Religion

Glaube/3

Liebe Welt, sei gewiss, daß der zweite Teil der Glaubensserie nicht vergessen wurde. Nein, er wurde von mir verfaßt, für zweifelhaft erklärt und dann entschwand er in der Archivierung. Dort mag er verweilen.

Vielmehr gehe ich nun der Frage nach, wie ein Mensch zu diesem Phänomen kommen mag, zu glauben. Es ist nicht unbekannt, daß der Glaube oft im Angesicht des Todes zur Entfaltung kommt. Daher möchte ich nun drei Beispiele konstruieren, um nachzuvollziehen, was hier geschehen mag.

Wir begegnen unserem ersten Atheisten, der gerade von seinem Arzt die Nachricht erhalten hat, daß eine unheilbare Erkrankung terminal enden wird. In absehbarer Zeit. Der zweite Atheist steigt gerade über eine Absperrung, und steht im nächsten Moment am Rande einer Autobahnbrücke. Er blickt in die Tiefe. Die dritte Testperson, der wir uns widmen, ist gerade aufgrund eines schweren Autounfalls aus seinem Fahrzeug geschleudert. Er liegt auf der nassen Fahrbahn, kann sich nicht mehr bewegen, seine Augen sind offen und in den grauen, wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Wichtige Knochen sind gebrochen, es kann nur noch Momente dauern, bis der Tod eintritt. Was mag dieser Person durch den Kopf gehen? Hier ist natürlich zu beachten, daß ein Unfall zunächst einen massiven Schock auslöst. Es ist beobachtet worden, daß in einer solchen Situation das Schmerzempfinden eines Verunfallten durch den Schrecken geschwächt, beziehungsweise gar unterbrochen wird. Ist der Beginn des Glaubens eine Sekundenentscheidung? Während der Sterbende möglicherweise noch einmal mit Stationen seines Lebens im Schnelldurchlauf konfrontiert wird? Geschieht das mit dem Sterbenden? Laut Menschen, die an diesem Punkt des Geschehens letztlich wieder zurück in ihr Leben geholt wurden, soll solches passieren. Auch wird von weißem Licht berichtet. Ich gehe davon aus, daß eine gewisse körperliche Reaktion teilnimmt, der schmerzdämmenden Wirkung eines Schocks gleich. Doch ist es letztlich eine Sache der Neurobiologen hier auf Dauer für Klarheit über die Prozesse zu sorgen, die vom Moment, in dem das Sterben beginnt, bis zum letzten Atemzug und zum Stillstand der Hirnfunktion ablaufen. Und ich bin mir sicher, daß diese Erkenntnisse noch auf sich warten lassen werden. Sie sind auch möglicherweise für die hier gestellte Frage nicht sehr wesentlich. Denn es geht um eine Wahl, die ein Mensch trifft. Dies wird er vermutlich nicht erst im Angesicht des eventuellen weissen Lichtes erledigen, es sei denn, dieses ist so strahlend, daß unter den letzten Worten „mein Gott!“ der vormalige Atheist noch auf das Ja-Feld hüpft und dahinscheidet.

Wir liegen derzeit jedoch auf kaltem Asphalt und starren in den grauen Himmel. Schmerzen empfinden wir keine mehr. Es breitet sich eine fast angenehme Wärme in den noch funktionierenden Teilen unseres Körpers aus, der immerhin gerade noch mit unermesslicher Wucht durch die Luft geschleudert wurde. Beim Aufprall, den wir gar nicht wirklich wahr nahmen, hätten Umstehende widerliche Knackgeräusche hören können. Wir nehmen nur noch vage wahr, was um uns herum geschieht. Es ist still. Beängstigend still. Keine Motorengeräusche, keine Vögel, nichts. Wir spüren keinen Luftzug. Die Sinne sind abgeschaltet. Alleine die Signale der Augen dringen noch vor in unser Hirn. Ist dieser Moment der vielleicht größtmöglichen Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann, der Zeitpunkt, in dem Gott in das Leben auch eines Atheisten eintritt, und das ohne die listige Hilfe eines Blaise Pascal? Noch finde ich keine Antwort in diesem Szenario. Daher blicken wir etwas näher hinein in diesen langen Augenblick.

Gesetzt dem Fall, daß der Sterbende tatsächlich mit Eckpunkten seines Lebens konfrontiert wird, und auch eine gewisse Klarheit und Einsicht herrscht, daß es sich nun um einen Schlußstrich handelt, daß die Summe gezogen wird, und somit auch ein möglicher Sinn im bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Handel erkannt wird, so kann ich mir vorstellen, daß ein Gefühl des Loslassen könnens einsetzt. Das ein Gefühl der Rückkehr einsetzt. Natürlich befinde ich mich im Raum der Hypothese.

Hier betrete ich in diesem angenommenen Raum auch ein Zimmer, in welchem Gott sitzen könnte. Ich schließe die Tür hinter mir. Die Akten meines Lebens habe ich in der Hand, sie sind in den Jahren angelegt worden. Ich habe darin geschrieben, andere haben daran mitgewirkt. Es ist ein Tisch in diesem Zimmer, auf welchem ich die Papiere ablege. Gegenüber des Tisches hängt ein Spiegel, in welchem ich ein Licht erblicke. Doch ist es nicht ein Licht, sondern leuchtender Staub, dessen hellende Wirkung langsam nachläßt.

In dessen werden die Akten, welche auf dem Tisch lagen, von einer Substanz aufgelöst. Das Licht im Spiegel läßt weiter nach, schon wird dahinter die Finsternis sichtbarer. Der Tisch ist leer. Der Raum ist leer. Die Materie hat sich in einen neuen Zustand gewandelt. Sie wird sich an anderen Stellen des Weltenraumes neu zusammensetzen in ihren molekularen Strukturen. Es wird eine Form von Reinkarnation möglich sein, die für den Menschen, der sich Vorstellungen darüber macht, nicht fassbar sind. Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.

So erlischt denn unser Blick, auf dem Asphalt liegend.

Liebe Welt,

du wirst nun mit dem 4. (3.) Teil meiner zerfleddernden Gedanken über das Thema Glauben/Religion im Angesichts der endlosen Weiten des Todes konfrontiert. Auch wenn die Sonne scheinen mag, lege bitte einen Mantel an.

Teil 4:

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Pathina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Nebendran, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich von Menschen im Einfluß oder dem Individuum selbst implantiert wird.

P.S. Keine Kinderbilder! Keine Kinderbilder von Diktatoren!

Glaube/5

Liebe Welt,

ein kurzer Ausflug heute, dafür trägt jedoch jedes Wort sein Gewicht. Muß mal sein, oder? Okay.

Den letzten Atheisten in der Glaubensserie wollten wir gemeinsam mimen an einem Tag, an welchem jener von seinem Arzt erfährt, daß er zum Beispiel einen nicht operablen, bösartigen Hirntumor im Endstadium habe. Doch ist dies kein wirklich faszinierendes oder beispielhaftes Szenario. Wir alle leben vor dem Tag X, an welchem uns entweder mitgeteilt wird, daß es uns bald erwischen wird oder der Tod kommt und nimmt uns mit. Insofern ist nicht unbedingt wichtig, einen solchen Umstand in die Untersuchung einzuflechten, ob der uns sicherlich erwartende Tod uns zum gläubigen Menschen macht. Im ersten Beispiel blickten wir dem Tod ins Auge im Nachgang eines schweren Unfalls. Im zweiten Beispiel ersehnten wir den Tod durch eigenes Zutun. In beiden Folgen stand der Tod wartend an den Türrahmen gelehnt. Nun sitzt er vielleicht noch irgendwo in einem Café und schaut hin und wieder auf seine Uhr, die ihm sagt, daß wir noch mehr oder weniger Zeit haben, bevor er sich zu uns aufmacht. Was machen wir mit der Zeit?

Das ist wahrhaftig die Kernfrage. Noch einmal für alle: Die Frage lautet nicht -> Was mache ich mit Gott in meinem Leben? Die Frage lautet -> Was mache ich mit der Zeit, die mir bleibt?

Hier tut ein weiterer Absatz Not, um die Importanz des gerade Geschriebenen massiv zu unterstreichen. Ich hätte es auch in Fettdruck setzen können, das spare ich mir aber in diesem Moment, da ich darüber schreibe.

Ich habe gerade zum letzten Male Gott vor die Tür geschickt. Dort bleibt er. Er kann die Religionen mitnehmen. Sie sind nicht von Belang. Warum?

Im ersten Beispieltext habe ich folgendes geschrieben, was ich auch jetzt noch als so wichtig empfinde, das ich es zitiere: „Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.“ Das bedeutet, daß – sofern es in dem uns umgebenden Kosmos ein göttliches Prinzip walten mag – dieses weder mehr noch weniger ist, als eben jener kosmische Atem, der den Anfängen innewohnt. Das heißt, wenn wir das Bild des Zimmers weiternutzen möchten, daß Gott dort nicht anwesend ist. Eine Ahnung seiner mag dort vorherrschen. Eher noch liegt auf dem dort auch imaginierten Tisch eine Notiz, die besagt, daß das göttliche Prinzip existiert. Der Mensch mag dies aufnehmen. Er mag es ignorieren. Ich tendiere eher dazu, ein solches göttliches Prinzip als möglich anzusehen, zumal ein Beweis für oder gegen diese Theorie von einem menschlichen Verstand nicht zu erbringen ist. Doch was heißt das für die Frage, die ich zuvor stellte, nach der Zeit, die bleibt?

Eine Antwort hierzu lautet: Nehmen wir alle die Bibel (beide Testamente), den Koran, die Torah, das Buch Mormon, alle Ausgaben des Wachturm und erklären diese Schriften zu Literatur. Nennen wir sie historisch oder fiktiv. Gehen wir davon aus, daß darin moralische Aspekte verhandelt werden könnten, die mehr oder weniger nützlich für uns sind.

Welchen Wert haben die Religionen, die Glaubensarten an einen Gott, der auch weitläufig mit Persönlichkeitsbild ausgestattet wird? Sie bieten dem Gläubigen einen Rückhalt, einen Orientierungspunkt, sind Wegweiser und Stabilisator. So sollte es sein, im Falle eines Glaubens, der eine gewisse Festigkeit erreicht. Wäre dem so, wäre ich als Person weiterhin ungläubig und zweifelnd, doch glücklich. Doch ist eine Natur der Religion, daß sie Symbole braucht und Richtstätten. Sie benötigt periodische Selbstvergewisserung. Darin berührt sie die Wege der Ungläubigen. Wir, die anderen, sehen die Kirchen und Moscheen. Das stört mich nicht. Gerade was architektonische Anmut anbelangt, haben gerade die Opulenz der katholischen Kirche, sowie der Islam bis in das 16. Jahrhundert Wegweisendes vollbracht. Insofern ist mein Ausblick hierzu gar positiv. Was aber ist mit den Menschen, die ausgreifen auf die Welt der Zweifler? Hier steht es anders. Und dazu werde ich den Teil Nummer Sechs verfassen, welcher sich – als Ausblick – auch weniger mit dem Christentum der Gegenwart beschäftigt, als mit einem anderen Phänomen unserer Zeit.

 

Glaube/1

Glaube? Glaube. Glaube?

Das Thema Glaube ist ein dankbares, denn hierzu kann sich jeder Mensch äußern, denn ob pro oder contra eingestellt, eine Meinung dazu kann jeder entwickeln.

Doch das ist weniger das Thema, der Gedanken, die ich mir darüber mache. Ich frage mich, was Glaube bedeutet? Welche Auswirkungen kann er haben? Welche Basis hat der Glaube? Und ein letztes wichtiges Feld ist die Frage, ob Glaube ein theoretisches Ideengebäude bewohnen muß? In diesem Satz kann das Wort „theoretisch“ auch gerne gegen „theologisch“ ausgetauscht werden, denn die Frage läßt sich auch genau so stellen.

Eines persönliche vorweg: Ich glaube. Ich glaube an die Möglichkeit eines inneren Sicherheitsbedürfnisses. Doch gleichermaßen zweifle ich daran, sowie ich an allen religiösen Glaubensbekenntnissen zweifele. Und dennoch stelle ich mir die Frage, aus welchen Beweggründen ein Mensch glauben kann. Ich stamme aus einem katholischen Elternhaus und habe ein entsprechendes Gymnasium besucht, bin dementsprechend früh und lange mit Glaubensinhalten, wie auch Kirchenbesuchen in Berührung gekommen. Doch in dem Moment, wo ein persönlicher Glaube hätte flügge werden sollen, kam alleine der Zweifel. Die Einsicht, in die persönliche Unfähigkeit zu glauben. Warum? Oder – unter dem Aspekt, das die Fähigkeit zu Glauben ein evolutionärer Teil des Menschseins ist – ist meine Art zu Glauben vielleicht nur von religiösen Inhalten zu anderen Gesichtspunkten des Lebens weitergewandert? Ist der Zweifel eine Form des Glaubens? Wie dem auch sei, stelle ich mir nun als erstes die Frage: Woran kann ein Mensch glauben?

Dazu bewege ich mich zunächst weg von den handelsüblichen Glaubenshäusern. Und hinein in ein Fußballstadion, in welchem zwei verschiedene Glaubensrichtungen aufeinandertreffen und sich miteinander messen, begleitet von abertausenden Anhängern ihrer jeweiligen Religion. Hier werden sich bei der Betrachtung einige Erkenntnisse offenbaren. Fangen wir an:

1. In dem Moment, wo wir die Formate „Glaube“ und „Fußballstadion“ in einen gemeinsamen Kontext packen, werden Menschen aufschreien und mich, den Schreiber und Betrachter, zeihen, ungehörige Vergleiche anzustellen. Die Worte „Ersatzreligion“ und „Götzendienst“ werden vermutlich fallen. Hier stellt sich mir dann die Frage: Was macht eine Religion zu einer nicht-götzenanbetenden, wertbeständigen, ausgereiften Heilslehre? Was fehlt dem handelsüblichen Fußballverein, um diesen Status zu erreichen? Ist es der jenseitige Aspekt? Ist es das zuvor schon in den Raum gestellte theologische Grundgerüst? Ja, ist es vielleicht der Punkt, der die Theologie zu dem macht, was sie ist: Gott? Wenn es um diese Facetten geht, können gewiefte Clubs sicherlich viele Punkte als erfüllt ansehen, denn massive Anbetung des Vereins, seiner Historie, Erhebung einzelner Menschen zu Fußballgöttern, Benennung des Stadions als Tempel ist in so manchem Fall bereits gegeben. Dabei möchte ich die Abschweifung zu diesem Ballsport nur als ein Beispiel ansehen, in welchem ein religionsartiges Wesen inzwischen tief verwurzelt ist. Und von daher wäre eine Bezeichnung als „Ersatzreligion“ von vielen Anhängern dieser beispielhaften Sportart oder daran teilnehmender Vereine als pure Blasphemie angesehen. Womit wir zu Punkt 2 kämen:

2. Der meist männliche Anhänger einer Glaubensrichtung, sei es eine theologisch fundierte Bewegung, oder eine Ballsportart, neigt im öffentlichen Raum zu einer hemdsärmeligen Zur-Schau-Stellung seiner Ansichten, seines Glaubens. Dies zeigt sich entweder in aggressiver Behandlung Andersdenkender, bzw. -gläubiger oder in bestens dokumentiertem Martyrium. Wem hierbei zufällig die Namen de Sade und Sacher-Masoch in den Sinn kommen, der wird sicherlich auch noch Siegmund Freud mitdenken. Und ich möchte auch jetzt schnell von diesem Steckenpferd absteigen und mich unter Tränen schmunzelnd abwenden. Doch gebe ich Lesern, die möglicherweise gerne beklagen, welche Mengen an wertvollen Steuergeldern verschwendet werden, wenn Ballsportveranstaltungen unter massivem polizeilichen Aufgebot abgehalten werden, einen Gedanken mit auf den Weg: Stellen Sie sich vor, der große Religionskrieg auf heutigem deutschen Boden, jener dreißigjährige Irrsinn zwischen 1618 und 1648 wäre nicht das große Morden, Schlachten, Plündern gewesen, das es leider war, eine Entvölkerung sondergleichen, sondern einfach eine Ansammlung von schönen, gut besuchten Massenschlägereien von Ultras der beiden damals führenden Fußballclubs FC Papsttum Rom und SpVgg Lutherstadt Wittenberg. Nicht Leichen, sondern nur gebrochene Knochen und blaue Augen. Als Zutat vielleicht einmal ein kleiner Fenstersturz. Wie freundlich kann das Hooligantum sein! Der Satz „Immer feste glauben“ bekommt einen ganz neuen, euphorisiernden Klang. Und nebenher können auch Frauen mit Wucht beten! Doch verzichten diese meist auf die einhergehende Dramatik. Siehe die showtreppenhaften Abgänge der Herren Sankti Sebastian und Laurentius. Schlagen Sie das ruhig nach!

3. In Punkt Drei möchte ich noch einmal auf die Grundfrage, die hier schon mitgeklungen hat, zurückkehren: Was macht eine kirchensteuereinnahmefähige Religion aus? Was unterscheidet sie von dem gerade einmal jährlich mitgliedbeitragsheischenden Ballsportverein? Nun, Sie sehen, es schreibt kein Gläubiger, sondern ein Zweifler. Ich sehe keinen Unterschied. Doch vermute ich, daß Kirchgängern das Wort „Hoffnung“ durch den Kopf gehen könnte. Doch das ist nur eine Vermutung. Ginge mir „Hoffnung“ durch den Kopf? Nein. Warum? Ich nenne eine wichtige Grundlage jedes Glaubens, ob an den Kirchensteuernehmer oder den Ballspielverein: Diejenigen, die glauben, sind Menschen. Und was ist der Mensch? Ein perfektes Lebewesen? Mit der Fähigkeit, kosmische Umstände verstandesmäßig konkret und umfänglich zu erfassen?

Was bewegt Menschen dazu, Religionen, die auf einen Glauben der Anderen aufbauen, zu gründen? Ich stelle die Frage um: Was bewegt Menschen dazu, Musikgruppen, die auf Tonträgerkäufe der Anderen aufbaut, zu gründen? Steht in Falle Zwei möglicherweise die Selbstdarstellung, Selbstverwirklichung, die Verwirklichung eines Traumes im Vordergrund, so scheint mir dies in Fall Eins zunächst zu versagen. Oder etwa nicht? Religion bedeutet, neben der Schaffung eines theokratischen Konstrukts, immer auch die Abgrenzung von den Anderen. Gründe ich eine Musikgruppe, die Punkrock spielt, grenze ich mich von den Naziskins ab. Und von vielen anderen auch. Und so stehen auch neue Religionen erst einmal an einem Punkt, wo ihre Gründer sagen: Okay, die frühen The Who und die Stooges waren schon ganz gut, aber ansonsten ist alles total scheiße, was vor uns war. Jetzt kommen wir, die Punkgötter namens Sex Pistols und schmeissen erst einmal alles um. Und schon werden zum Beispiel Zeitrechnungen neu konzipiert. Und wer will es da den Pharisäern und Hohepriestern, die im Neuen Testament so maulig und nölend dargestellt werden, verdenken, daß sie sich anhören, als sagten sie: „Mein lieber Jeshua, solange Du Deine Füsse unter unseren Landes- und Glaubenstisch stellst…!“ Wozu haben die Religionsgründer und/oder -propheten denn etwas Neues ins Leben zu rufen, als daß ihnen das Althergebrachte nicht so behagte, wie sie es sich wünschten? Womit wir doch wieder bei Selbstverwirklichung, bzw. der Verwirklichung eines Traumes, eines Bedürfnisses ankommen. Natürlich kann jeder gläubige Christ nun entgegnen, daß es nicht der junge Jeshua war, der hier ein persönliches Bedürfnis umsetzte, sondern es sich um den schon lange gehegten und von Propheten vorhergesagten Plan des Gottvaters handelte. Ja? Und unbefleckte Empfängnis gehört noch mit dazu?

Ich weiß nicht, was Immanuel Kant über diese Partien des sogenannten neuen Testamentes dachte. Doch ist er einer jener Menschen gewesen, die ein erwachsenes Glauben an diese Geschehnisse eigentlich unmöglich macht. Wie lautet die Zahl der Menschen, die heute noch an die Weltesche Yggdrasil glaubt? Weltweit? Eher einstellig, oder? Jungfräuliche Empfängnis? Ich ahne, daß vermutlich viele Frauen in den letzten zweitausend Jahren durchaus versucht haben mögen, gewisse Umstände mit diesem Argument zu erklären. Es bestünde damit die Möglichkeit in einer Unzahl von Religionsgemeinschaften zu ertrinken. Und doch sehe ich im Weltenbaum der alten Nordmänner und -frauen eher eine heute noch ansprechende Basis einer Theologie, denn die genannte Esche kann als Symbol verstanden werden, welches das Menschengeschlecht mit der umgebenden Natur vereint, ohne das mir alte Wikinger oder Neuheiden mit Äxten drohen. Die christlichen Kirchen hingegen tun sich sehr schwer damit, groben Unfug und Märchentum als Symbol, als Bildnis zu verkaufen. Und dazu gehört die Zeugung Jeshuas als Akt eines Erzengels ohne sexuellen Hintergrund. Ganz Walhalla erzittert durch das Lachen der Kämpen und Walküren.

Papst Gsehng

Liebe Welt,

da nun der Besuch des Herrn Ratzinger in seiner alten Heimat Deutschland bevorsteht, eile ich in die bekannte Teichwelt, um dort Informationen über die Zukunftsfähigkeit des allgemeinen Religionismus zu erhalten. Man diskutierte dort …

Die Gottesfrage

Ping kam seines Weges und sah Peng, den Freund, nachdenklich im Schatten eines Baumes verweilen. Dieser sah den Wandernden, blickte ihn lange an. Dann sprach er:
„Ping, es gibt keinen Gott. Es ist in sich völlig unmöglich, daß es eine solche Existenz gibt. Die Religionen können immer nur einen Glauben an eine Gottesexistenz anbieten, da es keine handfesten Beweise gibt. Auch sind sie immer ortsgebundene Phänomene gewesen in den Zeiten vor der Motorisierung des Meinungs- und Glaubenswesens. Gäbe es einen Gott, hätten sich zuvor bereits völlig identische Religionen entwickelt. Und da es dies nie gab, vermeinten etliche Völker eine besondere religiöse Wahrheit zu besitzen, die sie mit Feuer und Schwert unter den Fremden zu verbreiten suchten. Fakten sind kein Glaube. Und der Glaube ist keine Logik. Der Glaube entsteht nur alleine aus sich selbst. Doch was ist denn das – Glaube?“
Ping zuckte die Schultern und wollte sich von dannen heben, da ihm dieses Thema nicht behagte, denn er fürchtete sich vor dem Tod. Und Ping sah den Tod als die Existenzberechtigung aller Religionen. Peng schnitt den Argumentationsversuch des Freundes jedoch wirsch ab.
„Mit dem Tod endet doch jeder Glaube, Ping! Der Tod ist auch in jeder ausgeübten Religion das, was man dem Feind des eigenen Glaubensbildes bringt! Dann lodern die Scheiterhaufen, werden die Ungläubigen aufgespießt und gemartert.“
Das wollte Ping so nicht hinnehmen und brachte das Thema auf die christlichen Märtyrer.
„Jaja, der alte Trick. Narre den Feind, indem Du Dich in die warmen Arme des tröstenden Todes wirfst, auch wenn es ein Löwenmaul ist. Was hatten diese Kreaturen denn zu verlieren? Die Feinde des Martyriums handeln aus Angst vor dem Todesbereiten. Doch aus welchen Gründen handelt der Märtyrer selbst? Er glaubt. Soweit gut, doch welche Erfahrung würde er uns berichten, wenn wir ihn einige Minuten nach seinem Tod befragen könnten?“
Ping war entsetzt und schalt Peng einen bösen Zyniker.
„Wieso ein Zyniker? Ich unterscheide nur zwischen der Hoffnung, die den Märtyrer treibt, die jedoch aus den unbewiesenen Handlungen eines anderen Subjekts oder Gottes gespeist werden und dem, was der arme, kommende Heilige letztlich wirklich für seine Opferbereitschaft erhält und das ist die ewige Dunkelheit. Der einzige zählbare Nutzen ist für die Religions- oder Interessengemeinschaft, welcher der Märtyrer angehört, vorbehalten. Diese erntet und kann dafür posthume Lorbeeren verteilen. Weißt Du, Ping, diese Herrschaften sind die wahren Zyniker!“
Ping, der den Tränen nahe wahr, warf sich mit Kraft gegen diese Dinge, die er wirklich nicht hören wollte und rief Peng an, ihm doch dann zu sagen, woran der Frosch denn noch glauben könne, wenn doch alles nur Lug und Trug und Verkauf von Idealen sei.
„Weshalb, o Ping, willst Du denn glauben? Laß doch diese Energieverschwendung sein und freue Dich an den schönen Dingen, die Du siehst, hörst, riechst. Die Welt und der Weltraum sind groß, viel zu groß, als das wir kleinen Frösche sie letztlich erfahren können. Und wie groß müßte ein Gotteswesen, das Weltall so zu beherrschen, zu bewegen, wie es ihm von allen Religionen nachgesagt wird., sein? Und wieso sollte sich dieses Wesen für uns Frösche interessieren, gar uns gnädig gesinnt sein? Wir sollten uns freuen, daß dieser Gott nicht ständig mit seinen Stiefeln auf unseren Köpfen herumtrampelt.“
Ping hörte dies, setzte sich nun verzweifelt auf eine Baumwurzel und sah James, den Bären, nahen.
„James, komm und hilf!“
Der Bär beschleunigte seinen Schritt und, als er näher kommend Pings Jammermiene und Pengs unbeteiligte Überlegenheit sah, da strafte er Peng mit einem bösen Blick.
„Was stellst Du wieder für üble Thesen auf, Peng?“
Ping griff des Bären Arm und erzählte ihm von Pengs Theorien, die ihm den grünen Kopf durchschüttelten.
„James, er sagt, es gäbe keinen Gott, die Religionen seien nur Lüge und wir sollten nichts glauben, denn das sei verlorene Kraft.“
James sah Peng einen Moment lang an, dann hieb er ihm die Tatze in das freche Gesicht.
„Hast Du gespürt, wie Dir Gott ein Zeichen gegeben hat? Oder nenn es ruhig Schicksal.“
Peng schwieg nun trotzig, während die beiden Anderen feixten und sich des Weges trollten.

That’s it, Folks. Soweit, so gut. Doch auch die nächsten Logbucheintragungen in dieser Station werden sich der Unterwanderung religiöser Gefühle nicht verweigern.

Bei Gordon!
Ihr Herr Hansen

Die Welt nach Nietzsche

Liebe Welt,

die Zeit verging in den vergangenen Wochen, wie sie es bereits von jeher tat: Pro Minute verstrich eine Minute Zeit. Und dennoch blieben Fragen offen, die ich eigentlich bereits als beantwortet angesehen haben wollte. Da dem nicht so war, werfe ich nun die folgenden Worte Dir, liebe Welt, entgegen. Die großspurige Überschrift, mit der Erwähnung eines lange verblichenen Denkers, war alleine Pose, beziehungsweise Promotion, Blickfang.

Die Gottesfrage – die nächste Stufe

Peng verließ den Froschkönig mit einer gewissen Zufriedenheit. Er hatte sein Anliegen über das Fehlen einer wahren, göttlichen Existenz vortragen dürfen, hatte alle ihm in den Sinn gekommenen Beweise genannt. Hatten ihn die Freunde Ping und James noch in ihrer Schroffheit enttäuscht, so hatte der Froschkönig nicht nur interessiert gewirkt, sondern letztlich sogar überzeugt. Er hatte genickt und Peng freundlich entlassen.

Einige Tage später konnte Peng seine Freunde tuscheln hören, daß der Froschkönig eine extrem wichtige Bekanntmachung vorbereite. Als sie seine Aufmerksamkeit bemerkten, blickten sie verschämt in eine andere Richtung. Und es kam so, wie es von Ping und James unter der Hand besprochen wurde, daß der Froschkönig bekannt gab, daß ab diesem Tag der Rede kein Gott mehr existiere und alle Religion abgeschafft sei. Ping und James sahen Peng seines Weges kommen. Sie packten ihn an den Armen und stellten ihn zur Rede.
„War das Verbot von Gott Deine Idee, Peng?“
Peng schaute verdutzt, da Ping und James ihn seit jenem Gespräch kaum beachtet hatten und ihm gar aus dem Wege zu gehen schienen. Er nickte kurz, dann erzählte er von seinem Besuch beim Froschkönig, wobei er von seinen Gedanken zur Gottesfrage berichtet hatte. James der Bär schien aufbrausen zu wollen, dann jedoch sank er ratlos in sich zusammen.
„Was soll ich Dich denn jetzt schlagen? Für wen soll ich das tun?“
Die Beiden liessen Peng nun los, der sich die Arme rieb und zweifelnd wirkte. Er wußte nicht, wie er sich den alten Freunden gegenüber verhalten sollte. Sie wirkten wie Fremde auf ihn, da sie ihren Glauben an etwas Irrationales zwischen ihn und sich stellten. Ihm war doch völlig klar, daß es diese Gottesgestalt nicht geben konnte. Hatten seine Argumente nicht ausgereicht, oder hatten die Freunde ihren Verstand ausgeschaltet gegenüber dem, was er zu dieser Frage zu sagen hatte? Ping stieß James an:
„Du kannst ihn doch einfach schlagen! Vor wem willst du dich denn verantworten? Der Froschkönig hat Dir doch nichts zu sagen.“
James nickte und so bekam Peng ein zweites Mal die Tatze des Bären zu spüren und fand sich im Gras liegend wieder. Sie wollten ihn einfach nicht verstehen, und lehnten nicht nur seine Argumente, sondern auch seine Person ab. Peng war tief enttäuscht. Traurig blickte er denn Ping und James nach, die sich entfernten.

Ping war ebenfalls von Trauer erfüllt.
„Wie kommt er bloß auf solche Gedanken? Warum meint er denn, daß er alles einfach so erklären kann? Er sagt doch, daß das Weltall zu groß sei, als daß ein kleiner Frosch es so erklären könnte! Also! Warum will er dann Gott spielen, der doch gar nicht existiert?“
„Peng versteht nur einen Teil des Ganzen, kleiner Ping. Er versteht nicht, daß sich Gott nicht an jedem Tag an jedem Ort an- und abmelden muß, um allen Kleingeistern zu beweisen, daß es ihn gibt. Aber nun ist er ja vom Froschkönig als verboten erklärt. Das bedeutet, wenn Peng und der König recht haben, daß wir nun alleine sind im weiten All. Das wird eine traurige Zeit. Wir leben dann ohne die Hölle, was ja gut ist, aber auch ohne den Himmel, auf den ich mich doch so gefreut hatte, weil ich dort meine Eltern wiederfinden wollte. Nun ist das alles vorbei, alle Hoffnung dahin.“
James setzte sich und begann zu weinen. Ping versuchte ihn zu trösten, doch auch ihm war sehr schwer ums Herz, denn er fühlte einen immensen Verlust.

Peng hatte gehofft, durch seinen Vorstoß die Frösche zu einer Diskussion anzuregen, um den Weg zu einer neuen Blickweise zu öffnen, und, an seiner Meinung nach berechtigten Stellen, Zweifel zu säen. Daher hatte es ihn zum Froschkönig gezogen, der jedoch keine halben Sachen tat, sondern direkt allen Glauben begrub. Die Befreiung, die Peng wollte, war nun einer neuen Geißelung gewichen, denn wo zuvor ein religiöses Gefühl in den Fröschen weilte, war nun ein staatlich verordnetes Vakuum. In Pengs Vorstellung sollten die Frösche nicht blind für ihre Realität umherirren, in dem Glauben, daß es eine reine, selige Fortsetzung nach dem Tode gäbe. Peng hielt dies für eine Irreführung, die seine Kameraden zu willfährigen Opfern machte. Er sah die Religionen als nicht Besseres, als eine irdische Ideengemeinschaft, die nur nach diesseitiger Macht strebte. Gedankenlose Gläubige waren hierfür eine willkommene Herde, die man für sämtliche Zwecke mißbrauchen könne. Nun hatte Peng jedoch versucht diesen Schwindel zu beenden und der Wind hatte sich gedreht. Leider genau in die entgegengesetzte Richtung. Nun zog der Froschkönig tatsächlich an allen Fäden. Er war nun nicht mehr nur der Herr über den Leib, sondern auch über die Seele geworden. Peng fühlte sich sehr schlecht. Doch nicht schuldig. Er sah den Kosmos weiterhin als groß und unerklärlich an, doch sah er darin keinen Gott als Urheber. Höchstens einen kleinen Unfall mit unermäßlichen Ausmaßen auf physikalischer Ebene. Wer den Unfall verursacht hatte, wußte Peng jedoch nicht. So weit es ging, runzelte er seine Stirn.

Der Froschkönig war auch am zweiten Tag nach der Bekanntgabe des Gottesverbots noch überglücklich. Dies war ein Streich, der überraus gelungen war. Dieser kleine, träumerische Denker hatte ihm das größte Geschenk gemacht, das er bislang erhalten hatte. Er selbst hatte in diesem Gott nie etwas von Substanz gespürt, doch hatten ihn die Gottesfrösche immer verärgert. Allein durch ihre Anwesenheit hatten sie seine Tage verdorben, hatten sie doch seine Allmacht in Zweifel gezogen und ihm vorgehalten, nur ein Frosch zu sein. Er sah sich als größer, immerhin war er der Froschkönig und das alleine. Nun hatte er sie mit einem Handschlag entmachtet, ihnen die Berechtigung des Großen Wortes unter den Füssen entzogen. Es war ein wunderbares Gefühl, es sollte nimmer enden, wenn denn sein Wille geschehe. Er trat vor auf seinem Königshügel und ließ seinen Blick über ein ruhiges Land streifen.

Ein Gottesfrosch hatte Peng in einen Hinterhalt gelockt und festgesetzt. Er sah den traurigen und zweifelnden Frosch mit grimmigen Blicke an. Dann unterbreitete er die Anklage, daß er, Peng, Schuld daran trüge, daß der Froschkönig ihren Gott, den Glauben und die Religion verboten habe. Dadurch sei nun jede Hoffnung für die verzweifelten unter ihresgleichen unterdrückt. Der Gottesfrosch war von großem Zorn bewegt. Peng schwieg zu den Anschuldigungen, denn er sah keine Gelegenheit an dieser Stelle ein verständiges Ohr zu finden. Auch er fühlte sich verzweifelt, unterdrückt und sehr hoffnungslos. Doch sah er weder den Froschkönig, noch die Illusion einer Gottesexistenz als den Verursacher, sondern einen entmachteten und daher frustrierten Frosch. Diesen Gedanken behielt er für sich, denn ihm war bewußt, daß er den Gottesfrosch nicht reizen solle. Doch wußte er auch keine Worte der Beruhigung für diesen. So ließ er jenen zetern, dann schreien und später wüten. Immer wieder mußte Peng auch Schläge auf den Kopf hinnehmen. Als der Gottesfrosch sich beruhigte, wurde Peng auch eine Möglichkeit bewußt, sich mit einer List aus dieser schrecklichen Lage zu entwinden. Er versprach dem Gottesfrosch, daß er erneut das Gespräch mit dem Froschkönig suchen würde und diesen bitte, seine Anweisungen zu lockern und eine Freiheit der Religionsausübung zu gewähren. Dies stimmte den Gottesfrosch nicht froh, doch erkannte dieser, daß die Zeit noch kein größeres Ziel zuliesse. Er ließ Peng gehen, nicht ohne ihn jedoch scharf zu warnen, daß es auch keine Zeit der Tücke gäbe. Er habe ein wachsames Auge auf Peng.

Die erste Woche ohne Gott neigte sich ihrem Ende zu. Ping und James verbrachten die meiste Zeit zusammen und versuchten die Trauer über den Verlust des Paradieses aufrecht zu erhalten. Doch fehlte ihnen inzwischen am meisten der verlorene Freund, Peng. Sie hatten ihn nun seit jener fruchtlosen Diskussion nicht mehr gesehen, wähnten ihn jedoch in der Nähe des Froschkönigs, dessen Berater er ja nun sein mußte. Dem war aber nicht so.

Peng hatte Wort gehalten und den Froschkönig aufgesucht. Er hatte diesen gebeten eine gewisse Erleichterung für die Gläubigen zu erlauben, denn es herrsche nun viel Verzweiflung unter den Fröschen. Der König verneinte sich dem Antrag. Weshalb denn nun Verweiflung herrsche? Wo doch die Frösche nur an das Nichts glaubten, so hätte er, Peng, es doch bewiesen! Solle er doch die Frösche lehren gehen, was dieses Königsgebot bedeute, was der Hintergrund sei, welche Chancen nun für die klugen Frösche bestünden! Wenn der König selbst nun einen Schritt zurück mache, würde er wieder von seiner neuen Machtfülle abgeben, würde er die Trennung von Leib des Untergebenen und dessen Seele auf immer zustimmen. Er könne auch seinem Volk dieses nicht zumuten, daß sie zwei Herren dienten. Er habe auch diesen Gott nie gesehen, habe immer nur den Druck durch die aufsässigen Gottesfrösche verspürt und sei nun auch froh, daß diese sich nun in einer neuen Demut vor ihm zeigten. Mit Pengs Hilfe habe er der Froschheit ein neues Kapitel ihrer Geschichte aufschlagen können. Peng solle doch nun ein wenig Freude darüber zeigen. Nein, dieser wirkte zerknirscht, doch gewann er schnell wieder die Fassung und erkannte, daß er hier nichts gewinnen könne. Der Froschkönig war von seiner Meinung durchdrungen und würde nie davon abrücken. Auch war es Peng gleichgültig, womit sich die Gläubigen, wie auch die Gottlosen die Zeit vertrieben, wenn ihre Gedanken von Angst und Hoffnungslosigkeit geplagt wurden. Er wußte nur, was ihn selbst bewegte. Er verabschiedete sich vom Froschkönig und dankte diesem für seine Aufmerksamkeit. Dann machte er sich auf schnellstem Wege auf zu seinen Freunden, die er so sehr vermißte.

Ping und Peng und James, der Bär fielen sich in die Arme und feierten mit oder ohne Gott bis weit in den nächsten Morgen.

That’s it, Folks. Dankt nicht mir, sondern der Lust, die Euch zum lesen verführte. Und… hütet Euch nicht nur vor den Gottesfröschen. Auch andere planen gekonnte Hinterhalte.

Mit ergebenster Paranoia,
Ihr Herr Hansen

Sieben Tage Käse

Liebe Welt,

soso, du hast also John Niven zum „heißesten Scheiß“ hochgejubelt? Das ist natürlich nicht wirklich fair gegenüber den Schweigsamen, die ihre Haufen dort hinschickten, wo diese seit Äonen willkommen sind. Nichtsdestotrotz habe ich meine Hand ganz tief hineingleiten gelassen, und was fand ich dort? Die Wahrheit, natürlich, was sonst? Hier lege ich sie dar: Vorzeitiges P.S.: Nicht, daß es irgendetwas von Substanz sagen würde, geschweige denn witzig sei. Nein. Aber das Ego drängt, dieses Jahrzehnte vor sich hin gereifte Stück Käse aus dem Haus zu schmeißen. Für dich, Welt. Nur für dich!

Gott und der siebte Tag

Es ist schon gewissermaßen ein Hohn, daß zeitweilig Leute daherkommen, und nicht einfach nur sinnlose Bücher schreiben. Nein, diese Bücher sind auch noch von unerträglicher Mittelmäßigkeit, stecken voller Halbwahrheiten und schlagen dir ihren vor Seichtigkeit triefenden Stil um die Ohren.

Dies ist eine Geschichte, auf die diese Vorwürfe genauestens zutreffen. Und doch muß ich gleich hier anführen, daß es wiederum Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden müssen, auch wenn sie noch so furchtbar sind. Denn all dies, das ich jetzt hier bekunde, ist wahr, und wurde mir in einer Vision dargestellt.

Das, was ich sah, war die Antwort auf die Frage, was Gott am siebten Tag der Schöpfung unternommen hatte. Hierüber hat sich der offizielle Ratgeber in Sachen Gott, die Bibel, bislang sehr diskret herumgedrückt. Man liest, daß er nach einer harten 40-Stunden-Woche erst einmal ruhte. Dabei ist die Bibel ansonsten ja oft bis zum Erbrechen detailbewußt, und alles wird beschworen, die absolute, reine und unverfälschte Wahrheit zu sein. Natürlich steht daher auch viel Mumpitz in diesem Werk.

Man konnte sich also bislang über Gottes Ruhetag frei seine eigenen Gedanken machen, und man konnte sich vorstellen, daß Gott tatsächlich einen echten Ruhetag einlegte, seinen Engeln sagte, sie sollten sich zum Teufel scheren und Ihn ruhen lassen. Man hörte Ihn sagen:

„Ich habe schwer gearbeitet, ich brauche meinen Schlaf, um wieder zu Kräften zu kommen, denn es liegt noch eine kleine Ewigkeit vor mir.“

Nun hätte man Ihm erwidern können:

„Hey, warum hast Du nicht einfach ein paar Kräfte gespart, und auf Amerika verzichtet?“

Gott hätte diese Bemerkung mit einer eindeutigen Geste abgetan, und uns kundgetan:

„Auf Amerika verzichtet? Nein, denn aus diesem Land wird dereinst ein Mann kommen, dem ich nicht würdig bin, auf seine blauen Wildlederschuhe zu treten, man wird ihn den König nennen, und er wird mit seinen Hüften wackeln.“

So weit, so gut, man wird dies verstehen und hinnehmen, und auf die Frage, warum er nicht wenigstens dann auf Richard Nixon und Walker Bush verzichten konnte, wird Gott sich auf sein Bett zurückziehen, und uns mit Nichtbeachtung strafen. Nein, am Ruhetag gibt es keine Erörterung von Detailfragen.

Doch so war es nicht.

Ich selber hatte bis zu diesem Tag ein sanftes und wohlgelenktes Leben geführt. Ich tat meine Arbeit, um mein täglich Brot zu verdienen, war ein pflichtbewußter Bürger, wählte immer die Regierung, denn diese Leute kümmerten sich so rührend um mich und meine Mitmenschen. Nie hatte ich Kritik geübt, und jeden Sonntag ging ich zur Kirche, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Doch alles änderte sich an diesem Tag. Ich saß auf meiner weichen Couch und hatte die Heizung in Gang gesetzt, denn neben den üblichen Steuererhöhungen stand auch der Herbst vor der Tür. Ich fühlte mich äußerst behaglich, trank eine Tasse entkoffeinierten Kaffees, rauchte ultraleichte Zigaretten und hierzu sah ich fern. Wundersame unterhaltende Gameshows, mit allwissenden Moderatoren und ultraleichten Kandidaten. Ich war zu diesem Zeitpunkt mit meinem Leben und der großen, weiten Welt in Einklang. Ich sah das alles gut war und vermutete einen alten, weisen und höchst bärtigen Gott über uns, der alles im Griff hatte.

Da hörte ich ein Geräusch in meiner Diele, ein Stolpern und Husten. Ich ging zur Tür, öffnete und sah ein Fabelwesen, einen Engel, der nach oben blickte und fragte, ob er schon auf Sendung sei. Unwillkürlich warf auch ich einen Blick in die Höhe und sah eine Decke. Da hatte mich mein Gast auch schon bemerkt. Er trat auf mich zu, streckte die Hand aus, und sagte:

„Hallo, ich bin der Engel des Herrn.“

„…?“

Er bemerkte meine überwältigende Unsicherheit, legte mir die Hand auf die Schulter, schien nach den richtigen Worten zu suchen, dann sprach er erneut:

„Äh-„, räusper, „fürchte Dich nicht. Gott ist mit Dir.“

Da wich ich zurück, blickte diese Gestalt fragend an, und versuchte noch einen klaren Gedanken zu fassen…

Eine minimale Ewigkeit später hatte mich mein Gast auf meine weiche Couch zurückverfrachtet, sich eine Tasse entkoffeinierten Kaffees besorgt, und sein Päckchen Gitanes ohne Filter hervorgezaubert. Er schreckte nicht davor zurück, mir diese Nikotin- und Teergranate anzubieten, doch ich lehnte brüsk ab. Ich hatte mich inzwischen wieder etwas gefangen. Ich betrachtete diesen rauchenden Engel des Herrn lange. Er blies mir den Rauch direkt in die Augen:

„Was soll das?“, fragte ich.

„Ich bin der Engel des Herrn, Du sollst Dich nicht fürchten, und alles andere überlaß mir!“

Er lehnte sich zurück. Das ging natürlich nur so weit, wie es seine Flügel zuließen, aber er schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er blies nun den Rauch zur Decke. Ich sah, wie die erste Asche zu Boden fiel. Zorn machte sich in meiner Brust breit.

„Ich fürchte mich nicht, jedenfalls nicht vor so einem wie Dir, Du fürchterlicher Hippie!“, schrie ich ihn an.

Das schien ihn doch tatsächlich zu beeindrucken. Ich ließ nicht locker, und legte schnell nach:

„Was wird hier gespielt? Was tust Du hier? Und was hab ich damit zu tun?“

„Man hat Dich ausgewählt. Du sollst die Wahrheit erfahren, die reine, absolute und unverfälschte Wahrheit. Du bist ausgewählt, zu erfahren, was Dein und auch mein Herr und Gott am siebten Tag der Schöpfung tat.“

„….?“

Jetzt war die Chance einen klaren Gedanken zu fassen entgültig vertan.

Der Engel fingerte ein Gerät aus seinem Umhang, es wirkte wie eine Mischung aus Fernbedienung und Funkgerät, fuchtelte damit in der Gegend umher, und plötzlich kam es mir vor, als würde ich ohnmächtig.

Ich sah ein gewaltiges Schlafgemach. Ein Bett, welches am anderen Ende des Raumes stand, ansonsten waren die Ausmaße nur einfach gigantisch, doch die Ausstattung spartanisch.

Dann sah ich, wie sich der Herr erhob. Er sah nicht so aus, wie man Ihn sich ansonsten vorstellte. Kein Bart, und überhaupt wirkte der Herr sehr jung. Dies war natürlich kein Wunder, denn alles stand am Anfang, alles war noch jungfräulich, so wie der Herr selbst.

Er also saß nun aufrecht in seinem Bette, und dies war ein wahrhaftes Himmelbett. Ja, ich staunte. Doch dann erhob Er seine Rechte, und rieb sich die Brust inclusive der Behaarung dieser, wobei er herzhaft gähnte. Nach dieser kurzen Selbstmassage durchquerte seine Stimme den Raum:

„Ich, der Herr, wünsche Kaffee, aber etwas plötzlich.“

Nun erschienen elf Damen, die eilig um Ihn herum liefen. Diese Damen besaßen keine Flügel, ein Faktum, das mich etwas beunruhigte. Dies schien mein Platznachbar, der Raucher-Engel, bemerkt zu haben, denn er unterbrach sofort die Aufzeichnung, legte seine nikotinbraune Hand auf mein Knie, ließ sie dort nicht von meiner eigenen Hand wegscheuchen, sah mir tief in die Augen, und sprach:

„Höre. Wenn Du irgendein Problem hast, mit den Dingen, die Du hier sehen wirst, dann wende Dich vertrauensvoll an mich. Ich werde Dir alles erklären.“

Er blickte mir immer noch so tief in die Augen, daß ich mich unwillkürlich abwandte, und ins Leere gaffte. Er hingegen rückte immer näher, und flüsterte mir ins Ohr:

„Ich bin ja so froh, daß ich hier bei Dir sein darf, um Dir diesen kleinen Dokumentarfilm zu zeigen. Du bist ja so ein süßer Fratz.“

Hier zuckte ich zusammen, und das nicht nur wegen des heißen Atems an meinem Ohr. Ich rückte an das äußerste Ende meines Sofas, und fragte:

„Wer sind die Frauen an des Herrn Bett?“

Der Rüpel-Engel rutschte wieder etwas zurück, und antwortete mit kühler Gelassenheit, als wenn ihn die Antwort selbst nicht zu tangieren schien:

„Ach, irgendwelche Weiber, der Himmel ist voll davon. Sie lungern an jeder Ecke herum, und wenn Du nicht aufpaßt, dann reißen sie Dir die Klamotten vom Leib. Sie halten sich für etwas wesentliches, weil einige von Ihnen wichtige Dinge an unserem Herrn vollziehen.“

Ich war nicht ganz überzeugt davon alles verstanden zu haben, und fragte räuspernd nach:

„Welche Dinge?“

„Na, diverse Dinge halt. Was Frauen halt so tun. Aber warte nur ab, Du wirst schon verstehen, mein Zuckerengel.“

Er zückte erneut seinen Funktionsriegel, und die Vorführung fuhr fort.

Wieder sah ich die Frauen, welche flink und ausdauernd wuselten. Ich konnte immer noch nicht eindeutig erkennen, was sie an unserem Herrn vollzogen, denn die Kameraführung war etwas nachlässig und anscheinend nicht an derartigen Dingen interessiert. Dem Herrn selbst schien der Vollzug zu gefallen. Er legte ein wahres Sonntagsgrinsen auf. Dies verschwand auch nicht, nachdem eine Viertelstunde vergangen war, und Ihm eine der elf Damen eine Zigarette in den rechten Mundwinkel steckte und anzündete. Er paffte einige Züge lang, dann öffnete er erneut seine Augen und ließ die Damen folgendes wissen:

„Vous me faire mal, Mademoiselles.“

Die Angesprochenen senkten ihren Blick, knieten kurz nieder und verschwanden.

Nur einen winzigen Augenblick später erschien ein Engel, und servierte dem Herrn ein wahres Sonntagsfrühstück mit Kaffee, zwei Croissants und Erdbeerkonfitüre. Während der Herr nun speiste, stellte ich meinem Informations-Engel die Frage, wieso Gott denn Französich spreche, und warum es dann so fehlerhaft sei. Der Engel unterbrach erneut die Aufzeichnung und blickte ernst zu mir hinüber:

„Erstens reden wir im Himmel gerne in dieser Sprache, und zweitens ist es NICHT fehlerhaft, was unser Herr gesagt hat. Es ist sogar vollkommen richtig. Diese komischen Franzosen haben, nachdem wir ihnen in einem Anfall an Gutmütigkeit eine eigene Sprache geschenkt haben, gemeint, sie müßten das ganze etwas komplizierter gestalten, damit niemand sagen könne, sie seien dümmer als die Deutschen. Du weißt schon, auf der einen Seite die Dichter, Denker und Fußballkämpfer, auf der anderen, die Savoir-Vivres, die Rotweintrinker und die Fußballästethen. Aber bitte verschon mich mit so schwachen Fragen. Man meint ja, Du hättest keine Ahnung.“

Seine leicht säuerliche Miene wurde mir zur ersten kleinen Freude, seit er aufgetaucht war, aber schon lief die Vision wieder an. Man konnte dem Herrn bei seiner Ankleidung zusehen, wobei der Frühstücks-Engel jederzeit seine Materialisierung so plazierte, daß man nie „jene“ Stellen des Herrn sah, geschweige denn nur vermuten konnte. Zur Krönung zog sich Gott zuguterletzt noch eine Katzenmütze über, denn es schien ein recht kühler Tag zu sein. Mein Zeremonien-Engel raunte mir zu, daß an jenem Tage auch der Hausmeister seinen Ruhetag gehabt habe, und die Zentralheizung im Paradies ausgefallen sei. Der Herr mit Katzenmütze bahnte nun seinen Weg aus dem Schlafgemach über einen ellenlangen Flur in einen Audienzsaal, welcher angefüllt war mit einer unüberschaubaren Masse an singenden, klingenden und frohlockenden Engeln, welche alle ihr eigenes Hosianna auf den Lippen trugen, und dieses hinaus in die Schallwellenwelt schleuderten. Gott betrat den Raum und schlenderte zu einem Rednerpult, vor welchem Fragen- und Bittsteller knieten. Der erste dieser Reihe war ein recht jung erscheinendes Männlein, welches Gott sofort seinen Fragen-/Bittzettel überreichte. Der Herr überflog den Zettel, schüttelte kurz den Kopf, dem Männlein wuchsen zwei Hörner am Kopf, dann war schon der nächste an der Reihe.

Nach dem zweiundvierzigsten Bittsteller machte Gott eine kurze Pause, verweilte, zündete sich eine Zigarette an, und blies den Rauch gedankenverloren in die Luft, dann rief Er einem ernsthaft scheinenden Engel, der eine besonders wichtige Position inne zu haben schien, die Zahl „42“ zu. Dieser nickte, wandte sich ab, und begann menetekelnd Wände in grellen Farben zu verzieren. Dazu benutzte er Sprühlacke. Leider ging die Entzifferung dieser Wandzeitung über meine engen Verstandsgrenzen hinaus, doch die alte Show fuhr nun fort mit einer weiblichen Person, die Gott direkt ansprach:

„Mein Herr und Gebieter, bedenket, daß die Zweiundvierzig keine Primzahl ist, und dadurch unvorhersehbare Schwierigkeiten entstehen können, ja, ich sehe es direkt vor mir, man wird geradezu Bücher schreiben.“

Hier unterbrach der Herr die Frau, und sprach:

„Hallo, ihr dahinten, könnt ihr mal den Rand halten. Ständig dieses Frohlocken, ich bekomme direkt Migräne davon. Und Du, was hast Du gegen die Zweiundvierzig? Ach, immer diese Feministinnen, ständig suchen sie ein Haar in der Suppe, und versuchen mir jeden Spaß zu vereiteln. Aber Schluß jetzt! Ich bin müde von euren Problemen, ich habe noch eine kurze Ewigkeit vor mir, ich muß mich ausruhen, sonst halte ich es nicht durch, und mache dann Neunzehnhundertachtundsechzig schlapp, und ihr werdet dann sehen, was ihr davon habt.“

Er beugte sich ein wenig nach vorne, und sah dabei der Frau in die Augen, dann lehnte Er sich erneut zurück, zog ein weiteres Mal an Seiner Zigarette, dann hub Er zu einer großen Rede an:

„Die Primzahl, die Primzahl, ach ihr Mißgeschick. Ich verstehe sie nicht, und daher leugne ich sie, mir sind seit wenigen Tagen eh die Primeln lieber. Die Primzahl, die Primzahl, ich kann ihr nun wirklich nicht helfen, die Natur hat sie geschaffen, jetzt muß sie sich einfach selber weiterhelfen. Ich jedenfalls werde ihr keine weiterführende Bedeutung verschaffen können. Die Primzahl, die Primzahl.“

Während dieser großen Rede war der Herr ins Schwanken geraten, ja, er kreiselte sogar, wobei weibliche Engel um Ihn herum tänzelten und mit roten Tüchern Figuren in die Luft zeichneten, die auf geometrischen Berechnungen beruhten, dabei aber auf die Zuhilfenahme von Primzahlen verzichteten, denn deren Existenz wurde im Paradies, wie wir nun gelernt haben, geleugnet. Die singende, klingende und frohlockende Engelmasse im Hintergrund hatte das Lied des Herrn schnell aufgeschnappt, und nun schrien sie zu tausenden „Die Primzahl, die Primzahl!!!“. Es war ein wundervolles Schauspiel. Ja, es war so schön, daß der Tätschel-Engel zu meiner Linken die Vorführung stoppte, aufsprang und mit lauten Rufen durch meine Wohnzimmer tänzelte, und dabei ebenfalls in das Primzahlen-Hosianna einfiel. Ich stoppte diese unglückliche Showeinlage, in dem ich den Hippie-Engel mit einem gekonnten Grätscher zu Boden brachte. Er sprang jedoch sofort hastig auf, griff in seinen tunikaähnlichen Umhang und brachte einen gelben Karton hervor, den er mir vor die Nase hielt.

„So, Freund, das ist die gelbe Karte. Noch einmal, und du fliegst vom Platz!“

Wir setzten uns zurück, und mit Hilfe des Funktionsriegels ging die Vorführung weiter.

Der Herr kreiselte auch weiterhin, dabei fiel Ihm die Katzenmütze vom Kopf, und nun stoppte Er Seinen Tanz, ließ sich Seine Mütze reichen, dann verließ Er erregt das Audienzzimmer, wobei Er den Kopf so sehr schüttelte, daß ein ums andere Mal die geschmackvoll gekürschte Mütze den Kopf verließ. Der Herr wurde von einigen in zornigem Rot gekleideten Engeln begleitet, nein, eher verfolgt, doch der leicht mürrische Herr, Er ging und ging und ging. Er ließ nicht locker, der Herr. Nach einigen Kilometern Korridor wurden nun endlich die roten Zornengel etwas müde, fielen zurück, doch der Herr, Er ging und ging und ging. Dann plötzlich drehte Er sich im Laufe um die eigene Achse, verlangsamte Seinen Lauf, und während Er nun bremste, sprach Er:

„Es solle ein Regen einsetzen! Dazu reiche man Mir, dem Herrn, Mein Glitzerjacket, sowie eine Rhythmusguitarre, damit Ich zuvorderst spielen werde ein Konzert mit einigen souligen Nummern.“

Dabei wurde der Korridor immer breiter, bis er zu einer Landschaft gereift war. Ich hielt den Atem an, und murmelte:

„Das ist Magie.“

Der Karten-Engel schielte zu mir herüber, und flüsterte:

„Die Magie liegt in uns selber, und außerdem geht es hier um den Herrn, unseren Gott, den zu ehren wir uns verpflichtet sehen. Du bist wohl so ungläubig, daß Du es für Zauberei hältst, wenn Er einen Korridor zur weiten Landschaft mutieren läßt. Du Naivling, Du bist gar nicht so ein Schnuckelstück, wie ich gedacht habe, denn Deine nebulöse Gedankenwelt ist wie Valium für meinen Geist.“

Er sah ganz schön genervt aus, daher lächelte ich ihn zuckersüß an. Das hätte ich besser nicht getan, denn statt die Vorführung fortzuführen, hockte der Engel-Bock plötzlich auf mir, und zu allem Verdruß steckte er mir seine Zunge in den Hals. Ich war ein weiteres Mal so perplex, daß keine Gegenwehr funktionierte, doch er ließ von mir ab, zog sich zurück, wobei er ernst blickend folgendes sprach:

„Wage nie wieder so zu blicken, sonst garantiere ich für nichts mehr, ich bin schließlich auch nur ein Engel.“

Die Vision fuhr nun endlich wieder fort. Die Landschaft war fertig ausgestaltet, eine gewaltige Open-Air-Konzertbühne entstanden, eine gigantische Zuschauermenge produziert, die sich trotz des Regens wohlzufühlen schien, jedenfalls wühlten viele der ihren im Matsch. Die Bühne war noch fast leer. Diverse Tontechniker huschten hecktisch vor und zurück, einer hangelte am Mikrofonständer herum, und hustete mehrfach in die Membranen. Es donnerte.

Dann verschwanden die Technik-Clowns von der Bühne, und es wurde einige Momente sehr still. Kaum waren diese vorüber, begann die Menge zu rumoren, und in Bälde schallte es:

„Gott, Gott, Gott, Gott, Gott!“

Ich befürchtete schon fast, daß Eric Clapton nun die Bühne betreten würde, aber nein, eine glitzernde Gestalt erschien, das Gesicht durch den Schatten eines Katzemützenschirms verdeckt. Die Gestalt kitzelte ein kurzes, prägnantes Riff aus der elektrischen Vic-Strat und dem angeschlossenen Sheriff-Amplifier. Die Menge johlte. Es erschienen nun auch die anderen zwei Gitarristen, der Bassist, die zwei Keyboarder, der Drummer, der Percussionist, die drei Backgroundsängerinnen, der Tabla-Assistent, der Handtuchhalter, der Pausenclown, die sieben Eintänzer, der Würstlchef und der Choreograph, der dafür sorgen sollte, daß der Pausenclown, der vollkommen zugedröhnt war, nicht ständig entweder von der Bühne fallen sollte, oder mit Würsten wüsten Schabernack trieb. Damit war die Bühne dann sowieso voll, die Band setzte ein, man spielte einige Songs, aus denen Barry White einige tausend Jahre später ein sehr einträgliches Gurren und Buhlen entwickeln sollte.

Das Publikum tobte, schrie, wälzte sich im Schlamm und tobte notgedrungen weiter, damit der Matsch nicht noch trocknen sollte. Nach vier Stücken hielt der Herr durch ein kaum merkliches Zittern im kleinen Zeh linken Fußes die rollende Groovemaschinerie an, wandte sich an die Menge und sprach:

„Good evening, ladies and gentlemen. Good to be back on earth, yeh, yeh. Wir werden nun spielen ein Lied, das ist ’sex machine‘, dann mußt du tanzen und schwitzen wie Hölle.“

Kaum waren diese Worte gesprochen und kaum hatte der Beat wieder eingesetzt, da flog plötzlich ein Stück Matsch in Richtung des Herrn, und fegte diesem die Katzenmütze vom Schädel. Wieder zitterte der kleine Zeh linken Fußes, wieder pausierte die Band. Gott trat an den Bühnenrand, blickte ernst umher, während Er von großer Sorge erfüllt um die richtigen Worte rang:

„Hört, hört. Ich bin von großer Sorge erfüllt, und ringe um die richtigen Worte, denn so geht das hier nicht. Ihr wißt wohl nicht, welchen Wert diese Mütze hat, die Ihr von Meinem Schädel trennt. Dafür ist eine Katze gestorben. Das müßt Ihr doch einsehen, daß das so nun wirklich hier nicht weitergehen kann, denn sonst müssen wir hier aufhören und das wollt Ihr ja bestimmt nicht.“

In der Zwischenzeit war ein wahrer Matschregen fliegend unterwegs zur Bühne, so daß des Herrn Glitzerjacket das Glitzern verlernt hatte.

„Ich bin Mir nicht sicher, ob Ich diese Art von Vergnügung respektieren, ja sogar schätzen kann. Ich fürchte, daß Ich Konsequenzen ziehen werden muß, wenn dieser Regen nicht ad hoc endet.“

Der Regen endete tatsächlich ad hoc, denn niemand wußte, was der Herr mit „ad hoc“ meinte, so daß die Band erneut einsetzte und die Sexmaschine ihren Dienst aufnahm. Sie stapfte zwar zunächst etwas mißmutig über die Bühne, hob ihre Katzenmütze vom Boden auf, stammelte einige Wortfetzen ins Mikrofon, fummelte geistesabwesend an den Chordamen herum, stammelte wieder einige Wortfetzen, eine sehr soul-volle Performance.

Ich jedenfalls war so von dieser Darstellung gepackt, daß ich während dieses Stücks einschlief. Der Rappel-Engel weckte mich mit energischem Schütteln, und klärte mich auf, daß ich ja sogar die Zugaben verpennt hätte, und ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich kehrte erst langsam zurück, Schritt für Schritt verstand ich wieder, was hier eigentlich vor sich ging. Der B-Engel, die Vision, die Katzenmütze und Horden von Primzahlen. Ich schnappte nach Luft:

„Hepp, hepp…. laß mich in Ruhe, ich bin ja wach. Scheiße! Wann ist endlich Schluß hier, ich habe keine Lust mehr auf diesen Mist, der mir hier vorgesetzt wird. Das ist doch alles nicht wahr, Gott ist doch kein Idiot!“

“Hmmmh.”

“Was meinst Du damit? Hmmmh? Ist dies alles war?”

“Ja.” Pause. “Meinst Du wir hätten diese ganze Story irgendwie erfunden?” Pause. “Uns das alles ausgedacht, mühselig aus den Fingern gesogen. Der Himmel ein Hollywood, so heißt das doch? Natürlich ist das alles wahr. Wofür sollte ich sonst hier seín? Ihr Kleingeister sollt endlich einmal Bescheid wissen.” Pause.

Mein Gesicht zog sich immer weiter in die Länge. Ich stellte mir Johannes Paul II. vor. Inmitten einer von Heiligkeit erfüllten Schar an Erzbischöfen, Bischöfen, Baldbischöfen und anderen kommenden Heiligen. Es folgten eine blitzschnelle Folge von Bildeindrücken diverser Darstellungen von Franz von Assissi, Augustinus, Hildegard von Bingen, Willibrord, sowie Ottos von Bismark. Ich stellte mir in besonderem bei dem letztgenannten die würdevolle preußisch-korrekte Begeisterung vor, wenn er von diesen Enthüllungen erfahren hätte. Gleichfalls die Sprachlosigkeit der Erstgenannten. Ihre Träume würden wie Seifenblasen zerplatzen. Ihre Überzeugungen, ihr Gutmenschentum, ihre Machtansprüche, ihre Paläste auf Sand gebaut, nein, auf einem Jahrhunderte ruhenden, jetzt ausbrechenden Vulkan.

Der Engel an meiner Seite bemerkte erstaunt, wie mein Körper nun in sich zusammenfiel. Mir war als sei meine Wirbelsäule nur ein Gummigewächs, welches plötzlich erhitzt Form und Aufgabe verliert. Ich wandte mich zu meinem Nachbarn.

“Ich brauche eine Zigarette. Jetzt.”

Blitzschnell bot er mir eine Gitanes, sowie Feuer an.

“Danke.”

Ich rauchte. Bedächtig ließ ich den Qualm meine Luftröhre hinuntergleiten, hinab zu den pappigen Lungenbläschen, dort ließ ich den Teer ab, er wurde von meinen Blutströmen geglättet. Mein Körper oberhalb des Zwerchfells war in guter Form. Diplomierte Straßenbauer. Ich ließ die Zeit verinnen, die Rauchzüge wurden immer länger, intensiver.

“Hast Du nichts anderes zu rauchen?”

Ein aufgerissene Augenpaar blickte mich an. Ungläubigkeit strömte ihm aus allen Poren.

“Du?”

Sein Finger zeigte nicht nur auf mich, diese Geste war so energiegeladen, das er mich glatt damit durchbohrte.

“Du willst hier und jetzt in dieser Region illegalisierte Substanzen in Rauchform inhalieren, um Deinen Geist in von Deiner hiesigen Regierung illegalisierte Regionen zu transponieren?”

“Das ist mehr an Information als ich verlangt habe! Ich will eigentlich nur Hasch, Dope oder irgendwas. Egal, wie Du es halt nennst. Du weißt, was ich meine. Ich will etwas zu rauchen, Jazz, Zucker?”

Mein forderndes Auftreten hinterliess Eindruck. Er fingerte in seinem Umhang, brachte ein Beutelchen mit Drehtabak, sowie ein Silberdöschen mit Dope hervor. Dieser Junkie hatte sogar die extralangen Rizla-Blättchen, die bekanntlich für nichts anderes hergestellt werden. Jetzt bemerkte ich auch erstmalig, daß diese Gestalt erstaunlich dünne, flinke und vor allem lange Finger hatte, die plötzlich arbeiteten, als sei die Herstellung eines Joints die einzig wahre Berufung dieser Körperteile. Während er an seiner Arbeit feilte, blickte der Engel wieder zu mir herüber. Ich saß geistesabwesend, bleich und gekrümmt.

“Was bedrückt Dich?”

“… Dein Film!”

“Mein Film. Das ist nicht mein Film, das ist Wahrheit…”

Hier erwachte ich aus meiner Lethargie, meine Hand fuhr wie eine Raubtiertatze auf seine Rechte, ich hielt sie umschlungen, so daß er nicht mehr an der Jazzfluppe drehen konnte. Er blickte mich fragend an. Ich schaute bohrend in sein graublaues Augenpaar.

“Ich will keine Wahrheit, ich will Ruhe! Jetzt dreh weiter!”

Dabei ließ ich seine Hand los, meinen Blick wandte ich jedoch nicht ab. Er begann unsicher zu werden, der Joint wäre beinahe wieder auseinandergefallen.

“Ich hoffe, nein – ich erwarte, daß Du mich verstehst! Wir sind hier auf der Erde. Hier regiert die Scheiße. Wir stehen immer mit einem Bein im Chaos, es zieht und zerrt ständig an uns. Wir brauchen hier eine Ordnung, die länger währt als unser verdammtes Leben, in das Ihr uns hier geworfen habt. Verstehst Du? Diese Kirche, die hier auf dem Glauben an Gott, den Gott, den Du mir hier als vollkommen durchgeknallten Kartoffelacker zeigst, aufgebaut ist, ist ein verdammt wichtiger Halt vor dem Chaos, auch wenn diese Kirche selbst auch eine Ansammlung von menschgewordenen Katastrophen sein sollte! Sie besitzt eine Message, diese Message ist gut und wichtig, und Du machst mit deinem Film diese Message kaputt. Du putzt nicht die Kirche weg, sondern die Botschaft. Jetzt gib mir endlich die Tüte!”

Ich zog, zog, zog. Tiefer. Ich hatte noch nie. Ich wußte nicht. Als ich erwachte, lief mein Fernseher, die Nachrichtensendung ging gerade zu Ende. Eine Tasse kalten Kaffees wartete geduldig auf meine Rückkehr zu Bewußtsein.

Ich hoffe, es war fairer Kaffee! Fair gehandelt, versteht sich.

Herr Hansen

Liebe Welt,

als ich meine Archive auf den Boden leerte, fiel unter anderem der folgende Text auf den Boden. Ich hob ihn auf, überprüfte ihn. Er kam mir sofort mit einer gleißenden Komplexität daher, daß ich mir sagte: „Nee Du! Nee! Das ist mir jetzt direkt zu viel.“ Nun, liebe Welt, ich gebe ihn unbesehen weiter, magst Du damit machen, was Du für richtig hälst. Nur, bitte bringe mich dafür nicht auf den Scheiterhaufen. Oder ähnliche Folterpraktiken, denn ein gewisses Maß an Hochmut und Häresie stecken in diesen Worten, daß schimmerte heftig durch. Der Text bekam, aufgrund direkten Kontaktes in jenen Tagen Antworten. Diese sind auch zu lesen, sowie die folgenden Worte meines alten Ich. Ich habe persönliche Angaben entfernt, doch wenn einer der Schreiber seinen Namen lesen möchte, so werde ich dies auf Zuruf gerne einstellen. Solange wahre ich Anonymität.

Die Zeit soll nicht dein Feind werden…

Der Sinn des Lebens?

Die Antwort:

Sie lautet letztendlich zweiundvierzig. Die Frage nach dieser Antwort lautet: Was erhält man, wenn man sechs und neun miteinander multipliziert. Douglas Adams hat Frage und Antwort bereits vor Jahren verraten.

Ich möchte dennoch eine neue Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben. Es ist letztlich so einfach, daß man aufpassen muß, nicht über die Antwort zu stolpern, so offen präsentiert sie sich. Die Grundvoraussetzungen sind ebenfalls recht einfach: Die Rasse Mensch ist groß. Sie stellt einen Teil des Kosmos dar. Sie stellt in sich ebenfalls einen eigenen Kosmos dar. Jeder einzelne Mensch stellt einen Kosmos dar. Mein Finger, den ich gerade von der Tastatur heruntergenommen habe, stellt einen Kosmos dar. Ich sehe viele kleine Linien, die sich darüber ziehen. Innerhalb meines Fingers befindet sich eine kosmisch perfekte Anordnung von Fleisch, Knochen, Blut- und Nervenbahnen, aufgebaut auf einer kosmischen Atomstruktur. Sind wir nun unten angekommen? Genau. O.K., mir wird jetzt ein bißchen schwarz vor Augen, wenn ich bedenken muß, daß ich nur eine Ansammlung von Atomen bin, die gleichermaßen wieder aufgesplittet werden können auf die Ebene von Neutronen und Elektronen. Jetzt ruhig weiteratmen. Schließlich sollte mich keine Erkenntnis umbringen. Es war ja schon immer so. Dumm ist nur, daß aufgrund einer solchen Erkenntnis, die Frage ausbricht, wie ich ab gleich meine einzigartige Individualität nun hinausposaunen soll? Verflixt! Dazu will ich aber erst später meinen Kommentar abgeben (**). Ich will nun zurück zum Kosmos. Ich sage es jetzt einfach mal so: Ich bin ein Teil des Kosmos, ein kleiner, unwesentlicher Teil des Ganzen. Das ist in Ordnung, mehr will ich auch nicht sein. Dennoch empfinde ich es als wichtig zu sagen, daß dieser gesamte Kosmos ebenfalls in mir ist. Ich fühle ihn in meinem Körper, in meiner Persönlichkeit. Die Person bezeichnet eine Ganzheit, die nicht unteilbar ist. Vernachlässigung eines Teils führt zu Krankheit durch Störung des Gleichgewichts(*). Kann ich das so stehen lassen? Es erscheint mir schlüssig. Doch soll dies nicht der Punkt sein, den ich zu klären suche. „Gesunder Geist in gesundem Körper“, wer sich auf eine solche Bündelung einläßt, läuft Gefahr schreckliche Spuren zu hinterlassen. Schließlich läßt sich ein Spruch wie „Kraft durch Freude“ nicht direkt widerlegen, doch wissen wir, wie hoch die Leichenberge sich türmten, die sich als Ergebnis jener freudigen Kraftentfaltung zeigten. Wichtig ist von daher immer die Erkenntnis, daß der einzelne Mensch nur ein Bruchteil des Kosmos darstellt. Es ist dies das eine Ende der Waagschale, die einzelne Persönlichkeit, das Ich, stellt die andere Seite dar. Ein Ziel sollte sein, hier ein Gleichgewicht zu schaffen. Es ist dies ein Sinn des Lebens.

Die Waage, die ich ansprach, ist ein Zeichen, das Beachtung finden muß. Es ist unerläßlich, die Dualität des Lebens zu erkennen, zu beachten und in das Leben einfließen zu lassen. Ich beziehe mich hier auf alte Weisheiten: Yin und Yang ist nur ein Name für diese Dualität, die Zweiheit. Der Mensch strebt in den meisten seiner Taten nach der Einheit, doch sehe ich dies als falsch an, wenn ich mein Leben nur auf die Suche nach dieser Einheit beschränke. Womit will ich diese Einheit vollziehen? Die Einheit mit Gott? Mit mir selbst? Mit einer Frau? Mit einem Mann? Es ist dies alles in mir: „Ich und Du“ sind Teile meiner Person, man sehe nur in den Spiegel. Gott ist in mir, sofern ich dem Kosmos, dessen Teil ich bin, diesen Namen gebe. Mann und Frau sind Teil meiner Person, wobei es zweitrangig ist, welches Geschlecht ich nach außen hin besitze. Insofern besitzt für mich das Streben nach der Einheit keinen direkten Sinn, wenn ich Teil einer Ganzheit bin und selber eine Ganzheit darstelle. Der Sinn ist eher, die Dualität – Zweiheit – anzuerkennen, und sie in meinem Leben zur Entfaltung zu bringen.

Was bringen mir diese beiden Punkte, die ich nun zur Sprache gebracht habe, im täglichen Leben?

  1. und einfach: Ein Mann, der sich seiner inneren Dualität bewußt ist und damit einhergehend seiner eigenen Weiblichkeit, wird (… nicht würde!) nie (… niemals!) Gewalt gegen eine Frau anbringen, in den Formen, die man täglich aus den Medien entnehmen kann. Dabei gilt zu beachten, daß eben alleine das Wissen um diese beiden Punkte, die ich oben als sinngebend nannte, einen Brunnen der inneren Kraft darstellt, der nicht zu unterschätzen ist.

  2. Sie helfen mir unsinniges Gebaren zu erkennen, wenn ich es verstehe, auch innerhalb meiner Beobachtung die Dualität (sei es meist der „kleine“ und der „große“ Kosmos) einzusetzen. Beispiele? Lese die „Bild“-Zeitung!

  3. Was ist im Streitfall? Wenn ich einer der Beteiligten bin? Wenn ich um Rat gebeten werde? Ich als Teil eines Konflikts bin letztlich der Herr meines Kosmos, insofern liegt es an mir, gleichermaßen dessen Rechte zu verteidigen. Doch blicke ich auf das äußere Ganze, muß ich mir die Frage stellen, ob mein Streit nun noch eine Rechtfertigung hat? Ich muß bereit sein auch einen Schritt zurück zu machen, wenn dies gefordert ist. Als Ratgeber habe ich jedoch nur das Ganze vor Augen, dabei jedoch zwei „kleine“ Kosmen, die auf ihrem Recht beharren. Es ist in jedem Fall Ruhe und eine genaue Beobachtung geboten. Dies sollte für jeden Konflikt gelten, daher fordere man das Recht auf Ruhe in jedem Falle ein!

Dies sind nur drei grobe, weitläufige Beispiele gewesen. Letztlich finden sich meine „Weisheiten“, die ich oben aufführte, in allen großen Religionen der Welt wieder. Nichts ist von daher neu, was ich mir auch nie anmaßen würde. Dennoch möchte ich gewissen religiösen „Praktiken“ an dieser Stelle widersprechen. Da ich noch zu wenig über andere Religionen als das „Christentum“ (in Anführungszeichen, da sich schließlich mehrere verschiedene Kirchen darunter vereinigen) kenne, möchte ich mich auf dieses alleine beziehen. Gott? Dann noch der Sohn Gottes? Entschuldigung, aber hier muß ich mich etwas beiseite bewegen und fragen: „Was soll das? Ist euch nichts besseres eingefallen?“ Um es anders zu sagen: Im 17. Jh. hat ein irischer Bischof, Dr. James Ussher, aus den Angaben der Bibel errechnet, daß Gott die Erde am 22. Oktober 4004 v. Chr., 20 Uhr, erschaffen habe. Also, wir wissen heute, daß dieser Planet, sowie unser Universum, bereits etwas älter sind. Von daher möchte ich nun die vorherigen Generationen nicht schelten, doch möchte vor diesem Hintergrund eine Frage geklärt wissen: Wenn es Gott gibt, wieso sieht er sich drei Millionen Jahre Menschheitsgeschichte „unbeteiligt“ an, obwohl ihn unsere Religion als Schöpfer oder Urheber ansieht und preist, bevor er sich überhaupt zu erkennen gibt? Warum vertraut er sich einzelnen, bestimmten Personen an, läßt andere, ganze Völker in völliger Unkenntnis? Warum entsendet er „seinen Sohn“ zu eben jener Zeit, die wir als solche („anno Domini“) kennzeichnen? Warum muß die Erde demnach seit nahezu siebzehnhundert Jahren eine von Menschen über Menschen ausgeübte Herrschaft einer sogenannten Glaubensgemeinschaft über sich ergehen lassen, die sich zumeist darin gefiel das Schwert zu schwingen? Wer erlöst wen? Wovon? Die Religionsgeschichte der Menschheit ist, soweit sie sich darin ergeht als höchstes Wesen des Kosmos einen Gott zu sehen, ein wuchernder Tumor der Selbstgerechtigkeit. Ich halte hier inne und verabschiede mich aus diesem Konflikt, den ich nicht mehr anerkennen kann. Wenn Gott die Summe alles Guten der Welt ist, dann glaube ich an Gott. Wenn Gott nur ein Argument in einem religiösen Streit ist, dann sehe ich ihn gerne auf dem Scheiterhaufen, den seine Kirchen anzünden werden.

Letzte Worte: Alles, was ich hier gesagt habe, hat irgendwo ein ziemlich schweres Gewicht. Anders: Ich rauche gerade, obwohl ich weiß, das es ein gesundheitliches Unding ist. Der Lebensweg ist nicht leicht, doch glaube ich daran, daß die Erkenntnis des Mikro-, wie des Makrokosmos und die wieder verstärkte Bewußtwerdung der Dualität des Menschen, des Lebens, mir eine Hilfe darstellen wird, mein Leben wertvoll zu gestalten, denn das ist mein Sinn. Das ganze Universum ist unser Zuhause, richten wir es uns ein.

In diesem Sinne: Ich finde es o.k. zu weinen.

(*) Noch eine kleine Anmerkung zum Thema Krankheit: Ich will nicht sagen, daß jeder einzelne Mensch für seine Krankheiten eigene Verantwortung trägt. Auch eine Krankheit verstehe ich als einen Kosmos, eine Ganzheit, die sich innerlich aus verschiedenen Quellen tränkt. Von daher sehe ich es jedoch als falsch an, sich sofort in die Hände eines Fremden zu begeben, damit dieser aus einer meist höchst fragmentarischen Aufzählung von sogenannten Symptomen mit einem Handstreich die Lösung meiner Krankheit herbeizaubert (Ich erinnere mich hierbei an meine persönlichen Krankheitsschilderungen im Angesicht eines „Halbgottes in Weiß“. Das mir in solchen Fällen geholfen werden konnte, erstaunt mich noch heute zutiefst). Vielmehr sollte man selbst im tiefsten Schmerz- und Krankheitsrausch versuchen, sich in den Körper zu versenken, um nach den Quellen der Symptome zu forschen. Es gibt mit Sicherheit (!) genügend Fälle, in denen die Gründe einer Krankheit, die sich in meinem Körper zeigt, außerhalb desselben zu suchen sind. Die Welt, wie wir sie vorfinden, erscheint mir oft als eine einzige Ansammlung von Krankheitserregern mit vielfältigsten Gesichtern. Eines dieser Gesichter schaltete ich gerade nach den Nachrichten aus. (Anmerkung zum kursiv gesetzten Teil aus dem Jahr 2013: so einen Käse habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen. Selbst die Bild-Zeitung hat höheres Niveau…)

(**) Die Individualität eines jeden Menschen ergibt sich aus sich selbst.

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Hallo Holger.

Zu Deiner Mail folgendes:

Geil.

Ich werde circa 2 Millionen Jahre brauchen, um auf jeden Punkt einzeln einzugehen.

Fleisch zu Fleisch.

Staub zu Staub.

Die interstellaren Räume,

die intergalaktischen:

Leere? – Nein, Staub. Unmengen Staub! Der Staub ist allgegenwärtig. Der Staub ist das Wahre. Das Wirkliche.

Der Staub ist, womit wir arbeiten müssen. Unbeherrschbar, chaotisch umherwirbelnd, allergie-auslösend.

Mikroskopisch winzige Teilchen von astronomischer Relevanz.

Vergiß das Yin, vergiß das Yang; die Welt ist so einfach nicht einzuteilen.

Bescheuerter christlicher Schöpfungsmythos. Er vergißt den über-geschlechtlichen Staub!

Bescheuertes Tao-Denken. Wo bleibt der Staub?!

Der Staub ist die Ablagerung aller Geschichten.

Der Staub IST DIE GESCHICHTE. Die Ablagerung eben.

Gut, Du magst jetzt denken: Schade. – Wäre mir lieber gewesen, einen nüchternen Fxxx am anderen Ende der Leitung zu haben. Einen, der nicht „vun Hëttges op Heetges“ kommt und was ‚rumlallt von intergalaktischem Staub… (weil er nur gerade eben mal wieder die Erfahrung gemacht hat, von einem Typen ein bißchen ausgenommen, benutzt und betrogen worden zu sein).

Tjaaa…

Lassen wir den „Staub“ beiseite. Sagen wir: Es ist ein „Hintergrund-Rauschen“. Hören wir auf die „wirklichen“ Klänge der Welt.

Und? – Schon was vernommen?

Eine Anregung:

Angenommen, es ging immer schon um nichts anderes, als um die BEGEGNUNG. Ich, Fxxx, höchstselbst, behaupte das sogar:

Es ging nie um etwas anderes. Es ging immer nur um Begegnung.

Es ging seit Anbeginn des Fühlens um nichts als darum,

das Eigene zu verbinden (untrennbar, unentzweibar, unhinterfragbar)

mit dem Anderen, der fremden Wirklichkeit.

Die Organe tiefst möglich hinein zu versenken.

Tiefst möglich von fremden Organen erschüttert zu werden.—

Es war der Wurm-Engel im Kopf, der es uns diktierte.

Und er hört nicht auf, es uns zu diktieren.

Und es geht nicht. Es ist unmöglich. Es ist menschen-unmöglich; – und

deshalb:

nur deshalb sind wir Mensch. Weil wir es wollen.

Wollen müssen… Tjaaa…

Und so stellen wir Dinge an…

Tun so Dinge…

Und denken Dinge…

Ciao. Auf ein Nächstes.

(Ich muß mich jetzt zur Ruhe begeben!)

Yours,

Kuss,

Fxxxx

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Hi Fxxxx,

Danke schon mal für deine Antwort! Ich hatte in meiner begleitenden Mail schon bemerkt, daß mein Text recht fragmentarisch daherkommt, ich hatte ihn auch mit heißer Nadel gestrickt. Daher fehlten auch der Staub und die Begegnungen. Was den Staub anbelangt: Kannst du dich daran erinnern, daß dir einmal in unseren Vorgängergenerationen ein großes Streben nach Individualismus begegnet ist? Wenn große Geister auftauchten, waren sie aus sich selbst oder durch entsprechende Förderung oder auch durch gutgepolsterten Ellenbogen groß. Der Rest der Menschheit jedoch blieb im großen und ganzen grau. Erst mit dem Auftauchen von Jugendbewegungen erwuchs die Forderung nach dem Individuellen. Natürlich eine Antwort auch auf die vorher herrschenden -Ismen (Fasch- und Kommu-, holen wir den Katho- auch noch dazu). Die Richtung möchte ich nicht als schlecht darstellen, doch aus dem Streben nach Individualität erhebt sich der Staub. Den Staub können wir nie besiegen, er ist unser Start und Ziel. Ignorieren können wir ihn auch nicht, denn er ist um uns jederzeit. Wir sind aus ihm geformt, egal was die Genforschung uns erzählen will. Der Staub ist vielleicht unsere Seele? Ich werde den Staub in mein Leben aufnehmen und ihn zu meinem Handwerkszeug machen.

Schließen wir den Staub aus unserem Leben aus …

Machen wir uns unsterblich …

Ist das ein Ziel???

Staub ist Leben und Tod.

Staub ist unsere Droge.

Staub macht uns Beine, Dinge in die Hand zu nehmen.

Staub ist unser Elixier.

Neben Staub zählt nur …

… die Begegnung. Ich war in meinem Text noch in der eigenen Hülle verblieben, um dort einmal für mich Klarheit zu schaffen. Begegnung ist das nächste Thema.

Also, bis bald und alles Liebe

Holger

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Lieber Holger

Ich habe deinen kleinen Diskurs gelesen und werde dir nun hiermit meine Stellungnahme dazu liefern. Du hast die Dualität der Dinge angesprochen. Aber genau diese ist doch die ganze Philosophie der Physik: Materie-Antimaterie, Mikro-Makro-Kosmos, alles ist darauf aufgebaut. Wir streben danach, in unserer Wißbegier. Aber es ist auch nichts anderes als diese Dualität, oder besser die Symmetrie zwischen den Dingen, welche die Einheit unserer Welt repräsentiert. Einheit ist das, das durch diese erlangt wird. Würden diese Widersprüche nicht herrschen, so hätten wir keine Möglichkeit zur wahren Erkenntnis. Ohne den Haß wüßten wir nicht was Liebe ist, ohne den Krieg wüßten wir nicht was Frieden ist. Es ist der Sinn der Sache Relationen herzustellen um uns über manche Dinge bewußt zu werden. Wir können nicht sagen etwas sei groß, wenn wir nichts kleines kennen. Aber im Grunde liegt dort auch eine Begrenzung unseres Geistes, der die meisten Dinge nur in Bezug auf andere erkennen kann.

Und doch denke ich das in dieser wunderbaren Symmetrie der Dinge Gottes Plan liegt. Ich kann mir Gott nicht vorstellen als komischer Kauz, der auf uns herunterguckt und versucht alles zu lenken. Nein ich denke, daß das Ganze auch so ganz gut läuft. Auch bringe ich ihn nicht in Verbindung mit irgendeiner Religion. Nein eher Setze ich den Begriff Gott gleich mit Sinn und Plan von allen Dingen. Ich sehe ihn als logische Konsequenz meines Denkens. Wissenschaft ohne Gott ist nicht möglich. Er liegt in allem. Wissenschaft ist Gottes Plan zu erkennen um unserer Existenz einen Sinn zu geben.

Soviel dazu

Dxxx

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Hallo Dxxx,

die Soziologen harren schon meiner, um meine Beweisführungen in der Luft zu zerreißen. Sie werden mich ins Angesicht des Todes zerren, um dort meine Worte zu überprüfen. Kleiner Scherz, Nxxx! Dennoch verfolge ich mein Ziel. Schön, daß du mir im weitesten Sinne recht gibst, aber ich möchte nicht dort stehen bleiben, wo ich die Dinge im Recht sehe. Was ich angesprochen habe, ist nicht nur die Bewußtwerdung, sondern der Sinn. Es ist der Sinn des Menschen in Demut nicht den Kopf zu senken, sondern im Angesicht seiner Selbst in Zweiheit, sowie als Teil des Makro- und Ganzes seines eigenen körperlichen Kosmos, die Dinge selbst zu bestimmen. Ich beharre hier auf der Demut. Wie gesagt, nicht als Rückzug vor der eigenen Position, sondern als aufrechte Haltung, die einen gemessen Schritt mit sich bringt. Weg mit „Ich will alles, und ich will es jetzt!“ Weg damit! Weg mit dem verzweifelten Postmodernismus, der nur eine Flucht vor der eigenen Person darstellt. Weg mit der Narrenkappe! Weg mit der Ironie, die sich selbst ins Fleisch schneidet! Weg mit den Vorstellungen, der Mensch des 21. Jahrhunderts sei in sich selbst während der letzten zwei Jahrhunderte gewachsen! Mumpitz! Seit Beginn der industriellen Revolution, die ich als Markstein setze, werden Menschen immer noch als eine Null geboren. Das Wissen, welches im Unterbewußtsein als Gabe der vorangegangen Generationen mitgeführt wird, wird von jedem Neugeborenen erst nach einer gewissen Zeit erkannt, entfaltet, ins Leben gebracht. Und dieses Wissen muß ebenfalls mit Demut berührt werden. Punkt. Wo wird diese Tugend in unseren Tagen gezeigt? Wo sie sich zeigt, wird sie mit Knüppeln niedergeschlagen. Die Politik der Härte ist das tränengetränkte Brot, an dem wir kauen. Nichts wird besser werden, wenn … Ich beginne zu schwafeln.

Es gibt in dieser Welt viel mythischen Müll, der entsorgt werden muß. Die wahren Mythen kosmischer Einheit sind verschüttet. Welches Ziel wurde damit verfolgt? Jeder Mensch kommt. Jeder Mensch geht. Innerhalb dieser Zeitspanne gilt es Zeichen zu setzen. Welche Zeichen sind es, die ich, du, er, sie, es setzen mag? Ich möchte ein Zeichen gegen die Kurzsichtigkeit setzen. Dazu werde ich gleich noch ein Beispiel bringen. Doch nebenbei noch zwei andere Themen.

Die Einheit. Ich habe die Einheit nicht gut wegkommen lassen. Ich glaube nicht mehr an die Einheit. Es wird für Menschen nie eine Einheit geben, außer derjenigen, die wir nach dem Tod erlangen werden. Diese Einheit trägt den einen Namen „Staub“. Eine andere Einheit, die menschliches erreichen kann, ist das Wort. Wenn ich mit einem Menschen spreche, erreicht diesen mein Wort. Es kommt zur Vereinigung. Wenn ich Worte eines Menschen lese, vereinige ich mich mit dem Wort. Natürlich strebt der Mensch nach der Einheit, das ist nie abzustreiten. Weswegen gäbe es sonst den Sex? Doch jede Vereinigung endet… Wir können nur den kurzen Schein der göttlichen Vereinigung streifen, manchmal mehr, manchmal weniger. Diese Suche nach der Einheit ist der Fluch des Menschengeschlecht. Zurück bleibt der Traum, vor allen Dingen nachdem man die Ahnung erfahren hat. Man spürt die Möglichkeit, man weiß um ihre Existenz und plopp! Weg! Wahre Einheit ist nur außerhalb des Körpers möglich. Oder: Die molekulare Struktur des menschlichen Körpers verhindert jede dauerhafte Vereinigung. Nun zum nächsten Thema und zum Aufbau eines Dilemmas.

Die Begegnung. Ich glaube nicht an die Einheit, aber an die Begegnung. Ich glaube auch an Sex. Doch möchte ich mich nicht mehr von Trugbildern täuschen lassen. Ich glaube auch an die Musik, als Transportmittel zu einer Form von Begegnung, die in den Sternen stattfindet. Musik, die eine Ahnung verbreitet, wie es der Sex tut. Eine Ahnung der Unendlichen Einheit Des Kosmos. Ist das alles nicht wunderschön? Ist darin nicht die Hoffnung verborgen, die wir viel zu selten zu Gesicht bekommen? Liegt nicht in DER BEGEGNUNG der leichte Hauch eines immerwährenden Frühlings versteckt? Höre noch einmal „pink moon“ von Nick Drake. Denk an den Golf-Werbespot, der davon begleitet wurde. Die Schönheit dieses Spots liegt in der Zusammenkunft der Zutaten. Es sind die Mienen der Beteiligten, die Ruhe und Ausgeglichenheit verraten. In ihrer Haltung liegt keine verzweifelte Suche. Sie tauchen ein in die Nacht, sie beschenken einander mit Nähe. Es geschieht hier vor unseren Augen eine BEGEGNUNG. Darüber liegt die Musik, die dieser Geschichte das Gesicht gibt. Nick sagte alles und sagte nichts. „pink moon’s gonna get ya all“. Hier fangen die grundsätzlichen Träume der Menschen an. Gut, daß all das, was hier zu sehen ist, nichts mit dem Produkt zu schaffen hat. Hier können wir sehen, das die jenseitigen Träume von Einheit, die auch hier eine kurze Ahnung erfahren, nicht mit der Materie des Diesseits vereinigt werden können. Also: Dilemma. Ausweg: Demut, Gleichmut, Ausnutzen der schönen Momente, welche das Leben bietet. Doch, HALT: Keine Hast. Das Schöne kommt seltenst auf Zuruf. Unversehens sitzt man in einem Auto mit einem wertvollen Menschen, und fährt irgendwo herum. Erinnerst du dich? Es ist noch nicht lange her.

Zu dem angekündigten Beispiel fehlt mir jetzt die Lust. Ich wünsche dir viel, viel Glück für die nächsten Wochen. Wir werden uns ja bestimmt auch noch sehen. Und dann: Wenn dein Streß vorbei ist, wird es wirklich Zeit, daß du dir „before sunrise“ ansiehst! Man sollte schließlich manchmal in der Bibel lesen, kleiner Scherz. Ein Schwafelfilm, schlimmer als ich, wenn ich zu schreiben anfange…

Alles Liebe, Holger

Und bald geht’s in die nächste Runde

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Dxxx philosophische Ansichten heute

08.05.2001

Unser Leben und Denken wird durch mehrere Dinge bestimmt

Als erstes kommt Gott, als die erste Idee, der Plan.

Dann kommt die Philosophie, als die grundsätzlichen Fragen, die wir beantworten möchten.

Dann kommt die Mathematik, die die sprachliche Ebene darstellt zwischen unserem Geist und dem Kosmos

Dann kommt die Wissenschaft, die uns das Werkzeug zur Erkenntnis in die Hände legt

Dann kommt die Kunst(und damit auch Musik), die den Ausgleich schafft und uns erst auf die Schönheit der Welt aufmerksam macht.

Jeder Punkt ist gleichwertig!!!!

Nichts kann ohne das andere existieren. Alles ist alles zugleich. Wenn wir uns auf einen Punkt konzentrieren, müssen wir alle anderen in Betracht ziehen. Wissenschaft ist genauso Asthetik und künstlerisches Gestalten, wie Kunst auch Mathematik ist.

Und genau darin liegt meiner Meinung nach der Schlüssel. Der Mensch lebt weiterhin nur mit Ahnungen, da er das umfassende Werk nicht erkennen kann. Wir können uns nicht nur auf unseren Kopf konzentrieren

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Hallo Holger,

tja, ich habe dein kleine Abhandlung schon gelesen, aber im Moment komme ich noch die Zeit, eine ausführliche Rezension zu schreiben.

.

Allerdings gibst du dich mit einem wie diesem auf rutschiges Parkett, aber ich finde es gut, dass sich heute noch einige Leute Gedanken darüber machen. Natürlich kann man die philosophischste Frage aller philosophischen Fragen, nämlich die nach dem Sinn des Lebens, auf verschiedene Arten und Weisen diskutieren, auch, wenn man ihr die nonchalante Widersinnigkeit 42 zuordnet. Schön ist auch, seine Identität in einer „Dualität“ zu finden, eine sehr alte Anschauung glaube ich. Neben Ying und Yang fällt mir da auch Seneca mit seinem „mediocrates“ ein. Sich über Religion auszulassen, insbesondere über die christliche, scheint jedoch ein getragener Hut zu sein, denn wir wissen heute, das Mythen stets als gedankliches Konstrukt zur Erklärung einer scheinbar übermächtigen Welt dienten und dienen. Der Übergang zur industriellen Wissensgesellschaft macht den Menschen selbständiger, der Bildungsgrad steigt, vielleicht stehen wir bald vor einer wissenschaftlichen Beantwortung der Frage, wie die Welt entstanden ist ! Jedoch ist fraglich, ob uns diese eine Antwort einen Sinn gibt. Manchmal sehe ich das Kreuz Christi, dass das Sinnbild unserer Sinnsuche sein könnte. Jeder trägt sein eigenes, und jeder könnte es vonsich werfen, würde man seinem Leben einen Sinn und Selbstbestimmung geben …! Eine Frage des Wollens?

Was will ich ?

OK, es wird spät, das nächste mal mehr,

_________________________________________________________________________________________

That’s it, Folks.

Also, für den Fall, daß nicht Mutige dort in der Welt diesen Faden wieder aufgreifen möchten. Der Steinbruch scheint mir noch sehr frisch und unangetastet zu sein.

Ich freue mich auf Alle, die anpacken.

Ihr Herr Hansen

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