihr von Meinem Schädel trennt. Dafür ist eine Katze gestorben. Das müßt Ihr doch einsehen, daß das so nun wirklich hier nicht weitergehen kann, denn sonst müssen wir hier aufhören und das wollt Ihr ja bestimmt nicht.“

In der Zwischenzeit war ein wahrer Matschregen fliegend unterwegs zur Bühne, so daß des Herrn Glitzerjacket das Glitzern verlernt hatte.

„Ich bin Mir nicht sicher, ob Ich diese Art von Vergnügung respektieren, ja sogar schätzen kann. Ich fürchte, daß Ich Konsequenzen ziehen werden muß, wenn dieser Regen nicht ad hoc endet.“

Der Regen endete tatsächlich ad hoc, denn niemand wußte, was der Herr mit „ad hoc“ meinte, so daß die Band erneut einsetzte und die Sexmaschine ihren Dienst aufnahm. Sie stapfte zwar zunächst etwas mißmutig über die Bühne, hob ihre Katzenmütze vom Boden auf, stammelte einige Wortfetzen ins Mikrofon, fummelte geistesabwesend an den Chordamen herum, stammelte wieder einige Wortfetzen, eine sehr soul-volle Performance.

Ich jedenfalls war so von dieser Darstellung gepackt, daß ich während dieses Stücks einschlief. Der Rappel-Engel weckte mich mit energischem Schütteln, und klärte mich auf, daß ich ja sogar die Zugaben verpennt hätte, und ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich kehrte erst langsam zurück, Schritt für Schritt verstand ich wieder, was hier eigentlich vor sich ging. Der B-Engel, die Vision, die Katzenmütze und Horden von Primzahlen. Ich schnappte nach Luft:

„Hepp, hepp…. laß mich in Ruhe, ich bin ja wach. Scheiße! Wann ist endlich Schluß hier, ich habe keine Lust mehr auf diesen Mist, der mir hier vorgesetzt wird. Das ist doch alles nicht wahr, Gott ist doch kein Idiot!“

Hmmmh.”

Was meinst Du damit? Hmmmh? Ist dies alles war?”

Ja.” Pause. “Meinst Du wir hätten diese ganze Story irgendwie erfunden?” Pause. “Uns das alles ausgedacht, mühselig aus den Fingern gesogen. Der Himmel ein Hollywood, so heißt das doch? Natürlich ist das alles wahr. Wofür sollte ich sonst hier seín? Ihr Kleingeister sollt endlich einmal Bescheid wissen.” Pause.

Mein Gesicht zog sich immer weiter in die Länge. Ich stellte mir Johannes Paul II. vor. Inmitten einer von Heiligkeit erfüllten Schar an Erzbischöfen, Bischöfen, Baldbischöfen und anderen kommenden Heiligen. Es folgten eine blitzschnelle Folge von Bildeindrücken diverser Darstellungen von Franz von Assissi, Augustinus, Hildegard von Bingen, Willibrord, sowie Ottos von Bismark. Ich stellte mir in besonderem bei dem letztgenannten die würdevolle preußisch-korrekte Begeisterung vor, wenn er von diesen Enthüllungen erfahren hätte. Gleichfalls die Sprachlosigkeit der Erstgenannten. Ihre Träume würden wie Seifenblasen zerplatzen. Ihre Überzeugungen, ihr Gutmenschentum, ihre Machtansprüche, ihre Paläste auf Sand gebaut, nein, auf einem Jahrhunderte ruhenden, jetzt ausbrechenden Vulkan.

Der Engel an meiner Seite bemerkte erstaunt, wie mein Körper nun in sich zusammenfiel. Mir war als sei meine Wirbelsäule nur ein Gummigewächs, welches plötzlich erhitzt Form und Aufgabe verliert. Ich wandte mich zu meinem Nachbarn.

Ich brauche eine Zigarette. Jetzt.”

Blitzschnell bot er mir eine Gitanes, sowie Feuer an.

Danke.”

Ich rauchte. Bedächtig ließ ich den Qualm meine Luftröhre hinuntergleiten, hinab zu den pappigen Lungenbläschen, dort ließ ich den Teer ab, er wurde von meinen Blutströmen geglättet. Mein Körper oberhalb des Zwerchfells war in guter Form. Diplomierte Straßenbauer. Ich ließ die Zeit verinnen, die Rauchzüge wurden immer länger, intensiver.

Hast Du nichts anderes zu rauchen?”

Ein aufgerissene Augenpaar blickte mich an. Ungläubigkeit strömte ihm aus allen Poren.

Du?”

Sein Finger zeigte nicht nur auf mich, diese Geste war so energiegeladen, das er mich glatt damit durchbohrte.

Du willst hier und jetzt in dieser Region illegalisierte Substanzen in Rauchform inhalieren, um Deinen Geist in von Deiner hiesigen Regierung illegalisierte Regionen zu transponieren?”

Das ist mehr an Information als ich verlangt habe! Ich will eigentlich nur Hasch, Dope oder irgendwas. Egal, wie Du es halt nennst. Du weißt, was ich meine. Ich will etwas zu rauchen, Jazz, Zucker?”

Mein forderndes Auftreten hinterliess Eindruck. Er fingerte in seinem Umhang, brachte ein Beutelchen mit Drehtabak, sowie ein Silberdöschen mit Dope hervor. Dieser Junkie hatte sogar die extralangen Rizla-Blättchen, die bekanntlich für nichts anderes hergestellt werden. Jetzt bemerkte ich auch erstmalig, daß diese Gestalt erstaunlich dünne, flinke und vor allem lange Finger hatte, die plötzlich arbeiteten, als sei die Herstellung eines Joints die einzig wahre Berufung dieser Körperteile. Während er an seiner Arbeit feilte, blickte der Engel wieder zu mir herüber. Ich saß geistesabwesend, bleich und gekrümmt.

Was bedrückt Dich?”

… Dein Film!”

Mein Film. Das ist nicht mein Film, das ist Wahrheit…”

Hier erwachte ich aus meiner Lethargie, meine Hand fuhr wie eine Raubtiertatze auf seine Rechte, ich hielt sie umschlungen, so daß er nicht mehr an der Jazzfluppe drehen konnte. Er blickte mich fragend an. Ich schaute bohrend in sein graublaues Augenpaar.

Ich will keine Wahrheit, ich will Ruhe! Jetzt dreh weiter!”

Dabei ließ ich seine Hand los, meinen Blick wandte ich jedoch nicht ab. Er begann unsicher zu werden, der Joint wäre beinahe wieder auseinandergefallen.

Ich hoffe, nein – ich erwarte, daß Du mich verstehst! Wir sind hier auf der Erde. Hier regiert die Scheiße. Wir stehen immer mit einem Bein im Chaos, es zieht und zerrt ständig an uns. Wir brauchen hier eine Ordnung, die länger währt als unser verdammtes Leben, in das Ihr uns hier geworfen habt. Verstehst Du? Diese Kirche, die hier auf dem Glauben an Gott, den Gott, den Du mir hier als vollkommen durchgeknallten Kartoffelacker zeigst, aufgebaut ist, ist ein verdammt wichtiger Halt vor dem Chaos, auch wenn diese Kirche selbst auch eine Ansammlung von menschgewordenen Katastrophen sein sollte! Sie besitzt eine Message, diese Message ist gut und wichtig, und Du machst mit deinem Film diese Message kaputt. Du putzt nicht die Kirche weg, sondern die Botschaft. Jetzt gib mir endlich die Tüte!”

Ich zog, zog, zog. Tiefer. Ich hatte noch nie. Ich wußte nicht. Als ich erwachte, lief mein Fernseher, die Nachrichtensendung ging gerade zu Ende. Eine Tasse kalten Kaffees wartete geduldig auf meine Rückkehr zu Bewußtsein.

Ich hoffe, es war fairer Kaffee! Fair gehandelt, versteht sich.

Herr Hansen