Abwesenheit Gottes (Roman)

Der Prolog

Irgendwo im Süden Frankreichs sitzt ein Mann in einem Café. Ein enger Kollege tritt zu ihm. Übergibt ihm ein Buch. Er sagt, er schenke es dem Mann, der Autor sei doch ein alter Bekannter? Der Mann habe schon öfter den Namen erwähnt. Der Mann nimmt das Buch und sein Gesicht ändert die Farbe. Der Kollege ist sich unsicher, ob er nicht einen Fehler begangen hat. Der Mann legt das Buch ab und fragt den Kollegen, warum er dieses Buch lesen solle? Er möge keine Bücher mit einer Leiche im Titel. Er wisse doch: „Lieber eine echte Leiche, die Geld bringt“. Der Mann lächelt.

Der Vorabend

Der Erzähler kann nicht immer die intensivste Musik hören. Auch wenn das ein Zustand wäre, den er sich gerne als Leben-nach-dem-Tod vorstellen mag. Doch was macht die Eindringlichkeit der Musik, oder überhaupt eines Kunstwerkes aus? Was passiert, damit Monster daraus entstehen, die das Leben der Rezipienten zerstören? Mit einem bloßen Handstreich. Wenn die Musik endet, sitzt der hörende Erzähler und vergießt bittere Tränen. Ist das Genuß, ist es Freude? Blickt der Erzähler an seiner in die Höhe gestreckten Hand entlang, sieht er, wie diese in den Himmel fährt und dort in Flammen aufgeht. Was hat der Erzähler gerade in der Musik erfahren? Die Melancholie. Die Stagnation. Das Aufbegehren. Das Zerschlagen. Der Aufstand, die fliegenden Fäuste, die Wut, die Wucht, die Wut, die Wucht. Die Himmelfahrt. All diese Aggregatzustände hat er vorgefunden. Was bewegt das Künstlerwesen dazu, solche Monolithen zu schaffen, die andere Menschen zu unschuldigen Tränen rührt? Oder sind es schuldige Tränen? Wer kann dies bemessen? Aus diesem Grund wendet sich der Erzähler nun an Dich, Leser. Sag es ihm!

Der Krieg ist nicht vorüber. Er ruhte. Sein Schatten lag über das Land gestreckt, durch welches der früh schon verwundete Erzähler seine Schritte lenkte. Der Krieg hat gewütet. Früher. Der Erzähler kann kaum ermessen, daß er ein Protagonist war, ein Teilnehmer an der Front. Sitzt er doch nun oft nur brabbelnd in Parkanlagen, den stoppeligen Kopf in die Hände gestützt. Hätte er Zuhörer, würde er an Sicherheit wiedergewinnen, vermutet er. Doch was ist der Krieg, möchten sich diese vorgestellten Zuhörer fragen? Welche Art von Krieg meint dieses brabbelnde Subjekt? Wo mag er sich aufgehalten haben, um von dem Eindruck eines Krieges erfaßt worden zu sein? Und schon würden sie den Erzähler davon schleichen sehen. Er mag es nicht einmal von vorgestellten Zuhörern so in Frage gestellt zu werden. Er hat die Wörter nicht erfunden, wird er klagen. Er habe auch die Sprachen nicht erfunden. Überhaupt möchte er diese Art der Kommunikation beenden. Nicht das gesprochene, nicht das geschriebene Wort. Das Gefühl allein. Aber das Schicksal, in einem besonders grausamen Moment, baute sich vor ihm auf und sprach: Du seiest ein Erzähler. Dir sei eine Geschichte aufgebürdet, mit welcher du dich in Parkanlagen umherdrücken magst, um dort vor unbeteiligten Zuhörern diese Geschichte auszubreiten. Dir sei ein unruhiger Geist aufgetan, der sich Fragen über Fragen stellen wird. Dein Geist wird erst ruhen können, wenn er den Weg an den Worten entlang aufgespürt hat, um sich aus der geschwätzigen Welt zu verabschieden. Das Schicksal blickte den Erzähler kurz mahnend an und sprach: Der Krieg ist nicht vorüber. Er ruhte, doch nun wird er erwachen. Geh hin und berichte denen, die dir ein Ohr schenken. Geh!

„Das ist die Geschichte einer Krankheit. Eine Geschichte, die von Qualen und der Lust an der Qual erzählt. Auch Teil sind eine Frau, ein Mann, die sich nicht wirklich kennend plötzlich, doch verabredet aufeinander treffen. Eine Geschichte, die in die Nacht hinein geschieht. Des Nachts, wenn Krankheiten ihre Tentakel ausfahren, wenn Sicherheiten in der Dunkelheit brüchig werden, und Unterbewußtes an die Oberfläche drängt“, spricht der Erzähler zu einer Schar indifferenter Vögel.

im inneren des erzählers: als der blick sich öffnete. lange bevor das schicksal den erzähler aufsuche würde, um ihn auf seinen weg durch die welt zu senden. als der blick sich damals durch die decke sprengte und in die unendlichkeit eindrang. was passierte dort? was konnte der erzähler davon sehen, erkennen? lag der erzähler auf seinem rücken? auf einem harten bett, ein weiches brett? war der erzähler alleine, oder war jemand mit ihm? was bewog ihn dazu, sich dieser erfahrung zu stellen? wußte er was geschehen würde? tat er es willentlich, oder ging die situation über eine selbstaufgestellte Bühne und nahm den erzähler hinzu, weil kein besseres opfer zur hand? war der erzähler ein opfer? wer zog an den fäden dieses geschehens? der erzähler erstarrte für einen augenblick. der augenblick zog sich über eine gefühlte ewigkeit. der blick, der sich durch die decke sprengte, würde niemals beendet sein. der erzähler blickte in die tiefe des universums und sah dort einen kurzen schein der antwort. als das schicksal den erzähler später aufsuchte, griff es diesen an die schulter und die erinnerung an diesen moment der ahnung einer erkenntnis durchfuhr den erzähler neu mit der stärke eines starkstromschlags. leser! die fragen, die in diesen zeilen gestellt wurden, werden sich nicht durch das gelesen sein verflüchtigt haben. sie sind ständig in einem oszillierenden zustand um uns herum. damit bist auch du angesprochen, leser! besinne dich. dies ist aktives lesen. tu es für dich. die dinge, um dich herum, sind nicht frei vergeben, sie haben ihren preis.

jemand, den die Leute gott nennen, wurde über felder wandelnd, gesehen. es war nichts anderes, als die handelsübliche luftspiegelung, das flimmern der hitze über vertrockneter erde. die einfältige einbildung der spiegelsucher. die felder befanden sich südwestlich budapestens. nicht, daß diese gegebenheit eine rolle spielen würde, doch wird dort gerne die kleidung von den körpern gerissen, wenn die sonne, das licht, sanft schmeichelnde winde ihr werk mit jenen säften der menschen getan haben. im nachgang sieht man vor den toren tolnas gerne wandelnde gespinste. und die geschichten, die darüber hinter vorgehaltener hand erzählt werden, sollen zumeist ablenken von der kleidungssache, die selten auf einem moralisch als einwandfrei angesehenen fundament abläuft. das unter anderem diese hohe anzahl an geschichten in der folge einen mann dazu bringt, sich in gedanken zu ergehen, die spätere taten nach sich ziehen, welche schuldigen oder auch unschuldigen dritten das leben kosten kann, darüber wird sich niemand in der umgebung tolnas auch nur einen gedanken machen. sie werden sich weiterhin die kleidung in sommerlicher hitze von den glühenden leibern reissen und hernach tuschelnd beschwören, daß dieses oder jenes sicherlich geschehen sei. und das da jemand, den sie in jenen gegenden gerne als gott bezeichnen, gewandelt sei. zur not auch über kleinstgewässer. jener mann stand derweil oft an seinem fenster, das den blick über betoniertes gelände freigab, und starrte gedankenfrei in richtung des horizonts. und nach langen momente des glotzens, warf er fragen in den weiten raum, der sich hinter ihm befand und in welchem sich oft junge frauen aufzuhalten hatten. seine fragen waren meist luftleeres geschwätz, doch hin und wieder gelangen ihm gedankliche tauchfahrten in abenteuerliche tiefen und was er von dort heraufbeförderte, zog niemals befriedigende antworten nach sich. beleidigt und stumm blickte jener mann die jungen frauen an, die betreten schwiegen, und schickte sie weg.

Der Erzähler wird von zufälligen Gedanken torpediert, im Innern fragmentiert, während er vor sich hin starrend auf einer Parkbank hockt. „Was am Ende zählt?“ „In der Dunkelheit ist man allein. Ist in sich getaucht.“ „Die Fragen erledigen sich. Gibt es einen Gott? Gibt es Leben im All?“ „Was ist der Mensch schon? Eine wirre Ansammlung von Eindrücken, Träumen, Ängsten. Vor allem Ängste. Vor allem Träume.“ „musik, die den hörer glauben macht, daß es eine übergeordnete welt mit göttern, teufeln geben könnte. eine welt der furien.“ „denn wer von sich weiß… wer sagen kann: wisse, der ich bin… wer das bewußtsein seiner konkreten existenz besitzt, der…“ „es ist die angst, die lähmt und die träume zerstäuben läßt, anstatt der bestäubung zur chance zu verhelfen. wer so mit worten spielt, den drängt es zu betäubung und drogenkonsum. und so ist es auch.“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

weh mir! weh mir, daß ich hier sitze, mit diesem anblick vor meinen augen. was ist damals in mich gefahren? ich sehe dich nicht vor mir, alleine deine präsenz in meiner erinnerung ist vorhanden. doch diese ist so nah und schwer und greifend, daß ich sie wahrhaftig spüre, fast wie berührung. ich möchte jedoch nicht mehr davon geleitet werden, ich will mich befreien von dir und dieser erinnerung. du größtmögliches abbild der hure babylon. du warst wahrlich von alttestamentarischer macht. so bist du aufgezogen, hast dich zu mir in stellung gebracht und nach meiner festung getrachtet. doch, teufel, du! ich dachte, daß ich dich bezwungen hätte, doch weh mir! weh mir! die hoffnung auf ein neues leben. sie zerbrach, stück für stück. die großen träume gingen zugrunde und die erinnerung an dich begann mehr und mehr jeden schritt zu okkupieren. unter schmerzen begann ich dieses journal zu schreiben, um mit diesem versuch deine macht zu bannen. ob es von erfolg gekrönt sein wird, das entscheidet die zeit, die vergehen wird, bis das schlußwort geschrieben ist und der stab über meine taten gebrochen wird.

der erzähler hat die schar der vögel hinter sich gelassen. die gedanken treiben ihn voran, auf der suche nach offenen ohren, die seinen worten nicht fliehen. er weiß, daß er sie fesseln wird mit den Geschichten, die ihm das Schicksal zugespielt hat. in jahren haben sie sich angesammelt und drücken den erzähler, wenn er sich verweigert, seine rolle zu spielen im lauf der welt. er wird seinem publikum, so es zusammenkommt, ungeheuerlichkeiten präsentieren, gewürzt mit seinen krankhaften phantasien, auf der basis von kleinen geschichten, die er an verschiedenen ecken der welt aufgeschnappt hat. das alles zu einem großen epos verrührt. doch ist das nicht alles, was in seinem kopf vor sich geht. er strebt nicht nur danach, seiner bestimmung als erzähler gerecht zu werden. nein. es ist sogar noch schlimmer. denn der erzähler verlangt, sich nicht mehr im kreis drehen zu müssen. er ist nicht mehr bereit, überhöhte preise für das zu zahlen, was leben sein soll. er verdammt auch den, den die leute gott nennen. er verdammt jenen paulus und jenen calvin, um nur die zwei personen zu nennen, die es dem erzähler besonders negativ angetan haben. er verdammt die, welche meinen, jenen beiden protofaschisten folgen zu müssen. ja, so erklärt es der erzähler, und so soll es bestehen bleiben. protofaschisten. einigen menschen, die ihm in diesem vogelpark begegnen, ruft er zu: „jenen, die meinen das absolute anstreben zu müssen, sollen die beine gebrochen werden. ihre knochen sollen zermahlen werden. sie sollen diesem schauspiel zusehen müssen. warum? warum wohl! weil jener, den sie jesus nennen, dem schicksal durch zufall entging. ihm hätte es schon passieren müssen, denn das großmaul ging in die kneipe welt und dort sprach er: hey, die große runde geht allein auf meinen deckel!“

der erzähler hat einen kreis mit steinen ausgelegt, und begibt sich ins unterholz, um brennbares material zu sammeln. währenddessen wird sein sermon nicht enden. „die welt ist in fragen unterteilt, und die momente, in denen sich die lösungen anfassen lassen, sind rar gesät und wollen genommen werden.“ jener, der nicht greift, und sei es der erzähler, wird in der folgenden zukunft mit schmerzen bedacht sein. „meidet diese menschen, ihre schwarzen augenhöhlen, ihre tränengestaltigen tätowierungen, die sich in ihren zerfallenen gesichtern zeigen. ihr zittern ist nichts, als ein gestalt gewordenes zuspätkommen, vielmehr zuspätgekommensein, sie haben den zug verpaßt und winden sich in der erinnerung des fahrtwindes, den die gedankenschnelle aufkommen ließ, als sie hockten und löcher in den schnee ihres verstandes starrten. sie träumten von behaglichkeit und wohlergehen, als sie herausgezerrt wurden von der einsicht und der gewahrwerdung, der größe des ganzen, als dieses sein endloses maul öffnete, die ewigen zähne bleckte… ja, sie erstarrten im anblick dieser monströsität und zerfielen in wenigen momenten. der stille sturm hatte sich opfer gefaßt.“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche

als ich dich zum ersten mal sah, war mir schnell klar, daß nichts mehr so sein würde, wie es je zuvor gewesen war. aber wozu auch… vor dir, war vor dem, was leute gern als glücksgefühl bezeichnen würden. für mich war es etwas anderes als nur einfaches, gewöhnliches glück, es war die vollkommenheit, das erreichen des gipfels, der höhensturm. als ich dich endlich in meinem leben willkommen heissen durfte. dabei sahen wir uns nur für den bruchteil einer sekunde in die augen. doch tief war dieser blick. intensiv war das gefühl. ein schlag, ein heftiger schlag, der meine mauern heftig erzittern ließ. das war der moment. und du warst erst einmal wieder fort. nur dieser eine moment gehörte mir. dieses funkeln, das durch unseren blick entzündet wurde. oder war es bereits eine explosion? es war auf jeden fall eine komplette umwertung. ich weiß noch, daß dein blick von einem lächeln begleitet wurde. ein lächeln, ein schüchtern wirkendes lächeln. mein herz! wohin, schrie ich in dem verlies, das durch deine direkte abwesenheit errichtet wurde. wohin wirst du mich verführen? noch hallten nur die fragenden worte nach von den leeren wänden. und da stand ich dann, mit meinem römerkragen, der mir jedwede dieser gefühlsregungen verbot. jedwede regung im süden meines körpers. und da warst du, so lieblich und anziehend und fruchtbar. ich wußte tief in meinem herzen und in meinem kopf, daß die sünde mit dir hand in hand spaziert, doch dann begann eben jenes herz wie wild zu pochen, wann immer ich dich sah. mir war nicht bewußt, wie dies überhaupt geschehen konnte. du warst doch an einen anderen mann gegeben, hattest gar schon einen sohn mit ihm. woher stammte die wurzel dieses sturmes, der meine sinne vernebelte? oft stand ich in meinem zimmer vor dem spiegel, und fragte danach. oft stand ich in meinem zimmer und fragte den gekreuzigten, ob er mir nicht etwas raten könne, wie ich dieser versuchung widerstehen soll. doch blieb er zu diesen fragen stumm. fast meinte ich, er wolle seinen kopf zur seite drehen.

„ein kluger mann sang einst:

wut ist eine energie.

wut ist eine energie.

wut ist eine energie.“

man sieht es fast hüpfend, das gespinst, ja, es ist ein beschwingtes wandeln. die guten geister haben unter diesem eindruck schon vor äonen das gebäude verlassen. sie sahen es von weitem kommen, sie ahnten, was passieren würde, wenn man diese zappeligen zweibeiner mit der idee eines gottes in verbindungen treten lassen würde. und dazu gesellen sich diese figuren, wie sie der erzähler darstellt. der voller ängste gepumpt wurde, bevor er zum erzähler wurde. der durch eigene erzählungen waten mußte, bevor er zum erzähler wurde. der in zwischenzeitlich ferngewachsenen tagen aufhörte, faseriges fleisch zu essen, bevor er zum erzähler wurde. der in jenen tagen keine sprache dafür fand, warum er es einstellte, das essen von faserigem fleisch. er kannte nur das verriegeln und abschotten und von-sich werfen, bevor er zum erzähler wurde. und so schlichen sich als themen auch unbemerkt das verriegeln, das abschotten, das von-sich-werfen in seine erzählungen. so schlich sich das wegerzählen einer gottesidee unbemerkt in seine erzählungen.

bevor er zum erzähler wurde.

aber dann öffnete sich der blick, die decke, das universum, eine hand wurde ihm entgegengestreckt! tat es das? wer tat das? warum? er lag dort rücklings auf einem weichen brettgestell und sah seine hand in den himmel gestreckt, wie sie in flammen aufging. der blick brannte durch die decken und dächer hindurch.

„die worte brennen in der tiefe

die worte brennen in der tiefe

und wer die worte kennt,

kennt die feuer, die da brennen

die worte brennen in der tiefe“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche

Ich hatte gerade erst jene neue Anstellung begonnen. Es war auch erst mein zweiter Einsatz seit der Weihe, ja, ich war noch jung. Und es begann gerade ein neuer Frühling, der allerlei sprießen und gedeihen ließ. Es lag dieser besondere Aufbruch in der Luft, als ich mit dem Zug in jene Stadt kam, die mein Schicksal werden würde. Eine handvoll Leute waren nur zum Empfang zusammen gelaufen. Noch war es mit dem Glauben der Menschen nicht so weit, daß sie sich dazu öffentlich bekennen wollten. Es dauerte mich, in dieser Stadt, mit ihren mehreren tausend Einwohner, das nur diese wohl zehn Gesichter sich dazu die Zeit nahmen ihren neuen Pfarrer zu begrüßen. Also schloß ich diese direkt in mein Herz und nahm mir vor, auf diese Schultern zu bauen, um hieraus mit der Zeit, den Jahren, die ich auf Gott vertrauend vor mir sah, ein stabiles Gerüst, gar eine Burg zu schaffen. Ich war mir meiner Sache sehr sicher, denn ich sah mich nicht alleine. Mein Vorgänger hatte seine letzten Jahre hier zwar nur noch abgesessen. Natürlich wußte ich, daß er aus Gründen, die nicht er zu verantworten hatte, sich zurückhalten mußte. Aber die Zeiten begannen sich zu ändern, so daß ich gleich mit einem anderen und offensiveren Ansatz arbeiten konnte. Ich wollte, daß man mich bemerken würde. Die Leute, ob gläubig oder nicht, sollten nicht an mir vorbeischauen können. Und so brachte man mich an jenem Mittwoch, als ich eintraf, zunächst zu meiner Wohnung, die ich darauf in Besitz nahm. Nur eine kurze Zeit später besuchte ich auch die für mich noch wichtigere Wohnung, die gerade mal fünfzig Meter entfernt lag. Ich betrat die Kirche mit der mir eigenen Besinnlichkeit. Die Türe öffnete sich nur schwer, ich würde sie reparieren lassen, dachte ich sofort. Doch mit dem Kraftaufwand wurde mir auch klar, daß die Leute, welche diese Türe öffneten, eintreten wollten, und nicht einen kurzen Pflichtbesuch unternahmen. Sie würden sich unterscheiden von jenen, die ich bei kurzen Besuchen in Ländern Westeuropas beobachten konnte. Menschen, die innerhalb einer Messfeier permanent ihre Armbanduhren im Blick hielten. Die sich nicht geschämt hätten, einen Aktenkoffer in diese heiligen Mauern hineinzutragen. Dort sah ich Mengen an Verbrechern an meinem Glauben. Hier jedoch war fast niemand, nur ängstliche Seelen. Ein paar Aufrechte. Die Kirche selbst als Gebäude wuchs mir sofort ans Herz, dies war eher schon ein Traum, der wahr wurde. Ein wahres Schiff des Herrn. Von hier aus würde ich den Kampf um die Seelen der Fürchtenden beginnen.

und doch leidet der erzähler an heimweh. von zeit zu zeit überfällt es ihn. er sehnt sich nach der einheit zurück, wie es in den liedern heißt. einheit mit dem weltall. möchte er die urakkorde spielen und hören. die entgrenzte urschwingung spüren. ja, wen es dorthin drängt, der hat dem tod den stachel schon lange abgenommen. wenn das leben doch nur mehr eigenständige, vitale sehnsüchte befriedigen würde. der erzähler möchte seiner hand in die himmel folgen, um dort moment der ahnung einer antwort in die augen zu schauen. nur einen augenblick lang. dem erzähler wird dennoch im moment klar, daß er bisher zu sehr auf den trommeln des schlechten im hinblick auf seine erzählung spielt. er schält sich derweil gerade aus dem unterholz heraus und ruft einem zufälligen jogger hinterher: „nicht, das alles in diesem leben, was je geschah, negativ sei. nein, bei weitem nicht. doch so vieles blieb in einem zustand des unerfüllten. das geht noch an, das ist der übliche zustand des nicht-absoluten eines konformen menschenlebens und macht vielleicht eine zeit lang traurig, doch stört es auf der langen strecke des lebens nur partiell. schlimmer ist der zustand des bedauerns, der reue, gar der scham aufgrund eines fehlers, aufgrund einer unerfüllung. denn diese gefühle, sie haben das format zu ewigem anhang deines lebens. wenn diese zeitgenossen an deine türe klopfen, ist die unschuld dahin. die einheit ebenfalls. nur noch ein gerücht, eine blasse erinnerung.“ der jogger ist schon außer sicht.

wenn dies die geschichte einer krankheit ist…. es sieht nicht gut aus. die krankheit hat ihre hände, getränkt mit kaltem, kaltem schweiss auf die schultern des erzählers gelegt. geriert sich die krankheit als lange hand des schicksals? unterfüttert sich die krankheit aus mentalen defiziten, die dem erzähler im lauf seines lebens zustießen oder die der erzähler sich im lauf seines lebens verdiente? wenn dies die geschichte einer krankheit ist, wird der grund in ihr erzählt? wenn er erzählt wird, geschieht dies willentlich? kann der grund in ihr überhaupt genannt werden? wem ist der grund offenbar? wenn dies die geschichte einer krankheit sei, fragt der hörer sich, wessen krankheit damit gemeint sei.

Das Geschäft eines sogenannten Multimediariesens, welches sich eher gerierte, als sei es eine Kunstgallerie. Der Erzähler stöberte dort zwischen den Vinylplatten, und sein Blick wanderte nach oben, wo sich vier neue Platten von Paul McCartney zeigten, die massiv beworben wurden. Diese trugen folgende Titel: „1“, „9“, „8“ und „4“.

Der Erzähler griff sich zielsicher die letzte, die #4. Es war wohl auch die vierte Platte, die der Erzähler in seine Tasche steckte, um sich dann langsam auf den Weg in Richtung der Kasse zu machen. Er mußte eine kleine, vierstufige Treppe herabgehen, dann sich links halten und über die weißgeflieste Weißheit der weißgetünchten Welt hergleiten, um in der Ferne kassenähnliche Apparaturen wahrzunehmen.

Doch während er gemessen dahin schritt, wurden ihm plötzlich Zweifel an seiner Entscheidung gewahr. Er hielt inne, tauchte seine Hand in die Tasche, beförderte den McCartney-Kauf heraus, und ließ seinen Blick darüber gleiten. Nein, das war nun doch nicht, was er sich als Neukauf vorstellen wollte. Nur eine Zusammenstellung… Nein, er drehte sich auf dem Fuße und begab sich zurück in die Vinylabteilung. Das war der Plan, doch nun wurde ihm die Tragweite einer Durchsage über die zahllosen Lautsprecher in diesem so weißen Gebäude gewahr. In einer tiefer gelegenen Abteilung hatte eine Veranstaltung begonnen, sämtliche Treppen hinab waren überlaufen. Massen drängten vor und zurück, und der Erzähler mußte sich seinen Weg zum Ausgangpunkt seiner falschen Überlegung bahnen. Doch es war kaum auf die Treppe zu gelangen, und diese hinaufzuschreiten. Eine Bahn hinauf, eine hinunter…. der Erzähler warf sich gegen den Strom, der sich hinabbewegte und wühlte sich nach oben, gegen heftigsten Widerstand. Offene Münder gegen den Erzähler, verzerrte Blicke gegen den Erzähler, wütende Prostete gegen den Erzähler, der inzwischen über gestürzte Personen zu klettern suchte, doch es war umsonst. Kaum das sich der abwärtsziehende Strom auf den Störfaktor eingestellt hatte, wurde dieser ergriffen und der Erzähler hinab geschwemmt. Die McCartney-Platte „4“ immer noch in der Tasche.

Später abends traf der Erzähler auf den alten Vertrauten, und berichtete ihm von seinem großen Mißgeschick. Der Vertraute blickte ihm in die Augen, lud ihn zu einer Party in einem Raum ein und ließ den Erzähler abschließend noch wissen, daß er das alles doch nur geträumt haben könne.

Der Erzähler folgte dem Vertrauten, und sie gelangten zu diesem Raum, dessen weitläufige Wände mit Betten bestellt waren, welche jedoch sämtliche leer lagen. Der Vertraute sprach eine ihm bekannte junge Frau an, und zog sich mit dieser zurück in die Weite. Der Erzähler blickte sich um, fühlte sich mit einem Male sehr, sehr müde. Dieser Blick, der sich nach langen Meilen verlief, diese unangenehme Wandbekleidung aus glänzendem Metall in bräunliches Chrom übergehend. Einzelnen, schlecht versteckten Kameras und die von weit oben herabfließende Beleuchtung, das alles drückte des Erzählers Gemüt, wie auch die Erinnerung an den Besuch einer Schallplattenabteilung, der in einem heillosen Durcheinander endete. Der Erzähler konnte kein Fenster sehen, alleine die Eingangsfront hatte einen getönten, noch vermutbaren Ausblick in die Außenwelt. Der Erzähler verlor seinen Mut vollends und wandte die Schritte unsicher ins Innere des Raumes. Die Müdigkeit, die durch seine Knochen kroch, die sich seiner bemächtigte, lenkte seine Schritte dann auf eines der vielen Betten zu. Kaum, daß er in Griffweite gelangt gewesen wäre, legte sich jemand dort hinein und sah ihn mit überlegenem Blick an. Der Erzähler wandte sich ab, beschämt und verwirrt, mit unsicherem Schritt in die Richtung des Nächsten. Doch auch dort änderte sich an der plötzlichen Belegung nichts, auch der Blick der Person war der identische. Der Erzähler wurde gemustert, vermessen, auf unkörperliche Art seziert. Und wortlos zum dritten Bett gesendet, um dort der gleichen Behandlung anheimzufallen. Die Müdigkeit sickerte nun stärker in die Muskeln, und Ermattung folgte. Und die Betten belegten sich. Der Erzähler wanderte, die Betten belebten sich. Er wandte sich gen Zentrum des Raumes. Er ließ die Zeit verstreichen und verharrte. Langsam schob sich der Raum um den Erzähler, bewegte diesen weiter in sein Inneres hinein. Dort war ein junger Mann, der an einer neuartigen, technischen Apparatur schraubte, welche dem Boden des Raumes überflüssiges Wasser entziehen sollte. Leute, die im Raum umherliefen, munkelten, daß der Raum gar auf Wasser schwamm. Der Erzähler war sich darüber nicht sicher, konnte, wo man ihm zuhörte, aber ein wenig abwiegeln. Plötzlich explodierte die Apparatur, eine gewaltige Wasserfontäne stand inmitten des Raumes, der Erzähler sprang dem jungen Mann zur Hilfe und dank seiner tatkräftigen Intervention, brachten die Beiden den Wasserstrom schnellstens zum Erliegen und durch die nun kurzfristig geöffnete Tür strömte das Wasser wieder zur Außenwelt zurück.

Mit diesem Ereignis waren die Menschen des Raumes plötzlich von Freundlichkeit gegenüber dem Erzähler erfüllt.

Der Erzähler wurde sympathisch am Arm gepackt, er wolle sich doch sicherlich hinlegen? Er sähe so müde aus. Zwei junge Frauen geleiteten ihn zu einem der zahllosen Betten, die zuvor in hoher Geschwindigkeit vor seinen Augen genommen wurden. Nun wurde eines für ihn bereitgestellt, auch half der junge Installateur mit, daß sich der Erzähler nun wohlig hinlegen konnte. Doch was machten Teile der anderen Anwesenden, besonders diese dritte Frau, die begleitet von einem unübersichtlichen Pulk, auf das Bett zutrat, dem Erzähler auch geschäftig die Hand reichte und schüttelte. Sie stellte sich als Ärztin vor, doch war ihr Auftreten eher das einer aufstrebenden Studentin, möglicherweise tatsächlich der Medizin. Der Erzähler ließ den Monolog der Aufstrebenden über sich ergehen, fühlte lieber die Wärme der Füsse, der Beine, das Wohlbefinden des in Ruhe liegens, als die Aufstrebende erneut seine linke Hand griff und sie auch nicht wieder los ließ, nein, sie schlug zweimal mit ihrer freien Hand auf die bläulich schimmernden Blutbahnen im Ellenbereich, blickte kurz um sich, befehlend, worauf ein Pulker hervortrat und eine Kanüle zu legen begann. Der Erzähler blickte die Aufstrebende an, sie tätschelte beruhigend seine Hand, seinen Kopf und bedeutete ihm, daß letztlich alles gut sei und er keine Angst zu haben brauche.

Der Erzähler befand sich vor einer Art futuristischer Hochhausidee eines Architekten des 16. Jahrhunderts. Es war ein Gebäude, wie es nie zu sehen sein würde. So auch die Hoffnung des Erzählers, der sich nun in seinem Inneren sicher war, daß man ihn in einen Drogenrausch bugsiert hatte. Dennoch kannte er seinen Auftrag. Er trat an ein Geländer, von wo aus er in die unter ihm liegende Stadt, die er wohl kannte, hinabblicken konnte. Sein Standort war einige Hundert Höhenmeter darüber, was ihm kein besonderes Wohlbefinden vermittelte, aber letztlich blieb er gleichgültig. Mit einem Hauch von Angst. Er wandte sich um zu der Hochhausidee und sah in einer Art Eingang stehend eine Frau. Er sprach sie an mit der Frage, ob sie wisse, wie man in dieses Gebäude eintreten könne, er müsse zu Raum Nummer Elf. Die Frau zog ihn mit sich. Sie hatte schwarze, leicht lockige Haare. Gemeinsam trat man vor eine Krankabine. Darin saß der Fahrstuhlführer. Eingetreten äußerte der Erzähler seinen Wunsch. Der Fahrstuhlführer gab ihm die Auskunft, daß er also bis zum obersten Stockwerk fahren müsse, denn die hohen Nummern seien unten. Die Frau verließ die Krankabine und verließ den Hügel und wandte sich zur Stadt zurück.

Die Fahrt dauerte Minute um Minute, der Erzähler verlor in diesem Szenario jedes Zeitgefühl in der offenen Höhe, denn die Stadt entfernte sich ruckend von ihnen. Die Kabine war luftig, sie fuhr an der Aussenwand der Gebäudeidee entlang. Immer wieder an Einstiegsdocks entlang. Diese Stellen waren jene, welche die heftigsten Erschütterungen verursachten. Doch auch diese Fahrt hatte ein Ende. Angekommen in mehreren hundert Meter Höhe, konnten der Erzähler und der Fahrstuhlführer die Kabine über eine wacklige Planke verlassen und betraten relativ festen Boden. In diesem, obersten Stockwerk befanden sich zwölf Räume. Der Erzähler wandte sich gen Nummer Elf, blieb jedoch vor der Türe stehen, ohne die Klingel betätigt zu haben. Der Fahrstuhlführer hatte sich in seinen Pausenraum begeben, welcher eine Treppe tiefer lag. Der Erzähler wartete… dann begab er sich auf einen Balkon, blickte von dort auf die Stadt.

Der Erzähler stellt sich vor zu wissen. Und meint, es sei ihm egal. Er erzählt seine Geschichten, er blickt in die Gesichter seiner Zuhörer. Er sieht, wie manche von ihnen mit der fortschreitenden Zeit teils abwesender blicken. Doch das ist nicht sein Krieg, nicht der Schauplatz, auf dem er sich beweisen müßte, redet er sich ein. Er hat andere Ziele, er wird eine Burg einnehmen müssen, die er von weitem inzwischen im Blick hat, auf deren Fährte er sich vor einigen Jahren machte, als ihm erste Spuren gewahr wurden. Fremde gaben ihm ungefragte Hinweise. Der Erzähler blickte oft in den Himmel, orientierte sich nach den Sternen, zögerte auch durchaus einige Male, den Weg nach der Burg weiterzuverfolgen. Doch es blieb ihm letztlich keine Wahl, obwohl er genau weiß, das die Müdigkeit seiner Zuhörer noch das Positivste ist, was ihn in diesem Leben erwarten wird. Die Burg ist sein Schicksal und möglicherweise sein Ende. Und wenn ihm unterwegs Kid Quarantine begegnen würde, könnte er mit diesem gemeinsam einen Plan gegen das Unvermeidliche aufzeichnen. Doch noch sitzt der Erzähler am Lagerfeuer einer inzwischen weitestgehend eingeschlafenen Runde und mit monotoner Stimme spricht er seine Mantren. Im Unterholz hockt das Schicksal und schaut ihm grinsend hinterher. Wenn die Menschen nur immer wüßten, welche Vorstellungen sie von sich und ihrem kommenden Lebenslauf haben, und wie sehr sie sich von kleinsten Einflüssen leiten lassen.

„was soll die welt mit der unbedingtheit eines religiösen glaubens? schon an einen, der hingerichtet wurde? ein möglicher verbrecher? weh, weh. was ist mit der welt, das sie sich einen solchen halt suchen muss. doch die potentiellen anderen rattenfänger sind nicht besser und führen ihre schäfchen nicht auf besseren wegen zum sogenannten heil. wenn ein anfall, eine attacke der selbstzerstörung vorübergezogen ist, steht alles auf sehr wacklingen beinen. dann lausche ich liedern von menschen, die von der dunkelheit zu berichten wissen, durch deren täler die menschen schreiten, die unter dieser krankheit leiden. die krankheit, die nicht nur den erzähler zerstören will. durch seine eigene hand. es gibt jedoch keinen gott, der ihm die hand reichen würde, um ihn zu retten. er rettete schon niemanden vor auschwitz. was will der erzähler dann schon erreichen mit kontakt zum olymp, wo die sitzen, welche die götter genannt werden wollen?“

„wenn ein vergessenes kind in der leichengrube eines todeslager wimmert mama

wenn das angeschossene opfer eines amoklaufs wimmert mama

wenn die entkräftete geisel im dunklen kellerraum wimmert mama

wenn der todessträfling auf dem stuhl wimmert mama

wenn die stimmen in den lazaretten und hospitalen und sanatorien wimmern mama

wenn der flüchtige diktator sich unruhig in den schlaf wimmert mit dem worte mama

wenn der kniende, die pistole an den kopf gepresst, wimmert mama

wenn der junkie im licht des grauen und grausigen morgens schmerzverzerrt noch wimmert mama

wenn der krebszerfressene alte letztmals die augen öffnet und wimmert mama

wenn die wut und die angst und der wahn schreien mama

wenn der anschein davon erzählt, das sich der kreis schließt…

dann bricht das weltgerüst wimmernd entzwei und niemand ist da, um auf den zu achten, den manche gott nennen. wo ist da der glaube, wenn der, den manche gott nennen, sich aus dem staub macht. wenn der fersengeld gibt. wenn der seine spuren verwischt, und nur noch als gespenst in den erlogenen erzählungen geistert, die manche, die ihn gott nennen, vor sich her faseln.“

und überhaupt! wenn der, den mache gott nennen, so ein großer ficker ist, dann will der erzähler seinen schwanz sehen, dann soll er kommen und ______

der erzähler hat keine angst, vor jemanden, den manche gott nennen. in seinen träumen will er dem, den manche gott nennen, die fresse polieren, doch abwesenheit ist nicht so leicht zu bekämpfen. er kämpft letztlich nur noch gegen die wahnsinnige enttäuschung und die erkenntnis und die leere, welche von der abwesenheit bis zum platzen gefüllt ist. „niemand ist da. niemand ruft an. es geht nicht ums ganze, dafür sind die religionen da. es geht ums jetzt. der stich im herz ist jetzt. die zittrige spannung rund ums herz ist jetzt. die angst ist jetzt.“ der erzähler weiß auch nicht mehr. und will auch nichts mehr über schändlich und feige vergangenes erfahren. der ausruf „menschenskinder“ hinterläßt bedeutungsfragliche blicke. warum diese elendigen zustände immer wiederkehren, die er schon beschrieb… „sie kommen immer in wellen, wellenform, wellengefühligkeiten, branden sie in seinem innern und lassen seine innenwelt wie ein zerbrochenes schiff erscheinen. ein gespaltenes und fragmentiertes, faseriges fleisch.“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Erste Tage vergingen in meiner neuen Berufung und manches positive konnte ich in dieser kleinen Stadt anschieben. Die Zahl der Gläubigen, oder auch Neugierigen, die zu den Messfeiern kamen, begann sich zu erhöhen. Ich konnte auch abseits dieser Ereignisse viele frohe Gesichter sehen, die auf mich zukamen und meiner Tätigkeit einen Sinn gaben. Sei es als einfacher Gesprächspartner, sei es als Ratgeber oder als Helfer in Gewissensfragen. Die Tür zum Haus des Herrn hatte ich weit geöffnet, und die Menschen kamen und nahmen die Einladung an. Was mir jedoch nach einigen Wochen auffiel, war, daß es eine Aufteilung nach Bezirken gab, die mehr oder weniger offen gegenüber Glaubensfragen standen, und so nahm ich mir vor, die bis dahin unbekehrten Stadtteile selber aufzusuchen. Ich fand dort kleine Kapellen, und begann unregelmäßig dort kleinere lokale Andachten anzubieten. Der Zulauf schwankte, auch je nach Umgebung, zwischen erfreulich und beschämend. Das brachte mich jedoch nicht davon ab, auch in den weiterhin verschlossen gebliebenen Gebieten vorstellig zu werden, Leute anzusprechen, Kneipen oder Cafés zu besuchen, umherzuschlendern. Ich wollte ein Bild davon gewinnen, warum diese Menschen widerspenstiger gegenüber dem Glauben an Gott zu sein schienen, wenn es doch ein freies Angebot war, das ich ihnen entgegenbrachte. Ja, es schien in machen Ecken gar so zu sein, daß man sich gegenseitig warnte, wenn der Römerkragen in der Nähe auftauchte. Mir war nicht klar, ob man mehr Furcht vor der Polizei oder meiner Person hatte. Freilich erkundigte ich mich über die Begebenheiten in jenen Vierteln, und ja, mir wurde immer wieder mitgeteilt, daß die Ordnungskräfte selber dort sicherlich nicht sehr gern gesehen waren. Ich lernte, daß ich es mit vorsichtigen Menschen zu tun hatte. Daran änderten auch meine Besuche in den Spelunken nichts. Dort sprach niemand mit mir, der es nicht mußte. Und dazu blieben alleine die jeweiligen Wirte, die jedoch auch mit ihren anderen Gästen in eine seltsame Einsilbigkeit verfielen, wenn ich in der Nähe weilte. Das fiel mir auf, wenn ich beim Kommen oder Gehen durch Fenster in die Schankräume blickte. Ja, es blieb mir nicht verborgen, daß mit meiner Ankunft auch das Lachen diese Orte verließ. Insofern brachte ich, eher ungewollt, eine gewisse Andacht an jene Orte, doch ob sie die Anwesenden zu einer inneren Prüfung ihres Lebens, ihres Glaubens brachte, schien mir mehr als fraglich. Ich spürte, daß ich hier vor einer schweren Aufgabe stand, und daß mir noch der Hebel fehlte, sie zu stemmen.

der erzähler schreit seine kundschaft an: „god is hanging on the telephone. he’s the breather on the phone. sometimes a little whisper, a wimper. god is hanging on the telephone. leaning against the red phonebox-door. in his jeans. his blue jeans. god walks around with his big, big cock inside his tight blue jeans. there’s a visible mountain in the south. the north of the blue jeans, with a sign on the door that reads – welcome to the lord’s cockland! welcome sucker! welcome to suck the grace, the honor and the holy cum. well come! you must know, that god is a heavy breather on the phone. he does not care for anythings and anyones well-being. he cares for heavy breathing. he cares for the strung and the stranded to use them lot. he cares not, but he loves the raping, the violence of the sexualized, male act on the strung and the stranded. he is the male act. he is the ripping, the tearing, the hunting and the breaking, the bursting, the slaying, the bagging and the mauling of the strung and the stranded. he is the heavy breathing. he says welcome to the lord’s cockland, sucker. he is hanging on the telephone.“

der erzähler mahnt: „wir müssen den gottessamen in uns töten. wir müssen uns von den worten paulus‘ lösen. der mann, der den proto-faschismus definierte. allein am strand stehend und mit vögeln reden. eine schwalbe überbringt neuigkeiten. allein an einem strand. allein im mondenschein. die wellen rufen deinen namen. allein in die wellen steigend. allein am strand. allein im mondenschein. die vögel schlafen in ihren nestern. sie brüten über den fakten, die hernach den definitionen untertänigst untergeschoben werden. was wusste schon paulus? hätte ein dinosaurier-skelett noch nicht einmal für einen drachen gehalten, nur für dreck. paulus, du sau! höre, was ich dir an worten entgegen speie: stehst du neben dem erzähler am strand, wird er seinen schwächlichen unterarm dennoch mit aller macht gegen deinen hals pressen, um mit der linken dein genick zu brechen. in die wellen hinein kannst du deine todesangst und deinen hass und dein barmen schreien. die wellen werden dich hören und aufnehmen. sie werden dich verschlingen. und der erzähler steht allein am strand. allein im mondenschein. wieviele tritte verträgt ein toter körper? wieviele messerstiche nimmt ein gewürgter auf? das postmortem eröffnet mannigfaltige möglichkeiten.“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Zwei Monate lang weilte ich in jenen Bezirken, ohne das sich nennenswertes getan hätte. Dann eines Tages, es hatte bereits die Dämmerung eingesetzt, begab ich mich auf einen Spaziergang. Ich hatte der Ausnahme halber wirklich keine missionarischen Gedanken, die ich hierauf mitnahm. Mir waren einige sehr schöne, fast malerische Ecken in jenen Breitengraden der Ungläubigen aufgefallen, die ich besuchen wollte. Es war ein rein persönliches Bedürfnis. Wenn ich diese Worte so schreibe, muß ich lächeln, denn ich hatte mich in jenen Tagen als Mensch ohne jegliches Bedürfnis, außer den überlebensnotwendigen, gesehen. Und nun schritt ich dahin. Folgte den Pfaden, die ich inzwischen freigelaufen hatte, und wußte, daß Freude für meine Augen wartete. Es war ein völlig neues Gefühl in mir. Aber Beruhigung verschaffte der Gedanke, daß Gott die Schönheit geschaffen hatte, und sie darüberhinaus auch in seiner Schöpfung gewollt hat. Kurz vor meinem Ziel war, kam mir eine Familie entgegen. Mann, Frau, Junge. Der Blick der Frau traf mich. Ich stand von einem Augenblick zum nächsten in Flammen. In diesem Moment war ich mit einem Schlag vor die Tore Damaskus‘ versetzt, erhob mich aus dem Staub und war ein neuer Mensch. Ohne es gewollt zu haben. Ich stand vor jenem Vorgarten, blickte wohl wie entgeistert, die Familie passierte mich, Mann und Junge grußlos, die Frau mit einem freundlichen Nicken. Der Besitzer des Vorgartens trat an den Zaun und sprach mich an. Ich erwachte aus der Versteinerung, und blickte ihn so emphatisch, wie es mir nur möglich war an, lauschte seinen Klagen, die sich von Pontius zu Pilatus bewegten. Ich sammelte mich leidlich und antwortete mit Gemeinsätzen, die alles und nichts ausdrücken konnten, meinen Gesprächspartner jedoch durchaus positiv stimmten. Ich grüßte und ging weiter.

der erzähler ist noch lange nicht mit gott fertig und legt gerne noch eine zeitlose anekdote nach: „gott verteilte einladungen zu einer sex-affäre in einem budapester puff. der zuspruch war mager, die angesprochenen männer achteten zu sehr auf den merklichen hügel im süden, im norden der blauen jeans. sie fühlten unsicherheit und verzichteten auf die teilnahme an einer orgie, wie sie wohl noch kaum auf dieser welt stattgefunden hatte. letztlich blieben gott und ein paar mäßig gealterte huren alleine übrig. zu guter letzt hing gott am telefon und keuchte, atmete, heiserte. er war nicht in form. die, welche er anrief, schrien ihn an und beleidigten ihn aufs schärfste. nachdem er auch diesen spaß beendet hatte, ließ er sich seinen schwanz in ordnung blasen und abwichsen von einer der alten. gott hatte dem puff in budapest den griffigen namen postmortem gegeben. er war schon länger nicht in form. was sollte er auch in budapest, mußte er sich ständig fragen. er, als alter semit, war zuweit nach norden abgedriftet, schien ihm. ihn dürstete es nach guten männern, wie dem alten abraham. männer, die er ansah, und schon ließen die alles liegen, um sich auf höchst gefährliche spielchen einzulassen, als seien sie noch pubertierende jungwichser, die ihr erstes schlachtermesser in die hand gelegt bekommen. damit kannst du schlitzen, junge! echt? geil! kannst dir auch ne frau gefügig machen! boah! echt? geil! junge, wenn du zu ner frau gehst, vergiss die sieben schlachtermesser nicht! du bist der herr, der mit dem schwanz und den sieben messern. du bist die gewalt im haus. der, der schlägt. der, der zuschlägt. und sticht. mit vierundachtzig stichwunden ist jener paulus in die wellen getreten worden, die ihn gierig aufschlangen und ihn nimmer freigaben, den sie mit wasser vollsogen. ein zerklüftetes schiff im rauen meer.“ der erzähler schnappt nach luft.

tick tack tick tack tick tack tick tack tick tock tick tack tick tack tick tack tock tack zeit vergeht. wieviele sekunden sind vergangen, seit sie begonnen haben, diese zeilen zu lesen und wann mag der gedanke willentlich in ihrem hirn entstanden sein, ob es eine ernste sache sei, sich darüber gedanken zu machen, wie wichtig die vergangene zeit in diesem moment für sie sein mag. für den erzähler erscheint es in dieser zeit wichtig, sie zu einem gespräch einzuladen. es gefällt ihm. sie können nicht widersprechen, noch antworten, er hat ihnen den mund verboten. in ihrer sprachlosigkeit gefallen sie ihm gar zu gut. hören sie: tick tack tick tack tick tack tick tock tick tack et cetera.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Ich kam nach Hause. Ich betete, wie gewohnt. Ich ging zu Bett, sprach mit Gott, alles wie gewohnt. Am Morgen erwachte ich, blickte aus dem Fenster, wie gewohnt. Die Sonne war dabei aufzugehen, ein Hauch von Dunkelheit lag noch über der Straße, die unter meinem Fenster entlang lief. Es war gerade Sommer. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Das Leben hatte seinen Gang beibehalten, doch tauchten immer wieder diese Augen auf. Dieses Paar Augen, das mich tief erschüttert hatte. Ich hatte über Wochen krampfhaft versucht, diesem Anblick zu entfliehen, doch war es mir nachhaltig nicht gelungen. Ich hatte meine innerstädtische Missionarsarbeit gar verstärkt. Und in diesem Rahmen gelang es mir, die Frage nach der Identität meiner Heimsuchung zu beantworten. Maria war der Name jener Frau, die mir nicht mehr aus den Gedanken weichen wollte. Ich saß in der Kälte meiner Wohnung. Das Feuer war in der Nacht erloschen, und neues Holz mußte der Diakon erst hacken. Eisblumen schmückten die Fensterscheiben. Es war bitterkalt. So sehr, daß ich mit dem Gedanken kämpfte, ein Buch im Kamin zu verbrennen. Innerlich fluchte ich auf die Provinz, in der ich gelandet war, wo noch keine vernünftigen Heizsysteme existierten, doch dann schlang ich mich einfach in alle verfügbaren Decken und beschäftigte mich mit der Lektüre der Paulusbriefe, mein schon immer liebster Zeitvertreib, wenn ich meinen Geist von der schroffen Realität wegbewegen wollte. Hier lag das endlose Meer der Erleuchtung, des Feuers des Glaubens. Wie liebte ich es, darin zu schwimmen. Während der Frost das Städtchen feste im Griff hatte, wurde mir warm ums Herz. Mir war nicht klar, wie viel Zeit vergangen war, doch kam es mir wie eine gefühlte Ewigkeit in der Versenkung vor, als ich des Klopfens an der Türe gewahr wurde. Ich schälte mich aus meinen Decken, lief schnellen Schrittes zum Eingang und öffnete. Das Herz blieb mir stehen. Maria trat ein.

der erzähler schiebt den mühsam gegen den schlaf kämpfenden noch eine bemerkung zu, bevor er sich der versprochenen, großen, aufregenden erzählung annehmen wird: „was das wirkliche problem ist: etwas läuft schief. als folge treten verhaltensänderungen auf. diese änderungen werden nicht bemerkt, oder aufgefangen. die änderungen werden zu problemen. die probleme werden jedoch nicht bemerkt oder aufgefangen, höchstens hin und wieder bestraft. die probleme wachsen. wachsen und wuchern. überwuchern und blockieren.“

Das Bild vom Wolf, der an der Türe wartet, kommt selbst dem Erzähler hinlänglich ausgeschlachtet vor. Und dennoch, durchaus unerwartet, erblickte Kid Quarantine das Tier, als er durch das eine Fenster seines im Wald verschwundenen Hauses schaute. Er stellte sich die Frage, ob der Anblick Realität sei. Ob es eine gelebte Allegorie sei. Ob es der Ausblick in eine fortgeschrittene Dimension sei. Kid Quarantine griff zu seinem Beatnik-Lesebuch, sank in den Sessel und vertiefte sich. Wehmut überfiel ihn, und bewaffnet mit einer leistungsstarken Fernbedienung, konnte er sein Hi-Fi beleben und wehmütige Musik durch sein Lesezimmer fluten lassen. Lieder von einer Kristallkugel versuchten seine bildlich lederjackenharte Seele zu schmelzen. Er war aber auch zu allein in der seinigen Realität. Es war während seiner letzten Wanderjahre geschehen, als Kid Quarantine auf der Suche nach dem legendären Stoff, nur minderwertige Qualität auftreiben konnte und sich diese in seine Venen spritzte. Damals traf ihn plötzlich der Zeithammer und es wurde das Jahr 472 nach dem „Großmaul, dem Aufschneider aus der Kneipe Welt“ geschrieben. Und der war so sehr in aller Munde, das es Kid Quarantine Wut und Verwunderung ins Gesicht und ins Gemüt trieb. Ihm wurde zwar schnell klar, das dies alles nur ein Trip war, und zwar ein sagenhaft schlechter, der sich auch nicht klar darüber wurde, ob er eher in Südfrankreich oder Schottland spielen wollte, doch drangen die Bilder, die er sehen und ertragen mußte dennoch tief in sein Bewußtsein. Als er wieder einigermaßen zu sich gekommen war, beschloß er sich ein Hexenhaus im Wald zu suchen, in welchem er den Rest seines Lebens verbringen wollte.

Und nun stand ein Wolf vor seiner Tür. Und dieser sprach. Schleppend, leicht atemlos (obwohl er augenscheinlich ausgeruht war), knarzend. Kid Quarantine, der in seinem Sessel saß, las und atmete, schoss in die Höhe, lief zum Fenster, streckte den Kopf unvorsichtig weit hinaus und blickte fragend in des Wolfs Gesicht. Kid, gut, daß ich dich gefunden habe. Ich komme, um dir zu helfen. Wie schon beschrieben, sprach der Wolf schleppend und so benötigte er eine geraume Zeit für diese beiden Sätze, während Kid Quarantine einige Male Handbewegungen in die Luft malte, die zu einer Erhöhung der Geschwindigkeit anhalten sollten. Dies war jedoch sinnlos.

Kid, der Trip, verstehst du? 472 ist dein Großvater von schottischen Mönchen nahe dem heutigen Toulouse getötet worden. Kid Quarantine mußte kurz schlucken, dann verspottete er den Wolf. Was soll der Blödsinn? 472, Mann. Er bedeutete dem Wolf mit Nachdruck, daß es zu dieser Zeit noch keinen Quarantine’schen Großvater gegeben habe. Der Wolf blickte ungerührt von unten herauf auf das zeternde Gesicht, das sich aus dem einzigen Fenster des Hauses herausreckte. 472, Kid. Woher sollte ich das wohl wissen? Hast du es jemandem erzählt? Der Mann hat auch mir den Trip verpaßt. Und dabei habe ich es gesehen. Also, was passiert ist. Ich war mit dir unterwegs. Das hast du wohl schon vergessen, Kid? Außerdem hör endlich auf diesen Pippimist zu hören! Chet Baker, Kid! Das ist, was du brauchst.

Ey, was bist du für ein Junkie, Kätzchen? Du verwechselst da wohl einiges, Kätzchen! Wenn dir der Mann etwas spritzt, dann ist das Qualität, dann ist es das reine Trippen, nicht dieser Müll, der dich in der Zeit herumschickt und oben und unten und rechts und links verwechselt. Das ist dann Schrott, Kätzchen und damit kennst du dich wohl ziemlich gut aus, nicht wahr? Kätzchen? Das brachte den Wolf doch ein wenig aus seiner bisherigen, stoischen Ruhe. Ein kurzes, aber heftiges Schnauben. So sieht das aus, Kitty, da haben wir aber nicht nur einen wunden Punkt, sondern eine ganze Flanke offenbart! Sei still, Kid. Lass mich rein, beruhige dich, überleg mal. Vertiefe dich wieder in deinen Trip. Du wirst mich wiedererkennen. Du nanntest mich nicht Kitty. Du nanntest mich Malodor. Ich hatte wohl einen ziemlich schlechten Atem. Kid hielt inne. Er ging zur Tür und öffente dem Wolf, der mit gemessenen Schritten in das Hexenhäuschen eintrat und sich gleich neben Kids Sessel legte. Der setzte sich. Ruhte. Erhob sich wieder und legte Chet Baker sings auf. Always look for the silver lining. Der Wolf schien zu lächeln. Kid brachte Besteck mit. Malodor, nicht? Ja. Und jetzt, wie heißt du jetzt? Wolf. Der Wolf. Hm. Ich nenne dich weiter Malodor. Ist ok. Weißt du, Malodor, ich kann mit Enttäuschungen nicht umgehen. Ich weiß. Das ist auch ok. Chet Baker enttäuscht mich. Nein, tut er nicht. Du mußt ihm zuhören. Du mußt die Geschichte lesen, die er erzählt in seinem Spiel. Und, wenn du fertig bist, dann spritz es mir in die Flanke. Der Wolf schien wieder zu lächeln. Kid schaute von seinem Sessel herab und auch er lächelte. Er tätschelte dem Wolf den Kopf. Dann sang er kurz gegen die Musik im Raum: I could be doing something new. ¹

Kid öffnete vorsichtig die Tür und trat ein. Der Wolf folgte ihm auf dem Schritt. Der Raum präsentierte sich in einem muffigen Halbdunkel, das einige altersschwache Bettlämpchen produzierten. Zum Entsetzen der Beiden lief auch hier Musik im Hintergrund, doch war es nur eine kraftlose Jimmy-Smith-Kopie, die einherorgelte. Kid schauderte es. In der Mitte des Raumes war eine Bühne mit drei Stangen, von denen nur an der Mittleren sich eine Brünette räckelte. Sie verlangsamte ihre Bewegungen, sah auf den Wolf und dann auf Kids beschwichtigende Handbewegung. Im Hintergrund war leidliche Geschäftigkeit zwischen einigen weiteren Frauen und einer Handvoll Typen, von denen die meisten ihre verdammten Tausend-Gallonen-Hüte nicht abzunehmen pflegten. Nicht mal hier, im Tempel der Frau! Kid trat an die Bühne und sprach die Brünette an. Wir suchen den Mann. Der ist nicht hier. Aber ich kann dir die Zeit vertreiben, bis er vielleicht mal wiederkommt. Und wie lange soll das dann sein, Baby? Nenn mich einfach Kerry. Und, Kerry? Tja, das kann mal ein paar Tage dauern, was weiß ich schon? Niemand hier weiß, wann der Mann kommt. Sag mir aber nicht, daß der Spaß, hier Tage zu warten auch noch was kosten soll, Kerry? Was denkst du den, Kid! Woher kennst du meinen Namen, Kerry? Niemand hier weiß, wann der Mann kommt, Kid, aber alle wissen, daß du kommen wirst, um ihn zu treffen. Na, was meinst du, kannst du einen Fuffziger pro Tag entbehren. Drunter ist nichts drin, Kid. Der Wolf stieß Kid an, der sah sich in der Pflicht und stimmte zu. Leise raunte der Wolf: Du wirst es nicht bereuen, ich weiß doch, was du brauchst. Kid sah auf den Wolf herab und meinte diesen wieder lächeln zu sehen. Das stimmte Kid nun nicht wirklich froh. Kerry stieg von der Bühne herab und ging voraus zu einer weiteren Tür im Hintergrund des Raumes, die in einen elendig schlecht beleuchteten Flur führte. Und es wurde sogar noch dunkler, je weiter sie liefen. Kid und der Wolf blieben stehen, und nur noch Kerrys Stimme hallte durch die Finsternis. Kid begann in seinen Taschen zu suchen, fand dort ein Papierchen, das er schnell zerriss und mit dem Wolf teilte. Er spürte Kerrys Hand an seinem Arm, die ihn weiterzog und durch die nächste Türe schickte. Dort angekommen, stiess sie ihn auf ein Bett und kletterte auch direkt auf ihn. So Kid, jetzt heißt es Hosen runterlassen. Jetzt mußt du zeigen, was für ein mächtiger Typ du bist. Du hängst mit einem Wolf rum. Du bist wohl ein richtig Harter. Na, da spür ich auch schon was. Gut, Kid! Sie erhob sich wieder, und ließ vor dem Bett stehend ihre Hüllen fallen. Kid, rück mal etwas nach hinten. Der Wolf hatte es sich auf dem Teppichvorleger bequem gemacht. Ich will, das du meinen Po richtig schön sauber leckst. So sauber und so sorgfältig, daß wir uns keine Sorgen machen müssen, uns irgend etwas ausdenken zu müssen, falls der Mann heute nicht mehr kommt. Kerry ließ sich vor Kid auf dem Bauch nieder. Kid lächelte und in seinem Kopf lief moon and sand.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Die Frau, deren Augen mir die Sinne vernebelten, hatte sich auf den Weg zu mir gemacht, um Rat zu erhalten in einer problematischen Situation, die zwischen ihrem Mann und ihr bestand. Ihr Angetrauter, Sándor, sah es mit steigendem Argwohn, daß sie über die gemeinsam mit ihrem Sohn ausgeführten Hausaufgaben immer größeres Wissen erwarb. Ich runzelte die Stirn. Zwar hätte ich mich früher nie als Anwalt für Frauenbildung gesehen, doch hier schien mir doch ein allzu mittelalterliches Denken vorzuherrschen. Ich fragte nach, wie alt der Sohn denn sei. Er zählte gerade acht Jahre. Ich fragte nach, ob denn der Stoff des Sohnes schon für sie etwas Neues darstelle? Maria bejahte und erzählte darüber, wie ihr während der Kindheit jeder Weg zu Schulbildung verstellt geblieben war, und das sie sich vor neun Jahren gerade zu in die Ehe mit Sándor geflüchtet habe, um dem entsetzlichen Elternhaus zu entfliehen. Solche Geschichten kamen mir bekannt vor, ihnen haftete allgegenwärtig der starke Gestank verwesender Provinzialität an. Ich dachte an meine fehlende Heizung und nickte ihr zu, daß ich verstand. Sie erzählte weiter, daß ihr Leben mit Sándor und dem Jungen schon sehr viel besser, befreiter und fröhlicher sei, als sie es zuvor je kennengelernt hatte, doch nun schien ihr Sándor von Tag zu Tag mehr mit einem Argwohn behaftet, den sie sich nicht erklären könne. Ich fragte sie rundheraus, wie ich ihr helfen könne. Sie lächelte. Vor dem Haus brach die Sonne durch die Wolken. Licht strömte plötzlich durch die gefrorenen Fensterscheiben, erleuchtete ihr Gesicht, spiegelte sich in ihren Augen. Erneut erstarrte ich, konnte kaum atmen. Es war eine Erscheinung! Es fühlte sich, wie ein Fingerzeig des Himmels, des Herrn an. Mein Mund muß offengestanden haben, Maria sah mich weiterhin lächelnd an. Dann sprach sie, leise. Es würde sie freuen, wenn ich ihre Familie in der nächsten Zeit besuchen könnte, und bei dieser Gelegenheit vielleicht ein wenig mit Sándor über die Angelegenheit reden. Ohne weiter zu überlegen, sagte ich ihr zu. Sie erhob sich, dankte und wollte aufbrechen. Kurz vor dem Ausgang, drehte sie sich kurz um und fragte mich, wie ich es in dieser Kälte bloß aushalte? Ich wich aus und sprach davon, daß es ja nicht so schlimm sei, doch schnitt sie mir das Wort ab und begann leise zu planen, wer mir wohl am schnellsten Holz oder einen kleinen Elektroofen besorgen könne. Grußlos drehte sie sich wieder um und verschwand durch die Tür.

Kerry war bereits eingeschlafen, als Kid aufblickte und selbstvergessen den Mund abwischte. Er war innerhalb der letzten Stunden von einem Höhepunkt zum nächsten geschwungen. Er hatte sich verbissen in die Aufgabe, die ihm gestellt war, er hatte mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft gearbeitet. Nun ereilte ihn die Ermattung. Er konnte gerade noch Kerry, die auf seinen Beinen lag, herabrollen, schwang sich dann aus dem Bett und erblickte den Revolver, der auf dem Holztisch lag, welcher neben dem Bett als Ablage nur für diesen fungierte. I could be doing something new. Der Wolf schlief ebenfalls. Kid griff sich den Revolver und, die Müdigkeit wie Blei in seinen Gliedern, führte er die Öffnung an seine Schläfe. Er drückte ab und es klickte. Ungeladen. Schläfrig wie er war, schlich sich Kid aus dem Zimmer und fand eine Toilette direkt nebenan. Dort konnte er sich gleich entladen, und wieder erfrischt trieb es ihn zurück in Kerrys Zimmer, wo er sich ebenfalls direkt über sie hockte und wieder eintauchte in seine Tagesaufgabe. Der Revolver lag wieder an seiner alten Stelle. Der Raum war in ein leicht oranges Licht getaucht.

Die Nacht

Ob nun Kerry später erwachte… oder Kid zu Sinnen kam… die Leiche eines Wanderpredigers, oder was noch davon übrig geblieben war, trieb Jahre später an einem Strand im Süden Englands an Land. Man sah dem geschundenen Körper noch leidlich die Qualen an, die ihm prämortem zugefügt wurden. Ein ausgesucht gewissenloses Kommando hatte ihn unterwegs nach Heraculum aufgespürt und zu einem gut versteckten Unterschlupf verschleppt. Dort wartete der Auftraggeber. Er unterschied sich schon optisch elementar von dem schlecht gealterten Wanderprediger mit dem giftigen Geschreibsel. Der Auftraggeber nannte den ärmlich bekleideten Gefangenen auch in den folgenden Stunden nie bei seinem korrekten Namen, sondern versteifte sich auf Paulus. Er spürte einen massiven Hass bei allem, was er über den Wanderprediger erfahren hatte. Er spürte auch eine allumfassende Kälte, die dieser in seinen geschriebenen Worten ausstrahlte. Diese Kälte wollte er nun spiegeln. Ein Kommandomitglied hatte den Prediger auf einem Stuhl gefesselt. Eine breite Schlinge hatte man um seinen Kopf gelegt, unter das Kinn gezogen. Diese Schlinge wurde mit einem Seilzug leicht in die Höhe gezerrt. Der Hals des Predigers lag nun frei. Er wurde am gesamten Kopf geschoren. Man nutzte dazu eine alte, angerostete, unscharfe Klinge. Die Hände waren gefesselt hinter der Stuhllehne. Ein Kommandomitglied, welches sich bei der Unternehmung ausgezeichnet hatte, durfte nun seine Aggressionen in des Predigers Hände legen und auf diese mit verschiedenen Werkzeugen einprügeln. Er begann mit einem Metermaß. Er benutzte darauf ein Küchenmesser. Er steigerte sich mit einem Ledergürtel. Danach zerschmetterte er die Knochen mit einem Hammer. Die Schreie des Predigers wurden zunächst mit Freuden aufgesogen, die Partie weidete sich an den Schmerzenszeichen dessen, den sie Paulus riefen. Als der Hammer schwang, stopfte man jedoch einen Stoffballen in den weit offenen Mund, um ihn zu stillen.

Ein anderes Kommandomitglied durfte nun zur Tat schreiten. Er nahm das stumpfe Rasiermesser und legte es an der Kehle an. Er begann zu schneiden. Immer wieder lief die Klinge über den weit hervorstehenden Adamsapfel, doch hinterliess sie kaum ein Ergebnis. Nach einigen Minuten war die Haut wundgeschürft, erste kleine Blutungen waren zu sehen.

der erzähler hat sich erhoben und an diesem feuer, an welchem seine zuhörer vor sich hin dösen, begonnen, kleine runden zu drehen, bei welchen der ein oder andere unaufmerksam gewordenene sitzende, mit der fußspitze angestossen werden kann, damit keiner später sagen könne, man habe sich im traume von dannen gestohlen. der erzähler weiß jedoch auch, daß es zu dieser zeit vielleicht einfach eine geschichte braucht, um sein publikum stärker an sich zu binden: „hört, hört, in einem pornochat lernte die amateurin susi den user jan kennen. beide sind sie menschen, die in einer individuellen art suchende sind. ob diese suche sinnvoll ist, oder ob diese suche überhaupt etwas an sich realistisches ist, wissen beide vermutlich nicht. doch sympathie wächst mit der zeit auf beiden seiten. man beschließt sich gegenseitig in die augen zu sehen. am jahrestag zu feiern der exekution eines namenlosen wanderpredigers werden sie sich in einer stadt in der nähe der grenze zwischen österreich und ungarn treffen.“

von einer nacht, die der erzähler erlebte, in den tagen, als er noch nicht der erzähler war, und er mit beuteln voller angst in ein bett kroch, berichtet er heute, das er nachts das brummen eines flugzeugs am himmel hörte. dieses geräusch tröstet ihn auch heute noch. mehr braucht er nun über die vorangegangene zeit der angst nicht mehr zu sagen. ab jener nacht war im offensichtlichen die äußere dunkelheit zunächst gebannt. die innere blieb, auch unerkannt. die angst, verloren zu gehen, blieb ebenfalls. es ist ein protest, kein fleisch mehr zu essen. jemand sagt: dies ist mein fleisch, dies ist mein blut. jemand spielt sich so sehr auf, daß man ihn ans kreuz nageln sollte. und ihm die beine brechen sollte. doch während sich diese bösen gedanken in seinem hirn an den händen fassen und miteinander schaukeln, erhebt er am feuer wieder seine monotone stimme:

„Jener Jan erzählt, daß er die Situation vorausgesehen hatte. Er wußte. So scheint er es beschrieben zu haben, laut der Überlieferung. Doch wenn ihr mich fragt, so kann ich euch sagen, daß sich Jan nicht nur in dieser Frage völliger Selbstüberschätzung schuldig macht. Er wird im Laufe der kommenden Geschichte jedoch so manches lernen, besonders über sein Selbst. Doch weiter. Er überquerte die Fahrbahn, in Übereinstimmung mit der Ampelanlage, in die Arme eines Straßencafés. Menschen, welche die Außenanlage belebten, quatschten, rauchten, tranken. Jan ließ seinen Blick gleiten, zögerte kurz, trat ein. Sofort trafen seine Augen auf sie. Sie, die er suchte, saß im hinteren Teil des Cafés und wartete, mit leichter Ungeduld, die Beine übergeschlagen. Eine Zigarette lag feuerbereit neben ihrer Hand. Sie erkennt ihn und fragt sofort, ob sie gehen könnten. Er mahnt sie, ihn bitte doch ankommen zu lassen. Man habe keine Eile. Jan ließ sich nieder, linker Arm angewinkelt, wie zum Wettkampf angespannt. Ihre Augen flackerten, sie war nervös, was er nie erwartet hätte. Vielleicht rauchte sie mehr, als er seiner Fantasie zugestehen wollte. Er haßte es, hatte es vor Jahren aufgegeben und schon lange aus seinem Leben verbannt. Sie fragte ihn, weshalb er sich so verspätet habe, ihr sei das Warten schon sehr lange geworden. Ihm fiel nichts weiter ein, als auf seine Unkenntnis der lokalen Parksituation zu verweisen, da er kein Navigationsgerät sein eigen nenne. Susi fragte noch höflicherweise, ob Jan etwas trinken wolle, doch machte sie zu offen klar, daß sie dringend diesen Ort verlassen wolle. Jan ließ kurz den Kopf leicht sinken, atmete hörbar, stand auf. Er gebot Susi, zu gehen, begab sich an die Theke, um für ihre Getränke zu zahlen und wollte ein Grinsen des Kellners bemerkt haben. Angespannt zahlte er mit üppigem Trinkgeld. Susi hatte inzwischen das Café verlassen, zündete sich im Gehen eine Zigarette an, legte ihren Kopf schief. Ihre Haare schmiegten sich um ihre Schultern. Jan, der inzwischen hinter ihr ging, war entzückt.

Als die Beiden einige Schritte gegangen waren, fragte sie ihn nach dem Ort des Hotels, das er für sie besorgt hatte. Dabei inhalierte sie tief und stieß den Rauch steil in die Höhe. Jan kramte kurz in seinem Gedächtnis und nannte ihr die Adresse. Es war kein weiter Weg, den beide noch zurückzulegen hatten. Jan wunderte sich, daß sie ihm diese Aufgabe zugeteilt hatte, kannte sie sich doch wesentlich besser in dieser Stadt aus. Dies schien wohl seine, die Männerpflicht zu sein: Besorge Lager für die Frau. Und natürlich für sich, um es zu teilen, beizuschlafen. Jans Gedanken begannen zu irrlichtern, ihm schwindelte. Er fühlte plötzlich bleischwer einen Ring an seiner Hand. Er lehnte sich flugs an eine Hauswand. Sie bemerkte sein Fehlen an ihrer Seite, wandte sich um, lächelte ihn an mit den Worten, daß er doch bitte kommen solle, sie wisse, wo das Hotel sei. Dazu nannte sie ihn Süßer, was Jan nicht behagte. Er bat sie, ihn nicht mehr so zu nennen. Susi reagierte leicht verwundert. Jan stockte, hüstelte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er wisse nicht mehr so recht, ob er ihr Treffen für eine gute Idee halten solle. Susi entgegnete, daß sie doch niemandem weh täten, und er sicherlich nicht aufgefressen würde. Sie behielt ihr Lächeln, auch als sie ihre Zigarette zu Boden warf und mit gezielter Fußarbeit löchte. Sie fasste Jans Hand, streichelte sie, kam näher, steckte sich schnell ein Pfefferminz ein, schmiegte sich an seine Brust. Sie flüsterte ihm ins Ohr, daß nichts passiere, was keiner wolle. Sie seien in allem frei. Susi spürte Jans hämmernden Herzschlag, und fühlte seine ebenso kräftige Erektion, hob ihren Kopf, lächelte und hauchte ihm dann einen Kuss auf die Wange. Er stieß sich von der Wand ab, griff ihre Hand. Zwei Straßen weiter erreichten sie das Hotel.“ Der Erzähler blickt in die weite Nacht.

der schmerz zerreißt den erzähler. der schmerz der trennung zerreißt den erzähler. der schmerz läuft die bahnen der oberarmmuskeln ab. er umkreist sein herz. er dröhnt zwischen den schläfen. er rädert des erzählers hirn. auch in den oberschenkeln spüre er ein ständiges zucken, doch am schlimmsten ist die enge der brust, die beklemmung, die sicherlich kein herzinfarkt ist, aber sich an entgültigkeit auf höchstem niveau mit diesem spiegelt. jeder herzschlag ist die versprechnung des nichts. jeder herzschlag ist die versprechnung des niemals. jeder herzschlag ist der tod. heute ist der erste tag vom rest deines lebens. das ist eine drohung. der schmerz verursacht übelkeit. der schmerz der trennung legt hand an des erzählers hals und nimmt ihm den atem, ohne ihn dann aus dem spiel zu nehmen. auch durch die unterarme läuft der strom und die tränen kommen. doch erleichterung fehlt.

Was ist Trennung? Was bedeutet der Schmerz, der dahinter stehen mag? Wenn der Erzähler ein Bild dessen (oder derer) betrachte, welche(s) fehlt… was fehlt dann? Wo ist die Trennung? Das gefühlte Loch in seiner Brust ist Zeichen. Der Riss, welcher quer durch seine Existenz hindurch prescht. Jeder Atem ist ein Todesröcheln. Seine unbewußten Träume sind zerschlagen, sie wurden gepackt und ihnen wurde das Leben ausgesogen.

In mäßigem Tempo reibt die Klinge des stumpfen Rasiermessers weiterhin über den Hals dessen, den manche ihm übelwollende Paulus nennen. Dieser scheint inzwischen bewußtlos zu sein. Einer reißt den Stoffballen aus dem Mund, und für einen Moment läßt man auch den Kopf nach unten sinken. Ein Eimer Wasser wird horizontal gegen den Kopf des Predigers geleert. Dieser kommt zu sich. Der Hals ist tiefrot gefärbt. Im Hintergrund läuft kaum passable Musik von Harpers Bizarre. Der dritte aus dem Kommando gibt ein Zeichen, der Kopf wird wieder nach oben gezogen, er greift sich die Machete und läßt ihre ganze Rachsucht durch die Luft schwingen.

Der Erzähler versenkt sich wieder in sein kleines Geschichtchen, mit welchem er seine Zuhörer bannen will. „Jan erledigte den Check-In, als sei dieser Vorgang eine natürliche Begebenheit. Kurz mußte er seine Konzentration schärfen, um nicht den Namen seiner Frau anzugeben, strich sich über sein Haar. Er hatte diese Phasen der Unsicherheit vorausgesehen, er hatte sich eingeredet, daß dieses Treffen mit Susi sein mußte. Er wollte Klarheiten, über sich, über Susi, wie auch über seine Ehe, die er als durchaus gut ansah, die aber nach Jahren des Zusammenlebens vermutlich einen Neuanstrich benötigte. Das er hier den notwendigen Lackierer kennenlernen würde, hielt er jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Bis zu diesem Moment hatte er jedoch genausowenig über einen Neuanfang an der Seite von Susi nachgedacht, die ihm als Lebensgefährtin auch eher dubios war. In all die Gedanken, die ihm durch den unaufgeräumten Kopf schwirrten, schlich sich der König jener Schar: Was mache ich hier eigentlich? Jan erhielt keine Antwort aus seiner Umgebung. Susi stand einige Meter entfernt, wartend. Sie trug eine weiße Bluse mit leicht enthemmten Ausschnitt, ein Faktor, der auch der Rezeptionistin nicht entging, die nun, über den Rand ihrer bürokratiegetränkten Brille hinweg, nachfragte, ob das Zimmer also bis Morgen genommen werde. Jan bestätigte und bekräftigte. Er fühlte sich in diesem Moment wieder richtig, am rechten Ort, wandte sich zu Susi, griff ihre Hand und die beiden schlenderten zum zuvor beschriebenen Aufzug.“ Der Erzähler setzt sich an das Feuer zurück und blickt in das Flammenspiel.

Für einen kurzen Augenblick versinkt der Erzähler in Gedanken. Die gefühlten Stunden ziehen dahin wie Kaugummi, und die Schmerzen treiben ihr Spiel. Der Erzähler erinnert sich, einst eine Figur beim fern sehen erlebt zu haben, und diese schob einen Gedankenstrom an, der von ihm nicht mehr – auch nicht einmal annähernd – kontrolliert werden konnte. Genauso stand er am gestrigen Tag an einer Straßenkreuzung, und wurde unversehends von dem Gedanken gestellt, daß er einer anderen Person darlegen muß, aus welchem Grund er kein Fleisch esse, beziehungsweise es nicht einmal essen kann, ohne höchstes, körperliches Unbehagen ertragen zu müssen. Nach dieser Situation war der Tag gelaufen, später rebelliert auch der Körper selbst, doch anfangs war es das innere, das psychische Element, welches in eine massive Schieflage gerät und … der Kopf muß sich schützen, denn die Gefahr droht von oben. Sowie an jenem Tag, als der Erzähler fürchtete, das kosmischer Hagel ihn bedroht, das Blitze gegen ihn geschleudert werden, das droben an seinem Ende geschrieben wird. Es war der Tag, nachdem der Erzähler der Situation wiederbegegnete, als sich der Blick geöffnet sah und — wenn jemand ihm erklären könnte, was damals geschah, doch jene, die dieses möglicherweise könnten, sie schweigen, sie sterben dahin und nehmen all ihr Wissen mit in ihre in alle Ewigkeit verdammten Gräber. Wer? Er möchte es in die Welt hineinschreien: Wer? Und der Erzähler versucht krampfhaft den Namen dessen zu verleugnen, den er nicht nennen will, so wenig, wie er Fleisch essen kann, denn er widerisst es. Wer schaut freiwillig Filme, die rückwärts laufen? Wer isst eine Zunge? Wer kann das? Wer kann eine Zunge essen, wenn in diesem Schundbuch steht, daß jene, die an den Wahn glaubten, mit Zungen redeten? Die Stunden und der Schmerz. Der Schmerz und die Stunden. Ein übler Ringelrein. Der Teufel hat vom Hirn genascht und zieht jetzt lachend über Land. Wenn der Erzähler allein wäre, könnte er seine Adern öffnen. Er mäandert weiter in seiner Erzählung:

„Als sich die Aufzugtür hinter den beiden potentiellen Liebeskatzen schloß, schlang Susi umgehend ihre Arme um Jans Hals, versuchte einen Kuss zu platzieren, doch wurde dies durch einen Seitschritt abgewehrt, der Susi ein wenig ratlos wegsinken ließ. Sie fragte, was denn jetzt los sei. Ihre Laune schien doch nun leicht angegriffen. Jan erbat sich einen Moment Zeit, um sich zu sammeln, denn immerhin hintergehe er seine Frau, wenn er mit Susi ins Bett sprang. Das sei in diesem Moment wiederum nicht so ganz einfach für ihn. Und das fiele ihm jetzt ein, erwiderte Susi. Der Aufzug stoppte und entließ die Reisenden. Der Gang war kurz, die zweite Türe rechter Hand; Jan ließ den Schlüssel eindringen, und öffnete einen Raum, der sein opulentes Doppelbett wie eine Obszönität präsentierte. Ein Arbeitskollege, den Jan ins Vertrauen gezogen hatte, gab den Tip dieser Hotelkette. Jan verstand. Susi ließ ihre Handtasche neben der rechten Bettseite zu Boden sinken, legte den Kopf quer und fragte nach der Kamera. Jan schüttelte den Kopf. Susis Ärger formierte sich. Eine zornige Wolke zog kurz über ihr Gesicht, eine gekonnte Schnute. Sie schien sich kurz zu schütteln und bat um die Erlaubnis, zu rauchen. Jan hatte nichts dagegen, wurde aber plötzlich von seinen Zweifeln überflutet. Er fragte sich, welche Geschichte er erfinden müsse, wenn seine Kleidung nach Susis Zigarettenqualm röche. Warum habe er sich überhaupt darauf eingelassen, weswegen habe Susi bei diesem Plan mitgespielt, sie habe es doch sicherlich nicht nötig, vermutete er. Susi lehnte derweil am vorderen der beiden Fenster, die auf eine nahezu idyllische Stadt herabsahen, in welcher das gefühlte, mentale Leid Jans nicht mehr unterboten werden konnte. Er sank auf das Bett, ließ sich nach hinten fallen. Susi setzte sich neben ihn. Sie verstand nicht, wo sein Problem nun lag. Sie streichelte ihm über den Arm und meinte, daß er doch im Chat immer so geil gewesen sei, und auch seine Mailnachrichten hätten vor Extase nur so gestrotzt. Er hätte ihr so farbenfroh davon geschrieben, wie er sie vernaschen würde. Das hätte sie irgendwann absolut nicht mehr kalt gelassen, und jetzt solle sie hier sitzen und warten, bis er mit sich klar sei? Er wisse doch, wie sehr sie Sex liebe. Und überhaupt sehe sie doch, wie hart sein Schwanz sei. Jans Hand fuhr verschwörerisch über seinen Schritt, und mußte die Wölbung überqueren, die Susi mit Ruhe anstarrte. Er überdachte sein Alibi, die Fahrt auf eine Industriemesse, auf die ihn die Firma unbedingt schicken mußte. Er würde den Zwerg heute nicht mit ins Bett bringen können. Es war fünf Uhr, eine nahe Kirchenglocke ließ es verläuten. Ein Würgen im Hals, die Latte in der Hose, die Blicke, die ihn trafen, es war weiterhin zuviel. Er verabschiedete sich unter die Dusche. Susi ließ ihn gerne gehen, in der Hoffnung, daß er danach etwas lockerer sei. Als sie meinte, sich derweil auszuziehen, entgegnete Jan, daß er das nach dem Duschen lieber selber mache. Susi ging darauf ein, lehnte sich leicht zurück, kreuzte ihre Beine in solch lasziver Art, wie es ihr grüner Mini nur hergab. Jan wandte sich ab, und öffnete die Türe zum Bad.“

Was will letztlich Person A von Person B? Umgekehrt?

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Von diesem Moment an war Maria in mein Leben gedrehten. Zwei Männer erschienen nur kurze Zeit später und brachten jeder einen Korb mit Holz, das mir wieder etwas Wärme in mein Haus brachte. Die beiden Männer waren mir vom Anblick wohlbekannt. Sie gehörten zu den schweigenden Massen, die ich beobachten konnte, wenn ich eine Schenke betreten hatte. Nun waren sie nicht viel gesprächiger, doch lag nicht mehr die eisige Distanz zwischen ihnen und der Welt, in der sie mich sahen. Fast hätte ich ein scheues Lächeln bei einem der Beiden wahrnehmen können, als sie sich verabschiedeten, doch zu schnell drehten sich beide und eilten von dannen. Ich blieb zurück, doch fühlte ich mich in diesem Moment nicht nur reich an Holz. Der Herr hatte mir den Hebel gereicht. Nun mußte ich ihn führen.

als kid quarantine wieder einmal aus einem nebelgeschwängerten traum erwachte, lag der wolf zu seinen füssen. kid sah den grauen pelz an und es lag ein schwaches lächeln auf seinen lippen. er weckte das tier. wir müssen los, malodor. wohin, kid? wir müssen endlich den mann finden. du willst nur wieder in diesem lotterigen club rumhängen. wenn er doch aber dort irgendwann auftaucht! na gut, was soll ich da schon sagen, du hast ja vermutlich sogar recht. und was wollen wir überhaupt von dem mann? du kannst vielleicht fragen stellen, wolf? warum bist du denn hier bei mir aufgetaucht? es geht doch auch für dich nur darum, wieder den mann zu finden. wir brauchen neuen stoff! und dann werden wir das rezept von ihm verlangen. es dauerte nicht lange. kid und malodor schritten durch einen langen eingangsbereich, erreichten eine tür. kid öffnete und ein weitläufiger raum, schummrig beleuchtet, nahm sie auf. kid schritt ohne zu zögern auf die bühne zu, auf welcher eine brünette frau an einer stange tanzte. kerry? ja. was willst du, kleiner. ich bin kid quarantine, erkennst du mich nicht mehr? ey, was ist los. was willst du? ich hab dich noch nie gesehen. was willste denn da mit dem komischen kuscheltier? sag, bist du hier so ein perverser? verzieh dich, aber plötzlich! kid sah den wolf an, der blickte erstaunt zurück. kerry? wir suchen den mann. ich sag, verzieh dich! hier ist höchstens ein mann, der dir den verdammten hals bricht, und sonst niemand. kid drehte ab, der wolf folgte ihm zur tür.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Ich hielt eine Andacht im vormals so ungläubigen Bezirk, und zählte siebzehn Frauen, welche in der Kapelle weilten, die sonst doch keine Menschenseele aufnehmen durfte. Maria war unter ihnen. Nach Beendigung der Andacht suchte sie mich kurz auf, so daß ich ihr für ihre Mühen danken konnte, die sie für mich auf sich genommen hatte. Darauf lud sie mich für den folgenden Montag Abend zu ihrer Familie als Gast ein. Ich versuchte ihrem Blick, dem betörenden, auszuweichen, war ich ihr doch mehr als dankbar, denn sie hatte mich als annehmbaren Menschen in dieser Gemeinschaft der Schweigenden und Abweisenden eingeführt. Und nun begann man langsam auf mich zu hören, doch lagen mir die Worte Paulus immer wieder auf der Zunge, der mir mehr über die Frau gesagt hat, als ich je selber erfahren hatte, war mir doch seit den späten Kindertagen keine weiblichen Wesen mehr so nahegekommen, wie Maria es jetzt tat. Judith, die Kopfschlächterin. Bathseba, die Verführerin. Die machtvolle Hure Babylon. Maria aus Magdala. Die Frauen meiner letzten Jahre. Die Personen, die mir mehr Angst machten, als eine ganze Schenke voller feindseliger Männer. Und da dies nun Vergangenheit zu sein schien, brach der Argwohn gegen das fremde Geschlecht wieder auf. Dieses unbekannte Land, das ich auch nie erkunden wollte. Das unbekannte Land, das diese Augen hervorbrachte. Diese leise, schmeichelnde Stimme, die doch auch eine gewisse Autorität besaß. Die Furcht und die Erregung, die mir verabreicht wurde, ich mußte anfangen, meine Abwehr aufzubauen. Schließlich führte ich den Hebel, der aus den Schafen Lämmer machte, um sie in das Himmelreich zu leiten.

Und dazu gehörte, sich nicht vom Abglanz ablenken zu lassen. Und so ließ ich sie, gebenedeit mit dem schönsten Namen für ein Weib, nach meiner Zusage schnell stehen und begab mich auf den Heimweg. Der Frost hatte das Städtchen inzwischen so fest im Griff, daß mein Mantel mich kaum warmhalten konnte. Das tat die Vorstellung. Das tat der Kampf gegen die Vorstellung. Gegen die Versuchung. Was wollte dieser Anblick in meinem Geiste bewirken? Und plötzlich tauchte dieser Gedanke auf, wie dieser Augenblick auf andere Männer wirken mochte? Und ob ihr Ehemann, der mir noch unbekannte Sándor mit seinem Argwohn, den sie beschrieb, nicht vollkommen Recht hatte? Wer war diese Maria? Eine aus dem Stamme Bathsebas? Wie tief war doch der Abscheu Paulus‘ gegen die Ehebrecher! Und meine Vorstellung zögerte nun, gegen die Möglichkeit anzugehen? Wer war ich? Weh mir! Weh meiner schwachen Seele…

Der Erzähler fährt sich mit seiner rechten Hand durch die letzte Ahnung von Haaren auf seinem Schädel. Dann fährt er fort mit einer Form von Erinnerung an Dinge, die er möglicherweise einst von anderen Erzählern gehört hatte. „Alleine nun, auf dem WC, ließ Jan es laufen und starrte die Wand an. Es war so gekommen, wie er es sich gewünscht hatte. Er war mit Susi problemlos ins Hotel gekommen, sie wollte es, er sowieso, war er schließlich ein Mann. Sein Mund gab ein leichtes Grinsen. Schon war er nackt und unter der Dusche, es sollte endlich angefaßt werden. Während der harte Wasserstrahl seinen Nacken massierte, wurden nun jedoch wieder die Zweifel wach, sah er seine Frau und den Kleinen vor sich, fiel sofort auch sein Penis in sich zusammen. Jan stöhnte.“

kid drehte sich um. er hatte die türe hinter sich zugezogen, stand im dunkeln. der wolf war vorgelaufen. zwei blitze liessen die umfassende finsternis regelrecht im lichte dröhnen. kid sackte zusammen, zwei streifschüsse, einer am rechten und am linken arm. der mann hatte sich gezwungen gesehen, den sucher einzuschüchtern. kid war auf der spur einen schritt zu weit vorangerückt. der wolf… der dritte lichtschlag. der kopf wirkte wie aufgerissen in seiner regungslosigkeit. kid wimmerte. er versuchte sich zur wand hinzu wälzen. die schmerzen ballten sich in seinem schädel, er presste die augen zusammen, er sog nahezu seine arme in seine brust, spürte den warmen schwall des blutes, der an seinen händen herabrann, zog auch seinen kopf nach unten, rollte sich zusammen, immerzu verliess ein wimmern seinen verzerrten mund. ein mann war zufrieden, verliess den schauplatz durch die türe und steckte kerry einen größeren geldschein in den bh. kid war nur noch ein embryo, ohne sprache, ohne trip. an der stange sich schlängelnd konnte kerry den furchterregenden schmerzensschrei nicht überhören.

„Jan konnte es nicht tun. Er hätte in der Zukunft nach dem Fick mit Susi für immer einen Albatros im Rücken. Er würde seiner Frau nimmer mehr in die Augen schauen können. Er wußte, daß sein Sohn sich in dem Moment von ihm abwenden würde, wenn er die Lüge in seines Vaters Augen verstehen konnte. Wenn er gelernt habe, was das Mal auf der Stirn des Vaters bedeute, wenn er das Tuscheln der Anderen verstünde… Jan, in der Hocke, in der Dusche unter dem harten Strahl… „

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Endlich in meiner Wohnung angekommen, fiel mein Blick auf das offen liegende Buch und die Worte „legt den Herrn Jesus Christus an, und sorgt nicht so für euren Leib, daß die Begierden erwachen“ blickten mich mit einem gewissen Vorwurf an. Ich erkannte, daß ich in Gefahr geriet, der Diener meiner Begierden zu werden und so weit wollte ich es doch noch nie kommen lassen. Dieses hatte ich gelobt und das mit vollem Bewußtsein. Gerade mal drei Jahre war dies her. Ich durfte jetzt auch nicht schwach werden, und gerade nicht unter solchen Umständen. Denn „wer so handelt, verdient den Tod„, hieß es, und diese Erkenntnis wirkte in mir nach. Für diesen Moment schaffte es eine Ruhe, die mich durchatmen ließ. Ich ließ mich nieder, und blickte längere Zeit aus dem Fenster auf die Straße herunter. Dort sah ich Männer, die ihrer Arbeit nachgingen. Ich sah keine Frau. Das war der Anblick, den ich gewohnt war. Änderungen sah ich nicht als meinen Feind, aber mit mancher Art Entwicklung hatte ich schon seit jeher Probleme gehabt und ich spürte, daß Maria Umwälzungen auslöste, die hierzu gehörig waren. An jenem Abend, als ich die Familie besuchte, unterhielt ich mich nur mit dem leidlich auftauenden Sándor, warf manchen Blick auf den scheuen Jungen und bedachte Maria nur mit indirekter Ansprache, als ich ihr Essen lobte. Nach dieser Art wollte ich es auch in Zukunft halten und nicht nur in Bezug auf diese eine Frau. Der Abend hatte mich zufriedengestellt. Sándor begleitete mich zum Abschied in den kleinen Garten, der vor dem Haus lag. Er blickte in den dunklen Himmel und sagte, daß er ja schon Gott danke, ihm eine solch wunderbare Frau an die Seite gegeben zu haben, doch sei dies auch das größte Rätsel, mit dem er in seinem ganzen Leben je konfrontiert gewesen sei. Besonders ihr Durst nach allem, was sich in der Welt abspiele, sei ihm schon fast zuwider. Er fürchte, noch ein Fernsehgerät anschaffen zu müssen, wenn das so weiter ginge. Als sei es nicht genug, daß sie ständig das Radio mit all seinem Überfluß laufen ließe. Sándor schüttelte seinen Kopf. Als sei es nicht schlimm genug, daß alle Ordnung, wie er sie je gekannt hatte, gerade zerbrach. Er legte mir die Hand auf die Schulter, als er sagte, daß es ihm ja nie gefallen habe, wie die Partei mit der Religion umgegangen sei, aber für so viele habe der Staat einfach einen guten Anker in den letzten Jahrzehnten dargestellt. Aber was komme dann? Wenn er in die Sowjetunion blicke, sehe er nur noch Verwirrung und in den Bruderstaaten sei es auch nicht mehr besser. Ob ich mir sicher sei, daß mein Verein die Menschen auffangen könne, wenn solche Leichtsinnigkeiten, wie Demokratie und Freiheit über die Menschen kämen? Das habe doch in den vorigen zwei Jahrhunderten schon nicht funktioniert! Der Mann verwunderte mich plötzlich, und so fehlten mir einige Momente die Worte, denn ich spürte auch nicht, daß die Umbrüche, die er wie eine Lawine auf uns zurasen sah, so schnell unser Leben erreichen würden. Ich bat ihn, mir darüber Gedanken machen zu können, denn im Moment sei es mir etwas zu spät am Abend und der Wein sei zu schmackhaft gewesen. Er gab mir die Hand und verabschiedete mich mit den Worten, daß er gerne meine Ansichten in den nächsten Tagen erfahren würde. Seine Tür stehe jederzeit offen.

auf der straße nach antiochia geriet ein wanderprediger in einen hinterhalt. ein feuchter kellerraum mit baumelnder lampe an der rissigen decke. dort erwachte der prediger mit schmerzen, die seinen ganzen bereits von heftiger folter geschundenen körper durchfuhren. ein in elegantem tuch gekleideter mann stand vor dem an einen stuhl gefesselten. er hob mit seinem zeigefinger das kinn des predigers in die höhe. paulus nennen sie dich, habe ich gehört. ein ächzen als antwort. als versuch einer antwort. er kann nicht mehr sprechen, nässt ihn. ein mitglied des kommandos schleuderte einen eimer mit inhalt gegen den kopf des predigers. eine üble platzwunde zierte die rechte augenbraue. gut, das reicht. wie ist dein name, kerl? vom treffer des gefässes noch ganz benommen, kam nicht einmal ein ächzen über die lippen des predigers. drei mitglieder des kommandos stellten sich um ihn herum auf. der rechte und der linke packten ihn an armen und schulter, der dritte griff sich von hinten den letzten haarschopf und zog den kopf nach hinten. der elegant gekleidete mann ließ ein messer schnappen, zwang zwei finger in den mund des predigers, und ließ dessen zunge mit geübtem griff herausquellen. mit seitlich gelegten kopf und gespanntem blick, das messer so weit wie möglich an die wurzel anlegend. zwei schnitte von unten. einer von oben angesetzt. ein letzter, heftiger riss. die augen des predigers quollen vor schmerz aus ihren höhlen. kein schrei mehr. das blut erstickte jeden laut. der elegant gekleidete mann winkte sein kommando zu sich. man verließ den feuchten raum. keiner kehrte zurück.

der schmerz läßt in manchen momenten nach. doch kehrt auch nur ein hauch von ruhe um den Erzähler herum ein, erhebt der Schmerz sich in seiner ganzen macht. er zeigt die bilder, die der Erzähler nicht sehen will. die süssen früchte, die der Erzähler nicht sehen will. er läßt den Erzähler die schmelzenden worte hören. er betört des Erzählers nase mit düften, die das herz rasend machen vor verlangen. er weiß um die reizpunkte, die des erzählers geist umgarnen. er verwebt das gestern, das heute zu einem cocktail, den er die sichere zukunft nennt. der geist erkennt kaum noch die träumerischen reste an den rändern dieser vision. der schmerz schüttelt den erzähler, läßt ihn fast an seinen tränen ertrinken.

Der Erzähler blickt in den nachtdunklen Himmel empor. Dort leuchten eine Handvoll Sterne. „Susi streckte ihren Kopf zur Badezimmertür herein, und rief nach Jan. Er überhörte, daß sie ihn wieder Süsser rief.

Doch wirkte ihre Stimme, voller Garn, wohltuend, ein Aphrodisiakum. Eines, das nicht sein durfte, nicht hier und vor allem nicht jetzt. Das ging Jan durch den Kopf. Er erhob sich, zog den Duschvorhang zurück und antwortete, daß er komme, sie solle noch einen kurzen Moment warten. Susi ließ ihre Zunge über ihre Lippen gleiten, und war sich klar, daß Jan dies sah, daß Jan nicht unberührt davon sei. Sie flüsterte noch, daß ihr gefalle, was sie sehe. Ihre Augen unterstrichen ihre Worte. Und Jan sah nun plötzlich seinerseits klar. Mit gemessenem Schritt durchquerte er den knapp bemessenen Baderaum, zog die Türe weiter auf, legte seine Arme auf Susis Schultern und sah ihr tief in die Augen. Darauf ließ er sie wissen, daß er nicht mir ihr schlafen könne. Aber er wolle sie auch nicht so einfach gehen lassen. Er wolle, daß sie beide in dieser Nacht etwas Besonderes erleben sollten. In Jans leichter Pause, fiel Susis sichtbare Enttäuschung, die ihre Finger in Jans Pobacken krallen ließ.“

Der entzug. Und dazu singt eine musikgruppe die worte some hearts are true¹. zuvor musizieren sie zerdehnt und langatmig, sie spüren, wo sie die nerven des entziehenden noch weiter reissen, zerren können. und so langsam und müde und spannungslos der entziehende die musik empfinden mag, steht doch eine nicht-beruhigung im zentrum, wird sich der atem nicht beruhigen, wird der herzschlag nicht verlangsamen und mit einem male biegt das kollektiv auf die strassen des triumphes ab und sie singen some hearts are true. und wieder some hearts are true. in einem vielstimmigen chor some hearts are true. eine gitarre sticht in das wilde some hearts are true. spielt ein zerbrochenes solo über dem strom des some hearts are true. wird von den stimmen niedergerungen, die da tönen some hearts are hardly true. der hörer ist aufgewühlt. er fühlt sich, als stünde er in einem unendlich großen pulk an menschen, als entlüde sich ein ebenso gewaltiges gewitter über den massen, setze sie in einem moment der tiefgegründeten wahrheitsgabe unter den strom der zeitalter und liesse uns alle gemeinsam aufschreien some hearts are true. some hearts are true. some hearts are true. some hearts are true. some hearts are true. some hearts are true. und viele viele male mehr some hearts are true. bis es die anderen herzen spüren mögen some hearts are true. über uns, den massen, schwingen die wallenden locken dessen, der sich vorsänger nennen mag some hearts are true. er ist die sinnbildliche verzückung und auch entrückung während er töne speit und some hearts are true die worte sind welche auf den tönen reiten die musik ist verstummt doch die stimmen nicht some hearts are true. in einem letzten aufflammen erhebt sich der wallend behaarte in neuen worten über den chor des some hearts are true. und es ist wahr. some hearts are true. welche?

Der Erzähler wankt leicht in seinem erzählenden Marsch, doch hält er nicht inne:

„Jan schreitet wie ein kleiner König in das Schlafzimmer zurück, läßt sich lasziv auf die Daunen niedersinken, liegt gestreckt wie ein michelangelohafter Adam und bittet Susi darum, ihm zu erzählen, wie sie ihn denn verwöhnen würde. Susis Blick liegt immer noch auf seinem nicht baumelnden Gemächt, doch langsam wandert ihr Blick nach oben, um Jan letztlich doch in die Augen zu schauen. Ihr Blick ist noch etwas enttäuscht, so wie es scheint, doch plötzlich belebt sich nicht nur ihr Blick. Sie greift Jans Hand und flüstert ihm mit Küssen begleitet ins Ohr, daß er es ungemein tief in seinem Arsch brauche. Sein Blick, kurz etwas erstarrt, dann aber scheint sich Jan mit der Fantasie anzufreunden. Susi fährt herum, wühlt in ihrer Tasche und zaubert einen langen, schmal geschnittenen Penis aus elastischem Weichplastik hervor, den sie ihm genüßlich vors Gesicht führt. Der passe wie dafür geschaffen zwischen Jans Pobacken. Und er solle sich auch vorstellen, wie geschmeidig ihn Susi zuvor mache, bevor sie den Godemiché einführe. Susi schmiegte sich an Jans Körper, und fährt mit ihrer Rechten um ihn herum, und streichelt ihn leicht mit ihrem Spielzeug.

Aber sie dürfe ja nicht. Diese Worte flüstert sie ihm wiederum zärtlich ins Ohr.“ Die Blicke der Zuhörer hängen wie gebannt am Erzähler. Er blickt sie der Reihe nach an, dann fragt er in die Runde: „Ihr wißt doch, was ein Godemiché ist, oder?“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Ich saß einige Tage später an meinem Pult und ließ meine Gedanken über die Worte Sándors schweifen. War er einer der letzten Spione des Staats? Ich hatte zwei meiner Vertrauten kurz und beiläufig über ihn befragt? Nein, er sei kein Parteimitglied, in jenen Teilen der Stadt gebe es fast keine Menschen, die der Staatspartei anhängig seien, aber sie profitierten davon. In diesem Moment aber stieg erst einmal eine mir bis dato noch fast unbekannte Wut auf, denn ich hatte mir noch nie über Kádár und seine Genossen Gedanken gemacht. Seit dem ich mich auf den Weg in die geistliche Welt, die kirchliche Welt gemacht hatte, war mir bewußt, daß diese Bande mich sicher nie darin unterstützen würde, doch waren meine Brüder und ich relativ unbehelligt und so konnte ich lernen, meine Weihe empfangen und seit zwei Jahren befanden sich die alten Strukturen auch im Begriff der Aufweichung, was alte Härten betraf. Aber was dieser neunmalkluge Sándor sich davon versprechen wollte, diesen Status Quo aufrecht zu erhalten, ließ mich sehr überraschend kalt. Es war mir egal. Sándor war mir in diesem Moment egal. Seine Ansichten waren mir egal. Sein Ausdruck jedoch, den er für unsere Kirche verwendete, machte mich wütend. Er hatte sie Verein genannt. Mir war von jeher egal, unter welcher Staatsform Menschen lebten, solange die Möglichkeit zum gelebten Glauben gegeben sei, und hieran hatte es sowohl in der Sowjetunion, wie auch in den gerne so genannten Bruderstaaten lange erschreckend gemangelt. Insofern hatte ich den Moment der sogenannten Öffnung, der von Moskau ausgegangen war, nicht ohne eine gewisse Freude gesehen. Der Zweifel, den Sándor säen wollte, machte mich also nun ebenfalls wütend. Ich blickte wieder einmal aus dem Fenster, mein Mund schmal, wie ein Strich. Die Wut blieb, denn mir wurde auch klar, daß ich die offene Tür nicht ablehnen konnte, denn diese würde viele andere Türen öffnen, die mir noch verschlossen waren. Dazu mußte ich jedoch meinen Glauben instrumentalisieren, was mir überhaupt nicht behagte. Der sogenannte Verein müßte sich beweisen, als Stütze heimatlos gewordener kommunistischer Staatsgläubiger. Für mich stand dies in absolutem Kontrast zur Allmacht der Kirche, deren Teil ich war und dem von ihr repräsentierten, universellen Glauben an den einen Gott. Ich mußte schlucken, als sich die beiden letzten Gedanken sich in meinem Kopf gegenüber stellten. Das sich in der Situation der Kirche bezüglich der letzten vier Jahrzehnte in diesem Land nicht alles fordern ließ, war mir schon jeher klar gewesen, doch lag ein Unterschied darin, ob man mannhaft und mit erhobenen Kopf im Untergrund wirkte, oder in einer günstig wirkenden Situation durch Verstellung und Schmeichelei wankelmütige Menschen anziehen wollte. Ich saß und blickte aus dem Fenster. Ich entschied mich für die Klarheit. Die strauchelnden Menschen würden früher oder später schon kommen, da war ich mir sicher.

Wer präsentiert Lösungen? Der Erzähler will nichts mehr über die Gründe erfahren, auch hat er keinerlei Interesse daran, wo Ursprünge des Dilemmas liegen. Er fragt nach Lösungen. Er fragt nach der Dosierung, nach der Schwere der Nebenwirkungen. Der Erzähler möchte wieder eine Art von Ruhe spüren. Innere Ruhe. Doch wo findet sie sich?

Ein Lächeln umspielt die Lippen des Erzählers. Er wußte, daß mit dem Expliziten, welches er nun in die Runde eingeführt hatte, die Aufmerksamkeit seines Publikums auf ihn einstürzen würde.

„Jan streckte sich, beugte sich vor, schob Susis inzwischen entkleideten Schenkel auseinander, kroch zwischen ihre Beine und fixierte mit glühenden Augen ihre Vagina. Er fragte sie flüsternd und leicht atemlos, was ihr Gott bedeute. Susi ließ ihren Kopf nach hinten sinken, ein leichtes, kaum bemerkbares Schütteln. Doch bevor Susi sich überhaupt äußern konnte, fiel Jan in einen kurzen Redeschwall. Er bat sie zu warten, er wisse ja selbst nicht, was dieses Etwas, nach dem er sie frage, sein solle. Es sei etwas fremdes, etwas unwirkliches, vages. Es sei nichts, im Gegensatz zu ihrer Pussy, die er vor sich sehe, die ihn jubeln lassen würde und rufen, das er jetzt wisse, daß es diesen Gott geben müsse, weil der dafür sorge, daß es diese Schönheit gebe. Dort müsse es herkommen, die Wahrheit und das Ficken. Obwohl das ja erst später kam, nachdem dieser Gott, von dem immer die Rede sei, die Menschen davongejagt habe. Ob sie glaube, daß im Garten Eden gefickt wurde? Susi wollte sich wegdrehen, doch Jans Hand auf ihrem Schenkel hielt sie in ihrer Position. Sie sank komplett zurück auf die Kissen. Jan fuhr fort und bezeichnete sich als lieber durch und durch schmutzig, als das er an diese verachtende Scheiße glaube, nach der er sie gefragt habe. Für ihn sei Gott gleichzusetzen mit Auschwitz, seien Mörder sexuell frustriert, ebenso Vergewaltiger. Alle haben sie einfach Probleme mit ihrem Schwanz, auch Nazis seien impotent. Wer nicht richtig ficken könne, suche sich Ventile und manchmal seien diese eben auch religiöser Natur. Und in schlimmen Fällen landeten die Leichen auf einem Berg, den keiner mehr überblicken könne. Er selber wäre demnach eben lieber ein Ficker, und das würde er jetzt gerne bei ihr machen, er wolle sie massiv ficken. Jan schob sich auf ihren Bauch, rutschte weiter, mit Armen, wie die Beine eines Tausendfüßlers, kam er auf Susis Augenhöhe. Er bekräftigte seinen Wunsch, sie schlug die Augen auf und gab ihm einen zärtlichen Kuss. Jan blickte sie einen langen Moment an. Er wolle gesund werden. Er wolle Gottes Spuren aus seinem Kopf tilgen. Und das funktioniere am sichersten, wenn sich sein Schwanz tief in sie hinein bohre.“ Der Erzähler wischt sich einen Tropfen Schweiß von der Stirn, und bewegt sich etwas aus der Nähe des Feuers.

kid quarantine hatte das bewußtsein verloren. er lag ebenso verloren in diesem langgezogenen flur, der zu des mannes herberge führte. mit einem schlag wurde es wald, wurde es wild, erwachte kid, als er eine zunge in seinem gesicht fühlte, die augen aufschlug und malodor ein weiteres mal ihn wach zu lecken suchte. kid starrte wie betäubt. lange zeit sahen er und der wolf sich an. keiner sprach, keiner regte sich. ein langes fest der blicke. dazu rauschten die blätter der bäume. wo sind wir? waren kids erste worte. woher soll ich das jetzt wissen, ich bin nur ein wildes tier, das die verfluchte fähigkeit der menschlichen sprache im genick sitzen hat. kid erhob sich, nickte dem wolf zu. sie gingen los, den wald zu durchschreiten. kid versuchte sich vage nach der verhangenen sonne zu orientieren und eine ahnung von süden beizubehalten. plötzlich verharrte malodor. ich höre stimmen! schreie! bleib, kid, bleib. es sind schmerzensschreie. und schreie voller wut. kid, bleib stehen. doch der angesprochene taumelte weiter, auch er konnte nun in weiter entfernung die laute wahrnehmen, die durch die baumflut drang. kid hatte die orientierung verloren, das wilde des waldes hatte sich in sein gehirn hineingefressen und nistete dort, pflanzte einen nebel, der kids verstand in ein wabern auflöste. malodor lief flink hinter dem torkelnden her und biß ihn fest in seine rechte wade. kid stolperte, schrie und sank zu boden. schwarz wurde ihm vor augen. der mann war verschwunden. kerry beugte sich über den reglosen, nur noch schwach atmend suchenden. ihr mädchenhaftes schubsen zeugte keine reaktion. in einem kurzen ideenflackern, hockte sie sich über kids kopf und dieser erwachte japsend aus der heftigen überflutung. jacques brel tobte durch kids innere windungen. diese leute da! die da! ah ah ah ahahaha. kids innerstes hatte und war eine eigenartige jukebox. und unkontrollierbar waren ebenso viele partikel kids‘ wesen. er sprang auf, als sei nie ein angriff auf seine gesundheit begangen worden, warf seinerseit kerry zu boden, ein blick zurück auf die leiche des wolfes und wie ein frischer wind lief er in den großen empfangsraum des mannes. kerrys versuch ihn zurückzurufen, verhallte in ihrer kehle. roger the vampyr sah kid durch die eingangstüre eilen. beide ärmel mit blut durchtränkt, konnte sich roger dieses bildes und seiner besonderen anziehungskraft nicht erwehren und mit einem nicken zu den bestmöglichen empfängern eines nickens, leitete er den zugriff ein, der kid erneut zu boden brachte und ebenso kurzfristig wieder in einen unsanften schlaf befördert zu rogers appartement, wo dieser kid noch in dieser nacht aufsuchen würde. roger liebte blasse farben.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Als ich Tage später Sándor aufsuchen wollte, traf ich nur Maria an. Ich wollte mich nicht mit ihr unterhalten, doch erzwang sie, daß ich eine Tasse Kaffee mit ihr trinken solle. Da Kaffee in dieser Stadt eine gewisse Seltenheit besaß, wurde ich schwach und ließ mich an dem Tisch nieder, doch blickte ich nur zu Boden. Sie erzählte und redete und sprach, während sie sich mit Wasser und Kaffeepulver beschäftigte. Paulus sprach zu mir in meinen Gedanken: „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist Ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert.“ Ich blickte zu Maria auf und fragte sie unvermittelt, warum sie mir das alles erzähle, ich sei nicht zum Getratsche gekommen, sondern hatte vorgehabt mit ihrem Manne über seine Mutmaßungen im Politischen zu sprechen. Maria wirkte erschrocken, wobei ich nicht wußte, ob es meine Unfreundlichkeit war, die sie traf oder der Gedanke, daß ihr Mann mit Fremden offener über Politik sprach, als je mit ihr. Sie beendete die Arbeit an der Kaffeekanne, goß zwei Tassen ein, setzte sich an den Tisch mir gegenüber, blickte betreten und begann leise zu weinen. Es dauerte einen Moment, bis ich dies bemerkte, doch wußte ich dann zunächst nicht, wie darauf zu reagieren. Doch legte ich meine Hand auf die ihre und bemerkte, daß ich sie nicht so abwerten wollte, aber ich hätte mich auf ein Gespräch mit Sándor vorbereitet, und ich wisse nicht, in wie weit sie mit der politischen Situation betraut sei. Sie habe sich doch darüber beklagt, daß sie in ihrem Elternhaus schon von aller Information entfernt gehalten sei, und daß auch ihr Mann inzwischen dahin zu tendieren scheine. Sie nickte, aber meinte, daß die Meinung ihres Mannes sie dabei nicht interessiere. Wenn sie lernen wolle, dann lerne sie. Es war wieder der leise, doch feste Tonfall in ihrer Stimme, der mir die Sinne zu vernebeln begann. Wieder fand sich meine Hand auf der ihren wieder. Und zu meiner Überraschung schien sie das nicht im Geringsten zu stören. Nein, sie legte ihre linke Hand sogar noch obenauf und sah mich an. Ihr Kopf lag etwas schief, als sie bemerkte, daß sie das Gefühl nicht los würde, daß ich nicht glücklich in dieser Stadt sei. Ich wollte meine Hand zurückziehen, doch hielt sie fest. Ich fragte zurück, wie sie zu dieser Beobachtung käme. Sie kicherte und meinte, ich müsse mich halt einmal selber sehen. Ich liefe ständig mit verkniffenem Gesicht durch die Stadt, meine Predigten seien schon seit dem ersten Tag Gesprächsthema auf den Straßen, weil sie von übergroßer Strenge seien, manches Mal fast bösartig. Sie seien auch passend zu meinem Gesichtsausdruck. Wieder kicherte sie. Und dann meine Versuche in den Kneipen Fuß zu fassen, dabei aber eine derart abweisende Art an den Tag zu legen, das sei schon eine Art für sich. Viele Menschen in der Stadt wüßten nicht, ob sie lachen oder sich fürchten sollten. Nun war ich schockiert, und hatte selbst das Gefühl weinen zu müssen. Doch fing ich mich und sagte, daß sich die Leute lieber fürchten sollten. Über einen Mann Gottes habe niemand zu lachen. Das sei ein ernstes Geschäft. Ja, so müsse es wohl sein, antwortete sie. Es sei so abzulesen an meinen Augen. Dabei sei ich doch ein so schöner Mann. Diese Worte erfüllten mich mit Widerwillen. Ich wollte mich erheben, doch dann war da auch dieses aufsteigende Wohlgefühl, ausgelöst durch Worte, die ich so noch nie zu hören bekommen hatte. Ich blieb also sitzen und blickte wohl verstört, denn Maria mußte nun lachen. Ihre Rechte strich über meine Wange und während sie sich erhob und nach der Kaffeekanne griff, murmelte sie etwas von einem Buben. Ich konnte so nicht bleiben. Ich hinterließ ihr eine Nachricht für ihren Mann und verabschiedete mich.

Der Erzähler weiß, daß er seinem Publikum ein Intermezzo schuldet:

„Guten Morgen, sagte die Sonne zu der kleinen Maus. Diese sah gen Himmel, staunte über die Ansprache und hielt von daher inne. Dann begann sie sich Erde in den Mund zu stopfen. Die Sonne sah sich dieses Treiben einige Momente lange an. Dann fragte sie die Maus, was sie dort denn täte. Die Maus erwiderte, daß sie die Erde aufessen wolle. Warum sie das wolle, fragte die Sonne wider. Dazu wußte die Maus nichts mehr zu sagen, doch fuhr sie fort mit ihrer Essarbeit. Es dauerte eine halbe Stunde, da sank die Maus überfüllt zu Boden. Sie konnte und wollte nicht mehr weiter essen. Doch zwang sie sich nach einigen Minuten dazu, sich weitere Erdbrocken in den kleinen Mund zu schieben. Immer schwieriger wurde es für sie, während die Sonne ihr ungerührt zu sah und ihre Strahlen auf den Kopf der wachsenden Maus sandte. Sie schien auch weiter, als die Maus mit inneren Blutungen und Schmerzen auf dem Boden lag und sich wand. Als sie ihren letzten Atemzug tat und erstarrte. Die Sonne schien weiter.“

Der Erzähler setzt sich etwas abseits auf einen Baumstumpf. Seine Zuhörerschaft wendet sich geschlossen in seine Richtung, kann aber nur noch Schemen von ihm wahrnehmen. „Hört, Jan und Susi liegen nebeneinander in diesem Bett. Beide sind, wie ich euch schon berichtet habe, nackt. Jan ist immer noch voller untergründiger Nervosität, doch Susi fühlt sich inzwischen etwas ruhiger und sogar angenehm. Sie fragt Jan, wann es angefangen habe, daß er nicht mehr mit ihr schlafen wolle, denn das sei schließlich das große Ziel ihres Treffens gewesen. Jan schwieg einen kurzen Moment, dann legte er seinen rechten Arm auf Susis Hüfte und begann ihr zu erzählen, daß er in der gestrigen Nacht im heimischen Bett zunächst von unglaublicher Geilheit und Erwartungsfreude fast schon gepeinigt wurde. Es habe ihn aufgeheizt, daß ihre ganzen sexuellen Träume wahr werden sollten, ja, er habe nur noch an sie denken können. Plötzlich aber begann es, daß Kotze über alles floss und an den Rändern diese schrecklichen Köpfe, diese mißgestalteten Schädel auftauchten, daß sich alle Gegenstände wie entsetzlich verformten, daß alles nur noch nach Schuld, nach Verrat schrie. Er habe plötzlich Schwerter gesehen und aufgespießte Leiber, und auch Flammen, die an ihm fraßen, zusammen mit ganzen Scharen an Insekten, Schmeißfliegen, die ihm über das Gesicht liefen. Susi bat Jan, aufzuhören. Sie insistierte darauf, daß er aufhöre. Er solle wieder zu ihr aufs Bett zurückkommen, von dem er während seines bitteren Monologs herabgeglitten war. Er kroch auf allen vieren zum Bettgestell, an welchem er sich mühselig hochzog, um ihr voller Schuldbewußtsein in die Augen zu blicken. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn. Sie verstehe ihn. Sie wisse ziemlich genau, was er denke. Es erinnere sie sehr stark an das erste Mal, als ihr Ex sie zu einem Bekannten schickte, dem er noch was schuldete. Sie spürte seinerzeit ständig ein unangenehmes Kribbeln auf ihrem Körper, als liefen Spinnen darüber. Jan blickte sinnend über den Teppich, und erwiderte, daß er die gefühlten Spinnen auf der Haut noch ertragen können, die Würmer im Kopf seien viel intensiver, so auch die Stacheln der Skorpione, die nach ihm haschten und derer er sich erwehren müßte. Er sah Susi in die Augen. Ihr Dildo sei nichts anderes, als ein weiterer Stachel. Wenn sie ihn damit verführen würde, sei er gestochen und das Gift würde in seinem Körper fließen. Wenn er mit ihr den Orgasmus erlebe, sei die Ruhe danach sein elender Tod. Man brauche kein Psychologe zu sein, um das zu erkennen. Genauso sei der Schwanz dieses Freundes auch der Stachel gewesen, der Gift in die Beziehung zu ihrem Ex injizierte. Ob er das falsche sehe, fragte Jan. Susi blickte auf, starrte für einen Moment in eine imaginäre Ferne, während dunkle Schatten über ihr Gesicht zogen. Sie begann zu schimpfen, über den von ihr verfluchten Wichser, dem, so hoffe sie, der Schwanz abfalle. Er hätte irgendwann total übertrieben. Sie nannte ihn eine Sau. Der Freund, zu dem sie geschickt wurde, sei ja ganz nett gewesen, und habe auch nix gemacht. Sie hätten zusammen auf dem Sofa gesessen und eine DVD geguckt, da sei ihr Ex plötzlich hereingeschneit, mit einer Kamera in der Hand und er wollte Action sehen zwischen den Beiden. Der Freund hätte sich nicht lange geziert, sofort einen Ständer gehabt und an ihren Klamotten rumgefummelt. Susis Augen wirkten leicht feucht und ihre Stimme begann etwas zittrig zu werden. Sie hätte bis dahin überhaupt nicht verstanden, welches Spiel da lief. Sie habe in dem Moment auch gar nicht gewußt, das ihr Ex diesem Freund Geld schuldete. Der Blick, den er aufsetzte, ließ es ihr jedoch ganz anders werden. Sie wollte noch eine Zigarette rauche, die ihr jedoch aus der Hand geschlagen wurde, und schon herrschte er sie an, sie solle sich endlich die Klamotten ausziehen und ficken. Sie bekam Angst. Und habe sich irgendwie durch den kalten Sex gemogelt, den ihr Ex filmte. Später seien die beiden zusammen nach Hause, aber es habe noch einige Wochen gedauert, bis sie ihn endlich vor die Tür setzen konnte. Da habe sie dann auch gewußt, daß das Filmchen auf einer Pornoseite im Netz gelandet war. Jan, der inzwischen auch ein enges Gefühl im Hals hatte, wollte necken, daß sie doch auch heute noch filmen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, daß ihn Susi mit ihrer in den Jahren nicht abgeflauten Wut so überrollen würde. Sie fluchte und nannte ihn einen widerlichen Spanner, fragte ihn, was er denn wisse, wie oft er sich denn einen gewichst habe bei ihren Filmen. Mit einem leichten Würgreiz im Hals sagte er, daß es oft gewesen sei. Dabei streichelte er ihre Hand.

der mann sitzt in seinem weiträumigen arbeitszimmer. ein taschenbuch liegt auf seinen knien. es ist bereits so oft gelesen worden, daß alle seiten wellen schlagen. es wurde ihm vor jahren geschenkt. nach anfänglichem zögern, begann er es zu verschlingen. er kennt inzwischen nahezu jedes wort auswendig. in ihm formieren sich, von der letzten lektüre angestachelt, gedanken, so dunkel wie ein gewitterhimmel: so mein lieber wanderprediger! oder sollte ich diesen abschnitt „monolog mit den überresten eines wanderpredigers“ nennen? oder ist dir der einfache „monolog mit einem zwangsweise nur zuhörenden, weil geknebelten wanderprediger“ lieber? wie auch immer ich diese passage nenne, das ziel ist dir gewiss. das unterscheidet uns nicht, mein lieber wanderprediger. der weg dorthin jedoch, mag für den einen steiniger sein, als für den, der die steine sät. wer letztlich jedoch mit steinen beworfen wird, bis sich die erde rot färbt… wer jener ist, sieh mir in die augen, wanderprediger! sieh mich an! ja, deine ideen haben dich hierher geführt. deine ideen haben dir dieses martyrium beschert! aber seit ihr alle, ihr gesammelten wanderprediger, nicht immer schon grenzenlos bereit dafür gewesen, ihr japst nach dem schmerz, nach der geisselung, dem abziehen eurer häute, den vierteilungen, wie die irrenden in der wüste nach dem wasser. was unterscheidet euch eigentlich von den nordmännern, die nur durch den tod auf der sogenannten wallstatt den eintritt nach walhalla sich verschufen. ihr wanderprediger zettelt die inneren kriege an, damit ihr euren masochismo bis zum letzten blutstropfen ausleben könnt. mit eurem blut aber befleckt ihr die seelen der unschuldigen. schert euch doch einfach ins postmortem! dort führt man die apparaturen, die ihr benötigt. all die eisernen jungfrauen, die ihr vergöttert. die eure lechzenden leiber durchbohren mit ihren liebesstacheln. ihr wollt euer blut geben, ein zeugnis des blutes abgeben? die jungfrauen werden euch ihre hände reichen und den weg zum opfer entlang begleiten. mein lieber wanderprediger! sieh du dich vor. du wirst deinen weg alleine gehen.

Doch Roger the Vampyr erwies sich als schlecht beleuchtetes Fabelwesen, eine weitere bloße Erfindung.. Niemand suchte in dieser Nacht den gebeutelten Kid Quarantine auf. Das Wachpersonal des Mannes hatte Kid kurzerhand vor einen Müllcontainer befördert, noch eine Handvoll schlagender Argumente hinterlassen und Kid einer unruhigen Bewußtlosigkeit anheim fallen lassen. Im fahlen Licht des Nichtssehens wankte Kid durch Pappmaché-Häuserschluchten ohne Anzeichen eines Endes. Er würde nie wieder heimkehren, war ein Gedanke, der sich in geklotztem ARIAL-FETTDRUCK immer wieder zwischen die Bilder schob. Mit einem Schlag entdeckte Kid, daß es einen Horizont gab. Millimeterweise nur öffnete er die Augen. Zum einen war er zu schwach, zum andern zu ängstlich, denn jenseits der Augen lag die üble Welt, die ihn in diese innere Schluchtenwüste verbannt hatte. Und Kid litt Schmerzen. Verstärkt durch das Wissen, daß er mit dem Gesicht voraus auf dem harten Beton der Realität aufgeschlagen war. Er hatte die Unschuld des Unwissenden verloren. Das Bild des toten Wolfs Malodor jetzt vor dem inneren Auge, wurde ihm dieser Verlust bewußt. Er hatte mit Feuern gespielt, über deren Macht er nie einen Gedanken verloren hatte. Zusammen mit dem Wolf hatte er den Mann gesucht. Doch welche Identität hinter dem Mann stand, welches Bild, welche Macht, war Kid Quarantine nie klar geworden. Ohne das Kid danach suchte, hatte ihm der Mann diese Recherche quittiert. Kid wurde von einem Gefühl der Trauer überflutet, denn er fühlte sich für Malodors Tod verantwortlich. Und wußte er, was mit Kerry passierte? Nein, er wußte es nicht. Ihm war darüberhinaus nicht klar, ob diese Kerry überhaupt jenseits seiner drogeninduzierten Realität überhaupt existierte. Der Wolf, ja, er hatte gelebt. Hatte er auch gesprochen? Diese Frage schlug Kid noch in den Wind, bevor er entgültig seine Augen öffnete und mit dem Versuch eines starken Blickes der feindlichen Welt zu begegnen.

Kid erhob sich von diesem kalten Beton, auf dem man ihn unzärtlich ablegte. Er sah sich um. Grau in grau begegnete ihm hier die Umgebung eines heruntergekommenen Nachtclubs, beziehungsweise dessen Rückansicht, die man für den geeigneten Platz hielt, um dort Querulanten zur Vernunft zu prügeln. Bei genauerem Hinsehen, erblickte Kid auch eine Vielzahl kleinerer, roter Flecken, Punkte, Sprenkel, die sich über den gesamten Hofbereich erstreckten. Er rieb sich langsam und andächtig schauend die Arme und flüsterte sich zu, welch ein Glückspilz er doch sei. Mit leicht zitternden Knien stand Kid, blickte weiter, sah das Grau in Augenhöhe, das Grau im Himmel. Keine Sonne traute sich in diese Abgründe hinein, ohne das ihre Strahlen von massiven Wolkenkommandos geschützt würden. Er schritt langsam von dannen. Humpelnd, jetzt die rechte quer über seinen Bauch gelegt, in welchem ein Messersatz sich mitzubewegen schien. Kids Augen befeuchteten sich. Er fühlte den Verrat plötzlich mit voller Wucht, schlimmer, als die Füsse ihn an seinem ganzen Körper getroffen hatten. Der Mann hatte sie auflaufen lassen, hatte alte Abmachungen einfach für wertlos und nichtig erklärt. Er hatte Malodor, entgegen konkreter Aussagen, die noch vor Toulouse niedergeschrieben wurden, erschießen lassen. Er hatte Kid um die Teilhaberschaft gebracht, keine Rezepturen offengelegt, keine Warenströme durch Kids Hand fließen lassen. Es war Verrat, wie man ihn sich als Autor eines Wörterbuches, der eine Definition sucht, nur wünschen konnte, doch war dies niemals in Kids Sinne, sofern davon gerade gesprochen werden konnte. Noch war es nur ein hämmerndes Gefühl.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Tage vergingen, in denen ich meiner Berufung nachging. Ich versuchte, einen freundlicheren Eindruck zu vermitteln, doch darüber hinaus mochte ich den Worten Marias keine Beachtung schenken. Alles geschah ansonsten, wie ich es plante. Und ich traf auf Sándor in einer Schenke, um mich mit ihm auszutauschen. Ich spürte, wie sehr ich mich mühen mußte, um die von mir gefühlte Überlegenheit des Glaubens, der Kirche und ihrer Gemeinschaft zu positionieren gegen das immer stärker dahinsterbende Reich des Bösen und des reinen Materiellen, in welchem ich seit meiner Geburt zu leben hatte. Ich sah Sándor mit Widerwillen an, doch versuchte ich dies möglichst zu verbergen, denn ich hatte noch nicht vor, ihn zu einem Feind zu machen. Erst wollte ich über ihn herausfinden, wie viel Kraft ich in meine Arbeit zu stecken habe, um die Gemeinde der Gläubigen in dieser Stadt zu einem rechten Standbein der Kirche aufzubauen. Nur mußte ich immer, wenn ich in seine Augen blickte, an Maria denken. Es machte mir weder das Gespräch leichter, noch half es mir, mich auf mein Ziel zu konzentrieren. Nur machte der unsympathisch gewordene Sándor mit einem Male eine Kehrtwende in unserem Gespräch und begann von Maria zu sprechen. Er bat mich um Rat, wie er die Nähe zu seiner Frau wieder herstellen könne, denn in den neun Jahren ihrer Ehe sei nun eine Distanz zwischen beiden aufgetreten, die er für übermächtig hielte. Er käme mit seiner Frau nicht mehr klar, und sei öfters gar versucht, sie für ihren Eigensinn zu züchtigen. Er hob seine Hände und beschwor, daß er dies noch nie getan habe, doch werde es für ihn immer schwieriger an sich zu halten, wenn er mit ihrer seit fast einem Jahr jetzt andauernden schnippischen Art konfrontiert sei. Sie werde ihm zu klug, und darüber habe er ja schon einmal geklagt. Ich sah die Gelegenheit das Überlegene meines Glaubens zu präsentieren und antwortete ihm mit einem Zitat des Apostels der Heiden: „Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann“, doch mußte ich einsehen, daß ihm diese Worte nicht weiterhalfen, als er meinte, daß er dies so deuten könne, daß Schläge nichts schlimmes seien. Nun hob ich die Hände und beschwor ihn von dieser Idee unbedingt abzulassen, und das die Worte Paulus‘ auch nicht einen solchen Hintergrund hätten. Es heiße vielmehr, daß der Mann zwar der Frau überlegen sei, und auch der Teil der Ehegemeinschaft, welcher den Weg weisen solle, doch habe der Mann dies mit Bedacht zu tun und solle dabei auch darauf achten, daß ihm das Weib folgen könne. Es sei nicht statthaft, unmögliches zu fordern. Immer noch sah ich Maria vor mir, solange ich mit ihrem Manne sprach. Und mit diesem Ausblick konfrontiert, konnte ich Sándor fast verstehen, und wünschte, daß er ihre zur Schau gestellte Hochnäsigkeit ruhig mit einer Ohrfeige zum Schweigen brächte. Das sie meine Gedanken so sehr belastete, mißfiel mir.

in südfrankreich geriet ein reisender in einen hinterhalt. sein wollener umhang wurde ihm abgenommen, und über einen haufen übelriechender extremitäten geworfen, der in einer schlecht beleuchteten ecke des verschlags lag, in welchem man den reisenden gefangen hielt. nach einigen leichten elektrischen folterübungen gab er sich wahrhaft zu erkennen (sein körper war pockenartig mit elektrischen anschlüssen übersät). ja, er sei ein wanderprediger. ein mitglied des entführerkommandos überprüfte, ob noch alle anschlüsse gut auf der haut des wanderpredigers sassen. an einigen stellen trug er weiteres gleitgel auf, um die leitfähigkeit zu erhöhen. bist du der wanderprediger, den wir suchen? … !!! … ja, ich bin der wanderprediger, den sie suchen. und was meinst, was wir mit dir vorhaben? … !!! … jajajaja, ich weiß, was ihr mit mir vorhabt, ja, ihr wollt mein blut, jajajajaja, ihr wollt mein blut trinken, und ihr wollt in meinem blut baden und mit meinen knochen… !!! … aaah, da wollt, aaah, da, da, wollt, da… !!! … da… da… daa…d.a..d.ajla.d.jala…d.d..d.a.dlajda.da.adjljdaja..da.jdja ..daa.ad..d..!!!…!!!…!!! schafft den dreck raus. schafft endlich diesen fürchterlichen dreck vor die tür! der alte stinkt!

an einem strand in südfrankreich werden einige müllsäcke in die flut geworfen. ein mann uriniert mit genuss. ein anderer masturbiert. der dritte, den die beiden den schwarzen nennen, schreit voll wut.

Der Erzähler sitzt noch immer im Halbdunkel, einige Meter vom wärmenden Feuer entfernt. Die Nacht erreicht eine passende Tiefe. Er hatte seinen Zuhörern einen Moment der Kontemplation geschenkt, doch nun hebt er wieder an fortzufahren. „So, meine Schäfchen, ihr habt den Einstieg in diese schändliche Geschichte erfahren. Ich weiß nicht, ob sie euch gefällt. Es ist mir auch gleich. Mir gefällt sie auf jeden Fall nicht. Sie ist widerlich. Die Personen in ihr sind widerlich und verdorben. Nicht nur die beiden Hauptpersonen, jener Jan, jene Susi, auch alle anderen Teilnehmer, vom Kassierer im Café, über die Passanten, an denen Jan und Susi auf dem Weg in ihr widerliches Hotel vorbeigingen: Ich kann keinen von ihnen leiden, denn keiner versucht hier auch nur annähernd dem Treiben ein Ende zu setzen. Es ist schändlich, doch das sagte ich bereits. Ich fahre nun fort, da ich bei euch nur Blicke erkennen kann, die ich als sabbernd bezeichnen möchte. Ich verstehe, kaum wird Sex erwähnt, spitzen sich die Ohren. Ihr seid widerlich. Aber was will ich erwarten, wenn solche Themen Bestandteil in meiner Erzählung sind. Es ist nun mal alles genauso geschehen, wie ich es euch hier sage. Alles ist wahr. Genauso wurde es mir berichtet. Also hört, daß jener Jan nun seine erste sexuelle Phantasie zum Besten geben wird, die er in jener Nacht seiner Kumpanin ins Ohr flüsterte. Es sind seine Worte, die ihr nun hört: Susis fordernder Blick traf mich wie ein harter Schlag. Da war kein Lächeln. Und kalt schien auch ihre Stimme, als sie mich aufforderte:
‚Los, gib mir den Strap, und dann ins Wasser mit dir.‘
Pflichtschuldig schnappte ich den Gürtel, und legte ihn Susi mit gesenktem Kopf in die Hand. Sie legte ihn sich um, und strich mit auffälligem Gefallen über den schwarzen Plastikpenis.
‚Ins Wasser, hab ich gesagt, und schön hinknien, damit ich deinen Arsch mal wieder durchficken kann.‘
Meinen versuchten Griff nach Gleitgel konterte sie direkt mit einem Verbot:
‚Nein, mein schwules Früchtchen, da wird nichts eingeschmiert.‘
Ich fügte mich, stieg in die Wanne, kniete mich und streckte ihr meinen Po entgegen. Aber fast schon zärtlich glitten Susis Finger über meine
Backen hinweg und dann spürte ich auch schon etwas Hartes.
‚Es wird Zeit, daß dein dreckiges Loch wieder gereinigt wird. Dafür gibts nur harte Besen.‘
Ich hörte einen Tonfall, wie ein hämisches Grinsen. Aber fast schon zärtlich glitten Susis Finger über meine Spalte hinweg, und dann führte ihre Hand den festen Ständer ins Zielgebiet, und ließ ihn auch gleich ein wenig eintauchen. Oh, ein leichter Schmerz durchzog mich und wenn nicht ihre Hand mich an der Hüfte gepackt hätte, wäre ich wohl nach vorne entflohen.
‚Hiergeblieben, Süsser! Ich weiß doch, daß du das hier fast so sehr liebst, wie meine Pussy auszulecken. Na, vielleicht hättest du jetzt lieber einen Schwanz im Mund, den du aussaugen könntest, der dir so richtig schön den Mund vollschiesst. Du liebst es doch, Jungs deine Maulfotze zu geben.‘
Sie drang jetzt ein wenig tiefer ein, und mir entfuhr ein leichtes Stöhnen. Ich flüsterte:
‚Ja, fick mich, Susi. Für dich lutsche ich auch Schwänze.‘
‚Dann wird es jetzt aber Zeit, daß du
mal anfängst deinen eigenen Schwanz zu reiben.‘
Und wieder ein etwas festerer Stoß, und die Gummieichel versank in meinem Po. Der Schmerz wurde jetzt von einem Lustgefühl aufgefangen und heftig floß das Blut durch meinen Schwanz, der jetzt fest in meiner Hand lag und den ich jetzt keuchend rieb. Susis Bewegungen wurden flüssiger und auch tiefer, sie legte ihren Körper auf meinen Rücken, ihre Haare fielen an meinem Kopf entlang und ich flüsterte:
‚Tiefer. Gib mir alles.‘
Ihre Hände kreuzten über meiner Brust, ihren Busen fühlte ich, ihre Knospen hart und dann gab sie es mir. Alles schien zu zerreissen, und heftig spritzte ich ab, quollen meine Augen beinahe aus ihren Höhlen.“ Der Erzähler blickte in die Nacht. Einer der Zuhörer keuchte. Der Erzähler spuckte aus.

Wer war der Mann? Kid Quarantine mochte sich am Kopf kratzen, doch der Arm schmerzte ihn. Wer war der Mann? Außer der Charakterisierung eines Verräters. Welche Geschichte hatte Kid Quarantine mit dem Mann, bevor es zu dieser unschönen Zuspitzung gekommen war. Als Kid es endlich geschafft hatte, den Hinterhof zu verlassen, hatte er schnell seine Taschen untersucht, sein altes Portemonnaie gefunden, kurze Verwunderung verspürt, daß dieses nicht entwendet war, aber gleichzeitig mehr als zuvor begriffen, daß es hier um ihn ginge und das, was er zu tun gedenke. Die Angst trat in sein Gefühlsleben. Er wünschte sich einen Wolf an seine Seite, doch jener war tot.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Seit einigen Nächten träumte ich von Maria. Von ihren Händen. Ihrem Kaffee. Ihren Augen. Träumte ich davon, wie Sándor sie züchtigte. Träumte ich, wie sie sich in meine Arme flüchtete. Wie ich sie feste an mich hielt. Träumte ich, wie Menschen uns auseinander zu ziehen versuchten. Ich schrie im Traum. Verwünschte die Menschen. Verwünschte die Hure Maria. Verwünschte mich, den Hurenbock. Verwünschte den Verführer, der Sándors Gesicht trug und letztlich immer am Eingang der Kirche stand und ein feistes Grinsen in seinem Gesicht zur Schau stellte. Wenn ich endlich erwachte, war ich schweißgebadet. Ging ich abends zu Bett, begann der Alp mich erneut mit den gleichen Bildern zu drücken. Der Diakon sprach mich an, und deutete Besorgnis über mein krankes Aussehen an. Ich ließ ihn unwirsch auflaufen. Er solle sich nicht um mich Gedanken machen, er habe genug mit seiner Arbeit zu tun. Das zeitweilig aufgetretene Lächeln in meinem Gesicht, wenn ich außerhalb meiner Wohnung weilte, war wieder verschwunden. Vielmehr erkannte ich selbst tiefste Düsternis, wenn ich mein Spiegelbild in Fenstern sah. Ich hatte die Versuche, mit Menschen außerhalb meiner Tätigkeit in Gespräche zu kommen eingestellt. Ich ging auch dem Stadtteil Marias inzwischen aus dem Weg. Dort fanden keine Meßfeiern oder Andachten statt, obwohl sich der Zulauf immer weiter gesteigert hatte und ich auch der Meinung sein durfte, daß die Befürchtungen Sándors über das Schwinden der Zuversicht in den Staat und die Partei, sich bewahrheitete und die Leute zu mir und der Kirche trieb. Und ich tat alles, um dies mit einer gewissen überlegenen Distanz zu bemerken. Niemand solle denken, ich sei der neue Rattenfänger. Niemand solle denken, es würde jemandem leicht gemacht, sich in Gottes Reich hinein zu stehlen. Und wieder begann der Traum am Anfang der Nacht. Wieder hielt Sándor einen Lederriemen in der Hand. Und lächelte, eine Zigarette im Mundwinkel. Die Haare, schwarz und fettig, ungeordnet über den Schädel verstreut. Der Bart, seit Tagen nur stellenweise gestutzt. Das Hemd, fleckig und falsch geknöpft. Die Zähne, die das Lächeln preisgab, mit braunen bis schwarzen Flecken über der verschwindenden Rein- und Gesundheit, weit auseinander stehend, als seien sie sich untereinander nicht gut gesonnen. Haare quollen aus der pockigen Nase heraus. Leberflecke im Gesicht, auf der wild behaarten Brust, den Armen. Ja, er spiegelte pure Freude wieder, während er den Riemen schwang, der leicht auf seinen Oberschenkel niederging. Ein glucksendes Lachen, Asche fiel von der Zigarette zu Boden. Und dann diese heisere, böswillige Stimme, die nur ein Wort herausbrachte: Maria. Immer wieder dieses Wort, fast stöhnend. Maria. Und ich wollte ihn anflehen, daß er doch endlich schlagen solle. Das er ihr alles herausprügeln solle, was mein Leben so unerträglich mache. Dieses Zittern in den Knien, wenn ich an ihre Hände dachte. Das rasende Herz. Diese unerklärlichen Gefühle unten, wovon noch nie jemand gesprochen hatte. Ich wollte rufen, daß er sie dreschen müsse, für alles, was sie uns antäte, alleine dadurch, daß sie sei. Und er solle ihr Gesicht nicht verschonen, damit dort alle Schönheit vergehe unter blutenden Wunden, unter Narben, die sich bilden würden, wenn ihn die Kraft verlassen habe, nachdem er sie gezüchtigt habe. Doch dann floh sie vor ihm und warf sich in meine Arme, die ich nie geöffnet lassen konnte. So sehr ich sie auch von mir hätte stossen wollen, immer wieder schlossen sich die Arme um ihren Körper und drückten diesen feste an mich, so daß ich sie gänzlich an mir spürte. Jeden Atemzug vernahm ich ganz an und in mir. Ihr klopfendes Herz. Und auch ich rief ihren Namen und der Klang meiner Stimme ward zu dem Klange Sándors, doch mit weniger Wut, vielmehr Tränen der Rührung. Und während ich rief, schmiegte sich meine Wange an die ihre. Ich suchte im Traume mit ihr zu verschmelzen. Und wünschte den Lederriemen Sándors auf meinem Rücken.

Es war weiterhin ein bewölkter Tag. Kaum, daß Kid ein paar Schritte gegangen war, traf er schon auf eine mehrspurige Straße, die sich als Einfallweg in eine größere Metropole erwies. In die graue Atmosphäre lief er los. Schilder, die er passierte, verstand er nicht. Während Kid in dieser unbekannten Welt seinen Weg zu machen versuchte, drängte sich eine andere Frage in seine Gedankengänge: Wer ist das, dieser Kid Quarantine? Er wünschte sich einen Spiegel, um wenigstens die Gewißheit einer äußeren Hülle zu haben. Doch eilte er weiterhin nur an grauen Betonbauten, die ihm nicht einmal Fenster boten, um einen Blick zu erhaschen, entlang, und dort drohte eine enorme Brücke. Einst war Kid zur See gefahren. Einige Jahre hatte er auf den Meeren zugebracht, auf einem Handelssegler, der sich unter wirtschaftlichem Druck immer mehr in ein Piraterieunternehmen wandelte. In jenen Jahren hatte Kid auch die Liebe zu Substanzen kennengelernt. Substanzen, welche das Leben farbiger gestalteten. Um im nächsten Moment, das Multicolorwunderland in ein Schattenreich zu verwandeln, kriegsgetränkten Holzschnittdrucken gleich. Nagel-Joe hieß einer, der zum Ende mit zur Besatzung gehörte, einer verschwielter Charakter und Körper. Bärtig und sonnengegerbt, wie man sich einen Piraten vorstellte. Wie man es von einer solchen Erscheinigung erwartete, war dieser optische Bärbeißer auch eine wandelnde Apotheke und ein furcht- und schmerzloses Inkassounternehmen, wenn der Kunde seinen Teil der stillschweigenden Abmachung unterschlug. Nagel-Joe hatte diesen Namen nicht zu Letzt wegen seiner Vorliebe für durchlöcherte Hände, wenn alle gutgemeinten Aufforderungen, Mahnungen, Warnungen in den Wind geschlagen waren. Kid Quarantine hatte so manchem Kunden die Hand festgehalten, wenn Nagel-Joe den Hammer schwang. Kid Quarantine hatte zuvor so manchen Kunden verschwinden lassen, damit Nagel-Joe ohne großen Zeitverzug diesen Teil seiner Geschäftstätigkeit wahrnehmen konnte. Kid Quarantine hatte dadurch seinen Namen gewonnen. Und einen guten Einblick in die volkswirtschaftlichen Kreisläufe, das Leben und Sterben, Gedeih und Verderb. Als er den Schoner zum letzten Mal verließ, wußte er, daß er die Lektionen von Handel und Piraterie, von Nägeln, Substanzen und Gewissenslosigkeit in bare Münze verwandeln wollte. Von Nagel-Joe und einem weiteren verhärteten Mitglied der Crew, einem der nie anders als Polo bekannt war, hatte er von dem Mann erfahren. Die Beiden warnten Kid, dem Mann nicht wirklich zu nahe zu kommen, doch kaum hatte Kid von dieser Person gehört, war sein Plan klar. Der Mann verfügte über die Rezeptur des Stoffes und Kid war lernbegierig. Und auch dazu bereit, Wissen unbemerkt zu entwenden, wenn die Gelegenheit sich böte. Leider konnten weder Nagel-Joe, noch Polo ihm genauere Angaben über das Wo mit auf den Weg geben, doch fand Kid Quarantine relativ schnell eine leise Spur, der er folgte. Der Mann hatte seine Finger in allem, was jenseits der Moral lag, und dazu gehörte vor allem die Welt des Fleisch. Kid, der sich in seinen langen Jahren als Matrose immer wieder auf jedes Einlaufen in Häfen und den sofortigen Auslauf in die Milieus freute, sah in dem Mann immer mehr einen Freund, einen Seelenverwandten. Das diese Freundschaft in einem Hinterhof am Rande einer noch unbekannten Metropole endete, konnte Kid nie vorhersehen. Auf diesem Auge der Vorsicht, des Zynismus blieb er blind. Die Lektionen an der Seite von Nagel-Joe hatte Kid nie vollständig verarbeiten können, schien es. Das er in den Jahren nach der Seefahrt sich regelmäßig auf der Flucht vor den verschiedensten Fraktionen der Gesetzmäßigkeiten befand, lehrte ihn nicht. Flugzeuge konnten es in den Himmel schreiben: Kid, stelle dem Mann nicht nach. Nachrichtensprecher konnten es von ihren Notizzetteln ablesen: Kid Quarantine begibt sich aktuell in eine gefahrvolle Situation, die sein Leben massiv bedrohen könnte. Supermarktkassierer konnten ihn mit unterwürfigem Blick anschmachten: Für Sie ist es heute kostenlos, wenn Sie den Mann nie mehr belästigen. Bitte. Kid nahm dies auf, doch ließ er es nicht in seine Empfindungen einsickern. Es blieb bei einer peripheren Belästigung, die an ihm abprallte. So kann Großes entstehen, und wenn es Gefahr ist.

da war ein heizungskeller, vielleicht sechs quadratmeter, in welchem der massive kessel einen großen teil des platzes einnahm. doch bot die verrohrung gute möglichkeiten, den verschleppten wanderprediger festzusetzen. sie hatten kabelbinder verwendet und hatten an den beiden vergangenen tagen für die jeweilige sechs-stunden-schicht einen erwürfelt, der den kessel unter dampf und hitze setzte. in diesem raum stand die luft, der prediger kauerte auf dem boden, die arme durch die kabelbinder in die höhe gezogen, an den glühenden rohren befestigt. über ihnen thronte ein krankenhaus, möglicherweise mit christlich-hintergründigem namen. in der nähe von valfenera, passend zwischen san michele und san sebastiano gelegen, hatten die vier häscher den alten aufgegriffen. geschwind hatte das fahrzeug gehalten, waren die vier herausgeglitten, hatte einer den kofferraum geöffnet, während zwei den alten packten, einer schnell das taschentuch mit chloroform versorgte und die beine des alten unverzüglich zum einknicken brachte, war er in die höhe gehoben, eingesargt, deckel zu und schon waren sie unterwegs zum krankenhaus. über einen uneinsichtigen hinterhof gelangte das quartett mit seinem sack schnell in den besagten kellerraum, der noch nie zu viel wandfarbe gesehen hatte. gefesselt, ließ man ihn dann im sacke liegen. einer gab dem auftraggeber bescheid, daß man das tier gefaßt habe. dieser gab den auftrag nach drei tagen noch einen blick auf die reste zu werfen. mehr sei ihm das jetzt nicht wert.

Der Erzähler hat sich erhoben und steht direkt vor dem kurz keuchenden Zuhörer, tippt ihn mit seinem Schuh an. „So, diese Phantasien jenes Jan gefallen dir also. Nun, es kommt noch besser, kann ich dir verraten. Oder, was heißt besser. Er wird uns noch eine verraten, möglicherweise folgen weitere. Ich halte das absolut nicht für erregend, denn es ist eine Art von Wunsch, die hier versteckt ist, die mir absonderlich deucht. Das wird auch bei der folgenden Episode schon sehr klar. Um es anders zu sagen, ich verstehe nicht, wozu jemand sich solches wünscht. Aber hört selbst, was er zu sagen hat: Susi legte meine Arme über Kreuz und darauf den Riemen, der sie fesselte. Ich ließ mich auf die Knie sinken und starrte unentwegt auf ihren roten Slip und träumte von der süssen Pussy darunter. Susi besorgte einen Lappen, ich durfte mich nach vorne neigen und meinen Po rausstrecken. Sie machte alles feucht, wischte und begann die restlichen Haare, die ich noch nicht rasiert hatte, zu entfernen. Dabei berührte sie immer wieder meinen harten Schwanz und ich hatte das Gefühl explodieren zu müssen. Darauf verschwand sie einige Minuten im Bad. Ich lag auf dem Boden mit gefesselten Händen und einer enormen Erektion. Das sind Jans Worte, die ihr hörtet.“ Der Erzähler begann um das Feuer zu schreiten.

Als Kid endlich die Brücke betrat, fühlte er eine unstillbare Sehnsucht, die sein Inneres packte und verzerrte. Er wußte, daß es Sicherheit war, nach der es ihn dürstete und ihm war genauso klar, daß dies unerreichbar war, sonst hätte er sein Hexenhäuschen nie verlassen. Schon allein, daß es ein sprechender Wolf war, der ihn dort herausgelockt hatte. Kid schüttelte den Kopf über soviel Unverstand auf seiner Seite, doch jener Malodor war in den wenigen Tagen, in denen sie miteinander unterwegs waren, der beste Freund, den er seit langer, langer Zeit hatte. Sehnsucht und Trauer vereinigten sich. Kid wurde ganz weich, gar schwammig bewegte er sich in Richtung Flußmitte. Vor seinem inneren Auge traten immer wieder kurze, blitzartige Szenerien seines bisherigen, unsteten Lebens auf. Sie strandeten immer in roter Explosion. Der letzte dieser Schläge schrieb sich in Kids Hirn. Setz dich. Sofort. Werde dir klar, was du erreichen willst. Jetzt. Kid blieb stehen, schaute aufwärts in den indifferenten Himmel. Lief noch weiter an das Ende der Brücke, wandte sich in eine kleine Grünanlage, fand eine Bank, setzte sich. Kramte in seinen Taschen, fand noch Krümel an Gras, seinen Tabakbeutel und – nun sehr niedergeschlagen – drehte er sich einen Joint. Etwas, was er eigentlich nicht mehr tun wollte. Seit fast zehn Jahren bevorzugte Kid Drogen intravenöser Art, und wenn jene nicht verfügbar waren, dann wenigstens Lysergsäurediethylamid, oral zu konsumieren und beinahe täglich. Nun saß er in dieser Fremde, und rauchte. Und saß. Sah. Ob es an der Wirkung der Substanz lag, oder einfach am ruinierten körperlichen Zustand Kids, er schlief auf der Parkbank ein. Geweckt wurde er von Autoritätspersonen, die er nicht verstand, die ihn jedoch mit unbedingtem Widerwillen ansahen. Einer konnte sich nicht stoppen, Kid auch nach dessen Erwachen mit einer Art Befehlsstock anzustoßen. Dazu nutzte er die ungedeckte Flanke zwischen Bauch und Rippenansatz. Endlich konnte sich Kid erheben und in seiner Muttersprache belegte er die Beamten mit allerlei Flüchen, die den Endneunzehnhundertfünfziger-Beatnikliebhaber tadellos offenlegten. Die Autorität schüttelte die Köpfe, packte den Zeternden und schleppte ihn an die Straße zurück. Dort schien ihr Befehlsbereich zu enden, daher setzte sie den jetzt schweigend verdutzten Kid ab und zog sich wieder in ihr alleiniges Reich zurück. Kid rieb sich die Arme und sog tief die Luft durch die Nüstern, um das Leben in sich spürbar zu machen. Er lief über die Brücke zurück und nahm Kurs auf den Betonhof, auf welchem er am Morgen wieder zu sich gekommen war. Auf der Mitte angekommen, sah er eine Frau entgegenkommen, die ihm seltsam bekannt vorkam, obwohl er sicher war, daß er sie ohne die überdimensionierte Sonnenbrille kannte. Kid blieb stehen, die Frau kam näher. Als noch wenige Schritte zwischen ihnen waren, blieb auch die Frau stehen, nahm die Brille ab und fragte, wo denn der Wolf sei? Kid Quarantine, der seinen kurzfristigen Freund Malodor fast wieder vergessen hatte, zuckte kurz zusammen, bei dieser Erwähnung. Eine schuldbewußte Bewegung. Dann die Frage in sich gestellt, wo er denn jetzt wirklich war, der Wolf? Einen Gedankenblitz weiter die Erinnerung an Schüsse, die letztlich auch Kids leichtes Hinken erklärten. Er streckte sich, trat einen Schritt auf die Frau zu. Das frage ich mich auch, wo der Wolf steckt? Wissen Sie es nicht, meine Dame. Die Frau schien sich in ihren Pelzmantel zurückziehen zu wollen, doch blieb ihr Blick genau auf Kid gerichtet. Ich erinnere mich nur, wie er in meinem Raum neben dem Bett lag, auf welchem wir beide einiges an Vergnügen erlebt haben. Ich hatte gehofft, Sie viel früher wiedersehen zu können, als erst heute und dann auch nur durch Zufall. Oder waren Sie etwa auf dem Weg zu mir? Das würde mir gefallen haben, denn ich empfand unser Zusammensein als wahre Wonne. Sie schritt nun ebenfalls auf Kid zu. Er streckte sich erneut. Ich war sehr beschäftigt in den vergangenen Tagen, aber vielleicht wollen Sie mich ein wenig begleiten, ich suche das Stadtzentrum. Ich kenne mich dort noch nicht gut aus, da wäre ich Ihnen schon sehr, sehr dankbar, wenn Sie sich die Zeit nähmen, mich zu begleiten. Außerdem wäre es mir auch so sehr angenehm, wenn Sie mich egal wohin begleiten könnten. Sie lachte kurz auf. Sie laufen in der falschen Richtung, wissen Sie das? Kid war Ihr Name? Ich weiß, wir haben uns nicht wirklich gut miteinander bekannt gemacht. Sie streckte Kid die Hand entgegen. Ja, Kid, das ist mein Name. Kerry, sehr angenehm. Ja, ich kann Sie gerne begleiten. Vielleicht sollten Sie sich etwas Zeit nehmen und ein wenig in neue Kleidung investieren? Die Beschäftigung der letzten Tage sieht man Ihnen sehr gut an. Es muß recht intensiv gewesen sein? Kid zuckte mit den Achseln, vergrub seine Hände in den Taschen und versuchte ein unschuldiges Gesicht zu zeigen. Das kann sein. Ich weiß nur nicht, ob ich mir überhaupt neue Kleidung leisten kann. Oh, es ist so schlimm? Nun gut, laß uns erst einmal gehen. Vielleicht kann ich Ihnen etwas helfen, lieber Kid. Dann sollten wir doch zum Du übergehen, oder sehe ich das falsch, Kerry? Na, das ist ein guter Vorschlag, wo wir uns doch schon so nahe waren. Kerry lächelte spitzbübisch. Kid wurde etwas mulmig, denn ihm fehlten noch die genauen Erinnerungen an ihre Begegnung. Lass uns einfach gehen. Ja, aber komm bitte wirklich mit in die andere Richtung, Kid. Sie griff seinen Arm und zog ihn an sich.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Der Winter neigte sich ganz langsam seinem Ende zu. Die Träume wichen nicht mehr aus meinem Leben. Der Diakon sprach mich nicht mehr auf etwas anderes an, als die tägliche Pflicht. Die Freiheit in unserem Land schien unaufhaltsam. Und ich wußte nicht mehr ein, noch aus. Das Tagwerk lief mir zwar leicht aus der Hand, denn es war mein Leben immer schon gewesen, doch wenn ich alleine war, begannen die Fragen, klopften die Träume an meine inneren Türen, schoben sich in meine Vorstellungswelt. Das erste Jahr neigte sich dem Ende zu und zur persönlichen Feier, wollte ich Maria einladen, die ich seit jenem Kaffee nicht mehr gesprochen hatte. Alleine ihre Anwesenheit in Messfeiern hatte ich bemerkt, immer begleitet von einem kurzen Stocken, wenn mein Körper eine Reaktion auf den Anblick zeigte. Ich weiß nicht, ob sie dies je registriert hatte. Eines Nachmittags, an dem die Sonne erstmals wieder mit Macht am Himmel stand, setzte ich mich und begann einen Brief zu schreiben. Erst als Einladung gedacht, wurde daraus eine Beichte, eine Anklage, eine Verurteilung. Ich warf den Brief in die Flammen, als ich Abends den Kamin unter Feuer setzte. Am nächsten Tag lief ich zufällig Sándor über den Weg. Er nickte kurz, ich hob die Hand zum Gruß. Ich hielt inne, wendete, lief zu Maria. Dort angekommen, klopfte ich. Sie öffnete. Ohne größere Formalität, nannte ich ihr das Datum meines kommenden Jahrestages und das ich diesen Tag mit ihr zusammen feiern wolle. Im Falle das es besseres Wetter sei, wolle ich mit ihr eine kleine Bootsfahrt unternehmen. Sie wirkte überrascht, doch dann sagte sie mir zu. Ich verabschiedete mich, und lief nach Hause. Mein Körper war von Glücksgefühlen geflutet. Selbst die Vernunft, die meinen Kopf besetzte, war zufrieden. Eine solche Konfrontation könnte dazu führen, daß die endlosen Traumreihen ein Ende finden könnten. Das war eine meiner Hoffnungen. Über weiteres machte ich mir keine Gedanken. Noch nicht. Das folgte in der kommenden Nacht. Sándor, Maria und ich am Ufer des Flusses. Aus dem Unterholz blickt mich ein fremder, lumpig gekleideter Mann strafend an.

Plötzlich hält der Erzähler in seinem Gang inne, faltet kurz seine Hände. „Hört, es geht weiter in der lüsternen Ideenschau, von der uns jener Jan berichtet. Er sagt: Die Tür öffnete sich in meinem Rücken. Ich fühlte Hände, die meine Schenkel auseinander schoben, die meinen Po streichelten, zwischen meine Beine glitten und meinen Schwanz noch sehr behutsam berührten. Ich lag, vornübergebeugt auf meinen Händen, mein Mund leicht geöffnet, wußte ich noch nicht, was kommen mochte. Susis Hände schoben mein Becken nach oben, nun glitt sie unter mich, und mein Schwanz versank zwischen ihren Lippen, ihre Zunge begann mit schnellen Bewegungen meine Eichel zu umgarnen. Weiter schob sich ihr weicher Körper unter mich, und über ihren rechten Schenkel kullerte mein Mund in ihr Tal der Lust. Ihr nacktes Tal der Lust, dessen Düfte ich zitternd tief einsog. Ihre Hände schoben sich unter meine Schenkel und hoben sie an, und so glitt ich in ihren Mund und ließ auch mich hineinfallen in die traumhafte Weide ihrer Scham.“ Verstohlen sieht der Erzähler, daß nun nicht nur der vorhin Keuchende eine Hand im Schritt liegen hat und mit dieser leichten Druck ausübt. Die meisten Gesichter der Zuhörenden wirken leicht angespannt.

Die besten Filme sind jene, die Ungeträumtem ähneln, die Grenzen verwischen in einer selbstgewählten Willkür. Die gemacht sind und erschaffen, die wollen und gewollt sind. Die beste Musik, die besten Bücher, die beste Malerei, alle sind sie gemeint. Verlangen das Versinken in unbewußten Räumen.

Kerry hatte Kid Quarantine in ein Café geleitet, das sich etwas abseits des höchst geschäftigen Treibens dieser Metropole platzierte. Sie bestellte in einer seltsam klingenden Sprache, die Kid bereits bei seiner Begegnung mit der Parkobrigkeit verstört hatte. Kerry hatte unterwegs bereits eine Sonnenbrille für ihren Begleiter erworben, hinter welcher er nun einen Teil seiner optischen Weltenferne verstecken konnte. Die junge Frau, welche beiden einen Espresso an den Tisch brachte, zwinkerte dennoch Kid schelmisch zu. Dieser leerte die Tasse in einem Zug und sank dann völlig in sich zusammen. Kerry legte ihre Hand auf die seine und sah in das fahle Gesicht. Was ist mit deinem Wolf passiert? Erschossen. Und dir wurde auch übel mitgespielt, möchte ich meinen? Ja, ich bin heute morgen in der Nähe der Brücke, auf der wir uns getroffen haben, aufgewacht und weiß kaum, wie ich in diesen Hinterhof gekommen sein soll. Und ja, mir tut mein ganzer Körper weh, es ist ein einziger riesiger Schmerz, gegen den nicht einmal ein kleiner Joint hilft. Mir scheint, jeder Knochen ist zerschmettert. Aber andererseits kann ich mich immerhin noch bewegen. Du scheinst mir ein zäher Kerl zu sein, lieber Kid. Du erinnerst dich aber noch an unsere erste Begegnung? Es tut mir leid, aber ich kann mich nur vage daran erinnern. Es schwingt jedoch ein wohliges Gefühl mit, also scheint es ganz angenehm gewesen zu sein. Oh ja, lieber Kid, das war es. Du kamst in das Postmortem, und hast nach dem Mann gesucht. Du hattest deinen Wolf bei dir. Ich habe dir angeboten, du könntest bei mir warten, bis der Mann wiederkehrt. Leider bist du morgens plötzlich verschwunden. Die Stunden bis dahin habe ich jedoch sehr genossen. Du bist ein sehr phantasievoller Liebhaber, Kid. Dieser schaute leicht verstört hinter der Sonnenbrille hervor. Ja, ich arbeite dort und bediene die Sehnsüchte von Männern. Es ist lukrativ, da die meisten Männer kein Problem damit haben, für diese Dienstleistung gutes Geld zu zahlen, und der Mann verlangt seinerseits für seine besten Kräfte nur eine schmale Provision. Ja, ich habe mich dort mit viel Einsatz nach oben geschlafen. Sie lächelte Kid an. Das ist doch in Ordnung für dich, oder? Kid nickte wortlos und verbarg sich wieder hinter den dunklen Gläsern. Er fühlte sich wohl in der Nähe dieser Frau, und es war ihm völlig egal, wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente, doch sie war gleichzeitig die größte Nähe, die er je zu dem Mann hatte herstellen können. Dies verursachte bei ihm eine Art von Angst, die er noch nie in dieser Form kennengelernt hatte. Er suchte nach Vertrauen in sich, um dies auch gegenüber der Frau gegenüber aufbringen zu können. Er fragte sie nach einer Zigarette. Er fragte sie, ob sie noch einen Espresso bestellen könne. Er fragte sie, ob er ihr vertrauen könne. Sie lächelte erneut, orderte den Kaffee, beugte sich in seine Richtung. Weswegen er ihr denn vertrauen wolle, fragte sie. Ob er sich denn selber vertraue? Warum dieses Vertrauen für ihn generell wichtig sei? Sie strich ihm über die Hand, legte dann ihren Kopf schief. Kid nahm all seine Kraft zusammen und verriet ihr, daß er Kontakt zum Mann brauche. Es sei inzwischen sogar dringend. Und er sei sich nicht sicher, ob der Mann zu ihm noch Kontakt wünsche, da er vermute, daß die Prügel, die er kassiert habe, darauf beruhe, daß der Mann seine Ruhe vor ihm haben wolle. Und zusammen mit dem gewaltsamen Tod Malodors, seines Wolfs, habe er jeden Glauben, den er zuvor noch gespürt habe, verloren. Kid nahm sich eine kurze Pause, der zweite Espresso wurde erneut mit einem Zwinkern serviert, Kid trommelte mit den Fingern auf den Tisch, trank, zündete sich die Zigarette an, inhalierte tief. Er nahm die Sonnenbrille ab, beugte sich auch nun selbst in Richtung Kerrys, versuchte ihre Augen zu fixieren. Er habe vor geraumer Zeit bereits mit dem Mann kurzzeitig eine geschäftliche Verbindung gehabt. Diese solle seinerseits ausgebaut werden, doch der Mann habe ihn auflaufen lassen, sich nicht an schriftlich fixiertes gehalten und sei verschwunden. Er selbst habe sich darauf zunächst völlig hängen lassen, sei nach beinahe einem Jahr ziellosen Umherstreunens in einem lothringischen Waldstück verschwunden, wo er ein kleines Häuschen bewohnt habe. Dort habe ihn Malodor aufgespürt, der ihn wieder auf die Spur des Mannes zurückbrachte. Kerry lächelte. Kid rauchte. Wieder nervöser, drehte er sich zur Seite ab und blickte eine nun von leuchtender Sonne beschienene Gasse entlang. Kerry zog ihren Lippenstift nach. Der Mann ist gefährlich. Viele suchen nach ihm, doch die meisten fliehen vor ihm. Er hat eine kleine, aber gut organisierte und gewissenlose Truppe um sich geschart, die alles tut, was er verlangt. Je abwegiger, desto besser. Er ist ihr Lebensinhalt. Und seine Motivation ist Macht und das pure Ausleben von wutschäumenden Adrenalinschüben. Er ist besessen von einer Rachsucht, die keiner genau kennt, außer vielleicht noch Ephraistos. Der ist inzwischen die rechte Hand des Mannes, falls jemand überhaupt so weit kommt. Ich werde von ihm nicht sehr behelligt, denn ich habe drei Jahre lang ihm jeden seiner Wünsche erfüllt und sie mit der Zeit sogar erkannt, bevor er sie äußerte. Nicht, daß er mich respektierte, doch werde ich nicht mehr verachtet, wie die meisten Menschen. Mehr kann ich kaum erreichen. Ich frage mich, ob du nicht in dem Moment, wo der Mann dich stehen ließ, nicht auch das bestmögliche Ergebnis erreicht hast, was machbar ist, wenn man mit dem Mann zusammenkommt. Kid, sieh mich an. Der Mann kennt nur drei Dinge, bezüglich unser aller: Tod, Verachtung oder Vergessen. Warum willst du aus dem Unbehelligt sein wiederkehren in seine Gegenwart? Kid schnaubte verärgert, begann erneut seine Fingergymnastik, zog eine eher lächerliche Schnute. Ich will seine Trips. Ich will seinen Stoff. Und ich will wissen, wie er sie herstellt. Das Rezept. Es gibt nirgends auf diesem Planeten eine Droge, die diese fundamentale Wirkung erzeugt, Kerry. Hast du sie jemals erlebt? Nein. Aber ich weiß, daß der Mann sie vielleicht herstellt, oder vielmehr sie herstellen läßt und das seine Truppe immer bestens damit ausgerüstet ist. Und jeder fürchtet die Truppe. Das glaube ich dir gerne, Kerry! Oh ja! Furcht aussen auslösen und Furcht innen besiegen! Ja, zerschlagen, daß ist es! Das ist ein ganz wichtiger Teil des Trips. Kerry, ich war niemals in meinem Leben so drauf, wie damals vor Toulouse. Du hast von ihm den Trip bekommen? Nicht nur einen! Und ich hatte ihn damals schon gesucht, denn ein alter Freund, Nagel-Joe, hatte zufällig Jahre zuvor bereits einen kleinen Trip aus einem Kunden rausprügeln können, den wir uns damals geteilt haben. Und ich sage dir, das war schon ein ganz eigenes Plateau an drogeninduziertem Irrsinn, den wir dadurch erlebten. Ich schlucke seit Jahren LSD wie Drops, wenn ich nicht gerade auf Reisen bin und der Nachschub stockt. Kid hüstelte, als sei es ihm gerade peinlich zu gestehen, nur wenig betäubt zu sein. Aber was ich will, sind keine Hustenpastillen, sondern das echte Zeug, das der Mann hat. Kerry wirkte mit einem Male sehr ernst. Du hast mit Sicherheit deine Verletzungen nicht von Männern der Truppe empfangen, sondern höchstens von den Handlangern, die der Mann nebenbei noch für sich laufen hat. Ansonsten würden wir hier nicht miteinander sitzen. Ich glaube dir, daß du den Trip kennengelernt hast, doch kannst du kaum wissen, wie jemand von aussen wirkt, lieber Kid. Und ich denke, du willst genau das auch nicht wissen, sonst würdest du dieses Ziel nicht verfolgen. Möchtest du wirklich diesen Wahn, wie du es nennst erleben? Und dabei Menschen, die dir nahe stehen könnten, verletzen oder einfach gesagt, zu Schaden bringen? Du fragst, ob du mir vertrauen kannst? Kann ich dir vertrauen, lieber Kid? Kann ich darauf setzen, daß du dich nicht mit dem Stoff in deinem Kreislauf in ein messerschwingendes Monster verwandelst? Das wäre nur eine Variante, die ich schon gesehen habe. Und, ohne das der Mann etwas sagte, habe ich einen Lappen gegriffen und das ganze Blut, das den Boden bedeckte, aufgewischt. Ja, wenn ich vorhin sagte, daß ich drei Jahre lang für den Mann eine Frau für Alles war, dann gehörten solche Aufgaben eher zu meinem Bereich, als sexuelle Gefälligkeiten. Kerrys Gesicht hatte einen leichten Grauton angenommen. Die Erinnerung an diesen Teil ihres Lebens, erfüllte sie nicht mit Entzücken. Jeden Morgen freute sie sich nun darauf aufzuwachen, und nicht mehr dem Mann so nah dienen zu müssen. Freiheit zu tun, was einem beliebt, sah sie seither nicht mehr als ihr Lebensziel an. Doch war ihr klar, daß Kid Quarantine so leicht nicht von seinen Zielen würde ablassen. Aber sie mochte ihn, und nicht nur, was er mit ihrem Körper zu tun vermochte. Kid riss sie aus ihren Gedanken. Du hast es nicht erlebt! Du hast es nicht erlebt!

Ein Wandeln in der flirrenden Hitze Ungarns, eine Bewegung gen Budapest, dort wollte er hin, als er von einigen Helferns des Mannes aufgegriffen wurde. Was sollte darauf schon mit ihm geschehen? Die Helfer fuhren einen Skoda Roomster, warfen den Überwältigten in den Kofferraum und machten sich auf den Weg in die ungarische Hauptstadt. Dort lieferten sie den weiterhin Bewußtlosen in einem versucht edel wirkenden Nachtclub, dem Postmortem, ab, der sich im Westen der Stadt situierte und in dem grauen, farblos betonierten Einerlei einer architektonisch teils sozialistisch gebliebenen Metropole auch am Tage nicht wirklich viel hermachte. Doch gut erreichbar war er, der Club. Man meinte noch ein Rauschen der Donau zu hören, bevor man den Club betrat. Der Wanderprediger im Kofferraum, dem man aus Gewohnheit den Namen Paulus gegeben hatte, er wurde über den Hinterhof in den Hauptraum gebracht. Dort wurde er inspiziert, ob sich in dem weiten Umhang nicht versteckte Waffen befänden, doch war er so wehrlos, wie ein Vögelchen mit gebrochenem Unterkiefer. Mit diesen Worten bekam er einen Fausthieb in sein Gesicht, platziert und wirkungsvoll, und wurde in einen der Nebenräume geschafft, dort entgültig verschnürt und geknebelt. Die traurigste Gestalt der Helfer, ein Wicht namens János, durfte im Dunkeln zur Wache sitzen. Die Hand immer am Schlagstock. Und dort saß er lange, ohne ein einzig Geräusch außer dem angestrengten Atem zu hören, den der Gefangene immer stärker und bewußter von sich gab. Erst, als über die Stadt möglicherweise die ersten ungeliebten Sonnenstrahlen glitten, wurde plötzlich ein angstvolles Stöhnen hörbar. Darauf meldete sich jener Paulus sogar mit dem Versuch, Laut zu geben. János stand auf, schlug dem Gefangenen auf beide Beine und ließ diesen nun für einige Momente in der Dunkelheit alleine, um Meldung zu geben, daß jener wieder bei Bewußtsein sei. Es vergingen jedoch etliche Momente, bis eine handvoll Männer nahezu im Laufschritt durch die Flure des Postmortem eilten und die Tür des von Paulus belegten Raumes aufstiessen, eindrangen und den Mann vom Bett rissen und auf einem Stuhl platzierten. Einer kam und hatte einen Eimer Wasser, der dem Opfer gegen den Schädel geworfen wurde. Ein paar Spritzer Wasser trafen ihn tatsächlich. Nun erschien der Mann in der Tür. Ihm wurde ein Stuhl angeboten, er ließ sich nieder. Zwischen den beiden war eine Distanz von gerade 50 Zentimeter, doch schienen Welten zwischen ihnen zu liegen. Der Mann blickte János an: Bring den Wecker. Und die Messer. Heh! Kerl! Sieh mich an. Paulus hob den Kopf und schaute aus müden Augen in Richtung des Mannes. Nehmt ihm den Knebel aus dem Mund! Zwei der angesprochenen Helfer machten sich mit äußerst fehlendem Feingefühl an die Arbeit, brachen dem Gefesselten dabei die Nase. Der Mann lächelte. Gut gemacht! Wenn János endlich zurück ist, laßt mich mit dem Kerl hier alleine. Nein, wartet! Legt noch die Kanüle. Einer der Helfer trug einen weißen Kittel und war hiermit für medizinisches Übel vorgesehen. Im Hintergrund des Zimmers lag bereits ein eigens platzierter Koffer, welcher gefüllt war mit allerlei angerostetem Gerät, darunter auch schmutzstarre Nadeln. Eine dieser Nadeln wurde von allen Helfern bespuckt, darauf dem Gefesselten in die Armbeuge der linken Hand gerammt. Dieser blickte dabei den Weißkittel an. Als der Kittel fertig war, erschien endlich János in der Tür mit den angefragten Utensilien. Ihr könnt jetzt gehen!

So, mein Freund! Wie ist dein Name? Wir haben dich der Einfachheit halber Paulus genannt, so nannten wir bisher alle unser Opfer. Die Rotte an Wanderpredigern, derer wir habhaft werden konnten. Ja, sie sind alle auf mehr oder weniger schmerzensschreiende Art und Weise von uns zu Tode gefoltert worden. Und richtig, wir haben einen enormen Genuß dabei verspürt. Einmalig war jeder. Der Mann ließ ein breites Lächeln in seinen Mundwinkeln spielen. Er fuhr sich kurz mit der Hand durch sein mittellanges, dunkelbraunes Haar, dann schlug diese Hand freundschaftlich auf des Wanderpredigers Oberschenkel. Na, Kerl, wie heißt du? Nenn mich ruhig weiter Paulus. Ich bin nicht so wichtig. Die Worte kamen noch relativ schnell aus des Opfers Mund. Ach ja, ich bin so vergeßlich, verzeih mir, Paulus. Ich habe den Idioten eigens den Wecker holen lassen, und dann steht der unbenutzt hier herum. Oh, meine Gedanken. So, ich stelle diesen Wecker auf 60 Minuten. Das ist die Zeit, bevor wir damit beginnen, das Messerset zu öffnen und dich langsam zu Tode zu quälen. Übrigens die Kanüle ist schon angebracht, damit wir dir ein wenig Desoxynorephedrin spritzen können. Du willst doch schließlich alles mitbekommen. Du willst doch deinen Gott sehen, bevor du stirbst. Paulus Kopf sackte auf die Brust, und Tränen liefen. Ach nein, du bist der Erste, der hier so vor mir sitzt, der tatsächlich weint. Na, wenn das mal keine Überraschung ist! Hey, Jungs, kommt! Der Kerl weint! Seht es euch an. Der Raum füllte sich wieder und der Mann sah zu Lazăr, dem Mann mit Kittel. Wisch ihm die Tränen ab, los! Lazăr trat an den Gefesselten, öffnete die Hose, den Penis in der Hand, ließ er laufen und überschwemmte die Tränen mit einer wohl lange unterdrückten Ladung an Urin. Alle Helfer lachten, Lazăr packte wieder ein. Der Mann bedeutete ihnen mit einem Fingerschnippen, daß sie den Raum wieder verlassen könnten.

Der Mann sah Paulus einige Momente lang an, dann ermahnte er ihn, ihm doch endlich Rede und Antwort zu stehen. Der Wecker bleibe auch erst einmal ausgeschaltet. Aber nur unter der Prämisse, daß Paulus wahrhaftig antworte, so weit es ihm möglich sei. Er, der Mann, würde das schon abwägen können, und wenn ihm die Antworten zu beliebig seien, zu formelhaft, dann könne er nichts tun, dann müsse der Wecker gestartet werden. Und dann sei die Maschinerie des Todes im Gange, und die wolle er dann auch nicht mehr stoppen, denn damit ginge auch eine enorme Enttäuschung einher, die er, der Mann, gegenüber dem Wanderprediger empfinde. Eine Enttäuschung, die sich auch auf persönlicher Ebene abspiele. Er werde Paulus genau prüfen, sehr genau, und dieser solle sich ebenso genau überlegen, was er als Antworten auf die Fragen gebe. Der Wanderprediger hob mühselig den Kopf und schien zu nicken. Der Mann griff sich den Wecker und stellte ihn weit von sich. Wir haben den letzten von deiner Rotte in Italien verdursten lassen. Als wir den Sack mit der Leiche eine Woche später von einigen hartgesottenen Kollegen abholen ließen, muß es einen fürchterlichen Gestank gegeben haben in diesem Kellerloch, wo wir ihn verheizt haben. Die haben den ganzen Dreck verbrannt. Einige Benzinkanister geleert, Zündschnur und das, was noch an festem Material übrig geblieben ist, wurde dann noch ins Meer geworfen mit anderem Problemmüll. Paulus versuchte sich zu artikulieren. Warum? Warum tut ihr das? Was haben wir euch getan? Ja, mein lieber Wanderprediger, warum tut ihr das? Haben wir euch etwas getan? Hör mir mal gut zu, kleiner Mann in gut brennbarer Verpackung. Ich weiß es nicht, was wir euch getan haben sollen? Wir gehen zu den Menschen und erzählen ihnen von gottes wort. Soll ich den Wecker nehmen? Aber was ist denn falsch an dem, was ich sage? Du sollst nicht lügen, Kerl! Aber was soll ich denn sagen? Das ist, was ich getan habe! Das ist vielleicht das, was du meintest zu tun! Hör mir gut zu, kleiner Mann! Dein Fehler liegt schon darin, daß du meintest, von etwas zu sprechen, dessen Quelle du völlig mißverstehst. Wessen Wort war es? Du sagst, gottes wort, und ich widerspreche. Es war nicht gottes wort, sage ich. Wie willst du mich widerlegen? Paulus sank zusammen, dann blickte er den Mann lange an. Ich kann es nicht, denn du willst nicht widerlegt werden. Richtig. Du siehst, du kannst nicht jeden dahergelaufenen Menschen mit deinen Geschichten bequatschen. Es ist schon schlimm genug, wie sehr ihr hinter den Seelen unschuldiger Kinder her seid, ihr Teufelspack! Unter euren Gewändern versteckt ihr eure Schlechtigkeit und deswegen ist alles, was wir machen, eine gute Sache, eine Reinigung der Luft von dem Pestatem, den ihr ausstoßt. Aber sei gewiß, toter Paulus, wir sind nicht nur hinter euch guten, christlichen Missionaren her, wir kriegen alle, die sich hinter dem Bild eines gottes verstecken, um sich nicht gehörige, irdische Macht einzuverleiben. Wir schnappen euch alle und mästen die Meere der Welt mit euren Kadavern. Sprich weiter, alter Mann, toter Mann! Sprich, wenn dir noch etwas einfällt, eine Wahrheit, eine sogenannte!

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

Drei Tage vor meinem kleinen Jubiläum erlitt ich einen Schwächeanfall. Noch in der Nacht wurde ich erneut von Traumgesichtern geplagt. Es hatte sich nichts darin geändert im Ablauf, und in der Art, wie sich am Ufer des Flusses alles ins Dunkel tauchte, sobald mein Blick auf den lumpig gekleideten Mann im Unterholz traf. Ich hatte nach einem Buch in einem der Regale gegriffen, da sackten mir die Beine weg. Ich stürzte zu Boden und mag wohl eine Weile dort gelegen haben. Die innere Mühsal der vorangegangenen Wochen hatte mir jeden Appetit verdorben, hatte mich immer mehr auch ausgehöhlt, die Augen tiefer in ihre Höhlen hinein sinken lassen. Der Diakon, der einen eigenen Schlüssel zu meiner Wohnung hatte, fand mich dort liegend. Er brachte mich mit Wasser und einigem Schütteln wieder zu Bewußtsein. Hernach zwang er mich dazu, etwas zu essen. Mit Widerwillen zwang ich die Nahrung herunter. Sie schob sich an einem aufgequollenen Knoten in meiner Brust vorbei. Ich sähe so schlecht aus, er müsse unbedingt einen Arzt rufen, der mich untersuche, sagte der Diakon. Fast schon schmerzerfüllt, als sei es seine eigene Konstitution. Ich wehrte ab, das werde schon wieder. Als kurze Zeit später die Post eintraf, erhielt ich einen Brief des Bischofs, der mir mitteilte, es sei ihm eine große Freude, daß mit mir einer der ersten Pfarrer einer Gemeinde dazu berufen würde, in einer staatlichen Schule wieder unterrichten zu dürfen. Meine Freude blieb noch aus. Ich fühlte mich zu schwach. Ich setzte alle meine Hoffnung auf Gesundung am Jahrestag. Das Werk dieses Tages, das mich dann auch noch unverzüglich zur Schule führte, um dort das Wort des Bischofs bekannt zu machen, forderte mich so sehr, daß ich den Diakon später bat, die Abendandacht zu übernehmen. Er schien erleichtert darüber zu sein, daß ich nun doch eine gewisse Schonung für meine Gesundheit annahm. Als ich in meiner Wohnung eintraf, bereite ich mich sofort vor, nach einem Gebet mich zur Ruhe zu legen. Der Plan schlug fehl. Die Ruhe kehrte nicht ein. Ich fand keinerlei Konzentration für mein Gespräch mit Gott. Kein freies Wort gelang mir ohne inneres Stottern. Keine Formel griff, mein Kopf schien mit einem Male geleert zu sein. Ich kniete vor meinem kleinen Altar, blickte von unten auf das Kruzifix. Ich kniete als körperliche Hülle. Jesus am Kreuz schien seinen Kopf wegzudrehen. Die Hülle begann ihre Heimat zu verlieren. ich erhob mich und legte mich in mein bett. schnell war ich eingeschlafen, fand mich zum flusse laufend. dort wartete maria, der ich in das boot half. sándor tauchte plötzlich auf, und versuchte zu verhindern, daß wir ablegen konnten. ich versuchte ihn mit dem paddel wegzustoßen. maria drückte sich an mich, ich spürte ihre wärme und ihr zucken, als sie sah, daß sándor zu boden fiel und wir mit der strömung trieben. sándor schüttelte die fäuste und schrie flüche über flüche uns hinterher. ich blickte zur anderen seite des flusses und sah im unterholz den strengen, den geisselnden blick. im boot schrie ich auf, versuchte die richtung hin zur dieser uferseite zu ändern. maria, die nicht verstand was vor sich gehen mochte, begann an mir zu zerren, denn sie fürchtete sich. die augen im unterholz hatten maria besiegt, ich versuchte nun auch sie abzuschütteln, schubste sie, schrie sie an, daß sie mir aus der seele fahren solle, und wieder wurde alles schwarz im schlafe.

Die Nacht wird immer tiefer, doch sind die Zuhörer hellwach. Der Erzähler weiß, daß er sie jetzt fassen muß, um sie in den Strudel eines wahren Alptraumes hineinzuziehen. „Ja, seht Ihr jenen Jan vor Euch, meine Lieben. Seht Ihr, wie sein Kopf sich hin und her bewegt. Er ist vertieft und versunken in seiner Lust. Doch seid vorsichtig, er hebt den Kopf, er sieht Euch an. Er sagt: ‚Die letzten Staffeln der Dunkelheit enden. Zeit, die Augen zu schließen. Und erschließen, sich dem Kreis ergeben. In der Vergangenheit, die Vergewaltigungen, die Ängste, die erschlossenen, erschlaffenden Momente, der Überlebensdrang. Ich habe dir, Susi, soviel zu erzählen, und so heftig ist das Verlangen danach, alles aus mir herauszunehmen, um es zu teilen, mitzuteilen, die ganze Chose auf und ab wandern lassen, dich zu belasten. Nimm mich, nimm die Hand, die ich dir entgegenstrecke. Lösche aus die Zigarette, das Licht, lass die Hand an meiner Hüfte entlangstreichen. Keine Zeit vergeht. Keine Zeit wird je uns entgehen. Ich beginne heftig zu wichsen. Deine Hand legt sich endlich auf die meine, die erstarrt, wie ertappt. Ich schnappe kurz nach Luft und mein linkes Händchen schiebt sich verlegen über meinen Mund. Nein, sage nichts, sagt das Händchen. Fühle mich wie ein Ertrinkender, dessen Hand nach oben strebt, in letztem Willen. Bricht aus mir der Wortschwall, der dich unter mir vergräbt. Ich erzähle die Welt, den Blick auf deine Rosette geheftet, unter jener die Bilder der Entstehungen, das Ficken, das Reiben, das Aussichherausschreiten der Hände, die nach Halt greifen.‘ Die Stimme jenes Jans ist atemlos. Seine Augen sind weit, weit aufgerissen. Er klingt, als habe ein Geist nach ihm gegriffen. Als fühle er eine seltsam, kalte Hand auf seiner Schulter. Fühlt nach! Schaut Euch um! Seht ihr es?“

Paulus versuchte sich aufzubäumen. Was soll ich dir denn sagen? Ihr wollt die Wahrheit doch nicht erkennen. Der Mann sah Paulus scharf an. Der Blick zog sich über endlos wirkende Sekunden. Die Wahrheit, Kerl! Du sprichst von Wahrheit! Die Wahrheit ist nichts, als eine gerade Linie von A nach B. Was sagst du jetzt? Habe ich die Wahrheit? Habe ich sie erkannt und beschrieben? Wo ist dein gott in dieser Linie? Oder wacht er darüber, was wir Menschen als gerade empfinden? Sprich endlich, sonst greife ich mir den Wecker! Mir vergeht gerade die Lust auf dieses fruchtlose Gespräch. Aber gott ist doch überall, nicht nur auf der Linie, sondern auch in ihr, er ist die Linie. So? Und was soll mir das sagen? Wenn dieser gott nun alles ist, rund um die Linie der Wahrheit, dann ist er ebenso gleichzeitig das Nichts, denn er hebt sich in sich selber auf. Denn letztlich sind wir dann auch Teil dieses gott, und was soll das dann sein? Ich würde mich demnach selbst leugnen, und auch dich, alter Mann. Und wenn ich denn leugne, gewinne ich mir die große Freiheit alles tun zu können, was mein Herz begehrt. Und dazu gehörte auch, den Wecker zu nehmen. Überlege dir deine Strategien besser. Wenn du Recht haben solltest, will ich dich auf die bestialistischte Art und Weise hinrichten, die jemals erduldet werden mußte. Und ich werde dann nicht mit dir aufhören, ich werde deinen und jedermanns gott aus dieser Welt herausmorden. du hast es noch in der hand. es liegt an dir. du weißt, daß ich keine leeren versprechungen mache, ich habe die macht und die möglichkeiten, unbemerkt massen an menschen schnell zu tode zu bringen, ohne jemals zur rechenschaft gezogen zu werden. warum gehst du zu den menschen? sag es! ich will den menschen hoffnung bringen. der mann sah paulus wieder einen längere zeit an, dann nickte er. gut. das lasse ich mal als antwort von dir stehen. aber welche hoffnung soll das sein? worauf? paulus seufzte kurz. hoffnung darauf, daß da nicht eine wand als ende ist, sondern etwas, was weiter geht. etwas, das größer ist, als wir menschen. gut, sprich weiter. der tod soll nicht als ende gesehen werden, sondern nur als ein übergang in eine andere, bessere welt. das machte die märtyrer so stark. der mann streckte sich und gebot paulus zu schweigen. gut, das sind deine worte, alter mann. das sei dein standpunkt und das, was du deinen glauben nennst. nun, lass mich sprechen und unterbrich mich nicht. du sprichst von hoffnung. ich will diesen punkt noch nicht angreifen, von mir aus könntest du aller welt von der hoffnung erzählen. doch worauf soll sich diese hoffnung begründen? auf ein physikalisches phänomen? alter mann, ich habe deinen aquinaten gelesen, als ich noch jung war und bin auch heute noch mit ihm einer meinung, daß es einen letztlichen grund für alle existenz gibt, doch er nannte diesen grund gott und ich nenne es einen anfangspunkt. weswegen verändert ihr die namen von naturphänomenen und bekämpftet die götter der nordmänner, die auf genau diesen aspekten aufgebaut waren? nun zurück zur hoffnung. ich frage dich, welche hoffnung magst du einem mann bringen, der seine familie nicht mehr ernähren kann? wenn gleichzeitig die miethaie, wie ich auch einer bin, ihm die wohnung räumen und ihn mit frau und kind auf die straße setzen. hast du mehr als reines mitgefühl zu bieten? wer verzweifelt ist, kannst du dem inneren frieden schenken, wenn du ihm märchen aus weinbergen erzählst? oder verlorenen söhnen, wenn diese nur noch das grab ihres vaters vorfinden? ihr kämpft seit 2000 jahren gegen die unbillen der welt, des lebens und mit der machtbesessenheit eurer größten schafft ihr es, das entsetzen nur noch zu steigern. ich weiß, daß ich dich schockiert haben mag, als ich dir auferlegte, mit deiner antwort das leben von tausenden zu schützen. aber du bist angemessen ehrlich für einen christenprediger und das weiß ich zu schätzen. das kannst du mir glauben. die meisten deiner rotte haben schon auf den straßen nur gelogen und sich vorteile erschlichen, wo es nur ging. sie haben händel ausgefochten untereinander, und hätten nie die gerade linie der wahrheit erkennen können. deswegen haben sie nie die chance erhalten, sich zu rechtfertigen. wir haben ihre kehlen aufgeschlitzt, wie von schlachtvieh und für mich sind sie noch weniger wert, denn solch faules fleisch will keiner mehr essen. ja, und von daher kann ich dir sagen, wie es um deine märtyrer bestellt ist. wer sagt dir, daß die alten und für eure sippschaft so glorreichen geschichten stimmen? das sie sich in ihrem mute suhlten, das sie ausriefen, wo denn der stachel des todes sei? also höre mir gut zu, wenn ich dir mitteile, daß dein gesindel, das wir bisher auslöschen konnten, nie als wahre märtyrer gelten wird, denn mut und aufrechtes in den tod schreiten wird wohl anders aussehen. keiner war mutig. keiner war standhaft. jeder hat gefleht, solange es noch ging. bei manchem war das zuende, als wir zungen herausgerissen haben, aber dann flatterten die hände, die finger, die augenlider. wie wollten sie noch um ihr lächerliches leben barmen! märtyrer waren meine leute und ich, die wir dieses bizarre schauspiel ertragen mußten. der mann wendet sich kurz ab, dann mit einem bösartig glitzerndem lächeln um den schmallippigen mund: wir haben deine genossen nur gefangen und getötet aus einem einzigen grund. willst du es wissen? ihr geht uns sowas von auf die nerven. ihr spielt aller welt etwas vor, als hättet ihr ein wissen, das nur euch zuteil ward und ihr wißt sehr wohl, also die klügsten unter euch mögen es wissen, daß sich hinter dem ganzen mummenschanz nur leere verbirgt. wahre mystik kennt ihr nur vom hörensagen. wahre versenkung in den geist der welt, der natur, kennt ihr nur vom hörensagen. wahre vereinigung. kennt ihr dieses wort? ihr seid ein armseliges gesocks, ein geschmeiß! ihr wollt den menschen hoffnung bringen, sie lehren den horizont zu erfahren, ja zu erweitern? währet ihr nicht ein massives instrument der macht, so müßte ich jetzt laut loslachen. doch seit ihr mir alle auch ein dorn im auge. alle, die ihr vorgebt an eine göttliche macht zu glauben. ihr lügner!

Kid lehnte sich tief in den Stuhl zurück, sah Kerry mit einer Überlegenheit an, die ihn wachsen ließ. Die Sonnenbrille lag ebenso majestätisch vor ihm. Er faltete seine Hände kurz. Soll ich dir von diesem einen Trip erzählen, soll ich dich vage daran teilhaben lassen? Einen versuchten Einblick gewähren, der aber nie das Erlebnis selbst auch nur annähernd widergeben kann? Kerry, ich werde es versuchen, doch sollten wir uns lieber an einen Platz begeben, wo wir ungestört sind. Die Angesprochene blickte den müden, aber freudig Strahlenden prüfend an, um folgend die charmante Bedienung zu ihrem Tisch zu bitten. Als Kerry fertig gezahlt hatte, griff sie noch die Hand der jungen Frau, wechselte einige für Kid unverständliche Worte mit ihr, worauf die Kellnerin kicherte, den Kopf schüttelte, um dann rot werdend, noch ein vermutlich bejahendes Nicken hinzuzufügen. Währenddessen hatte sie ihren Blick auf Kid gerichtet, der saß und die Szenerie verständnislos betrachtete. Kerry erhob sich. Okay, wir können gehen. Kommst du? Was hast du noch mit der Kleinen geredet? Du solltest mir vertrauen, Kid. Es hatte nichts mit dir zu tun.

Kerry lotste Kid Quarantine zunächst noch weiter in das Zentrum der Stadt. Als sie sich einige Zeit durch die reich bevölkerten Plätze gekämpft hatten, begann sich das Bild langsam zu ändern und die Gebäude wurden älter, die Straßen enger, Kids kurioses, so zuvor noch nie erlebtes Angstgefühl wieder schwächer. Er gewann wieder seine Selbstsicherheit zurück, sein Schritt wurde breitbeiniger, federnder. Vor der Tür eines vom Putz her schwächelnden Hauses hielt Kerry an, zog einen Schlüssel, öffnete und lotste Kid in einen engen Hausflur hinein. Sie entledigte sich an einer Ablage ihrer Sonnenbrille, des Mantels und öffnete ihr Haar. Die Tapete der Wand erinnerte Kid an Absteigen in Südfrankreich, in welche er willigen Frauen folgte, ockergelb als vorherrschende Farbe. Wo sind wir hier, Kerry? Willst du nicht wissen, aber der Mann findet niemanden hier und das muss für dich vorerst reichen. Und jetzt ab da in das Zimmer mit dir. Willst du noch was trinken? Ja, noch einen Kaffee und vielleicht ist etwas Wein hier? Sicher, machs dir schon mal bequem, ich bin gleich bei dir. Kid trat in das bezeichnete Zimmer. Zwei Stühle, ein Tisch. Eine Matratze auf dem Boden neben der Tür. Ein blindes Fenster, durch das ein übel milchiges Licht sickerte. An der entfernten Wand ein Madonnenbild. Ein alter Ofen. Kid prüfte die Matratze und legte sich darauf. Nur wenige Momente, dann war er eingeschlafen.

Der Erzähler mahnt: „Seht Euch vor, meine Lieben. Nicht alles, was ich je sagte, ist wahr gewesen. Prüft und seid vorsichtige Hörer. Kennt Ihr jenes Jans Angst? Habt Ihr sie schon erfahren? Doch ich will nicht pausieren und führe Euch weiter hinein. Susi griff nach Jans Hand. Ihre Finger spielten miteinander, glitten ineinander, mit Sehnsucht, die in den Adern brannte, trennten sie sich, um sofort zueinander zurück zu kehren. Sie fragte, was er jetzt tun wolle. Er verhielt sich still, ließ sein Händespiel verstummen, und meinte, er könne es ihr nicht sagen, da er es nicht wisse. Sein Blick floss an ihren Beinen entlang, blieb an ihren goldfarbenen Pumps haften. Verharrte dort. Eine lange, lange Zeit, die sich gegen die Worte hin in diesem Zimmer ausdehnte. Sie strich über seine Brust, fragte ihn, warum, nach all den Worten, sie es nicht endlich täten? Alles Blut floß im Zentrum zusammen und trieb den Turm zum Aufstand, und der verlassene Kopf samt Verstand sank ins Kissen und keuchte vor sich hin, bis er seine Worte geordnet hatte. Er habe es sich versprochen, und er wolle auch nicht, es könne nicht sein, doch sehne er sich danach. Seine Hand griff in ihr blühendes Leben hinein, wollte sich schon ein Finger einen Eingang herbeikrümmen, doch brach der Versuch auch hier in sich zusammen, ließ der Schädelinhalt die Schwäche hinauslaufen. Jan wühlte sich unter das Laken und drängte seinen Körper hin zu ihr. Er bat sie, ihn festzuhalten. Eine nur kurz Pause. Dann folgte das einsame Wort Bitte. Ich werde Euch nun an den Gedanken jenes Jans teilhaben lassen, wie sie mir berichtet wurden: ‚Mein ist die Welt, die ich mir erschaffe. In die ich mich hineinfallen lasse. Mach die Zigarette aus. Lass nicht giftige Dämpfe in deinen Körper eindringen, lass sie nicht deine Lebenskraft zermürben. Beende deinen Aufenthalt in der Gaskammer deiner Leidensfähigkeit, dieser Trampelpfad zum Suizid. Denn Sterben schmerzt, und Sterben ist ein Akt der Dauer und der Demut. Es ist kein Ich-Will-Dies-Und-Ein-Wenig-Jenes. Es ist ein Ich werde das tun müssen. Und an der Hand genommen werden, auf dem letzten, dem steinigen Weg. Mach die verdammte Zigarette aus. Ich will endlich schlafen, will ankommen in der Welt, die ich mir erschaffe in dieser Eigenschaft eines reinen Geistes, der über allem schweben kann, wenn des Körpers Gewicht von ihm genommen und die Endlichkeit versickert.‘ Jener Jan sah in diesen Momenten seine Partnerin an. Darauf sagte er, daß er müde sei. Er sagte, daß er sehr müde sei. Er sank etwas fester auf ihren Körper herab.“

ich selber bin auch kein großer verfechter von hoffnung, mystik und dem geist der welt, doch ich weiß, daß diese dinge existieren. wo ist die mystik in deiner welt, kerl? wann hast du ihr zuletzt eine chance gegeben und hast du sie anderen menschen gezeigt, gelehrt? der mann, den sie paulus nannten, senkte den kopf und durch ein kopfnicken in richtung des weckers, mochte er den mann auffordern diesen in gang zu setzen. der mann war erstaunt. du willst nicht weiterkämpfen, für dich und für die, welche ich nach dir zu tode bringen werde. vielleicht werde ich das auch lassen, es hängt davon ab, welche wut auf dich und deine welt ich verspüren werde. aber sage mir, alter wanderprediger, liebst du die welt? oder hasst du sie? meistens liebe ich sie. erzähle mir jetzt davon, was du an der welt liebst. ich lebe für die worte des herrn. und ich will sie allen menschen vorstellen und ihnen dadurch zu einem besseren verständnis für den gang der welt im auge gottes geben. das ist ein für deine verhältnisse vernünftiger satz gewesen. der satz ist nicht übertrieben formelhaft, er ist nicht erlogen, ich glaube dir. ich glaube daran, daß du die dinge so siehst und liebst, wie du es gerade gesagt hast. nun. ich werde nun den wecker starten, denn letztlich geht es mir darum, daß wort auszulöschen, wo ich nur kann. dein wort ist gift für die ohren der menschen, die es hören. lieber möchte ich, daß die menschen, die ihr rattenfänger mit euren worten besudelt, hoffnungslos dahindarben, als daß sie durch falsche, illusionäre hoffnungen betäubt werden. es gibt kein leben nach dem tod, und diese erkenntnis erhältst du zeitnah und kostenlos. leute! kommt rein, der wecker läuft. paulus augen aufgerissen, sein mund klappte auf. schert ihm den kopf. es wurde der kopf des wanderpredigers geschoren. reißt ihm die finger- und fußnägel aus, damit sie nicht mehr weiterwachsen nach seinem tod. daraus soll kein schiff gebaut werden. es wurden die fingernägel, darauf die fußnägel ausgerissen. wieviel zeit haben wir noch, János? es ist noch eine halbe stunde. na, wir sind schnell. stellt euch auf, schießt ihm in die knie. jeder hat einen schuss. der mann verließ den raum, während sich seine helfer aufstellten und dem wanderprediger in beide knie schossen. als der mann wieder erschien, war der wanderprediger nahe der bewußtlosigkeit vor schmerz und vor blutverlust. den rest geben wir ihm draußen im hinterhof, der beton muß noch etwas stärker eingefärbt werden. sie schleppten paulus vor die tür. János, der leicht zitterte, legte den kopf in eine schlinge, damit er in die höhe gehoben würde. zwei weitere helfer hatten die arme mit einer apparatur verbunden, die diese ebenfalls nach oben rissen. all dies hatte zur folge, daß der mann hinter den wanderprediger trat, ein gebogenes schwert aus seiner scheide zog, diese zur seite legte, zielend an den nacken des opfers anlegte, das schwert hob und niedersausen ließ. der mann brauchte einen zweiten hieb, bis der kopf vom rumpf abgetrennt auf dem boden lag. der mann wirkte ermüdet. er verließ den hinterhof, trat wieder in das Postmortem ein und zog sich dort in seine gemächer zurück.

Die besten Filme sind jene, die Ungeträumtem ähneln, die Grenzen verwischen in einer selbstgewählten Willkür. Die gemacht sind und erschaffen, die wollen und gewollt sind. Die beste Musik, die besten Bücher, die beste Malerei, alle sind sie gemeint. Verlangen das Versinken in unbewußten Räumen.

der mann trat zu ephraistos, dem höchsten seiner helfer und sprach: wir sollten uns noch einen suchen. sicher ist noch einer draussen, der uns nicht enttäuschen wird. ephraistos nickte.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

der morgen des tages, auf den ich gewartet hatte, war gekommen. die gebete der letzten tage waren mehr und mehr zu reinen versuchen der kommunikation geworden, die ich immer schneller abbrach. ich fühlte mich alleine gelassen. kein wort fand ich, daß mir in meiner situation hilfreich schien. da war dieses begehren, da war diese flammende sehnsucht nach jener frau. dort war die vernunft, die sprach: die frau ist verheiratet. du bist ein pfarrer. du bist eine gemeinschaft mit deiner gemeinde und mit der kirche eingegangen. das ist deine familie, von der du dich nicht trennen kannst. du hast geschworen, kein mann mehr nach der reinen biologie zu sein. du hast den wunsch des paulus erfüllt, und bist unverheiratet. was ich denn, um des herren willen, wolle, fragte die vernunft. und der am kruzifix schwieg. ich verließ das haus und wandte mich gen maria. das boot hatte ich am vorabend noch klargemacht, es lag am ufer, von dem ich seit wochen träumte. zu gut, schien mir, hatte ich die umgebung dieser stadt in den letzten zwölf monaten kennengelernt. ich eilte die straße entlang, grüßte hier und auch dort. die sonne schien tatsächlich, doch war es noch frostig. ich stellte meinen jackenkragen hoch. endlich kam ich an, klopfte und maria öffnete. sie sah mich verwundert an, als ich sie aufforderte, mir zum boot zu folgen. aber ich hätte sie doch vor wochen dazu eingeladen! ja, sie erinnerte sich, und meinte dann lächelnd, sie hätte das für einen jux gehalten. nein, es war kein spaß, das boot läge am ufer und wartete auf uns. oh, nur wir beide, wollte sie wissen. ja, bekräftigte ich. es ginge nur um uns beide. es sei mir wichtig, diesen tag ausnahmsweise nur mit ihr zu verbringen. ich hätte keinerlei termine am heutigen tag und ich hoffte, sie könne nun wenigstens etwas zeit frei machen. sie überlegte kurz und wandte sich, um eine gefütterte jacke zu holen. als sie mit dieser vor die tür trat, wußte ich wieder, was mich so an ihr anzog. nur allein sie anzusehen war schon die pure freude. wir gingen los und erreichten schon bald den weg, der zum ufer führte. bis dahin hatten wir fast nur geschwiegen, doch nun fragte ich sie, wo sándor und ihr sohn seien. der eine sei doch in der schule, während sándor mit anderen aus ihrem viertel in die hauptstadt aufgebrochen sei. dort gäbe es eine große demonstration, bei der sie mitgingen. ich nahm dies zur kenntnis, doch sie drang nun in mich, worüber ich denn vor monaten mit sándor gesprochen habe, sie wüßte nur, daß es um politik ginge, denn das wären meine worte gewesen. sándor selbst habe nie darüber gesprochen. er hätte sich jedoch später irgendwie verändert, habe ihr nicht mehr diese steine in den weg gelegt, wie in der vorangegangenen zeit. nein, er habe sich eher von allem zurückgezogen, viel weniger mit ihr und dem jungen geredet. und im gegensatz zu jeher, habe er begonnen, sich politisch zu engagieren. das mache sie nicht sehr glücklich, denn er tendiere zu den nationalisten, die sich jetzt am rand der partei abspalteten. sándor und seine spinnereien liessen mich auch heute kalt. doch war mir der eindruck eines aufmerksamen zuhörers wichtig, denn ein gewisses maß an sympathie wollte ich, trotz all meiner verwirrung erhalten. so entspann sich tatsächlich ein gespräch, daß nicht nur klang, als sprächen original und abglanz miteinander. nein, seit langem empfand ich, daß eine beziehung sich bilden könnte. mein teilweises heischen um freundliche beachtung verlor sich, und ein gefühl an wärme bildete sich. wir erreichten das ufer und bestiegen das boot. ich hatte die paddel ergriffen und mühte mich eine korrekte richtung zu erreichen. maria, die rechte hand am kinn, trug ein lächeln. das bild weiblicher eleganz, schoß es mir durch den kopf. maria, sagte ich, kommen sie mit mir. ich habe verbindungen nach frankreich. dort fangen wir neu an. die welt ist dort nicht schöner oder besser, als hier, aber dort können wir frei leben und miteinander neu anfangen. verlassen sie sándor, der sie niemals glücklich machen könnte. ihren sohn können wir mitnehmen, das ist selbstverständlich, aber was soll sie hier noch halten? was wollen sie hier erreichen in ihrem leben? ich finde für mich schon keine zufriedenstellende antwort auf diese frage, und ich nenne mich einen mann gottes. das impliziert doch, daß ich antworten auf alles und jedes habe. es sollte keine eventualitäten geben, die ich nicht erklären oder lösen könnte. und doch bin ich im innern tot, und ganz von dieser geraden straße abgekommen. und das ist so, seit ich sie zum ersten mal gesehen habe. alles, was ich glaubte, scheint mir nun falsch. ich werde nicht mehr gehört. dabei zeigte mein finger zum himmel herauf. es besteht keine verbindung mehr. ich bin abgeschnitten. also will ich mein irdisches leben in die eigene hand nehmen und wozu sollten wir diese neuen freiheiten nicht nutzen, die sich gerade auftun und zusammen ein neues leben beginnen. bei mir können sie so viel lernen und lesen und bildung aufsaugen, wie sie wollen. soviel sie ertragen können. maria, ich träumte, wie sie vor den schlägen sándors zu mir eilen, und sich in meine arme fliehen. und es fühlt sich so richtig an, wenn ich sie in meinen träumen im arm halte und sie vor dem enthemmten schütze, wenn er den lederriemen schwingt. ich hoffe nicht, daß er es in wirklichkeit je getan hat. ich kam hierher vor genau einem jahr, um hier meinen teil zum bau einer neuen burg gottes in unserem land zu leisten. jahre habe ich geduckt im halbdunkel gelebt. die polizei hat die schule, an der ich lernte und geweiht wurde, immer wieder einmal mit razzien überzogen und manchesmal ist auch ein bruder abgeführt worden. mancher ist auch zurückgekehrt und hat geschwiegen. aber wir wußten immer, daß es noch gut ging, im gegensatz zu den brüdern in den bruderstaaten, die wirkliche verfolgung zu überstehen hatten und auch diese können jetzt langsam aufatmen. in jenen zeiten sollte der glaube stark und unzerstörbar werden, denn geprüft wurde ich beständig. ich wurde kurz von dem gefühl befallen, ihr alles zu beichten, alle meine verfehlungen in den vergangenen zweiunddreißig jahren, von den gehäßigkeiten gegenüber meinen geschwistern, der wollust in der jugend, die sich ihren weg bahnen mußte, ohne das ich lange einen weg finden konnte, sie unter meine herrschaft zu zwingen, bis hin zu den blicken, die ich gleichfalls jungen brüdern hinterherwarf oder spürte, daß brüder mir wohlwollend hinterherblickten. von anderen dunklen gedanken, die mich von zeit zu zeit heimsuchten als innere prüfung des satans, ganz abgesehen. und hier saß ich, und legte meine herz einer frau vor die füsse. doch ich sagte nur: bitte seien sie großzügig, maria, wenn sie meine werbung bedenken. ich stehe als mensch vor ihnen, nicht als pfarrer. ich stehe als freier mann vor ihnen, nicht als dienstfertiger teil einer gemeinschaft von wirklich glaubenden. ich habe immer nach einem körnchen an heiligkeit in meinem leben gesucht und muß einsehen, daß es diesen fund nicht geben wird. niemals. nicht für mich. aber, wo ich keine heiligkeit finden kann, da will ich ihnen ein gutes heim bieten. gleiches für ihren sohn. bitte, maria.

Der schlafende Kid Quarantine wurde von zwei Frauen begutachtet, die ihn in perfektem Englisch kommentierten. Eine der beiden Damen nannte sich Kerry. Ein Nachname gehörte nicht zu ihrer Identität, wurde auch nie nachgefragt. Die zweite Frau, deren Name Aisha lautete, arbeitete in einem Café als Kellnerin. Aisha zog eine Ampulle aus ihrer Manteltasche und reichte sie Kerry, welche sich die Flüssigkeit im Inneren genau betrachtete. Es handelte sich um 30 ml klarer Lösung, in welcher ein leichter roter Faden zu sehen war. Du bist dir sicher damit, Aisha? Ja. Absolut. Ich habe es über Laszlo erhalten. Kerry lächelte. Es sind immer undichte Stellen in den Systemen der Männer. Geben wir ihm sofort die komplette Dosis? Natürlich, wir wollen doch sichergehen, daß dieses Kerlchen seine Ziele erreicht! Er will unbedingt diesen Trip erleben und er will dem Mann begegnen. Er soll alles haben. Kerry, hast du eigentlich inzwischen in Erfahrung bringen können, wie dieses Zeug hergestellt wird? Ach, das ist so simpel, daß jeder drauf kommen könnte. Gleichzeitig ist es absolut widerlich. Ich erzähle es dir später, wenn unser Kid seine Show erlebt hat. Vielleicht wird er sie sogar überleben. Kerry blickte sich die Ampulle erneut genau an. Hmm, ich befürchte, er wird sich eilen müssen. Ein kleiner Teil der Flüssigkeit ist Heroin, doch kenne ich nicht den Grad der Reinheit, beziehungsweise der Verdünnung. Bislang habe ich aber nicht gehört, das Überdosen zum Tod geführt hätten. Andererseits stirbt Kid eher durch eine Unterdosis, so sehr hat er seinen Körper schon mit Narkotika angereichert. Heroin? Ja. Und eine besondere Zutat, die es zum einen so geheimnisvoll macht. Darauf sind die Kerlchen alle ganz wild. Oh ja! Wenn Männer anfangen zu tuscheln, dann läuft etwas richtig schief! Aber sag mal, wo hast du dieses ganz schnuckelige Kerlchen denn aufgetan? Der Mann hatte ihn vor Jahren kurz erwähnt, ihn einen windigen Charakter genannt, den er stehen gelassen hat, bevor der ihn wütend machen konnte. Der Mann hat ihn damals wohl auch willentlich aus den Augen verloren und nicht einmal Ephraistos konnte etwas mit dem Namen Kid Quarantine anfangen. Vor fünf Monaten habe ich eine Spur gefunden, über die ich seinen Aufenthaltsort in Erfahrung bringen konnte. Er hatte sich in Frankreich in einem Waldgebiet ein Haus bauen lassen und sich dort eigentlich versteckt. Ein alter Bekannter, der mir noch mehr als nur einen Gefallen schuldete, hat ihn dann bearbeitet und auf den Weg zu uns gebracht. Bevor wir ihn gleich fertigmachen, was meinst du, Kerry, ist er wirklich so gut? Ob das wichtig ist, liebe Aisha! Na, er ist nicht schlecht gewesen, er wußte, was er tut und auch wie. Aber seien wir ehrlich! In unserem Job wird es irgendwann egal, ich habe meinen Spaß, mein Geld und einen schönen Zeitvertreib. Und nebenbei geht es hier um wichtigeres, als ob dieser Kid ein guter Lover ist! Sollte er heil durchkommen, kannst du ihn gerne mal testen. Wenn sich dann noch etwas regt. Bringen wir ihn lieber auf die Bahn. Aisha reichte Kerry die Manschette, um den Arm abzubinden. Kerry klopfte auf den mit reichlich farbigen Venen durchzogenen linken Arm Kids. Dieser regte sich mäßig unter dem leichten Schmerz. Doch er schreckte auf, als die Nadel einstach. Aisha hatte Kids Kopf unter Kontrolle, Kerry hatte sich zur Injektion auf ihn gesetzt. Hallo Kid, hast du gut geschlafen? Wir haben dir den Trip gespritzt. Jetzt kannst du uns richtig zeigen, wie er wirkt. Du willst den Mann sehen? Er ist heute im Postmortem und vielleicht wirst du gar erwartet. Lauf los, Kid! Hol ihn dir! Kaum, daß Kerry dies gesagt hatte, war Kid zur Tür hinaus. Die beiden Frauen rappelten sich auf, niedergestreckt durch die Wucht von Kids Abgang. Wie erfahren wir, was jetzt passiert? Gar nicht, Aisha. Wir werden jetzt langsam in Richtung Postmortem schlendern und uns in der Nähe aufhalten. Vielleicht werden wir etwas sehen. Aber das Endergebnis werden wir erfahren. Und das wird zu unser aller Besten sein. Das kannst du mir glauben.

Der Erzähler hat seine Zuhörerschaft gebeten, aufzustehen und sich neu um ihn herum zu gruppieren, so daß er die Mitte bildete. „Seht, meine Lieben, es hat einen Sinn, warum wir uns in diesem Moment vom wärmenden Feuer wegbewegen und ich Euer Zentrum werde, denn wir bewegen uns nun ebenso in den Fokus meiner Erzählung hinein. Hört nun Worte, die den Gedanken jenes Jans entlehnt sind, und die einer offiziellen Charakterisierung gleichen mögen: Das Selbstbildnis steht in starkem Kontrast zu der erfahrenen Wirklichkeit. Geprägt durch übernommenen Hass, der mehr ist, als nur gegen die ihn in die Welt Bringenden gerichtet. Jan sähe gerne ganze Straßenzüge mit gekreuzigten Männern und Frauen, die sich möglicherweise des Verbrechens rechtsradikalen Denkens schuldig gemacht haben. Oder einfach nur jene begafften, die in die Höhe gelangten. Jan ist so von Ängsten geplagt, die ihm die Obrigkeiten injizierten, daß er jedes politisch motivierte, doch nicht fundierte Großmachtdenken für ein Verbrechen wider seine Menschlichkeit erfährt.“

ephraistos war es, der nach zwei wochen recherche den passenden treffer bot und sich mit einem vierköpfigen kommando in süden der türkei aufmachte. er hatte dem mann noch zugerufen, daß es lohnen würde, die umgebung von tarsus ins auge zu fassen, und schon hatte er dörtyol auf dem schirm. der mann mahnte zur eile, nicht daß das kommando sich zu sehr an der nahen küste gütlich täte. nein, widersprach ephraistos, dort sei ein nest, daß es zu zerschlagen gebe. und so schrieb die hürriyet einige tage später von einem widerlichen mordanschlag auf ein kleines kloster in dörtyol, bei welchem sechs der sieben bewohner enthauptet wurden, der letzte bewohner sei verschleppt. die türkische politik, die medien, die gesellschaft schüttelten sich vor scham, wut und ekel und jeder versichterte, daß den christen im lande niemand übel gesonnen sei. ephraistos kehrte mit dem oberhaupt der klostergesellschaft inzwischen in den räumen des postmortem ein. der mann hatte sich geflissentlich vorbereitet und die zwei printveröffentlichungen seines kommenden gastes studiert. dieser trug den offiziellen namen johannes, doch der mann ließ ihm sofort und unmißverständlich mitteilen, daß er nur den namen paulus für seine gäste akzeptiere. der, ob der zielstrebigen aggressivität seiner gastgeber sichtlich verstörte johannes ließ sich ohne diskussion darauf ein. als der mann hiervon erfuhr, gab er den befehl, den bereits weit über sechzig jahre zählenden mönch auszupeitschen. das werde ihn lehren, in zukunft seine ansichten mit etwas mehr rückgrat zu verteidigen. für jeden hieb, solle der schlagende, dem alten einen merksatz ins ohr brüllen. der mann setzte sich, sah ephraistos an und wirkte wütend, doch auch gleichermaßen niedergeschlagen. man solle paulus nach der geisselung auf das bett ketten und ruhen lassen, er wolle ihn in der morgenstunde zum gespräch bitten. János solle die wache übernehmen und mit schlägen auf die knöchel jedwedes beten unterbinden. nach einer langen nacht, erschien der mann in der tür und besah sich seinen gast. er hat noch seine haare! sofort scheren! das sollte sofort erledigt sein! ich habe immer darauf hingewiesen, daß die prediger sofort zu scheren sind, wenn sie in unserer hand sind. in ihren haaren steckt eine energie, derer wir sie entledigen müssen. los, János! hol die messer und fang an! der angesprochene eilte davon und kam nur wenige momente später mit zwei schermessern und einem eimer wasser zurück. dieser wurde dem angeketteten über den kopf gegossen, und schon legte János ohne jedwedes feingefühl los. fünfzehn minuten später war der schädel des mönch mit schnittwunden übersät. der mann hatte die prozedur überwacht und nun setzte er sich auf den bereitgestellten sessel. die hände des alten wurden von ihren ketten befreit, er wurde aufgesetzt. seine knöchel waren bläulich schimmernd. der mann besah sich die verletzung. in diesem haus ist jedes beten verboten. auch für gäste. das solltest du jetzt wissen, alter mann. wir schweigen in unseren gedanken. wir sprechen das nichts nicht an. der mann sah dem alten feste in die augen. dieser hielt dem blick nicht stand. verstand er nicht, was der mann sprach? sein kopf rutschte auf die brust. und waren das etwa tränen? der mann schrie vor wut auf. soll ich dich totschlagen lassen, wie einen tollwütigen hund? ich kann es sofort befehlen! ja, es würde mir sogar gefallen, dabei zuzusehen. du christensau! ihr kotzt mich an mit eurer nichtsnutzigkeit! wo ist dein gott, kerl? wo ist er? glaubst du etwa daran, daß du in sein sogenanntes königreich einkehren wirst, wenn wir mit dir fertig sind? Wir haben alles, was wir brauchen, um dich lange genug am leben zu halten, damit du die schmerzen in die allerfeinste todessehnsucht überträgst, kerl! du wirst zuckend ins jenseits stolpern, und weißt du, was dich dort erwartet, du durchgeknallter greis? nichts! nichts! überhaupt nichts! paulus kopf hob sich leicht. nach einigen momenten blickte er den vor wut fast schon röchelnden mann an. warum bist du so voller hass? ich schlage dich selber tot! jetzt! muß ich mir so einen dreck anhören? weißt du nicht, das du nur noch wenige schritte von einem fürchterlichen tod entfernt bist, kerl? paulus‘ blick blieb nun stark. du sprachst davon. deine leute sprechen davon, seit sie mich aus meinem bett gerissen haben. seit sie meine brüder getötet haben. ich sah, daß sie bruder erol enthaupteten. haben sie meinen anderen brüdern ebenfalls….? ja. und wenn du nicht aufpaßt, dann werden wir mit deinem kopf noch fußball spielen. du legst es ganz darauf an. ich habe es doch nicht in meiner hand, herr. ob ich jetzt totgeschlagen werde, oder später zu tode gefoltert? der alte mönch sprach mit leiser, zittriger stimme, doch war dies eher seinem körperlichen zustand geschuldet. was spielt das für mich eine rolle? und, woran ich glaube, was nach meinem tod ist, und was ich sehe, das tut hier nicht zur sache. das ist für mich privat. oder sehen sie das anders, herr? der mann setzte sich, wischte sich den schweiß von der stirn. dann erhob er sich kurz, griff sich einen ledergürtel und schlug mit aller wucht, die er aufbrachte dem alten über kopf und rücken. der zuckte tief und krümmte sich vor schmerz. so, alter mann. jetzt können wir reden. du bist also keiner von den penetranten missionaren, die ihr wie mücken ausspuckt und die so gern alle scheiße, die sie finden, auffressen? der mann bedeutete dem alten, daß er sprechen solle. nein, ich bin nicht für das gewissen und das leben anderer menschen zuständig. ich sorgte mich alleine um unsere kleine gemeinschaft im kloster in dörtyol. natürlich hatten wir viel mit den leuten vor ort zu tun, wir handelten mit ihnen, und wenn einige mit nöten zu uns kamen, halfen wir ihnen. auch denen, die an mohammed glauben. wir halfen allen, die unsere hilfe brauchten. dafür wurde auch uns meist geholfen, wenn wir etwas benötigten. na, so sollte es immer sein unter menschen, findet ihr nicht, herr? nein. so ist es nicht unter menschen. und das weißt du genau. das kann bei dir in deinem kleinen kloster funktioniert haben, mit den leuten, die mit euch verkehrten. das kann auch anderswo im kleinem funktionieren. selbst hier sind wir eine gute gemeinschaft, wobei uns der hass auf die religionen vereint. und das regelmäßige erschlagen von gläubigen. ja! das verschafft uns ungemeine befriedigung. wenn wir wieder narren den spiegel vorhalten konnten, mit dessen scherben wir sie dann aufschlitzen. der mann lächelte für sich. sie grenzen sich ab gegen andere menschen, herr. sie lassen niemanden an sich und denken in klassen. und die grenzen zwischen den menschen ist der hass, den sie spüren. warum ist das so? sie töten keinen menschen, weil es ihnen so gut gefällt. es ist ihre angst vor dem eigenen tod. sie leben hier in einer gefährlichen situation. ich vermute, daß diese pracht, die ich dort draußen angedeutet gesehen habe, nicht auf ehrlicher arbeit errichtet ist, sondern durch angst und ausbeutung. und da sind vermutlich auch viele feinde dort draussen, die es nicht gut mit ihnen meinen, herr. der alte mönch wirkte erschöpft, sank leicht zusammen und begann ein lied zu summen, leise. es war eine höchst einfache weise, die er summte. griechisch anmutend, lagen die sanften, kleinen töne in der luft des kargen raumes. der mann hielt seinen kopf in den händen. herr, ich habe doch wirklich nichts mehr zu verlieren, also was soll ich denn anderes geben, als das, was ich als wahrheit empfinde. ich hatte nur unsere gemeinschaft, und die habt ihr aufgelöst. aber das ist auch in ordnung. nicht, daß ich diese gewalt, die ihr über uns bringt, gutheissen möchte, aber kein tod ist besser oder schlimmer, als der andere. und ich bleibe dabei, das alles, was nach meinem tod mit mir geschieht, alleine mein ist. das kann mir kein mensch nehmen. aber ihr steht zu sehr in der welt und im kampf gegen die welt. ihr seid so angefüllt mit einer negativen energie, daß sofort ein großes gewitter aufzieht, wenn etwas gutes und positives in eurer nähe erscheint. das muß doch nicht so sein, herr. vielleicht ist das letzte, was ich auf dieser welt tue, das ich euch eine möglichkeit aufzeigen kann, wie es anders sein könnte. redet ihr mit mir. kommt mit euren nöten zu mir, wie es die bauern, die händler, die handwerker, die männer und die frauen in dörtyol getan haben. der mann sprang auf, griff sich den gürtel und hieb mehrere male mit aller kraft auf den mönch. er blickte ihn wie irr geworden an, mit fletschenden zähnen. der mann wollte sprechen, doch schienen ihm die passenden worte durch die zitternden hände zu rinnen. ein weiteres mal schlug er auf den gefesselten. dieser war blutüberströmt, auch hatte die schnalle bei einem der schläge das linke auge des alten getroffen. der mann setzte sich und rief nach János. mach ihn sauber. und wenn eine wunde zu viel blutet, dann verbinde sie. schnell. und wenn du fertig bist, ruf mich und laß uns allein. der mann verließ den raum.

der erzähler erhob sich, starrte wie betäubt, fand dann einen moment, in welchem er inne halten konnte. plötzlich erkannte er in seinen gedanken strukturen, wo er zuvor nur ein chaotisches gewimmel wahrnehmen konnte. doch fühlte er keine freude über diesen schritt. nein, in ihm wuchs etwas heran, das auch aus ihm herausbrechen wollte. es war wut. es war zorn. es war der anblick des nagelbretts, das er seine seele schimpfte. das szenario, das sich vor ihm darstellte, es wuchs ein gefühltes ungemach, das machtvoll in seinem inneren rumorte. was er sah und spürte, ekelte ihn, ließ seinen atem rasseln. er setzte sich wieder hinein in das zentrum der gruppe und sprach: „ich bin der erzähler. ein widerlicher mensch hält meinen nacken im sogenannten schwitzkasten. er raunt mir widerliches ins ohr. er raunt vermischt mit übelriechendem atem, was ich zu tun und vor allem, was ich nicht zu tun habe. um den widerling und mich stehen die schergen des widerlings, die sich entweder den zielen des widerlings verschrieben haben oder deren ziele durch das tun des widerlings erreichbar werden. im hintergrund wird es auch eine sogenannte staatlich sanktionierte macht geben. diese sitzt vermutlich in einem abgedunkelten raum und masturbiert. gelangweilt. diese staatliche macht nennt sich polizist, finanzbeamter, schulleiter, prüfungskommissar, ist manches mal männlich, manches mal weiblich, meistens eine masturbierende verschwendung. sie lungert fein im blickbereich des unrechts, das mich, den erzähler peinigt, der vor qual gar nicht weiß, welche nacken er eher knacken soll. jede seite ist ihm zuwider. hier geht der sämann über land und streut den samen des hass.“ Der Erzähler atmet einige Male tief ein und aus. Dann streckt er sich, ohne die Hände zu heben. Blickt umher und spricht: „Habt Ihr Euch in den letzten Stunden einen Moment gegönnt, um Euch Gedanken über die Dame in meiner Erzählung zu machen? Mehr als nur über ihre äußere Erscheinung? Nun, wenn nicht, so sei es Euch verziehen, denn wir erkunden hier die Topographie des Inneren Mannes. Doch habe ich auch einige Gedanken über Susi zusammentragen können. Hier sind sie: Im Körper jeder Frau steckt ein kleines Mädchen. Oder eine pubertierende Göre. Oder … nichts. Wer steckt in Susi, außer etlichen Männern? Würde sie ihr Spiegelbild mit dieser Frage eines Tages konfrontieren können, ohne ihm schelmisch oder erotisierend die rosa Zunge entgegenzustrecken? Hat sie Stärken? Oder ist sie mehr, als die Summe ihrer Schwächen? Sie liebt Überraschungen, wenn diese ihren Kopf unangemeldet zur Türe hinein strecken. Sie kann jedoch niemals lächeln, wenn das Leben eine gezielte Ohrfeige gelandet hat und ihre Wange brennt. Und Jan spricht in diesem Moment folgende Gedanken aus:

‚Wenn ich denn sagte, ich will dich.

Wenn ich denn täte, was mir nahe läge.

Wenn ich darauf hin beschaute, was als Folge draus erwächst.

Wenn ich Wahrheit spürte aus den Situationen, die ich erschaffen könnte.

Wenn …‘

Dabei sehen sich die beiden Menschen an. Jan und Susi. Beide wollen nie wieder dorthin zurückkehren, von wo sie aufgebrochen sind. Doch beide wissen, daß sich die Frage nicht stellt, ob sie es wollen. Und die hohe Anziehungskraft des jeweils anderen erwächst auch gerade aus der Unmöglichkeit, mehr als die Hotelzeit je miteinander verbringen zu können. Merkt Euch die Worte, die Jan sprach. Merkt sie Euch.“

als jános seine arbeit beendet hatte, rief er den mann und hielt wieder wache vor der geschlossenen tür. paulus war zu einer hälfte ab der brust in weiß getaucht. die schläge des mannes hatten ihre wirkung auf den alten körper nicht versagt. du willst also, daß ich mit dir rede? der alte nickte schwächlich mit dem kopf. er versuchte den mann anzusehen. das linke auge war erblaßt. herr, ich habe durst. der mann sah drohend auf den greis herab. das hättest du dir vorhin überlegen sollen, als jános dich gesäubert hat. er stöhnte kurz auf und rief jános, daß dieser wasser und brot holen solle. wieder verließ er selbst den raum, begab sich über zwei treppenabsätze in seine gemächer, wo er auf das telefonsignal von jános warten würde. er trat an die fensterfront und blickte über diesen nur leidlich schönen teil der stadt. im hintergrund saßen zwei junge frauen auf einer couch. beide nur spärlich bekleidet. kommt zu mir, kätzchen, rief der mann. schaut mit mir aus dem fenster und sagt mir, was ihr seht. die beiden zählten einige gebäude auf, dann verstummten beide, denn es war spürbar, daß dem mann ihre antworten nicht zusagten. den himmel seht ihr nicht? ihr seid blind und blöd. los, in den club mit euch. das telefon gab laut und jános die information, daß der alte fertig sei. auf dem weg zurück, teilte der mann noch laszlo mit, daß die beiden kätzchen mindestens drei stunden an den stangen zu tanzen haben. wieder entfernte sich jános unterwürfig, als der mann den raum betrat und sich gegenüber den gefangenen setzte. du hast noch keine angst bekommen, daß ich dich jetzt ein für alle mal tot schlage für deine frechheiten? du stellst mich deinen armseligen dorfbewohnern gleich, die mit ihren armseligen problemchen zu dir kamen. und du hast sie getröstet und in den arm genommen und vielleicht noch ein gleichnis erzählt mit weinbergen und söhnen und hochzeiten und alles war wieder gut. du mußt ernsthaft verrückt sein, wenn du meinst, daß irgendeine parallele zwischen diesen hungerleidern und mir bestünde. ja, wir bewohnen den gleichen planeten, doch alles andere ist anders. ich fresse keinen staub. der alte hatte mit seinem heilen auge den mann angesehen, während dieser gesprochen hatte. nun senkte er wieder den kopf und murmelte: nein, staub esst ihr nicht. aber staub seid ihr. der mann sah ihn erstaunt an. er hielt inne, drehte sich ab. er schnellte auf den alten zu, griff die ketten und zog ihn hoch, daß sie auge in auge sahen: was hast du gesagt? wiederhole es, wenn dir dein leben lieb ist! staub esst ihr nicht, aber staub seid ihr, flüsterte der mönch. kerl! oh! du mieses geschmeiß, du unterstes aller lebewesen! er warf den alten von sich, der von den ketten aufgefangen wieder in der ursprünglichen position mehr hing, als saß. der mann spuckte auf den boden, dann in des alten gesicht. jános! wo ist der gürtel? der gerufene öffnete die tür. ich habe den gürtel an ephraistos gegeben, damit er gesäubert wird. soll ich ihn holen? ja, aber schnell. er kann gereinigt werden, wenn wir mit dem dreck hier fertig sind. so, mein freundchen! der mann drehte sich wieder zu paulus und blickte ihn voller feindseligkeit an. wenn du dachtest, die geisselung deines komischen jesus vor seiner hinrichtung sei schmerzhaft gewesen, dann warte ab, wie weit ich jetzt mit dir gehen werde. ich werde dir sogar bescheid geben, wenn die dreiunddreißig hiebe getan sind. und danach gibt es nur noch die unendlichkeit für dich. ich habe zwei durchtrainierte arme! und das nennst du staub, freundchen. oh nein! so redet niemand mit mir! diesen letzten satz hatte der mann dem gekippten ins ohr geschrien. dieser versuchte sich dem mann entgegenzudrehen. herr, es ist, wie es ist. und das könnt ihr nicht ändern. schlagt mich tot, wenn ihr glaubt, daß es euch in eurem leben weiterhilft. ich glaube nicht! ich glaube nicht! wer glaubt, weiß nichts. hast du das gehört? und ich weiß, daß ich eine wahre heidenfreude haben werde, dich totzuschlagen. du wirst der erste sein, der schon in diesem raum zu tode kommt. die anderen durften wenigstens an die frische luft, wenn wir sie als gut genug ansahen, sie hierher zu bringen. wo bleibt bloß dieser schwachsinnige jános? ihr sagt heidenfreude? die heiden glaubten auch an etwas, und wenn es nur donner und blitz waren. sie glaubten an die mächte der natur, weil sie wußten, daß die natur alleine schon mächtiger ist, als sie selbst. in diesem moment erschien jános und überreichte den gürtel. der mann nahm ihn und warf ihn neben seinen stuhl. er setzte sich und sah den alten lange an. belehre mich niemals wieder über die nordmänner, alter! du bist kein wanderprediger, alter? nein. ich bin als junger mann in das kloster gekommen und bin bis gestern dort geblieben. warum möchtet ihr das wissen, herr? der mann wog den kopf. er rief jános erneut zu sich und ließ diesen eine augenklappe bringen, die dem alten angelegt wurde, um das linke auge zu verdecken. während dieser prozedur lief der mann in dem raum auf und ab. er wirkte anders, als noch zuvor, energischer, aber gleichzeitig mit einer relativen ruhe. jános warf seitenblicke auf den mann, während dieser durch den raum schritt. jános war froh, als er endlich den raum verlassen konnte. doch im gegensatz zu dem, was jános befürchten mochte, blieb es ruhig zwischen dem mann und dem alten. der mann setzte sich wieder.

Der Erzähler fährt fort: „Die beiden Menschen sitzen sich weiterhin gegenüber, ja, stellt sie Euch vor. Der eine mit seinem recht kantigen Gesicht, er ist durchtrainiert, wie wir es genau sehen können und hält seine Frisur immer gerade nur so lang, daß die Haare liegen. Er hat grüne Augen. Die andere mit den nicht zu großen, aber üppigen Brüsten, Körbchen C80, den gebärfreudigen Hüften, die Beine angewinkelt. Ihre Haare sind kastanienbraun, schulterlang, leicht gewellt. Ja, habt Ihr beide jetzt im Blick. Jener Jan spricht seine Partnerin an, daß er ihr nicht viel sagen kann, aber sie fragen möchte, was ihr innere Sicherheit bedeute. Er tippt seinen Zeigefinger an ihre Stirne, an ihr Herz. Er fragt, wie es sich in ihrem Kopf, in ihrem Herz lebe. Jener Jan reckt sich auf, ähnlich einer griechischen Statue. Dabei erscheint er Susi, die sich schrumpfend fühlt, wie eine Figur der Rache, der Reue, ein Richter. Der Pulsschlag will ihr entgleiten und wird schneller und schneller. Sie versteht Jan nicht. Sie erscheint gerade weniger mit sich im Reinen, als sie je zuvor dachte. Sie liebt Überraschungen aus dem Blauen heraus. So, meine Lieben. Was denkt Ihr? Werden die beiden noch dem teuflischen Trieb erliegen und miteinander schlafen? Oder ist die geistige Vereinigung, die sie bis dahin betrieben haben, nicht schon schändlich genug? Diese unglaubliche Offenheit über Phantasien und Ängste. Ist das nicht schon genügend Betrug, vor allem an jenes Jans Familie?“ Die Zuhörer schwiegen und sahen den Erzähler konzentriert an.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

maria musterte mich lange, ohne das ein Wort über ihre lippen kam. ihr blick ließ sich nicht deuten. wir trieben auf dem fluß, langsam und stetig. wer sind sie, fragte sie mich. ich kenne ihren namen, ich habe einige male mit ihnen gesprochen, ich habe sie in messfeiern gesehen. aber ich weiß nicht, wer sie sind. sie kommen mit klugen worten, und werben um mich. das könnte mir gefallen, auch das sie in ihrer werbung meinen sohn nicht vergessen. doch vergessen sie sándor, meinen mann. ja, sie und ihre träume haben recht. er hat mich schon geschlagen. einmal. doch teile ich mit ihm die verantwortung hierfür, denn ich weiß, daß ich ihn dazu getrieben habe, die hand zu heben. ich wollte damals einen vorwand, um ihn zu verlassen. es ist möglich, daß ich mit ihnen gegangen wäre, damals, wären sie in jenen tagen zu mir gekommen, mit ihrem angebot. aber sie sehen, ich blieb damals bei ihm. und das hat seinen grund, und der ist liebe. ob sie glauben wollen, oder nicht. ob es ihnen gefällt, oder nicht. ich liebe ihn. mit all seinen fehler, und er hat einige fehler. aber was für ihn spricht ist, daß er für mich da ist, wenn ich ihn brauche. so, wie vor drei jahren, als ich eine fehlgeburt hatte. möglicherweise fühlen sie sich gerade, so wie es mir damals ging. sie erleben, daß etwas in ihnen fehlt. mit einem schlag. so ist ihnen vielleicht der glaube entglitten. mir ist mein kind in mir gestorben. und in einer solchen zeit braucht ein mensch jemanden, der ihn festhält und stützt. sie brauchen auch einen solchen menschen. und der bin nicht ich. dafür bin ich ungeeignet, denn sie brauchen hilfe von einem menschen, der mit ihrer situation vertraut ist. oder ein mensch, der sie liebt. und das bin ich auch nicht. ich habe durchaus sympathie für sie. doch nicht liebe. liebe muß wachsen, muß gedeihen, muß gepflegt werden. sehen sie, daß ist auch, was sándor und mich verbindet. zwei kinder, eines lebt, eines nicht. und jahre des gemeinsamen weges. ihr gesicht bekam für einen moment einen bitteren ausdruck. wenn sie ein mann und nicht ein pfarrer sein wollen, dann müssen sie sich einen partner suchen. ja, und sie werden jemanden finden, der auch frei für sie ist. sie müssen vertrauen haben, auch wenn ihnen gott dieses, ihrer meinung nach, entzogen haben mag. sie haben doch lange auf den plan gottes vertraut. wurden sie von diesem vertrauen denn nun auch enttäuscht? sie schwieg, um mir gelegenheit zur antwort zu geben. nach einem moment der pause, blickte sie auf das linke ufer. nein, ich möchte dieses land auch sowieso nicht verlassen. ich liebe es hier zu leben. ganz egal, wie sehr es anderswo besser sein könnte, aber hier ist meine heimat. ich könnte auch in einem anderen land, nicht nur in frankreich, mit keinem menschen reden, denn ich spreche keine andere sprache, und die unterhaltung mit menschen ist mir fast das liebste auf erden. ich wäre anfangs noch stärker eingesperrt, als meine eltern es je vermocht hatten. wenn ihr verlangen mir nahe zu sein, so stark ist, dann würde ich ihnen gerne eine gute freundin sein, so fern sie uns nicht dennoch verlassen möchten. ich willl sie sicherlich nicht düpieren, aber sehen sie, ich kann und will nicht mit ihnen gehen. und ebenso will ich mein leben hier mit sándor und meinem sohn nicht aufgeben. es tut mir leid. sie sah mich mit einem leichten anflug von mitleid an.

Kid Quarantine bewegte sich, wie ferngesteuert durch die Straßen der Stadt. Zunächst arbeitete er sich wieder zum Zentrum hin, er roch den Fluß, von dem er wußte, daß er ihn überqueren mußte, wenn er zu der Betonfläche gelangen wollte, wo er vor einigen Stunden schmerzhaft erwacht war. Er spürte in diesem Moment keinen Schmerz, keinen Zweifel, reine Energie, reinen Willen. Er wurde durchpulst von einer Kraft, die keinen Widerstand mehr kannte. So bewegte er sich durch die Mengen an Menschen, deren Weg er kreuzte, als seien es Slalomstangen. Sie wichen aus oder fielen. Kid sah nicht nach rechts, nach links, er folgte dem Instinkt und der Nase, die den Weg zum Nass kannte. Mit jedem Stoß gegen die Welt, wurde jedoch das Geschrei um ihn herum lauter, doch drang es nicht in ihn. Er bemerkte die Wut nicht, die sich ihm inzwischen hinterherzog. Ein kräftiger Mann sah Kid wieder eine Frau mit Kind zur Seite stoßen, stellte sich ihm in den Weg, um ihn zurechtzuweisen. Kid prallte gegen ihn, seine Hand griff sofort kräftig nach den Hoden des Mannes, drückte zu und schob den schmerzerfüllt aufwimmernden Mann zur Seite weg, bog nach rechts in eine Seitengasse, die den schnellsten Weg zum Fluss darstellte. Während sich sein Schritt, nun frei von Behinderungen, wieder zu einem leichten Lauf erhöhte, berührte Kids Hand ein Messer, das in einer Hosentasche steckte. Mit diesem Gefühl wurden einige Lücken in Kids Wahrnehmung wieder geschlossen. Der Mann, der Stoff, die Prügel, die er kassiert hatte, waren bereits anwesend. Nun folgten auch Malodor und der Deal. Der geplatzte Deal. Die Anklage formierte sich in Kids Verstand. Die Staatsanwaltschaft war erwacht und zog ihre Robe an, um dem Mann gegenüber zu treten und ihn vor Gericht mit erschütternden Fragen zu martern, zu grillen. Kids Augen waren weit aufgerissen, doch sah dies kein Entgegenkommender durch die Sonnenbrille. Er traf auf das Flußufer. Er blickte nach links, sah dort die Brücke, die er mit Kerry überschritten hatte. Nur diesen kurzen Moment flammte die Erinnerung an die Frau auf, die ihm den Trip gespritzt hatte. Jene, ihm unbekannte, Zweite, war bereits komplett aus seinem Gedächtnis gelöscht. Aber an die verblassten Blutflecken des Hinterhofs dachte er und begann nun konkret zu laufen.

Hast du kein Mitleid mit ihm, Kerry? Ein wenig schon. Er weiß ja gar nicht, in welcher Gefahr er schwebt, sonst hätte er sich nie dazu überreden lassen, überhaupt noch einmal den Kontakt zu dem Mann zu suchen, aber wer hatte je Mitleid mit uns, Aisha? Dieser Kid ist unsere einzige Chance, den Mann zu beseitigen. Er hat zuviele Menschen auf dem Gewissen, als das wir zögern könnten. Manche mögen es ja durchaus verdient haben, aber es muß Schluss sein mit dieser Geschichte. Und wenn Kid versagt? Der Mann wird heute ruhen. Ich weiß, daß er gestern ein Treffen mit einem seiner Paulus-Jünger hatte. Er wird heute ruhen, verlass dich darauf. Und das bedeutet auch, daß sein Trupp auch nur mit halber Kraft agiert. Außerdem wird keiner damit rechnen, daß Kid jetzt wieder erscheinen wird. Keiner wird damit rechnen, wie er dort erscheint. Er wird wie der Leibhaftige unter sie fahren. Aisha lächelte bei dieser Vorstellung.

Es war ein wundersames Bild. Der abgewrackte Kid Quarantine eilte über die Brücke. Seine schulterlangen Haare wehten hinter ihm her. Der Bart seit vier Tagen ungestutzt. So lange trug er auch bereits Hemd und Hose, beides Jeans. Hemd vier Knöpfe weit geöffnet, so daß die Brustbehaarung den Tag begrüßen konnte. Und die Kifferstiefel, auf die ihr Träger aus für ihn selbst unerfindlichen Gründen stolz war. Gerade mal, wenn er sich in seinem Hexenhäuschen ins Bett legte, zog er sie aus, ansonsten schienen sie fast verschweist mit den Füssen zu sein. Strümpfe oder Socken waren für Kid eine fremde Welt. Nagel-Joe hatte ihm schon früh geraten, einen eigenen Stil zu verfolgen, so daß man ihn schon daran erkenne, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben. Kid Quarantine hielt sich an vieles, was ihn Nagel-Joe gelehrt hatte. Er eilte weiter, durch eine für ihn blinde Straße, an deren Ende er sein Ziel vermutete. Der Trip pulsierte in ihm, sein Körper wuchs, die Häuser wankten in papiernen, faltenreichen Ansichten. Kid atmete laut und pochend gegen alles Entgegenkommende, der Zerstörer war sein Name, seine Aura, seine Hände waren Hämmer, welche die Lüfte zerschlugen. Sein Mund wurde schmaler und schmaler, seine Augäpfel wuchsen aus ihren Höhlen heraus, die Nüstern flatterten vor Erregung und Lust an dem, was er erwartete. Dort! Dort! Wo es ihn hinzog, wie ein gigantischer Elektromagnet den eisernern Kern eines Planeten. Er war der Einschmelzer, er war die Sense, welche sich des unbotmäßigen Grases annahm. Dort! Dort! Er ist angekommen! Kid Quarantine betritt das Grundstück des Mannes, ja! Kid kommt nach Hause! Er spürte jeden Zentimeter, der ihn zu seinem Ziel hin trug, die Beine stampften lauter und energischer, als Büffelherden, die Tritte zogen riesige Risse in die Betonflächen dieser untergehenden Welt. Da stellt sich ihm eine Tür in den Weg! Was ist das, eine Tür? Wer hat diese Tür an diesen Flecken gepflanzt? Kid Quarantine muß diese Tür aus ihren verlotterten Angeln hinausreissen, seine fünfädrigen Torpedogreifer packen die Stofflichkeit dieser Türe und zerren, seine Halsschlagadern plustern sich und schon jetzt streckt die geschlagene Tür ihm, Kid Quarantine, als Zeichen der absoluten Unterwerfung ihre Hand entgegen. Er packt die Hand, er reißt der Türe die Hand in einem einfachen Ruck vom Körper. Weinend bricht die Türe zusammen und tritt verzagt, verzweifelt zur Seite und läßt ihn, Kid Quarantine, ziehen. Den Herrlichen, den König, den Armabreißer. Der nun seine Nasenflügel weit in den Raum öffnete und die Feindlichkeit in der Luft in seine Lungen sog, um sie dort zu entwaffnen. Von soviel Energie durchströmt, stößt der neue Herrscher dieser Räume einen furchterregenden, urweltlichen Schrei aus, er schleudert die Töne mit Macht hinaus gegen jene, die sich ihm entgegenwerfen werden und an ihm zerschellen werden, wie die Brandung an den Klippen. Eine Uhr im Hintergrund zeigt 14:35 Uhr.

ich möchte inzwischen doch wissen, mit wem ich rede. im normalfall ist dies nicht unbedingt von interesse, denn deine vorgänger haben sich meist schon um kopf und kragen gequasselt, bevor ich sie überhaupt zu gesicht bekomme. ich habe meinen männern mitgeteilt, daß sie gewisse formeln an gerede und geschrei unverzüglich mit dem tod zu bestrafen haben. sie halten sich daran. ich habe ihnen auch genau erklärt, warum gewisse äußerungen auszutilgen sind. und die, welche sie äußern, gleich mit. welche äußerungen sind das? ah, ihr wollt klug sein, um unbedachtem zu entgehen? nein, nein, ich werde sie dir nicht sagen, kerl. so spreche ich nicht mit dir. ach, herr! ich wollte ihnen nichts entlocken, denn ich erwarte nichts. aber ich will alleine, daß sie mir erzählen, warum sie das alles tun. und wo diese wut herkommt, die in ihnen wohnt. und wenn sie mir alles gesagt haben, was sie sagen möchten, dann können sie mich ruhig ebenfalls erschlagen, denn dann ist mein werk getan. ich will nichts, als das gefäß sein, das ihre worte aufnimmt. der mann blickte auf und sah paulus lange an. er wirkte zunächst wieder vom zorn berührt, doch seine gesichtszüge entspannten sich wieder. du nimmst den mund ganz schön voll, kerl. aber zu deinen gunsten kann ich sagen, daß du noch keine bekehrungsversuche getan hast. ich glaube an nichts, als an das, was ich mit meinem verstand fassen kann. das kann wenig sein oder viel. das zu messen, maße ich mir nicht an. doch habe ich meine hände, die fassen können. zum beispiel einen hals, den ich dann drehe, bis etwas bricht. der mann lächelte fein. dabei sehe ich die ursache und die wirkung, verstehst du? und da brauche ich keinen, der mir etwas von gott erzählt. ich habe deinem letzten vorgänger gesagt, daß die wahrheit eine gerade linie ist. eine gerade linie von a nach b. oder vielleicht sogar eine gerade linie, die keinen anfang und kein ende hat. das weiß keiner von uns. was ist wahrheit für dich, alter mann? das ist eine große frage, herr. eure definition gefällt mir, doch klingt sie etwas zu theoretisch. bewegt ihr euch in einer geraden, konstanten linie durch euer leben? oh ja, ich töte, wer mich daran hindert, der geraden linie zu folgen. aber bewegt ihr euch wirklich in einer geraden linie? ich kann mir nicht vorstellen, daß das töten eines anderen menschen ein akt der wahrheit sein kann, oder? für den, den ich gott nenne, kann es nur eine wahrheit geben und das ist wahrlich eine gerade linie. doch was sind wir menschen? sie haben selbst gesagt, daß sie nur an das glauben, was ihr verstand fassen kann, doch was ist mit den dingen, außerhalb dessen, was ihr verstand fassen kann? was ist mit dem, was ein mensch in südamerika tut und läßt, weil er dort das leben führt, das ihm von den umständen in gewissem maße vorgegeben wird, und das tun dieses menschen kollidiert über das globale handeln, das heute herrscht mit ihrer linie der wahrheit? werden sie ihre leute aussenden, diesen menschen zu töten? das ist billige theorie, kerl. ganz, ganz billige theorie. es kann sein, daß hinter dem, was du sagst, ein richtiges argument stecken kann. doch sehe ich es nicht. ja, ich würde meine leute aussenden, diesen menschen zu töten. ja, ich würde es tun, wenn es meine wahrheit verlangt. und mit besonderen grüssen an dich, würde ich ihm ein bild von deiner leiche zeigen lassen, bevor ich ihm das genick brechen lasse. oh herr, ich wollte euch nicht erzürnen. ich wollte euch nur ein beispiel nennen, daß eure theorie der wahrheit vielleicht ein wenig kurz greift. rede nicht, ich habe genug von dir und deinem geschwafel. János! hol die leute! nein, herr, ich war vorlaut in der falschen richtung. hört mich an! ich bitte euch, hört mich an, bevor ihr mich töten laßt! János erschien mit dem trupp in der tür. laßt mich noch eines sagen, bevor ihr mich tötet! eines noch, bitte, ich bitte euch, ich flehe euch an! der mann hatte sich bereits abgewandt, doch nun erhob er seine hand und wandte sich wieder zu paulus. gut, noch eines, dann wirst du abgeführt. herr, besiegt eure wut, die in euch ist und verlaßt euer leben im eindimensionalen. tut es für euch und alle, die mit euch sind. der mann fuhr zusammen, packte paulus am kragen seines armseligen gewand. du befindest mich für eindimensional? du denkst, ich sei eindimensional? du, ein christ, sagst, ich bin eindimensional? lazăr, gib mir etwas! der angesprochene reichte dem mann ein skalpell. du, nichtsnutziges geschöpf, wirst mein opfer an die götter, die nicht sind. hier in diesem raum wirst du geopfert. schnell spritz ihm eine ladung adrenalin, während ich ihm seine bauchdecke aufschlitze. und einen knebel in die freche fresse, ich will nichts mehr von ihm hören, noch nicht einmal seine schreie. Ein letztes mal blickte der mann seinem gast nah und tief in die augen und schrie: schafft den übeltäter weg aus unserer mitte.

Während der furiose Kid Quarantine durch den Eingangsflur des Postmortem eilte und diesen noch zu beschädigen versuchte, schlenderten Kerry und Aisha durch die Gassen hin zu dem schon öfters durchschrittenen Stadtzentrum. Der Himmel war wieder etwas bedeckter, doch störte die beiden das wenig, sie trugen elegante Mäntel. Man gab ihnen gerne den Weg frei, so grazil beschritten sie ihren Weg. Meinst du, er ist schon angekommen? Aisha sah Kerry fragend von der Seite aus an. Er wird es eilig haben, und ich denke, wenn er durch den Stoff nicht zu verpeilt wird, das er inzwischen die ersten Türen aus den Angel gerissen haben wird. Aisha lachte.

Als Kid entlich den Salon des Postmortem betrat, stockte sein Lauf. Er blickte in eine Finsternis. Kein Licht, nur noch das schwache Tageslicht, das Kid durch den langen Flur ängstlich in diese schwarze Seele von einem Raum folgte. Kid stand und seine Augen versuchten sich einen Weg zu bahnen, doch war da nichts zu machen. Weil sich nun der Einfluß des Stoffs wieder bemerkbar machte, gab es für Kid Quarantine nur das Voranschreiten und eine leise Erinnerung eines vorhergehenden Besuchs, erzählte ihm von einer Tür, die in einen langen Gang voller angrenzender Zimmer mündete. Während sich Kid nun in die Schwärze hinein bewegte, ließ er seine Arme vor sich baumeln um eventuelle Hindernisse sofort aus dem Weg zu räumen. Da flog ein Stuhl nach links, und da prallte Kid Quarantine trotz seiner Schutzhände gegen eine Wand. Kaum hatte er sich wieder erhoben, schlich er sich tastend an der Wand entlang, um der Tür zur Verheißung habhaft zu werden. Endlich fühlte er eine Klinke. Die Tür war verschlossen. Kid versuchte seine eben erworbene Türöffner-Erfahrung zum Einsatz zu bringen, griff an beiden Seiten, begann zu rütteln und schmiss sich sofort zur Seite als einige Schußsalven in Richtung Türe gefeuert wurden. Die Salven endeten nicht. Kid erkannte eine Mündung in seiner Nähe, schlich sich im herrschenden Lärm zu dem Feuerzeichen,umkurvte es schnell und packte mit Kraft dort zu, wo er den Hals des Feuernden vermutete. Er hatte Glück, ein leises Keuchen an seinem Ohr, schnell sein Griff zur Schusswaffe, diesen an die Schläfe gehalten, abgedrückt und sofort auf die weiteren Mündungen, die weiter blitzten gezielt. Eine! Weg! Noch eine! Auch weg! Kids Sinne waren geschärft im roten Bereich, denn ohne, das er ein kurzes Klicken gehört hätte, wäre er niemals schnell genug an der Tür abgetaucht. Eine Stimme schrie „LICHT!“ Schuß! Ein Schrei. Die übrigen Schützen, es mochten noch drei sein, hatten ihr Feuer eingestellt. „Er ist noch im Raum!“ Schuß! Noch ein Schrei. Kid bewegte sich schnell in Richtung des Ausgangs, damit sein Schuß ihn nicht verriet. Die Idee war fabulös, denn die zwei noch zum Schießen fähigen, begannen sofort auf diesen Platz zu feuern, da traf schon einen die Revanchekugel. „Bitte aufhören!“, schrie die letzte Stimme. „Waffe weg!“ und Kid war unterwegs in Richtung des Rufers. Er hörte eine Pistole fallen. In Sekundenschnelle war er am Ziel, griff den Rufer, dessen Schemen er im minimalen Lichteinfall wahrnahm, an beiden Armen. „Bring mich zum Mann!“ zischte Kid dem Rufer in das rechte Ohr. „Und kein Mucks, kein Licht!“ Dann schleuderte sich Kid auf den Rufer, riss ihn zu Boden und über sich. Rollte sich alleine nach rechts weg. Ein Aufstöhnen des Rufers, der getroffen war. Einer lebte noch und wollte sich nicht ergeben. Kid hatte den Platz ausgemacht. Es war wieder still. Er bewegte sich so leise wie möglich über den Teppich in die angepeilte Richtung. Da traf ihn wie ein harter Schlag die komplette, nicht lauschige, Beleuchtung des Raumes. Der Überlebende hatte sich zum offenen Kampf entschieden und Kid, nicht wissend, wo jetzt der Gegner sich genau hinbewegt hatte, rollte sich schnell unter einen Tisch. Verharrte, lauschte. Nichts. Er blickte sich von seinem eher mäßigen Versteck aus um. Nichts. Er sah eine Theke und vermutete, daß der Gegner sich dahinter verbergen mußte. Dort sei möglichst auch die Lichtsteuerung. Kid versuchte sich auf den Weg zu dieser Art von Festung zu machen, da erhaschte sein Blick drei Torsi hinter der Theke. Kid war so verduzt, wie es sein Trip ihm erlaubte, da konnte man schon sehen, wie sich der Tisch in die Höhe hob und mit einem Schlag in Richtung der Theke geworfen wurde. Für einen kurzen Moment wurde aus drei Revolvern gleichzeitig gefeuert, doch ausser einigen Löchern in der Tischplatte hatte dies keinen Nutzen, währenddessen Kid in der Sicherheit dieses Zieles sich rechter Hand abrollen konnte und geduckt zu einem für ihn nun sichtbaren Zugang zum Barbereich vorpreschen konnte. „Vorsicht!“ hörte er einen Ruf, dann konnte er seine Pistole schon um die Kante halten und mehrere Schüsse abfeuern, die ein Poltern, Schreien, Aufstöhnen, Fluchen und noch zwei unproduktive Gegenschüsse nach sich zogen. Jetzt herrschte Ruhe im Zielgebiet. Als Kid nach einigen Momenten selber um die Ecke schaute, sah er zwei Tote liegen. Der dritte Mann lag ebenfalls am Boden, doch augenscheinlich noch leicht rührig. Beide Hände jedoch ohne eine Waffe. Kid traut sich unbesorgt zu ihm, stellte seinen Stiefel auf den Nacken. Es antwortete ihm ein Grunzen. „Wo ist der Mann?“ Nur ein fahriges Kichern erhielt er als Antwort. Da trat Kid ungerührt auf den Nacken. „Ich finde ihn schon.“ Und schon begann Kid den nun Reglosen nach Schlüsseln zu durchsuchen. Bei der dritten Leiche fand er einen großen Schlüsselbund. Er nahm diesen an sich, ließ ihn gar kurz klingeln, dann begab er sich lächelnd und mit halbem Laufschritt über das Schlachtfeld zur Türe. Doch der Krieg würde erst beginnen, sprach es in Kids Hirn.

Die Münder der Zuhörer stehen inzwischen offen, der Erzähler hebt beschwörend die Arme: „Hört, jener Jan wird von einer Offenbarung heimgesucht! Hört, wie er sie beschreibt, in seinen kleinen Worten, die versuchen, den Berg abzutragen.“ Der Erzähler blickt in den schwarzen Nachthimmel, die Handinnenflächen nach oben geöffnet. Seine Stimme wurde dröhnend. „Es verging wie Flug, ein kurzer Sekundenbruchteil, der erst eine allumfassende Dunkelheit heraufbeschwor; eine Schauer, die über den Rücken floh; das Licht um mich umher, es strahlte plötzlich intensiver, als ich die Finsternis aus meinen Augen herausströmen fühlte. Nein!“ Das letzte Wort hatte der Erzähler wie einen in Stein gemeißelten Standpunkt aus sich katapultiert. Er sah seine Zuhörer an. „Als Jan nur Momente später zu rekapitulieren versuchte, was geschehen war, wurde ihm nur das Licht einer einfachen Straßenlaterne gewahr. Es war ein fester Schlag ins Gesicht. Er wußte nicht erst jetzt, um die Kraft des Unterbewußten, die Kraft der unwillkürlichen Erinnerung; und hier lag er nun neben einer Fremden, welche, wie er, nur spärlich bekleidet war. Mit heißen Tränen spült er den Schmerz in den Abfluß seiner schalen Existenz. Das Schütteln hat er oft erfahren, das Reiben; er weiß, wenn die vier Pferde losgeschickt werden, jedes in die ihm eigene Richtung, jedes befestigt an einer Gliedmaße des Delinquenten, dessen Gesicht er jeden Morgen des Lebens in einem Spiegel ansehen muß. Weder Susi, noch irgendjemand zuvor war gewahr worden, wie viele ungezählte Tonnen an Hass in Jans Seele lagerten.“ Der Erzähler macht seine Zuhörer frösteln. Zwei rücken verstohlen in Richtung des Feuers.

Der fünfte Schlüssel endlich passte und erschloß einen langen Gang, wie es Kids leichter Erinnerung entsprach, doch hatte er seinerzeit mehr auf jene Frau, deren Name ihm nun nicht mehr gegenwärtig war, geachtet. Nun wurde er gewahr, daß es zum einen keinen Lichtschalter gab, ergo der Raum in ein weiteres undurchdringliches Dunkel führte. Er war mit rot-schwarz geflecktem Teppich ausgekleidet, auch die Wände waren mit einer Stofftapete in rotem Grundton gehalten. Es gab geschmackvolle Lampen, die an der Decke hingen, doch sah Kid auch nach weiterem Suchen keinen Schalter. Er lief zurück zu den Leichen der Männer, sammelte ihre Waffen ein. Der Trupp war mit feinen Berettas ausgestattet, Kid strahlte und fummelte die Magazine heraus, die er gegeneinander auffüllte. Den Rest warf er hinter die Bar, als er dort nach einer mobilen Lichtquelle suchte. Da sah er ein Smartphone, das einem der Toten aus der Kleidung gerutscht war. Ein Modell mit Taschenlampenfunktion, und kein PIN-Code. Kid strahlte umso mehr, und schüttelte seinen Kopf, denn dieser Trupp war eine sehr leichte Beute für ihn gewesen. Die Zeit als Pirat hatte ihn doch mehr gelehrt, als er zunächst selber vermutet hätte. Dennoch wunderte er sich kurz darüber, warum er bei den Toten keine Nachtsichtgeräte gesehen hatte. Sie wurden von ihrem Auftraggeber mit Messern in eine Schiesserei geschickt. Sie waren letztlich nur Kanonenfutter. Kid kratzte sich kurz am Kopf, dann befühlte er seine Armmuskeln und sein immer noch massives Selbstbewußtsein rutschte wieder in den tiefroten Bereich der absoluten Überdosis. Da brummte das erbeutete Mobile. Eine Nachricht eines Ephraistos. „Okay?“ lautete es. Kid antwortete „Okay.“ und lief los. Ein fokussierter Lichtstrahl einen langen Gang entlang. Türen zu beiden Seiten. Kid ignorierte diese, lief weiter. Nach einer bedeutenden Strecke traf er auf eine Wand. Der Weg war zu Ende. Kid starrte, verstand nicht, klopfte an die Wand, die Finger trafen auf massiven Stein. Kid wandte sich um, eilte zur ersten Türe zurück. Er ging in die Knie, lugte durch das Schlüsselloch, und sah die erwartete Dunkelheit auf der anderen Seite. Da öffnete sich die Tür, Kid polterte zu Boden und sah sich einer weiteren Beretta in diesem Haus gegenüber, die auf ihn gezielt war. Hinter dem Bewaffneten trat Ephraistos hervor, blickte herablassend auf Kid, streckte ihm aber die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. Alles klar, ist unser Code, wenn alles klar ist, mein lieber Gast. Bitte folgen sie mir, ich vermute, sie wollen den Mann treffen. Er wird sich ein wenig Zeit für Sie nehmen. Wie war noch Ihr Name? Kid blickte wie paralysiert auf die Beretta, die in der Hand eines enorm unter Spannung stehenden Mannes lag, der nun hinter Kid schlüpfte, und nur wenige Zentimeter zwischen der Laufmündung und Kids Hinterkopf ließ. Hat Ihnen unser kleiner Trick, Sie zu Boden zu schicken, die Sprache verschlagen? Oh, nein. Kid Quarantine nennt man mich. Ah, wir hatten doch bereits am gestrigen Abend das Vergnügen. Sie sind ein hartnäckiger Zeitgenosse, mein lieber Herr Quarantine. Ich bin mir sicher, der Mann wird das mit einigem Vergnügen bemerken. Er liebt es, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die ein Ziel zu verfolgen wissen.

Sicher wird er das lieben, ließ Kid Ephraistos wissen, um in einer flüssigen Bewegung, seine erbeutete Waffe zu ziehen, zusammen zu sacken, sich mit Wucht gegen den Bewacher hinter sich zu werfen, der ein Augenzwinkern zu spät erst feuert, Ephraistos in die Brust trifft, zwei weitere Kugeln in die Wände versenkt, um folgend eine Kid’sche Kugel durch die Schußhand zu empfangen, die Beretta fallen zu lassen, und es folgt der finale Todesschuß durch das Brustbein, fast distanzlos aufgesetzt. Kid dreht sich zu Ephraistos. Dessen Mund ist geöffnet. Kid schauerte es kurz, für einen herzschlagenden Moment. Ihm selbst war diese Situation, von seinem rumpelnden Sturz bis zu diesem niedergestreckten Ergebnis, zu viel. Hätte er nach einem Plan gehandelt, würde er verstehen, was passiert war, nur war dem nicht so. Vielmehr teilte sich Kid nun auf in den lebendig gewordenen Trip, sowie den mitgeschleppten Kidkörper. Zwei Gesichter blickten einander an, und wieder war er im Laufschritt unterwegs. Dies mußte der richtige Weg sein, um den Mann zu finden. Er gelangte an den unteren Beginn einer Treppe. Er blickte nach oben, sah niemanden, begann nun leise und bedächtig die Stufen zu erklimmen. Er erreichte einen Absatz, blickte vorsichtig um das Geländer, legte eine Hand auf seinen Revolver. Weiterhin war niemand zu sehen. In grau waren die Wände hier gehalten, die Wärme des ursprünglichen Ganges, die lauschige Atmosphäre der Bar, die nicht in ein Feuergefecht getaucht wurde, all das wurde hier aus den Emotionen eines Durchschreitenden entfernt, getilgt. Hier lebte die Geschäftigkeit. Kids Hand auf dem Betonboden lösten diese Assoziation aus und ließen ihn ebenso kurz frösteln. Kid spürte in diesem Moment, daß er viel zu weit gegangen war. Er hatte sich – nicht zuletzt – durch die Droge in seinen Blutbahnen, in seinen Gedanken, durch das Zureden von Malodor, der hier irgendwo tot liegen mußte und jener Frau, in ein Spiel hineinziehen lassen, daß er vielleicht vor Jahren einmal selbst gesucht hatte, nur war er inzwischen zu zweiflerisch geworden. Nun ließ ihn der Trip dennoch die nächste Stufe gehen. Und eine weitere. Während eine leichte Übelkeit sich bildete. Der Blick auf den Beton gerichtet, sah Kid keine Spuren von weggewischtem, verblasstem Blut. Weitere Stufen. Eine Tür zur Linken. Diese würde sich nach innen öffnen, Kid lehnte sich dagegen und preßte sein Ohr gegen das eiserne, leicht geockerte Türblatt. Gemurmel war zu hören. Dann ein Stuhlrücken. Kid huschte so schnell er konnte zur Treppe und diese weiter nach oben. Ein Mann trat durch die Tür, lief ein paar Schritte die Stufen hinab, es folgte ein leiser Ruf: Ephraistos? Sie mußten die Schüsse gehört haben, vermutlich hatten sie die Rückkehr ihrer beiden Kollegen schon erwartet. Kid sah sich gezwungen, zu handeln. Der Trip zog die Pistole, legte an und schoß direkt. Der Mann stolperte getroffen die Stufen hinab, fiel zu Boden und keuchte. Die Pistole auf die Tür gerichtet, wartete Trip Quarantine auf weitere Nacheilende, doch niemand zeigte sich. Da mußte jemand sein. Ein kurzer Blick nach oben, nichts zu sehen, schlich sich Trip Quarantine in Richtung des Raumes. Er mußte gehört worden sein, denn jemand rief in grausigem Englisch: Nie killen nicht! Kein Colt nicht! Kid blickte um die Ecke und ein Mann stand dort alleine, die Hände erhoben. Kid blickte um die Ecke und ein Mann stand dort alleine, die Hände erhoben. Kid rief: Okay, laß uns abhauen, zusammen, dann wird alles gut. Der Trip rief: Wo ist der Mann? Wo ist mein Meister? Ich will zu ihm nach Hause zurückkehren. Wedelte dabei mit der Beretta in der Luft. Lazăr, von hinten kommend, packte den Arm, entnahm den Revolver. János kam vor und zog nun seine Waffe, hieb damit Kid Quarantine einige Male in das Gesicht, während Lazăr die Mündung auf den Hinterkopf hielt. Wir sind vorsichtiger als unsere Kollegen, wie mir scheint. Kid wußte endlich, daß er zuhause war. Er sank zu Boden. Nun hielt János den Revolver auf ihn gerichtet, während Lazăr sich an einem Koffer zu schaffen machte, aus welchem er letztlich eine einstichbereite Spritze sichtbar machte. Kids Armbeuge wurde präpariert und die Injektion gesetzt. Kid wußte endlich, er war viel zu weit gegangen. Er erkannte, daß János eine Glock in der Hand hielt.

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

wartete sie auf eine reaktion von mir? ich saß, paddelte leicht und blickte sie an. hatte sándor, dieser feiste, fette, klebrige sándor gewonnen? ich konnte es mir weder vorstellen, noch akzeptieren. dann kann ich ja ohne weiteres das boot wieder an land bringen. unsere wege werden sich dann trennen. wich das mitleid da wieder einem lächeln? ich konnte es nicht fassen! diese hure war erleichtert, das ich sie nicht vom boot geworfen hatte, für ihre unverfrorenheit. sie hatte mich abserviert. wir waren schon fast wieder am ufer angelangt, als mein blick auf den boden fiel. dort lag das tau, mit dem das boot festgezurrt wurde. ich stand auf, schob das boot mit dem paddel immer weiter in richtung ufer, bis wir auf grund liefen. ich sprang kurz heraus, zog das boot weiter an land, sprang wieder zurück, griff maria an der schulter, legte meinen arm um ihren hals, schob sie nach unten. die eine hand immer noch an ihrem hals, die andere schob sich über ihren mund. mein kalter atem nahe an ihrem ohr, flüsterte ich, daß sie bloß ruhig sein sollte, sonst passiere schreckliches. sie schien zu schrumpfen, ihre arme umfaßten ihren rumpf, ihre lippen wichen zurück von der haut meiner finger. ich packte das tau und schlang es in windeseile um ihren körper, die arme damit erfaßt und gebunden. ihre augen waren weit aufgerissen, sie starrte mich angsterfüllt an, doch kam kein ton aus ihrer kehle hervor. ich zauberte ein taschentuch aus meiner jackentasche, zerriss es und stopfte es in ihren mund. so, meine liebe, damit hätten wir das dann geklärt. ich hatte jede lust verloren, auf diesem verlorenen posten zu verweilen. nicht gott, nicht maria. irgendwo als neuer mensch neu beginnen. doch hier war noch etwas zu beenden. hören sie mir mal gut zu. ich werde von hier weggehen, aber vorher möchte ich noch ein paar dinge mit ihnen klären, sie können also diesen gottverdammten angstblick wieder einstellen. meine güte, nur weil ich sie kurz fessele und das maul stopfe! ihr gottvertrauen geht auch nicht sehr weit, was? also, zum einen: wenn ich sie mit nach frankreich genommen hätte, aber sie wollen ja nicht, wäre ihre sprache egal gewesen. nein, ich hätte sie anschaffen geschickt! ihren mund hätten sie für anderes gebraucht, als zum sprechen. die idee ist mir übrigens erst gekommen, als sie gerade begonnen haben, mein leben zu zerstören. ja, ich hätte eine hure aus ihnen gemacht! vor den augen ihres sohnes, hätte ich sie abgerichtet und losgeschickt, für unseren wohlstand das geld zu beschaffen. denn wir männer hätten uns zurückgelehnt und mit ihren freiern fraternisiert. bei diesem gedanken mußte ich kurz auflachen. ja, ich habe dieses gesindel vor einigen jahren gesehen, als ich kurz in frankreich weilte. toulouse ist an manchen ecken voll von huren, die alles tun für ein paar francs. ich hätte noch nicht einmal den römerkragen verstecken müssen, um dich loszuschicken. vielmehr hätte ich damit erst recht die richtig zahlungskräftige klientel angezogen. aber achtung! gerade diese männer haben die abstrusesten phantasien. ja, vielleicht nehme ich dich einfach so mit! vielleicht nutze ich die kontakte, die sich jetzt auftun, um dich unbemerkt außer landes zu schmuggeln. wärest du freiwillig mitgekommen, hätten wir erhobenen hauptes nebeneinander durch alle kontrollen flanieren können! so aber steckst du dann geknebelt in einem sack. da braucht es dann schon ein wenig schmierung, damit du mit kannst in dein neues leben als prostituierte! du hast noch ein paar gute jahre vor dir, in denen vielleicht sogar ein bißchen was für dich abfällt, bevor du als zahnlose puffmutter die neuen kücken hüten mußt. das läßt sich auf dauer sicher gut vermarkten. heiße pusztabräute! nur in toulouse. oh mein gott, ich sprudele vor frevelhaften ideen nur so über! das fühlt sich so gut an! und du willst wohl immer noch nicht? stell es dir vor: jeden tag fünf verschiedene männer! du kannst, wenn du gut bist, innerhalb von fünf jahren auf zehntausend verschiedene männer kommen, die dich ficken können. oder was auch immer sie mit dir anstellen wollen! maria! spürst du nicht die geilheit dieser vorstellung, diese rasende verkommenheit, die du verkörpern könntest? du darfst die hure babylon in person sein! du kannst satan dein gesicht verleihen, während dich die männer mit ihrem samen füttern. während sie mit dir kopulieren, kannst du ihnen das gift unseres neuen herrn verabreichen! oh maria, du mutter satans! meine stimme hatte sich zum schreien emporgearbeitet. die gedanken über diese neue dimension der schändung von dem glauben, der mich bis hierher getragen hatte, erfüllte mich voll und ganz. und schänden wollte ich diese hure, die mich hierher gelockt hatte. ich wurde wieder ruhig. strich mit dem rechten handrücken über ihre wange. nein, du willst nicht mitkommen. ich werde auch alleine gehen, und es wird so geschehen, wie ich es dir aufgezeigt habe. du aber willst mit deiner familie hier weiterleben. das hast du kundgetan mit ziemlich klugen worten für solch eine ungebildete göre, die du bist. du hast keine ahnung von dem, was ich durchgemacht habe in den letzten monaten. die jahre in angst, die ich hinter mir habe, sind nichts verglichen mit dem, was die träume mit mir getan haben, die nacht für nacht meine seele geplündert und gebrandschatzt haben, bis nichts mehr davon geblieben ist, als dieses schwarze loch, das nichts anderes mehr will, als den namen des herrn zu besudeln, ihn anzuspucken, über ihn zu urinieren. nacht für nacht bist du in meine arme geflohen vor dieser welt, in der du hier lebst, hast dich an mich gedrückt mit deinem körper! alles konnte ich fühlen in diesen träumen, auch die schläge deines sándor, die ich erdudelte, weil ich mich schützend vor dich gehalten habe. nacht um nacht wurde ich geschlagen für dich, maria! wenn ich morgens erwachte, spürte ich noch die schmerzen der nacht. und alles nur für dich, du luder! und so wäre es dir gut ergangen, wenn du meine schmerzen anerkannt hättest, die ich für dich erlitten habe. ich wäre noch auf dem pfad des normalen menschen weiter gegangen, hätte mein haupt vor dem, der mein herr war, weiterhin gesenkt. ich hätte auf sein wohlwollen gehofft, das ich in den jahren, die vor uns gelegen hätten, gesucht hätte. jetzt aber werde ich ein teil des tieres, ich werde alles darauf setzen, am ende der zeiten zur linken satans zu sitzen und mit ihm die ewigkeit im feuer der höllen zu verbringen, in der ewigen qual des fleisches gefangen. oh, wie ich mich darauf freue, einer der größten ungerechten zu werden. zu ehren satans, werde ich schon auf erden die feuer entzünden. die feuer der höllen werde ich zu den menschen bringen. maria, sehen sie mich an! sehen sie, wie ich lache! sehen sie, wie ich mich selbst entzünde! ich bin erfüllt vom geist des tieres, ich bin satan und satan ist in mir!

der mann trug einen neuen anzug, saß in seinem privatgemach. den rücken zur fensterfront, die über die altbekannte betonierte wüste blickte. tief war er versunken in gedanken, die ihm der letzte jener rotte eingeimpft hatte. jener, den sie an den eigenen därmen erhängen wollten. in seinen letzten atemzügen hatte der mann ihm tief und voller wut in die augen geschaut, und selbst den blutig, schmierigen todesstrick festgezogen, bis jedes licht aus den augen jenes paulus ausgelöscht war. nun brütete er über den worten zur wut. ja, diese tobte in ihm, das war nicht zu verhehlen, doch was hätte das jenen prediger oder mönch zu bekümmern gehabt. die wut war mit dem mann, seit er nur denken konnte. er hatte alles in das jagdfahrzeug packen lassen, darunter auch jener anzug, den das blut des letzten paulus untragbar verfärbt hatte. jener anzug, den er seit jahrzehnten immer wieder trug. oft nur für minuten, in denen er in erinnerung versunken, hin und her lief. an stellen, die ihn des urverbrechens erinnerten. er hatte jenen anzug von seinem ersten blutgeld erstanden. und ihn seiner mutter gewidmet. und jenes törichten anikó, der ihn während der gemeinsamen schultage immer wieder aufziehen mußte, ob seiner verschwundenen mutter. ob seines stets angetrunkenen vaters. als ihm gesteckt wurde, daß mit der leiche anikós geld zu verdienen sei, da hatte er vor glück gelacht, sich ein messer besorgt, anikó am nächsten abend in der dämmerung an einer einsamen ecke tolnas aufgelauert, den arm um den hals, einen ballen stoff zwischen die zähne geklemmt, den kopf anikós gegen die nächste wand geschlagen, dann das messer gepackt und die kehle durchschnitten. dazu trug er handschuhe und bohrte das messer letztlich tief in anikós rücken. die polizisten, die den toten untersuchten, waren erschüttert über die wut und die wucht, die diese tat widerspiegelte. sie ermittelten bezüglich einer tat aus eifersucht. sie fanden nie einen täter. der mann nahm das kopfgeld lächelnd und verließ tolna.

Zu dieser Zeit hatte der Mann bereits ein gerüttelt Maß an dunklen Gefühlen in seinem Inneren gesammelt. Seine verschwundene Mutter lag ihm schwer auf der Seele. Die Vermutungen, die von allerlei Leuten hierzu angestellt wurden, trafen ihn und den Vater sehr schwer. Dieser starb nach Jahren einen tränenreichen und geschmacklosen Tod durch eine zerschlissene Leber. Der Mann, noch als junger Bursche, wurde derweil findig und gerissen, gewissenlos und instinktsicher. Er wußte, wo Information zu erlangen war, er wußte, wo zu suchen, um sicher zu finden. Er wußte, wie zu verstecken, um das Finden zu vereiteln. Alte Kontakte seines Vaters ließ er aufleben, und diese begannen zu jubeln, über dieses große Talent, das sich ihnen offenbarte. Die Unterwelt begann einen neuen Stern an ihrem Himmel zu erblicken. Nach der Tat gegen Anikó begann der kometenhafte Aufstieg weitere Kreise zu ziehen, und trieben den Mann bald über die Landesgrenzen hinaus. Sein Hunger nach gut bezahltem Todschlag war unersättlich und seine Taten stellten die profiliertesten Ermittler vor Rätsel, denn der Mann liebte die Inszenierung einer emotionalen Tat. Und ja, es waren seine Gefühle, die er in den niedrigsten seiner Jobs einbrachte. Seine Taten waren keine kühlen Morde, er streute Zerstörung, zerschlug Männern, wie Frauen postmortem das Gesicht, wenn es ihm behagte. Als ihm in Toulouse ein Buch durch Ephraistos geschenkt wurde, bekam sein Treiben jedoch eine Richtung, denn ihm war, als kenne er die erzählte Geschichte und er begann seinen ganzen Zorn auf Gott und seine Verkünder zu richten. Auch fühlte er sich endlich als Charakter definiert.

anikó legte wie immer eine hand auf des mannes schulter, als er hinter dessen sessel trat. der mann lud ihn immer wieder gerne zu sich ein. er nannte anikó scherzhaft seinen liebsten albatross, er habe auch zuviele menschen getötet, um von diesen ganzen massen immer heimgesucht zu werden, da wolle er lieben nur einen zu sich bitten, der ihn drücken konnte. und wie jedesmal, wenn anikó den mann besuchte, hatte er einen goldumrahmten spiegel zur hand, in welchem er den mann sich anblicken ließ. dieser fuhr ebenso fortwährend mit seinen fingern leicht durch sein gesicht, unter den augen entlang, über die stirn, das kinn betastend. letztlich fuhren die finger durch das immer dünner werdende haar. anikó zog den mann hierbei freilich mit seinem ewig fülligen, schwarzen haar auf, dieser prachtvollen, dichten und lebendigen frisur. des mannes mund wurde zum strich. sein blick verlor die schärfe. fast meinte man eine ahnung von feuchtigkeit in den augenwinkeln zu erkennen. doch der mann erhob sich und begann in seinem gemach umher zu gehen. es war gut, dir die kehle durchzuschneiden, anikó! wenn ich es nicht damals getan hätte, würde ich es spätestens jetzt nachholen. anikó krault des mannes nacken mit seinen kräftigen händen. höre, anikó, es wird zeit, daß ich den nächsten fang in auftrag gebe. bis die männer zurück sind, habe ich meine kraft wiedergewonnen und kann mich der nächsten auslöschung hingeben. anikó, ich liebe dieses leben als atmender widerspruch, als paradoxon. anikó, dieses leben ist mit deinem blut getauft worden. ich danke dir!

Die Türe öffnete sich und Kid Quarantine, der sich kaum auf beiden Beinen halten konnte, wurde hinein gestossen.

Der Erzähler hat seine Pose geändert. Er hockt sich wieder auf seinen Platz inmitten seiner Hörerschaft und beginnt mit beschwörender Stimme: „Hört, Die zwei Personen erzählen sich was.

Die dunkle Stimme sagt: ‚Ja, ich stelle mir die situation vor und werde geil…. enorm geil. Und in welcher Position wärst du gerade gerne?‘

Die helle Stimme antwortet: ‚Mmh würde ihn gerne rausholen.‘

Dunkel: ‚Dann hole ich ihn mal raus und lasse ihn lässig in meiner Hand liegen. Und was möchtest du jetzt tun?‘

Hell: ‚Ich lecke deine Eier und knete sie.‘

Dunkel: ‚Da wird alles ganz hart in meiner Hand….ich lege meine andere Hand ganz fest um deinen Kopf und streichele deinen Nacken. Mein Becken schiebt sich nach vorne.‘

Hell: ‚Mmh, ja. Nehme deinen Prachtkerl und lutsche ihn schön geil.‘

Dunkel: ‚Da fällt mein Kopf nach hinten und mein Mund ist leicht geöffnet, ein leichtes Keuchen ist zu hören, alles Blut ist zwischen meinen Lenden und will mit in deinen Mund‘

Hell: ‚Mmh, ich blase dir schön einen geil, deine Eier knete ich schön dabei, meine Zunge umschließt deine Eichel.‘

Dunkel: ‚Mir wird immer heißer, und mein Schwanz wird immer härter, soviel Geilheit sammelt sich in mir, ich bewege mich nur leicht, um nicht zu schnell alles loszulassen, mein Mund immer noch offen, meine Augen sind geschlossen, aber eigentlich will ich es sehen, wie du mich bläst.‘

Hell: ‚Ja ich drehe mich um und setzte mich auf deinen harten Schwanz drauf und ich möchte, das du mich fickst.‘

Dunkel: ‚Ich beuge mich über dich, greife an deine rechte Hüfte und lasse meinen Schwanz in deine feuchte Pussy hineingleiten, langsam und genießend, dann greife ich deine Schultern und dringe komplett in dich ein.‘

Hell: ‚Mm, du Schlingel, jetzt bin ich feucht.‘

Dunkel: ‚Nicht nur du… möchtest du weiter ficken?‘

Hell: ‚Ja fick mich, Jan‘

Dunkel: ‚Ich bin schon so heiß und mein Schwanz so hart, ich gleite erst langsam aus deiner Pussy und warte einen Moment, küsse deinen Nacken und fasse mit einer Hand an deinen Busen, wo ich die feste Knospe streichele, dann lasse ich meinen Schwanz wieder langsam in dich eindringen mit voller länge, ich spüre leicht, wie dein Saft läuft und flüstere dir ins Ohr, daß ich dich beim nächsten mal so lange lecken werde, bis mein Durst durch deinen Saft gestillt ist. Wieder gleite ich aus dir hinaus….

Hell: ‚Ich komme gleich, mach weiter, Jan.‘

Dunkel: ‚Ich spüre, daß sich meine Säfte leicht beruhigt haben, ich sitze wieder aufrecht hinter dir und ziehe deine Beine auseinander, mit einem Finger in deiner Pussy, wieder raus, mit viel Genuß ablecken, dringt nun mein schwanz wieder in deine Pussy, gleitet mein rechter Zeigefinger in deinen Po. Und nun flüstere ich dir ins Ohr „Susi, jetzt ficke ich dich!“ und… so geschieht es dann, mit harten Stössen meines festen Schwanz in deine Pussy, meine Hände jetzt an deinen hüften, dein Kopf liegt in das Kissen vergraben, deinen Mund sehe ich, der offen ist, ficke ich dich …. ficke ich dich…. ficke ich dich… bis ich heftig in deine pussy abspritze….‘

Susis Hand zwischen ihren Schenkeln beruhigt sich langsam. Sie hat ihre Last von sich geworfen. Dies ist geschehen, habt ihr es vor Augen?“

Die Klippe

Anikó, sieh! Die Katze hat die Maus gebracht. János und Lazăr zogen sich wieder zurück. Nein, setzt ihn noch auf die Couch hier. Dann könnt ihr gehen. Die beiden Angesprochenen packten den Gefangenen, zogen ihn wieder in die Höhe, bewegten ihn mit erhöhter Vorsicht auf die gezeigte Sitzgelegenheit und legten ihn dort ab. Lazăr schob zwei Kissen als Stütze gegen den Sitzenden. Danke! Ach, János, bitte halte dich mit deinen Chataktivitäten etwas zurück. Die Kollegen beginnen schon zu tuscheln. So, mein lieber Kid Quarantine! Lange ist es her, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Hmm, das mögen wohl vier oder fünf Jahre sein. Kid schien zu nicken. Er versuchte sich zu artikulieren, doch konnte er weder Zunge, noch Mund kontrollieren. Er schaffte es nun, die Schultern zucken zu lassen und blickte den Mann fragend an. Ja, lieber Kid. Du wirst im Moment leichte Probleme damit haben, dich äußern zu können. Meine Leute haben dir ein Gegenmittel gespritzt. Du hast meinen Stoff in deinem Körper geführt und das Serum, das dir nun gespritzt wurde, hebt innerhalb kürzester Zeit die Wirkung des Trips auf. Leider hat es enorme Nebenwirkungen. Unter anderem ist die Körperkontrolle bis auf wenige fundamentale Bewegungen aufgehoben. Du weißt jetzt, was das Besondere meines Stoffes ist? Kids Kopf zitterte leicht. So, du läufst gerne Dingen hinterher, die du nicht verstehst? Der Mann lachte. Frauen gehören auch dazu, nicht wahr? Du hast dich kaufen lassen, lieber Kid. Und ich weiß auch von wem! Die eine der Beiden arbeit seit Jahren hier in meinem Club, war sogar für längere Zeit meine persönliche Mätresse. Kerry heißt sie. Eine Verräterin ohnegleichen. Sie hat eine Nebenorganisation in diesem Gebäude aufgezogen, mein lieber Kid. Und sie hatte den Plan gefaßt, daß du mich in deinem Rausch zur Strecke bringen wirst. Tja, das fällt wohl aus. Würde sie jetzt das Gebäude betreten, würde sie vermutlich auch die Leichen finden, die du auf deinem Weg hierher produziert hast. Lieber Kid, das waren allesamt Kerrys Helfer, denen wir die Informationen unterjubelten, das ein unbewaffneter, harmloser Obdachloser eingedrungen sei und beseitigt werden müsse. Solche Leute werden hier mal zufällig erschossen, das ist kein Beinbruch. Warum meinst du, hast du hier soweit vordringen können? Nun, ich weiß, mein Stoff schärft die Sinne aufs Äußerste, doch hätten meine besten Leute dich schon beim Gedanken hier einzutreten zur Strecke gebracht und dir alle Knochen gebrochen. Da ist nichts verpaßt, das wird nun folgen. Lieber Kid Quarantine! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. So heißt, so ist es auch. Doch fürs erste, lasse ich dich feste schnüren und ablegen, wo dein Körper sich wiederfinden kann. Du sollst dein Martyrium geniessen können, nicht wahr. Der Mann trat auf Kid zu, tätschelte ihm die Wange, verließ den Raum. An einem Spiegel vorbeigehend, prüfte er den Sitz seines Jackets. Er nestelte etwas, dann wandte er sich zurück zu Kid. Du hast nicht wirklich daran geglaubt, hier etwas erreichen zu können? Du bist heute zum dritten Male hier aufgetaucht. Zuerst machst du mit Kerry eine Nacht lang rum, dann kommst du gestern Nacht bereits erneut hierher, total konfus. Meine Männer sollten dich eigentlich schon eliminieren, doch da schien selbst durch den Nebel ihrer Hirne ein Rest, ein schändlicher Rest an Empathie durchgedrungen sein. Ja, ich weiß, ich kann es selber überhaupt nicht verstehen, lieber Kid, doch so war es. Dein Tod am gestrigen Abend war beschlossen. Für solch einen Auftrag muß ich ja nicht stundenlanges Nachdenken aufbringen, da genügt ein Blick meines Sicherheitsmannes an den Monitoren, der mir Bescheid gibt, daß dieser Kerry-verrückte Arschlecker wieder da ist. Hast du dich nicht gewundert, daß sie dich gestern abend nicht kennen wollte? Sie hatte Lunte gerochen, das Biest. Und heute schickt sie dich angefixt hierher, in die Höhle des großen Löwen. Nun, sie weiß, was drin ist, in meinem Stoff. An einem blauen Tag, habe ich es hier gesagt. Es war ein Moment monumentaler Schwäche, ich weiß, ich weiß. Der Mann hob abwehrend die Hände, während Kid ihn nur anstarren konnte. Das Nicken, das er anzeigte, war mehr ein Zeichen von körperlicher Schwäche. Du kannst dich sicherlich an einige der Schläge erinnern, die wir damals in Frankreich gemeinsam durchführten. Ja, sicherlich erinnerst du dich! Du hast immer in der Nähe der Mazaden rumgelungert, als sei dort ein Kid-Magnet vergraben. Der Mann lachte. Aber nein, du konntest nie in dein Zimmer rein, das du dort in einer Absteige hattest, weil da dein Mädchen rumgehurt hat. Du hast ja nichts auf die Reihe gebracht, große Pläne, ja. Aber die Umsetzung, na sieh dich halt an, wo du gelandet bist? In der Hölle auf Erden! Als wenn ich dir das damals nicht eingeschärft hätte, Kid! Ach wie hieß sie noch? Nina? Kid huschte ein Bild vor die weit aufgerissenen Augen und der Mann versank für einen Moment in Schweigen. Schwanger war sie, nicht wahr? Und dann kurz vor der Geburt an einer unsauberen Spritze verreckt. Gut, Kid, das kann einen Mann doch mal von der Bahn abwerfen, das verstehe sogar ich, auch wenn ich kein Verständnis dafür habe, das sind menschliche Schwächen, das ist nichts für einen Mann meines Formats. Das ist was für Christen und solche Schwärmer. Hippies! Aus dem Moment kurzer Ruhe stieg der Mann in einen leichten Zorn hinein. Bist du auch so einer geworden, nach ihrem Tod? Ich habe dir noch gesagt, wenn du gehst, gehst du für immer! Und jetzt bist du hier, was soll das? Meinst du das Ernst, hier dein Ende zu suchen? Schaffst du das nicht von allein, dir einen Strick um den Hals zu legen, oder einfach eine saubere Überdosis zu schießen? Mußt du hierher kommen und für Ärger unter uns hier sorgen? Du hattest damals irgend eine fixe Idee, ich müßte dir die Rezeptur verraten! Du bist so dumm, daß dir die Gefahr, in die du dich begibst nicht einmal vage klar wird! Aber ich bin mal nicht so, ich will dir sagen, warum das nie funktionieren würde. Zunächst einmal, Kid. Wenn ich dir die besondere Rezeptur verrate, wirst du auf jeden Fall sterben. So eine Pleite, wie ich es mit Kerry erlebt habe, passiert mir nicht ein zweites Mal. Also, willst du es wissen? Kid warf all seine verbliebene Energie in ein heftiges Kopfschütteln. Der Mann bemerkte es, und sah Kid dabei zu, wie dieser zur Seite umfiel. Ich wußte es, er ist nicht einmal von dem Format, aufrecht sterben zu können. Der Mann wandte sich wieder ab und verließ den Raum.

Der Erzähler hat, zur Verstärkung des Eindrucks, den er schaffen möchte, die beiden ihm nächstsitzenden Hörer mit seinen langen, dürren Armen gegriffen. Ihre Köpfe liegen nun an seiner Brust. Beschwörend raunt er ihnen in die Ohren: „Jener Jan, der leicht dösend die Wand anstarrt, muß nun in einem Moment seltener Klarheit erkennen, daß er die Situation nicht mehr einschätzen, beziehungsweise definieren kann. Verlebt er in diesen Stunden eine endlose Zweisamkeit mit einer Geliebten, einer Schimäre, oder ist er in eine Geiselnahme geraten, die er sich paradisisch zurecht phantasiert? Seine Visionen sexueller Tätigkeit sind in einer möglichen Realität nur Visionen, die er zusammen mit der Person Susi erträumen möchte, doch ist sie tatsächlich Teilnehmerin seiner Taten? Er stellt sich vor, mit seiner Faust gegen die Wand zu schlagen, immer wieder und wieder mit vollster Wucht. Er fragt sich, welcher Erregungsgrad entstünde, sollte ein, sein, ihr Po geschlagen werden? Jan hält dies zwar für Unfug, doch existiert es, spürt er einen leichten Schmerz im verlängerten Rücken. Er erhebt sich, geht in das Badezimmer, steckt seinen Kopf unter den Wasserhahn, läßt kaltes Wasser über sich laufen. Er möchte aufwachen, denkt er. Er fühlt sich allein.“ Das Raunen endet für einen Moment. Der Erzähler läßt die beiden Hörer frei aus seinem Griff.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis drei Schergen des Mannes zu Kid kamen. Sie hatten mehrere Stricke bei sich, mit denen sie Kid die Arme vor seinem Bauch banden. Die Knöchel der Beine banden sie ebenso zusammen. Hernach wurden beide Stränge miteinander verbunden, so daß Kid in nun liegender Position die Beine hochgezogen wurden. Er biss die Zähne zusammen, denn was zunächst recht fahrig wirkte, brachte doch einen immensen Schmerzfaktor mit sich. Nun schlangen die Männer jedoch noch ein weiteres Tau um Kids Brust, führten es unter der Liegefläche, auf welcher der Gefangene lag, hindurch und banden ihn damit noch an das Möbelstück. Insofern war es Kid in diesem Moment relativ gleichgültig, daß seine Koordination zwar langsam, aber dennoch zurückkehrte. Die Männer drehten das Möbel noch so, daß Kid in seiner Position aus dem Fenster in den grauen, und langsam sich verdunkelnden Himmel blicken konnte. Sie gingen. Es verging erneut eine längere Zeitspanne, in welcher Kid nichts hörte, was in diesem Gebäude vor sich ging. Keine Stimmen, keine Schritte, keine Menschenseele. Er fühlte sich völlig verlassen. Dann erschien jedoch Lazăr, trat an das Sofa, zerrte an Kids rechtem Arm, klopfte auf der Beuge herum, pfefferte eine Spritze hinein, drückte, zog sie heraus und verließ wortlos den Raum. Kid fühlte sich nun nicht mehr nur verlassen. Die Nacht brach an. Der Mann betrat derweil den komplett gesäuberten und wieder hergerichteten Barraum, und besah sich für einige Minuten seine Stangentanzkätzchen. Er nickte zur Bar und verschwand wieder in seine Gemächer. Dort blickte er aus dem Fenster in die mäßig ausgeleuchtete Nacht. In Gedanken besprach er sich mit Anikó über die Probleme, der Mäuse Herr zu werden. Doch Anikó war an diesem Abend maulfaul und der Mann sehnte sich nach einem seiner Pauli, die armen Seelen, die er mit der Rhetorik der Gewalt bekannt gemacht hatte. Eine Macht, die diese Beter noch nie kennengelernt hatten. Da lachte der Mann kurz auf. Oh, er liebte es, sie in ihren Fesseln zum Tanzen zu zwingen. Es würde wieder Zeit, sich einen neuen Paulus bringen zu lassen. Da kam jedoch kurz der Gedanke, das ihm doch heute Ephraistos abhanden gekommen war. Ja, der gute Ephraistos, er war auch einer der Überläufer gewesen, schien ihm. Dennoch war sein Tod nicht vorprogrammiert gewesen! Der Mann sah Anikó böse an, der meinte eine Bemerkung in diese Richtung machen zu müssen. Ich stelle ihn extra in die zweite Reihe, und beauftrage ihn damit, die Ratte, die uns seine vermeintliche Befehlsgeberin sendet, mir zum Fraß vorzulegen. Damit seine Hoffnung hier vor seinen Augen zerstückelt wird. Oh Anikó, das du die einfachsten Zusammenhänge nicht verstehst, es ist kein Wunder, daß du nicht alt wurdest. Immer schon nur ein kleines Licht. Na, dafür wirst du mich begleiten, wenn wir uns noch ein letztes Mal mit Kid unterhalten. Ich werde mit ihm noch ein wenig in Erinnerungen schwelgen, und dann schau ich mal, ob wir den kleinen János nicht zu unserem neuen Gruppenführer aufbauen können. Er ist noch jung, aber schon ziemlich abgebrüht, was die Arbeit angeht. Er muß nur ein wenig mehr an seine Familie denken. Er ist noch zu flatterhaft, es tut ihm nicht gut, in der Nähe der Mädchen zu arbeiten. Das bringt ihn zu sehr auf Ideen. Ah, da liegen meine Pillen. Ich werde mich nun etwas ablegen, damit morgen eine neue Produktion starten kann. Die Tabletten in der Hand, stellte sich der Mann vor einen Spiegel und sah sich bei der Einnahme zu. Er sah leichte Falten in seinem Gesicht und ihm wurde in diesem Moment klar, daß er älter geworden war, als seine Mutter je gelebt hatte. Schmerz durchfuhr ihn, der nicht aus der Erinnerung gespeist wurde, doch linderte diese auch nichts. Gar nichts war Linderung. Allein nur das Austeilen an Schmerz, bodenlosem Schmerz, menschenunwürdigen Schmerz, teuflischem Schmerz, zerschmetterndem Schmerz, atemverschlingendem Schmerz, sein Gesicht hatte sich zur Fratze verzerrt, warum tauchte sich der Raum in rotes Licht, tiefes, rotes, blutgetränktes Licht. Hatte er nicht ausdrücklich darum gebeten, daß man ihm die Fingernägel schnitt! Er könnte sich gerade, ja er tat es. Er schnitzte sich feine Linien in seine spröden Wangen. Seine Augen versanken derweil in ihren Höhlen, es waren nur noch die tiefen Schatten zu sehen, die seine Überaugenwülste warfen. Der Mann krallte seine Finger um die Ornamente des Spiegelrahmes und schrie diesen durchdringend an. Immer wieder und wieder schrie er den Namen Anikó. In die Finsternis hinein. Anikó! Gegen die Berge an Schuld, die den Mann trieben. Anikó! Gegen die Wut, die in ihm seit Äonen toben mußte. Anikó! Die Zunge des Mannes flatterte, sie vertrocknete in dem Wüstensturm, den ihr Besitzer entfesselte. Anikó! Blut floß ihm, wie Tränen über sein Gesicht. Anikó! Anikó! Nichts geht je verloren, Anikó! Er hieb mit einem plötzlichen Schlag seinen Schädel gegen das Spiegelglas, das nur so um ihn herumsplitterte, wenn es sich nicht in seine Haut bohrte. Der Mann sank zu Boden und wälzte sich schreiend in der wie eisig glitzernden Landschaft. Ruhe kehrte erst langsam in den Raum ein.

Der Erzähler fragt: „Und jene Susi? Was denkt Ihr, wird ihr durch den Kopf gehen? Wähnt auch sie sich in einer Geiselnahme?“ Der Erzähler kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, doch konnte es keiner der Hörer sehen. „Ich verrate es Euch. Susi möchte endlich wieder die Helligkeit des Tages zurückerlangen. Doch es liegen noch immer mögliche Stunden in diesem Zimmer vor ihr, denn sie hat jedwedes Zeitgefühl verloren. Es ist jedoch kein Gefühl des Unwohlseins, und irgendwie ist ihr der vor Ort nun keusch gewordene Jan sympathisch. Da habt ihr es. Doch zweifellos hat sie auch einen gewissen Grad an Angst in sich, denn dieses Szenario war von ihrer Seite so nicht geplant. Was hatte ihr jener Jan nicht alles im Porno-Chat versprochen, und wie waren ihre Säfte gelaufen, hatte sie sich in der Vorfreude gesuhlt.“

Auszüge aus Monolog mit einer Leiche:

ich sah maria lange an. schweigend. mein atem dampfte, es war der reinste höllenbrodem, der sich aus mir herauswand. mir gehen dinge im kopf herum, doch nichts davon dreht sich um sie, maria. ich trat hinter sie, legte meinen arm um ihren hals und würgte sie zu tode. ich löste das tau, legte es wieder säuberlich in das boot zurück und begann steine zu sammeln. diese packte ich in marias kleidung. besonders die hose packte ich so voll es nur ging. schließlich stopfte ich die enden der hosenbeine in ihre strümpfe, damit die steine nicht herausrutschten. letztlich stieß ich das boot wieder vom ufer ab, fuhr es in die mitte des flusses, wo ich den toten körper aus dem boot hob. sofort sank die leiche in die tiefe. als abschied sprach ich: ja, ich werde gehen. aber du wirst hierbleiben. und dennoch nie nach hause zurückkehren. ich brachte den kahn wieder an land, vertäute ihn an einem baum. dann begab ich mich nach dem nächsten ort, wo ich einen bus zurück in das städtchen nahm. ich meldete die stelle, wo ich das boot angelegt hatte beim verleiher, der es dort abholen würde. dann ging ich nach hause. ich plante, ab wann ich diesen ort verlassen könnte, und schrieb dem bischof über mein vorhaben, nach frankreich auszuwandern. er müsse dann für einen nachfolger sorgen. nach meinen planungen gab ich ihm vier wochen zeit, denn dann würde ich aufbrechen. den brief brachte ich sofort zum postamt. dort angekommen sah ich frauen miteinander tuscheln. es ging um jene maria, sándors frau, die verschwunden sei. ich mischte mich dazwischen und fragte, ob ich helfen könne. man berichtete mir, daß eine frau verschwunden sei. ihr mann suche sie, seit er aus der hauptstadt zurückgekommen sei, wo er heute an einer demonstration teilgenommen habe. ich nickte und fragte, ob sie denn niemand irgendwo gesehen habe. sie könne sich ja nicht in luft aufgelöst haben? nein, es habe sie niemand gesehen heute. vielleicht ist sie mit einem anderen mann durchgebrannt, gab ich zu bedenken. ich erntete nicken unter den umstehenden. ich erledigte meine postgeschäfte.

vier wochen später setzte ich mich in einen zug und während der fahrt, öffnete ich das fenster. ein römerkragen flog durch die luft, begleitet von meinem gelächter.

Der Mann wurde in der Nacht von hilfreichen Geistern in sein Schlafgemach getragen, dort medikamentös zur Ruhe gebettet. Am darauffolgenden Morgen wurde er zu seiner beständigen Zeit wach, das erste Licht des Tages berührte sanft die gesäuberten Augen. Für den Mann war es dennoch ein Moments des puren Schreckens, denn er konnte sie nicht öffnen. Er schrie auf. Lazăr, der sich bereits vor der Türe eingefunden hatte, trat ein, wurde lautstark auf die körperliche Fehlfunktion hingewiesen, tupfte mit Bäuschen auf die geschlossenen Augenlider, die von den Verletzungen der vergangenen Nacht nicht nur vage zeugten. Er bemerkte, daß die hilfreichen Geister es aus Gründen der Vorsicht unterlassen hatten, die Augen selbst zu verarzten. Der Lider blieben geschlossen, Lazăr konnte sie nicht von der Bindehaut abheben, spürte aber, daß immer noch kleinste Glassplitter sich darunter befanden. Lazăr riet zu sofortigem Krankenhausaufenthalt. Der Mann schrie, er solle ihn wieder sehen machen. Lazăr entgegnete, er könne hier nichts tun, es seien wohl wichtige Nerven am gestrigen Abend beschädigt worden. Der Mann, der von den hilfreichen Geistern der Nacht ebenfalls noch mit starken Schmerzmitteln versorgt wurde, packte wild mit der rechten Hand in die Luft, um sich Lazăr zu greifen, doch dieser wich aus. Nein, rief Lazăr, wir können hier nichts mehr machen, ihr braucht einen Chirurgen. Eure Augen sind vermutlich irreparabel ruiniert. Dann hol deinen verdammten Chirurgen hierher, und schnapp dir einen verdammten Christen, den wir danach noch rösten können! Und das ganze verdammt plötzlich, ich verlange, wieder zu sehen! Lazăr lief aus dem Raum heraus und trommelte in Windeseile die Truppe zusammen. Schnell wurde recherchiert, wo der nächste, fähige Arzt zu finden sei. Eine weitere, kleinere Abteilung unter der Führung von Lazăr machte sich auf, so schnell wie möglich, die umliegenden Praxen in dieser Fachdisziplin um ihr Instrumentarium zu bringen. Währenddessen ließ der Mann sich widerwillig von unsichtbaren Geistern verpflegen, beruhigen und in entsprechendes Format bringen. Er haßte diesen Zustand schnellstens mehr als alles, was ihm zuvor je in seinem Leben widerfahren war. Zumal vor seinem inneren Auge sich Bilder aus der Erinnerung auftaten, jedoch waren diese kurios verzerrt. Um sich davon abzulenken, rief er János zu sich. Es dauerte eine Weile, bis ihn einer der Geister erreichte und brachte. Hast du nach unserem Gast geschaut? János und der Geist sahen sich an. Was jetzt? Antwortet mir mal jemand? János machte einen Schritt zurück, in Richtung der Tür und antwortete: Ja, Herr. Ich habe nach dem Gast gesehen. Was sollen wir nun mit ihm als nächstes tun? Der Mann schwieg einen Moment lang, machte eine Kopfbewegung hin zum Fenster. Er muß am Leben bleiben, bis ich wieder hergestellt bin, denn ich möchte seinen Tod sehen und vor allem inszenieren. Ihr werdet ihn also gut behandeln, und keine Spielchen mit ihm, hört ihr? Er muß sichergestellt bleiben, also weiterhin feste schnüren. Gebt ihm genug zu trinken und eine einfache Diät. Er sollte uns nicht zu schnell davon eilen, wenn ich mich ihm annehme. János, komm her. Widerwillig schritt der Angesprochene an den Mann heran. Der packte János‘ Arm und zog ihn zu sich herab. Du wirst Ephraistos beerben, hörst du? flüsterte er. János blickte den Geist an und wollte sich wieder erheben, doch der Mann ließ ihn noch nicht los. Wir werden uns darüber noch genau unterhalten. Jetzt geh, und kümmer dich um diesen Kid. Während diese Unterhaltung in dem betonfreudigen Gebäude stattfand, hatte Lazăr gerade eine unbewachte Praxis ihrer Gerätschaft entledigt. Beim Verlassen wurde er von einem Komplizen auf zwei Frauen hingewiesen, die einige Meter von ihnen entfernt durch den Morgen schlenderten. Lazăr erkannte Kerry, eilte auf die andere Straßenseite, sah sich um. Ausser den beiden Frauen, sowie seinem Trupp war niemand in dieser Ecke der Stadt unterwegs. Nun passierte ihn ein Fahrzeug. Er huschte hinter den Beiden her, verminderte die Distanz. Währenddessen zog er seine Glock aus dem Hosenbund, schraubte den Schalldämpfer auf, alles während er sich weiter unbemerkt näherte. Dabei verschwand er auch regelmäßig in Hauseingängen, um kurzfristig aus dem eventuellen Blickfeld zu gelangen, falls sich eine der Beiden umdrehte. Da öffnete sich die Tür, vor der sich Lazăr gerade in Deckung begeben hatte. Eine junge Frau, vermutlich auf dem Weg zur Arbeit, trat heraus. Lazăr drehte sich zu ihr, schoß. Lautlos fiel die Frau zu Boden. Lazărs Fuß hielt sie auf ihrem Fall die Treppe hinunter auf. Ein vorsichtiger Blick auf seine beiden Verfolgten. Diese schienen nichts zu bemerken. Da, sie blieben stehen. Kerry drehte sich zu der anderen, die Lazăr noch bisher nie gesehen hatte. Kerry zog ein Zigarettenpäckchen aus ihrer Tasche. Lazăr zielte, schoß einmal rechts, einmal links. Kerry fiel direkt tot zu Boden. Die zweite Frau war zwar ebenfalls getroffen, doch hielt sie sich noch auf den Knien, blickte tief schockiert auf die Leiche vor ihr. Die Zigarette aus ihrer Hand gefallen. Lazăr sandte eine zweite Kugel hinterher. Traf den Kopf, die Wucht riss den Körper zu Boden. Er verließ seinen Standort, trabte schnell zu seinem Kommando zurück. In der Zwischenzeit war gerade ein weiterer PKW durch die Straße gefahren. Man machte sich auf schnellstem Weg zum Hauptquartier zurück.

Der Mann hatte alle Untergebenen weggeschickt. Er wolle alleine sein, um seine Pläne zu überdenken, hatte er hinterher gerufen. Es trieb ihn dazu, aufzustehen und an das Fenster zu treten, doch schlagartig wurde ihm die Unsinnigkeit bewußt. Es war eine dieser Situationen, in welchen schnell die Wut in ihm aufstieg, die alle Taten in tiefrote Bereiche trieb, doch blieb sie jetzt aus. Hingegen fühlte der Mann sich schwach. Kraftlos. Die Schmerzmittel, die ihm erneut verabreicht waren, linderten, doch wußte er, das er jetzt doch sein eigenes Produkt testen mußte, um wieder kernig der wohlbekannte Richter und Henker seiner Feinde zu werden. Zwar wollte der Mann sich noch nicht so weit hergeben. Bisher war er nur der Produzent, nie der Konsument. Er war sich der Gefahr bewußt, denn er nutzte das Produkt mit höchster Vorliebe für seine Truppen, die dadurch mit höchster Angstlosigkeit ihrer Arbeit nachgingen und ohne Gewissensbisse Menschen verletzten, verschleppten, qualvoll hinrichteten. Der Mann lächelte bei diesen Gedanken. Die Pein anderer Personen war sein wahres Elixier, doch dazu mußte er sehen. Es war ein Muß, Tortur in den Augen der Totgeweihten zu sehen. Es machte ihn stark, wenn er die überquellende Todessehnsucht erkannte, die von seinen Opfern schon ausgeschwitzt wurde. Je langsamer und länger die Agonie gezogen werden konnte, desto viel besser. Er konnte sich nun wieder an die Zahl derer erinnern, die er vom Leben in den Tod begleitet hatte, seit es Anikó in einer Seitengasse erwischt hatte. Die Zahl war 68, die er eigenhändig fing und entleibte. Seit er das Postmortem führte und seine Häscher in der Welt für Lücken sorgten, waren weitere 54 hinzugekommen, deren Tod er in Auftrag gegeben hatte und von denen 19 vor Ort von ihm, oder vor seinen Augen, mit höchster Finesse das Leben entzogen wurde. Die meisten Todesarten hatte sich der Mann selbst erdacht, manche waren alten Zeichnungen mittelalterlicher Folter entlehnt. Der Mann sehnte sich von Zeit zu Zeit danach, in jenen Tagen gelebt zu haben. Er wäre ein Meister der Inquisition gewesen, eine Lichtgestalt in jenen dunkelsten Tagen. Nun klopfte es zart an der Türe und ein hilfreicher Geist vermeldete, daß Lazăr zurückgekehrt sei. Er habe auch höchst wichtige Neuigkeiten. Der Mann verlangte Lazăr sofort zu sehen. Auf diese Worte hin stürmte der Angesprochene bereits in den Raum hinein. Ich habe Kerry beendet. Der Fall ist gelöst. Die Helferin ist ebenfalls nicht mehr. Die Gerätschaft wird aufgebaut, Herr. Ich erwarte unsere zweite Truppe noch, die den gewünschten Chirurgen herbeischafft. Der Mann rieb die Hände. Das sind sehr gute Neuigkeiten. Oh, wie freue ich mich, sie unserem Gaste Kid unter die Nase zu reiben. Er ist nun völlig alleine auf dieser Welt. Den Wolf haben wir ihm genommen, seine schöne Freundin, die Verräterin Kerry und dieses junge Ding, daß sich die Hure angelacht hat. Der Mann rieb sich wieder einmal die Hände, ein breites Grinsen unter den geschlossenen Lidern. Lazăr rieb sich ebenfalls die Hände und mochte wissen, womit der Mann fortzufahren gedenke. Dieser legte seinen rechten Zeigefinger an die Nasenspitze und sah es an der Zeit, bevor der Chirurg eintreffen würde, den lieben Kid zu besuchen. Ob er Maschinerie benötigen würde? Oh ja, ein wenig Mechanik kann uns dabei nicht schaden, denke ich. Die stummen Diener könntest du bitte schon aufbauen lassen, Lazăr. Für den letzten Akt: was denkst du über einen neuen Lauf der Eisernen Jungfrau? Die haben wir schon sehr lange nicht mehr genutzt, da besteht ja schon die Möglichkeit, daß unser Freund Kid an einer Blutvergiftung sterben könnte. Der Mann hörte Lazăr kichern und freute sich ebenfalls über diesen unvermuteten Witz, der ihm gelungen war. Lass uns also gehen. Die beiden Männer verliessen den Raum, wobei Lazăr den Mann an der Schulter führte.

Dem Erzähler werden die Protagonisten zuwider: „Hört, ich muß mich als Erzähler durch vieles hindurchwinden, und plastisch darstellen, wovon ich nie zuvor erfuhr, ja, was mir als Person gar unangenehm ist. Und ich mag nicht davon berichten, das eine Frau in der Nähe eines ihr fremden Mannes Erregung empfindet. Reine körperliche Erregung ist mir auch zuwenig, um Menschen zur Vereinigung zu bringen.“ Der Erzähler schweigt einen Moment, dann beginnt er, mehr für sich selbst, zu murmeln: „Die Stunden ziehen dahin wie Kaugummi, und die Schmerzen treiben ihr Spiel. Ich sehe eine Figur im einem Fernsehen, und diese schiebt einen Gedankenstrom an, der von mir nicht mehr – auch nicht einmal annähernd – kontrolliert werden kann. Genauso stand ich am gestrigen Tag an einer Straßenecke, und wurde unversehends von dem Gedanken gestellt, daß ich irgendeiner Person darlegen muß, aus welchem Grund ich kein Fleisch esse, beziehungsweise es nicht einmal essen kann, ohne höchstes, körperliches Unbehagen ertragen zu müssen. Nach dieser Situation ist der Tag gelaufen, später rebelliert auch der Körper selbst, doch anfangs ist es das innere, das psychische Element, welches in eine massive Schieflage gerät und … der Kopf muß sich schützen, denn die Gefahr droht von oben. Sowie an jenem Tag, als ich fürchtete, das kosmischer Hagel mich bedroht, das Blitze gegen mich geschleudert werden, das droben an meinem Ende geschrieben wird. Es war der Tag, nachdem ich der Situation wieder begegnete, als sich der Blick geöffnet sah und — wenn jemand mir erklären könnte, was damals geschah, doch jene, die dieses möglicherweise könnten, sie schweigen, sie sterben dahin und nehmen all ihr Wissen mit in ihre in alle Ewigkeit verdammten Gräber. Wer? Ich möchte es in die Welt hineinschreien: Wer? Und ich versuche krampfhaft den Namen dessen zu verleugnen, den ich nicht nennen will, so wenig, wie ich Fleisch essen kann, denn ich wideresse es. Wer schaut freiwillig Filme, die rückwärts laufen? Wer isst eine Zunge? Wer kann das? Wer kann eine Zunge essen, wenn in diesem Schundbuch steht, daß jene, die an den Wahn glaubten, mit Zungen redeten? Die Stunden und der Schmerz. Der Schmerz und die Stunden. Ein übler Ringelrein. Der Teufel hat vom Hirn genascht und zieht jetzt lachend über Land. Wenn ich allein wäre, könnte ich meine Adern öffnen.“ In der Dunkelheit sieht keiner der fröstelnden Zuhörer, wie bleich der Erzähler geworden ist.

Lazăr leitete den Mann an seinen Platz, in jenem Raum, in welchem der Festgesetzte aufbewahrt wurde. So platzierte Lazăr, bevor er sich zurückzog, um den Aufbau der Chirurgie zu überwachen, noch eine heftige Ohrfeige in des Gefangenen Gesicht. Dabei lachte er den mühsam Erwachenden spottend an. Der Mann saß und dachte über seine Geschichte mit Kid Quarantine nach. Jener lag und keuchte. Er hatte sich in der Nacht mehrfach erbrechen müssen. Von Hilfskräften wurden ihm regelmäßig neue Injektionen gegeben, die ihm eine permanente leichte Vergiftung zuführten. Er fühlte sich elender als der sprichwörtliche Hund, er fühlte sich geschlagen und heftig mißbraucht. Sein menschlicher Charakter war nur noch eine blutende Masse. Der Mann sog die gequälten Geräusche auf, erhob sich unsicher und schritt langsam zu der Liege hin, auf welcher der Gefangene vegetierte. Seine Hand fand den Kopf, strich einige Male behutsam darüber. Ebenso vorsichtig, wie er sich zuvor bewegt hatte, kniete sich der Mann neben die Liege, tastete nach der Hand und packte diese. Ein lauteres Keuchen drang an seine Ohren. Ich höre, man kümmert sich so gut um dich, mein lieber Kid, wie ich es mir wünsche. Der Angesprochene antwortete nicht, drehte den Kopf, so gut es möglich war, weg vom Sprechenden. Die Stimme des Mannes in seinen Ohren zu hören, so nah zu spüren, die Berührung an Kopf und nun der Hand, war zuviel für den Gefangenen. Es riss ihn hoch, der Mann wich zur Seite, von Ahnung getrieben und der Liegende erbrach sich erneut. Ein Geist erschien, wischte Boden und Mensch ab, bezeugte dem Mann, nicht getroffen worden zu sein und erhielt noch den Auftrag, den Gefangenen zu tränken. Kurze Zeit später erschien der Geist mit dem essiggetränkten Schwamm. Dieser wurde dem Gefangenen mehrere Male auf das Gesicht gedrückt, so daß die Flüssigkeit über dessen Gesicht lief und mancher Tropfen auch in den Mund gelangte. Der Geist wischte hernach die Augen aus. Der Gefangene keuchte schwerer als zuvor. Der Mann schickte den Geist weg. Nun, mein lieber Kid, wir sind wieder alleine. Ich weiß, daß du mir gerne viel sagen würdest, doch bist du nicht in der Lage, nur ein einziges Wort über deine vertrocknenden Lippen zu bringen. So sei es, dafür will ich sprechen. Wir haben Kerry gefunden und erschossen. Sie folgte deinem Wolf. Und mit ihr ist Aisha ausgelöscht. Ich weiß, du hast sie nur kurz kennenlernen können, vermutlich wußtest du nicht einmal, wie sie hieß. Ein nettes Ding mit reizenden Augen. Nun ist sie hin. Sie hat sich zu nah an das Feuer gewagt und ist in Flammen aufgegangen. Was dir gefallen könnte, ist auch die Information, daß die Männer, die du in unserer Bar erschossen hast, allesamt Meuterer an der Seite deiner Genossin Kerry waren, die wir enttarnt hatten. Sie suchten dort nur einen unbewaffneten, alten, verwirrten Obdachlosen, mit dem sie im Dunkeln Spaß haben sollten. Ja, den hast du ihnen gebracht. Einen letzten, feurigen Spaß. Und auch mein alter Gefährte Ephraistos, den du darauf zu Tode gebracht hattest, gehörte zu der untreuen Vereinigung. Der Gefangene zuckte. Ja, ihn solltest du eigentlich nicht erschießen. Ich wollte, daß er deinen Tod eigens überwachen sollte, denn du warst ja der von ihm erhoffte Engel, der meiner Herrschaft ein Ende bereiten sollte. Ja, das alles wußtest du vermutlich gar nicht, als die Hure Kerry dir den Trip spritzte. Ja, sie hat dich in dein Verderben geschickt. In deinen Tod. Und das alles wegen Toulouse, nicht wahr. Ich hatte dich dort sitzen lassen. Hatte dir Reichtümer versprochen und dann nichts eingehalten. Das Rezept wolltest du erfahren. Und so hast du dich nach diesen Jahren aufgemacht, um jetzt die Einhaltung von Abmachungen einzuklagen. Was bist du nur für ein lächerlicher Vogel, mein lieber Kid Quarantine. So töricht sollte kein Mensch sein, wie du es bist. Kid, Kid, Kid. Der Mann schüttelte seinen Kopf, als sei er wahrlich enttäuscht von seinem ungebetenen Gast. Ich weiß, Kid, du möchtest die alten Geschichten nicht mehr hören, denn sie haben dich in diese Lage versetzt. Aber ich muß sie mir immer wieder vor Augen führen, damit mir bewußt ist, was hier passiert. Den letzten Satz hatte der Mann mehr gemurmelt, als gesprochen. Er tastete sich zurück seinem Sitz und ließ sich nieder. Sein Zustand ermüdete ihn. Die Arzneien ermüdeten ihn. Sein Lebenswandel hatte ihn ausgelaugt. Seine Ohren empfingen die leichten Variationen im Keuchen des Gegangenen. Oh, Kid, wie konnten uns die letzten Jahre nur so an die Substanz gehen? Ich wünschte, Lazăr käme endlich, um mir wieder zur Sehkraft zu verhelfen. Dann würde ich mich schon besser fühlen. Wie sollen wir sonst gemeinsam, deinen letzten Tanz zelebrieren, mein lieber Kid. Zwar ist das Hören schon ein Ersatz, aber nichts schlägt die Freude, einen Menschen, der Emotion erzeugt, beim Tod zu sehen. Oh, da fällt mir ein, wir wollten für dich die Eiserne Jungfrau ausgraben! Hach, Kid. Ich muß nicht sehen, wenn du uns verläßt. Andererseits wäre der Einsatz unserer gemeinsam benutzten Garotte doch auch etwas feines, nicht wahr, lieber Kid. Erinnerst du dich an unseren Ausflug nach Marseille? Ja, das war dein Metier, schmutzige Unterwelt. Ich habe dir damals zugesehen, als du diesen windigen Finger im Hinterhof einer miesen Bar erwürgt hast, nur weil er deine Hure eine solche genannt hatte. Wie hieß er noch? Ja, man nannte ihn Moso. Der verschlagene, fiese, hinterhältige Moso, er war dir körperlich unterlegen, und genau deswegen hattest du dich auch nur getraut, ihm eine Falle gestellt und rausgelockt, dann von hinten den kleinen Würgerich umgeschlungen, und schon warst du nicht mehr zu halten. Ja, gerade mal Sekunden hat es gedauert, da lag der armselige Moso auf dem Boden und du hast gestrahlt, als hätte dir jemand einen Sack Gold in die Hand gedrückt. Und alles nur wegen der Schlampe. Ach, Kid. Frauen dürfen keine Macht über dich erlangen. Ich glaube, diesen Satz habe ich dir oft genug in Toulouse gepredigt. Aber du hast nie daraus gelernt. Jetzt wurdest du von der Hure Kerry aufs Kreuz gelegt. Und daran werden wir dich fesseln und hochziehen. Die Garotte soll es sein. Wenn Lazăr kommt, werde ich davon berichten. Entweder ich, wenn ich wieder sehen kann, oder er. Einer von uns beiden wird dein Henker sein. Ich freue mich schon darauf. Der Mann schwieg. Der Gefangene keuchte hin und wieder. Kein weiterer Laut war zu hören. Der Mann hing konfusen Gedanken nach. Wenn er nicht sprach, entglitt ihm die Ordnung der Welt, in welcher er wohnen wollte. Die Zeit verstrich, der Mann versuchte sich innerlich zu beruhigen, die Bilderflut zu dämmen, die da tobte. Ihm schien das gleiche, leichte Gift in den Adern zu wabern, das auch dem Gefangenen in die Venen gespritzt wurde. Nach einer nicht enden wollenden, toten Zeitstrecke erschien Lazăr mit zwei Geistern, um den Mann abzuholen. Man habe endlich einen Chirurgen gefunden, eingesackt und vorbeigebracht. Es sei leider nur ein Asiate, von dem man zur Zeit noch nicht wüßte, welcher Religion er anhänge. Man sei zunächst schließlich nur daran interessiert, daß er seine Arbeit am Mann gut mache und das Augenlicht rette. Der Mann hörte nur leidlich hin. Die tote Zeit hatte seine Energie aufgezehrt. Er ließ sich aufhelfen und aus dem Raume führen. Er ließ sich in einen Stuhl setzen, der von einem der Geister geschoben wurde. Man gelangte in einen großen Konferenzraum, welcher bis dato nur für die offiziellen Geschäfte des Mannes reserviert war. Nun war er in einen Operationssaal umfunktioniert. Lazăr stellte Arzt und Patient einander vor. Der Mann versuchte seine Niedergeschlagenheit hinter moderater Freundlichkeit zu verstecken. Er spürte, daß der Arzt irritiert wirkte. Er sprach Lazăr flüsternd darauf an. Dieser bestätigte die Theorie mit der Bemerkung, daß dies nicht verwunderlich sei, denn mehrere Glocks seien auf den Chirurgen gerichtet. Ob das in dieser Situation klug sei, fragte der Mann. Nun, die Frage stelle sich nicht, denn zwei Mitglieder der Truppe hielten auch die Familie des Chirurgen in ihrem Gewahrsam. Da genüge ein Anruf, um einen Fehler des Arztes hart zu bestrafen. Ah, dann sei ja alles gut, sagte der Mann mit fester Stimme. Der Chirurg begann nun seine Voruntersuchung, während der Mann noch in seinem Stuhl saß. Das sehe alles sehr, sehr schlecht aus, hörte man den Chirurgen flüstern. Er ließ den Mann auf die bereitgestellten Liege platzieren, und begann mit der Hilfe eines Geistes die noch unter den Augenlidern auffindbaren Splitter zu entfernen. Nach dieser minutiösen Arbeit, besprach er sich einige Minuten flüsternd mit Lazăr, wobei dessen Stimme jedoch mit fortlaufender Zeit immer heftiger wurde, doch nicht lauter. Schließlich mündete Lazărs Stimme in ein rechtes Zischen. Endlich trat Lazăr an die Liege. Es tut mir leid, Herr, aber dieser Chirurg hat leider nur das bestätigen können, was ich schon mit meiner leidlichen Erfahrung vermutet habe. Nicht nur sind die Nerven zerstört, die für das Öffnen der Augenlider zuständig sind, sondern ist auch die Augenoberfläche so massiv beeinträchtigt, daß eine Wiederherstellung ihrer Sehfähigkeit eine Aufgabe ist, die zum einen nicht hier vorgenommen werden kann, sondern unbedingt in einem Klinikum. Zum anderen muß schrittweise vorgegangen werden. Zunächst die Augenlider, dann Horn- und Bindehaut. Das erfordert einen Zeitaufwand von mindestens vierzehn Tagen Aufenthalt in einer Klinik. Der Chirurg empfiehlt ein Institut in seiner japanischen Heimat. Was denkt ihr, Herr? Ich, persönlich, halte ihn für absolut glaubwürdig. Ich habe ihn sehr stark unter Beschuß gesetzt,um seine Professionalität zu testen, und er hat bestanden. Ja, Lazăr, wir sollten ihm dahingehend vertrauen. Aber du wirst einen anderen Ort aussuchen. Ich vertraue dir darin. Wir haben doch schließlich unsere Verbindungen in die Medizin, denk nur an Italien! Außerdem behagt mir das italienische Klima besser, als der ferne Osten. Ich will dort nicht hin. Plane das ganze Unternehmen. Wenn wir angekommen sind, dann werden wir den Chirurgen mit verbundenen Augen aussetzen lassen. Irgendwo in der Puszta kann er aus dem Auto geworfen werden. Er hat hier nichts gesehen, oder? Nein, natürlich nicht. Blind herein und hier ist alles nach außen abgedunkelt. Er hat keine Ahnung, selbst in welcher Stadt er ist. Der Trupp ist deswegen so spät erst angekommen. Gut, ich werde mich dann um Italien kümmern. Die Familie? Ja, zieh unsere Männer ab. Sie sollen höchstens noch unseren Standpunkt klarmachen. Telefon kontrolliert? Ja, natürlich, auch im Umkreis. Ephra. Hm. Kid, soll ich euch zu ihm zurückbringen. Nein. Am liebsten würde ich ihn verdorren lassen. Ich möchte jetzt erst einmal ruhen. Diese Angelegenheit ermüdet mich sehr. Ihr könnt jedoch für Kid die Dosis etwas erhöhen. Eine leichte Prise erhöhter Qual. Das geschieht ihm recht. Gut, werden wir machen. Lazăr, da es etwas länger dauern wird, bis ich wieder sehen kann, habe ich beschlossen, daß du Kid mit der Garotte behandeln wirst. Du hast es dir redlich verdient. Vielen Dank, Herr! Lazărs Stimme klang hocherfreut.

Der Erzähler versucht sich zusammenzureissen. Er spricht einzelne Zuhörer an, tauscht kurze Bemerkungen aus. Nun möchte er langsam die Geschichte zu ihrem Ende bringen, denn er fühlt sich sehr ermüdet, nach diesem für ihn sehr langen Ausritt in die erzählte Dunkelheit: „Also, meine Lieben. Hört her: Susis Blick fällt auf den Mann, der sich von ihr abgewandt hat und die Wand mit seinen Blicken zu löchern versucht. Sie legt ihre Rechte auf seine Schulte und erzählt dem Süssen, daß ihr Freund auch gerade alleine zu Hause sitzt.

Jan schaut auf und fragt ungläubig nach, ob sie einen Freund habe, davon habe er nichts gewußt. Er hätte nur gedacht, daß sie früher einmal verheiratet gewesen sei. Wie das denn jetzt komme? Wie lange sie schon mit diesem Freund zusammen sei? Susi bittet ihn, sich schnell abzuregen, sie sei seit elf Monaten mit Joe zusammen, und das gehe ihn, Jan, grundsätzlich nichts an. Sie wolle nur klarmachen, daß nicht er alleine hier in die große Untreue hinein springe. Und sie wolle ebenfalls ganz sicher gehen, daß er, Jan, verstehe, daß sie vor ihm sich nie mit einem anderen Chatter getroffen habe. Sie sei schließlich auch keine Professionelle, die überall rummacht, auch wenn sie es gerne hat. Ob das ihm jetzt klar sei? Jan schaute wieder zur Wand, ihm ist wieder die Übelkeit in die Glieder zurückgefahren, die er inzwischen unter Kontrolle wähnte. Doch mit diesem unvermuteten Geständnis ist ihm seine Situation wieder völlig klar geworden. Er ist wieder zum Schwein und zum Betrüger und zum Lügner degradiert. Und nun ist er auch noch nicht einmal alleine in dieser Situation, nein, seine Partnerin in dieser selbstgeplanten Schmierenkomödie stammt vom gleichen Planeten. Er frage, ob ihr Joe etwas von ihrem Treffen wüßte. Susi meinte, das er wohl nichts wisse, aber er habe grundsätzlich wohl auch nichts dagegen. Sie hätten das vor einiger Zeit mal geklärt. Sie glaube auch, er wäre damit ganz zufrieden, da er wohl auch mal gerne rumvögeln würde.“ Der Erzähler fragt nach etwas Wasser, er habe einen trockenen Hals.

Als der Mann seine Ruhepause beenden wollte, rief er sich die Geister, die ihn zu dem Gefangenen brachten. Hätte er gesehen, wie fahl jener auf seiner Liege vegetierte, hätte sich vermutlich ein Lächeln in sein Gesicht geschlichen. Doch da er es nicht sah, blieb die Freude aus. Er ließ sich seinen Sitz direkt an die Liege stellen und einen Stock geben. Ich möchte ihn schon hin und wieder ganz einfach von Hand züchtigen, ließ er die Geister wissen, bevor sich diese zurückziehen konnten. So, da bin ich wieder, Kid. Nichts ist besser, als zuvor, ich bin immer noch blind. Die Zeit vergeht und ich kann nichts sehen. Natürlich ist mir klar, lieber Kid, daß dies nicht dein Vergehen war, aber das hindert mich nicht daran, es dich spüren zu lassen, daß dieser Zustand eine verfluchte Hölle für mich ist. Hörst Du? Kerl? Mach dich bemerkbar, sonst prügele ich es aus dir heraus! Es folgte nur ein lauteres Keuchen, danach Stille. Es zischte der Stock durch Luft. Der Mann spürte, daß er getroffen hatte, doch wußte er nicht wo. Es war ihm gleich. Der Stock zischte durch die Luft. Ich weiß dir nichts mehr zu sagen, Kid. Es ist aus zwischen uns. Du kannst deinen Chet Baker in der Hölle hören. Du kannst deinen Nagel-Joe und deinen Polo und deinen Wolf und deine Nina in der Hölle wiedersehen. Du kannst deine Erfahrungen mit meinem Stoff in der Hölle erzählen. Es wird für dich kein Morgen mehr geben, es wird für dich keinen Weg mehr aus diesem Raum heraus geben, außer als starre Leiche. Ich will in diesem Leben nichts mehr von dir hören und sehen. Ich verbanne dich aus meinen Kreisen, du hast niemals existiert. Von dir wird kein Mensch mehr erfahren, du wirst entsorgt und verbrannt und in die Winde verstreut. Die totale Auslöschung wird geschehen. Bei Anikó! Er ist der einzige, den ich bei mir halte, alle anderen sind ausgestrichen. Ich werde Lazăr rufen lassen. Ich habe ihm versprochen, daß er die Garotte führen darf, mit der deine Hinrichtung betrieben wird. Du weißt, Kid, daß wir das Gerät modifiziert haben? Der Henker blickt dem Opfer in die Augen. Ich werde gleich die Vergiftung stoppen lassen, damit du wieder etwas zu Kräften kommst, um aufrecht deinen Tod zu empfangen. Dein Haar werde ich stutzen lassen und du sollst ein weißes Gewand tragen, deine Fingernägel sollen genauso, wie die Zehennägel gekürzt werden. Dein Körper soll gewaschen werden, dann sollst du an den Pfahl geschnürt werden, an welchem dir Lazăr gegenüber tritt. Der Mann schwieg. Der Gefangene schwieg. Oh, eines noch, lieber Kid Quarantine. Du hast mir einen sehr guten Dienst erwiesen. Du hast mir geholfen, eine schwere Entscheidung letztlich leicht treffen zu können.

Nachdem der Erzähler die Flasche, die ihm ein Zuhörer gereicht hatte, wieder absetzt, fährt er umgehend fort. „Hört. Nach dieser letzten Bemerkung von Susi, verfällt jener Jan in eine Starre. Er liegt weiter, wie tot auf dem Bett, den Blick zur Wand. Nur durch die leichte Feuchtigkeit um seine Augen, bemerkt der Zuschauer, daß Jan noch nicht tot ist. Er ist von einem Gefühl überwältigt, daß jede sexuelle Stimulanz in ihren untersten Keimen zerstört. Die Angst wohnt in einem Zimmer, dessen kräftiges Licht in die Dunkelheit ausstrahlt, die vor der Tür des Zimmers der Angst herrscht. Dort sitzt Jan. Er hockt vielmehr. Er ist gefangen, er ist erstarrt. Er weiß nicht, was hinter dieser Tür im Lichte sich befindet. Doch ist es das Grauen. Kein Geräusch dringt in die Dunkelheit. Kein Duft, alleine die Wucht dieser Lichtstrahlen, die jedoch in sich gebrochen erscheinen, wie von einem üblen Geheimnis befleckt, befremdet. Gleich geometrisch geordneten Flächen, stellt sich Jan vor, ein symmetrisches Nagelbrett aus gekochtem Reis, einzelne Körner ragen hervor, lösen Ekel und Brechreiz aus. Gebrochen mit spinnennetzverzierten Lochkarten, die Netze überfluten den Raum, nehmen jeden Winkel in ihren Besitz, verlangsamen alle Bewegung, zerbrechen die Lichtflut, teilen sie, allein schwarze Blätter zittern im Wind. Zitterndes Laub, zitternde Netze, Schatten in Bewegung, verlangsamt. Schwache Atmung, verlangsamt und die Brechnung durch Lochkarten, die gefahrenvolle Stürze versprechen, die den Flüchtenden in sich aufzunehmen verlangen.

Jan schloss die Augen. Tief versank er in der beginnenden, inneren Müdigkeit.“ Der Erzähler erhob sich. Er blickte jeden seiner Zuhörer für einen kurzen Moment in die Augen. Dann wandte er sich ab und verließ die Runde.

Der Mann hatte sich mit Lazăr besprochen, und so wurde innerhalb der folgenden Stunden der Operationssaal wiederum geräumt, und nun ein kleines Podest gebaut, auf welchem der Pfahl aufgestellt wurde. In der Zwischenzeit hatten drei Geister den weiterhin gefesselten Gefangenen mit einer neuen Injektion beglückt, ihn entsprechend den Wünschen des Mannes hergerichtet, und letztlich mit dem angesprochenen weißen Gewand bekleidet. Er war ein schöner Anblick, wie er denn nachfolgend mit auf den Rücken gebundenen Händen, langsam, noch leicht gebückt, daherschritt auf seinem letzten Weg. Lazăr erwartete die Prozession am Eingang des Exekutionssaales. Er übernahm den Strick, der um die gebundenen Hände lief, und dem Führer die Gewalt über den Gefangenen gab. Neben dem Pfahl stand ein Stuhl, auf dem der Todgeweihte sich hinsetzen durfte. Von diesem Moment an strömten die Zuschauer hinein, Stühle waren aufgestellt worden, dazu ein Sitzplatz nur einen halben Meter links des Podestes, auf welchem sich der Mann niederlassen würde. Die meisten Eintreffenden stockten leicht, als sie den Gefesselten neben dem Pfahl sahen. Die Nachricht einer öffentlichen Hinrichtung hatte sich wie ein Lauffeuer im ganzen Gebäudekomplex und unter den extern lebenden Helfern und Mitgliedern verbreitet. Die letzte Attacke dieser Art lag schon mehrere Jahre zurück. Es war der erste Geistliche, ein Mann aus Sizilien, den der Mann hatte aufgreifen lassen, der vor Publikum im Hinterhof des Postmortem enthauptet wurde. In einer Ecke dieses Hofes stand noch immer der Richtblock jenes Tages. Bei der heutigen Darbietung hatte es geheissen, daß Lazăr und János einen Eindringling hatten festnehmen können, der von Meuterern gegen den Mann gesteuert worden sei. Er habe auch schon vor Jahren den Mann, während seines Aufenthalts in Frankreich, mehrfach mit seiner aufdringlichen Art belästigt und sich in dessen Geschäfte eingemischt, einiges verdorben und sei einer der Gründe gewesen, warum der Mann seinerzeit jenem Land den Rücken zugewandt habe. Nun sahen sie den Gefangenen dort sitzen, suchten sich erschrocken, bestürzt, verängstigt selber einen Sitzplatz, liessen sich nieder und sahen wie versteinert nach vorne. Inzwischen hatten zwei Geister auch den Mann aufgesucht, der sich nach seiner Unterredung mit Lazăr noch einmal kurz zur Ruhe gelegt hatte, und ihn, erfrischt und energisch, in den Saal gebracht. Er wurde zu seinem Platz geleitet, er setzte sich, und auch sein Eintritt und die offensichtliche Behinderung, die er erlitten hatte, wurde ebenfalls von den Anwesenden mit schockiertem Schweigen begutachtet. Es schien ein sehr seltsamer Tag im Postmortem zu sein. Der Verurteilte saß derweil teilnahmslos gefesselt auf seinem Stuhl. Die neue Injektionen, die man ihm gegeben hatte, sollte aufbauend wirken, damit er während des letzten Teils seines Lebens sich nicht schon aus reinem körperlichen Unwohlsein den Tod wünschte. Nein, der Mann und Lazăr waren sich einig gewesen, daß das volle Bewußtsein auch vorhanden sein müsse, wenn die Winde gedreht wurde. Nach Beendigung dieses Schauspiels wollte Lazăr sich an die Planung der vollständigen Genesung des Mannes begeben. Er hatte dies ebenfalls noch abgesprochen, auch unter dem Aspekt, daß man jenen Kid Quarantine doch auch noch für einige Wochen in einem Kellerraum dahinvegetieren lassen könne, mit einigen Abfällen als Essen, hier und da einen Napf voller Wasser. Das würde kaum Kosten verursachen und dann könne der Mann selber die Liquidierung in die Hand nehmen. Lazăr wolle sich hier nicht aufdrängen, auch wenn er schon zugebe, daß ihm dieser Auftrag eine enorme Freude bereite, was den Mann lächeln ließ. Er bemerkte, daß ihn diese Freude ebenfalls froh mache, und so sei es auch gut und alle Entscheidungen genau richtig getroffen. Er ließ Lazăr noch wissen, daß er sich auch etwas Musik wünsche für die Hinrichtung.

Lazăr erschien als Letzter. Er betrat das Podest und hob die Garotte in die Höhe. Er blickte in etliche weit geöffnete Augen. Unter dem Einfluß des Trips, den er sich noch kurz zuvor gespritzt hatte, war er jedoch zu weit fortgeschritten in seiner positiven Selbstbezogenheit und Stärke, als das ihm diese Beobachtung aufgefallen und in die Wahrnehmung eingesickert sei. Da lag ihm das Keuchen, das leicht fröstelnde Zittern seines Nebenmannes näher. Er winkte zwei Geister zu sich, die den Gefangenen hochzogen und ihn an den Pfahl stellten. Lazăr nahm einen bereitliegenden Strick und band so die Beine an das Holz. Feste zog er zu. Er überprüfte den leichten Höcker, auf welchem der Verurteilte saß, so daß er nach dem Eintritt des Todes nicht sofort zu Boden sackte. Und auch nicht vor diesem Moment. Die Arme hatten die Geister bereits in die dafür vorgesehenen, an der Rückseite angebrachten Lederriemen gezogen, und die beiden Handgelenke aneinander gefesselt. Lazăr wandt nun ein Seil um die Brust des Gefangenen, unter den Achseln hindurch, über eine auf der Rückseite verschraubte Aufhängung, wurde damit der Oberkörper des Todgeweihten in die Höhe gezogen. Die Geister verließen nun das Podest. Auch Lazăr stieg herab, setzte sich auf den Stuhl, auf welchem gerade noch der Verurteilte gesessen hatte. Dieses leichte Poltern war das Zeichen für den Mann sich zu erheben und einige Worte zu den versammelten Zuschauern zu sprechen. Bei der letzten öffentlichen Hinrichtung hatte er sich dieses Recht schon nicht nehmen lassen, das Publikum auf die Korrektheit des Geschehens einzuschwören und jedweder Fragwürdigkeit sofort den Wind aus den Segeln zu reissen. Er ließ die Fingerspitzen aufeinander tanzen und die Anwesenden wissen, daß heute ein Mann zu Tode kommen würde, hier vor aller Augen, der bewaffnet in das Postmortem eingedrungen sei, um eine Meuterei zu beginnen, die von einer Frau geplant worden sei, die lange Jahre hier als Hure – dieses Wort wurde durch den Mann mit besonderer Hingabe abfällig betont – aufgetreten sei und vieler Menschen Vertrauen schändlich besudelt habe. Der Gefangene sei von ihr mit Drogen gefügig gemacht worden und als Mörder hergesendet. Bei dem Eindringen sei sein ältester Mitstreiter, Ephraistos, ums Leben gekommen. Zu dessen Ehren solle nun auch sein liebstes Lied während der Hinrichtung gespielt werden, damit diese Kreatur ein Gefühl der Reue mit auf seine letzte Reise nehmen könne. Lazăr hatte sich erhoben, bediente ein hierfür platziertes Abspielgerät und es ertönte der Beginn des Stückes Methamorphosis Two. Lazăr betrat das Podest, während sich der Mann alleine und unsicher wieder auf seinen Stuhl setzte.

Die Garotte wurde von Lazăr kundig angelegt. Tränen liefen über das Gesicht des Verurteilten, er brach richtig gehend zusammen, während die Klaviermusik sich durch die Atmosphäre des Raumes verbreitete. Lazăr blieb kalt und verrichtete seine Arbeit. So bemerkte er nicht, daß unter den Zuschauern einiges Tuscheln ausgebrochen war. Einer wurde von seinen Nebenleuten zurückgehalten, aufzustehen. Verärgerung lag auf seinem Gesicht. Der Mann schien da schon eher ein Gespür für die Massen zu haben. Während Lazăr die Winde anbrachte, hatte sich der Mann erhoben und mit beschwichtigenden Handbewegungen eine nicht sichtbare Menge an Menschen sofort beruhigt. Das war der Wunsch, den er auch zum Ausdruck brachte, als er sagte, daß alles seine absolute Richtigkeit habe. Lazăr begann zu drehen. Das Schluchzen des Gefangenen ging in ein erstes Keuchen über. Dieser hatte die Augen geschlossen, während Lazărs Blick voller Hass war auf den, dem er das Leben nehmen wollte. Der Mann hatte sich wieder hingesetzt, wollte er doch lieber dem Todeskampf lauschen, auf den er sich gefreut hatte. Der Verärgerte erhob sich nun doch geräuschvoll, ging an den Reihen vorbei, trat den leeren Stuhl neben dem Podest um und verließ den Raum. Verließ das Postmortem. Lazăr zischte: Sieh mich an, du elendes Stück! Seine Lippen berührten beinahe das Ohr des Gefangenen. Sieh mich an! Der Verurteilte keuchte, Lazăr stoppte kurz, um ein Augenlid nach oben zu drücken, der Gefangene spuckte ihn mit letzter Kraft an. Lazăr begann wie besessen zu drehen. Sein Kopf war hochrot, seine Zähne knirschten, während er mit voller Kraft die Winde an ihren Anschlag drehte. Der Gefangene war tot. Lazăr drehte sich triumphierend um, sah den Mann noch sitzen und lauschen, sah Männer und Frauen stehen, manche nur erschrocken, andere mit ebenso wutverzerrten Gesichtern. Lazăr fühlte nach seiner Glock, spürte nichts, erinnerte sich daran, sie abgelegt zu haben, damit sie ihn bei seiner Arbeit nicht störe. Der Mann saß noch immer, lauschte angestrengt. Die Männer und Frauen setzten sich in Bewegung, sie zogen in einer anklagend langen Reihe an Lazăr vorbei, sahen ihn an. Manche schritten an dem Mann vorbei. Alle zogen durch die offene Tür und verließen das Postmortem. Alle schritten einher wie Adam und Eva, als sie das Paradies verließen. Sie hatten einen üblen Geschmack in ihren Mündern. Es wirkte wie die Erkenntnis. János war der letzte, der noch am weiten Ende des Raumes saß. Seine Hände lagen im Schoß. Philip Glass kam zum Ende.

Da ist dieser Hunger nach einer Begegnung, die das körperliche Momentum übertrifft. Da ist der Wunsch nach einer Art von Zusammenkunft, die dem rein geschlechtlichen Verschmelzungsprozeß spottet. Da ist der Wunsch danach, nicht alles zu besprechen, in Worte kleiden zu müssen, die doch dem zu Sagenden eine Komplexität in die oft falschen Richtungen aufdrängen und Fragen nach sich ziehen, die der Wünschende nicht ertragen möchte, denn das Gift der Deutung träufelt sich leise in sein Dasein, es verfremdet die reine Essenz, die er geben möchte. Nicht Worte, Deutungsströme. Nein, Gefühlsströme. Erinnerungskaskaden. Da stellt sich mit einem Schlag das Schweigen ein. Das Schweigen der Scham, die ein falsches Wort gesprochen hat. Ist es die Scham gegen diese Selbstaufgabe, die dort hinter der wahren Begegnung lauert? Die Angst des Hermaphroditos vor dem oder der Unbekannten? Der Art der Auslieferung an ein fremdes Geschöpf? Der Erzähler möchte jedoch das Schweigen, das gemeinsame, tätige Schweigen zum gekrönten Miteinander erklären. Der Erzähler hat sich für die Hingabe entschieden. Er ist der tätig Öffnende. Er weiß um die tänzelnden Schritte, die er auf dem Weg zum endlichen Ziel einhalten wird. Er nimmt das Messer in die Hand, setzt es zärtlich an das untere Ende seines Bauches und läßt lächelnd die Klinge eindringen und ihren Weg suchen.

„wenn ein vergessenes kind in der leichengrube eines todeslager wimmert mama

wenn das angeschossene opfer eines amoklaufs wimmert mama

wenn die entkräftete geisel im dunklen kellerraum wimmert mama

wenn der todessträfling auf dem stuhl wimmert mama

wenn die stimmen in den lazaretten und hospitalen und sanatorien wimmern mama

wenn der flüchtige diktator sich unruhig in den schlaf wimmert mit dem worte mama

wenn der kniende, die pistole an den kopf gepresst, wimmert mama

wenn der junkie im licht des grauen und grausigen morgens schmerzverzerrt noch wimmert mama

wenn der krebszerfressene alte letztmals die augen öffnet und wimmert mama

wenn die wut und die angst und der wahn schreien mama

wenn der anschein davon erzählt, das sich der kreis schließt…

dann sind die väter vergessen.“

Hoffnung und Leben gibt es nur aus der Hand einer Frau.

Die Figuren:

Der Mann:

Oh, der Mann! Er erlangte die Position der Sonne in dieser Geschichte. Um ihn kreisen letztlich alle anderen Figuren, vielleicht mit Ausnahme des sogenannten „Erzählers“, über den zu gegebener Zeit zu berichten ist. Der Mann mordet mit Gusto und Fantasie. Er fördert die Prostitution und beutet sie aus. Er betreibt einen großflächigen Drogenhandel, sowie die Produktion eines ganz besonderen Elaborats, welches mit seinen eigenen mordgeschwängterten Adrenalinen angereichert wird. Er ist jedoch vor allem ein Enttäuschter. Einer, der alleine geblieben ist. Seine Mutter verschwand, sein Vater dämmerte darauf nur noch seinem Tod entgegen und ein Mitglied seiner verbrecherischen Vereinigung schenkt ihm ein Buch, in welchem der Mord an seiner Mutter beschrieben wird. Durchgeführt durch einen Reisenden Gottes. Der Mann nahm die Heilung seiner inneren Wunden in die eigene Hand und blieb dennoch im Grunde ein kleiner mutterloser Junge. Er ist nicht der Mann. Er ist jemand, der den Mann spielt. Doch ist er leidlich fantasiebegabt, und sehr schmerzfrei im Umgang mit den Leben der Menschen, die in seinen Szenarien wie Schachfiguren gerückt werden.

Der Erzähler:

Der Erzähler und jener Mensch, der diese Geschichte zu Papier brachte, sind nicht identisch. Sie haben tatsächlich kaum Berührungspunkte. Es ist sogar eher so, daß der, welcher sich „der Erzähler“ nennt, sich fast gewaltsam Zutritt zu dieser Erzählung verschaffte, alleine auf der Basis, daß er zu János eine Geschichte wußte, die er zum Besten geben konnte. Darüber hinaus weiß er viele Eindrücke aus seiner dringend therapienötigen Psyche offenzulegen. Jener, der die Geschichte zu Papier brachte, ließ „den Erzähler“ aus einer gewissen Faszination gewähren. Vielleicht war es dann doch das Gefühl einer entfernten Verwandschaft, das sich seine Bahn brach.

Ephraistos:

Als der im Norden Griechenlands geborene Ephraistos viele Jahre in sein Leben hinein, in Frankreich den Mann kennenlernt, schenkt er diesem ein Buch eines Exil-Ungarn, dessen Namen er in den Erzählungen des Mannes bereits gehört haben mochte. Der Mann scheint zunächst unwillig, später liebt er das Taschenbuch. So ist es kein Wunder, daß Ephraistos auf Dauer zur rechten Hand des Mannes wird und bereitwillig die Suche nach Wanderpredigern disponiert, als diese Sucht den Mann erfaßt. Auch ist er ein Könner auf dem Gebiet des Aufbaus von Vertriebsstrukturen für Narkotika. Worin er amateurhaft agiert, ist der Umgang mit übler Nachrede über seine eigene Person, die ihm den Kopf kosten wird. Er liebt, bis zu seinem Tod, Klaviermusik.

Der Priester:

Als der Priester als junger Knabe eines Morgens erwachte, war sein Bett nass. Ein weiteres Mal. Ein überaus weiteres Mal. Und noch etliche Male sollten folgen. Später wird der Priester das Wort eines im unbekannt bleibenden Gottes predigen, mit Herzblut zwar, und auch jenes verschütten, als er eine Frau zu Tode würgt. Er flieht seinem Leben aus einem Ungarn, das gerade den Kommunismus abschüttelt und startet in Frankreich eine schillernde Karriere zwischen Autorenschaft (u.a. „Monolog mit einer Leiche“), sowie der aktiven Förderung von Prostitution. Dazu beutet er seine guten Kontakte nach Ungarn gerne aus.

Kid Quarantine:

So gerne man sich einen heruntergekommen Drogendealer vorstellen mag, der am Ende seiner Karriere in einem Hexenhäuschen in den Wäldern Lothringens hausen mag, dort von einem Wolf aufgesucht wird, der ihn mit seltsamen Argumenten dazu bringt, einem alten Betrug nachzugehen, den der Mann an ihm, dem heruntergekommenen Drogendealer begangen hat, so leid tut es dem, der die Geschichte aufgeschrieben hat, nun mitteilen zu müssen, daß dieser Kid Quarantine eine reine Fantasiefigur in den inneren Zirkeln des Mannes selbst ist. Da der Mann über keine großen Horizonte verfügt, versteht es sich von selbst, daß der Kreis der Erzählung um Kid Quarantine gehaltvoller und detaillierter wird, je näher dieser dem Mann kommt. Später wird Kid Quarantine sogar noch eine echte Personifikation erhalten. Zur reinen Erschütterung der Angestellten des Mannes.

Kerry:

Ja, es haben auch Frauen in dieser fragwürdigen Geschichte ihren Teil gespielt. Die meisten haben das Ende nicht mehr lebendig erlebt. Dazu gehört Kerry, die aber in der Fantasie des Mannes einige nette Geschichten beleben durfte. Was sie darüberhinaus erlebt hat, sprich in der Realität des hier beschriebenen, weiß keiner so genau. Sie kam und ging, wie viele, viele Menschen. Die Person Kerrys könnte als Beweis für die Nichtexistenz einer Gottheit mit Persönlichkeitsprofil herhalten. Danke, Kerry.

Susi:

Von ihr erzählt der Erzähler. Er weiß nicht viel über sie zu berichten, denn augenscheinlich geht es ihm in seinen Histörchen eher um die beschädigten Psychen von Männern. Das er dabei so großen Anteil an dem Unwohlsein eines Gangmitglieds namens János nimmt, verwundert ein wenig. Wer nicht ein Herz aus Steinen hat, den kann solches Treiben (mit eigenem Zutun), doch kaum kalt lassen, sprich traumatisieren. Doch hier ging es um Susi, nicht wahr? Hoffen wir, daß sie glücklich wird in ihrem weiteren Leben. Sie ist immerhin nicht in großer Gefahr.

Anikó:

Der gute Junge Anikó starb früh eines gewaltsamen Todes. Bis dahin hatte er keine großen Erschütterungen verursacht, außer das er in seiner Heimat Tolna einen lokalen Gangster gegen sich aufbrachte, der darauf den jungen Mann mit der Beseitung beauftragte. Dieser tat es mit Freuden, hatte er doch einen schon lange währenden Groll gegen den jungen Anikó, dem Großmaul, dem mit dem Zeigefinger Zeigenden, dem kübelweise Spott Ausschüttenden. Anikó hatte auch ein Händchen mit den jungen Frauen. Doch war dies Händchen ebenfalls tot, als der junge Mann mit dem Schädel Anikós fertig war.

Lazăr:

Oh, der wilde Lazăr! Er ist ja fast noch bluthungriger, als der Mann es ist. Wenn er am Ende die Garotte an Ephraistos‘ Hals dreht, wird er vermutlich heimlich ejakulieren. Lazăr wird von dem Wunsch getrieben, über das eigene Maß hinaus Karriere zu machen. Er mimt den Arzt in den Kreisen des Mannes, er mimt den Räuber, den Mörder, den Vollstrecker. Am Ende ist Lazăr vor allem eins: Ein Wichser. Darin ist er jedoch ziemlich groß.

János:

Der gute, nette János, der eine Familie mit Kindern gründet, und seinen Lebensunterhalt als Mädchen für Alles in einem florierenden Unterweltunternehmen verdient. Sterbende pflegen ist ihm das Liebste in seinem Job. Diese hören auf unnütz zu flehen und zu barmen. Bei Ausseneinsätzen darf János am Ende die Reste wegräumen. Diese schweigen ebenfalls. Da bietet das Universum der Internetpornographie einen Ausweg und so macht der sensible János eine Reise nach Österreich, wo er die symphatische Susi trifft. Den Rest weiß der Erzähler zu berichten. Eine andere Karrieremöglichkeit für János bietet sich sicherlich im Bankensektor. Dort werden Charaktere wie er händeringend gesucht.

Maria:

Die Mutter Gottes, die letztlich zur Mutter Satans gemacht wurde, ohne daß jenseitige Mächte Hand angelegen konnten, als der Mann gezeugt wurde. Sie vertraute ihren Instinkten zu sehr, sowie den falschen Männern.

Der Wolf:

Der Begleiter Kid Quarantines. Wie dieser letztlich ein eingebildetes Fabelwesen des Mannes. Damit ist der völlig unnötige Beweis erbracht, daß Wölfe weiterhin nicht sprechen können. Auch eine Art Lächeln konnte ihnen noch nicht nachgewiesen werden.

Aisha:

Die Person der Aisha ist letztlich unbewiesen, denn die paranoide Fantasie des Mannes beförderte eine Gespielin für Kerry in dieses lesbisch angehauchte Szenario. Was blieb waren, neben Kerry, zwei weitere weibliche Leichen nach Lazărs Räumaktion gegen die vermeintliche Aufrührerin gegen den Mann. Damit konnte sich dieser sein Szenario als realistisch schönreden. Mündete vermutlich in weiterer Masturbation.

Gott:

Spielt im Grunde genommen keine Rolle in der ganzen Geschichte. Er wird jedoch als verursachendes Prinzip vorgeschoben, unter anderem für eine Sex-Orgie in einem Budapester Puff.

Paulus:

Paulus erscheint als ein Platzhaltername für Männer, die sich dem Wort eines semitischen Gottes verschrieben haben (meist als Christen bekannt). Oft reisen sie durch die Welt, ein letzter führte ein Kloster im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Alle wurden durch ein ungarisches Syndikat aufgegriffen, benannt und letztlich meist zu Tode gefoltert.

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