Nach „Brüssel, 22.03.2016“

Vielleicht ist dieser Text der letzte, den ich schreiben werde. Ich bin frustriert, sehr tief. Warum? Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 sind der Auslöser. Ein weiteres Warum?

In den vergangenen Monaten hat sich das gesellschaftliche Klima in Europa gewandelt. Ein paneuropäischer Nationalismus greift um sich. Ein Klima, das vergiftet auf alles, was fremd ist, starrt und dessen Verschwinden verlangt. Die Art, wie dieses Verlangen artikuliert wird, ist von Hass und Wut getragen. Lange habe ich versucht, in Texten und Gesprächen, dieser Bewegung etwas entgegenzustellen. Sei es Empathie, Vernunft, eigene Fassungslosigkeit.

Am vorgestrigen Tag, dem genannten 22.03.2016, sind wieder einmal Menschen zu Tode gekommen, als Ergebnis einer Anschlagsserie. Sage ich es kurz: Es geht nicht an. Dieser Art von Menschenfeindlichkeit ist Einhalt zu gebieten.

Sowohl bei jenen, die sich als Islamisten bezeichen, als auch bei jenen, die von Tag zu Tag gegen alles Fremde wettern. Es ist erschütternd zu sehen, wie zwei extrem gegenpolige Ansichten miteinander wetteifern, wer die schärfste Klinge fährt. Frustierend ist jedoch, wie günstig die Attentate für den paneuropäischen Nationalismus sind. Doch letztlich können sich die konservativen, populistischen Kreise Europas nicht davon freisprechen, eine Mitverursacherschaft an den Terrorakten zu tragen. Sind sie es doch, die nun bereits seit Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen,

– eine europäische Leitkultur zu verfechten

– dem Islam eine Existenz auf europäischem Boden zu verwehren

– die permanente Gefährdung aller europäischen Nationen durch Überfremdung zu predigen

Können sich die Fürsprecher dieser Thesen vorstellen, daß gerade junge Menschen, die ständig diesem Feuer der Angst und Abgrenzung ausgesetzt sind, dieses letztlich aufnehmen und nach außen weitertragen? Dies äußerst sich zum einen darin, daß konservativ-nationalistische Kreise eine überdurchschnittliche Beliebtheit in Altersgruppen bis zu 29-jährigen erreichen. Die Kehrseite sind junge Selbstmordattentäter, die letztlich auch durch Perspektivlosigkeit und Ablehnung in den eurozentrisch gesinnten Gesellschaftspartien dahingehend vorgeschliffen werden.

Dieses permanente Wechselspiel sehen zu müssen, ist ernüchternd. Und bringt mich dazu, diese Form von Texterei in Frage zu stellen. Deswegen möchte ich ein letztes Mal meine Stimme erheben und den letzten Leserinnen ein paar Ideen mit auf den Weg geben.

Der ausländische Straftäter.

Jaja, das Todschlagargument. Doch gehe ich einfach davon aus, daß in der europäischen Justiz sicherlich kein Straftäter laufengelassen wird, wenn er „fremd“ genug ausschaut. Wobei ich hoffe, daß das Gegenteil auch nicht der Fall sei. Wundere ich mich doch mit Bauchschmerzen über die Tendenz der Justiz in den Vereinigten Staaten eine größere Härte gegen nicht-weiße Bürger anzuwenden. Ein Fall, wie der Mord an Alexandra Mezher in Schweden durch einen bereits abgewiesenen Asylantragssteller, muß mit der gleichen Härte betrieben werden, wie jeder andere, gleichgelagerte Mordfall unter Menschen mit gleicher Nationalität. Hier gibt es überhaupt kein Vertun. Und es soll auch nicht auf derlei kapitale Verbrechen beschränkt bleiben, sondern auch Vorfälle, wie die Sexualstraftaten in Köln zu Silvester 2015 müssen aufgeklärt und bestraft werden. Und ein inhaftierter Sträfling sollte auch in seine Heimat transferiert werden. Wenn hierzu die legislativen Voraussetzungen fehlen sollten, sind sie zu schaffen. Doch wenn die Realität das Wort kurz erheben darf: Die meisten Straftaten in Europa werden von den jeweiligen Einheimischen begangen, von Mord, über Vergewaltigung zu Steuerhinterziehung und Körperverletzung.

Europäische Leitkultur und Überfremdung:

Ich fasse mich zu Beginn einmal kurz: Die Idee einer europäischen, womöglich christlichen Leitkultur ist einer der größten, zynischsten Scherze, die je von Menschen ersonnen wurden.

Haben sich die Urheber dieser Ideen eigentlich mit der europäischen Geschichte seit Herodot auseinandergesetzt?

Wenn ja: ist ihnen aufgefallen, daß sich keine Konstante ergeben hat, die auch nur die zeitliche Grenze von eintausend Jahren überdauert hat, die als kulturelles Fundament angesehen werden kann? Vielleicht mag jetzt jemand den religiösen Aspekt der Christenheit erwähnen. Hierzu gebe ich folgendes zu bedenken, bevor ich mich der Frage der Religion als solches widme: Wie hoch ist die Zahl der Menschenleben, die von Vertretern dieser verschiedenen, christlich-orientierten Religionsgruppen getötet wurden?

Besonders in Zeiten, in welchen Teilgruppen untereinander verfehdet waren, womit nicht nur die Hochzeit zwischen 1618 und 1648 gemeint ist.

Ein Gottesglaube ist darüberhinaus, in meinen Augen, kaum für einen menschlichen Geist wahrhaft zu erfassen. Der Gottesbeweis des Thomas von Aquin wird von mir zwar befürwortet, doch, wo jener einen Gott als causa prima, als Erstursache, erkannt haben mochte, sehe ich ein physikalisches Phänomen. Wobei nicht gesagt sei, daß die Basis einer christlichen Morallehre, wie sie in den Evangelien zu beobachten ist, kein wunderbares Fundament für das Miteinanderleben von Menschen auf diesem Planeten sei, doch ist die Lehre jenes Jesus für uns einfache Leute grundsätzlich zu revolutionär und – um nur auf dieses eine Beispiel zu verweisen, daß jedoch auch auf andere große Religionen der Welt zutrifft – wurde nur kurz nach dem Tod des Religionsgründers die Rolle der Frauen neu definiert und diese in die zweite Reihe verbannt. Da liest sich das neue Testament durchaus anders. Und somit direkt an die Leitkultur gefragt: Aus der Historie ergibt sich hier, daß die Frau weiterhin gerade mal sich der 3 großen K’s widmen dürfte, doch das kann heute niemandens Ernst mehr sein. Geschieht hier der erste große Bruch und die Rückbesinnung auf die Machtverteilung in der Jungsteinzeit?

Der massiv größte Teil der letzten zweitausend Jahre in Europa, aus welchen sich vielleicht am Ehesten eine handvoll an regionalen Leitkulturen destillieren liesse, ist von Kriegen, mehr oder weniger freiwilligen Völkerbewegungen und Machtmissbrauch aus Egomanie gekennzeichnet. Die größte, europäische Leistung dieser Zeitspanne ist, ohne jedwede Diskussion, die Gründung der Europäischen Union. Wer hier widerspricht, sollte ein wirklich sehr gutes Argument zur Hand haben, warum die Schaffung eines möglichen, kontinentalen Miteinanders ohne Waffengewalt, nicht die allerhöchste, die mächtigste Leistung war und auch noch ist. Keine technische Revolution kommt dieser Errungenschaft gleich.

Die Erhaltung dieser Union ist noch wichtiger, als die Bekämpfung von terroristischen Umtrieben. Die Erhaltung der Freiheit in dieser Union ist ebenso von größter Bedeutung. Und dies gilt umso mehr, als der bereits erwähnte paneuropäische Nationalismus um sich greift, der auf die Wiedererrichtung von Grenzen setzt, sowie auf die Wiederbelebung von nationalen Gefühlen und das Fehlen dieser unter Strafe stellen möchte.

Hier frage ich: Welches Land – nicht nur im Bereich der Europäischen Union – ist ein reines Land? Es gibt sie nicht mehr, heißt die einzig korrekte Antwort. Spätestens mit Beginn des demokratisierten Individualverkehrs hat die Durchmischung der Völker und Ethnien einen höchst erfreulichen Grad an süßer Unreinheit erreicht. Jedes Individuum an jedwedem Ort dieses Planeten hat einen individuellen Hintergrund. Durch die Möglichkeiten der Vernetzung werden auch die inneren Erlebniswelten weiter von regionalen Leitkultürchen entfernt. Und in diesem Sinne ist eine Einnordung auf diese Leitbilder höchstens unter Ergreifung von Zwangsmaßnahmen möglich, sollte sie auch für die Eingeborenen gelten und nicht nur für die einreisenden Fremden. Letztlich werden im Bezug auf die Errichtung einer Leitkultur auch Erinnerungen an die Gleichschaltungen im dritten Reich wach.

Eine Leitkultur ist nicht mehr, als eine Normierung. Und diese ist das Ende der Individualität. Das diese Ideen derzeit auch in Ländern um sich greifen, die doch gerade unter den Deutschen des dritten Reichs gelitten haben, kann als sehr merkwürdig empfunden werden. Gibt es keine anderen Wege, um die innere Verbundenheit zu einer Region aufleben zu lassen? Und weshalb bezieht sich ein Stolz immer auf eine ganze Nation? Was hindert Menschen daran, stolze Menschen aus Cornwall, Lothringen, den Podlachien, Umbrien zu sein? Sind die regionalen Wurzeln nicht stark genug, um den faden Glanz des Nationalismus zu überstrahlen? Sind Nationen überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch gesetzt, sondern ernsthaft zur Überlegung gestellt.

Diese Frage wird von der Welt verworfen und nie beantwortet. Dieser Text wird nie eine Anregung sein. Der Ansatz ist noch nicht zeitgemäß. In keiner Weise. Und Utopien braucht wohl niemand. Es ist der letzte Text, den ich geschrieben habe.

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01. August 2015

Guten Tag, liebe Leserin. Es ist einige Zeit vergangen, seit ich zuletzt an dieser Stelle ausholte, um meine Gefühle zu äußern oder einfache abstruse Geschichten in die Welt hinauszulassen. Warum schwieg ich seit Wochen? Gab es keine neuen Gedanken? Nein, ganz im Gegenteil. Es war mir einfach unmöglich soweit zu fokussieren, daß ich an dieser Stelle auch nur ein fast vernünftiges Wort hätte äußern können.

Das sei heute möglich. Ich möchte daher beginnen, Sie mit dem rätselhaften Wesen von Äußerungen zu belästigen. Die folgenden zwei Sätzen sind dabei die Konfrontation:

„Der Neoliberalismus ist der neue Faschismus“ lautet der Erste.

„Neoliberalisten sind die neuen Faschisten“ ist darauf die Nummer Zwei.

Sie spüren vermutlich schon, worauf ich hinaus will. Im ersten Fall wird eine wirtschaftspolitische Strömung unserer Tage beschrieben und in eine negative Ecke gestellt. Im zweiten Fall wird das ganze auf eine persönliche Ebene geholt. Die Menschen, welche in Fall #1 noch als Teil eines Ganzen beschrieben werden, sind nun demaskiert. Doch was möchte ich Ihnen genau damit sagen? Zum einen ist dies meine Meinung. Vor allem die Aussage #2. Der erste Satz kommt verängstigten Menschen über die Lippen, wobei ich damit keinen Vorwurf gegen diese verknüpfen möchte. Doch ist mir wirklich daran gelegen, jene Zeitgenossen, welche neoliberalen Wirtschaftsströmungen etwas Positives abgewinnen können, meinen ganze Hass entgegensetzen. Warum? Weil sie die neuen Faschisten des 21. Jahrhundert sind. Die Feinde jedweden humanen Umgangs in dieser Welt sind nicht ein paar verirrte NPD’ler oder Pegidisten, sondern jene, welche das Unbehagen, welches auch jene fehlgeleiteten Teilzeitrassisten befällt und in ihren Visionen bestätigen mag, erst entfachen und schüren. Und so kommen wir auf die Neuauflage von „Mein Kampf“: Es heißt heute TTIP, als Beispiel. Wie schon in der blutigen Erstauflage im 20. Jahrhundert ist es für die Großwirtschaft wichtig, den Faschismus an die Macht zu hieven. Denn, meine lieben NPD’ler und Pegidisten und andere mittelständische Ausländer- und Asylfeinde: Möchtet Ihr wissen, wie es Euren sogenannt arischen Vorvätern in jenen als glorreich aufgebauschten – je nach Geisteshaltung sind es zwölf oder auch tausend – Jahren ergangen ist? Jenen aufrechten Deutschen, die auch mit ihrem Schweiß und Blut jenen Unterdrückungsstaat mit konsequenter Ausbeuterhaltung stützten, ohne zu wissen, wie sehr sie von ihren Führerwesen betrogen und – je nach sexueller Ausrichtung – in ihren blanken Arsch gefickt wurden? Ist der Arier Max Mustermann aus Mainz in jenen Jahren vom einfachen Bürger zum Wohlstandswesen geworden? Kennt Ihr einen Menschen, der in jenen Tagen einfach aufgrund der politischen Situation aufgestiegen sei? Vermutlich nicht. Alles, was in jenen Tagen vielen deutschen Bürgern unrechtmäßig geraubt wurde, ist in den von vornherein üppig gefüllten Taschen jener gelandet, die entweder schon vor 1933 begütert waren oder zur politischen Elite gehörten. Falls Sie Fakten brauchen, forschen Sie bitte nach, wie Josef Neckermann zu seinem blühenden Versandhandel gekommen ist, der ihm auch nach 1945 nicht mehr abhanden kam. Soviel zu nicht gesühntem Unrecht.

Und so wird es wiederkommen. Mit einer Hand voller gekonnt platzierten Unterschieden. Da der neoliberale Faschismus der Gegenwart weiß, daß die Politik selbst nicht mehr so blauäugig ist, daß sie sich wie in jenen wilden 1920’er Jahren aushebeln ließe – wobei in jenen Tagen auch die Macht der alten, kaisertreuen Eliten noch ihren erheblichen Teil beisteuerte – so nutzen die neuen, global auftretenden und vernetzten Extremisten des Kapitalismus neue mitgestalteten Hohlräume, um mit deren Hilfe entscheidende, zukunftsträchtige Nervenzentren zu besetzen. Ein Mittel hierzu ist jener TTIP genannte Hammer, welcher sich 1933 als der Reichstagsbrand zeigte. Mit Hilfe dieses Werkzeuges ließen sich damals schon die Ermächtigungsgesetze gegen jeden noch übrig gebliebenen Glauben an solch Utopisches, wie die Demokratie durchprügeln und auch heute werden wir noch erfahren, welche neuen Einsatzmöglichkeiten sich bieten werden. Was schon klar angezeigt ist: Politik in ihrer zur Zeit noch durchgeführten Erscheinungsform wird beendet. Ein Bundestag, ein House of Commons, ein amerikanischer Senat, eine Duma werden noch tagen, doch wird ihr Wirkungsfeld unbedeutend sein. Nationalstaaten werden noch existieren, Grenzen werden noch bewacht werden, es wird mit höchster Sicherheit noch bewaffnete Konflikte geben, doch ist dies nur noch Spektakel im Sinne der neuen Herren. Wer werden diese sein?

Namen werden dabei keine Rolle spielen, denn wo einst führende Spinner jener untergegangenen DDR noch meinten, daß „die Partei immer Recht hat“, so wird in Zukunft mehr als bereits heute „Der Markt alles regeln“. Dies ist die neue Maxime des kommenden Totalitarismus.

Ich werde nun einige Fragen stellen:

Aus welchem Grund sind Wirtschaftsjournalisten schon seit etlichen Jahren immer wieder mit Äußerungen aufgetreten, daß diese oder jene Fusion/Übernahme wichtig sei, sie gar nicht zu vermeiden sei? Anders formuliert ließe sich fragen, warum eigentlich zur Objektivität verflichtete Journalisten dem Größenwahn der Wirtschaft das Wort reden?

Aus welchem Grund lassen sich die sogenannten Volksvertreter – vor allem der aktuell noch existierenden europäischen Demokratien – von jenem hemdsärmeligen, neuen Faschismus zur Bedeutungslosigkeit degradieren? Wenn diese Menschen noch einen letzten Funken an Anstand und Ehre besäßen, würden sie endlich aufstehen und dem syndikalistischen Moloch, der vor ihren Augen entsteht, Einhalt gebieten. Doch nein! Die Angst geht auch in Berlin, Paris, London, Rom, wo auch immer um, daß man persönlich nach der Zeitenwende, die uns allen droht, von der neuen Herrschaftsebene heruntergefegt wird. Wir wissen noch nicht, wo und wie das neue Auschwitz entstehen wird, doch das es kommt, daß wird selbst der wetterwendisch verängigstigte, europäische Mittelstand zu spüren bekommen, der sich zur Zeit noch vor ärmlichen, verängstigteren Flüchtlingen aus den schon entstandenen Krisengebieten fürchtet.

Die nächste Frage schließt hier nahtlos an: Wann wird die versagende Politik vielleicht noch eine letzte Kehrwende schaffen und den Märkten einen Riegel vorschieben und Spekulation um Währungen und Grundnahrungsmittel verbieten? Wann wird eine auch über Europa hinausgehende, globale Regelung getroffen, daß Wasser ein Gemeingut ist und niemals in ein Unternehmensportfolio integriert werden darf? Und Wasser ist dabei wirklich der Name des kleinsten, gemeinsamen Nenners.

Warum sind Banken systemrelevant? Diese Frage ist in insofern wichtig, da wir in den letzten sieben Jahren leider Zeugen werden mußten, welche Mengen an Volksvermögen dazu mißbraucht wurden, um der Bejahung dieser Frage zu dienen. Insofern möchte ich die Frage auch umstellen: In welchem System sind Banken relevant? Im ersten Moment möchte man dabei daran denken, daß Guthaben von Bürgern und Unternehmen im Falle eines Bankentodes bedroht sind und der Zerstörung anheim fallen. Doch genau dies ist es, was in Krisenfällen, wie dem drohenden Staatsbankrott in Griechenland passiert. Und das schon bevor der Worst Case Scenario eintritt. Wen schützt dieses System, in welchem Banken relevant sind?

Wir, die Bürger der sogenannten Ersten Welt, haben diese Situation heraufbeschworen und gefördert. Wir handeln seit etlichen Jahren mit Aktien. Wir wollen den tosenden Fortschritt. Wir lieben unseren Wohlstand und unsere Informationsflut. Wir sind abhängig vom Thrill der Gegenwart. Und wenn ich diese Worte hier auf einem Portal, wie Facebook, veröffentliche, mag dies als Paradox erscheinen, doch liegt mir daran, die Möglichkeiten, die hier geboten werden, für diese Revolte zu nutzen.

Es ist an der Zeit den global agierenden, sich selbst für mehr als systemrelevant ansehenden Konzernen und Lobbygruppierungen zu zeigen, daß der moderne Mensch fähig dazu ist, den wahren Feind der eigenen Freiheit zu erkennen und sich ihm entgegenzustellen. Ich verbiete keinem jener Konzerne, sei es Nestle als Beispiel, nicht, ihr Kerngeschäft zu betreiben und Produkte herzustellen und sie, wo es gesetzlich möglich ist, zu vertreiben, doch ihrem Machtstreben sind Grenzen zu ziehen. Es muß verboten sein, daß jene TTIP vorantreibenden Konzerne sich jenseits der Politik, und damit sind die Interessen von Völkern, Bürgern, Menschen gemeint, ein eigenes, wucherndes Herrschaftswesen zu installieren. Es ist eine klare Grenze zu definieren, wo die Interessen von Bürgern bedroht werden, und wenn sich dabei einer jener Konzerne zu erkennen gibt, ist er zu zerschlagen. Die Politik, die Staaten müssen wieder eine erkennbare Handlungsfähigkeit zurückerlangen. Dazu muß eine striktere Trennung der Arbeit eines Politikers von wirtschaftlicher Tätigkeit vollzogen werden. Es kann nicht sein, daß gewählte Volksvertreter gleichzeitig in Aufsichtsräten von Unternehmen sitzen. Dies mag Usus sein, doch letztlich ist es ein Verrat an jenen, die von diesen Menschen vertreten sein wollen. Genauso muß das Unwesen an Parteispenden vollständig ausgeschaltet werden. Ein Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika mag genügen, um zu erkennen, welches Höchstmaß an Terrorismus hieraus entsteht, wenn Frauen, wie Männer, die sich um politische Ämter bewerben, ihren sogenannten Wahlkampf nicht mehr durchführen können, wenn sie nicht mehrere Millionen an Dollar Spenden erhalten? Liebe Leserin, Sie mögen sich vermutlich daran stören, daß ich diese Form von Finanzierung Terrorismus nenne, doch frage ich Sie, wieviel infrastrukturielle Hilfe möglich wäre, wenn diese gesamten Ausgaben dazu genutzt würden, um in überbevölkerten Teilen dieses Planeten nur einmal Grundsätzliches, wie die Wasser- und Hygieneversorgung verbessert würde? Ich bleibe dabei, Wahlkampfspenden als multinationalen Terrorismus zu brandmarken, der die IS als kleine Pfadfindergruppe aussehen läßt. Und vergessen Sie bitte nicht, daß dieser Akt des Terrors eine bakterielle Infektion hinterläßt, die später erst zu wahrer Pracht ausbrechen wird. Oder halten Sie George W. Bush wirklich für den verantwortungslosen Volltrottel, den er über Jahre spielen mußte? Der Mann wußte, das er früher oder später enttarnt würde. Und hier geht es nicht um Verschwörungen, sondern darum, zu erkennen, daß eine Menge Geld an der falschen Stelle Leichenberge produziert. Es ist dabei egal, wie. Es wird passieren. Mit Gott, oder ohne Gott. Religion ist kein Teil jenes Spektakels, das im Laufe der technischen Revolution des 20. Jahrhunderts aufgezogen und bis heute verfeinert wird.

Lesen Sie ruhig George Orwells 1984. Sie können die dort genannten Namen gerne durch jene ersetzen, die Ihnen dabei durch den Kopf gehen mögen. Und danach ziehen Sie ihre Schlüsse und handeln.

23. Mai 2015

Okay, Angst. Am heutigen Morgen ist mir Moriarty begegnet, der Erzfeind. Schon war mir klar, daß die Aussage, daß ich mich freuen würde, über das Thema Angst zu schreiben… äh… ein wenig das berüchtigte Pfeifen im Walde war. Wer mag Angst? Sicherlich kann sich etwas daraus entwickeln, wenn ein Mensch sich der Angst stellt und sie überwindet. Doch das ist leider der eher seltene Fall, zumal ich auch heute morgen, als ich Moriarty in seinem schwarzen BMW davonfahren sah, spürte, daß Angst letztlich dadurch am gefährlichsten ist, das sie völlig irrational ist. Kenne ich meine Furcht? Eine gute Frage. Sie ist kaum zu beantworten, da die Ängste in immer neuen Verkleidungen, immer neuen Masken auftreten. Jede Situation, in welcher die innere Unsicherheit um sich greift, ist anders. Um einen kleinen Seitensprung zu den von mir behaderten Ängsten anderer Menschen zu wagen: Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß sich Menschen wirklich vor konkreten Triggerbanden fürchten, sprich als Beispiel die Angst vor den fremden Menschen, die in „meinem“ Land nichts zu suchen haben, nur eine Reflektion ist, die vor allem die eigene(n) Schwäche(n) kaschieren soll. Dazu sollte ich ausführen, daß der Begriff der Triggerbande von mir gerade erfunden wurde. Der Trigger existiert und er trägt manchesmal die Gestalt eines Menschen, der Angst auslöst. Manchesmal ist es auch eine Gruppe von Menschen, doch nie die Triggerbande, die sich als Exempel „der Ausländer/Homosexuelle/Zigeuner“ nennt. Angst ist auch nicht so einfach zu entlarven. Sie wohnt in der Tiefe ihres Wirtes. Sie reagiert auf Eindrücke ihres Wirtes, doch auch auf äußere Impulse, auf die der Wirt keinen Einfluß nimmt. Sie ist insofern bespielbar für einen Dritten, denn sie lebt von der Bestätigung, die sie zum Aufplustern bringt. Ist der Trigger bedient, trägt die Angst ihr schönstes Kleid, schillert sie in den leuchtendsten Farben. Sie betritt ihre Bühne und tanzt dort. Sie setzt sich unter dem Namen Moriarty in ihren BMW und kreuzt meinen Weg, grinst mir frech ins Gesicht und zeigt eine Faust, die mir sagt: „Wenn es mir plaisiert, werde ich dich zerquetschen. Und niemand wird dir zur Hilfe eilen, denn du bist die Schwäche, die ich, Moriarty, ausmerzen werde. Alle Götter sind mit mir, dem Starken.“ Es erzeugt diese Enge im Hals. Der Griff der kalten Hand um mein Herz, welches sich zusammenzieht. Das Pochen im Bauch. Der Fröstel auf den Armen, im Nacken. Da ist sie und wuchert.

Vor einigen Wochen schrieb ich folgende Worte: „Eine Frage, die sich ein Opfer immer stellen sollte ist: Was brauche ich? Abstand? Konfrontation?“ Dieser Textpartikel ist so auch zur Angstbewältigung zu schreiben. Es hat keinen Sinn grundsätzlichen Abstand oder Konfrontation zu fordern, denn die Art der Angst ist, daß sie auch individuell gemeistert werden will. Doch es gibt immer den einen Weg, den der Wirt versuchen sollte: Der Blick in die eigene Tiefe, an den Platz, an welchem die Angst wurzelt. Doch bitte auf diesen Weg nur mit Hilfe eines geschulten Therapeuten gehen. Dinge, die man dort sieht, können zu irrationalem Verhalten anhalten. Ich weiß, wovon ich schreibe.

21. Mai 2015

Wenn ich hier schreibe, stellt sich zu Anfang die Frage: Was ist das Thema? Gestern noch hatte ich mich dagegen entschieden, den Oldfield’schen Reigen mit dem Album Incantations weiterzuführen. Ich werde mich in naher Zukunft darum kümmern, doch nicht in diesem Text. Es folgte der Impuls über den Sommer 1982 zu schreiben. Das tat ich dann, bog jedoch ab, um die arme Band Supertramp und ihren damaligen Hit it’s raining again zu beschimpfen. Dann löschte ich das Ganze. Und nun?

Was kann das Thema sein? Jeder Mensch, der schreibt, muß diese Frage ständig beantworten. Wobei selbstverständlich auch jeder Mensch seine Eckpunkte besitzt, die immer wiederkehrend behandelt werden. Ich bin ein Musikfanatiker, seit Jahrzehnten. Damit ist klar, daß hier immer wieder Musik behandelt wird. Darüberhinaus bin ich ein politisch bewußter Mensch, der sich jedoch schon seit Jahrzehnten (schon wieder!) im links-liberalen Feld angesiedelt sieht, was vermutlich ein Erbe der dunklen Kohl-Ära sein könnte. Ebenfalls bin ich ein religiöser Zweifler. Dieses Thema habe ich erst vor kurzem so intensiv, wie mir möglich, behandelt. Und damit komme ich in die Nähe des Kerns dieses Textes. Jeder Mensch sollte zunächst über Themen schreiben, mit welchen er sich auskennt, auseinander gesetzt hat, erlebt hat. Dahinter darf keine Grenze errichtet werden, denn die Fantasie wäre ansonsten sinnlos und ohne die kann niemand überleben. Fantasie ist eine Facette der Hoffnung. Dennoch möchte ich hier das Thema der Angst behandeln. Schließlich hatte ich in meinem Beitrag zum 17.05.2015 vollmundig die Befürchtungen Dritter pöbelnd und spöttisch angesprochen. Ja, ich kenne mich auch aus damit. Diesen Satz schrieb ich gerade mit dem spitzen Lächeln des Profis. Damit ich das ganze etwas auswalzen kann, werde ich denn hiermit ankündigen, daß es an diesem Platz in den nächsten Tagen um Musik und Angst gehen wird. Bei Zeus, ick freu mir!

Vom knirschenden Ungleichgewicht

Liebe Welt,

heute lege ich Dir einen Text vor, den ich vor einigen Wochen als einen Haufen durchweichter Papiere auf dem angrenzenden Maisfeld vorgefunden habe. Es hat seine Zeit gedauert, sich über den Wert und dann über die Worte des Textes klarzuwerden, denn die Schrift war teils schwer entzifferbar geworden. Eine Handvoll Lücken wurden von mir nach Gutdünken gefüllt.

Der Name der Trauer.

Dieser Mensch hatte sich vor einigen Monaten hingesetzt, um ein Pamphlet zu Papier zu bringen. Er setzte in großen Lettern den Titel „warum ich traurig bin“. Dann verstummte er. Es erschien kein Wort auf dem Papier. Nicht, dass die Traurigkeit ihn in diesem Moment fluchtartig verließ, da er sie zu bannen suchte. Da er sich auf den Versuch einließ, durch Schreibarbeit die Wege offenzulegen,auf welchen ihn das Niederdrückende heimsuchte. Der Grund, warum er morgens erwachte und Spuren von Tränen wegwischte. Er aus Fenstern starrte und die Gedanken dort heraus sich auf Reisen begaben, um nie wieder zurückzukehren an einen realitätsbezogenen Ausgangs- oder Zielort. Er auch immer wieder aus Fenstern starrte, ohne das sich Gedanken bildeten. Er aus Fenstern starrte, um des Starren willens. Er einen Druck in seiner Brust spürte, der sich auch als ein Bohren dort offenbaren konnte. Der Griff und die Kälte im Nacken, die Enge im Hals. Die Schwere in den Schultern. Doch dieser Mensch war körperlich gesund. Er war erfüllt von Traurigkeit, und nun entzog sich dieser Zustand mit einem Schlag dem Versuch in Worte gefasst zu werden.

Der Mensch blickte auf, stellte seine Augen auf Fernschau, ließ den Gedankenstrudel seine Spielchen treiben, doch warf dieser keine Worte auf, die der Mensch schnell schnappen und verwenden könnte. Nein, heute nicht, sprach die Melancholie. Heute wirst du mich nicht fassen.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Da saß er nun und trauerte über den Verlust der Worte über seine Trauer. Was sich anließ wie eine Posse, eine Schmierenkomödie, war nun nur ein Abbild des Normalzustands, in dem sich der Mensch befand. Und warum war dies so? Es passte nicht. Die Welt und der Mensch passten nicht. Der Mensch fühlte sich unterlegen, sinnlos und als unnötiges Utensil eines überfüllten Planeten. Des Menschen Herzen wurde von einem leichten Flimmern umfasst, als riefe es, dass es noch da sei, dass es doch schlage und seine Arbeit vorzüglich verrichte. Der körperlose, tränenerstickte Schmerz legte sich wieder über die Schultern des Menschen, verstummte andere körperliche Regungen, so dass der Protagonist wieder starren konnte. Unbewegt, unbeweglich. Ein leichtes Gefühl von Brechreiz durchflutete den oberen Teil des Körpers. Ja, hätte er nur auf die Zeichen geachtet, hätte er diese beschrieben, doch viel zu nah schien ihm das Wesen seines Körpers, und doch so fern. Denn er mißachtete ihn. Der Mensch rauchte, er ließ Messerspitzen tiefe kleine Lochpunkte in seiner Haut hinterlassen, er pfiff auf überlegte Ernährung, aß im besten Falle nahezu nichts. Dass der Mensch nicht hager und dürr war, sondern eher gegenteilig, lag an den nächtlichen Hungerattacken, die ihn zu höchst fetthaltigem Frass trieb, der ihm darauf auch die Lust an körperlicher Aktivität restlos madig machte.

Es war dem Menschen von Zeit zu Zeit, als schaue er auf das Treiben der Welt durch Glas. Mal klarer, mal milchig, doch war da diese Trennung, dieser luftleere Raum, verpackt in Härte. Und immer wieder gab es diese Momente, in denen sich die inneren Organe zusammenzogen, gar zusammenkauerten in dieser riesigen Höhle, in die man sie gepfercht hatte. Und immer wieder quollen Tränen, befeuchteten die Augenränder, ließen sie glänzen. Ein Hauch von Nässe. Doch damit war kaum erklärt, was zwischen diesem Menschen und der Welt nicht passen mochte. Eine Art von Andeutung höchstens. Ein Zeichen von Angst und Ablehnung auf der Seite des Menschen. Ein Verhalten, ähnlich der Krankheitsabwehr des Körpers.

Und die Welt? Wenn sie mit Scheinwerfern im Rücken des Menschen auftauchte, schuf sie oft einen nahezu panischen, zitternden Grund der Antipathie des Menschen. Wie oft wünschte er sich, mit einem Griff zu einer geladenen Waffe dieses Eindringen in seine Welt, dieses gewaltsame, gewaltbereite Verhalten zum Verstummen zu bringen. Gezielte Schüsse gegen die grellen Augen der Welt, das schien ihm eine ebenso konkrete, wie geniale Geste zu sein. Doch in jenen Momenten brachte die Welt nicht die Reaktion nach Außen, nur die Angst,die sich tiefer in den Menschen fraß. Sie hatte schon vor Zeiten begonnen, Teile der Organhöhle zu besetzen und sich dort einzunisten.

Worauf bezog sich die Welt im direkten Umgang mit dem Mensch? Auf sein wahrhaftiges Auftreten, oder auf den Schein, den er selbst produzierte, oder das Bild, das die Welt sich von dem Menschen machte? Wie wurde er aufgenommen? Seine Worte, seine Taten, die ungesprochenen Worte, das Zucken einer Hand, das Augenzwinkern, die gelassenen Taten, das leicht hörbarere Atmen, die niedergeschlagenen Augen, die gekreuzten Arme? Und worauf mochte jener Mensch achten, wenn die Welt ihm gegenübertrat? Mit einem Mal war er wachsam wie ein Schießhund, oft aber achteten seine müden Augen kaum darauf, daß sich dort außerhalb irgendetwas regte. Viel zu lange hatte er sich vor vielen Jahren der Welt verschlossen und war für sich alleine geblieben. Er hatte gelernt, mit sich selber zufriedengestellt zu sein, und erwartete oft auch nicht viel Positives, wenn die Welt sich ihm zeigte und ihm sogar ein freundliches, sonniges Hallo zurief. Selbst dann kam hinter der Fassade, die jener Mensch inzwischen perfektioniert hatte, gerade mal eine aus liegengebliebenen Resten zusammengekratze Erwiderung zustande.

Hätte die Welt das bemerkt, hätte sie mit all ihren Milliarden Partikeln diesem Menschen ihren großen Rücken zugekehrt und ihn kaum einmal mehr behelligt. Doch noch befand sich dieser Einzelne in der Situation, daß er Teil dieser Welt war, mit der es nicht paßte. Und die so häufig diese unangenehmen Reaktionen in ihm hervorrief. Wobei es nur natürlich war, daß dieser Mensch auf eine gefühlte Aggression mit Bestürzung, Angst und Wut reagieren mochte, doch waren dies mehr als nur gefühlte Angriffe? Und gab es weitere solcher Situationen und was war daran, daß es dieses starke Ungleichgewicht in jenem Mensch erzeugte? Er saß nun da, hielt den Kopf in seinen Händen und war in Grübelei versunken.

Der Mensch selbst war sich einerseits bewußt, daß er es mit einer knirschenden Zusammenkunft zu tun hatte, doch verwunderte es ihn gleichermaßen. Denn, trotz all der Gefühle, die ihn immer wieder bis an den Rand des Erträglichen führten, gar trieben, war er immer wieder von der Meinung durchdrungen gewesen, daß er doch ein ganz normaler Mensch sei, wie jeder andere auch. Mal froh, mal nicht, heute Sonne, morgen Regen. Diese Stürze in den Abgrund hatte es nicht unbedingt sein Leben lang gegeben, mit einem Male waren sie in eben jenes getreten. Der Mensch vermutete, daß dies mit dem Beginn der Sexualität einhergegangen sein müsste, doch war er sich nicht sicher. Es wäre ihm nur Recht gewesen, hätte er den Fall den ablehnenden Mädchen in die Schuhe schieben können, die ihm mit einem Nein entgegengetreten waren, als in ihm erstes Begehren auftrat. Doch als er sich nun durch seine Vergangenheit wälzte, wurde ihm schnell klar, daß Angst schon zuvor ein großes Thema in seinem Leben gewesen war. Die Angst vor dem Tod hatte ihn schon in einstelligem Alter schwer zugesetzt. Da kam die Erinnerung an eine Nachricht im Radio, die den Vollzug einer Exekution in den Vereinigten Staaten durch den elektrischen Stuhl gemeldet hatte. Der Mensch, damals noch ein Kind, konnte tagelang kein Auge mehr zu tun in der Nacht. Die Vorstellung einer überwachten Tötung eines Menschen stellte sein junges Innerstes auf den Kopf.

Ja, aber wer in dieser großen Welt, hatte keine Angst? Jeder musste in einem bestimmten Rahmen von diesem Gefühl erfahren, denn es alleine war zu einem Teil echte Lebensnotwendigkeit. So sagte sich dieser Mensch und blickte auf seine leicht zitternde Hand. Saß ihm die Angst gerade im Nacken? Vor einiger Zeit hatte er sie in einem Traum gesehen. Er hatte sich an einem völlig dunklen Platz befunden, und mit einem Male war dort diese Tür, die leicht geöffnet war und es quoll gelbes Licht heraus. Was in dieser Finsternis ein durchaus positiver Aspekt hätte sein können, wurde zum einen durch das Wissen, was sich hinter der Tür befinden könnte, zerschlagen. Und das Licht wurde durch feine Linien ge- und zerbrochen, es war als läge ein perfekt geometrisches Spinnennetz über dem Lichtschein. Es war die Tür zum Raum der Angst. Der Traum hatte schnell genug geendet, bevor dieser Mensch sich aufgemacht und der Tür genähert hätte. So empfand er es einerseits, dann wiederum fragte er sich, ob ein Blick in diesen Raum wirklich fatal gewesen wäre?

Ja, die Angst vor einer traumatischen Begegnung. Die Angst, etwas zu erblicken, das den Menschen im Rest seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Und im Hintergrund die Frage: Hatte dieser Mensch vielleicht schon Erfahrungen mit Traumata gesammelt? War da etwas, was die jetzt auftretende Furcht vor dem Blick in den Raum der Angst berechtigte? Was den puren Wissensdurst hemmte und den Menschen auch in vielen Lebenssituationen zusammenkauern ließ, anstatt mit wachem Blick den Dingen der Welt nachzuforschen und erlebtes Wissen zusammenzutragen. Ja, es passte nicht zwischen diesem Menschen und der Welt, wieder war das Knirschen unüberhörbar. Der Eindruck musste sich aufdrängen, das einst kindliche Neugier mit Knüppeln niedergetan war. Vielleicht war dieses Bild ein wenig drastisch gewählt, doch als Symbol tat es seinen perfekten Dienst, denn so gekrümmt der Mensch nun hockte, war der Eindruck jener des Niedergeschlagenen.

Aber man hatte diesen Menschen schon lachen gesehen und dies nicht in einem tiefen Keller, sondern unter anderen Menschen. Gar gelöst und befreit wirkend, daß es den alten Jorge von Burgos zu schlimmsten Verwünschungen verlockt hätte. Doch waren dies begrenzte Momente, Phasen, die leider selten einmal eine längere Zeit überdauert hätten. Diesen Menschen betrachtend, wünschte man sich für alle Menschen mehr Freude, mehr Freundlichkeit, doch sind viel zu viele Existenzen unterjocht durch solch intransparente Wortschöpfungen, wie Umstände. Es mag gegeben sein, daß schon immer die Menschen sich ihrer regionalen, wie familiären und individuellen Gegebenheiten soweit unterwarfen, wie dies tragbar war oder schien, doch kommt die Knechtung der Gegenwart eher aus anderen Richtungen, welche im temporären Sieg des Kapitalismus gegründet sind. Die Befreiung der weltweiten Märkte benötigte die ebenso globale Bestückung der Dienstleistungsektoren, die nach dem 24/7-Prinzip zu bedienen haben. Diese In-Abhängigkeit-Bringung bringt einerseits einen Aufwand, den der Dienstleister einzubringen hat, bevor er zu einem späteren Zeitpunkt eine Entlohnung erfährt, die oft einen emotionalen Input verlangt, welcher selten aufgewogen werden kann. Besonders, wenn es zwischen dem Menschen und der Welt nicht passt, gerät hier das Ungleichgewicht nur noch stärker. Ein weiterer Aspekt des temporären Siegs des Kapitalismus ist die permanente Bedrohung der Verlagerung von Orten der Dienstleistung und/oder Produktion, welches im Rahmen der Globalisierung zu einem relativen Kinderspiel geworden ist. Dies geht in Hand mit der Auflösung staatlicher Strukturen, die wenig mehr als die sagenhaften Potemkinschen Dörfer darstellen können. Alleine ihre Knechtung des Nicht-mobilen Mittelstands gibt ihnen noch Halt und eine, wenn auch mit Tränen und Blut erkaufte Sinnhaftigkeit.

Doch gehört dieser letzte Absatz in die Beobachtung eines Menschen, der Worte über seine Trauer sucht? Ein Absatz, der mit dem Lachen beginnt und mit dem glücklosen Geflecht aus Staat, Geldfluß und Kapitalismus endet? Es mag aus Sicht vieler Menschen nicht das Wichtigste sein, das hier gerade angesprochen wurde, doch spielt es in der inneren Chemie eines Menschen eine durchweg entscheidende Rolle. Gerade auf dem Weg, diese aus dem Gleichgewicht zu befördern. Richtig ist jedoch auch, daß es genauso viele Gründe für diese Störungen gibt, wie es Menschen auf diesem Planeten jemals gab. Und auch dieser einzelne Mensch hatte auch bereits inneren Tumult kennenlernen müssen, der aus – von außen betrachtet – völlig nichtigen Gründen entstanden war. Persönliche Gründe, privates Leid, das erste leise Knirschen und damit ein Schritt auf dem Weg, irgendwann sich zu fragen: Warum bin ich traurig? Um keine Antworten darauf zu finden, und später mit gebeugtem Kopf in den Händen verborgen, sich bis zu den letzten Sinnfragen durchzuhangeln. In der Situation, die man dann betritt, ist der gefühlte Sinn eines Lebens zumeist schon zuvor negiert worden.

Und eines ist in jedem Falle sicher: Die Welt, mit der es nicht paßt, wird diesem Menschen keine Hand reichen. Der Schritt weg von der Melancholie ist immer der erste jenes Menschen.

Und er hob den Kopf, griff sich einen Stift, ein Blatt und begann Dinge aufzuzählen, die er mochte. Und aus dieser Bewußtwerdung seiner selbst, drückte sich das Rückrat durch, saß der Mensch plötzlich aufrecht.

Ich mag den ersten Frost im Jahr

Ich mag den ersten warmen Frühlingstag

Ich mag zirpende Grillen

Ich mag ausgeglichene Momente kosmischer Ruhe

Ich mag Waldgespräche mit Vögeln

Ich mag die Eiche

Vor allen Dingen Eichenblätter

Ich mag verrostende Industrieanlagen, Bahnhöfe

Ich mag die warme, herbstliche Logik der Mathematik

Ich mag mystische Gedankenwelten

Ich mag Donner und Blitz

Die tosende Auflösung von Spannungen

Ich mag den ruhenden Blick auf wunderschöne Landschaften,

Ich mag das Tanzen, Treiben, Fließen in Rhythmus und Melodie

Ich mag die Liebe

Ich mag den inneren Reichtum

Ich mag die brennenden, erwärmenden Farben,

vor allem Orange, oh Orange, monumentales Orange

die kühlen, labenden Farben

Ich mag die Weite des Kosmos

Ich mag es, den Kosmos in meinen Gedanken zu erkunden

Ich mag Langsamkeit

Ich mag Märchen, Sagen, Legenden und ihre rüttelnde Wirklichkeit

Ich mag Fußball und Pfefferminztee

Ich mag schöne Augen

Ich mag das Zweilicht

Die Spiele von Licht und Schatten

Ich mag einen gutgemischten Campari Orange,

seine sommerliche Abendröte

Ich mag die Wärme der Zusammenkunft

Ich mag die Wärme des Abschieds, der nicht ewig dauert,

Ich mag die Berührung, auch wenn ich zurückschrecke

Ich mag die Nähe, auch wenn ich mauere

Ich mag Zimt und Curry und selbstgebackene Plätzchen

Ich mag Tränen, auch wenn ich keine zeige, sie sind oft da

Ich mag meine Freunde

Ich mag Menschen, die ihr wahres Gesicht zeigen

Ich mag auch Geheimnisse, doch die sind meist vergraben

Ich mag die Nacht, den Morgen, die Stunden vor Sonnenaufgang

Ich mag Strommasten in der Dämmerung

Ich mag ziellos kurvende, verwachsene Flüsse

Ich mag zerfallene Häuschen an Bächen

Ich mag die Einsamkeit, die sie darstellen

Ich mag Dinge, die außerhalb des Fokus liegen

Dinge, die noch nie von Menschenhand berührt wurden

Ich mag den, der dies liest und nicht den Kopf schüttelt

That’s it, Folks.

Der ursprüngliche Schreiber war sicherlich kein Nitzscheaner. Oder sonst ein Vollpfosten, hähähä. Meine Wenigkeit würde jedenfalls nie Zimt und Curry in einem Atemzug nennen.

Ihr ergebener, Herr Hansen