GlitzaCatz – Kapitel VII

Kapitel Sieben

Die Glitzacatz hatten Clemenz in einem Moment erwischen können, als dieser singulär war. So beschrieb Clemenz selbst den Zustand eines Mediums, wenn keine Verbindung zu einem Geist bestand. Tin wollte unbedingt erfahren, wie der Geist sein Medium fand, und wie der Kontakt zustande kam. Doch als Clemenz die Glitzacatz kommen sah, lief er ihnen in die Arme, und begann hemmungslos zu weinen.

Bitte helft mir, hier wegzukommen. Er ist jetzt nicht da. Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin schon so oft Medium für einen Geist gewesen, aber der hier, dieser Meursault macht mich so fertig. Ich halte das nicht mehr aus! Nehmt mich einfach mit weg. Egal wohin! Hauptsache ist, er findet mich nicht mehr!“

So konnte Tin nun seine erste Frage direkt hilfsgebunden stellen:

Aber wie findet der Geist Sie dann?“

Wenn er meine Schwingung in seiner Nähe wahrnimmt, kann er sich an meine Aura heften und mich so lange drücken, bis ich den Kontakt erwidere.“

Kann er nicht eine andere Person als Medium bewohnen?“

Nein, wir Medien sind leider Auserwählte. Wir haben eine Eigenart, die ich nicht genau beschreiben kann, die es sich selbst noch bewußten Geistern ermöglicht, sich an uns zu heften, um dann Kontakt zur Welt der Lebenden aufzubauen.“

Jin nickte und rief:

Dann lass uns doch endlich abhauen, wenn du so schnell weg willst!“

Tin mußte ihn beruhigen, denn sie wüßten ja gar nicht, wo der verärgerte Geist Meursaults zur Zeit waberte, um sich von jenem fern zu halten. Viel wichtiger sei zu erfahren, wie Clemenz geholfen werden könne, wenn der Geist ihn doch wieder bewohnen würde.

Meursault war ein Stadtmensch und er fasst mich eigentlich immer nur in der Stadt. Wenn wir also einfach hier wegfahren können? Ins Grüne? Da würde ich mich dann schon besser fühlen. Wenn er mich erst einmal hat, läßt er mich erst wieder gehen, wenn er müde ist und ich ihm zu viel Widerstand leiste. Er ist halt auch sehr aggressiv und will ständig, daß ich diesen Sattler verprügeln gehe. Das will ich aber nicht, der Mann hat mir nichts getan, aber der arge Meursault glaubt feste daran, daß dieser Sattler an seinem Tod Schuld trägt. Und überhaupt kann ich diesen Hass auf allen und jedes nur ganz schlecht verarbeiten, er hinterläßt immer diesen üblen Geschmack im Mund. Kein Geist hat mich je so belastet und sich so in meine Säfte hineingewässert. Ich kann, wenn er mich verlassen hat, oft nur noch stundenlang heulen. Das einzige, was mir dann noch hilft, ist Samsubarum, und damit verliere ich aber auf Dauer nur noch schneller den Verstand. Ich liebe Interzone sehr, ich bin hier zu Hause, aber hier lauert er an jeder Ecke, wenn ich nicht aufpasse. Ich habe manchmal Glück, daß ich seine Nähe spüre, bevor er mich bemerkt, dann versuche ich mich ihm zu entziehen. Es kann aber auch passieren, daß ich ihm dann genau in die Quere laufe, das ist immer mit großem Schock verbunden, wenn er mich dann mit einem Male zu drücken beginnt. Ihr könnt euch das nicht vorstellen, wenn diese Kälte über den Nacken läuft und sich der ganze Körper zusammenzieht, in sich implodieren will. Ich will dann in ein Loch fallen oder einfach zerquetscht werden, das letzte bisschen Lebensfreude aus mir herauswringen. Meine Freunde sagen immer, wie schlecht ich aussehe, seit er mich gewählt hat. Das ist jetzt zwei Jahre her und es sind die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens. Nicht einmal des Nachts kann ich ruhig schlafen. Immer wieder fühle ich diese Angst, das er mich zu drücken beginnt. Und wenn ich schlafe, träume ich von ihm, seit er mich dazu brachte, ein Bild zu seinen Lebzeiten anzusehen. Das sollen wir Medien eigentlich nicht tun, denn wir sollen neutral zu den Geistern sein. Sie sollen uns nicht beeinflussen, so wie wir sie ebenso wenig. Aber der arge Meursault, er treibt mich mit hartem Griff durch sein Leben, immer wieder auch in dieses Café, in dem er zu Tode kam.“

Es war inzwischen noch die letzte Farbe aus Clemenz‘ Gesicht gewischen. Der eher technisch gesinnte Bin, der neben Clemenz stand, legte diesem die Tatze auf die Schulter.

„Ich laufe nur noch gebückt durch die Stadt. Ich kann nicht mehr in Ruhe essen, habe schon Magenprobleme. Da hilft auch kein Kaffee intravenös mehr. Und das Zittern…“

Tin griff Clemenz‘ Hand.

„Komm jetzt einfach mit zu unserem Bus. Und dann hauen wir schnellstens aus der Stadt ab.“

Clemenz schlich mit den Glitzacatz gemeinsam durch einige Straßen, bis sie endlich den Bus erreichten. Seine Augen glänzten vor Feuchte. War es Freude, war es Angst, war es Überdruß? Es war alles.

Salynna wachte am ersten Morgen in ihrer neuen Zwischen- oder Wahlheimat auf. Am vorigen Abend hatte sie zum ersten Mal für 15 Minuten unter eine Höhensonne gedurft. Klapp Klappowitsch hatte sie dabei begleitet und über die korrekte Nutzung der Höhensonne gewacht. Unterstützt wurde Klappowitsch, ohne dessen bewußt zu sein, selbstverständlich auch von Wagner und Alessandro, die beiden Mitarbeiter der Katerei, die mit allerlei technischem Gerät das Haus der „Wandernden Sonne“ überwachten. Aus Gründen technischer Unzulänglichkeit, konnten sie jedoch nur das zweite und dritte Stockwerk des Hauses behören, so war ihnen nicht vergönnt, den Grund des Besuches von Jimmisch Joa zu ergründen, bis dieser dann plötzlich bei ihnen auftauchte, um ihnen zu offenbaren, daß der Sektier Salvatore Delayo bei Traw schwerstens in der Kreide stand und das Delayo sich seinerseits mit fest angelegten Reichtümern brüstete. Jimmisch Joa gab auch einen Hinweis auf die Herkünfte des Delayo’schen Vermögens: Delayo schien einem Produktzirkel anzugehören, welcher Handelsgüter aus dem Haus des Wolfes kopierte und günstiger in Umlauf brachte. Diese Erkenntnis ließ Wagner die Haare zu Berge stehen, denn ihm war bekannt, daß der Wolf und Delayo ein im Grunde genommen bislang gutes, fast freundschaftliches Verhältnis pflegten. Und Wagner wollte sich partout nicht ausmalen, was Delayo geschehe, wenn der Wolf von diesen Händeln Wind bekam. Das dies noch nicht geschehen war, mußte daran liegen, daß Delayo bis dato eher auf einem anderen Kontinent geschäftlich tätig war und dem Wolf bei kontinuierlichen Umsätzen seiner Produkte egal war, ob Dritte seine Einnahmen auf diese Weise anzapften. Der Erfolg der Kopien bestätigte schließlich die Überlegenheit der Originale. Wagner wußte auch, daß Delayo letztlich ein sehr pfiffiges Kerlchen war, der aufgrund seiner Vergangenheit auch relativ schnell erfassen konnte, auf welcher Basis zum Beispiel eine Ultrazig funktionierte und wie sie – bei Übernahme des bekannten Äußeren – günstig zu duplizieren war. Der Jimmisch Joa schnitt jedoch Wagners Befürchtugen ab, daß es zu einem blutigen Aufeinandertreffen Delayos mit dem Wolf kommen könnte, denn:

„Wenn er nicht übermorgen zahlt, dann findet der Wolf nur noch ’ne Leiche mit blutverkrusteten Ohren vor.“

Lachend war der Jimmisch Joa daraufhin gegangen. Alessandro und Mütterchen Ennia, die beide Zeugen dieser Offenbarung wurden, staunten noch lange schweigend vor sich hin. Doch dann explodierte Wagner:

„Jetzt müssen wir auch noch auf das Leben von diesem Luftikus aufpassen! Das kann doch gar nicht wahr sein! Wir haben hier gerade von drei Verbrechen erfahren, von denen zwei darum kämpfen, welches zuerst passiert und das dritte können wir gar nicht auf die Schnelle beweisen, und wenn wir es beweisen, bekommt eines der beiden anderen Verbrechen einen ungerechtfertigten Vorsprung auf dem Weg zum Geschehen!“

Wagner ließ sich in einen Sessel fallen und sah Alessandro wieder einige Momente zu lang an, als das dieser sich nicht zu einer Erwiderung verpflichtet gesehen hätte.

„Ja, Chef.“

Nun aber sah Salynna aus dem Fenster, auf den kleinen Vorplatz, der auf den weitläufigen Markt hinausführte, sah Mütterchen Ennia im Fenster des gegenüberliegenden Hauses und winkte ihr zu. Dieses alte, aber friedvolle Gesicht erfüllte Salynna mit einer Ruhe, die ihr noch unbekannt war, die sie aber als so schön empfand, das sie diese immer in sich tragen wolle. Sie sagte sich:

Ich bin endlich angekommen. Jetzt will ich auch endlich sein.“

Doch der Friede wurde sofort gestört, als – ohne einen Klopfer – Klapp Klappowitsch in den Raum stürmte, um kundzutun, daß

Bitte zu Delayo. Jetzt.“

Er war tatsächlich ein Mensch weniger Worte. Salynna legte noch eine Jacke über ihre Schultern und folgte dem Boten eine Treppe hinab. Auch Delayo hatte es überraschend eilig und wollte seiner neuesten Gläubigen nicht den Grund verraten, warum sein rechtes Ohr verbunden sei. Er griff ihren Arm und führte sie in das Sunfaithmobil – diesen schlechten Namen hatte das sekteneigene Fahrzeug in einer Abstimmung der Anhänger erhalten – und gab dorthin unterwegs gerade noch den Tip, daß sie sich zu Paulo Schmitz aufmachen müssten. Man habe am gestrigen Tag wichtige Punkte noch nicht angesprochen und das liesse sich nicht über Telefon verhandeln. Und sie, Salynna, müsse unbedingt dabei sein. Er sei auf ihre volle Unterstützung angewiesen. Dies gesprochen, die Hand schon am Türgriff des Fahrzeugs, blickte Delayo Salynna tief in die Augen. Seine Gedanken schrien hinterher:

Hoffentlich lässt mich die dumme Pute nicht hängen! Sie muss einfach Schmitzens Geld in meine Tasche fließen lassen und zwar pronto!“

Richard Wagner bemerkte den leicht verspannten Gesichtsausdruck bei Delayo, und folgerte, daß er und Alessandro unbedingt dieser Fahrt folgen müssten, denn

Da geht jetzt was! Wie hieß nochmal dieser Kaffee-Fuzzi? Schmitz? Die werden sich nochmal treffen, und die Dame soll da Geld locker machen, eh, Alessandro? Was denkst Du?“

Alessandro, seine Jacke greifend, nickte zustimmend.

Die große Tragik vieler Erzählungen und auch realistischer Dokumentationen liegt darin, daß gewisse Handlungen und Geschehnisse sich schon von weitem mit Pauken und Trompeten ankündigen. Aus Sicht des_r Leser_in. Für die handelnden Personen sind diese Zeichen am Horizont ihrer Welt oft nicht zu lesen, zu erkennen. So hält eins oft ein Buch in der Hand und – während des Lesens – formt sich dieser Gedanke:

Nein! Paßt doch auf! Das wird, das muß doch schief gehen!“

Oder ähnliches. Und auf einen solchen Augenblick steuern auch wir in dieser Erzählung zu. Damit der Moment nicht – für die unaufmerksamen Teile des Publikums – zu überraschend einher rauscht, werde ich hier einige der wichtigsten Informationen bereits zum Besten geben:

In diesem Land, das sich Interzone nennt, gibt es einen bergigen Norden. Im Süden grenzt es an ein Land, das sich Italien schimpft. Irgendwo im Westen Interzones existiert auch eine Grenze an Frankreich, sowie die Schweiz. Dort hatte sich Salvatore Delayo einst aufgehalten, als er aus seinem heimatlichen Bergdorf in die Welt aufgebrochen war. In Interzone gibt es Straßen, auf welchen Fahrzeuge unterwegs sind. Paulo Schmitz, der inzwischen oftmals erwähnt wurde, ist kein Einheimischer. Wie Mütterchen Ennia bereits zu Beginn bemerkte: Schmitz stammt aus Mailand. Er ist darüber hinaus mit etlichen der Protagonisten befreundet: Sattler, dem Wolf, Delayo. Doch nicht mit der Katerei. Und das Hasentrio um Traw ist ihm nicht ganz geheuer. Von den Glitzacatz hat er bis zu diesem Zeitpunkt nur gehört, und hält sie für einen Mythos. Jenseits von Schmitz ist es wichtig festzuhalten, daß Interzone über ein eher mässiges Gesundheitssystem verfügt. Es existieren Krankenhäuser, doch sind diese in keinem guten Zustand und auch nur ungenügend besetzt. Die unterdurchschnittliche Bezahlung nutzte Paulo Schmitz aus, um für seine Café-Intravenös-Kette Krankenschwestern anzuwerben, die bei ihm nicht besser entlohnt wurden, doch gab es die Möglichkeit von Trinkgeldern.

In Interzone gibt es neben der Hauptstadt noch zwei weitere größere Städte, die allesamt im südlichen Teil des Landes liegen. Ahnen Sie schon, was passieren wird?

Währenddessen kurvt der Bus der Glitzacatz mit dem zusammengesunkenen Medium Clementz an Bord aus Interzone in Richtung Norden, um dort dem gedrückten Gast ein wenig Luft zum Durchatmen zu verschaffen.

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