Gedanken über Schmerz und Stolz

Liebe Welt, normalerweise nutze ich diesen Blog nicht zur Kommentierung des Tagesgeschehens, doch heute treibt mich der Boulevard zu einer Ausnahme.

Der Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern München wurde heute medial bekannt gegeben.

Grundsätzlich sehe ich keinen Anlaß zu Kritik daran, daß ein Profifussballer von einem Verein zu einem anderen wechselt. Besehe ich mir die Reaktionen, die in den Weiten des Internets von Anhängern Borussia Dortmunds zum Besten gegeben werden, scheint mir, als sei diese Praxis nicht allgemein gewünscht. Der Dortmund verlassende Götze wird im besten Falle als „Judas“ beschimpft, womit eine Art von Verrat impliziert wird. Diese geäußerte Meinung steht konträr zu der Bekanntmachung von offizieller Vereinsseite, wonach dieser Wechsel vollkommen vertragskonform von statten geht. Warum dieser Furor, und anders kann ich die Wucht dieses Orkans an Exkrementen, die da gefeuert werden, nicht bezeichnen?

Herr Götze hat sich unklug verhalten, soviel steht fest. Erst einige Wochen sind vergangen, da äußerte er sich in einem Interview dahingehend, daß er sich eine lange Zeit bei Borussia Dortmund vorstellen könne, sogar bis zu seinem Karriereende. War zu diesem Zeitpunkt eventuell schon die Tinte unter dem Arbeitspapier in München getrocknet? Herr Götze sollte sich die weisen Worte in Erinnerung rufen: Hätte er geschwiegen…

Ohne diese Äußerungen wären die Reaktionen mit gravierender Sicherheit nicht von derartigem Impetus. Der gemeine BVB-Fan fühlt sich getäuscht. Auch ich kann nicht verhehlen, daß ich grundsätzlich sagen muß, daß der heutige Tag eine Zeit der Trauer ist. Vom sportlichen Aspekt handelt sich bei diesem Wechsel um eine durchaus enorme Schwächung der Dortmunder Borussia, und da hat der Anhänger dieses Vereins naturgemäß keine Freude dran.

Das Borussia Dortmund ohne Herrn Götze erfolgreichen Fußball spielen kann, hat man in der Rückrunde 2011/2012 gezeigt, als man ohne den durch eine Schambeinentzündung gehandicapten Noch-Dortmunder sich zum zweiten Meistertitel in Folge spielte, und darüberhinaus auch noch den Pokal gewann und dabei den FC Bayern München im Finale demütigte.

Und hier haben wir natürlich einen Aspekt erhascht, der den bayrischen Verein dazu veranlaßt haben mag, den Kader des neuen Hauptkonkurrenten abzuklopfen auf wechselfähiges Material.

Material. Dieses Wort sollte man sich im Sinne halten, denn oft wird in Bezug auf den genormten Profifussballer von Söldnern gesprochen. Ihr Herz vergeben sie immer zu 100% dem Verein, der gerade ihr üppiges Gehalt zu überweisen pflegt. Ich sehe jedoch daran nichts falsches, denn wer aus der Millionenschar an Arbeitnehmern im deutschsprachigen Raum würde für ein nichtig höheres Gehalt den aktuellen Arbeitgeber für einen neuen Herrn und Geldgeber verlassen? Ein hoher Prozentsatz ist für dieses Gedankenspiel vorstellbar. Und sind nicht auch Profifussballer Arbeitnehmer? Doch wird die Arbeit eines durchschnittlichen Unternehmens selbstverständlich nicht mindestens wöchentlich vor Publikum aufgeführt und ist auch eher selten mit dieser intensiven Form einer quasireligiösen Anbetung konfrontiert. Dies sollte jedoch den gemeinen Fussballer dazu veranlassen bei öffentlichen Äußerungen ein gewisses Maß an Vorsicht an den Tag zu legen. Dazu mag eine gewisse Reife auch gehören. Oder man mag eine entsprechende Offenheit, wie sie von einem Kevin Großkreutz manchesmal geradezu zelebriert wird.

Doch zurück zum Wechselspiel. Das der Weggang von Herrn Götze schmerzt, mag ich nicht leugnen. Doch brutal war für meine Wenigkeit der Abgang von Manfred Burgsmüller. Das war 1983, für die nicht Eingeweihten. Das war der Spieler, der für mich damals als junger Fan, die Identifikation mit der Borussia stiftete. Ein Charakter, einer, zu dem ich damals als Knirps aufschaute. Einer, der mit etlichen Toren, die Gegner wegblies. 135-mal für den BVB. Und dann ging er nach Bayern. Au weh. Naja, zum 1. FC Nürnberg. Doch weh tat es dennoch ungemein. Wie schon irgendein bärtiger Barde mal sang: the first cut is the deepest. Und wenn ich die facebookenden BVB-Jünger heute lese, mischt sich in den Schmerz das leichte Schmunzeln, denn ich habe den Burgsmüller-Abgang nach 30 Jahren immerhin verkraftet.

Ja, die Festigung eines Status Quo ist so eine Sache. Sicherlich sitzt noch irgendwo jemand, der im Sommer 1957 träumte, der gerade erst zweifach hintereinander deutsche Meister gewordene Club aus Dortmund würde für immer mit dieser triumphalen Mannschaft weitermachen. Nun, der Rückhalt für diesen Traum würde inzwischen eher mau ausfallen. Und damit sollte klar sein, daß Veränderungen notwendig sind und auch mit mehr oder weniger Problemen ausgehalten werden können. Es ist schließlich die Liebe zum Verein! Für mich auf jeden Fall, auch wenn die Spieler der Gegenwart den Verein in der Gegenwart prägen. Ebenso wie die Entscheidungsträger an der Seite, vom Präsidenten zum Trainer.

Dennoch: es ist seit 2008 eine grandiose Zeit Fan der Borussia aus Dortmund zu sein. Und das kann Herr Hoeneß nicht mir, und nicht irgendjemandem nehmen. Er kann es nicht, weil der Verein, den er in den letzten Jahrzehnten maßgeblich aufbaute und führte, nicht dieses intensive, emotionale Kaleidoskop geben kann. Es ist wahr, wenn ein Versicherungsunternehmen, das auch die Namensrechte eines bestimmten Stadions in Westfalen besitzt, in einer Werbeanzeige über die Fans des BVB schreibt, daß deren Stimmung nicht versichert werden kann, da sie unbezahlbar ist. Die Herren Hoeneß und Rummenigge werden auf ewig daran scheitern, nach diesem Ideal des „Wir sind Fußball“ zu streben. Sie werden auch niemals die „Echte Liebe“ erreichen, denn ein FC Bayern München, der durch fußballerisch dunkle Jahre gehen müßte, wie der BVB zwischen 1983 und 1986, oder in den späten Jahren der unseligen Niebaum/Meyer-Ära, würde noch als Bundesligist in der nationalen Bedeutungslosigkeit versinken.

Und so hat dieser Club im Sommer 2012 – nach zwei Spielzeiten der nationalen Titellosigkeit – 70 Millionen Euro in die Hand genommen und neue Spieler an Land gezogen. So werden neben Moritz Götze – oh, Verzeihung – Mario Götze (kehrt da schon jetzt das Vergessen ein?) noch weitere Millionen in diesem Sommer investiert in Krachertransfers. Da kommt auch noch ein weltbester Trainer, der den Superfreund von Herrn Hoeneß ersetzen wird, da – trotz des aktuellen Erfolges durch die Arbeit von Josef Heynckes – die Angst vor dem Rückfall in die Vorjahressituation den in München Handelnden schwer im Nacken zu sitzen scheint. Da wird die Neuigkeit des Kaufs in Dortmund so an die Presse lanciert, daß die Spielvorbereitung auf das wichtigste internationale Spiel des BVB zufällig empfindlich gestört wird. Nicht zu vergessen, daß damit auch der Versuch unternommen wird, den eigenen Präsidenten aus der medialen Schußlinie zu ziehen.

Wie groß muß die Angst in München sein vor diesem Klub aus Westfalen?

Groß genug, um sich auf ein sehr tiefes Niveau herabzulassen. So tief, daß Vereinbarungen kurzerhand ausser Kraft gesetzt werden, da es gerade paßt. Tut man das, wenn der Präsident doch seit langer Zeit gerne als die moralische Integrität einherwandelt? Oder sagte man sich: Da haben wir jetzt verschissen, da können wir jetzt überall die Sau raus lassen… Wir spielen ja schließlich in der Arroganz-Arena.

Wenn der FC Bayern München auf der Zielgerade einer sogenannten Rekordsaison auf diese Art die Hosen runterläßt, dann scheint das Selbstvertrauen noch nicht wieder sehr stabil zu sein. Da freue ich mich auf die nächste Niederlagenserie (Serie = mindestens zwei verlorene Spiele in Folge = Super-GAU = wir müssen noch mehr Millionen raushauen).

Herr Götze, viel Erfolg und noch viel mehr Spaß in München. Sie werden beides brauchen, und vor allem zweites kaum finden.

Geschichten vom König, zweiter Teil

Liebe Welt,

wie in letzter Folge erzählt, geht es nun recht massiv um Geschehnisse aus dem Hause des König Fußball, in welchem ich vor vielen Jahren als rechtschaffender Fan einziehen durfte. Wohnung bezog ich schon damals in der Parkanlage Borussia Dortmund. Und es waren, vor langer Zeit, schwere Tage zu bestehen. Doch lest selbst.

Im Sommer 1985 trat der schon genannte, verschüchterte Pal Csernai seinen Dienst als Trainer des BVB an. Zum Ende der auch den Fan verschüchternden Saison war der Ungar bereits abgelöst. Der pragmatisch schauende Reinhard Saftig übernahm und bugsierte die Borussia in die Relegation gegen den Zweitligadritten jenes Jahres, den bereits bekannten SC Fortuna Köln. Schnell war das erste Spiel verloren und Köln mit 2:0 vorne. Nun begann das Drama, der große, nicht positive Nervenkitzel im Rückspiel. Denn auf einem anderen Spielfeld hatte jene Saison bereits den BVB als Spitzenclub gezeigt: Im Aufbau von Schuldenbergen war man landesweit top – auch wenn es aus heutiger Sicht unglaublich wenig war – acht Millionen Mark liessen den DFB und alle lokalen Konkursverwalter aufhorchen und zappelig werden. Waren die zwei vorangegangenen Spielzeiten schon eine Form von Ärgernis, wurde es nun bis auf die Spitze getrieben. Einschließlich des Relegationshinspiels benötigte der junge Fan schon eine Menge Gleichmut und Taubheit gegenüber dem Spott der Aussenwelt. Und dann stand doch auch schon der Neuzugang, Frank Mill, vor der Tür. Würde der in die zweite Liga folgen? Wer hätte überhaupt einen Vertrag für das Unterhaus? Könnte sich der Verein bei der Finanzlage überhaupt den Abstieg leisten? Das Rückspiel fand am 19. Mai 1986 statt. Ich werde dieses Datum in diesem Leben nicht mehr vergessen. Mein Club in der zweiten Liga? Das lag für mich jenseits jedweder Vorstellungskraft. Und von daher kann ich die Tränen, die ich aktuell bei Fans des bereits abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern sah, gut nachvollziehen, obwohl diese immerhin schon eine gewisse Erfahrung in den letzten Jahren sammeln mußten. Der Abstieg ist nicht einfach nur ein schlecht ausgefallenes sportliches Zeugnis. Es ist eine Form von Verweis. Man gehört nicht mehr dazu, die Türe ist zu, der Rest der Öffentlichkeit vergißt sofort, daß dein Club einmal etwas bedeutet hat. Und das Versagen wird auch dem bekennenden Fan angehangen. Das geschieht schon bei einer in den Sand gesetzten Gruppenphase in der Champions League, wie ich feststellen durfte. Doch da läßt es sich noch locker darüber hinwegsehen, denn die Champions League ist eine Form von Bonus, von Geschenk für vorigen Triumph. Häme bei Abstieg? Hätte ich kaum aushalten können. Und so waren dann 90 Minuten am 19. Mai 1986 zu spielen, und es mußten zwei Tore aufgeholt werden. Ich erinnere mich nicht mehr an das Wetter jenes Tages, nur noch an das anfängliche Kurbeln am Senderknopf meines Radios, um irgendwo Information herzuholen. Das es damals bereits SAT 1 gab, die dieses Spiel gar übertrugen, wußte ich nicht, hätte mich auch nur geärgert, denn Empfang war nicht möglich. Meine höchste Angespanntheit hätte es weder senken, noch erhöhen können, denn nach einigem Orgeln an der Radiofront hatte ich tatsächlich einen interessierten Teilnehmer an der Schicksalsentscheidung gefunden in SWF 3, so hieß er damals noch. Diese meldeten den desaströsen Halbzeitstand. 0:1. (Entschuldigung an den Herrn vorab) Irgendein Grabosch. Warum? Warum nur? Was war denn schlimmes passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht? Noch waren 45 Minuten weit weg von mir, der ich auf der Bettkante in meinem Zimmer saß, zu spielen, doch ich fühlte mich nun wie ein Versager.

Absatz.

Der Absatz ist tatsächlich von mir mit Bedacht gesetzt, gar platziert. Denn, und ich denke, das ist eine Mehrheitsmeinung, ist kein Versagen eines vierzehnjährigen Spielers in jener Partie bekannt geworden. Auch tauchte kein Spieler namens Hansen je in der Historie des BVB auf, oder? Infolgedessen kann also aus heutiger Sicht fehlerfrei festgehalten werden, daß jener vierzehnjährige Empathiker (oder einfach Fan) überreagierte. Doch liegt dies in der Natur des Fan-seins. Jeder Nerv, jeder Muskel ist bis auf das Äußerste angespannt, und das Beste, im Gegensatz zum vermutlich ebenfalls ähnlich gelagerten aktiven Spieler: man hat es nicht selbst in der Hand, ist völlig dem Schicksal ausgeliefert.

Die zweite Halbzeit würde in wenigen Momenten beginnen.

Über jene 45 Minuten ist schnellstens berichtet. Die überhöhte Spannung steigt auch weiter, die Dehnfähigkeit der Fan-Nerven wird auf das Äußerste getestet, ein echter Streßtest, nicht nur solch ein modisch gewordenes Wort. Tore fallen, erst eins, dann zwei, und dann hackt es. Der Probant greift zum allerletzten: der ansonsten unbenutzte Rosenkranz. Zum ersten und letzten Mal in diesem Leben. Ob es mein Kettenband war, daß den Ball vor Jürgen Wegmanns Füsse fallen liess, als eigentlich schon alles verloren schien? Und ihn dann jenes goldbefleckt wirkende Leder über die Linie drücken liess? Es wäre eine schöne Vorstellung… Die Befreiung, die das Tor auslöste, war für mein junges Leben eine erste Ahnung, dessen, was hinter der Vokabel Orgasmus an vielfältigen Wundern lugen sollte.

That’s it, Folks Im Vokabellernen wurde ich später auch ein kleiner König. Ein schöner Witz zum Abschluß.

Ergebenst, Ihr Herr Hansen