Paranoia

Okay, Angst. Am heutigen Morgen ist mir Moriarty begegnet, der Erzfeind. Schon war mir klar, daß die Aussage, daß ich mich freuen würde, über das Thema Angst zu schreiben… äh… ein wenig das berüchtigte Pfeifen im Walde war. Wer mag Angst? Sicherlich kann sich etwas daraus entwickeln, wenn ein Mensch sich der Angst stellt und sie überwindet. Doch das ist leider der eher seltene Fall, zumal ich auch heute morgen, als ich Moriarty in seinem schwarzen BMW davonfahren sah, spürte, daß Angst letztlich dadurch am gefährlichsten ist, das sie völlig irrational ist. Kenne ich meine Furcht? Eine gute Frage. Sie ist kaum zu beantworten, da die Ängste in immer neuen Verkleidungen, immer neuen Masken auftreten. Jede Situation, in welcher die innere Unsicherheit um sich greift, ist anders. Um einen kleinen Seitensprung zu den von mir behaderten Ängsten anderer Menschen zu wagen: Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß sich Menschen wirklich vor konkreten Triggerbanden fürchten, sprich als Beispiel die Angst vor den fremden Menschen, die in „meinem“ Land nichts zu suchen haben, nur eine Reflektion ist, die vor allem die eigene(n) Schwäche(n) kaschieren soll. Dazu sollte ich ausführen, daß der Begriff der Triggerbande von mir gerade erfunden wurde. Der Trigger existiert und er trägt manchesmal die Gestalt eines Menschen, der Angst auslöst. Manchesmal ist es auch eine Gruppe von Menschen, doch nie die Triggerbande, die sich als Exempel „der Ausländer/Homosexuelle/Zigeuner“ nennt. Angst ist auch nicht so einfach zu entlarven. Sie wohnt in der Tiefe ihres Wirtes. Sie reagiert auf Eindrücke ihres Wirtes, doch auch auf äußere Impulse, auf die der Wirt keinen Einfluß nimmt. Sie ist insofern bespielbar für einen Dritten, denn sie lebt von der Bestätigung, die sie zum Aufplustern bringt. Ist der Trigger bedient, trägt die Angst ihr schönstes Kleid, schillert sie in den leuchtendsten Farben. Sie betritt ihre Bühne und tanzt dort. Sie setzt sich unter dem Namen Moriarty in ihren BMW und kreuzt meinen Weg, grinst mir frech ins Gesicht und zeigt eine Faust, die mir sagt: „Wenn es mir plaisiert, werde ich dich zerquetschen. Und niemand wird dir zur Hilfe eilen, denn du bist die Schwäche, die ich, Moriarty, ausmerzen werde. Alle Götter sind mit mir, dem Starken.“ Es erzeugt diese Enge im Hals. Der Griff der kalten Hand um mein Herz, welches sich zusammenzieht. Das Pochen im Bauch. Der Fröstel auf den Armen, im Nacken. Da ist sie und wuchert.

Vor einigen Wochen schrieb ich folgende Worte: „Eine Frage, die sich ein Opfer immer stellen sollte ist: Was brauche ich? Abstand? Konfrontation?“ Dieser Textpartikel ist so auch zur Angstbewältigung zu schreiben. Es hat keinen Sinn grundsätzlichen Abstand oder Konfrontation zu fordern, denn die Art der Angst ist, daß sie auch individuell gemeistert werden will. Doch es gibt immer den einen Weg, den der Wirt versuchen sollte: Der Blick in die eigene Tiefe, an den Platz, an welchem die Angst wurzelt. Doch bitte auf diesen Weg nur mit Hilfe eines geschulten Therapeuten gehen. Dinge, die man dort sieht, können zu irrationalem Verhalten anhalten. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Liebe Welt,

wie schon Heinz Erhardt einst zu sagen pflegte: Einen habe ich noch. So gebe ich noch ein Gedichtlein preis, das auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel trägt. Es gibt einen Hinweis auf das Alter. Und wer die angesprochene, prominente Figur errät, der gewinnt Aufmerksamkeit. Wie schon im Falle der „20 goldenen Probleme“ ist der Tonfall recht rüde, gar ruppig. So mag ich es aber auch. Ist der Autor doch damals in die Arno-Schmitt-Schule gegangen, ein lustiges Liedchen pfeifend.

werden uns alle ändern müssen Wir…

Pack den elenden Zimmermann den Lügner den Geschichtenerzähler den Sandmann

Sagt: die Zeiten ändern sich die Zeiten ändern sich ändern sich die Zeiten nicht werden uns alle ändern müssen wir…

Lüge : Bobby! Lüge Bobby was vor Lüge – Bobby Liebe Ich: Liebe: Dich: und mach Dir nichts vor Bobby Energieverschwender Luftverschwender Lüge Bobby Was vor Lüge Bobby Wird sich ändern müssen Bobby Ja Bobby JaJaJa

SAG DIE ZEITEN ÄNDERN SICH NICHT NIE NIEMALS NIE ÄNDERN SICH DIE ZEITEN JEMALS ÄNDERN SICH DIE ZEITEN NIE WERDEN UNS ALLE ÄNDERN MÜSSEN WIR…

WIR BOBBY wir bobby wir auf der andern seit von bobby betrüger werden dir alle die nase langziehen müssen wir…elender zimmermann gerichtsvollstrecker generationsvollstrecker wirst uns alle müssen du elender liebt dich dein herz wird sich verhärmen bei anblick deiner energieverschwendung durch atemluftbeschaffung wirst du einstellen müssen bald

pack den elenden zimmermann dich hinfort zu den Packern in Gemeinschaft von elenden Schwindlern, edlen Schwindlern Schwindsüchtige erzählen von an den Händen packen, Händen abhacken,

SAG SAG SAG DIE ZEITEN ÄNDERN SICH NICHT WERDEN UNS ALLE ÄNDERN MÜSSEN WIR

Ich glaube an den Zweifel

Ich glaube an das Nicht-Wissen-Können

Ich glaube an den Kosmos

Ich glaube an das Nicht-Müssen

Ich glaube an sechs Milliarden Einzelzellen

Ich glaube an mehr als die Wiederholung, die Wiederholung, die Wiederholung

Werden uns alle ändern müssen wir werden die Zeiten nicht ändern können/müssen/wollen/werden

 

Liebe Welt,

vielleicht hast Du manchmal das Gefühl, daß ich nicht mit einem einfachen Stift schreibe, sondern mit einem Messer in der Hand, einem Messer zwischen den Zähnen und einem Messer im Rücken meines Nächsten.

Das ist nicht ganz richtig.

Ich benutze eine Tastatur seit einiger Zeit.

Früher benutzte ich das oben genannte Repertoir.

Wie sich das las?

So:

„Golden Problems“

Fragmentarischer, bewußtloser und bitte etwas ereignisloser, ahnungsloser

Nicht so verschmitzt und technikbewußt, ich höre keine Haken, keine Verzerrung

Alles zu Clean hier in der Tonfabrik, lauter Strukturen – aber nichts funktioniert

Klingt wie Marschieren der Tomatenarmee gegen die Messerköpfe

Mehr Bass, weniger Musik, Gitarrenfrei

Greifen wir doch mal lieber wieder in die Geschichtskiste, was haben wir?

Die 80’er, cool, das zieht dem Volk die Moneten nur büschelweise aus dem (Hintern)

Nebenher kann ich auch mal von meinem Leid erzählen, endlich hört man mir zu

20 goldene Probleme – ein Konzept

Erzähle Du jetzt nicht von einer Auswahl Bahnhöfe, die Deinem Leben Tritte versetzt haben

Dadurch daß du den nuschelnden Bahnhofsprecher nicht und seine Ehefrau erst recht nie und nicht und niemals verstanden hast

Erzähl mir nichts von Anglizismen, die Dir den Kopf verdrehen

Laß mich, laß mich – geh zu den Priestern, um ihnen vorzuheulen, oder nimm dir

Die Gitarre und laß eine Serenade der Pickelcremes erklingen

Du denkst Du bist der Erste, dreh dich mal um in der Warteschlange zur medialen Freischaltung

Da steht die Stammkundschaft seit 1989 oder ’77 oder ’68 oder ’45, ’57,’14-18, dreckiges Grinsen und keine Ahnung und für mich kein Reim mehr auf irgendetwas setz dich in die Bahnhofsmission und laß mich endlich oder

Hau lieber ein Bild, Wortprolet, hau lieber jemandem die Rübe ab

20 goldene Probleme – ein Konzept

He da, Blickfang,

hey Blickfang, komm her und erklär mir mal, warum Du diese Verkleidung aufgelegt hast

Dir steht der Manierismus bis in den letzten Augenwinkel eingraviert geschrieben

Du fängst wie gedruckt, hey Blickfang, Zicklein

Nimm Dir Zeit und den Glauben und eine Prise verlorener Hoffnungssucht deine Verkleidung abzunehmen,

Schicht um Schicht wirst Du Dir näherkommen,

Schicht um Schicht verlierst Du die Lust und das Glänzende und die Magersucht just around the corner

Hey Blickfang, Staubfang, Madenfang, bald schon entsorgt

20 goldene Probleme – ein Konzept

Da stehst Du wieder nutzlos in der Straße und dieser Bus fährt auf Dich zu

Geh ihm einmal nicht aus dem Weg, laß ihn ausweichen, zeig dich einmal hart, denn

Wenn Du es tust, haben sie Dich erwischt

Und endlich bist Du genauso schwach wie ich:

Nicht fähig ein „Nein“ über die Lippen zu bringen

und alle werden anrücken, um Deine Unterschrift unter Papiere zu zwingen

Allen voran die Sektenvereine im Namen des wahren Herrn aller ausgehenden Millenien und

Apokalypsen, die Dir mit Pfählen drohen werden und die Fäustchen in die Höhe recken, damit Du unter ihren Flüchen, die die Hölle um die Ecke herum für Dich, speziell für Dich aufbauen werden,

„Herzlichen Glückwunsch, Herzlichen Kater“ für die Jahre zum Zusammenbruch

20 goldene Probleme – ein Konzept

Dann dreh ich das Radio an – und frage mich

Dann nehm ich das Telefon ab – und frage dich

Dann schalt ich die Glotze ein – und schallend durch die Räume:

„Deutschland, Deutschland Deine Probleme“

Und mir kommt die Galle und die Gesinnung und die Erkenntnis,

daß der erste Weg zum nächsten Planeten nicht nur der kürzeste, sondern vor allem

der Beste ist, nur weg von „America, America your Problems“, denn der Sprung in die „hiding bushes“ ist

so vergoren, wie der Rest dieser Sippschaften, die mir durch die Augen ins Hirn, Herz und meine Seele dringen, um dort die Fässer zu öffnen, die Leber zu ruinieren und ihre Machtgeilheit zu zelebrieren

Ich könnte etliche Namen nennen, doch weigert sich meine Zunge Gift zu tragen

Erkennt euch selbst: Machterhalt ist mehr als ein Problem, it’s a way of life

Und in mir schreit es weiter:

20 goldene Probleme – kein Konzept

Liebe Welt,

bevor in den nächsten Tagen einige neue Gedankenfluten in Richtung des Religionismus schwemmen werden, habe ich in den Tiefen des eigenen Archivs ein gottloses Stück Aggressionsgeschichte hervorgezaubert. Lies die Taten Roberts und des Ichs jener Story. Benannt nach einem Klassiker des King Crimsons.

„21st century shizoid man“ : King Crimson / in the court of the crimson king / Island (1969)

Schon immer war Robert, ein glasig blickender, bartloser Intellektueller, mein Held. Er saß mir gegenüber im Cafe Strichpunkt, trank einen doppelten Espresso. Ständig fingerte er die Filterlosen ins Gesicht, stand scheinbar unter dem Druck giftige Dämpfe in seine Atemzirkulation einspeisen zu müssen. Seine rechte Hand zitterte, er flüsterte. Meist suchte sein Blick den Boden nach Ansatzpunkten ab, rutschte dann aufwärts in mein Blickfeld, lief an meinen Extremitäten entlang, erneut in die Senke zurück. Robert hatte eine neue Geschichte, die er, eine weitere Gauloises Carporal befeuernd, in Szene setzte.

Es sind nun siebzehn Jahre vergangen, seit ich Robert kennenlernte und gemeinsam haben wir in diesen Zeiten manche Böswilligkeit in Szene gesetzt. Schon und vor allem zu Anfang: Im Januar 1989, begannen wir fast hastig. Einige Monate lang haben wir junge Katzen gesucht und in einem abgelegenen Waldsee ertränkt; nicht ohne Kunstfertigkeit, denn mit verschiedenen Beschwerungen, die wir in einem weiß gefliesten Kellerraum anfertigten, konnten wir unterschiedliche Geschwindigkeiten erzielen. Roberts Augen leuchteten vom gemeinsamen Aufbruch mit den beladenen Körben bis zum Ende. Sein Meisterwerk war eine mit Drahtschlinge an den vorderen Kätzchenfüßen befestigte Skulptur aus Styropor, die natürlich nicht versank, doch schwer und hinderlich genug war, um dem entsetzten, um sein Leben paddelnden Tier mit ablaufender Zeit den Geist und die Kraft zu rauben, bis es denn alles losließ und der kleine Körper in der brackigen Flüssigkeit verschwand. Die Skulptur, die einem japanischen Comicroboter glich, der die rechte Hand grüßend hob, schwamm noch, als ich zufällig im Herbst 1999 mit meiner damaligen Lebensgefährtin an diesem Gewässer entlangspazierte. Ich grüßte den Roboter zurück und kassierte einen fragenden Blick von Barbara. Sie wußte nichts von Robert, also lag mir nichts daran, der Tierfreundin zu erklären. Ich wollte ihren drallen Leib noch mehrfach kosten.

Zwei Jahre kannten Robert und ich uns. In dieser Zeit hatten wir bereits polizeiliche Erfahrungen gesammelt. Das Umstellen eines Straßensperrungsschild hatte vier schrottreife Fahrzeuge und neben Geschockten drei schwerverletzte Personen nach sich gezogen, von denen eine Dame bis zu ihrem Tod am 16. März 1993 querschnittsgelähmt einen Rollstuhl zu bewegen versuchte. Wir mußten uns vor einem Amtsgericht vorführen lassen. Diese Art von kreisklassiger Unterhaltung machte uns eher zornig, wobei jedoch der geringe Aufwand unserer Tat uns ebenso mit tiefer Scham erfüllte. Der Richter mißdeutete unsere gesenkten Blicke und ließ uns mit einer Bewährungsstrafe auf die Straße zurück. Vier Jahre würden wir nun unter Beobachtung stehen.

Dem Tod der Dame, eine Angelika Fink, lag ein Herzinfarkt zugrunde. Robert scherte sich nicht um Auflagen, die uns der Richter eingeschärft hatte und tauchte mit Hilfe eines lächerlichen Dietrichs in der Wohnung Fink auf, um die sechsundfünfzigjährige Frau zu unterhalten. Sein Entertainment basierte auf fein abgestimmten Schreckensnovellen, die immer wieder in dramatisch berstenden Kraftfahrzeugen mündeten. Sofort nach seinem Eintritt hatte er Frau Fink mit einem Knebel zur Ruhe gezwungen. Da er um die gesundheitliche Schwäche der Frau wußte, hatte er den Stoffetzen, den er genüßlich zwischen ihre Zähne stopfte, zwei Stunden zuvor mit Verdünnungsflüssigkeit getränkt. Diese war nun soweit verdunstet, daß nur noch leichte Dosen über die Atemwege, sowie den Finkschen Speichel aufgenommen würde. Dafür würde sich jedoch leichter das von Robert geplante Herzrasen einstellen. Frau Fink hatte sich vehement für eine Haftstrafe stark gemacht. Sie wollte die schrecklichen Rowdys beide hinter Gittern sehen, die ihr dieses Schicksal aufgebürdet hatten. Sie überzog demnach auch noch Tage vor ihrem Tod den Richter des Verfahrens mit Vorwürfen über falsche Milde und Güte. Robert sah solche selbstbezogene Exzentrik mit einer gewissen Ungunst und beseitigte sie. Durch Nachlässigkeiten des untersuchenden Arztes kamen die leichten Vergiftungserscheinungen nie an das Tageslicht und so wird Angelika Fink noch heute im Jenseits toben.

Als ich vom ihrem Tod erfuhr, war ich trotz gewisser Ahnungen überrascht. Robert hatte seinen Zorn über die Fink nicht verborgen und davon gesprochen, daß er Dinge zu erledigen habe. Den wahren Zusammenhang zwischen dem offiziellen Infarkt und seiner Person, erkannte ich somit nicht, bis ich von ihm vor einigen Wochen aufgeklärt wurde. Auch dies geschah im Cafe Strichpunkt bei enormem Koffein- und gnadenlosem Nikotinkonsum. Robert ist heute ein Wrack. Die permanente Giftzufuhr durch Trunk und Rauch hinterläßt inzwischen unübersehbare Spuren, doch ist der größte Faktor in Roberts eingeschränkter Zukunftserwartung seine Psychose. Diese ist jedoch so oft unterhaltend. Seine Erzählung der Finkschen Abschlußvorstellung war schillernd und unnachahmlich. Wie schon in den Jahren zuvor begeisterte Robert durch eine farbige, sich sämig ziehende Sprachgestaltung, die dem Fluß gerinnenden Blutes glich. Seine Begeisterung für die Gewalt der Sprache, wie auch der Gewalt gegen andere Lebewesen speiste sich aus seiner Angst, wie auch seiner radikalen Ablehnung des Gedankens einer Gemeinschaft. Robert ist ein freies Individuum. Daran konnten auch die Jahre nichts ändern, in denen die bekämpfte Gemeinschaft dieses Kraftwerk der Auslöschung gefangen hielt. Robert erzählt auch gerne von den Lichtstrahlen, die seine Zelle erfüllten und ihm ein Gefühl des Überirdischen vermittelten. Seine Augen strahlen, als führe er kleine Kätzchen zum See.

In den Wochen nach dem 16. März 1993 hörte ich nichts von Robert. Er hatte sich mit Erspartem in einen Zug gesetzt und war in Berlin untergetaucht. Dort lernte er Rebekka kennen, die ihm verfiehl und in seine Heimat folgte, dafür ihren Job als Tresenbrumme aufgab. Nicht, daß sie etwas zu verlieren hatte. Robert war der Sohn eines ehemaligen Büroangestellten eines inzwischen lange stillgelegten Kohlebergwerks. Der alte Herr hatte kurz vor der Schließung sein Glück an der Börse versucht und dabei enorm gewonnen. Er war dementsprechend der Einzige, der am Tage des Toreschlußes lachend die alte Firma verließ. Die Mutter hatte in einem Bücherladen gearbeitet, bis der Vater sie zu Hausfrau und Mutter dreier Söhne machte. Die Verbindung der Mutter zur Literatur wurde so prägend für Roberts Kindheit und Jugend, wie auch der zunächst unglückliche, später gelangweilte Vater, der seinen Selbsthaß als größte Gabe seinen Söhnen einpflanzte. Der älteste, Georg, erschoß sich 1981. Er vergötterte Ian Curtis und Goethes Werther und erreichte gerade nur die Volljährigkeit. Sebastian, der mittlere, schaffte knapp den Sprung in das echte Leben. Eine Entzugskur half ihm seine pathetische Heroinsucht zu überwinden. Seine Sozialhelferin Renate wurde drei Jahre später seine Frau. Er arbeitet inzwischen als Verlagslektor und ist für etlichen Schund verantwortlich, den er für die Öffentlichkeit freigibt. Robert haßt ihn. Robert haßt seinen Vater. Robert verachtet seinen toten Bruder Georg. Robert hat den Krebstod seiner Mutter bis heute nicht überwunden. Sie starb im November 1987. Auch heute ist Dickdarmkrebs noch immer ein nahezu unumgängliches Todesurteil.

Als ich Robert kennenlernte, lief ich auch manchesmal dem Vater, Franz, über den Weg. Eine Person, die nicht anwesend war. Ein Schatten, der von Robert meist mit leichter Hand ignoriert oder angegriffen wurde. Sein leisetreterischer Singsang lief auch an meinen Ohren vorbei. Interessen dieses Menschens? Bis heute nicht bekannt geworden. Robert und ich hielten uns entweder im schon erwähnten Kellerraum auf, um Katzenfallen zu bauen oder tranken Tee in der geräumigen Bücherstube, die von Franz gemieden wurde. Meist, glaube ich, glotzte er TV und jubelte in seinen Bart, wie sehr er die neuen Privatsender liebte. In der Bibliothek, welche die Mutter aufgebaut hatte, die Zeit ihres Lebens von Duft, Handhabung und Inhalt der Bücher lebte, tauchten wir ein in Welten, die exotischer, weil unrealistischer waren, als jene, durch die wir uns täglich robben mußten. Unser Favorit wurde eine der wenigen Schriften, die Guy Debord der Welt übergab: Die Gesellschaft des Spektakels. Diese Sammlung klügster Gedanken über den Unzustand der Welt ließ uns in Utopien schweben, die später von Robert konsequent umgesetzt wurden.

Am ersten Abend nach ihrer Rückkehr aus Berlin traf ich Robert und Rebekka im Ion. Sie strahlte aus ihren tiefliegenden Augen, trug schwarzes Haar und gleichfarbiges Outfit, war zweiundzwanzig, zwei Jahre jünger als der nervlich angegriffen wirkende Robert, der an jenem Abend zu sonst verpönten Drinks griff. Auch die Neue langte kräftig zu, was ihrer Erscheinung entsprach. Selbst ich landete letztlich im Reich des Alkohols, nachdem mir Robert unverhohlen zugeraunt hatte, Rebekka in der Nacht zu nehmen. Sie war gerade unterwegs, sich frisch zu machen. Geh ihr nach, stieß mich der plötzlich aggressiv geladene Freund an. Seine Augen schwammen seltsam, die Brille hatte er abgelegt, die Mundwinkel zuckten nervös. Sollst nichts trinken! Los, schnapp sie dir, nimm sie richtig. Ich wollte nicht. Weiter floss die Werbung aus Roberts Mund, er packte mich, ich mußte ihn abschütteln und lief in Richtung der Damentoilette davon. Kurz vor der entscheidenden Tür bog ich ab und verschwand in die Nacht.

Drei Wochen vergingen, dann verschwanden Robert und Rebekka wieder so plötzlich, wie das Duo zuvor aufgetaucht war. Es dauerte geschlagene Monate, vier an der Zahl – und er war wieder da.

Robert geriet in eine Schlägerei, bei welcher er einem Gegner schwere, lebensgefährliche Verletzungen zufügte. Der Geschlagene verstarb am folgenden Tag auf der Intensivstation. Die Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben. Innere Verletzungen, Schädelfraktur und etliche fehlende Zähne. Robert bot alle erdenkliche Brutalität auf, um die Aktion in seinem Sinne abzuhandeln. Die Polizei hatte ihn bereits in jener Nacht aufgespürt und in Untersuchungshaft genommen. Richter und Staatsanwalt waren sich einig, daß man keine Gnade walten lassen könne. Robert verschwand letztens für acht Jahre im Gefängnis. Ich besuchte ihn dort, mindestens monatlich. Unsere Gespräche dünnten aus, während die Zeit verstrich. Robert wirkte immer abwesender. Meist lag ein Lächeln in seinen Mundwinkeln. Wenn ich ihm eine Postkarte schickte, zierte diese immer ein Bild einer Katze. Er liebte Katzen.

Kaum war die Zeit abgesessen und Robert auf freiem Fuß, begab er sich wortlos auf eine lange Reise, die ihn durch Belgien, die Niederlande und Norddeutschland führte. Ich bekam ihn nicht zu Gesicht. Die Zeit, die nun plötzlich eine Richtung kannte, verrann mir zwischen den Händen und ich vermißte ihn. Meine Freundin Mia verlor langsam die Nerven und setzte mich vor ihre Tür. Selbst in der Firma sah man mich aus den Augenwinkeln abschätzig an. Ich wußte auch nicht wirklich, was mit mir los war. Um alle Möglichkeiten zu testen, kehrte ich in einem weithin bekannten Gay Club ein und wurde eine Nacht lang ein Toilettenspielball. Das war es nicht. Mir war nur fad und der rote Schein, der Roberts Kopf umflorte, fehlte mir. Endlich sah ich ihn im Cafe Strichpunkt sitzen. Ich warf mich auf den Stuhl gegenüber und sah ihn schweigend an. Auch er sprach nicht.

Als wenn unsere Leben endlos wären, so bezogen wir in der verrinnenden Zeit unsere Positionen und belauerten den Gegenüber, als wäre jener unser Urfeind. Als wären alle Taten, die in den letzten Jahren von uns verübt, in Szene gesetzt wurden, nur Übungen und Training für diese Situation gewesen, in der wir uns nun befanden. Ich schwamm und spiegelte mich in seinen Augen. Ich sah einen komplett verrückt gewordenen Idioten, den die Welt zu fürchten lernen würde. Wenn sie es nicht schon lange tat. Dann verlor sich die Erscheinung und ich versank in der Schwärze seiner wachsenden Pupillen, denen ich nicht mehr stand halten konnte und wich aus. Sprang auf und mit einem Wink bedeutete ich ihm, mir zu folgen. Vor der Tür des Cafes packte ich ihn am Kragen und schüttelte ihn. Immer noch sprach er nicht. Mit Schlägen wollte ich ihn zwingen, sich zu stellen. Einmal, zweimal traf ich ihn, dann wich er besser aus und ließ mich ins Leere torkeln, doch packte mich nun eine immense, kraftstrotzende Wut, die ihn an die Mauer des Cafes warf. Dessen Besitzer kam nun herausgelaufen und hielt mich fest. Ich fletschte die Zähne, schrie Robert an und wollte mich losreissen. Der Wirt war stark. Robert sah mich an, dann wandte er sich ab und lief davon.

Als ich wieder Herr meiner selbst war, und ihm folgen konnte, machte ich mich auf den Weg zu seinem Elternhaus, doch fand ich dort nur Franz, den Vater, der wie je nichts wußte. Er sah grau und verlebt aus. Mich schüttelte. So machte ich mich auf den Weg in die Pension und warf mich auf mein Bett. Es dauerte wohl zehn Minuten, als ich die Kiesel bemerkte, die an das Fenster sprangen. Ich blickte erwartungsfroh heraus und sah Robert, der an der Straßenlaterne lehnte. Er winkte mir zu, endlich.

Er sah mir in die Augen und begann zu erzählen. Die Geschichte der Fink, viel aus der ersten Zeit in Berlin, die Phase mit Rebekka. Nun griff er meine Hand.

In jenen Berliner Tagen hatte er durch Rebekka einen Ukrainer kennengelernt, dessen Namen er nicht mehr memorierte, eine mehr als zwielichtige Gestalt, wie sich auch die Zeitgefährtin, die dralle R, wie er sie jetzt noch nur nannte, in einen anderen Mensch zu verwandeln schien, als sie beide seinerzeit plötzlich verschwanden. Nun erfuhr ich, daß sich Robert und R wieder zum Ort des ersten Kennenlernens, nach Wilmersdorf begaben. Dort fand sich auch der Ukrainer wieder, der Robert vom ersten Moment an in den Ohren lag, daß er besondere Geschäfte abwickle und für ihn, den Freund, etwas ganz Spezielles beschaffen könne. Einen echten Kick. Den Oberkick. Etwas Feines aus unergründlichen Tiefen Osteuropas. Mehr verriet Robert nicht, doch mehr als nur ein oberflächliches Geheimnis lies sich aus den beredten Augen herauslesen. Sie leuchteten wie nie zuvor. In knappen Worten skizzierte er die neue Welt, die sich ihm dort stellte. R fand schnell wieder in ihre Kneipenwelt zurück, inklusive der alten Anstellung. Robert schlug sich das Leben und die ziellose Zeit um die Ohren. Nicht, das er in der Heimat eine Richtung in seinem Leben gehabt hätte, doch schien es ihm zuhause in der Bibliothek seiner verstorbenen Mutter möglich, seinem Geist gutes Futter zu beschaffen. In Berlins verkarstetem Wilmersdorf stand an jeder Häuserwand nur Endstation. Ebenso in den Augen der Menschen, die Robert in R’s Kneipe begegneten. Unter den Einflüsterungen des Ukrainers lief ihm immer schneller der geile Speichel zusammen und eines Nachts hielt er es nicht mehr aus und wollte es wissen: Was war der Zauber? Der Kick? Der Ukrainer flüsterte ihm zwei Silben ins Ohr und Robert schluckte und schwieg in jener Nacht. Auch am folgenden Tag sah er meist nur aus dem Fenster auf die kaum belebte Straßenkreuzung hinab, die an dem verwahrlosten Haus, in dem die verwahrloste Wohnung der verwahrlosten Freundin R’s, Caro, lag. Robert wurde sich plötzlich dieser Last, dieses Überdruß bewußt, der ihn seiner Seele wieder diesen enormen Haß auflodern ließ, der seit Jahren bohrte. Er sah R in ihrer Koje, die zu eng für zwei Menschen war, herumfläzen. Er hörte die arbeitslose Caro im Nebenzimmer mit ihrer Tabakdose voller Hasch hantieren. Er ließ sich zu Boden fallen und stieß sich an einem Blumenhöcker den Kopf blutig. R blickte kurz auf und döste doch weiter. Er starrte die Decke an, die Wand, später den dreckigen Boden und war sich sicher, daß seine Wunde nun blutverkrustet und erstarrt der Welt entgegenschrie, daß hier Schmerz wohnte. R gähnte. Caro kicherte nebenan. Drückte wahrscheinlich ihre Nase wieder in eines ihrer XS-Tanktops, in den sie den Schweiß der Armbeugen ihrer zahllosen Männerbekanntschaften sammelte. Ein babylonischer Turm hatte sich neben ihrer Matratze gebildet und wuchs ungehemmt weiter. Über den schon lange nicht mehr gewachsten, leidensbewußten Holzboden verteilte sich die Spur der leeren Javanse-Päckchen, mit deren Inhalt die beiden Damen ihre Jazzfluppen fertigten. Der Dunst der Abwesenheit lag schwer auf den beiden Wohnräumen. R’s Gesicht, die geschlossenen Augen. Es zeichneten sich fein die Knochen durch die gespannt erscheinende Haut, ließen in dem fahlen Licht des grauen Tages die abgeschminkte Zukunft sehen.

Robert ging ins Bad, ließ das Radio dröhnen und wichste sich bei dem Gedanken an das Leuchten aus den Tiefen Osteuropas.

Weiter schlich die Zeit dahin. Robert bewegte sich selten, R und Caro nie. Robert fragte die wie siech liegende Bardame, ob sie sich von ihrem Leben etwas erwarte. Sie schmiegte sich an ihn und erzählte von einer strahlenden Zukunft, die sie mit ihm erleben wolle. Sie wolle bald wieder mit ihm zurück in das Provinznest, aus dem er stamme. Dort wolle sie sich mit ihm niederlassen, sie wisse auch nicht, was sie eigentlich wieder zurück nach Berlin gezogen habe. Robert schmiegte sich derweil innerlich an seinen neuen Gral, dessen Strahlen sein Gemüt erhellte. R’s Stimme verhallte im Labyrinth seiner Abwesenheit. Ohne recht zu wissen, was er eigentlich tat, stackste er hinüber zu Caro, schob die Dämmernde beiseite und legte Sonic Youths Death Valley 69 auf. Drehte an der Lautstärke. Badete in der Brandung, die sich über und um ihn legte. Tief in seiner immer wüstenähnlicher werdenden Seele fühlte er die Unbedingtheit, den Willen zum gloriosen Jetzt, das Abheben, den Ausbruch. Er fühlte die Vernichtung dieser beiden Sharon Tates, die sein Leben in diesem Totental belasteten, die vor sich her brabbelten, wie alte Greise, sinnlos und entleert. Wie in Extase schlug er auf Bob Berts Zeichen mit seinen Händen um sich…

Später konnte er in R kommen. Und seine Worte, in welche er dieses weitere Mal kleidete, während er hier in meinem Zimmer saß, die Finger gekrümmt und leicht zittrig, die Worte waren nackt und kalt. In den Jahren, die seither vergangen waren, mußten sich Roberts Gefühle für die verlorene Partnerin übel gewandelt haben, vermutete ich laut und fragend. Es traf mich ein Blick wie ein Peitschenhieb. Ein Zischen. Die Frage, warum ich damals diese R nicht gefickt hätte? Diese Namensgebung, diese R, jetzt wurde mir erst die komplette Tragweite dieser negativen Bedeutung bewußt. Du hättest jede mögliche Wahl von Ort und Position gehabt, hörst Du! Herrschte er mich an. Welches Weib hat Dir das gegeben? Er lehnte sich zurück, sah mich frostig an, verlangte eine Zigarette. Nuschelte etwas… ultimativ, ultimatum, dergleichen.

Ich benötigte eine Zeit, um den aufgebrachten Robert einigermaßen zu beruhigen, hatte er doch seit seiner damaligen Rückkehr aus Berlin einen großen Bogen um das Gesprächsthema Rebekka gemacht. Eben drum! Hieß es nun. Ich haßte sie. Ich hasse sie auch heute noch.

Die beiden kamen damals nicht mehr in Roberts Heimat zurück, fiel mir ein. Einen entrückten Robert holte ich damals vom Bahnhof ab. Einen Robert, dessen Haare wirr, die Brille schief auf der Nase, die Körperhaltung teils schwebend wirkend. Ich verstand damals nichts. Es dauerte jedoch nur wenige Tage, bis sich der Freund wieder zu alter Normalität zurückentwickelte und Wochen später zum Totschläger. In dieser Nacht verließ er mich, immer noch wütend. Ich grübelte über das Warum, über die Wahrheit dieser seltsamen Geschichte, die in Berlin-Wilmersdorf passiert sein mochte.

In den folgenden Tagen traf ich mich einige weitere Male mit Robert, doch war er verschlossen. Small Talk war nie ein Teil seines Lebens gewesen und so schwieg er, sprach, redete, quasselte ich. Er ertrug es. Oft mit anstrengungslos geschlossenen Augen. Seine Gesichtszüge entspannten sich, während ich zwischen meiner Beziehungslosigkeit, ihren Tücken und einer intransparenten Weltpolitik umherstolperte. Ein Glühen lief über Roberts Körper. Er blickte mich wieder an, ein Lächeln. Verabschiedete sich und eilte davon.

Monate zogen ins Land. Robert sprach nicht mehr über R. An diesem Abend saß ich ihm im Cafe Strichpunkt gegenüber, und endlich öffnete er seinerseits die Türen in seine Geschichte. Zwei Stunden hörte ich ihm gebannt zu und sammelte Mosaikstücke des Verständnis. Dann griff ich nach dem Schlüssel, so wie es mir erschien und fragte offen nach R. Du willst es also wissen? Fragte er. Du erinnerst dich doch an eine der Platten, die wir damals in den ersten Tagen unserer Freundschaft hörten? In the court of the crimson king? Natürlich, ich würde diese Scheibe nie vergessen. Den kurzen Ausflug in eine Männertoilette, den ich kurz vor Roberts Rückkehr unternommen hatte, das war nicht der Anfang. Nein, am jenem Abend, als wir den Verkehr neu regelten, hatten Robert und ich gemeinsam zum Song „moonchild“ gewichst. Während der Song noch anfangs seinen jungfräulichen Träumereien nachhing, die von mondumflorter Ritterromantik getränkt waren, hatten wir beide uns aus den Klamotten geschält, ohne zu wissen, was am Ende stehen sollte. Als King Crimson in den Gitarrendickicht abtauchten und der Song surrealistisch einhertaumelte, rieb ich mich mit geschlossenen Augen, als ich plötzlich spürte, daß Robert sich hinter mich drängte und sein Glied an meinen Pobacken rieb, seine Hände meine Schultern packten. Ich ließ es geschehen, zog ihn feste an mich und fühlte nach wenigen Momenten seine Hand zwischen meinen Beinen, wo er sein Ziel fand. Die Minuten, wenige nur waren es, flossen in aufbauender Spannung, Erregung dahin. Wie eine Granate explodierten plötzlich King Crimson in das Titelstück ihrer Platte, Roberts Finger krallten sich in meine Schulter, warm spritzte es in meinem Rücken, auf meinen Bauch. Atemlos, dann keuchend, dann auftauchend. Die schwarze Königin und der Begräbnismarsch, die Feuerhexe, das lodernde Sühnezeichen am Hofe des Königs, das Ende aller Weiblichkeit in unserer Wahrnehmung. Wir sprachen später nie davon.

Nein, ich meine nicht die Moonchildgeschichte. Er verzog das Gesicht und blickte zur Seite. Komm mit. Wir standen auf, zahlten und gingen. Er mußte nach Hause, ich sollte ihm folgen, wenn ich mich denn traute. Er sah mich von der Seite aus an, fast schelmisch, schien es mir. Fast diabolisch, fürchtete ich. Wortlos schritt er, ich eilte hinterher. Wir liefen seinem Vater über den Weg, Robert sah durch ihn hindurch, ich versuchte entschuldigend zu grüßen. In der Bibliothek lief Robert zielstrebig zur kleinen Plattensammlung, die neben dem Fenster zum Garten hin eine Ecke ausmachte. Er zog die angesprochene King Crimson-Platte hervor, zeigte mir aufreizend lange das Cover, dieses riesige, schreiende Gesicht, diese Todespanik, die über die Horizonte hinwegschwappt. Er ließ das Vinyl herausgleiten, es kam eine Photographie zum Vorschein. Er legte die Platte auf den alten Lenco-Plattenspieler, der schon an jenem Abend steinalt gewirkt hatte. Das Photo war zu Boden gefallen, Robert schubste es mir zu, ich kniete mich hinab. Sah zu ihm auf, er wirkte erstarrt. Ich wußte, daß R auf dem Bild zu sehen sein würde. Ich hob es auf, drehte um und sah mich bestätigt. Schon hörte ich das jenseitige Pfeifen, mit dem der erste Song, 21st century shizoid man, beginnen würde. Dann brach der akustische Orkan los. Greg Lakes aggressiv verzerrte Stimme, die komplette Band, die wie ein nuklearer Schlag musizierte. Der Sound zum Coverbild. Grenzenlose Angst, Psychose, der tiefe Schlund. Auflösung im Feuersturm, doch kein Ende der Qualen, nach dem Tod. Die Hölle, wie sie die Apokalypse lehrt. Robert drehte noch lauter. Der Raum bebte. Ich ebenso. Mir wurde bange. Robert blickte ins Leere, er wirkte wie eine jenseitige Projektion. Die Momente schlichen dahin, langsam wie nie. Robert entrückte. Wieder liefen glühende Schauern über seinen Körper, sein Gesicht erstrahlte, seine Augen aufgerissen, wie nie. Ich sah die extreme Wölbung in seinem Schritt, wie noch nie. Seine Arme strebten in den Raum, standen vom Körper ab. Sein Mund offen. Die Musik tobte sich durch den zappeligen Mittelteil, zog sich leicht zurück, um dann in das Anfangsriff mit einer totalen Urgewalt zurückzukehren, die Robert zu zerreissen schien. Er japste, stolperte durch die Bibliothek, warf sich in ein Regal, Bücher stürzten heraus, begruben ihn unter sich. Ich sprang hinterher, um den Schrank zu stützen, damit dieser nicht den Freund erschlug. Es vergingen einige Momente, ich starrte in Roberts verklärtes Antlitz, dann war 21st century shizoid man ans Ende gelangt. Ich ließ mich zu Boden sinken, mein Blick schlich über das Photo von R, die dralle Berlinerin. Robert warf die Bücher von sich, schnappte sich das Bild, zerriss es und schleuderte mir die Reste ins Gesicht. Hier hast Du die geilste Frau des Universums. Er stoppte die Platte, wand sich wieder mir zu, warf sich auf mich, zwang meine Hände auf den Boden, sein Kopf nur Millimeter von dem meinigen entfernt, raunte er mir ins Ohr: innocents raped with napalm fire – 21st century shizoid man. So heißt es, nicht wahr? Mir wurde immer enger in der Brust, Robert war nicht mehr zu stoppen und sein heißer Atem in meinem Gesicht. Die verschmierten Brillengläser, hintan die kalten Augenlöcher und wieder: innocents raped with napalm fire. Ich verstehe, flüsterte ich ängstlich. Eine Hand legte sich feste über meinen Hals – nichts verstehst Du! Du hast nicht einmal eine leiseste Ahnung, was ich Dir zu sagen versuche. Du bist ein strohdummes Mondkindchen, du willst auch heute immer nur wichsen. Aber ich! Verdammte Scheiße, ich habe gefickt! Ich habe gefickt! Ich habe den Thickener genommen und gefickt! Er sprang auf und spuckte mir ins Gesicht. Wenn Du ein Mann bist, dann… Er wandte sich ab. Ich war fassungslos und verstand tatsächlich kein Wort mehr. Ich rollte mich zur Seite, rieb den Schleim von der Backe und wollte mich aus dem Staub machen. Robert schien die Kontrolle verloren zu haben und mich dürstete nicht nach einer Opferrolle in seinem Wahn. Der Knast hatte ihn wohl stärker mitgenommen, als ich angenommen hatte. Ich sah Robert von der Türe, die er gerade abgeschlossen hatte, zum Plattenspieler zurückschreiten, den er wieder in Gang setzte, noch lauter als zuvor. Doch nun sank er im Sturm des Crimsonschen Hagel zu Boden und blickte nur starr vor sich hin, formte mit seinen Lippen die grausige Lyrik. Ich starrte ihn an. Acht Minuten lang. Der Song wieder zu Ende, schien er zu erwachen. Der Ukrainer hatte mir ein kleines Fläschchen gegeben. Da wars drin. Ich hab ihm ein paar Scheine zugesteckt und bin zu Caros Bude. Die war nicht da, aber R lag im Bett. Ich glaube, sie hatte an dem Abend frei. Der Ukrainer hatte mir noch Clorophorm besorgt. Damit habe ich R betäubt. Dann habe ich sie lange angesehen. Ich war so was von geil. Habe sie mit Gel geschmeidig gemacht und sie dann genommen und als ich fertig war, bin ich raus und hab ihr alle restlichen Klamotten vom Leib gerissen. Völlig high, dann King Crimson aufgelegt. Höllisch laut, die Türen alle verrammelt. Ich hab ihr noch eine Ladung Chlorophorm verabreicht. Dann hab ich die Flasche genommen, das Leuchten Osteuropas, hatte der Ukrainer immer gesagt, die perverse Sau. Das war einer, ich glaube, der hat R noch mehr gehaßt als ich. Er durfte sie aber auch nicht anfassen. Ich habe ihr einen Trichter eingeführt, ihre Beine auf einem Kissen hochgelegt und dann habe ich die Sache durch den Trichter laufen gelassen. Was war in der Flasche? Robert lächelt. Du weißt es! Du willst es nicht wissen, du hast Angst. Du mußt deine Angst schlucken. Ich habe sie gesehen, ich habe zugesehen, das Leuchten gesehen, das sich in ihr ausbreitete. Ich habe nochmal nachgeschüttet. Es war nicht viel, aber genug. Genug, um mich für den Rest meines Lebens absolut geil zu machen. Ich bin fertig mit der Welt, ich habe gefickt, und frag nicht wie. Du lügst doch! Schrie ich. Du hast Angst, Freund, du hattest all die Jahre Angst. Bist immer nur nachgelaufen. Hast mich immer die scharfen Sachen machen gelassen, um dann hinter dem Vorhang zu lauern und dich zu wichsen. Warum holst du jetzt deinen Schwanz nicht raus, wenn ich dir schon Geschichten erzähle, wie sie geiler nicht sein könnten? Ich habe diese Frau völlig erfüllt. Sie brannte, sie hat gebrannt, sie hat geglüht von innen heraus. Sie hat mir geleuchtet, den Weg gewiesen. Ich bin raus über die Feuerleiter, habe auf der Straße ein Taxi herangewunken, rein und weg zum Bahnhof. In den Himmel bin ich aufgefahren.

Der Geist hatte mich verlassen. Ich blickte Robert an. Momente, Zeit verrann. Meine Augen konnten diesem Gesicht nicht entgehen. Sein Mund stand offen, der Schlund zur Hölle. Die kalten Augen hinter den verschmierten Gläsern, mein Held. So war es doch, geisterte durch meinen Kopf. Immer habe ich Robert angehimmelt, zumal nach moonchild. Ich war das Kätzchen des Moments, an dessen Händen mit einer Drahtschlinge der Roboter Robert befestigt war, der mich in naher Zukunft ertränken würde. Ohne einen Finger zu krümmen. Er schwieg, starrte mich unentwegt an, weiter mit offenem Mund. Liebe war es, die mich jahrelang im Griff gehalten hatte. Jetzt war der Gipfel erreicht und es gab den Himmel als Ziel, oder die Hölle. Robert hatte alles gesehen. Er war der Teufel und mein Gott. Er war im Recht, sollte ich mich also vor ihm erniedrigen und in seine Arme begeben. Er wüßte, wie schon immer, wohin es ginge. Meine Schlinge. Versank ich, unter seiner harten Hand.

Eine Glastür führte in den Garten, in den mein Blick fiel. Die Tür stand offen. Der Duft getrockneten Grases strömte herein. Auch die von Franz liebevoll gepflegten Lavendelgebüsche zur Linken wogten geschmeidig. Ein Concerto von Händel lag in der Luft, erschien Roberts Hand vor meinen Augen, nun süßlicher Geruch.

That’s it, Folks.

Und es hat richtig gut getan der Gedanken Flug zu dokumentieren. Ich möchte noch kurz erwähnen, daß meine Lieblingsgestalt in der griechischen Mythologie Hermes ist. Ganz knapp vor Poseidon. Der hatte es sich mit der Zerstörung Atlantis verspielt, Erster zu werden. Ich sage dazu mal: So ein Vollpfosten!

Ergebenst, Ihr Herr Hansen

 

 

Liebe Welt,

heute lege ich Dir einen Text vor, den ich vor einigen Wochen als einen Haufen durchweichter Papiere auf dem angrenzenden Maisfeld vorgefunden habe. Es hat seine Zeit gedauert, sich über den Wert und dann über die Worte des Textes klarzuwerden, denn die Schrift war teils schwer entzifferbar geworden. Eine Handvoll Lücken wurden von mir nach Gutdünken gefüllt.

Der Name der Trauer.

Dieser Mensch hatte sich vor einigen Monaten hingesetzt, um ein Pamphlet zu Papier zu bringen. Er setzte in großen Lettern den Titel „warum ich traurig bin“. Dann verstummte er. Es erschien kein Wort auf dem Papier. Nicht, dass die Traurigkeit ihn in diesem Moment fluchtartig verließ, da er sie zu bannen suchte. Da er sich auf den Versuch einließ, durch Schreibarbeit die Wege offenzulegen,auf welchen ihn das Niederdrückende heimsuchte. Der Grund, warum er morgens erwachte und Spuren von Tränen wegwischte. Er aus Fenstern starrte und die Gedanken dort heraus sich auf Reisen begaben, um nie wieder zurückzukehren an einen realitätsbezogenen Ausgangs- oder Zielort. Er auch immer wieder aus Fenstern starrte, ohne das sich Gedanken bildeten. Er aus Fenstern starrte, um des Starren willens. Er einen Druck in seiner Brust spürte, der sich auch als ein Bohren dort offenbaren konnte. Der Griff und die Kälte im Nacken, die Enge im Hals. Die Schwere in den Schultern. Doch dieser Mensch war körperlich gesund. Er war erfüllt von Traurigkeit, und nun entzog sich dieser Zustand mit einem Schlag dem Versuch in Worte gefasst zu werden.

Der Mensch blickte auf, stellte seine Augen auf Fernschau, ließ den Gedankenstrudel seine Spielchen treiben, doch warf dieser keine Worte auf, die der Mensch schnell schnappen und verwenden könnte. Nein, heute nicht, sprach die Melancholie. Heute wirst du mich nicht fassen.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Da saß er nun und trauerte über den Verlust der Worte über seine Trauer. Was sich anließ wie eine Posse, eine Schmierenkomödie, war nun nur ein Abbild des Normalzustands, in dem sich der Mensch befand. Und warum war dies so? Es passte nicht. Die Welt und der Mensch passten nicht. Der Mensch fühlte sich unterlegen, sinnlos und als unnötiges Utensil eines überfüllten Planeten. Des Menschen Herzen wurde von einem leichten Flimmern umfasst, als riefe es, dass es noch da sei, dass es doch schlage und seine Arbeit vorzüglich verrichte. Der körperlose, tränenerstickte Schmerz legte sich wieder über die Schultern des Menschen, verstummte andere körperliche Regungen, so dass der Protagonist wieder starren konnte. Unbewegt, unbeweglich. Ein leichtes Gefühl von Brechreiz durchflutete den oberen Teil des Körpers. Ja, hätte er nur auf die Zeichen geachtet, hätte er diese beschrieben, doch viel zu nah schien ihm das Wesen seines Körpers, und doch so fern. Denn er mißachtete ihn. Der Mensch rauchte, er ließ Messerspitzen tiefe kleine Lochpunkte in seiner Haut hinterlassen, er pfiff auf überlegte Ernährung, aß im besten Falle nahezu nichts. Dass der Mensch nicht hager und dürr war, sondern eher gegenteilig, lag an den nächtlichen Hungerattacken, die ihn zu höchst fetthaltigem Frass trieb, der ihm darauf auch die Lust an körperlicher Aktivität restlos madig machte.

Es war dem Menschen von Zeit zu Zeit, als schaue er auf das Treiben der Welt durch Glas. Mal klarer, mal milchig, doch war da diese Trennung, dieser luftleere Raum, verpackt in Härte. Und immer wieder gab es diese Momente, in denen sich die inneren Organe zusammenzogen, gar zusammenkauerten in dieser riesigen Höhle, in die man sie gepfercht hatte. Und immer wieder quollen Tränen, befeuchteten die Augenränder, ließen sie glänzen. Ein Hauch von Nässe. Doch damit war kaum erklärt, was zwischen diesem Menschen und der Welt nicht passen mochte. Eine Art von Andeutung höchstens. Ein Zeichen von Angst und Ablehnung auf der Seite des Menschen. Ein Verhalten, ähnlich der Krankheitsabwehr des Körpers.

Und die Welt? Wenn sie mit Scheinwerfern im Rücken des Menschen auftauchte, schuf sie oft einen nahezu panischen, zitternden Grund der Antipathie des Menschen. Wie oft wünschte er sich, mit einem Griff zu einer geladenen Waffe dieses Eindringen in seine Welt, dieses gewaltsame, gewaltbereite Verhalten zum Verstummen zu bringen. Gezielte Schüsse gegen die grellen Augen der Welt, das schien ihm eine ebenso konkrete, wie geniale Geste zu sein. Doch in jenen Momenten brachte die Welt nicht die Reaktion nach Außen, nur die Angst,die sich tiefer in den Menschen fraß. Sie hatte schon vor Zeiten begonnen, Teile der Organhöhle zu besetzen und sich dort einzunisten.

Worauf bezog sich die Welt im direkten Umgang mit dem Mensch? Auf sein wahrhaftiges Auftreten, oder auf den Schein, den er selbst produzierte, oder das Bild, das die Welt sich von dem Menschen machte? Wie wurde er aufgenommen? Seine Worte, seine Taten, die ungesprochenen Worte, das Zucken einer Hand, das Augenzwinkern, die gelassenen Taten, das leicht hörbarere Atmen, die niedergeschlagenen Augen, die gekreuzten Arme? Und worauf mochte jener Mensch achten, wenn die Welt ihm gegenübertrat? Mit einem Mal war er wachsam wie ein Schießhund, oft aber achteten seine müden Augen kaum darauf, daß sich dort außerhalb irgendetwas regte. Viel zu lange hatte er sich vor vielen Jahren der Welt verschlossen und war für sich alleine geblieben. Er hatte gelernt, mit sich selber zufriedengestellt zu sein, und erwartete oft auch nicht viel Positives, wenn die Welt sich ihm zeigte und ihm sogar ein freundliches, sonniges Hallo zurief. Selbst dann kam hinter der Fassade, die jener Mensch inzwischen perfektioniert hatte, gerade mal eine aus liegengebliebenen Resten zusammengekratze Erwiderung zustande.

Hätte die Welt das bemerkt, hätte sie mit all ihren Milliarden Partikeln diesem Menschen ihren großen Rücken zugekehrt und ihn kaum einmal mehr behelligt. Doch noch befand sich dieser Einzelne in der Situation, daß er Teil dieser Welt war, mit der es nicht paßte. Und die so häufig diese unangenehmen Reaktionen in ihm hervorrief. Wobei es nur natürlich war, daß dieser Mensch auf eine gefühlte Aggression mit Bestürzung, Angst und Wut reagieren mochte, doch waren dies mehr als nur gefühlte Angriffe? Und gab es weitere solcher Situationen und was war daran, daß es dieses starke Ungleichgewicht in jenem Mensch erzeugte? Er saß nun da, hielt den Kopf in seinen Händen und war in Grübelei versunken.

Der Mensch selbst war sich einerseits bewußt, daß er es mit einer knirschenden Zusammenkunft zu tun hatte, doch verwunderte es ihn gleichermaßen. Denn, trotz all der Gefühle, die ihn immer wieder bis an den Rand des Erträglichen führten, gar trieben, war er immer wieder von der Meinung durchdrungen gewesen, daß er doch ein ganz normaler Mensch sei, wie jeder andere auch. Mal froh, mal nicht, heute Sonne, morgen Regen. Diese Stürze in den Abgrund hatte es nicht unbedingt sein Leben lang gegeben, mit einem Male waren sie in eben jenes getreten. Der Mensch vermutete, daß dies mit dem Beginn der Sexualität einhergegangen sein müsste, doch war er sich nicht sicher. Es wäre ihm nur Recht gewesen, hätte er den Fall den ablehnenden Mädchen in die Schuhe schieben können, die ihm mit einem Nein entgegengetreten waren, als in ihm erstes Begehren auftrat. Doch als er sich nun durch seine Vergangenheit wälzte, wurde ihm schnell klar, daß Angst schon zuvor ein großes Thema in seinem Leben gewesen war. Die Angst vor dem Tod hatte ihn schon in einstelligem Alter schwer zugesetzt. Da kam die Erinnerung an eine Nachricht im Radio, die den Vollzug einer Exekution in den Vereinigten Staaten durch den elektrischen Stuhl gemeldet hatte. Der Mensch, damals noch ein Kind, konnte tagelang kein Auge mehr zu tun in der Nacht. Die Vorstellung einer überwachten Tötung eines Menschen stellte sein junges Innerstes auf den Kopf.

Ja, aber wer in dieser großen Welt, hatte keine Angst? Jeder musste in einem bestimmten Rahmen von diesem Gefühl erfahren, denn es alleine war zu einem Teil echte Lebensnotwendigkeit. So sagte sich dieser Mensch und blickte auf seine leicht zitternde Hand. Saß ihm die Angst gerade im Nacken? Vor einiger Zeit hatte er sie in einem Traum gesehen. Er hatte sich an einem völlig dunklen Platz befunden, und mit einem Male war dort diese Tür, die leicht geöffnet war und es quoll gelbes Licht heraus. Was in dieser Finsternis ein durchaus positiver Aspekt hätte sein können, wurde zum einen durch das Wissen, was sich hinter der Tür befinden könnte, zerschlagen. Und das Licht wurde durch feine Linien ge- und zerbrochen, es war als läge ein perfekt geometrisches Spinnennetz über dem Lichtschein. Es war die Tür zum Raum der Angst. Der Traum hatte schnell genug geendet, bevor dieser Mensch sich aufgemacht und der Tür genähert hätte. So empfand er es einerseits, dann wiederum fragte er sich, ob ein Blick in diesen Raum wirklich fatal gewesen wäre?

Ja, die Angst vor einer traumatischen Begegnung. Die Angst, etwas zu erblicken, das den Menschen im Rest seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Und im Hintergrund die Frage: Hatte dieser Mensch vielleicht schon Erfahrungen mit Traumata gesammelt? War da etwas, was die jetzt auftretende Furcht vor dem Blick in den Raum der Angst berechtigte? Was den puren Wissensdurst hemmte und den Menschen auch in vielen Lebenssituationen zusammenkauern ließ, anstatt mit wachem Blick den Dingen der Welt nachzuforschen und erlebtes Wissen zusammenzutragen. Ja, es passte nicht zwischen diesem Menschen und der Welt, wieder war das Knirschen unüberhörbar. Der Eindruck musste sich aufdrängen, das einst kindliche Neugier mit Knüppeln niedergetan war. Vielleicht war dieses Bild ein wenig drastisch gewählt, doch als Symbol tat es seinen perfekten Dienst, denn so gekrümmt der Mensch nun hockte, war der Eindruck jener des Niedergeschlagenen.

Aber man hatte diesen Menschen schon lachen gesehen und dies nicht in einem tiefen Keller, sondern unter anderen Menschen. Gar gelöst und befreit wirkend, daß es den alten Jorge von Burgos zu schlimmsten Verwünschungen verlockt hätte. Doch waren dies begrenzte Momente, Phasen, die leider selten einmal eine längere Zeit überdauert hätten. Diesen Menschen betrachtend, wünschte man sich für alle Menschen mehr Freude, mehr Freundlichkeit, doch sind viel zu viele Existenzen unterjocht durch solch intransparente Wortschöpfungen, wie Umstände. Es mag gegeben sein, daß schon immer die Menschen sich ihrer regionalen, wie familiären und individuellen Gegebenheiten soweit unterwarfen, wie dies tragbar war oder schien, doch kommt die Knechtung der Gegenwart eher aus anderen Richtungen, welche im temporären Sieg des Kapitalismus gegründet sind. Die Befreiung der weltweiten Märkte benötigte die ebenso globale Bestückung der Dienstleistungsektoren, die nach dem 24/7-Prinzip zu bedienen haben. Diese In-Abhängigkeit-Bringung bringt einerseits einen Aufwand, den der Dienstleister einzubringen hat, bevor er zu einem späteren Zeitpunkt eine Entlohnung erfährt, die oft einen emotionalen Input verlangt, welcher selten aufgewogen werden kann. Besonders, wenn es zwischen dem Menschen und der Welt nicht passt, gerät hier das Ungleichgewicht nur noch stärker. Ein weiterer Aspekt des temporären Siegs des Kapitalismus ist die permanente Bedrohung der Verlagerung von Orten der Dienstleistung und/oder Produktion, welches im Rahmen der Globalisierung zu einem relativen Kinderspiel geworden ist. Dies geht in Hand mit der Auflösung staatlicher Strukturen, die wenig mehr als die sagenhaften Potemkinschen Dörfer darstellen können. Alleine ihre Knechtung des Nicht-mobilen Mittelstands gibt ihnen noch Halt und eine, wenn auch mit Tränen und Blut erkaufte Sinnhaftigkeit.

Doch gehört dieser letzte Absatz in die Beobachtung eines Menschen, der Worte über seine Trauer sucht? Ein Absatz, der mit dem Lachen beginnt und mit dem glücklosen Geflecht aus Staat, Geldfluß und Kapitalismus endet? Es mag aus Sicht vieler Menschen nicht das Wichtigste sein, das hier gerade angesprochen wurde, doch spielt es in der inneren Chemie eines Menschen eine durchweg entscheidende Rolle. Gerade auf dem Weg, diese aus dem Gleichgewicht zu befördern. Richtig ist jedoch auch, daß es genauso viele Gründe für diese Störungen gibt, wie es Menschen auf diesem Planeten jemals gab. Und auch dieser einzelne Mensch hatte auch bereits inneren Tumult kennenlernen müssen, der aus – von außen betrachtet – völlig nichtigen Gründen entstanden war. Persönliche Gründe, privates Leid, das erste leise Knirschen und damit ein Schritt auf dem Weg, irgendwann sich zu fragen: Warum bin ich traurig? Um keine Antworten darauf zu finden, und später mit gebeugtem Kopf in den Händen verborgen, sich bis zu den letzten Sinnfragen durchzuhangeln. In der Situation, die man dann betritt, ist der gefühlte Sinn eines Lebens zumeist schon zuvor negiert worden.

Und eines ist in jedem Falle sicher: Die Welt, mit der es nicht paßt, wird diesem Menschen keine Hand reichen. Der Schritt weg von der Melancholie ist immer der erste jenes Menschen.

Und er hob den Kopf, griff sich einen Stift, ein Blatt und begann Dinge aufzuzählen, die er mochte. Und aus dieser Bewußtwerdung seiner selbst, drückte sich das Rückrat durch, saß der Mensch plötzlich aufrecht.

Ich mag den ersten Frost im Jahr

Ich mag den ersten warmen Frühlingstag

Ich mag zirpende Grillen

Ich mag ausgeglichene Momente kosmischer Ruhe

Ich mag Waldgespräche mit Vögeln

Ich mag die Eiche

Vor allen Dingen Eichenblätter

Ich mag verrostende Industrieanlagen, Bahnhöfe

Ich mag die warme, herbstliche Logik der Mathematik

Ich mag mystische Gedankenwelten

Ich mag Donner und Blitz

Die tosende Auflösung von Spannungen

Ich mag den ruhenden Blick auf wunderschöne Landschaften,

Ich mag das Tanzen, Treiben, Fließen in Rhythmus und Melodie

Ich mag die Liebe

Ich mag den inneren Reichtum

Ich mag die brennenden, erwärmenden Farben,

vor allem Orange, oh Orange, monumentales Orange

die kühlen, labenden Farben

Ich mag die Weite des Kosmos

Ich mag es, den Kosmos in meinen Gedanken zu erkunden

Ich mag Langsamkeit

Ich mag Märchen, Sagen, Legenden und ihre rüttelnde Wirklichkeit

Ich mag Fußball und Pfefferminztee

Ich mag schöne Augen

Ich mag das Zweilicht

Die Spiele von Licht und Schatten

Ich mag einen gutgemischten Campari Orange,

seine sommerliche Abendröte

Ich mag die Wärme der Zusammenkunft

Ich mag die Wärme des Abschieds, der nicht ewig dauert,

Ich mag die Berührung, auch wenn ich zurückschrecke

Ich mag die Nähe, auch wenn ich mauere

Ich mag Zimt und Curry und selbstgebackene Plätzchen

Ich mag Tränen, auch wenn ich keine zeige, sie sind oft da

Ich mag meine Freunde

Ich mag Menschen, die ihr wahres Gesicht zeigen

Ich mag auch Geheimnisse, doch die sind meist vergraben

Ich mag die Nacht, den Morgen, die Stunden vor Sonnenaufgang

Ich mag Strommasten in der Dämmerung

Ich mag ziellos kurvende, verwachsene Flüsse

Ich mag zerfallene Häuschen an Bächen

Ich mag die Einsamkeit, die sie darstellen

Ich mag Dinge, die außerhalb des Fokus liegen

Dinge, die noch nie von Menschenhand berührt wurden

Ich mag den, der dies liest und nicht den Kopf schüttelt

That’s it, Folks.

Der ursprüngliche Schreiber war sicherlich kein Nitzscheaner. Oder sonst ein Vollpfosten, hähähä. Meine Wenigkeit würde jedenfalls nie Zimt und Curry in einem Atemzug nennen.

Ihr ergebener, Herr Hansen

Liebe Welt,

Menschen gehen nicht immer nett miteinander um.  Das ist keine besondere Neuigkeit. Was würde auch sonst die Waffenindustrie aus der Situation machen? Einen Buchstaben ändern und zur Waffelindustrie mutieren. In der heutigen Geschichte ist Rede von Ungemach, das von Menschen untereinander produziert wird. Wie immer, an dieser Stelle ist alles erstunken und erlogen, an den Haaren herbeigezogen. Mit Bestimmtheit. Nun denn, pack deine Waffeln, Welt, und ab. Nebenher sollte man den vorab angezeigten Titel nicht zu ernst nehmen, denn auf die Schnelle fiel dem Schreiber nichts unsinnigeres mehr ein.

innocent when you dream

Es ist immer diese Rockmusik schuld daran. Er turnte in der Küche umher und plärrte vor sich hin.

it’s awfully considerate of you to think of me here

and I’m much obliged to you for making it clear that I’m not here

and I never knew we could be so thick

and I never knew we could be so blue

dazu legte er eine Geschwindigkeit an den Tag, welche die Worte, die er sich in dieser Form zurecht erinnerte, geradezu zerriß. Immerhin war dieses Lied, so glaubte er den Typen im Laden verstanden zu haben, von einem geschrieben worden, dessen Kopf von innen her zerfressen wurde. Dazu hatte der Kerl Hand- und Kopfbewegungen getan, die ihn an Drogenkonsum erinnern sollten. Na denn. Er hatte die Platte nicht gekauft (hatte eh kein Geld), aber dieses Lied war noch schnell durchs Ohr geschlüpft und hatte sich verankert.

and I’m wondering who could be writing this song

Das fand er nun nicht gut. Wenn diese Type nun einen Song schreibt und darin behauptet, nicht zu wissen wer, was, wie,warum – dann solle er doch die Finger davon lassen und dahinsichen. Immer diese Koketterie mit dem Wahn! Immer dieses Herantasten an das Genie aus der falschen Richtung. Er hüpfte weiter in seiner Küche herum. Er dachte an drei Frauen, die er vor Jahren gefickt hatte (oder hatten sie ihn?). Genug jetzt, schrie er. Immer immer immer genug. Die #1 hatte ein süßes Kichern. Ein richtiges Mädchenkichern, mit Hand vor dem Mund. Be- und verschwörerisch. Sie becircte mit kastanienbraunem, gelocktem Haar. Unter diesem Haar brütete sie Geschichten aus, die ihn innerhalb der Zeit, die er mit ihr zu verbringen und mit Gespräch zu füllen hatte, in Abhängigkeit und Verfall sinken ließen. Sie hatte die falsche Haarfarbe, denn sie war eine Hexe. Innerhalb der Wochen und Monate, die vergingen, sah man ihn öfter nackt in der Öffentlichkeit irren, als es seinem Ruf guttat. Endlich verstieß sie ihn. Doch nun begann das Elend erst ihr wahres Gesicht zu zeigen, wurde seine Sucht erst im Entzug zur Gefahr und sein Gesicht wurde zu einer leeren Leinwand. Hier begann das Ficken. Und Monate später wunderte er sich, wer diese Geschichte denn aufgezeichnet hatte. Als #1 endlich mit der Konsequenz herausgerückt war, lag er in Scherben, die sich über den Boden verteilten und nur noch liegen und vergehen wollten. Einige Kumpanen schleppten seine Einzelteile in Schenken und Schwemmen, tunkten ihn in träumerische Vergeßlichkeiten und über einigen Gläsern Tequila sah er #2 in die Augen.

can I ride with you in your Be Em Double U

so hörte man ihn kreischen, wenn sie ihn in das genannte Gefährt lud, um ihn in seine windschiefe Laube zu fahren und ihn zwischen ihre Beine zu drängen. Sie fickten intensiv und lang. Er spürte danach nie einen einzelnen Knochen. Er lag zerschmettert, wie Scherben und wußte nicht, ob sich etwas seit #1 geändert hatte. #2 fiel einige Male in Ohnmacht und er fühlte sich schlecht dabei, konnte ihr nicht helfen und drehte erst einmal einen Joint, den er ihr zwischen die schiefen Zähne stopfte. Er dachte nur daran, daß #1 nie auf ihm gesessen hatte. Sie hatte immer nur auf seine Worte gewartet, doch da hatte er nichts. Er konnte nur Popsongs plärren, die Töne nicht halten und das Tempo variieren. Ein Lied handelte vom Ficken in einem Volvo und den hatte er nicht. Bei #2 war er gesprächiger, wie es ihm jetzt schien und so entstand sein Irrglaube, daß ihm #1 etwas beigebracht hatte. Immerhin wußte er, daß Frauen unter der Menstruation leiden und übellaunig sind. Da konnte er nicht helfen und schwieg. Was hätte er auch je sagen sollen? Ich will jetzt dies und das, oder jenes oder solches. Nichts würde der Welt helfen. Immerhin hatte er #1 einen Abend verdorben, als er von den Schrecken des Bosnienkriegs erzählte, nachdem er Bilder im TV gesehen hatte und das Elend der Existenz an ihm nagte. Wie konnte es denn weitergehen, hatten viele Menschen nicht erst nach Auschwitz gefragt. Die Frage hing noch immer unbeantwortet im Raum. Also schwieg er wieder. Sie hatte ihn zurechtgewiesen und die kleinen, gefühllosen Ohren zugehalten. Mit #2 saß er in seiner Wohnung und sprach. Er redete in ganzen Sätzen, doch wußte er später nie mehr, wovon er gesprochen hatte. Es war immer wieder Zeit zur Akrobatik, wenn sie nicht zusammen in einer Kneipe hingen und zuviel tranken. Und dann im BMW durch die Nacht heizten. Die Hasenscharte zitterte im Bassgewitter eines Technosenders. Wenn doch der Tod endlich käme, konnte man weit im Hintergrund verstehen. Er wurde dadurch nur noch geiler. Und #1 rief ihn an, die sein Glück gesehen hatte und endlich die Scherben einschmelzen wollte. Also bat sie ihn in ihr Zimmer. Nun sang sie ihm vor und er war von einem Glücksgefühl durchströmt, das er in dieser Konzentration noch nie erlebt hatte. Später fickten sie. Später ließ sie ihn fallen. In einer weiteren Kneipe seines strolchigen Lebens wurde es ihm von einem unangenehmen Zeitgenossen eröffnet. Angst überfiel ihn und er zog sich schnell zurück und brauste mit seinem Kleinwagen vom Tatort seines ersten Todes. Er sah schon seit Jahren nicht mehr in Spiegel, hatte er doch am letzten Ende einer Traumzeit seine Faust gegen das Widerbild gehämmert. Auch jetzt kam keine Reflektion, schmierte er nur schwarze Farbe über die Leere seiner Gesichtshaut.

Sah er #3 in seine Kneipe eintreten. Schwachsinnig wie er war, nickte er ihr, die ihn an eine Andere erinnerte, zu. Einen Monat und nur fünf gemeinsame Worte weiter, drang er in sie ein. Das einer Tat eine Überlegung zugrunde liegen sollte, übersah er und ließ sich konsequent am nächsten Tage wieder mit #2 ein. Diese führte nun eine Zeile in ihren Taten spazieren:

let’s have a black celebration

Und so wurde gefeiert, auf dem Fundament jeder Existenz. Tanz auf feurigem Grund. Barocke Frauen hatte er noch nicht kennengelernt, doch diese Lektion wurde ihm nun durch alle Körperöffnungen eingeführt. #2 hatte plötzlich sonderbare Ideen, die sie ihm mitteilte in Unterweisungen, Forderungen und Darstellungen. Sie drohte ihm mit körperlichem Ungemach, drohte mit Tötung. Ihre Peitsche lag andernorts, doch auch ihre Zunge hinterließ blutrotes, vor geistigem Schmerz schreiendes Fleisch. Er war diesem Sturm nicht gewachsen, betete zu allen verfügbaren Heiligen, die in dieser ewigen Nacht Seelenwache schoben. Diese jenseitige Hilfe ließ #2 gegen Morgen an Kraft verlieren, ließ sie zusammensinken und im Rausch des Gelingens genüßlich lächeln. Schnell ergriff er die Gelegenheit und fuhr sie davon, entlud sie. Im Schoße von #3 suchte er Tage später Trost. Sie verstanden sich nur schlecht, verkehrten daher nur oberflächig und im Dunkeln. Er mochte auch nicht mehr sprechen. Die Erfahrung der Zusammenkünfte hatte ihn in wenigen Wochen gezeichnet und Jahre seines Lebens gekostet. #1 ließ ihn nicht gehen und peinigte ihn, so oft es ihr Zeitplan nur zuließ, ihre kalten Augen brannten vor Lust. Er sann über Mord nach. Er suchte #3 auf und fuhr mit ihr ziellos über Land. Die Ruhe, die er auch in diesen Wolkenverfolgungsfahrten an den Tag legte, stammte aus der Mauerbildung, mit der sich sein Wesen von der Welt abkapselte. Er hatte diesen drei Menschen soviel gegeben, so viel Offenheit anvertraut.

Er wußte nicht mehr, who could be writing this song. Er haßte es, diesen Zustand einer inneren Auflösung. Er versuchte so oft zu schreien. Es gelang ihm nicht. Er sah sich in einem emotionalen Klischee gefangen, doch diese Erkenntnis half ihm nicht die Fessel zu sprengen, die sich um seinen Hals legte. Er fickte #3 so lange, bis sie ihn verließ und wieder ihr Leben aufnahm. Zwei Jahre hielt sie ihn mit Floskeln auf Distanz, während er es jetzt schaffte in schriftlichen Ergüssen jede Formalität niederzureissen und die Nacktheit, die er ihr nicht mehr schenken konnte, auf Papier bannte. Sie wollte nur ein Kind von ihm empfangen, das hatte er in drei Monaten emsigen Verkehrs nicht bewirken können. Damit hatte sich ihr Interesse erschöpft und sie küßte wieder lieber Mädchen. Hatte sie ihn verraten? Nein. Sie hatten ihn geteilt. Eine nie gekannte Öffnung zu fremden Menschen und Mächten hatten eine Sperrung tief im Innern bewirkt.

Er betrat ein altes, erführchtig großes Kirchengebäude. Seine alten, angestaubten Kenntnisse der lateinischen Sprache halfen ihm Texte in Steinen und Fenstern zu verstehen. Eine fremde Luft, die er durch seine angespannten Nüstern sog. Ihm fiel zur Unzeit nun ein three beasts are at the door for you Ja. So war es. Ohne diese Worte, die sich unversehends in seinen Geist hineindrängten, zu hinterfragen, beschloß er, daß er seinen Job kündigen werde. Das würde morgen geschehen. Dann würde er sich eine Waffe besorgen. Er würde drei Adressen ausfindig machen. Das sollte ihm mal jemand beweisen, wenn plötzlich drei Personen einen roten Fleck auf der Stirn tragen und starr in das Universum blicken, bis ihnen ausgewiesene Spezialisten die Augen schließen. Für ihn wäre es Befreiung. Es wäre der Moment, in dem er den Stift nähme, einen Song schriebe und es wüßte. Er blickte lange Zeit auf das Altarkreuz. Er haßte diesen Spinner, den die Figur am Kreuz darstellte. Er haßte diese Großmäuligkeit, sich den Sohn Gottes zu nennen und im Wirthaus Welt nach der Rechnung zu fragen, eine große Lokalrunde zu schmeißen und alles zu zahlen, egal, wer was gefressen und gesoffen hatte. Das war eine Art von Arroganz, die er aggressiv verabscheute. Wenn er dieses langhaarige Arschloch noch länger anschauen müßte, würde er ihm vor die Hütte kotzen, so sehr rumorten Wutgefühle in seinem Innern. Mehr denn je wollte er Menschen töten. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Es konnten nur wenige Momente gewesen sein, in denen sein Sinn abseits stand. Er erwachte auf dem kalten Steinfußboden der Kathedrale, in der er eben noch wütende Flüche gegen Jesus gedacht hatte. Diese Dunkelheit hätte sein Tod sein können. Ja, schon in früheren, wütenden BMW-Fahrten hatte ihm eine Knochenhand auf der Schulter gelegen, doch nun spürte er eine Änderung, eine Reflexion über diesen Zustand, der sich einst einstellen würde. Diese Schwäche, nicht einmal einer Holzfigur standhalten zu können! Dann wollte er seine kleine, schmutzige Seele retten, indem er Menschen erschoß. Sich selbst nun weiter mißtrauend, floh er das kalte Gebäude. Ein paar Schritte zur linken Seite, keiner sah ihn, pinkelte er an die Mauer. Wartete auf den strafenden Blitzschlag. Nun durfte er weiterleben, aber das Glas war nun voller gefühltem Ungemach, dem er sich ausgesetzt hatte. Der Langhaarige war nun überall. Die drei Nummern lauerten ihm in allerlei fremden Gesichtern auf. Starrten ihn oft aus seinem Bier, aus seinem Schnaps entgegen. Ohne sein Zutun verlor er seinen Job, hatte er doch eh nur noch teilnahmslos vorbeigeschaut. Hatte die Lohnzahlungen nur noch leidlich bemerkt. Nun blieben sie aus, blieb die Bude kalt. Wurde der Blick des Wirts bald kalt. Sah er # 2 einmal wieder, die ihn warmherzig zu Getränken einlud. Die ihn stundenlang beherrschte, wie er es sich von Gummipuppen wünschen würde. Er besaß auch deren Emotionalität und fragte sich, ob # 2 nicht eine Schraube locker hätte. Hatte sie. Griff kurz in ihr Portemonnaie, bevor er sich verabschiedete. Zeigte ihr von der Straße aus mehrere Male voller Aggressivität den einen Finger, den keiner sehen will.

That’s it, Folks

 Solch einem Zeitgenossen gibt man doch gerne mal ein bis fünf Schnaps aus. Wenn er dann später zahlt, versteht sich. Es handelt sich mit höherer Sicherheit auch um einen Queen-Fan.

Sich leise aus dem Staub windend,

Ihr Herr Hansen.

Liebe Welt,

wenn nun meine Einleitung wieder begänne mit den Worten „einst in tiefem Traume“, dann sähe ich dich, liebe Welt, im berüchtigten Dreieck springen und dabei rufen: „Dieser Herr Hansen, das ist ein Schwätzer, ein Aufschneider, niemand träumt solchen Krempel und Kram!“ Und du, liebe Welt, wärest kaum zu beruhigen. Was impfest du mir dann solche Träume ein?

Ohne besondere Bewandtnis weggetreten.

Das Geschäft eines sogenannten Multimediariesens, vielleicht benannt nach einem Planeten irgendeines Sternensystems, welches sich eher gerierte, als sei es eine Kunstgallerie. Der Erzähler stöberte dort zwischen den Platten, ja echtes Vinyl, und sein Blick wanderte nach oben, wo sich vier neue Platten von Paul McCartney zeigten. Diese trugen folgende Titel: „1“, „9“, „8“ und „4“.

Der Erzähler griff sich zielsicher die letzte, die #4. Es war wohl auch die vierte Platte, die der Erzähler in seine Tasche steckte, um sich dann langsam auf den Weg in Richtung der Kasse zu machen. Er mußte eine kleine, vierstufige Treppe herabgehen, dann sich links halten und über die weisgefließte Weißheit der weißgetünchten Welt hergleiten, um in der Ferne kassenähnliche Apparaturen wahrzunehmen.

Doch während er gemessen dahin schritt, wurde ihm plötzlich Zweifel an seiner Entscheidung gewahr. Er hielt inne, tauchte seine Hand in die Tasche, beförderte den McCartney-Kauf heraus, und liess seinen Blick darübergleiten. Nein, das war nun doch nicht, was er sich als Neukauf vorstellen konnte. Nur eine Zusammenstellung… Nein, er drehte sich auf dem Fusse und begab sich zurück in die Vinylabteilung. Das war nun der Plan, doch nun wurde ihm die Tragweite einer Durchsage über die zahllosen Lautsprecher in diesem so weißen Gebäude gewahr. In einer tiefer gelegenen Abteilung hatte eine Veranstaltung begonnen, sämtliche Treppen hinab waren überlaufen. Massen drängten vor und zurück, und der Erzähler mußte sich irgendwie seinen Weg zum Ausgangpunkt seiner falschen Überlegung bahnen. Doch keine Chance, es war kaum auf die Treppe zu gelangen, und diese hinaufzuschreiten. Eine Bahn hinauf, eine hinunter…. der Erzähler warf sich gegen den Strom, der sich hinabbewegte und wühlte sich nach oben, gegen heftigsten Widerstand. Offene Münder gegen den Erzähler, verzerrte Blicke gegen den Erzähler, wütende Prostete gegen den Erzähler, der inzwischen über gestürzte Personen zu klettern suchte, doch es war umsonst. Kaum das sich der abwärtsziehende Strom auf den Störfaktor eingestellt hatte, wurde dieser ergriffen und der Erzähler hinab geschwemmt. Die McCartney-Platte „4“ immer noch in der Tasche.

Später abends traf der Erzähler auf den alten Vertrauten, und berichtete ihm von seinem großen Mißgeschick. Der Vertraute blickte ihm in die Augen, lud ihn zu einer Party in einem Raum ein und ließ den Erzähler abschließend noch wissen, daß er das alles doch nur geträumt haben könne.

Der Erzähler folgte dem Vertrauten, und sie gelangten zu diesem Raum, dessen weitläufige Wände mit Betten bestellt waren, welche jedoch noch sämtliche leer lagen. Der Vertraute sprach eine ihm bekannte junge Frau an, und zog sich mit dieser zurück in die Weite. Der Erzähler blickte sich um, fühlte sich mit einem Male sehr, sehr müde. Dieser Blick, der sich nach langen Meilen verlief, diese unangenehme Wandbekleidung aus glänzendem Metall in Chrom, einzelnen, schlecht versteckten Kameras und die von weit oben herabfließende Beleuchtung, das alles drückte des Erzählers Gemüt, wie auch die Erinnerung an den Besuch einer Schallplattenabteilung, der in einem heillosen Durcheinander endete. Der Erzähler konnte kein Fenster sehen, alleine die Eingangsfront hatte einen getönten, noch vermutbaren Ausblick in die Außenwelt. Der Erzähler verlor seinen Mut und wandte die Schritte ins Innere des Raumes. Die Müdigkeit, die durch seine Knochen kroch, die sich seiner bemächtigte, ließ seine Schritte auf eines der vielen Betten lenken. Kaum, daß er in Griffweite gelangt gewesen wäre, legte sich jemand dort hinein und sah ihn mit überlegenem Blick an. Der Erzähler wandte sich ab, beschämt und verwirrt, mit wackelndem Schritt in die Richtung des Nächsten. Doch auch dort änderte sich an der plötzlichen Belegung nichts, auch der Blick der Person war der identische. Der Erzähler wurde gemustert, vermessen, auf unkörperliche Art seziert. Und wortlos zum dritten Bett gesendet, um dort der gleichen Behandlung anheimzufallen. Die Müdigkeit sickerte nun stärker in die Muskeln, und Ermattung folgte. Und die Betten belegten sich. Der Erzähler wanderte, die Betten belebten sich. Er wandte sich gen Zentrum des Raumes. Er ließ die Zeit verstreichen und verharrte. Langsam schob sich der Raum um den Erzähler, bewegte diesen weiter in sein Inneres hinein. Dort war ein junger Mann, der an einer neuartigen, technischen Apparatur schraubte, welche dem Boden des Raumes überflüssiges Wasser entziehen sollte. Leute, die im Raumen umherliefen, munkelten, daß der Raum gar auf Wasser schwamm. Der Erzähler war sich darüber nicht sicher, konnte, wo man ihm zuhörte, aber ein wenig abwiegeln. Plötzlich explodierte die Apparatur, eine gewaltige Wasserfontäne stand inmitten des Raumes, der Erzähler sprang dem jungen Mann zuhilfe und dank seiner tatkräfigen Intervention, brachten die Beiden den Wasserstrom schnellstens zum erliegen und durch die nun kurzfristig geöffnete Tür strömte das Wasser wieder zur Außenwelt zurück.

Mit diesem Ereignis waren die Menschen des Raumes mit einem Mal von Freundlichkeit gegenüber dem Erzähler erfüllt.

Mit einem Mal wurde der Erzähler symphathisch am Arm gepackt, er wolle sich doch sicherlich hinlegen? Er sähe so müde aus. Zwei junge Frauen geleiteten ihn zu einem der zahllosen Betten, die zuvor in hoher Geschwindigkeit vor seinen Augen genommen wurden. Nun wurde eines für ihn bereitgestellt, auch half der junge Mann mit, daß sich der Erzähler nun wohlig hinlegen konnte. Doch was machten Teile der anderen Anwesenden, besonders diese dritte Frau, die begleitet von einem geradezu Team zu nennenden Pulk begleitet, auf das Bett zutrat, dem Erzähler auch geschäftig die Hand reichte und schüttelte. Sie stellte sich als Ärztin vor, doch war ihr Auftreten eher das einer aufstrebenden Studentin, möglicherweise sogar der Medizin. Der Erzähler ließ den Monolog der Aufstrebenden über sich ergehen, fühlte lieber die Wärme der Füsse, der Beine, das Wohlbefinden des in Ruhe liegenden, als die Aufstrebende erneut seine linke Hand griff und sie auch nicht wieder los lies, nein, sie schlug zweimal mit ihrer freien Hand auf die bläulich schimmernden Blutbahnen im Ellenbereich, blickte kurz um sich, befehlend, worauf ein Pulker hervortrat und begann eine Kanüle zu legen. Der Erzähler blickte die Aufstrebende an, sie tätschelte beruhigend seine Hand, seinen Kopf und bedeutete ihm, daß letztlich alles gut sei und er keine Angst zu haben brauche.

Der Erzähler befand sich vor einer Art futuristischer Hochhausidee eines Architekten des 16. Jahrhunderts. Es war ein Gebäude, wie es nie zu sehen sein würde. So auch die Hoffnung des Erzählers, der sich nun in seinem Inneren sicher war, daß man ihn in einen Drogenrausch bugsiert hatte. Dennoch kannte er seinen Auftrag. Er trat an ein Geländer, von wo aus er in die unter ihm liegende Stadt, die er wohl kannte, hinabblicken konnte. Sein Standort war wohl einige Hundert Höhenmeter darüberliegend, was ihm kein besonderes Wohlbefinden vermittelte, aber letztlich blieb er gleichgültig. Mit einem Hauch von Angst. Er wandte sich um zu der Hochhausidee und sah in einer Art Eingang stehend eine Frau. Er sprach sie an mit der Frage, ob sie wisse, wie man in dieses Gebäude eintreten könne, er müsse zu Raum Nummer Elf. Die Frau zog ihn mit sich. Sie hatte schwarze, leicht lockige Haare. Gemeinsam trat man vor eine Krankabine. Darin saß der Fahrstuhlführer. Eingetreten äußerte der Erzähler seinen Wunsch. Der Fahrstuhlführer gab ihm die Auskunft, daß er also bis zum obersten Stockwerk fahren müsse, denn die hohen Nummern seien unten. Die Frau verließ die Krankabine und verließ den Hügel und wandte sich zur Stadt zurück.

Die Fahrt dauerte Minute um Minute, der Erzähler verlor in diesem Szenario jedes Zeitgefühl. In dieser Höhe, denn die Stadt entfernte sich ruckend von ihnen, die Kabine war luftig, sie fuhr an der Aussenwand der Gebäudeidee entlang, immer wieder an Einstiegsdocks entlang. Diese Stellen waren die, mit den heftigsten Erschütterungen. Doch auch diese Fahrt hatte ein Ende. Angekommen in mehreren hundert Meter Höhe, konnten der Erzähler und der Fahrstuhlführer die Kabine über eine wacklige Planke verlassen und betraten relativ festen Boden. In diesem, obersten Stockwerk befanden sich zwölf Räume. Der Erzähler wandte sich gen Nummer Elf, blieb jedoch vor der Türe stehen, ohne die Klingel betätigt zu haben. Der Fahrstuhlführer hatte sich in seinen Pausenraum begeben, welcher eine Treppe tiefer lag. Der Erzähler wartete… dann begab er sich auf einen Balkon, blickte von dort auf die Stadt.

That’s it, Folks

Sollten Sie Mittel kennen, welche zu einer ruhigeren Schlafführung befähigen, seien Sie nicht scheu. Lassen Sie mich nicht alleine…

Ergebenst, Ihr Herr Hansen

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