GlitzaCatz

In einem unbekannten Land…. da raschelt es doch direkt in den Gedächtnisgängen, da war doch was. Aber, nein, keine Biene, einfach nur ein unbekanntes Land. In welchem sich die folgende Geschichte zutrug. Bienen fliegen auch herum, doch meist sind es Menschen und auf zwei Beinen gehende Katzen, die ihre Rollen darin finden und mit Gusto wahrnehmen. Katzen, die auf zwei Beinen gehen? Aber sicher! Genauso sicher, wie Menschen, die denken. Was auch öfters angezweifelt werden darf, oder? Doch ist es eine wundervolle, unbekannte Welt. Es gibt dort kalte, klare Luft, wenn eines sich außerhalb der Zivilisation von Katz und Mensch bewegt. Für die Anderen gibt es Ultrazig, die Kippe, von der Du nur eine am Morgen brauchst, um Deinen Nikotin- und Teerbedarf für den ganzen Tag zu decken. Noch eine, später genossen, zerreißt Dir halt die Lungen, nicht sehr empfehlenswert. Und es gibt eine Sekte, deren Mitglieder nirgends lieber sind, als unter den Lichtfluten eines Solariums. Deswegen nennen sie sich die „Wandernde Sonne“.

Kapitel Eins

Salvatore Delayo hatte es noch als zündenden Gedanken empfunden, doch schien ihm in seiner Schweizer Periode einiges an Hirnmasse verloren gegangen zu sein. Bei einigen Chemie/MediProduzenten hatte er Geld verdient, und war sich hinterher genau im Klaren, daß diese ihren miesen Ruf völlig verdient hatten. Über Monate konnte er damals nur den Kopf schütteln. Anhänger brachten ihn dann zu einem Arzt, der ihm half den Tremor zu überwinden. Doch nun stand er in diesem kleinen Dorf am südlichen Rand der Alpen, aus welchem er einst ausgezogen war, die Welt zu erobern, und erzählte dieser amerikanischen Filmbiene, wie sie ihre Drogensucht überwinden könnte, wenn sie sich seiner Bewegung, die als „Wandernde Sonne“ bekannt war, anschließen würde. Salynna, die in den Vereinigten Staaten zunächst als Kinderstar, dann mit einer Personality-Serie und einigen musikalischen Hits bekannt geworden war, blickte ihn derweil müde und fahrig an. Es schien ihr relativ egal, auf welche Art und Weise sie wieder in eine Situation zurückgeholt würde, in welcher sie erneut ein Mindestmaß an Kontrolle über ihr Leben haben könnte. Kontrolle unterhielten in diesem Moment auch ganz andere Gestalten, die sich in der Umgebung versteckten.

Eine der Gestalten war Richard Wagner. Sein liebster Ausspruch: „Nein, nicht der Komponist“, untermalt mit einem möglichst grimmigen Gesichtsausdruck. War Wagner nicht zuletzt auch aus diesem Grund, Chef der regionalen Katerei geworden. Von seinen Kollegen ließ er sich lieber Rick oder Rikardo (mit hartem K) nennen. Er hatte immer wieder einen Blick auf die Taten Delayos geworfen, der ihm einfach zu suspekt war: Als Mensch aus dem südlichen Teil der Alpen war man bodenständig, traditionsbewußt und blieb unkriminell in seiner Heimat, bis zum letzten Zug an einer Ultrazig. Wagner war sauer, er hatte seine Ultrazig noch geraucht, bevor die Sonne über die Bergkuppen rollte. Dieser Delayo nervte ihn. Wie er da mit riesiger Sonnenbrille im Gesicht dieser Tussi vor deren Augen herumfuchtelte, nervte ihn. Die anderen Spinner von der „Wandernden Sonne“, die mit gut gebräuntem Teint über den kleinen Marktplatz schlenderten, nervten ihn. Sein Kollege Alessandro, der kaugummikauend neben ihm in diesem kleinen Zimmer mit Blick auf das Zentrum der „Wandernden Sonne“ hockte, nervte ihn noch mehr. Dieser hatte seine Ultrazig noch hinterm Ohr klemmen. Die „Wandernde Sonne“ selbst war für die beiden Herren der Katerei kein Thema, doch hatten sie vor Wochen den Tip von Interkat erhalten, daß man die Finanzierung dieser Sekte unbedingt durchleuchten müsse und das die „Wandernde Sonne“ das Zentrum ihrer Tätigkeiten wieder nach M., dem kleinen Ort am Fuße der südlichen Alpen, verlegen werde. Alessandro hatte diesen Unterschlupf aufgetan, hatte sich um das alte Mütterchen geschlängelt, so daß ihnen auch eine genügende Zufuhr an Espressi offenstand. Und heute war der Wanderzirkus der Delayo-Sekte eingetroffen und noch keine Illegalitäten zu sehen, nur diese junge Schauspielerin aus den Staaten, die von Delayo beschwatzt wurde.

Er hatte Delayo schon als jungen Strolch gekannt, da war er ein krawalliger Aufschneider gewesen. Jetzt zählte der 41 Jahre, und immer noch ein linker Geselle. Und er, Wagner, er haßte dieses ganze Gesindel, diese Verbrecher. Unruhestifter. Auswanderer. Ja, Delayo war recht jung gewesen, als er in die Schweiz gegangen war und dann später über den großen Teich in die USA. Wagner schüttelte seinen Kopf und zog seine Lippen eng zusammen, während sein Blick weiter auf den Marktplatz geheftet war, auf welchem fortwährend leidliches Treiben herrschte.

Diese fürchterlichen Hippies“, zischte Wagner mit heftigster Verachtung hervor.

Können die sich nicht mal wenigstens in ihre Behausung verziehen? Eh, Alessandro! Funktioniert die Technik?“

Der Angesprochene machte einen bejahenden Fingerzeig und setzte das Fernglas wieder an. Wagner schüttelte erneut seinen Kopf. Diese Bande waren nicht einmal richtige Verbrecher, er hätte sie am liebsten alle erschossen. Seit 22 Jahren war er bei der Katerei und seit einem Jahr endlich der oberste Chef aller regionaler Dienststellen, aber nie hatte er einen richtig großen Fall abbekommen in dieser von Gott und all seinen Spießgesellen verlassenen Gegend. Diese Delayo-Geschichte hatte wenigstens kurze Zeit interessant gerochen, aber wenn er jetzt aus dem Fenster sah auf diese mikrigen Gestalten, spürte er nur noch Abscheu. Derweil erschien Mütterchen Ennia mit zwei Espressi, als Wagner am Fenster hochfuhr:

Wer ist dieser da? Alessandro! Wer ist das?“

Der zuckte nur die Schultern, doch Mütterchen Ennia erwiderte beiläufig:

Das ist Paulo. Er ist aus Mailand. Lesen Sie keine Zeitung, Herr Inspektor?“

Was? Mailand? Wieso soll ich so einen Idiot aus Mailand kennen, Mütterchen?“

Na, das ist so ein Industrieller, glaube ich. Ich habe sein Bild schon öfters in den Zeitungen gesehen. Er hat was mit Kaffee zu tun.“

Da schlug sich Alessandro an die Stirn.

Na, sicher! Das ist Paulo Schmitz, der Besitzer von Café Intravenös!“

Was zum Teufel, ist denn jetzt Café Intravenös? Alessandro, drück dich etwas präziser aus!“

Aber, Chef. Sie müssen diese Kette an Cafés kennen, in denen Sie ihre Getränke gespritzt bekommen? Besonders eben Kaffee!“

Ach, das ist doch hirnverbrannt! Was ist das denn für eine dumme Idee, Getränke spritzen? Etwa per Injektion, oder was?“

Ja, genau. Da arbeiten inzwischen viele ehemalige Krankenschwestern, in diesen Cafés.“

Wagner konnte erneut nur den Kopf schütteln und seinen Kollegen so lange verzweifelt anstarren, bis dieser sich abwandte.

Es ist auch zu schwierig, liebe Leser. Paulo Schmitz sieht Sie mit einem meist hinterlistig, verkrampft wirkenden Gesicht an, die Lippen nahezu permanent gespitzt. Wenn er spricht, schiebt sich der gesamte Kiefer nach vorne und fördert so die optische Verschlagenheit, die diesen Charakter formte. Schmitz kann Bankmenschen rhetorisch bearbeiten, das jede noch so abstruse Idee mit Krediten gefördert wird. Sein beliebtestes Mittel ist das erschlaffte Sitzen in einem circa 70°-Winkel auf einem Stuhl, die Beine ausgestreckt, das Gesicht in Sprechpose gefahren, doch schweigend ins Leere blinkend. Dabei liebt es Schmitz eine unangezündete Ultrazig in der Hand zu halten, als sei es ein Speerchen, das jedoch einmal in Fahrt gebracht, geworfen, dem Gegenüber sofort die Brust zerreißt. So legte Paulo Schmitz bei einem Geschäftstermin mit fünf Vertretern der Banca Credito del Abstinentio diesen höchstpersönlich die ersten Injektionen zur Verarbreichung intravenösen Kaffees. Er plustert sein schwarzes Haar mit eingeflochtenen Drähten auf. Es könnte der Eindruck entstehen, dieser Paulo Schmitz sei ein einfaches Abbild des italienischen Mafiosis, doch stimmt dies nicht, denn Schmitz war an sich abhold jeder Gewalt, auch jedes Familiensinns. Er ist eher eine gerissene enddreißiger Schnecke, die ihren Weg bahnt, dabei den Salat nicht frisst, aber über ihn hinweggleitet, vielleicht einen Hauch von Säure absondernd.

Ein Mitglied der „Wandernden Sonne“ brachte derweil einen Stuhl, auf dem sich Paulo Schmitz im genormten Winkel niederließ. Er trug ein weisses Sakko, unter welchem ein schwarzes T-Shirt hervorlugte, auf welchem, vermutlich gewollt, noch die Zahl 70 zu lesen war. Schmitz ließ seine linke Hand kurz auf die Haare federn, dann zeigte er auf SaLynna und beorderte die Schauspielerin zu sich. Wagner und Alessandro hatten das Haus der „Wandernden Sonne“ verwanzen lassen, doch waren sie nicht auf eine Open-Air-Veranstaltung vorbereitet. Wagner fluchte, während Alessandro ihm bedeuten wollte, doch zu schweigen, damit er das Fenster öffnen könne. Es brauchte den Einsatz von Mütterchen Ennia.

Jetzt seien Sie doch mal ruhig, niemand kann etwas verstehen bei Ihrem Gezeter!“

Wagners Mund blieb offen stehen, Alessandro öffnete das Fenster und tatsächlich war Schmitz‘ Raunen zu hören, doch kein Wort zu verstehen.

Ja, komm zu mir, mein Kind. Lass Dich anschauen. Du wirst bei Salvatore sicher gesunden und es wird dir gut gehen, hier. Und dann wirst du mir ein wenig helfen. Du wirst das Gesicht für meine Cafés werden, mein Kind. Da werden wir beide etwas von haben. Sieh mir in die Augen, Kleines. Hattest Du heute schon eine Ultra?“

Natürlich mußte Delayo in diesem Moment einschreiten, denn obwohl er selber kein Problem mit den Ultrazigs hatte, für seine Jünger waren sie völlig untersagt. Immer wieder zauberte er sie aus den Verstecken hervor, die seine Anhänger meist eher schlecht wählten, und entweder hortete er sie für den Eigenbedarf, oder er nutzte sie zur Werbung bei potentiellen Geldgebern, denen mit einem Strauß an Ultras durchaus zu imponieren war, und Kubas Zigarrenindustrie wurde ein wenig weiter in Schutt und Asche gelegt. Delayo machte sich nichts aus Kuba, ihm war an einer guten Freundschaft mit dem Wolf gelegen. Paulo Schmitz zog die Ultra zurück, Delayos Hand hatte sich auf die schon zugreifen wollende SaLynnas gelegt und flüsterte ihr eine Hand voller Mantras ins Ohr, um ihr klar zu machen, daß Ultras und andere Gifte nicht mehr ihre Welt seien. Wenn sie hier reüssieren wolle, müsse sie ihrer Süchte und Gelüste klar werden und diese bekämpfen oder anders füttern und stillen. SaLynna stiegen dennoch für einen Moment die kleinen Tränen in die Augen und sie bat Delayo sich zurückziehen zu können. Sie reichte Schmitz noch die Hand zum Abschied und sagte:

Es wird mir eine Ehre sein für Sie zu arbeiten, Herr Schmitz.“

Schmitz nahm die Hand, schüttelte und wandte seinen Blick spürbar für alle Anwesenden ab. Sogar Wagner, Alessandro und Mütterchen Ennia fröstelte es hinter ihren Fenstern.

Ich verstehe Sie, mein Kind“, raunte Schmitz.

Ich verstehe gar nichts!“, schrie Wagner und wurde mit einem zweistimmigen Zischen wieder zur Ruhe gebracht.

Paulo, wir müssen noch über das Geschäft sprechen“, ließ sich nun Delayo vernehmen, nachdem SaLynna in der Tür der Zentrale verschwunden war. Doch Paulo erhob sich und wandte seinen Schritt in Richtung seines Fahrzeugs, neben welchem der Fahrer wartete. Dieser öffnete die Tür.

Nicht jetzt, Salvatore, nicht jetzt. Ich schicke Dir eine Postkarte und darauf wird alles stehen, was Du wissen mußt. Mach Deinen Job hier, Salvatore. Mach ihn gut, dann wird Dein Geschäft florieren. Das Mädchen wird auch für Dich Gold wert sein.“

Mit diesen Worten verschwand Paulo Schmitz im Dunkeln seiner Limousine.

Aber lasst uns mal einen Blick auf diesen jetzt doch etwas mürrisch dreinschauenden Salvatore Delayo werfen.Er ließ sich von seinen Anhänger Salvator nennen, der Heilsbringer, wie er es selbst übersetzte. Mit seinen überquellenden Augen, der klobigen Nase und Lippen, für die andere Menschen etliches an Geld zahlen würden, war er ein fesselnder Anblick, der bis tief in die Seele des Schauenden verstören konnte. In mancher Zeit lies sich Salvatore einen groben Bart wachsen, der Teile seines Gesichtes verstecken konnte. Doch wurden seine Zeitgenossen in diesen Phasen immer lau und ungebührlich gegenüber diesem feinen Hitzkopf, so daß er zur Züchtigung nicht nur seiner Anhänger, zum Rasiermesser griff. Und ein ums andere Mal griff er sich einen seiner Anhänger und zischte:

Ich wollte, ich hätte es nicht tun müssen“ in das Gesicht des Zitternden, dessen Blick feste auf die großen, aufgeplusterten Lippen geheftet, hinter denen sich dunkle Zähne verbargen, von so mancher Ultrazig verfinstert. Salvatore war eines der wenigen Lebenwesen dieses Planeten, das mehr als eine Ultra pro Tag ohne Schaden rauchen konnte. Wenn er seine Anhängerschaft bestrafen wollte, weil wieder zuwenige Sonnenstunden in den Solarien getankt wurden, ließ er sie vor sich aufmarschieren, in Reih und Glied stellen und rauchte eine Ultra vor ihren Augen. Zur Qual wurde diese Prozedur für seine Anhänger jedoch erst, wenn er mit der zweiten Ultra durch die Reihen ging und ihnen den Rauch in ihre Gesichter blies. Es ertönte ein Klagen, ein Wimmern, ein Geschrei und mancher brach zusammen und wälzte sich weinend am Boden. Doch, liebe Leser, müßt ihr verstehen, das alleine der schon der Anblick dieses feinen, runden Erzeugnisses aus Tabak und Chemie, die Ästhetik dieses Produktes, der fein kräuselnde Rauch schon eine Sucht auslösen konnte. Der Anblick erzeugte ein Verlangen, dessen sich nur wenige entziehen konnten. Viele hatten versucht, sich durch den Konsum von herkömmlichen Rauchwaren der durchaus teuren Ultra entziehen zu können, doch vergebens. Der Wolf hatte etwas geschaffen, das jede Katz, jeden Mensch unter seinen Bann ziehen konnte. Es war kein Wunder, daß der Markt an Zigaretten, Zigarren, Dreh- und Schnupftabak im fünften Jahr nach der Einführung der Ultra entgültig zusammenbrach.

Kapitel Zwei

The Story so far:

Nun, liebe Leser, es hat sich nicht wirklich viel ereignet, damals im ersten Kapitel. Das Wetter war sonnig. Die einen Personen, die vor kamen, waren froh, die anderen nicht. Es wurde geraucht.

Nun folgt ein grober Szenenwechsel. Wir befinden uns auf einer weiten Ebene, kein Baum zu sehen, gerade mal ein paar Sträucher. Inmitten dieser optisch leicht trostlosen Umgebung sehen wir einen Bus stehen. Dieser Bus hat sonderbare Fähigkeiten, von denen später zu berichten ist. Nichts weltbewegendes, wie eine gute Ultrazig am Morgen. Ein relativ sonderbarer Bus für weite Ebenen, Doppelstöcker, der auch dadurch äusserlich nach Aufmerksamkeit heischt, weil seine hinteren Fenster alle von Innen geschwärzt sind. Der Fahrer hat als einzige Person den perfekten Ausblick. Doch uns interessiert jetzt nicht der Bus, noch die Fenster, wir wollen erfahren, wer die Gestalten sind, die hier unterwegs sind, unser aller Freiheiten zu bekämpfen. Entschuldigung für diesen Fehler, es muß natürlich heißen, das sie für unsere Freiheiten kämpfen. Hier treffen wir erstmals in dieser Saga auf die bekannten Glitzacatz.

Und wie Ihnen der Name bereits verraten mag, handelt es sich tatsächlich hier um Wesen, die Katzen… sind. Gerade liefen sie durch ihren Bus, der bekanntlich auf dieser Ebene parkte und keine anderen Wesen in der Umgebung zu sehen. Die Namen der Glitzacatz waren selbstverständlich erfunden. Sie nannten sich Tin, Jin, Hin, Win und Bin. Und sie sangen gerade ihr Lieblingslied: „Fünf Freunde, das sind wir, vier Schnäpse und ein Bier.“ Das Bier ging an Win, der einzigen Glitzacat, der immer nur Bier zu sich nahm. Die Schnäpse des Liedes wurden realiter eher gegen Milch oder Brakenwasser ausgetauscht. So waren sie, stiefelbegleidet an den Füssen und darüber feine Satinstoffe, die Schnurrhaare mit Pomade gepflegt. Gesang und fünfminütiger Sport am Tag, das war ihr Wesen und Bin liebte darüberhinaus stundenlange Recherchearbeiten im öffentlichen und nichtöffentlichen DATASpin, besonders wenn die anderen vier nach ausgiebiger Mahlzeit ihre Schläfchen hielten, grub sich Bin tief in die Datenbereiche von Interkat, um dort nach Ungerechtigkeiten zu suchen, die von den Glitzacatz dann korrigiert werden konnten. So standen sie nun also mit ihrem Bus auf dieser inzwischen ausgiebig oft genannten weiten Ebene, die genauso langweilig ist, wie Sie, liebe Leser, das inzwischen vermutlich finden werden, doch sind diese Wiederholungen der weiten Ebene, der langweiligen, weiten Ebene, für den Kontext so wichtig, unglaublich wichtig, um Ihnen das passende Gefühl zu vermitteln, in welch fast unerträglich langweilige, weite Ebenen im Norden von Interzone sich die Glitzacatz zurückzogen, um in Ruhe ihre Schläfchen zu halten und dabei völlig ungestört verharren zu können, um dann gestärkt und mit einer von Bin gefundenen Mission sich wieder auf den Weg zu machen, Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Und so sangen auch die Glitzacatz gerne: „Fünf Freunde das sind wir, Ungerechtigkeiten können wir… nicht abhaben.“ Ja, sie meinten halt Humor zu haben.

Vor einigen Monaten hatten sie für den verärgerten Geist von Meursault gearbeitet. Dieser ließ ihnen seither auch gerne weitere Fälle zukommen, bei welchen es immer um moralische Zwickmühlen handelte, und die fünf Glitzacatz hockten zusammen und diskutierten in wohl gewählten Worten ihre Möglichkeiten des Eingreifens. Bis auf Win, der während dieser Redemarathon-Wettbewerbe etwas zu sehr am Bier naschte, und irgendwann mit äußersten Ausfällen die Diskussionen beendete. Tin, der funkelndste der Fünf und auch so etwas, wie der Anführer, zischte und schickte Win in die Koje, wo dieser schnell laut schnarchend in den Schlaf fiel.

Ihr erster Fall mit dem verärgerten Geist von Meursault, betraf dessen Intimfeind, Sattler. Das dieser auch noch Jahre nach dem Tode Meursaults, diesen unbedingt durch Flugblätter beleidigen mußte, berührte den Geist wenig, aber so ziemlich alle anderen Taten Sattlers verärgerten ihn zutiefst.

Der Geist saß ihnen gegenüber. Nein, Sie haben vollkommen Recht, das ist ja Käse. Der Geist konnte sich mit Hilfe eines Monopoly-Spiels und einer bestimmten Verteilung an Hotels und Häusern sichtbar machen. Die Glitzacatz saßen um das Spiel herum und der verärgerte Geist war wütend. Er haßte Monopoly in seiner kompletten Geistigkeit. Doch auch Geistsein ist kein Ponyhof, so pflegte er kundzutun. Neben dem Monopoly-Spiel und den Glitzacatz saß noch sein Medium, welches den Namen Clemenz bevorzugte.

Warum?“, fragten die Glitzacatz

Es ist mir lieber, als Jean-Baptiste.“, gab das Medium zur Antwort. Die Glitzacatz kratzten sich, Win putzte sein Fell und ergötzte sich an kleinen Bierflecken darinnen.

Clemenz mit Z am Ende.“, führte das Medium weiter aus. Darauf schüttelte es sich und sagte:

Können wir jetzt endlich mit meinem Problem beginnen?“ Die Glitzacatz starrten sich erstaunt an.

Wer hat das gesagt?“, wollte Win wissen.

Na, ich!“, sprach das Medium, „Wer sonst? Was bist Du denn für einer? Ich glaube, wir gehen lieber.“

Das Medium fuhr sich über die Augen, die Glitzacatz fuhren langsam die Krallen aus. Ein solches Verhalten im ihrem Bus war ihnen gar nicht geheuer. Nein, noch mehr, sie haßten es. Wenn Gefauche, dann nur ihres. Doch Tin machte mit einem kurzen Schwanzzucken klar, daß sie Ruhe halten würden. Das Medium begann hastig zu murmeln, sie hörten heftige Für- und Widerworte, doch konnten kein Wort verstehen, bis das Medium plötzlich laut ausrief:

Okay, ist ja gut, dann halte deinen dummen Vortrag. Die würden das auch alles so verstehen, das sind ja keine Dummköpfe, oder was? Ich wähle doch niemanden aus, der nichts von nichts versteht? Ach, das verstehe ich doch, aber können wir uns jetzt mal an die Abmachung halten?“

Das Medium wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn, von der langen Stirn, die nur von einem Haarkranz eingezäunt war. Jin, der doch etwas hitzköpfiger war, als seine Freunde, fauchte:

Was ist jetzt? Können wir anfangen? Was soll dieses Spektakel hier überhaupt?“

Das Medium schien sich einigermassen gesammelt zu haben, und begann zu erklären, daß es eben für sich spreche, genau, wie eben für den verärgerten Geist von Meursault, der ihn, Clemenz, als Medium nutze. Dies sei manchesmal etwas schwer für Außenstehende, wenn er und der Geist sich nicht einig seien, in welcher Reihenfolge sie sprechen mochten. Doch nun hätten sie sich verständigt und könnten beginnen. Und sein Name sei einfach Clemenz mit dem abschließenden scharfen Z. Es sei nun einmal so, beschloß das Medium die erste Ausführung. Er übergab nun mit ruhigen Worten an den Geist, und hier war im Gegensatz zur vorherigen Zwiesprache der beiden ein ganz klarer Unterschied im körperlichen Ausdruck des Mediums wahrzunehmen, denn der Geist begann seine Erklärung über den Fall, den er die Glitzacatz erledigen lassen wollte, mit reichlich Gezeter, Geschrei, Verwünschungen, die seinem Namen als verärgertem Geist Meursaults alle Ehre machten, doch das Medium blieb ausdruckslos, gerade die Lautstärke seiner Stimme war vage den negativen Gefühlen des Geistes angemessen. Hin versuchte, so nur möglich, einigermassen schrittzuhalten bei dem Versuch, den Redefluß des Geistes zu notieren, damit ihnen keine wesentlichen Fakten eines Falles verlustig gingen.

Womit wir wieder zum Wesentlichen zurückkehren. Der erste Fall, den der sehr verärgerte Geist Meursaults an die Glitzacatz weitergab. Es ging natürlich um des Geistes Intimfeind Sattler. Jean-Paul Sattler wurde als grobschlächtiger Zwerg beschrieben, der seine engen Augen hinter einer dicken Brille verbarg. Er solle ein zwielichtiger Charakter sein, der seinen Lebensunterhalt damit betrieb, Menschen zu seinen Zwecken zu manipulieren. Er lebe im Süden von Interzone, in einer der Metropolen. Er treibe sich dort immer wieder in diesen neuen Gaststätten der Café-Intravenös-Kette umher. Lasse sich immer die stärkste Dosis spritzen, um besonders junge Katzen, Männer, Frauen zu beeindrucken. Er benutze mit Vorliebe Fachbegriffe lateinischen Ursprungs, mindestens drei Wörter pro Satz. Dabei sei die Satzlänge, wenn Sattler einmal in Fahrt gekommen, von imposantem Raumgegreife. Er könne der Katzen und Menschen Ohren zerreden mit seinen Tiraden. Er könne die Ohren dieser Wesen mit seinen Worten zerfressen, er dringe in die Hirne dieser Existenzen ein, um darinnen seine Manipulationen greifen zu lassen, damit seine Hörer in seinem Sinne zu Disposition stünden. Und das Ziel seines böswilligen Treibens sei nahezu immer er, der arme, daher verärgerte Geist Meursaults. Er habe halt Zeit seines Lebens…, aber das gehe jetzt zu weit, es seien die üblen Taten und Pläne Sattlers, die im Zentrum stehen müßten. Tin erhob die Tatze, um Geist und Medium kurz zur Pause aufzufordern und stellte die Frage:

Was genau ist zur Zeit Sattlers Plan, den wir vereiteln werden?“

Diese Einstellung gefällt mir. Ja, ich werde euch nun teilhaben lassen an meinem Wissen über den nächsten Versuch des viel zu scheltenden Sattler, meinen Ruf noch posthum zu beschmutzen.“

Das Medium oder auch der Geist schwiegen eine Weile. Jin begann mit den Krallen auf den Tisch zu trommeln, sein Schwanz stand aufrecht. Tin wandte sich zum ihm:

Jin, lauf mal und hol dir eine Milch. Und dann ab vor die Tür, mach ein paar Liegestützen. Hin schreibt alles mit, du kannst dich später informieren. Der Geist braucht seine Zeit, scheint mir.“

Wohlan, hier Clemenz. Ja, der Geist arbeitet gerade an einer genauen Auflistung der Sattlerschen Bosheit. Aufgrund seiner Geistigkeit geht das nicht so schnell, wie wir Lebenden uns das vorstellen. Also, habt etwas Geduld mit ihm.“

Die Glitzacatz begannen nun alle mit ihren Krallen auf den Tisch zu trommeln. Des Mediums Augen wurden wieder etwas glasiger.

Könnt Ihr vielleicht mal ruhig sein! Ihr Spinner!“

Die Glitzacatz sahen sich wieder beunruhigt an, unterließen aber die Geräusche.

Wie soll eins hier nachdenken können! Los, Clemenz, ich muß mal vor die Tür, ich kann diese vier Köpfe nicht mehr sehen, die nur dazu da sind, Schnurrbarthaare festzuhalten.“

Das Medium erhob sich, schulterzuckend, und verließ den Bus. Dort wurde es jedoch in eine mittelschwere Diskussion mit Jin gezogen, die nicht nur mit Worten gefochten wurde, nachdem der schwerverärgerte Geist Meursaults sich einmischte. Tin eilte hinaus, wurde dort von Jin und dem Geist angefaucht, sich mit seinen flüssigen Ausscheidungen zu befassen. Etwas in der Art, sagten sie. Dann ging die Rauferei weiter. Tin sah besorgt auf die inzwischen hinzugestoßenen drei weiteren Glitzacatz.

Kann uns noch wer helfen, herauszufinden, was dieser fürchterliche Geist für ein Problem hat?“

Kapitel Vier

Als ich Ihnen zuletzt berichtete, waren wir gemeinsam tief in die Vergangenheit eingetaucht, und trafen dort auf den jungen Paulo Schmitz, sowie die Erzfeinde Meursault und Sattler. Schmitz erhielt einen Auftrag und so, wie er zuletzt erschien, sind wir uns wohl alle nicht ganz sicher, ob er sich noch daran erinnern wird, jemals etwas von J.P. Sattler gehört zu haben. Doch drängt uns die Frage, wie es denn weitergehen mag?

Und Paulo Schmitz mußte tatsächlich einen ganzen Tag damit verbringen, seinen Körper, seinen Geist wieder in eine annähernd gesunde Einheit zu hämmern. Er ließ sich mehrfach einen Schub Kaffee spritzen, denn er kannte die heilende und magenschonende Wirkung intravenösen Kaffees und wie wir schon erfahren haben, wird er der Menschheit diese erfrischende, motivierende und Ressourcen schonende Lässigkeit nahebringen. Und er wird sich Drähte in die Haare winden lassen, um seine Hand leger darauf puffern zu können. Dies ergab für manche Zeitgenossen einige Male auch den Eindruck einer gewissen elektritschen Ladung, die Schmitz versprühte, wenn mehr als notwendig viele Haarspitzen vom Kopf abweisend in die Atmosphäre wiesen.

Der wiederbelebte Schmitz besann sich denn auch am Morgen des von Sattler erwähnten Freitags seiner Aufgabe, griff sich Blatt und Stift und begann voller Elan seinen Text zu dem ihm unbekannt gebliebenen Buchs des zu vernichtenden Meursault zu schreiben. Nach zwei Minuten war er fertig, zischte zur Türe heraus, noch schnell die für Aufsteiger obligatorische schwarze Lederjacke angezogen und war auf dem Weg seinen persönlichen Ruhm zu begründen.

Endlich in der Gasse des Nützlichen Zorns angekommen, wollte ein junger Mann am Eingang ihn abwehren: „Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Ein Sektretär vor der Türe, auf welcher „Sattler, J.P.“ geschrieben stand, rief:

„Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Sattler, der das kurze Getöse vor seiner Türe gehört haben mußte, sprach denn, ohne Aufzublicken:

„Herr Schmitz, wer zu früh kommt, wartet beim Sicherheitsdienst.“

„Ach. Sie werden nicht viel Zeit brauchen, um zu sehen, daß ich Ihre Aufgabe zu höchster Zufriedenheit gelöst habe, Herr Sattler. Ich bin nicht weniger, als ein Genie!“

Er warf Sattler die handschriftlich beschriebene Seite auf dessen Tisch, worauf dieser tatsächlich aufblickte und sich den Zettel griff und diesen überflog.

„Was!“, war Sattlers Antwort.

„Was soll das?“ Er blickte Schmitz an. Dieser zuckte seine Schultern, und blickte Sattler nonchalant an.

„Sie wollten, daß ich diesen Meursault mit Worten zerstöre. Ihn aus dem Kontext schreibe. Sie haben mich engagiert, weil ich…“ Schmitz begann in seiner Lederjackentasche nach einem Zigarettenpäckchen zu kramen „… ein aufstrebender, egomanischer Fiesling mit genialischen Ansätzen bin?“

Sattler, der wieder seine Augen hinter den gravierenden Gläsern über den Text spazieren ließ, bemerkte Schmitzens Kramerei, hob die Hand, um diesen zu stoppen.

„Warten Sie! Hier, nehmen Sie diese Zigarette. Es ist etwas völlig Neues! Ein Freund, der Wolf, hat sie erfunden. Sie rauchen eine davon am Tag, und dann sind all ihre Bedürfnisse an Teer, Nikotin und diversen chemischen Geschmacksverstärkern gedeckt.“ Sattler reichte ihm einen dieser Glimmstengel.

„Sie werden Ultrazig genannt, so ließ mich der Wolf wissen.“

Schmitz griff sich die Zigarette, setzte sich. Sattler blickte ihn mit einer gewissen Neugierde an.

„Ach, wissen Sie, Sie müssen natürlich noch Namen und Titel des Buches über meinen Text klatschen, und dann noch meinen Namen darunter, damit klar ist, wer hier der Täter ist.“

Schmitz legte ein versucht diabolisches Lächeln auf.

„Natürlich, Herr Schmitz. Wir wissen bei „Modernes Gewese“ schon, wie wir unsere Arbeit machen. Was mich mehr interessiert ist, wie kommen Sie auf diese Idee? Dieser Text ist verblüffend.“

„Ach, das ist nichts. Vergessen Sie nicht, den Text auf die benötigte Länge zu trimmen.“

„Das habe ich durchaus in Betracht gezogen. Nein, ich meine die Idee, einen Text gegen diesen Meursault zu schreiben, in dem Sie einfach nur das Wort „Ich“ beständig wiederholen. Wo kommt diese Idee her?“

„Das liegt doch auf der Hand, Herr Sattler. Das liegt doch auf der Hand. Was hätte ich denn sonst schreiben können? Irgendein verquastes Geseusel. Da bin ich nicht der Typ zu. Und ich habe den Monsieur gesehen, der ist ansonsten ziemlich, naja, ziemlich so.“ Schmitz wedelte unbestimmt mit den Händen in der Luft. Sattler lehnte sich zurück, mit verschränkten Armen.

„Ja, er ist ziemlich so! Da haben Sie vollkommen Recht. Er ist groß, er hat noch volles, griffiges Haar, er ist schlau und gewitzt, drückt sich gut aus. Frauen liegen ihm schnell und gerne zu Füßen. Er hat Charme und dazu riecht er auch noch gut. Und deswegen drucken wir Ihren Text als Rezension zu seinem neuen Buch ohne jede Korrektur. Das ist ein absolutes Novum für „Modernes Gewese“. Und ich will hoffen, daß Meursault damit untergeht. Das ihn schallendes Gelächter begleitet, nachdem jeder Ihren Text gelesen hat. Er soll in der Gosse landen.“

Schmitz zündete sich nun die Ultrazig an, zog und brach in ein infernalisches Gehuste aus. Als er wieder zu Atem kam:

„Das ist gut! Dieser Wolf ist ein Genie! Senden Sie ihm meine vorzüglichsten Grüße.“

Kaum waren die Worte gesprochen, mußte Schmitz weiterhusten.

„Oh, es ist unglaublich, das ist total befreiend. Und dieser Geschmack von feinstem Nikotin. Herrlich! Ein Genuß. Um Himmels Willen, so habe ich noch nie geraucht!“

„Jetzt werden Sie mal nicht so feierlich, Herr Schmitz. Ich lasse Ihnen dann einen Scheck zu senden für Ihre hervorragende Arbeit. Je nachdem, wie die Resonanz ausfallen wird, werde ich auch noch eine Nachzahlung veranlassen, die höher wird, je tiefer Meursault sinken wird. Und wie ich Ihnen versprochen habe, werde ich Ihren Weg zu einer Café-Kette ebnen. Dazu werde ich Sie mit dem Wolf bekannt machen, er ist der richtige Partner für eine solche Planarbeit.“

Paulo Schmitz erhob sich geistesgegenwärtig, denn er verstand inzwischen die Sattler’schen Fingerzeige, reichte diesem die Hand und verließ die Redaktion mit einem breiten Grinsen.

Von einem solch feinen Grinsen sind alle Glitzacatz in unserer erzählten Gegenwart sehr weit entfernt. Der verärgerte Geist Meursaults hat sich mitsamt seinem Medium Clemenz entfernt. Jin rieb sich die Arme und versuchte zu verbergen, daß ihm die Diskussion, die er mit dem Geschrei des Geistes und den Fäusten des Mediums erlebt hatte, noch immer einige Schmerzen verursachte. Zuletzt hatte Tin noch die Möglichkeit benannt, daß sich die Glitzacatz mit Traw, dem böswilligen Hasen treffen sollten, um durch diesen neue Information zu erhalten. Dieser verfügte über ein Wissenspektrum, das er sich mithilfe seiner Hasenkollegen Jimmisch Joa und Lemmes, meist auch genannt der Wilde Lemmes, verschaffte und aus armseligen Informationslieferanten herauspresste. Wer nun darob zweifelt, wie denn Hasen eine erfolgreiche Karriere im Verbrechen gelingen soll, der mag sich alleine dem Anblick Traws aussetzen, der schnell die Vorstellung des schnuckeligen süssen Hasens schmelzen lässt. Jener hatte die rotesten Augen, die sich eins nur vorstellen kann. Dazu Zähne, die mithilfe ihrer Schärfe nicht unbedingt nur auf den Konsum von Gräsern ausgerichtet waren. Alleine nur des Lemmes Zähne waren noch spitzer und fleischzerteilender, weswegen Sie sich gut dessen Spezialität vorstellen können, und warum der Ausruf „Du bist vom wilden Lemmes gebissen“ in vielen Gegenden Interzones von den Angesprochenen nicht mehr beantwortet wurde, und auch von den Ausrufenden mit einem gewissen Zittern in der Stimme getätigt wurde. Traw war von Natur aus mit einer eigentümlichen Kriegsbemalung bedacht. Seine Flaum um Nase und Mund war passend zu den Augen in einem blutigen Rot getaucht, die Nase hatte hingegen eher einen Stich ins Bläuliche. Auf seine Stirne hatte er seinen Namen als schwarze Tätowierung anbringen lassen, so daß jeder diesen Namen lesen mußte. Und sie lasen: „Traw.“ Konnte es schrecklicheres geben? Nun, in dem Moment des Anblicks war die Auswahl eher begrenzt.

Und so huben sich die Glitzacatz wieder in ihren Bus und fuhren los, die Spur der drei wüsten Hasen aufzunehmen. Sollten sich diese im wilden und ungepflegten Osten Interzones finden lassen? Die Glitzacatz stöhnten. Dort waren die Straßen eng, der Bus würde die Luft anhalten. Die Glitzacatz jammerten. Gerade die Fahrt durch Üpfeltal war ein langgezogenes Ärgernis, so langgezogen war ihr Bus auf jenen Metern und die Glitzacatz mußten blitzschnell ihre Positionen einnehmen, um nicht gegeneinander gequetscht zu werden. Dort in Üpfeltal trafen die Glitzacatz auf den an der Straße streunenden Jericho, einen alten Kater, der zu den eher unbeliebtesten seiner Art gehörte. Er schickte sie ins Herz des Trawcounties, dort würden sie ihn finden. Traw sei zur Zeit nicht auf Reisen. Die Glitzacatz nickten beharrlich dem schwätzenden Jericho zu, der ihnen zwischenzeitlich noch neue Essgarnituren verkaufen wollte, auch Töpfe, Pfannen, Bettbezüge. Irgendwas müßten sie doch gebrauchen können, die ehrenwerten Glitzacatz, tönte er. Er würde ihnen die tollsten Rabatte geben, wenn sie nur bei ihm kaufen würden, sie seien ja so elegant, die Glitzacatz. Er hingegen, sei ein Lumpenkater, der reinste Lumpenkater von ganz Interzone. Dabei hob er seine Tatzen in die Höhe und ließ nach „-zone“ sein Maul offenstehen, auch die Augen waren auf bemerkenswerte Größe gerissen. Ja, ja, beschwichtigten alle Glitzacatz im Chor, er sei eigentlich ein ganz toller Kater und so, und seine Waren seien ja schon ziemlich toll, aber sie bräuchten nun wirklich nichts und müßten auch los ins Trawcounty, damit sie dort den genannten treffen könnten und in diesem Moment trat Jin aufs Gaspedal, die anderen Glitzacatz polterten durch den Bus und Jericho stand in einer Staubwolke.

Und nur ein geschlagenes Stündchen später sahen sie das Schild auftauchen, welches Mensch und Katz entgegenrief:

You are now entering Trawcounty. You are entering at your own risk.“

Für die Beschriftung dieses Schildes wurden blutend rote Großbuchstaben gezüchtet und bis zu ihrem Einsatz in kompletter Isolierung von allen äußeren Einflüssen gehalten, und bei Installation mit antarktischen Superfrostnägeln angehämmert, damit sie niemals fliehen könnten

Die Warnung konnten die Glitzacatz leichterhand ignorieren, denn sie hatten Traw einst aus einer mißlichen Lage geholfen, die hier nicht erwähnt werden darf, denn Traw findet alle unerwünschten Mitwisser.

Außerdem gibt es ein Gerichtsurteil.

Als nun der Bus auf den überdimensionalen Pappkarton, in welchem Traw, Jimmisch Joa und der Lemmes lebten, anfuhr, fühlten sich die Glitzacatz auch ein wenig heimisch, denn was gab es für die Katze an sich besseres, als das Leben in einer Kartonage. Traw, ganz die Lebekatze, hatte das Innere seines Wohnsitzes mit kleinen Kartons ausstaffiert, in welche sich die Hauptbewohner und eventuelle Gäste und Gefangene wohlig einquetschen konnten. Dazu gab es noch ein flutbares, gemauertes Gemach unterhalb des Erdreiches für besonders streitbares Volk.

Traw trat aufgrund des Motorengeräusches vor die Türe, verschränkte seine Ärmchen vor der Brust und sprach, als er die Glitzacatz erkannte:

Strange. Strange.“, worauf noch ein langgezogenes „Straaaaaanggggeee“ folgte.

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.

Kapitel Sechs

So steckten nun die Glitzacatz, in engen, muckeligen Kisten, Traw gegenüber und ihnen wurde Tee serviert. Der Lemmes verbeugte sich und schob sich in seinen eigenen Karton. Er sprach nun die Glitzacatz an:

„Traw möchte nun erfahren, wie er euch helfen kann.“

Die Glitzacatz, vor allem Tin, erzählten ihm ausführlich von ihrem Problem, zu erfahren, welches Problem sie für den verärgerten Geist von Meursault lösen sollten, da dieser ausgesprochen unfreundlich und wenig mitteilsam gewesen sei. Als die Glitzacatz letztlich schweigend an ihren Teetassen nippten, wog Traw seinen Kopf und sprach:

„Strange. Strange. Straaaaaannnggggeeee.“

Er sah zum Lemmes herüber, dieser nickte und sprach:

„Sehet, liebe Glitzacatz, wir haben nur eine bedingte Anzahl an Informationen über den Zwist zwischen dem heutigen, verärgerten Geist von Meursault und seiner Nemesis, jenem Sattler genannten Mensch. Dieser Sattler soll subtextlich am Tode Meursaults schuldig sein, so hören wir von unserem Informanten. Doch wissen wir, daß Meursault auf einem Stück Seife ausrutschte, das in seinem Stammcafé auf dem Boden der sanitären Anlagen lag. Ob Sattler dieses dort in Hoffnung auf einen fatalen Ausrutscher platzierte, oder Meursault gerade in Gedanken an Sattler war, als er unbewußt auf das glitschige Stück trat, ist uns jedoch nicht bekannt, doch das Genick brach beim Sturz auf das Waschbecken. Das wissen wir, denn obwohl die Leiche letztlich verbrannt war, konnte dies problemlos festgestellt werden. Auch die Fettspuren an den Schuhresten sprechen davon. Meursault hatte eine brennende Ultrazig im Mund, als er stürzte, die sein Haar in Brand setzte.“

Die Glitzacatz waren erschrocken. Tin fragte, woher diese explizit genauen Informationen denn stammten. Traw grinste von einem Ohr zum anderen. Lemmes sprach:

„Wir haben die Seife platziert und den Unfall beobachtet. Doch hatten wir eine andere Person zu Tode bringen wollen. Es war insofern ein Unglücksfall.“

Es schien, als stünde dem wahrhaft wilden Lemmes ein Lächeln ins Hasengesicht geschrieben.

Tin schüttelte als erster den Schock aus seinen Gliedern.

„Grundgütiger! Das ist ja fürchterlich. Sollten wir das dem verärgerten Geist Meursaults nicht mitteilen, damit er sich vielleicht beruhigen kann?“

Traw meinte hierzu nur:

„Strange.“ in einem bedauernden, leicht ablehnenden Tonfall.

Der Lemmes schüttelte ebenfalls seinen Kopf und sprach:

„Unsere Zielen geht es sehr gut zu Pass, daß es einen Gegenspieler zu jenem Sattler gibt, da dieser ein ausgefuchstes Netzwerk unterhält, das er aus dem Café d’Äkkzém heraus steuert. Doch wir vermuten inzwischen, daß hinter ihm noch eine größere Figur steht.“

Traw grunzte und blickte angriffslustig, während der Lemmes sprach:

„Es könnte sich um den Wolf handeln.“

Die Glitzacatz zuckten zusammen. Der Wolf, dieser Name war von einer ähnlichen Wucht, als spräche eins von Traw. Doch war Traw einfach der grundsätzliche Mörder, Erpresser, Großkriminelle, ein schlimmer Hase halt, verhielt es sich um den Wolf etwas schwieriger. Der Wolf war zunächst ein gerissener Erfinder. Die Ultrazig war eines seiner Meisterwerke, mit welchem er einen bereits florierenden Markt im Handstreich übernahm und von diesem Kuchen keinen Krümel mehr abgab. Der zweite Streich war die Anfangs in Interzone legale Einführung veganen LSDs. Hier erwischte der Wolf das gesamte Staatswesen mit heruntergelassener Hose, das sich durch die bloße Namensgebung blenden ließ, denn des Wolfs veganes LSD waren einfache Trips in neuer Umverpackung. Es herrschte innerhalb von drei Monaten eine gravierende Krise in ganz Interzone. Die einen Menschen, Katzen, Hasen und andere Wesen verschrieben sich des puren Liebreizes eines blümeranten Rausches, die anderen brachten die erstgenannten aufgrund chemisch produzierter Paranoia um. Der Wolf zählte derweil Bündel an Geld, die ihm die Arbeit seines Laboratoriums eingebracht hatte. Als Finanzier strebte er darauf in die Welt Interzones, und erhöhte seinen hintergründigen Einfluß um ein Vielfaches. Das er unter anderem eine gute Geschäftsbeziehung mit Paulo Schmitz führte, muß gar nicht erwähnt werden. Dessen Café-Intravenös-Kette baute sich auf einigen Koffern Wolfsgeld auf. Und auch nachdem Schmitz alle Darlehen getilgt hatte, blieben diese beiden Charaktere in bester Freundschaft miteinander verbunden. So hatten die beiden auch im Laufe der Zeit die famose Idee, einige Hundefreunde zu ihrem Nutzen zu vereinen und ihnen regelmässige Suchaufträge zu übergeben. Zur Verwirrung ihrer Umwelt bezeichneten der Wolf und Schmitz diese Truppe als RUH, als „Rudel unzuverlässiger Hunde“.

So sprach der Wolf zu Schmitz:

Lass mal RUH.“

Und Schmitz lachte. Und irgendeins in Interzone würde ein Problem haben.

Der Lemmes hatte inzwischen auf Traws Zwinkern ohrenbetäubend laute Ambientmusik eingeschaltet. Deren sphärisch-röhrende Klangglitzerei schob sich durch die Sitzkisten und Traw schloss seine Augen, hin und wieder nur am Tee nippend. Die Glitzacatz wurden von Lemmes noch über einige Details von Meursaults Tod unterrichtet, dann forderte er sie auf, zu gehen. Die Glitzacatz liessen sich das nicht zweimal sagen. Im Hause Traws hielt eins sich selbst als Freund nicht länger auf, als notwendig. An der Türe ließ sie Lemmes noch wissen:

Traw meditiert gerade über einen neuen Zugang zu sozialer Interaktion. Er interessiert sich plötzlich für Freundlichkeit.“

Das Staunen glühte noch nach Stunden in der Glitzacatz‘ Augen.

Der verärgerte Geist Meursaults schweifte durch die Gassen Interzones, ließ die Ahnung seiner rechten Hand, sanft wie eines Geistes würdig, über Bruchsteinwände gleiten. Nicht, daß er das vorherige Leben vermisste! Nein! Teile davon, ja, vor allem die geistigen Getränke, und die Frauen. Ach, am meisten vermisste er, daß er im Jetzt nicht mehr ohne dieses Medium existieren konnte. Dieser geduckt laufende Clemenz mit seinem spitzen Mausegesicht, den grauenden Haaren. Er hätte ein Widergänger seiner Nemesis sein können. Doch Clemenz saß nicht tagelang mit gespitzten Bleistiften in Tavernen fest, in denen er einen ganzen Tisch blockierte und in acht Stunden ein stilles Wasser trank. Ah! Sacrément! Dieser hohe Herr Sattler kam ihm selbst jetzt als Geist noch immer in den schwirrenden Sinn und verdunkelte ihm alles. Zut alors! Der verärgerte Geist Meursaults tat sich auch nach seinem Tod noch schwer, sich im Griff zu halten. Gedanken drängten sich in seiner Luftigkeit. In dieser Gasse fiel plötzlich ein Löffelchen von einer Fensterbank. Die größte Wucht, die der verärgerte Geist Meursaults, auslösen konnte, hatte es diese fehlenden zwei Zentimeter zum Abgrund hin bewegt. Der verärgerte Geist Meursaults hätte sich beinahe mit Schweißperlen auf seiner nicht existenten Stirn materialisiert. Sein Nichts ließ er nun mehrere Male mit Schwung auf das arme Löffelchen herab prallen. Dazu schrie der verärgerte Geist Meursaults.

Bolos! Bolos! Bolos!“

Staub wurde nicht wirklich aufgewirbelt und der verärgerte Geist Meursaults sehnte sich nach seinem Medium. Wenn er Clemenz bevölkerte, konnte er diesen steuern und damit etliches Unheil anrichten. Ja, das würde er bei nächster Gelegenheit tun. Und vielleicht würde er es auch wieder versuchen, mit diesen geistig so durchsichtigen Glitzacatz etwas anzufangen. Wo war Clemenz?

Nachdem die Glitzacatz Trawcountry wieder verlassen hatten, traf Jimmisch Joa von seinem Ausflug zu Mensch und Katz ein. Traw bedeutete seinen beiden Hasenkollegen das Fahrzeug bereitzustellen. Traw wollte nun eine kleine Übungsreise halten. Lemmes und Jimmisch Joa waren bester Laune. Auch wenn es kein Blutbad geben würde, so waren sie sich sicher, daß Traws Versuche in Freundlichkeit erschütternd unterhaltsam werden würden. Vielleicht sollten sie nicht nur über Land fahren, sondern einen ausdrücklichen Besuch von Interzones intellektueller Szene hinzufügen. Lemmes und Jimmisch Joa sprachen Traw darauf an und dieser lächelte von einem Ohr zum nächsten. Jimmisch Joa wählte Polka Schmitz als Reisebeschallung aus und sie setzten sich in Bewegung. Und schon lief vor ihnen ein junger Hund, den sie mit gutgezielten Kieselsteinwürfen zum stehen brachten.

Der Jimmisch Joa beugte sich aus dem Fahrzeug.

Wer bist Du, Hund?“

Was, wieso, wer, ich? Warum?“

Der Lemmes rief aus dem Hintergrund:

Natürlich Du. Wir haben Dich mit wertvollem Kiesel beworfen. Grundgütiger! Nun, sag schon, wie sie dich im Rudel rufen?“

Ahh, ja. Sie rufen mich den Blitz.“

Aus dem Hasenfahrzeug erscholl schallendes Gelächter. Als sich dieses etwas gelegt hatte, stieg Traw aus dem Fahrzeug aus. Er stellte sich vor den jungen Hund, den sie Blitz nannten. Er legte seine rechte Tatze auf dessen Schulter. Der Blitz zuckte und zitterte. Traw blickte den Blitz fragend an. Lemmes sprach:

Wenn Dich jemand angreift, Blitz, wie wirst du dich dann verteidigen?“

Was, warum, wer, ich? Äh, ja. Nein.“

Traw ließ seine Klauen in Blitzens Fleisch sinken. Blut quoll darunter hervor.

Au, ja. Ich weiß es nicht. Wie soll ich mich denn verteidigen?“

Der Lemmes blickte zu Traw:

Traw, möchtest Du ihm sagen, was Du in der Meditation gelernt hast? Oder soll ich?“

Traw blickte verschämt zur Seite, um dann leise zu kichern. Lemmes war inzwischen zu den beiden getreten, sah den Blitz scharf an und sprach:

Wenn dich jemand angreift, wie verteidigst du dich dann am besten? Mit guten Manieren!“

Die Hasen rollten sich lachend im Gras, der Blitz stand wie festgewurzelt mit seiner blutenden Schulter. Leise Tränen zeigten sich auf seiner Wange.

Als sich die Hasen ausgelacht hatten und bemerkten, daß der Blitz nach wie vor schweigend und betrübt dastand, war es keine Scham, die sie befiehl. Traw grunzte kurz, worauf der Jimmisch Joa ein Verbandspäckchen hervorzauberte und der Lemmes dem Blitz noch eine Portion „Wolfsspaß“ hinhielt, die inzwischen illegale Marke veganen LSDs. Der Jimmisch Joa schlug noch auf die gesunde Schulter und meinte:

Nimm es locker, Blitz.“

Der unheilvolle Einfluß des Wolfs auf die Bevölkerung Interzones zeigte sich am heftigsten in den vielfachen Nachwirkungen seiner Produkte, die von einem ungemein hohen Anteil der Lebenwesen konsumiert wurde. Selten ließ der Wolf sie aus seinem Griff der Nebenwirkungen entweichen, wie seinen Kumpel Paulo Schmitz, den er darauf hinwies nur spezielle Varianten seiner Produkte zu konsumieren. Er sprach zu Schmitz:

Ich lasse Dich gehen.“

Schmitz nahm diese Worte auf, nickte verständnislos mit dem Kopf und wandte sich nach einem

Ja, ja. Wird schon gehen. Whatever… häh?“

einem weiteren Thema seines Lebens an.

Doch andernorts konnten andere Szenarien entstehen. So hatten sich die drei Hasen Traw, Lemmes und der Jimmisch Joa nach der Heimsuchung des Blitzes wieder auf ihren Weg gemacht und wollten wohlgelaunt nun in der Hauptstadt einfallen, doch plötzlich brachte Jimmisch Joa das Fahrzeug zum Stehen. Er blickte seine beiden Kollegen an, die ihn annickten.

Der Lemmes sprach nun:

Wer sind wir überhaupt? Wenn jemand unsere Geschichte aufschriebe, wie würde er uns darstellen und wie würden uns die Leser wahrnehmen?“

Traw nickte und wirkte betrübt. Auch Jimmisch Joa ließ den Kopf hängen, doch dann sprach er:

Wollen wir unsere Geschichte aufschreiben? Wollen wir unsere Seite mitteilen? Wir wissen ja gar nicht, ob jenes, welches unsere Geschichte erzählt, überhaupt alles wissen kann, was in unserer Leben je geschehen ist? Wenn dieses Mensch nie den Boden Interzones betreten hat, wie soll es wissen, welches Leben eins hier führt?“

Traw rief aus:

Strange! Strange! Strange… yeah, Good! Good!“

Der wilde Lemmes sprang aus dem Fahrzeug und riss einen Baum des an die Straße grenzenden Waldes aus dem Boden, warf ihn auf die gegenüberliegende Seite und schrie:

Ja, genauso ist es! Jimmisch Joa! Du hast es wieder einmal auf den Punkt gebracht. Ich liebe Dich! Verdammt noch mal!“

Wieder im Fahrzeug sitzend:

Fahren wir einfach mal nach Interzone, setzen uns in eine Café und fangen an, unsere Geschichte niederzuschreiben.“