Nick Drake – eine Erinnerung

TW mental issues, depression

Am 25.11.2019 jährt sich Nick Drakes Todesnacht zum 45. Mal.

Wahrscheinlich wird es eher in den frühen Morgenstunden jenes Tages gewesen sein, nachdem er die Tabletten zu sich genommen hatte. Ja, es war weder ihm, noch seinen Eltern, bei denen er inzwischen wieder wohnte, klar, wie gefährlich das Antidepressivum war. Es war ein Amitriptylin-Präparat.

Ich möchte mit diesem Text an ihn erinnern, und auch darüber schreiben, warum er nicht vergessen werden sollte.

Vor ungefähr zwanzig Jahren, zur Jahrtausendwende, ereignete sich tatsächlich ein kleiner Nick-Drake-Boom. Die Jahre, in denen sein Name immer wieder von Kennern erwähnt wurde, die ersten CD-Re-Releases, das beginnende Internet, das in Mailinglists und ersten Foren Menschen zusammenbrachte, entzündete diese Flamme, die dann tatsächlich noch von einem – tatsächlich fast gelungenen – VW-Werbespot in die Höhe getrieben wurde.

Doch geriet die Renaissance einige Jahre später wieder zur stillen und vereinsamten Verehrung. Was jedoch auch viel eher der Idealfall ist, um sich auf Drakes Musik einzulassen (fast könnte eins geneigt sein, zu glauben, Kopfhörer seien nur für diese Musik geschaffen worden). Selbst ein lebender Nick Drake hätte sich auch weiterhin eher vor Konzerten gedrückt, das Publikum mit langem Saitenstimmen verärgert, mit Nichtkommunikation gestraft. Die Magie seiner Musik liegt in den Aufnahmen seiner Lieder und deren Menge ist leider überschaubar. Doch ist die Kraft nicht zu ermessen und sie schwindet auch nach Jahrzehnten nicht.

Nur zu einem kleinen Überblick sei gesagt, daß vier Tonträger hier zu beachten sind: Das Debütalbum „Five Leaves Left“, das 1969 veröffentlicht wurde und Nick Drakes Songwriting oft hochklassig zwischen Folkballade, Streicherarrangements und Liedkunst zeigte. Es folgte 1970 „Bryter Layter“, das die Mischung des Debüts in eine fast easy-listening-mässige Schmissigkeit bewegte, die jedoch von Drakes Texten und seiner melancholischen Stimme konterkariert wurde. Das letzte Album, das Nick Drake zu Lebzeiten veröffentlichte wurde „Pink Moon“ (1972). Ein minimalistischer Meilenstein, wäre da nicht die spürbare Belastung des Künstlers, in der Entstehung der Lieder.

1979 wurde posthum das Album „Time Of No Reply“ veröffentlicht, das unbekannte Aufnahmen zusammenfasste, darunter die letzten vier Aufnahmen aus dem Frühjahr 1974.

Das Epizentrum von Nick Drakes Musik ist „Pink Moon“. 28 Minuten und 36 Sekunden dauert dieses Album, doch ist die Länge eher in Herzschlag zu messen. Nick Drake reduzierte die Musik auf seine Gitarre, seine Stimme. Im Titelsong erklingt kurz ein Klavier. Über allem schwebt die Dunkelheit, in welcher die Aufnahmen auch gemacht wurden. Zum Ende erklingt das Lied „From The Morning“ und es bricht mir das Herz, dieses Lied hören … zu können, zu dürfen, zu müssen. Die fast schon erleichterten Akkorde, die den Text untermalen, welcher die Dämmerung begrüßt, die Schönheit des Geschehens beschreibt und in einer Art Refrain schließt, das wir das Spiel aufgreifen sollen, das uns der Morgen lehrte.

Und weiter heißt es:

and now we rise

and we are everywhere

and now we rise

from the ground

see, she flies, she is everywhere

see, she flies all around

so look see the sights

the endless summer nights

go play the game, that you learned from the morning

Und damit schließt das Album, das zuvor eine Schwere in Musik einführte, die – auch ohne die Umstände zu kennen, in denen Drake seinerzeit lebte – klar machten, das der Künstler unter Depressionen oder ähnlichen schweren Belastungen litt. Den stärksten Eindruck hierbei macht das instrumentale, 83 Sekunden dauernde „Horn“, dem ich die folgenden Worte widme:

„Nick Drake lebt. Seine Finger leben. Sie bewegen sich. Doch ist ihnen starr. Sie rutschen, von ungewollten Impulsen getrieben, eher verdrossen auf diesen dünnen Saiten nach oben, nach unten, etwas zur Seite. Sie möchten sich lieber abwenden, oder sich verkrampfen. Alternativ auch einfach erschlaffen. Ihnen ist selten danach, sich zur Faust zu ballen, sich dann auf einen Gegenstand fallen zu lassen, um diesen zu treffen, einen Eindruck zu hinterlassen. Sie möchten nur noch existieren, nicht mehr. Eher weniger.“

Der Moment, als der letzte Ton von „Horn“ erklingen soll, jener Ton, der die aufgebaute Spannung auflösen soll, der jedoch eher als Ahnung in der Akustik steht und die Stille sich knapp ausbreitet und folgend die Akkorde von „Things Behind The Sun“ erklingen, die einerseits so flott daherklingen, jedoch so schicksalschwer beladen sind in ihrer Molligkeit. In diesem Moment werden Menschen Tränen vergießen.

and the people around your head

who say everything’s been said

and the movement in your brain

sends you out into the rain

Wieso schreibe ich über diese Musik? Sie spricht so intensiv für sich selbst. Sie belebt das Unsagbare in unseren Köpfen und sie weiß, das wir allein sind. Selbst wenn Nick Drake sich mit der Dosierung des Amitriptylins anders verhalten hätte, die Musik war bereits unter uns und wartete darauf, uns die Hand zu reichen.

Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Oder eben nicht. Ende.