Das Elend der männlich dominierten Musik in der Gegenwart

Ich höre seit Jahrzehnten Musik. Pop- und Rockmusik haben mein Leben gerettet. Und das immer wieder mit alten, mit neuen Sounds. Seit mindestens 20 Jahren wird mein Leben auch durch Jazz und seit zehn Jahren von Folk gerettet. Ich habe inzwischen meine Sucht nach Tonträgerkäufen einigermassen im Griff, und überhaupt ziehe ich mir heute lieber eine Runde mp3’s.

Wer jetzt mit „ABER DER KLANG DER MUSIK“ kommt, den frage ich: Na, wo ist denn Ihr perfekter Hörraum? Ich habe keinen, nie gehabt und meine inzwischen nahe der Midlife Crisis gealterten Lautsprechertürme müssten tatsächlich irgendwann mal eingemottet werden und durch kleine Soundwürfel, die niemanden erschlagen, wenn sie ins Wanken geraten, ersetzt werden. Was soll’s, noch kommen Töne raus, also weiter.

Da ich ein Statistiken liebendes Nerdgirl bin, habe ich inzwischen auch seit Jahrzehnten Listen darüber geführt, wie gut/schlecht Musik in meinen Ohren klingt. Das ist gelebte Subjektivität, die aber einen Wandel abbildet: Seit Beginn der 2010er brauche ich fast eine Männerquote, damit dieses Geschlecht noch stattfindet. Nuje, ich finde das jetzt nicht wirklich schlimm und wenn ich mir meine Lieblingsplatten dieses 2020er Jahrgangs bislang ansehe, dann sind da Dua Lipa, Lyra Pramuk und der Birds-Of-Prey-Soundtrack! Der erste Mann, der irgendwann auftaucht, ist der Jazz-Schlagzeuger Makaya McCraven, der mit „We’re New Again“, die gerade zehn Jahre alt gewordene, letzte Platte des sagenhaften und leider 2011 verstorbenen Gil Scott-Heron („I’m New Here“ der Titel jener LP) neu „Reimagined“, wie es im Untertitel so schön heißt. Eine tolle Platte. Aber die zuvor erwähnten Namen munden mir noch besser. Fein.

Nun dachte ich mir, könnte ich mal meiner Arbeit Früchte pflücken und schauen, was sind die 35 All-Time-Best-Male Platten… männlicher Solist, hauptsächlich männliche Band als Eintrittskarten und dann mal schauen, warum da heute, 2020, bzw. in den letzten zehn Jahren nichts mehr läuft. Oder vielleicht lief ja was und diese Künstler gehörten zur gefährdeten, aber noch nicht ausgestorbenen Spezies: Männer, die es nach 2010 noch hinbekamen. Grins.

Dann, Vorhang bitte.

  1. Can – Monster Movie (1969) + 10. Tago Mago (1971) Ja, von Can kann nichts mehr kommen. Die Band löste sich nach der Veröffentlichung ihres letzten, auch wirklich kaum brauchbaren Albums „Rite Time“ (rec. 1986/VÖ 1989) schrittweise auf. Und inzwischen sind Michael Karoli (Gitarre) und Holger Czukay (Bass) auch verstorben. Eine so rau und perfekt zwischen kunstvollem Krach, psychotischen Wiederholungsorgien und CopyCatism rausgehauenem Untergrundprodukt würde ich auch heute noch gerne ganz neu mein Ohr leihen, egal welchen Geschlechts.
  2. John Coltrane – A Love Surpreme (1965) John starb bereits im Juli 1967 an Krebs. Bis dahin hatte er uns alle möglichen Sterne vom Himmel geholt. So einen wird es sowieso nie wieder geben. Aber, was uns danach alleine seine Frau Alice bis ihrem Tod 2007 noch an grandioser, tief inspirierter Musik gab. Sollte eins auch mal draufschauen. Heißer Tip!
  3. Mike Oldfield – Ommadawn (1975) + 6. Tubular Bells (1973) Er lebt noch. Versuchte sich sogar 2017 an einer LP mit Titel „Return to Ommadawn“. Nicht ganz schlecht. Trotz allem eher der Beweis für meine These, das die Herren … naja, okay. Aufgrund gewisser Hintergründe der 1975er LP, freue ich mich eher für Herrn Oldfield als Mensch, das die alte Intensität nicht wiederkehrte, denn der Mann hatte ziemliche psychische Probleme, mit denen er in den 1970er klar kommen mußte. Vieles davon floß als Einfluß in seine Musik und machte sie – das ist meine persönliche Erfahrung – zum Anker für Menschen, in ähnlichen Situationen. Gerade „Ommadawn“ ist ein unwirtliches, abweisendes musikalisches Land, das aber zu einer schützenden Heimat werden kann, wenn eins den Eingang gefunden hat.
  4. Godspeed You! Black Emperor – Yanqui U.X.O. (2002) + 11. Lift Your Skinny Fists… (2000) Noch nicht im Metal angekommener, aber dennoch post-apokalyptisch wirkender Postrock. Mit wenig Hoffnung, aber viel Trauer, Schmerz, Wut. Musik, die auch 2020 noch immer gerne gebraucht werden könnte, wenn es da nicht die beiden Hit-Doppelalben des kanadischen Kollektivs gäbe. Deswegen interessieren mich die Post-Comeback-Platten ab 2012 auch überhaupt nicht. Vielleicht sind sie ja toll. Oder sogar überwältigend. Egal.
  5. The Decemberists – Picaresque (2005) Das schöne an Godspeed… und den Decemberists ist ja, das eins zuerst mal nachgucken muß, ob der männliche Anteil an Mitgliedern wirklich über 50% ist. Ja, sie schaffen es knapp. Die Decemberists schafften es sogar 2015 mit „What A Terrible World, What A Beautiful World“ eine richtig starke Platte zu veröffentlichen, die dem 2005er Meisterwerk fast gefährlich nahe kam: kraftvolle, melodieselige Songs mit berührenden Texten über die Menschen an den Aussenstellen des Lebens, der Gesellschaft. Und es begeistert mich auch heute noch, wenn in „The Mariner’s Revenge Song“ die beiden Todfeinde sich im Bauch eines Wales, der gerade zwei Schiffe verschlungen hat, als einzige Überlebende gegenüberstehen und der Erzähler den Schwur gegenüber der sterbenden Mutter zu singen beginnt. Also, die Decemberists sind der erste Act, der noch Hoffnung für die Zukunft birgt. Vielleicht.
  6. siehe Mike Oldfield
  7. David Bowie – Blackstar (2016) Nun, die Zukunft ist vorbei. Aber immerhin gab es im vergangenen Jahrzehnt noch diesen grandiosen, musikalischen Wurf von Herrn Bowie. Wobei er auch der erste Herr in dieser Auflistung ist, welcher nicht wirklich ohne Schrammen aus seiner Geschichte hervorgeht. Sein widerliches Verhalten gegenüber jungen Frauen in den 1970er (mann nannte sie Groupies, Band-Aids, whatever, und benutzte sie). Sein Verhältnis zum Faschismus, der 1978 – zusammen mit dem Teilzeitrassisten Eric Clapton – zur Gründung der Bewegung Rock Against Racism (vorher schon die Anti-Nazi-League) in England führte. Zu dem Zeitpunkt war Herr Bowie zwar schon wieder klar im Kopf (kokslos), doch 1976 war das anders. Stichwort: Victoria Station.
  8. Robert Wyatt – Rock Bottom (1974) Der gute Robert ist seit jeher dafür Kommunist gewesen. Vermutlich auch heute noch. Er hat jedoch inzwischen seine Karriere beendet. Sein letzter Output war 2010 „For The Ghosts Within…“, eine Zusammenarbeit mit Gilad Atzmon und Ros Stephen. Irgendwo zwischen Jazz, Hip Hop und Third Stream. Ein Highlight, auch gegenüber den vorangegangenen, sehr starken Wyatt-eigenen Alben. Doch „Rock Bottom“ knackte keines. Robert Wyatt war ein angesehener und fintenreicher Schlagzeuger zwischen Pop, Rock und Jazz, als er im Juni 1973 von einem Balkon fiel und seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Die Stücke auf „Rock Bottom“ gab es teilweise bereits zuvor. Doch, aus dem Krankenhaus entlassen, nahm sich Wyatt mit Kolleg*innen dem Material neu an und heraus kam ein einzigartiger, musikalischer Strudel zwischen Emotion, Liebe, Zivilisationsmüdigkeit und verqueren Kabbeleien mit seiner ewigen Partnerin Alfreda Benge. Eine Gnade, das es diese Platte gibt.
  9. Belle And Sebastian – If You’re Feeling Sinister (1996) „Tigermilk“, im gleichen Jahr erstveröffentlicht, und diese LP sind der diskussionslose Höhepunkt der Band aus Glasgow. Und im Gegensatz zu The Smiths, bei denen Belle And Sebastian durchaus auch lernten, haben sie keinen Frontmann, der in der Gegenwart nur noch ekelerregend mit seinen Äußerungen ist. Und obwohl diese Band noch aktiv ist, erwarte ich keinen Wurf mehr, der mich noch begeistern könnte. Dazu müßte ich mir neues Material anhören, doch hat 2006 „The Life Pursuit“ mich so angewidert, als würde mich Steven P. Morrissey für ein Date anrufen. Schlußpunkte setzen kann ich. Und wer wissen will, warum „If You’re Feeling Sinister“ so grandios ist, der sollte sich schleunigst mal die Platte anhören. Und nicht immer die ganzen ideenlosen Epigonen, die unter einem sogenannten Indie-Banner danach diesen Globus bevölkerten.
  10. siehe Can
  11. siehe Godspeed You!Black Emperor
  12. Steely Dan – Countdown To Extasy (1973) + 29. Gaucho (1980) Spätestens seit Walter Beckers Tod ist Steely Dan nicht mehr existent. Zuvor auch lange schon nur noch als Altherren-Konzertcombo. Und so ist hier auch keine Zukunft mehr zu erwarten. Was auch gut ist, denn wenn ich ehrlich bin, ist Steely Dan – vor allem im textlischen Bereich – immer schon irgendwie diese „Alte-Weisse-Männer“-Band gewesen. Auch wenn die Protagonisten in den Songs auch mal jung waren, so blickten Donald Fagen und Walter Becker immer schon von dieser Warte, inclusive einer vom Jazz geborgten Distanzierung, auf die Welt und bildeten sie ab. Auf dem makellos instrumentierten und spannend erzählten „Countdown To Extasy“ ist dies noch nicht so spürbar, doch „Gaucho“ (1980) lebt schon massiv von dieser Denke. Gerade die beiden Hits der Platte „Babylon Sisters“ und „Hey Nineteen“, aber auch „Glamour Profession“ sind sicherlich Songs, die Milliarden weißer alter Männer pföffen, wenn sie sie kennen würden. Ganz unironisch.
  13. Leonard Cohen – Songs of Love And Hate (1971) + 27. Songs Of Leonard Cohen (1969) Auch Herr Cohen ist tot. Und so wird auch von ihm kein weises Wort mehr zu Liebe oder Hass zu erwarten sein. Nun. Es war auch vielmehr Erotik und Selbsthass, von dem 1971 die Rede war. Oder pure wortschöpfende Klasse: „Famous Blue Raincoat“. Posthumer Literaturnobelpreis, verdammt nochmal! Aber unter uns… Leonard Cohen war seit 1988 musikalisch alt. Seither schmückten seine Aufnahmen meistens mehr schlecht, als recht bediente Rhythmusprogramme. Und eine Betulichkeit, die auch seine zahllosen Live-Aufnahmen, in die ich meine Ohren manchmal tauchen ließ, belastete. Vielleicht war „You Want It Darker“, sein letzter Output anders? Ich weiß es nicht. Siehe Belle And Sebastian…
  14. Swans – The Seer (2012) Wow, da haben wir ja mal eine 100%-ig zu lobende Männercombo aus den 2010er. Und auch alt (die Männer) dazu, teilweise. Nun, ich habe mich über die Jahre an den Lärm- & Druckluftorgien jener Swans-Besetzung sattgehört. Und warte nach „The Glowing Man“ erst einmal nicht auf neue Produktionen (und ignoriere diese auch). Aber immerhin, haben die Band und ich uns noch nicht auseinandergelebt. Da ist noch eine Hoffnung, die glimmt.
  15. King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969) Ja, gibt es noch. Inzwischen sogar mit drei Schlagzeugern! Und das ist Grund, warum ich – nach zwei Live-LPs aus den Jahren 2016 und 2017 – von King Crimson 21st Century Incarnation nichts mehr wissen will. Drei Leute sitzen auf Schemeln und jeder wartet darauf, was einer der anderen eventuell machen wird. 1974 saß der feurige Bill Bruford allein hinter dem Instrument, das in dem Fall tatsächlich Schießbude genannt werden kann, und produzierte mehr Wirbel, als moderne „3“. Vielleicht sollte sich Robert Fripp mal weibliche Hilfe suchen. Okay, nicht vielleicht, sondern unbedingt. Wenn King Crimson in den ganzen Jahrzehnten mal eine Pause machten – machten sie oft – und danach wiederkamen, waren sie immer anders, neu aufregend und scherten sich einen Kehricht um ihre Historie – die sie anderweitig hegten und pflegten. Dieses letzte Comeback beschert uns tatsächlich mal Stücke in Konzerten, die seltenst bis nie live gespielt wurden – oder halt seit Urzeiten nicht mehr. Eigentlich nett, aber für King Crimson ein Todesurteil. Mal ganz davon abgesehen, daß das wenige neue Material nichts taugt.
  16. Die Regierung – Unten (1994) Die Essener Regierung kennen leider zu wenige Menschen. Selbst, als Tilman Rossmy dann nach Hamburg zog, um dort zur „Schule“ zu gehen, wurde die Bekanntheit nur marginal größer. Aus dieser Zeit stammt diese lakonische Aufarbeitung des Verhältnis zwischen den binären Geschlechtern. Ja, Tilman backte erst einmal kleine Brötchen, aber sie mundeten vorzüglich, denn niemand konnte jemals so beredet schweigen, wie er. Höret dazu „Natalie sagt“. Nach einer längeren Zeit als Solist oder mit Quartett im Rücken, hat Tilman Rossmy sogar 2017 und 2019 neue Regierungs-Erklärungen veröffentlicht. Ja, sind gut. Aber sie sind leider nicht mehr umwerfend, brennend oder genialisch hingesaut. Auch wenn diese Stücke nicht auf „Unten“ sind: „Immer jemand im Busch“ spürst du als Hörerin auch nach Jahren noch. „Loswerden“ ist das wortkargste Trennungsstück der Menschheitsgeschichte. Vielleicht schafft Tilmann Rossmy noch einmal einen solchen Quantensprung. Und dann sollten es ihm mal Milliarden Menschen danken.
  17. Arzachel – Arzachel (1969) Sorry, hier ging das Nerdy Girl mit mir durch. Zumal, wie erklärt eins diese Band, die eigentlich keine war? Beziehungsweise zwei andere Bands? Nerdzeugs, halt. Es begann mit Uriel, die aber 1969 zum Ende kamen. Sich dann in Egg umformten (1970 auch ein selbstbetiteltes, sehr gutes Debüt veröffentlichten). Bei Egg jedoch fehlte Steve Hillage als Gitarrist. Der sollte später als Solist, bzw. bei Gong ein hochklassiger Saitenkünstler werden. Zwischen Uriel und Egg kam das spätere Egg-Trio mit Hillage noch einmal zusammen und spielte als Freizeitspaß die Arzachel-LP ein. Unter Pseudonymen, z.B. Sam Lee-Uff (= Dave Stewart, Keyboards). Und es war ein Spaß! Alle Grenzen des Psychedelic Rocks wurden gesprengt und Arzachel spielten sich wahrhaftig in andere Bewußtseinszustände, ohne die heimische Landschaft rund um Canterbury, wo die Band residierte, zu vergessen. Pastorale Kosmosgesänge entstanden hier. Wir können uns so sicher sein, wie sich Canterbury seit 1969 verändert hat, daß eine solcher Sound kaum jemals mehr neu entstehen wird. Naja, gibt es ja auch schon.
  18. Dizzy Gillespie, Sonny Stitt & Sonny Rollins – Sonny Side Up (1959) They don’t play the hard bop like that anymore. Ja, das finde ich auch schade. Doch, wie im Falle von Arzachel, gibt es schon den Hard Bop, sogar nicht nur einmal, sondern in vielen Variationen, die zwischen ca. 1955 und 1964 entstanden. Und diese Platte ist ein wahrer Höhepunkt, vor allem an Spielfreude und Inspiration.
  19. Nick Cave And The Bad Seeds – No More Shall We Part (2001) Der Höhepunkt dieser Platte…. nein, es gibt gleich mehrere! Wenn in „Hallelujah“ Nick Cave im Bademantel durch die Straßen schlurft, weil seine Betreuerin sich das Wochenende mal frei genommen hat. Wenn in „Oh My Lord“ ein Fremder Nick Cave beim Friseurbesuch belästigt und seinen nackten Arsch zeigt (ich hoffe, ich habe das richtig verstanden). Wenn in „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ genau das Koks fehlt. Wenn in „Darker With The Day“ Nick Cave und die Hörerin die Welt brennen sehen wollen, weil alles nur noch Verzweiflung ist. Dann hat der Songwriter seine Kunst bis zur Vollendung verfeinert und der tief gefühlten Worte sind es viele auf dieser Platte. Danach gelang in meiner Welt dem Herrn Cave nur noch ein Lied auf diesem hervorragenden Niveau: „O Children“. Er könnte sich, gleich dem gnädigen Robert Wyatt, mal zur Ruhe setzen.
  20. Sun Ra And His Arkestra – Sleeping Beauty (1979) Ah, schon wieder Jazz! Schön! Und genau das ist diese Platte bis zum Überquillen. Sun Ra ist eine sehr mythische Persönlichkeit (die ich hier jetzt nicht erklären werde, sonst werde ich mit dem Rest nicht mehr fertig: selber googlen!), und in den späten 1970er (auch vorzüglich: „Lanquidity (1978)) ließ er sein Arkestra einen federnden, groovigen, dennoch Tiefe erzeugenden Soul Jazz spielen, der in „Door Of Cosmos“ wie ein galaktischer Hippy Sit-In wirkt, der dann im Banne des mit großer Lust aufspielenden Arkestras langsam über die Bäume dieses polyester grün wirkenden Planeten hinausschwebt und uns Hörer*innen mit sich nimmt. Sun Ra selbst verließ den Planeten 1993.
  21. Brian Eno – Taking Tiger Mountain (By Strategy) (1974) Dear Brian, you are a problem. Was dieser sonderliche Mann bis 1995 an unglaublicher Arbeit zugunsten aller hörenden Menschen getan hat, ist mindestens so ein großes Thema, wie der Mythos von Sun Ra. Alleine diese an Ideen überquellenden vier Solo-Alben mit weitestgehender Rockmusik zwischen 1973 und 1977! Darunter „Taking Tiger Mountain“, einer LP mit sonderbar verquerem Pop, der sich jedoch schnell in das Hirn hineinfrisst. Er erfindet noch Ambient Music („Music For Airports“ (1978) brachte mich an einem schlimmen Sonntag Abend einst zum heulen). Er half anderen Künstler*innen als Produzent, Mitmusiker oder anders: Bowie in Berlin, Talking Heads, U2 als die größten Nummern, damit wir Werte an der Y-Achse stehen haben. Dann ist nach 1995 Schluß und Ideen kommen keine mehr, sondern nur noch schlechte Wiederholungen und überhaupt… Eno unterstützt den BDS (Boycott, Divestment & Sanctions gegen Israel). Schlußstrich.
  22. David Sylvian – Secrets Of The Beehive (1987) undefinedGut, das sich David Sylvian nie vor einen politischen Karren spannen ließ, sondern einfach immer nur schön war! Und tolle Musik machte, nebenbei 🙂 Ja, „Secrets Of The Beehive“ ist die schönste 80er-Jahre Songwriter-LP mit Jazz-Einflüssen, mit Ruhe, mit Texten, die allerdings den politischen Aspekt des privaten Handelns nicht ignorieren („The Boy With The Gun“). Oder homoerotisches Liedgut, wie „Forbidden Colours“, das ursprünglich für den Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983) geschrieben wurde. Oder die Gewalt in einer Beziehung, wie in „When The Poets Dreamed Of Angels“. Es wundert nicht, das Sylvian, der immer progressiv dachte, sich im 21. Jahrhundert in die freie Musik aufmachte und dort auch noch ein sehr starkes Album schuf: „Blemish“ (2003). Doch danach verstummte er langsam, aber sicher.
  23. Morrissey – Your Arsenal (1992) undefinedVerstummen wäre für Morrissey mal eine Idee. Oder auch: „Fresse halten, Steven!“ Nach 2004 wird er unaufhörlich unerträglicher. Das es mal anders war, kann eins inzwischen fast nicht mehr glauben und tatsächlich birgt diese Platzierung auch ein hohes Maß an Nostalgie, als er noch ein Held für die Menschen an den Außenrändern war. Und auf „Your Arsenal“ war er ein lauter Held, einer der sich alleine gegen eine Horde an Feinden stellte. Mit einem Stolz auf die eigene Befremdlichkeit und Verletzlichkeit in der Welt. Einer, der trotz aller Feindseligkeit, die er empfing, an ein gutes Morgen glaubte und das als Grundton in der Musik letztlich einwob. Ja, damals. Heute: „Fresse halten, Steven!“.
  24. Galaxie 500 – Today (1988) undefinedAndere sagen „On Fire“ wäre die Top-LP von Galaxie 500, aber ich hänge am Debüt „Today“, vor allem wegen des Einsteigers „Flowers“. Doch ist „On Fire“ auch feinste Musik. Aber dort finden sich auch nicht die ersten zwei 3/4 Minuten von „Don’t Let Our Youth Go To Waste“ (Cover von Jonathan Richman), in denen das furchtlos spielende Trio suchend durch das Gestrüpp des 80er Alternative/Indie-Rock durchbricht… das wichtige Wort in diesem Satz ist „Furchtlos“. Halten Sie das im Hinterkopf. Galaxie 500 sind des weiteren auch furchtlose Romantiker! Und auch furchtlose Liebhaber des dritten Velvet-Underground-Albums, die anstelle eigener Songs lieber eine Endlosversion von „Pale Blue Eyes“ spielen würden. Das wäre auch schön! Aber ich genieße lieber ihre gelungenen Variationen, wenn sie so herrlich frühlingshaft und süchtigmachen verliebt klingen, wie eben „Flowers“. Das ist Lebenskraft, die darinnen wohnt. Ungünstig für unsere Gegenwart ist, das sich Galaxie 500 schon nach der dritten Platte trennten. 2/3 der Band, sprich die Bassistin Naomi Yang und Schlagzeuger Damon Krukowski gründeten ihr eigenes Duo und verschwanden im Untergrund. Dean Wareham gründete etliche andere Bands, die auch mal gute Platten machten, aber so stark wurden alle drei nimmer mehr.
  25. Genesis – Foxtrot (1972) + 28. The Lamb Lies Down On Broadway (1974) undefined Uiuiui! Gefährliches Terrain! Progressive Rock! Die Höhle der Nerds! 20-Minuten-Songs! Ja. Und er ist hervorragend. Und Phil Collins ist ein herausragender Schlagzeuger. Und Peter Gabriel schrieb skurrile Szenarien, die allerlei Literatur anzapften und die Band klopfte Filme daraus, mal kürzer, mal länger. Das ist fucking Kunst! Wie es später die Art Punks von Wire machten: when the lyrics ran out, the song stopped. Aber Hauptsache, Menschen haben aus Grundsätzen heraus Angst, sich dieser Musik zu stellen, weil irgendwer mal sagte: Prog-Rock ist uncool. Und nur für Nerds. Fickt Euch! Genesis gibt es ja eh nicht mehr, und grundsätzlich starb die Band 1975 mit Peter Gabriels Ausstieg. Der Rest war kassenklingelnder Pop. Wer’s braucht.
  26. siehe Leonard Cohen
  27. Nick Drake – Five Leaves Left (1969) undefined Vor Nick Drakes neuen Veröffentlichungen braucht niemensch Angst zu haben. Er schied im November 1974 freiwillig aus diesem Leben, hinterließ drei Platten, von denen zwei magische Erfahrungen sind. Das dritte ist leider nur brilliant. Er setzte neue Akzente in der Bildsprache des Folk, in dessen Bereich er sich weitestgehend bewegte, wobei ihm von Außen gerne noch ein wenig erweiterte Instrumentierung mitgegeben wurde, die er erst auf seinem Schwanengesang „Pink Moon“ (1972) eliminierte. Doch lebt „Five Leaves Left“ gerne mit dem schmückenden Beiwerk, denn hier umgreift Drake noch ein mögliches Leben, das vor Depression, ausuferndem Drogenkonsum möglich scheint. Manche Stücke lassen sogar romantische Gefühle erahnen. „Pink Moon“ erzählt von der Entfremdung, Distanzierung, Verlust. „Five Leaves Left“ aber pflanzt noch einen Obstbaum. Ichhoffe, Nick Drake hat seinen Frieden gefunden.
  28. siehe Genesis
  29. siehe Steely Dan
  30. The Driftwood Manor – Of The Storm (2013) undefined Ich hoffe nicht, das Eddie Keenan der Nick Drake der Gegenwart wird. Immerhin ist Keenan eher auf Bühnen zu finden, als es der superscheue Drake in seiner Karriere war. Und der Output der Band Driftwood Manor ist bereits etwas größer, doch leider stockt es seit 2016 „For The Moon“ erschien. Wobei ich noch eher verstehen könnte, wenn es nach dem zuvor geschaffenen „Of The Storm“ nicht mehr weitergegangen wäre, denn die Meisterschaft, wie Eddie Keenan hier die Worte der Geschichten, der Emotionsszenarien sich zueinander gesellen läßt, ist größte Könnerschaft. Alleine diese Aufzählung von Songtiteln dieses herausragenden Albums sollte einiges zeigen: „Tell Your Troubles To A Stone (And Then Throw That Stone In A River)“, „God Knows I’m a Sinner For You Now“ und „If I Could Kill The Demon Drink“. Ja, Keenan ist Nick Drake nicht ganz unähnlich, da beide von einer sehr pessimistischen Weltsicht her kommen und überhaupt der Tod nicht der schlimmste Zeitgenosse ist. Da gibt es immer noch das viel schrecklichere Selbst. Ja, von Eddie Keenan würde ich gerne noch ein weiteres Häppchen nehmen.
  31. Coil – The Remote Viewer (2002) undefined Coil sind leider auch Geschichte. John Balance verlor diese und stürzte 2004 zu Tode. Bandmitgründer Peter Christopherson starb 2010. In den letzten Jahren mit der Formation Coil erarbeiteten sie einen selbst als „Mond-Musik“ bezeichneten Sound, der zwischen industriellem Soundaufbau und John Balances süchtig machender, warm, wie weichen Stimme einen teilweise fast schamanenhaften, rituell wirkenden Output schuf. Das galt sehr stark für „The Remote Viewer“, auf welchem diese nach Balances Stimme dürstende Hörerin zwar auf diese verzichten mußte, doch nach dem Genuß der kompletten fünf Stücke (also unbedingt auf die Bonus-CD achten!) denkt eins sich nur noch eines: FUUUUUUCCCCCKKKKK! Und wer mehr Hurdy-Gurdy oder Drehleier braucht, als es hier geboten wird, ist süchtig. Das kann diese Musik auch erwirken.
  32. Jeff Buckley- Grace (1994) undefined Was ist hier für ein Totentanz! Es ist erschreckend. Aber ich kann nichts dafür. Als ich Jeff Buckleys Musik entdeckte, war er noch alive and well and living in whatever, New York? Und sicherlich würde er auch heute noch manch schönes Liedchen schreiben, wenn es ihn nicht im Übermut zum Schwimmen getrieben hätte. Ja, sein Tod war eher überbordender Lebenslust geschuldet, wie es scheint. So kann es einem gehen, wenn eins seine Dämonen, seine Leiden, seine dunklen Träume in Musik verpackt und sich damit therapieren kann. So klingt nämlich „Grace“. Wie ein in fruchtiger Rockmusik und sehnigen Balladen verkleideter Exorzismus. Und – um das direkt hinterherzuschieben – damit war die Therapie wohl auch erfolgreich, denn das, was dem arglosen Volk später als musikalische Hinterlassenschaft verschachert wurde („Sketches For My Sweetheart The Drunk“) ist doch arg leblos dahingerockt. Dann eher nach einer der zahllosen Live-Aufnahmen greifen, z.B. „Live à L’Olympia“, bei der Jeff Buckley auch ein wenig Humor beweist, der sogar nicht ganz blöd ist. Ja, er lebte gerne.
  33. Ash Ra Tempel – Ash Ra Tempel (1971) undefined Schon wieder Krautrock. Ja, es reicht nicht mit Can. Manuel Göttsching lebt auch noch und hat sicher auch manchmal noch eine Idee für neues Material. Doch ist er schon in den 1970er in eine elektronische Gegend verschwunden, in der seine Gitarre meist wenig benutzt wird. Auf dem gerne als Meilenstein bezeichneten „E2-E4“ (1984) ist das nicht nur okay, sondern die Gitarre erscheint innerhalb dieser 59 Minuten langen Prä-Techno/House-Arbeit im letzten Drittel und formt ein hübsches Sahnerl mit Kirsche. Das war zu Beginn anders. Da wurden Grenzen ausgelotet. Die beiden Titel des Ash Ra Tempel-Debüts hießen: „Amboss“ und „Traummaschine“. Beide waren eine LP-Seite lang. „Amboss“ freakrockte nach einem längeren, gedehnt gespielten Intro, was das Zeug hielt. Ja, wenn der spätere Synth-Pionier Klaus Schulze am Schlagzeug loslegt. Dann wird auch „Amboss“ zur körperlichen Angelegenheit, denn dieses Power Trio (Göttsching, Schulze & Hartmut Enke am Bass) spielt einen Sound, der fordert und vermutlich sogar erhöhten Kalorienverbrauch mit sich bringt. Die letzten Minuten sind ein Schlußspurt in the most true sense! „Traummaschine“ ist natürlich ein ganz anderes Spiel. In seiner Atmosphäre zunächst ähnlich dem noch beatlosen Beginn von „Amboss“ nimmt dieses Stück die Hörerin an der Hand und leitet sie langsam, mit Gemach, in einen klanglich sehr unterbewußt tanzenden Kellerclub. Ambient ist es überhaupt nicht und Sigmund Freud wäre erstaunt, ob der wilden Assoziationen, die sich durch diese Maschine wecken lassen. Wer mehr davon will: „Join Inn“ (1973)!
  34. Flowerpornoes – Ich & Ich (1996) undefined Oh, Tom Liwa. Der Kopf der Flowerpornoes. Damals wortgewandter Künstler, der ein Leben abbilden konnte, das unendliche Prallheit vorzeigen konnte. Der, wie kaum eine andere Künstlerperson, Pophits eindeutschen konnte: Auf „Mamas Pfirsische“ (1993) das „REM-Cover“, ursprünglich mal „Losing My Religion“, vorzüglich! Hier „Sweet Thing“ aus der Feder von Van Morrison. Und wer dieses Stück covert, ist sowieso nah dem Heiligenstatus. Und Tom Liwa läßt dieses Stück juveniler Emotionsexplosion, welche dem Sänger die Luft zu rauben scheint, strahlen: „Ich werde niemals, niemals wieder so alt werden, ich schwörs!“ Oh, küss mich, Tom. Lass mich deine Partnerperson in „Noch nicht müde genug“ sein. Ach, der Platz ist ja schon belegt, schade. Na, mir bleibt die Kunst, um mich daran zu ergötzen. Und zu den früheren Flowerpornoes-LPs gab es nach dieser dann noch einige Hände voller Liwa-Solo-Scheiben (wovon die Akustik-Platte „Voeding“ die wunderbarste ist). Inzwischen hat Tom Liwa auch die Flowerpornoes wieder ins Rennen geschickt. Aber, entweder bin ich zu alt geworden, was ich niemals, niemals wieder werden wollte! Oder Tom hat an Qualität auf der langen Bahn doch eingebüßt.
  35. Peter Gabriel – Peter Gabriel III (1980) undefined Ich mag den Hitkomponisten Gabriel nicht besonders. „Don’t give up“, ja. Den Rest nach 1986 empfinde ich als so geil, wie seine alte Band Genesis auch, also großer Schwamm drüber. Und heute engagiert sich Gabriel auch für den BDS, siehe Brian Eno. Immerhin zeigte mir Peter Gabriel 2010, das Paul Simons Song „The Boy In The Bubble“ eine ganz großartige Geschichte beinhaltet, wenn das südafrikanische Rhythmusgebimmel die Worte nicht mehr übertüncht. Und das Dr. Gregory House sehr effektvoll zu einem Arcade Fire-Song, gesungen von Peter Gabriel, von einem Balkon in einen Pool fällt („My Body Is A Cage“). Das war gut. 1980 war allerdings besser. Viel besser. Wie sich in „Family Snapshot“ der kleine, von den Eltern vernachlässigte Junge, der hinter der Haustür hockt, und der versteckte Sniper, der auf sein Opfer wartet, überblenden, das tut etwas mit dir, wenn du es hörst. Es läßt so wenig kalt, wie die klaustrophobische Angst, die Gabriel im passend „Intruder“ betitelten Einsteiger aufkommen läßt. Wenn niemensch weiß, wo der Eindringling sich befindet. Und dann war da noch der Künstler Gabriel, der Aufmerksamkeit schafft, denn ich weiß nicht, wie viele Menschen ohne ihn vom Schicksal des südafrikanischen Bürgerrechtlers Stephen Biko erfahren hätten. Vor dem Internet brauchte eins diese Form von Informationsfluss. Trotzdem würde ich mich heute freuen, wenn Peter Gabriel und die anderen BDSler eine Form der Kritik finden könnten, die nicht purer Antisemitismus wäre. Im Falle der Kritik an der südafrikanischen Apartheid-Politik konnten sie doch auch noch einigermassen differenzieren. Arschlöcher!

So. Schluß hier. Wir haben erfahren, daß es Hoffnung via The Decemberists und The Driftwood Manor gibt. Und wer heute gute Männermusik hören will, der kann sich ja mal (ich denke, die meisten Menschen, welche bis hierher gelesen haben, sind der deutschen Sprache mächtig) mit ein paar musikalischen Happen beschäftigen: Die Nerven, zum Beispiel. Car Seat Headrest, auch wenn ich vor dem ganz aktuellen Album eher warnen möchte, denn zu viele neue Ideen sind manches mal zu viele neue Ideen. The Comet Is Coming und Kamasi Washington, denn auch in der Gegenwart wird guter Jazz geboten! Isolation Berlin und Mount Eerie. Ezra Furman und Nils Frahm. Tyler The Creator und Ben Howard. Sam Fender und Helado Negro. Ich denke, das reicht mal als Denk- und Höranstoß. Die alte Riege ist tot. Tatsächlich. Die anderen sind aus gutem Grund nicht mehr tragbar.

Oder Ihr seid vernünftig und hört einfach mal mehr Frauenmusik.

Q-Tips #3 – on a sunday morning

Der neueste Mix aus der Q-Tips-Reihe – erstellt, um Ohren zu reinigen – huldigt einmal großflächig den Taten der Altvorderen. Doch zaget nicht, ihr Jüngsten, auch die moderne Musik wird einziehen, in dieser Reihe. Ich verwende keine Energie auf Grenzziehung und -erhalt.

Dieser Mix ist dem desperat sonnigen Sonntag Vormittag gewidmet. Und sollten Sie keinem depressiven Schub erliegen, könnte er auch eine Wirkung erzielen. Ich wünsche Glück hierfür.

Und so startet dieser Mix, nach dem inzwischen in den Ohren verankerten Laika-Intro, mit den ersten sechs Minuten des schönsten Radiohead-Stücks aller Zeiten. Kurioserweise nannten sie sich damals noch Pink Floyd und die Platte hieß „Meddle“. Waren die Radioköpfe eigentlich 1971 schon geboren? Sei’s drum, „Echoes“ ist ein Monument der leichten Köstlichkeit. Progressiv, aber noch lange, lange nicht exaltiert in Kopflastigkeit. Der richtige Dosenöffner für einen hinreißenden Tag.

Was „Echoes“ noch möglicherweise an Funk fehlt, da sich die Floyds gerne eher in die Wolken spielten, bringen Can, bei denen Drummer Jaki Liebezeit gerne mal einen dreckigen Beat spielte. Hier bleiben wir im Jahr 1971 und lauschen einem Auszug aus dem glorreichen „Halleluwah“ aus der sensationellen „Tago Mago“. Wenn der Sonntag mit dem Kitzeln der Floyds beginnt, so sind Can die feinen Wasserstrahlen der Dusche, im Laufe des Stückes mit Massagewirkung auf der Kopfhaut.

Es liegt nicht an der Musik, daß der folgende Song etwas ungelenk durch die Türe stakst, denn der Franzose an sich gilt ja gerne als elegant. And french he is, indeed. Jean-Jacques Perrey. Mit dem Stück „E.V.A.“, diesmal ausgesuchtes 1970er Material. Ein weiches Frotteehandtuch, das sich freundlich um den Körper des Hörers legt.

Und – schwupps – sitzet frau beschwingt am Küchentisch und nippt am Orangensaft. Am frisch „gerippten“ Orangensaft. Passenderweise hören wir den jungen Edwyn Collins mit seiner ersten Hitband, welche – huch – Orange Juice hieß. 1982 veröffentlichten sie das unglaublich begeisternd wippende „rip it up“.

Möchten wir nun noch ein modernes Küchengerät starten, so brauchen wir unbedingt „electricity“, flugs geliefert von den hereinschneienden Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, aus derem zweiten Album. Ja, das ist doch schon richtiger Punk, oder? Kraftwerk mit Verve nachmachen, und von jenen einen Songtitel von 1971 (schon wieder…) borgen, und das ganze 1980 total unquantisiert einherrocken, ohne Gitarre. Punk!

Jetzt mal schön zurücklegen mit dem Bill Evans Trio. Ach nein, die Platte heißt ja „Sunday at the Village Vanguard“. Überraschung! Und „my man’s gone now“ sollte für die Hörerin/den Hörer bitte nicht passen. Ansonsten schreiben Sie mir, ich bin ein guter Leser. Und vielleicht kann Bill Evans Sie ein wenig ablenken. Und wenn nicht, wird…

…Richard Strange, auch bekannt als Kid Strange von den Doctors of Madness, Sie mit seiner negativen Weltsicht anheimeln. „Kiss goodbye tomorrow“ nahm er 1980 neu auf, das Original stammt noch von seiner alten Band, den Doctors (LP „sons of survival“, 1978). Nice! Diese akustischen Gitarren, die so gerne rocken wollen.

So sitzt der Sonntag vormittag in einem Café, und wir senden dem Rest der Welt ein unsicheres Lächeln. Und wer konnte solche zwielichtigen Gefühlszustände besser vertonen, als der junge Matt Johnson, der sich gerne als der Der bezeichnete. (???) Ja, dummer Scherz, die Band nannte er The The. 1983 kam das erste richtige Bandalbum, welches „soul mining“ hieß, und dort fand sich dieses Kleinod „uncertain smile“, das neben Matt Johnson einen weiteren Star aufbot. Der hieß Jools Holland, und Sie dürfen nun raten, welches Instrument er spielte und damit gar nicht aufhören wollte…

Dieses Instrument findet sich definitiv nicht im folgenden Song. Dafür Krawall und Rückkopplung, ach! Wie ein sonntag morgendlicher Sonnenstrahl, auch dieser harmonische Gesang. Sie meinen den Song zu erkennen, aber nicht so? Nun, es war auch ein Welthit, dieses Mal jedoch von 1972. Und auch Neil Young selbst hätte es zu anderen Zeiten geschafft „heart of gold“ so klingen zu lassen. Hat er aber nicht, so blieb es den Nozems vorbehalten 1992 den Song unter Strom zu setzen. Und wenn der Song in einer rocktypischen Feedbackorgie endet, schält sich langsam….

…wieder der beste Radiohead-Song aller Zeiten aus dem Nebel und wir werden belohnt für all die Zeit des Harrens mit den letzten sieben Minuten von „Echoes“. Hach. Da schwingt ein kleines Maß an sonntäglichem Fernweh mit.

that’s it, Folks!

Erster Einsatz in der Mixcloud

Die Erkennungsmelodie der kommenden Q-Tips-Zusammenstellungen oder auch Mixe ist der Titel „spider happy hour“ von Laika, aus deren 1994er LP „silver apples of the moon“. Dieses Stück startete bereits 1998/1999 die Sendungen dieses Individuums auf einem kleinsten, luxemburgischen Radiosender, welche ebenfalls Q-Tips hieß. Der Untertitel damaliger Tage soll auch heute gelten: Schöne Musik für schöne Menschen.

Als ersten Song hört ihr deutschen Garagenrock von einer Band, die eigentlich nicht für diesen Sound bekannt wurde, ihn aber hier scharf aus dem Ärmel schüüttelt (hihihi): Amon Düül II mit „Archangels Thunderbird“ (LP: „Yeti“, 1970). Da könnte es dazu kommen, daß alte Meinungen über diese Band, sowie den hier verhandelten Krautrock plötzlich zusammenbrechen. Wer mehr mag, dem sei das „Wolf City“-Stück „surrounded by the stars“ dieser Band ans Ohr gelegt.

Weiter mit Neu!. Neu! machten in Motorik. Wer letztlich diesen Sound irgendwann so beschrieb, weiß ich jetzt nicht. Vielleicht war es Klaus Dinger selbst, der hier Schlagzeug spielt und den Neu!-Sound vielleicht zu etwas mehr als 50% erschuf (der Rest geht natürlich auf das Konto von Michael Rother, der anderen Neu!-Hälfte). Dieser Song heiß „Isi“, stammt von der Michael-Rother-Seite des Albums „Neu! 75“ aus ebenjenem Jahr. Ein exquisit rollendes Stück und ich möchte gerne in dem Klaviersound baden.

Folgend eine total unbekannte Kombo namens Camp Hansen. Leider unbekannt. Der Song trägt den Titel „Autorenmusik“ aus dem Album „keep music progressive“ von 2004. Der Titel soll auf den im Hintergrund hörbaren Ausschnitten aus sogenannten „Autorenkino“-Filmen beruhen. Ob die verwendeten Filmemacher so bezeichnet werden möchten, wissen nur jene selbst, doch tut das der schwebenden Atmosphäre keinen Abbruch.

Ein weiterer Neu!-Titel, „Neuschnee“ aus der LP „Neu! 2“ von 1973 folgt. Auch hier regieren federnder, wie fordernder Beat im Gleichklang mit einer schönen Melodieseligkeit. Das Neu! auch total anders konnten, mag jeder wissen, der sich einmal der hier mißachteten Debüt-LP aussetzte. Anspieltips hier: „Hallogallo“ und „Negativland“.

Und ab mit The Permanent Confusion, die in den 1990er eher für einen weniger krautigen, als dunklen Sound bekannt waren. Hier hören wir „9. November“ aus ihrem erst bald erscheinenden Album „Deutscher Herbst“. In zwei markante Teile zerschnitten, hört sich die erste Hälfte tatsächlich wie eine Fortsetzung des Neu!-Sounds an, doch der Bruch um die 3. Minute bietet ein fürchterlich schönes, anderes Bild. Wenn auch die Melodien gleich bleiben, sind die Parameter im Mix derart verschoben worden, daß ein anderer Song zu laufen scheint, der dann auch eine fast paranoid wirkende Beschreibung von historischen Geschehen an 9. November“n“ in Deutschland zum Bedenken gibt.

Der Sound hier mag ein wenig an die Einstürzenden Neubauten erinnern, von denen nun das Titelstück ihrer 1990er LP „Haus der Lüge“ folgt. Mit präzisem Beat, nicht nur in der Percussion, sondern auch im Gitarrenspiel, entsteht die Basis für die Wortarchitektur von Blixa Bargeld, der hier gekonnt ein Denkgebäude skizziert, das Siegmund Freud hätte grinsen lassen.

Wieder einen eher harmonischen Sound hören wir von Brian Eno, Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius. Der Song „The Belldog“ erschien auf ihrem zweiten, gemeinsamen Sessionstück „after the heat“. Wer sich noch nicht mit Eno oder dem Duo Cluster (unter diesem Namen firmierten Moebius und Roedelius zwischen 1971 und 1981, sowie später noch manchesmal) auseinandergesetzt haben mag, dem mag hier nicht aufgehen, wie stark sich die beiden deutschen Teilnehmer auf den Sound ihres britischen Kollegen eingelassen hatten. Enos weicher Gesang, der zwar klar verständlich ist, und doch von der Konzeption her eher einem poetischen Genuschel gleicht. Auch wirkt das komplette musikalische Backing eher wie ein wonnevolles Schaumbad. So sollten Cluster nie geklungen haben.

Es folgt der Versuch von „Monza“, einem Titel der Formation Harmonia, die aus den inzwischen hier schon vorgestellten Herren Moebius, Roedelius und Rother (schau nach bei Neu!) bestand. Für das Album „Deluxe“, auf welchem „Monza“ zu finden ist, verstärkte noch der Guru-Guru-Drummer Mani Neumeier die Band. Leider leidet dieses Stück hier unter digitalem Gezische und Geholpere, weswegen es dann weit vor seinem Ende ausgeblendet wird. Ein starker Song bleibt es dennoch.

Wir begegnen nun den möglichen Königen des sogenannten Krautrocks.

Deswegen ein Absatz.

Michael Karoli, Gitarre und Geige.

Jaki Liebezeit, Schlagzeug.

Irmin Schmidt, Tasten.

Holger Czukay, Bass und Radio.

Damo Suzuki, Stimme.

= CAN

Der Song, „bring me coffee or tea“, beendete 1971 das Jahrhundertwerk „tago mago“, das in seiner irrwitzigen Labyrinthhaftigkeit von Jorge von Burgos, dem blinden, humorlosen Mönch aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“ erdacht sein könnte. „Tago Mago“ hätte auch den Titel „Finis Africae“ tragen können, als Herberge des vermeintlichen Schatzes der absoluten, aber nicht konsumfähigen Erkenntnis. Und so bietet auch dieses einzelne Stück nur einen Hauch des Glanzes, den das ganze Album in Toto genossen, zu geben mag. Ich empfehle den Transfer auf eine unbeschriftete Musikkassette… irgendwann wirst Du, Hörer, nicht mehr wissen, an welchem Punkt in diesem Irrgarten Du Dich befindest. Du wirst spüren, mit welcher Macht, diese Musik geschaffen wurde. Sei bereit.