Fußball

Liebe Welt, normalerweise nutze ich diesen Blog nicht zur Kommentierung des Tagesgeschehens, doch heute treibt mich der Boulevard zu einer Ausnahme.

Der Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern München wurde heute medial bekannt gegeben.

Grundsätzlich sehe ich keinen Anlaß zu Kritik daran, daß ein Profifussballer von einem Verein zu einem anderen wechselt. Besehe ich mir die Reaktionen, die in den Weiten des Internets von Anhängern Borussia Dortmunds zum Besten gegeben werden, scheint mir, als sei diese Praxis nicht allgemein gewünscht. Der Dortmund verlassende Götze wird im Besten Falle als „Judas“ beschimpft, womit eine Art von Verrat impliziert wird. Diese geäußerte Meinung steht konträr zu der Bekanntmachung von offizieller Vereinsseite, wonach dieser Wechsel vollkommen vertragskonform von statten geht. Warum dieser Furor, und anders kann ich die Wucht dieses Orkans an Exkrementen, die da gefeuert werden, nicht bezeichnen?

Herr Götze hat sich unklug verhalten, soviel steht fest. Erst einige Wochen sind vergangen, da äußerte er sich in einem Interview dahingehend, daß er sich eine lange Zeit bei Borussia Dortmund vorstellen könne, sogar bis zu seinem Karriereende. War zu diesem Zeitpunkt eventuell schon die Tinte unter dem Arbeitspapier in München getrocknet? Herr Götze sollte sich die weisen Worte in Erinnerung rufen: Hätte er geschwiegen…

Ohne diese Äußerungen wären die Reaktionen mit gravierender Sicherheit nicht von derartigem Impetus. Der gemeine BVB-Fan fühlt sich getäuscht. Auch ich kann nicht verhehlen, daß ich grundsätzlich sagen muß, daß der heutige Tag eine Zeit der Trauer ist. Vom sportlichen Aspekt handelt sich bei diesem Wechsel um eine durchaus enorme Schwächung der Dortmunder Borussia, und da hat der Anhänger dieses Vereins naturgemäß keine Freude dran.

Das Borussia Dortmund ohne Herrn Götze erfolgreichen Fußball spielen kann, hat man in der Rückrunde 2011/2012 gezeigt, als man ohne den durch eine Schambeinentzündung gehandicapten Noch-Dortmunder sich zum zweiten Meistertitel in Folge spielte, und darüberhinaus auch noch den Pokal gewann und dabei den FC Bayern München im Finale demütigte.

Und hier haben wir natürlich einen Aspekt erhascht, der den bayrischen Verein dazu veranlaßt haben mag, den Kader des neuen Hauptkonkurrenten abzuklopfen auf wechselfähiges Material.

Material. Dieses Wort sollte man sich im Sinne halten, denn oft wird in Bezug auf den genormten Profifussballer von Söldnern gesprochen. Ihr Herz vergeben sie immer zu 100% dem Verein, der gerade ihr üppiges Gehalt zu überweisen pflegt. Ich sehe jedoch daran nichts falsches, denn wer aus der Millionenschar an Arbeitnehmern im deutschsprachigen Raum würde für ein nichtig höheres Gehalt den aktuellen Arbeitgeber für einen neuen Herrn und Geldgeber verlassen? Ein hoher Prozentsatz ist für dieses Gedankenspiel vorstellbar. Und sind nicht auch Profifussballer Arbeitnehmer? Doch wird die Arbeit eines durchschnittlichen Unternehmens selbstverständlich nicht mindestens wöchentlich vor Publikum aufgeführt und ist auch eher selten mit dieser intensiven Form einer quasireligiösen Anbetung konfrontiert. Dies sollte jedoch den gemeinen Fussballer dazu veranlassen bei öffentlichen Äußerungen ein gewisses Maß an Vorsicht an den Tag zu legen. Dazu mag eine gewisse Reife auch gehören. Oder man mag eine entsprechende Offenheit, wie sie von einem Kevin Großkreutz manchesmal geradezu zelebriert wird.

Doch zurück zum Wechselspiel. Das der Weggang von Herrn Götze schmerzt, mag ich nicht leugnen. Doch brutal war für meine Wenigkeit der Abgang von Manfred Burgsmüller. Das war 1983, für die nicht Eingeweihten. Das war der Spieler, der für mich damals als junger Fan, die Identifikation mit der Borussia stiftete. Ein Charakter, einer, zu dem ich damals als Knirps aufschaute. Einer, der mit etlichen Toren, die Gegner wegblies. 135-mal für den BVB. Und dann ging er nach Bayern. Au weh. Naja, zum 1. FC Nürnberg. Doch weh tat es dennoch ungemein. Wie schon irgendein bärtiger Barde mal sang: the first cut is the deepest. Und wenn ich die facebookenden BVB-Jünger heute lese, mischt sich in den Schmerz das leichte Schmunzeln, denn ich habe den Burgsmüller-Abgang nach 30 Jahren immerhin verkraftet.

Ja, die Festigung eines Status Quo ist so eine Sache. Sicherlich sitzt noch irgendwo jemand, der im Sommer 1957 träumte, der gerade erst zweifach hintereinander deutsche Meister gewordene Club aus Dortmund würde für immer mit dieser triumphalen Mannschaft weitermachen. Nun, der Rückhalt für diesen Traum würde inzwischen eher mau ausfallen. Und damit sollte klar sein, daß Veränderungen notwendig sind und auch mit mehr oder weniger Problemen ausgehalten werden können. Es ist schließlich die Liebe zum Verein! Für mich auf jeden Fall, auch wenn die Spieler der Gegenwart den Verein in der Gegenwart prägen. Ebenso wie die Entscheidungsträger an der Seite, vom Präsidenten zum Trainer.

Dennoch: es ist seit 2008 eine grandiose Zeit Fan der Borussia aus Dortmund zu sein. Und das kann Herr Hoeneß nicht mir, und nicht irgendjemandem nehmen. Er kann es nicht, weil der Verein, den er in den letzten Jahrzehnten maßgeblich aufbaute und führte, nicht dieses intensive, emotionale Kaleidoskop geben kann. Es ist wahr, wenn ein Versicherungsunternehmen, das auch die Namensrechte eines bestimmten Stadions in Westfalen besitzt, in einer Werbeanzeige über die Fans des BVB schreibt, daß deren Stimmung nicht versichert werden kann, da sie unbezahlbar ist. Die Herren Hoeneß und Rummenigge werden auf ewig daran scheitern, nach diesem Ideal des „Wir sind Fußball“ zu streben. Sie werden auch niemals die „Echte Liebe“ erreichen, denn ein FC Bayern München, der durch fußballerisch dunkle Jahre gehen müßte, wie der BVB zwischen 1983 und 1986, oder in den späten Jahren der unseligen Niebaum/Meyer-Ära, würde noch als Bundesligist in der nationalen Bedeutungslosigkeit versinken.

Und so hat dieser Club im Sommer 2012 – nach zwei Spielzeiten der nationalen Titellosigkeit – 70 Millionen Euro in die Hand genommen und neue Spieler an Land gezogen. So werden neben Moritz Götze – oh, Verzeihung – Mario Götze (kehrt da schon jetzt das Vergessen ein?) noch weitere Millionen in diesem Sommer investiert in Krachertransfers. Da kommt auch noch ein weltbester Trainer, der den Superfreund von Herrn Hoeneß ersetzen wird, da – trotz des aktuellen Erfolges durch die Arbeit von Josef Heynckes – die Angst vor dem Rückfall in die Vorjahressituation den in München Handelnden schwer im Nacken zu sitzen scheint. Da wird die Neuigkeit des Kaufs in Dortmund so an die Presse lanciert, daß die Spielvorbereitung auf das wichtigste internationale Spiel des BVB zufällig empfindlich gestört wird. Nicht zu vergessen, daß damit auch der Versuch unternommen wird, den eigenen Präsidenten aus der medialen Schußlinie zu ziehen.

Wie groß muß die Angst in München sein vor diesem Klub aus Westfalen?

Groß genug, um sich auf ein sehr tiefes Niveau herabzulassen. So tief, daß Vereinbarungen kurzerhand ausser Kraft gesetzt werden, da es gerade paßt. Tut man das, wenn der Präsident doch seit langer Zeit gerne als die moralische Integrität einherwandelt? Oder sagte man sich: Da haben wir jetzt verschissen, da können wir jetzt überall die Sau raus lassen… Wir spielen ja schließlich in der Arroganz-Arena.

Wenn der FC Bayern München auf der Zielgerade einer sogenannten Rekordsaison auf diese Art die Hosen runterläßt, dann scheint das Selbstvertrauen noch nicht wieder sehr stabil zu sein. Da freue ich mich auf die nächste Niederlagenserie (Serie = mindestens zwei verlorene Spiele in Folge = Super-GAU = wir müssen noch mehr Millionen raushauen).

Herr Götze, viel Erfolg und noch viel mehr Spaß in München. Sie werden beides brauchen, und vor allem zweites kaum finden.

Liebe Welt,

jener „König“, den ich in der Überschrift anspreche, ist natürlich der König Fußball, der sogenannte. Von ihm ist nun in den folgenden Geschichten die Rede. Es mag in diesen Erzählungen ein gewisser autobiographischer Aspekt vorhanden sein, doch werde ich mich hier nun hüten, anzugeben, welchen Prozentsatz er erreichen mag. Es könnte dreistellig sein… könnte, wohlgemerkt.

Warum bin ich Fußballfan?

Warum auch dazu noch Fan der Mannschaft von Borussia Dortmund? Wir schreiben hierzu aktuell den 16. April 2012, und wahrlich: Es gibt schlechtere Zeiten Fan dieses Vereins zu sein. Der achte Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft liegt einen Wimpernschlag entfernt (sprich: man sollte bitte sehr noch zwei Punkte aus drei Spielen holen, dann ist alles klar gemacht), dazu steht man im DFB-Pokalfinale am 12. Mai 2012 gegen den FC Bayern München.

Und damit ist die große Polarität bereits angesprochen und benannt.

Ich stamme aus tiefster und ärmster Fußballprovinz. Sie ist so durch und durch grau, kahl und entvölkert, daß der nächste Club, welcher dem Profifußball hin und wieder auflauert der Verein gewordene Pokalschreck Eintracht Trier ist. Und selbst Trier war damals, 1979, eine kleine Weltreise und wurde selten besucht. Jenes Jahr sah mich denn eines sonnigen Samstags am Radio sitzen und Fußballergebnisse hören. Am 33. Spieltag der Saison 1978/79 besiegte Eintracht Frankfurt Borussia Dortmund mit 3:1. Das Ergebnis zählte nicht in meinen Ohren, doch der Klang jenes Clubnamens, der vibrierte und besaß eine Süße, derer ich mich später nie mehr entziehen konnte. Selbst zwischen 2003 und 2005 nicht, als die schlechten Zeiten eine Dichte annahmen, die stählerne Nerven erforderte. Der Name Molsiris läßt auch heute noch einen negativen Schauer über den Rücken laufen.

Der Radiosender am 02. Juni 1979 war RTL, der Sprecher müßte Benno Weber gewesen sein, und Tore kündete man damals beim Sender aus dem benachbarten Luxemburg mit einem silbern rattelnden Klingeln an, das ich bis heute nicht vergessen habe, doch kaum beschreiben könnte. Die regionale Tageszeitung, der sogenannte Volksfreund aus Trier, hielt sich damals eisern an die regionalen Topclubs, die genannte Eintracht, sowie den späteren Ein-Jahres-Zweitligisten FSV Salmrohr, sowie den langjährigen Oberligisten, SV Leiwen. Die Bundesliga wirkte hingegen damals als fremdes, weit entferntes Land, und somit war die geographische Nähe zum a) 1. FC Köln oder b) 1. FC Kaiserslautern für viele meiner Freunde und Bekannten kein Argument, welchem Verein man sein Herz schenkte. Immerhin könnte ich zwei Lautern-Fans mit Namen nennen, die ich bis heute (2012) kennengelernt habe. Der Kölner FC hat es da etwas besser und neben einigen Menschen, die ihm bei gutem Wetter die Daumen drücken, habe ich vor Jahren einen echten Hardcore-Fan kennengelernt, der alle Höhen und Tiefen mitmachte und neben diesem Club höchstens noch den Doors-Frontmann Jim Morrison in seinem großen und weiten Herzen trug.

Der Rest waren Fans des FC Bayern München. Warum? Das kann ich definitiv nicht beantworten. Die pausenlosen Erfolge, Titel, Siege, Ehrungen, massenhaften Nationalspieler ergo Jugendidole? Wahrscheinlich. Ich stand auf Manni Burgsmüller. Wolfgang Vöge. Eike Immel. Ralf Loose. Miroslav Votava. Michael Zorc. Und befand mich im Spätsommer 1979 sogar in der Nähe von Düsseldorf, als der BVB die dort ansässige Fortuna mit 5:3 besiegte und zum ersten Mal während meiner beginnenden Fanjahre Tabellenführer der Bundesliga wurde. Am Ende verspielte man souverän die Qualifikation zum UEFA-Cup. Wie im darauffolgenden Jahr. Dazu trug man die wunderschönen Trikots mit der passendsten Werbung aller Zeiten: UHU. Ich fühle mich schuldig, wenn ich ein Produkt namens Pattex in den Händen halte: diese an einen süddeutschen Verein gemahnende Farbgebung, pfui. Ja, es mag vor Ort in Dortmund fremdartig erscheinen, aber für mich haben die Begegnungen mit den Bayern eher einen Derbycharakter, denn die Freunde dieses Clubs leben vor dieser Haustür, begegnen dir in den Geschäften, am Arbeitsplatz, in Kneipen und Cafes. Wenn du im Wald spazierst, tauchen sie auf. Wenn du einen Haarschnitt brauchst, stehen sie hinter dir. Minimum sechs PKW-Fahrstunden von der unsäglichen Säbener Straße entfernt, wimmelt es hier in diesem gottverlassenen Winkel von ihnen… alleine der Begriff Semmel hat sich noch nicht durchgesetzt, es besteht noch Hoffnung. Alleine die CSU hat noch keine Regionalvertretung aufgemacht, es besteht noch letzte Hoffnung.

Fußball spielte in meiner Familie keine Rolle. Überhaupt keine Rolle. Fußball tauchte mit mir eigentlich erstmalig in meiner Familie auf. Nun gut, eine Tante outete sich ca. 1981 als Symphatisantin des 1. FC Köln, doch blieb sie damit auch alleine auf weiter Flur. Von verschiedenen Cousins vermute ich, daß auch sie es mit den Bayern hielten, die rotgesichtige Meute. Und wer weiß schon, wozu das alles gut sein soll? Ein paar von der gesammelten Meute sind ja auch gute Menschen…

Wer erinnert sich nicht an das DFB-Pokalfinale von 1982? Der andere Hoeneß, der Dieter, mit dem Turban. Der einzige Tag, an welchem ich dem 1. FC Nürnberg in diesem Leben die Daumen drückte. Versagt haben sie. Machten den anderen Hoeneß zum Helden. Eine der vielen Niederlagen, die da auf den jungen BVB-Anhänger warteten. Vor allem wenn man noch eine andere Macht in seinem Herzen walten ließ: den Hass auf die Säbener Straße.

Die Saison 1982/83 bot dann Himmel und Hölle. Vorne weg: am Ende endlich mal qualifiziert für den UEFA-Cup. Und dieser grandiose Novembernachmittag! Ich saß am elterlichen Radiokasten (genau! So ein langes Möbelstück mit eingebautem Plattenspieler, der seit Ende der Märchenplattenzeit irgendwie stillgelegt schien…). Langweilte mich während der weitestgehend Live-Übertragungslosen Bundesligasendung. BVB gegen Arminia Bielefeld… zur Pause laues 1:1. Dann nach 16:30 Uhr bekam der arme Moderator keine ruhige Minute mehr, denn auseinandergenommen wurde, was auseinandergenommen gehört. Und das sind die Gegner der Borussia. Und es war ein Schlachtfest. Und wie gerne würde ich in meinem Leben noch einmal Zeuge eines zweistelligen Sieges sein, wie damals an jenem dunklen Samstagnachmittag. Als Tore wie reife Äpfel fielen. 11:1. Um es mal geschrieben zu haben. Elf zu Eins. Zehn Tore in Halbzeit Zwei. Doch eines zählte in jenen Jahren generell nicht zum Leistungspektrum der Borussia: Konstante Leistungen. Immer wieder auf und ab. Und am Ende grinsten immer die Ordinären, die Gewöhnlichen, die Bayern-Fans. So wachsen Minderwertigkeitskomplexe. Ja, sie tun es. Sie starteten an Ostern 1983. Der BVB im Pokalhalbfinale bei Fortuna Köln, dem ewigen Zweitligisten. Meine Eltern hatten etlichen Besuch, aus mir nicht mehr erinnerbarem Grund. Das Haus war voll. Voll mit Menschen, denen unter anderem auch Fußball irgendwie etwas bedeutete. Menschen, die meine Leidenschaft schon kannten. Die meine Unruhe sahen, denn das Fernsehen zeigte nichts zu diesem Spiel. Die Radiosender schwiegen. Das Spiel lief, geschah, vollzog sich und ich bekam nichts mit. Ein Hoch von hier aus dem Internet und seiner Zweitdisziplin: dem Liveticker. Es war laut im ganzen Haus. Es schlug wieder eine volle Stunde, und ich preßte mein linkes Ohr ganz nahe ans Radio, um nicht eine eventuelle Nachrichtenmeldung des Entstands aus Köln zu verpassen. Da! Das Ergebnis wurde gemeldet! Die Vereinsnamen träufelten aus dem Lautsprecher, dann die erste Zahl. Die Tore der Heimmannschaft, Fortuna Köln. Fünf. Die andere Zahl. Null. Das Haus und seine anderen Insassen ergingen sich in triefendem Mitleid. Vermutlich hielten es einige mit den Bayern. Die Opportunisten.

In den direkt folgenden Jahren wurde der Himmel düster. Zum einen war der Besuch in Europa ein sehr, sehr kurzer. Dazu aber – es war ein großer Sieg – BVB-Bettwäsche. Einen BVB-*Hut*. Einen Handball in schwarz-gelb und mit dem wunderschönen Emblem. Und als letzte Draufgabe Abstiegskampf. Ein Bild aus einer Saisonvorbereitung mit Horst Hrubesch, der selten staksiger aussah. Ein weiteres Foto, auf welchem ein schüchterner, gar eingeschüchterter Pal Csernai zu sehen war. Dagegen das Jahrhunderttor von Daniel Simmes im Herbst 1984 gegen Bayer Leverkusen. Maradona? Pah. Doch der BVB war Tabellenletzter.

Die Zeiten waren dennoch zumeist eine elende Mischung aus mehr oder weniger eingedüsterten Grautönen. Dazu lebte man unter der Knute eines Helmut Kohls. Das alleine mußten doch goldene Zeiten für die garstigen Bayern sein, die denn auch in jenen Jahren auf höchsten Wellen dahinsegelten. Und dabei von mir gar einen öden Nachmittag lang im Oktober 1982 auf dem Bökelberg live betrachtet wurden. Im Spiel das Positivste dieses Strafausflugs (ich hatte meine er-folglose, eigene Karriere im Ballsport begonnen – Verteidiger Typ Günter Kutowski. Die Trainer dachten, es sei für jedermann eine schöne Sache diese rotwangigen und beliebten Edelprofis aus der Nähe zu betrachten) war die rote Karte, die zehn Meter von mir entfernt einem Wolfgang Dremmler gezeigt wurde. Ansonsten war dieses 0:0 eine tranige Angelegenheit. Jean-Marie Pfaff war zu begutachten, der sich von Freund und Feind alleine gelassen mit Strafraumgymnastik warm hielt. Mein persönlicher Höhepunkt fand bereits vor Betreten des Stadions statt, als mich ein Verkäufer mit Fan-Utensilien ansprach, und wir nach kürzester Zeit herausfanden, daß wir beide einer anderen, als der örtlichen Borussia zugetan waren. Er schenkte mir ein Stickerset. Cloud Nine, wie der Engländer sagt.

Doch es wartete die Saison 1985/86 auf den Verein und auf mich.

That’s it, Folks Mehr folgt, wenn ich die Stärke finde, mich wieder jenen Momenten zu stellen. Die, welche damals dabei waren, sie wissen. Ja, sie wissen.

Ergebenst,
Ihr Herr Hansen

Liebe Welt,

wie in letzter Folge erzählt, geht es nun recht massiv um Geschehnisse aus dem Hause des König Fußball, in welchem ich vor vielen Jahren als rechtschaffender Fan einziehen durfte. Wohnung bezog ich schon damals in der Parkanlage Borussia Dortmund. Und es waren, vor langer Zeit, schwere Tage zu bestehen. Doch lest selbst.

Im Sommer 1985 trat der schon genannte, verschüchterte Pal Csernai seinen Dienst als Trainer des BVB an. Zum Ende der auch den Fan verschüchternden Saison war der Ungar bereits abgelöst. Der pragmatisch schauende Reinhard Saftig übernahm und bugsierte die Borussia in die Relegation gegen den Zweitligadritten jenes Jahres, den bereits bekannten SC Fortuna Köln. Schnell war das erste Spiel verloren und Köln mit 2:0 vorne. Nun begann das Drama, der große, nicht positive Nervenkitzel im Rückspiel. Denn auf einem anderen Spielfeld hatte jene Saison bereits den BVB als Spitzenclub gezeigt: Im Aufbau von Schuldenbergen war man landesweit top – auch wenn es aus heutiger Sicht unglaublich wenig war – acht Millionen Mark liessen den DFB und alle lokalen Konkursverwalter aufhorchen und zappelig werden. Waren die zwei vorangegangenen Spielzeiten schon eine Form von Ärgernis, wurde es nun bis auf die Spitze getrieben. Einschließlich des Relegationshinspiels benötigte der junge Fan schon eine Menge Gleichmut und Taubheit gegenüber dem Spott der Aussenwelt. Und dann stand doch auch schon der Neuzugang, Frank Mill, vor der Tür. Würde der in die zweite Liga folgen? Wer hätte überhaupt einen Vertrag für das Unterhaus? Könnte sich der Verein bei der Finanzlage überhaupt den Abstieg leisten? Das Rückspiel fand am 19. Mai 1986 statt. Ich werde dieses Datum in diesem Leben nicht mehr vergessen. Mein Club in der zweiten Liga? Das lag für mich jenseits jedweder Vorstellungskraft. Und von daher kann ich die Tränen, die ich aktuell bei Fans des bereits abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern sah, gut nachvollziehen, obwohl diese immerhin schon eine gewisse Erfahrung in den letzten Jahren sammeln mußten. Der Abstieg ist nicht einfach nur ein schlecht ausgefallenes sportliches Zeugnis. Es ist eine Form von Verweis. Man gehört nicht mehr dazu, die Türe ist zu, der Rest der Öffentlichkeit vergißt sofort, daß dein Club einmal etwas bedeutet hat. Und das Versagen wird auch dem bekennenden Fan angehangen. Das geschieht schon bei einer in den Sand gesetzten Gruppenphase in der Champions League, wie ich feststellen durfte. Doch da läßt es sich noch locker darüber hinwegsehen, denn die Champions League ist eine Form von Bonus, von Geschenk für vorigen Triumph. Häme bei Abstieg? Hätte ich kaum aushalten können. Und so waren dann 90 Minuten am 19. Mai 1986 zu spielen, und es mußten zwei Tore aufgeholt werden. Ich erinnere mich nicht mehr an das Wetter jenes Tages, nur noch an das anfängliche Kurbeln am Senderknopf meines Radios, um irgendwo Information herzuholen. Das es damals bereits SAT 1 gab, die dieses Spiel gar übertrugen, wußte ich nicht, hätte mich auch nur geärgert, denn Empfang war nicht möglich. Meine höchste Angespanntheit hätte es weder senken, noch erhöhen können, denn nach einigem Orgeln an der Radiofront hatte ich tatsächlich einen interessierten Teilnehmer an der Schicksalsentscheidung gefunden in SWF 3, so hieß er damals noch. Diese meldeten den desaströsen Halbzeitstand. 0:1. (Entschuldigung an den Herrn vorab) Irgendein Grabosch. Warum? Warum nur? Was war denn schlimmes passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht? Noch waren 45 Minuten weit weg von mir, der ich auf der Bettkante in meinem Zimmer saß, zu spielen, doch ich fühlte mich nun wie ein Versager.

Absatz.

Der Absatz ist tatsächlich von mir mit Bedacht gesetzt, gar platziert. Denn, und ich denke, das ist eine Mehrheitsmeinung, ist kein Versagen eines vierzehnjährigen Spielers in jener Partie bekannt geworden. Auch tauchte kein Spieler namens Hansen je in der Historie des BVB auf, oder? Infolgedessen kann also aus heutiger Sicht fehlerfrei festgehalten werden, daß jener vierzehnjährige Empathiker (oder einfach Fan) überreagierte. Doch liegt dies in der Natur des Fan-seins. Jeder Nerv, jeder Muskel ist bis auf das Äußerste angespannt, und das Beste, im Gegensatz zum vermutlich ebenfalls ähnlich gelagerten aktiven Spieler: man hat es nicht selbst in der Hand, ist völlig dem Schicksal ausgeliefert.

Die zweite Halbzeit würde in wenigen Momenten beginnen.

Über jene 45 Minuten ist schnellstens berichtet. Die überhöhte Spannung steigt auch weiter, die Dehnfähigkeit der Fan-Nerven wird auf das Äußerste getestet, ein echter Streßtest, nicht nur solch ein modisch gewordenes Wort. Tore fallen, erst eins, dann zwei, und dann hackt es. Der Probant greift zum allerletzten: der ansonsten unbenutzte Rosenkranz. Zum ersten und letzten Mal in diesem Leben. Ob es mein Kettenband war, daß den Ball vor Jürgen Wegmanns Füsse fallen liess, als eigentlich schon alles verloren schien? Und ihn dann jenes goldbefleckt wirkende Leder über die Linie drücken liess? Es wäre eine schöne Vorstellung… Die Befreiung, die das Tor auslöste, war für mein junges Leben eine erste Ahnung, dessen, was hinter der Vokabel Orgasmus an vielfältigen Wundern lugen sollte.

That’s it, Folks Im Vokabellernen wurde ich später auch ein kleiner König. Ein schöner Witz zum Abschluß.

Ergebenst, Ihr Herr Hansen

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