Die Welt der Underground-Sampler in den 1980er – Teil 1

An dieser Stelle schreibe ich Gedanke zu Musik nieder. Mag es die Leserin ansprechen? Anstiften? Abschrecken? Es ist und bleibt rein subjektiv. Es sind Gedanken oder kleine Erzählungen. Keine Analysen der musikalischen Theorie, dazu fehlt mir das Wissen und vor allem die Lust, dieses Wissen zu erwerben.

Im Zeitalter des Postpunk zwischen 1976/1977 und 1985 erreichte die Arbeit an musikalischen Zusammenstellungen (sprich: Sampler/Compilations, oft auf Cassetten veröffentlicht) einen ästhetischen Höhepunkt. In den Folgejahren gab es noch einige Labels (sprich: Plattenfirmen), die das Niveau weiterhin hochhielten, doch leider verlief sich diese Kunst spätestens mit dem Zugriff von Printmagazinen auf beigelegten CD’s, die endgültig nur noch Marketing bedeuteten.

Selbstverständlich sind auch die hier vorgestellten Sampler genau das, doch eben nicht nur. Sie sind einerseits Vorstellung von Künstlern, die in den meisten Fällen unbekannt sind, andererseits haben sie einen Mehrwert, der jenseits des Monetären zu finden ist.

Ich versuche die Sampler in einer größtenteils chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens vorzustellen, doch wird es Querverbindungen geben, die den zeitlichen Ablauf sprengen.

Subterranean Modern (Ralph Records/1979)

Diese Zusammenstellung erscheint auf dem Label der Residents und vereinigt, neben den selbstverständlich mit vier Stücken vertretenen Hausherren, noch weitere drei Acts, die um 1978/1979 in San Francisco lebten. Das Artwork stammte von Gary Panter, der seinerzeit auch gerne von Frank Zappa angeheuert wurde (z.B. Studio Tan).

Musikalisch wurde mir hier klar, daß ich mich nicht weiter mit The Residents beschäftigen werde (außer jemensch bietet wirklich überzeugende Argumente). Alleine ihre Version des von jedem Act hier interpretierten Tony-Bennett-Klassiker „I Left My Heart In San Francisco“ ist gut, der Rest überzogen erfunden.

Tuxedomoon interpretieren „I Left My Heart…“ als kurzes Hörspiel eines Long-Distance-Telefonat mit Harmonika im Hintergrund. Eine derart tiefgreifende, aber trocken und amerikanische Melancholie haben Tuxedomoon nie wieder in ihrer langen Laufbahn erreicht. Das zweite großartige Stück der späteren Bürger aus Brüssel ist „Waterfront Seat“, das auch den gerne mal hypnotischen Minimalsound der späteren Werke vorweggreift. Peter Principle fällt mit seinem Trademark-Bass auf.

Chrome, die im Kern aus Helios Creed und Damon Edge (zwei definitive Ausserirdische) bestehen, verwöhnen teilweise mit ihrem Velvet-Underground-als-Außerirdische-Sound, was nur leider an dem allzu irdischen Schlagzeugsound krankt. Wenn das egal ist, hat eins enorme Freude an den beiden Originalen „Anti-Fade“ und „Meet You In The Subway“. Ihr „I Left My Heart…“ ist Residents-mäßig zu erfunden und auch nur 28 Sekunden kurz.

MX-80 klingen hingegen bei „I Left My Heart…“ als seien Pere Ubu gerade aus Cleveland umgezogen, was okay ist. „Lady In Pain“ schafft es diesen Schatten nicht ganz abzuwerfen, bleibt jedoch ein feines Stück, im Gegensatz zu „Possessed“, das immer noch recht zackig sein will, jedoch vor allem kraftlos daherkommt.

Club Foot (Subterranean Records/1981)

Dieser Sampler scheint direkt an die vorangegangene Veröffentlichung anzuschließen, da sich der hiesige Labelname und der dortige Sampler-Titel massiv gleichen… und gleichermassen sitzen Label und die Acts wieder alle in San Francisco. Doch das sind die einzigen Parallelen. Subterranean Records ist weitestgehend eher ein Treffpunkt der Punk und Hardcore-Szene aus San Francisco, doch ist die Musik auf diesem Sampler eher jazz-affin, sprich Jazz soll es werden.

Das klappt hervorragend überall, wo die trockene Stimme von David Swan erklingt: Longshoremen mit dem Opener „What Does It All Mean“ und der Abschluß des ansonsten eher mässig erregenden „Theme From Club Foot: Medley“ des Club Foot Orchestra, das sich aus Musikern, dieses Clubs in San Francisco zusammenstellte. Dem Titel nach sollte „Modern Jazz“ von Naked City hier auch anschliessen, doch erinnert es eher an den Versuch einer Postpunk-Band aus Manchester Jazz zu verkörpern: Was sich hier kritisch liest, ist jedoch musikalisch sehr geschmackvoll. Ein fantastischer Höhepunkt ist das im Hintergrund massiv Steve Reich belehnende „Frank Sinatra“ der Alterboys. Ganz anders, aber ähnlich eigen und stark anzuhören ist der weitere Alterboys Celebrity-Kracher „Roy Orbit’s Son“. Die Bay Of Pigs bieten mit „I’m Writing It Down“ und „Everything Changes“ auch zwei ganz gute Stücke, doch ich wünschte, es wären Instrumentale, denn Stimme Andrew Hayes will gerne als wirrer Querdenker erscheinen, nervt aber nur.

Auf dem Cover dieser Platte sehen wir übrigens Richard Edson, der u.a. der erste Schlagzeuger der Sonic Youth war. Er sah ziemlich gut aus.

From Brussels With Love (Les Disques Du Crépuscule/1980)

Da kommt ein richtiger Höhepunkt! Und wir werfen einen Blick auf die erste Version, die im November 1980 als Tape erschien. In den folgenden Jahren wurde „From Brussels With Love“ einige Male auf verschiedenen Formaten neu aufgelegt, dabei immer auch mit Änderungen an der Songliste.

Daher ist es wichtig zu schauen, ob die größten Erfolge auf dem Tonträger zu finden sind. Zentral waren jeweils zwei Interviews, die mit der großen Schauspielerin Jeanne Moreau (im Hintergrund ein Klavierstück aus der Feder von Erik Satie) und mit Brian Eno (auch Musik im Hintergrund: hier von Phill Niblock) geführt wurden. Beide Stücke sind so vorzüglich erarbeitet und als Kunststücke aufgestellt, daß sie (selbst bei Problemen der Verständlichkeit) sehr viel Spaß bei Zuhören machen.

Darüber hatte eins das große Gefühl von einem musikalischen Impressionismus überflutet zu werden. Was für größte Freude sorgt, wenn es sich dabei beispielsweise um The Durutti Column handelt, die „Piece For An Ideal“ zum Besten geben, während „Sleep Will Come“ nicht zuviel Freude verursacht. Oder das sehr atmosphärische „The Shadow Garden“ von Bill Nelson, der 1980 schon in seiner Post-Pop-Phase angelangt war und sich nicht mehr um Songstrukturen scherte. Diese waren perfekt in einer frühen Version von „Airwaves“ von Thomas Dolby angelegt. Ein Hit, ein Hit! Der sonderbare Factory-Zögling Kevin Hewick durfte seinen Vorschlag eines Popsongs darbieten und verbreitete mit „Haystack“ durchaus Freude. Doch ist er eher der tolle Performer, als das er ein besonderer Sänger sei. In der Bill-Nelson/Brian-Eno-Ambient-Liga ist auch Harold Budd ein gern gesehener Spieler und kaum jemand kann so fein Klavierspiel mit Hall versehen. Das könnte eins als Kritik ansehen, hihihi. Doch sehen wir es realistisch: Gegen ein Harold-Budd-Stück auf einem Sampler ist nichts zu sagen, das ist etwas Schönes, eine Atemübung des Weltenlaufs. Eine ganze Platte hingegen ist nahe an einer Zumutung. Auch sehr pianotropfend erscheint Gavin Bryars, doch in diesem Umfeld ist „White’s S.S.“ grandios aufgehoben. Doch auch kratzigen New-Wave/Post-Punk gibt es auf hohem Niveau: Radio Romance erinnern etwas an die lokal auch sehr erfolgreichen Polyphonic Size. Und The Names gewinnen jeden The-Cure-Soundalike-Contest nicht zuletzt aufgrund der verwechselbar ähnlichen Stimmen von Michel Sordinia und Robert Smith. Auch hier übrigens wieder die guten Verbindungen zu Factory Records, die auch zum Beitrag von Martin Hannett führten. Weniger impressionistisch oder verträumt, als die Herren Budd und Nelson, dafür kratziger und auch verspielter gibt sich „The Music Room“. Der Mann lieferte mit diesem Track auch wieder den Beweis, ein Enigma sein zu wollen. Und wir machen den Hacken dran: Geschafft.

The Fruit Of The Original Sin (Les Disques Du Crépuscule/1981)

1981 sandte Les Disques Du Crépuscule ein weiteres sonderbares Produkt sonderbarer Musik den Grüssen aus Brüssel hinterher.

Die Kenner jubeln über das erste Treffen mit der späteren Songwriterin Virginia Astley, die hier für Richard Jobson Klavier spielte, während er in „The Happiness of Lonely“ klingt, als sei er als englischer Landadelszögling gerade aus den Schützengräben des ersten Weltkriegs heil zurück gekehrt. Sonderbares Stück. Doch sonderbarer wird das Gesamtkonzept, denn es bringt uns HörerInnen im gleichen Atemzug die No-Waver von DNA, die gleich drei kurze Schreckensschreie aus den U-Bahnschächten New Yorks … anbieten? Gitarrist Arto Lindsay wurde später ein Schöngeist, hier liefert er wegweisende Gitarrenarbeit in „Cop Buys Donut“.

Haarsträubend ist auch Williams S. Burroughs Lesung „Twilight’s Last Gleaming“, in welcher im Zentrum eine Blinddarm-OP steht. Sollte eins definitiv nicht vor einem solchen Eingriff hören. Niemals! Aber andererseits, was gibt es besseres, als Burroughs‘ Stimme. Ihm werden wir bei einem späteren Sampler wiederbegegnen.

Auch der Saxophonist Peter Gordon, der den Titelsong dieses Tonträgers spielt, bereichert das überbordernde Klangspektrum mit einem zickigen Avantgarde-Jazz, der den Postpunk-Anzug trägt. Da kann uns die ein zweites Mal Klavier spielende Virginia Astley ein wenig Ruhe bringen. Sie taucht im Hintergrund eines Interviews mit Marguerite Duras auf. Wie schon auf „From Brussels With Love“ gehört auch hier das Gespräch zum Höhepunkt. Kratzig wird es derweil wieder, wenn eine Formation namens Marine den Francis-Lai-Filmmusik-Klassiker „A Man And A Woman“ interpretiert. Schon orginalgetreu, aber ohne jedwede romantische Regung. Die flutet „Clair de Lune“, gespielt von Cécile Bruynoghe. Claude Debussy war in den frühen 1980er Jahren wohl ein sehr beliebter Komponist. Wie Burroughs werden wir ihm noch begegnen.

Ein Sampler aus Brüssel: Wer darf da nicht fehlen? The Durutti Column. Von ihnen gab es irgendwann einen Song namens „For Belgian Friends“. Die beiden Stücke „The Eye And The Hand“, sowie „Experiment In Fifth“ sind für die Duruttis sehr solide, also brilliant. Und da ist dann auch wieder diese leicht verträumte Atmosphäre, die auch den Vorgänger so beflügelte und Arthur Russell vertieft, als hätte er seine Aufnahme in direkter Umgebung eines hochmotivierten Springbrunnens gemacht. Sonderbar! Und dann ist da noch eine frühe Aufnahme der schottischen Orange Juice, die ganz juvenil „Three Cheers For Our Side“ fordern. Jungs halt, deren Sänger Edwyn Collins war. Der nahm später mit dem Landsmann Paul Quinn den Velvet-Underground-Klassiker „Pale Blue Eyes“ auf. Paul Quinn sang 1981 noch für die French Impressionists und diese boten einerseits den törichsten Songtitel „Boo Boo’s Gone Mambo/My Guardian Angel“, andererseits war es betörende Musik, der eins gerne den Titelfehler verzieh. Schmacht! Und dann tauchten Marine noch einmal auf und musizierten, wie es ein Jahr später Haircut 100 taten und damit filthy rich wurden. Klang 1981 noch frisch, diese Uptempo-Rhythmus-Gitarren mit Slappbässen.

Winston Tong war für einige Jahre die Stimme von Tuxedomoon. Hier taucht er auf, um in einer Liga mit William S. Burroughs zu spielen, und siehe da: er geht nicht unter! „The Next Best Thing To Death“ ist verstörender als jener und damit ein ziemlich normales Winston Tong-Stück.

Some Of The Interesting Things You’ll See On A Long-Distance Flight (Les Disques Du Crépuscule/1982)

1982 bewiesen dann Les Disques Du Crépuscule, das auch ihnen nicht alles gelingt. Eine Konzertour, die man unter dem Titel „Dialogue North/South“ organisierte, brachte die Aufnahmen dieses Samplers.

Natürlich an Bord waren The Durutti Column, die hier auch live sehr stark zu überzeugen wußten. Allerdings gab es zwischendurch immer wieder die mit „A Raving Lunatic“ betitelten Versuche eines Wally Van Middendorp eine Kreuzung zwischen Ansager, Showmaster, Stand-Up-Comedian und einfachem Suffkopp darzustellen, die völlig ärgerlich sind. Und die 20-Sekunden-Auszüge eines Serge-Gainsbourg-Songs hätte man sich auch wahrlich sparen können.

Der auch bereits zuvor genannte Richard Jobson liess sich hier von Tuxedomoon begleiten und bietet ein gutes, romantisches Set, aus dem „Etiquette The Ballad“ und „Pavillion Pole“ herausstechen.

Darüberhinaus hören wir: Paul Haig & Rhythm Of Life, Antena und The Names (ja, die Cure-Soundalikes von eben). The Names konnten auf „From Brussels With Love“ mit ihrem Song „Cat“ überzeugen, aber hier (und das gilt für die beiden anderen Acts auch) gibt es Konzertaufnahmen und diese sind dünn, kraftlos, langweilig. Diese Acts in den 1980er live gesehen zu haben, scheint mir Geldverschwendung gewesen zu sein. Dieser Sampler konnte sich gerade noch durch die Duruttis und Richard Jobson retten.

A Factory Quartet (Factory Records/1980)

Factory hatten schon 1980 einen teilweise in Konzerten mitgeschnittenen Sampler zum Besten gegeben.

Teil des Ganzen waren natürlich – Tusch! – The Durutti Column. Kann es sein, daß ich eine gewisse Affinität, eine Liebe zu dieser Band habe? Fangirling? Hüstel. Also sage ich auch nicht, wie toll und fantastisch die drei Stücke sind. Ihr glaubt es mir eh nicht mehr. Meine Objektivität ist den Bach hinab.

Blurt, die Band von Ted Milton, Saxophon, sind generell ein Fall für die Connoisseuse mit ihrem wagemutig als schräg beschriebenen Sound. Wer „Dyslexia“ durchhält, der liebt die Band. Und es ist ganz einfach. Doch auch „Puppeteer“ ist ganz lustig.

Kevin Hewick haben wir weiter oben schon kennengelernt mit einem ganz netten Einstand. Wie ich dort schon schrieb, ist er kein großer Sänger. Hier sind Live-Aufnahmen. Wie kommt er auf ein paar nette Kommentare? Nun, die Songs taugen einfach, z.B. „The Enchanted Kiss“. Doch insgeheim wünschte ich, Scott Walker hätte ein paar Hewick-Songs interpretiert. Das hätte ein Fest werden können.

Und dann waren da noch The Royal Family And The Poor. Nein, Charlie oder Liz hatten nichts mit der Band zu tun. Ich vermute, beide mögen es nicht so aggressiv. Diese Band bot einen Sound, der aus meist maschinenhaft, aber menschlich produziertem Beat und hart vorgetragenem Sprechgesang (nein, hat nichts mit Rap zu tun, überhaupt nicht, ist total weiß) bestand, wobei die Texte zwischen linkem Polit-Agit und situationistischen Auszügen (tja, „Vaneigem Mix) bestanden. Das kann eins mögen, aber ich glaube, eine ganze LP würde ich nicht durchhalten.

Insane Music For Insane People Volume 1 (Insane Music/1981)

Hier kommen wir zu einer schlechten Idee. Also, die Idee, darüber zu schreiben, ist unvorsichtig, denn „Insane Music For Insane People“ ist eine Serie an 25 Tape-Veröffentlichungen, die zwischen 1981 und 1988 erschienen. Das Projekt war der Einfall von Alain Neffe, einem belgischen Musiker aus der Industrial-Szenerie. Dieser steckt auch hinter vielen „Bands“, die auf diesen Samplern vertreten waren.

Ich habe zur Zeit noch keinen Zugriff auf alle der 25 Veröffentlichungen, doch möchte ich mich grundsätzlich auf die besten drei konzentrieren. Das sind die Volumes #5, #6 und #1 in qualititativer Reihenfolge.

Volume #1, erschienen 1981, bringt schon mal meinen persönlichen Lieblingstitel, sprich der Titel des Songs ist das, was ich mag: „Manuel ist unehrlich“. Musikalisch ist dieses Stück von M.A.L. nicht weiter erwähnenswert, aber hinter dem Titel scheint ein großes menschliches Schicksal zu lauern. M.A.L. haben jedoch noch einen zweiten Auftritt, und der knallt! Als seien Pink Floyd in eine Zeitlupe geraten und zusätzlich noch ins Jahr 1969 (ca. LP „more“) geschleudert, so klingt „Insects In Love“. Grandios! Überhaupt ist die Musik nicht nur auf Volume #1so unglaublich körperlos und auf seltsame und seltene Art und Weise ätherisch, ohne New-Age-haft verkitscht zu sein. Es wundert nicht, daß an großen Namen gerade einmal die Legendary Pink Dots und die langjährige Swans-Keyboarderin und Sängerin Jarboe auf diesen Samplern vorbeischauten.

Auf dieser Cassette #1 sind die mehr als nur orientalisch fremdartigen Stücke „Pikah ô Papikah??“ Teil 1 und 2 von Japanese Genius Schlüssellochblicke in eine seltsame Welt, auch das live mitgeschnittene „TV News“ von Mecanique Vegetale ist ein wahrhaftiger Trip. Die über viele der Tapes verstreuten Stücke der Formation Cortex beginnen hier und sind sofort von kalkulierter Lieblichkeit. „Cortex A“ verbindet schwebende Keyboardflächen mit weiblichem Geflüster auf Französisch. „Cortex C“ bedient das gleiche Grundmuster, doch hier singt die weibliche Stimme. Der Cortex-Macher, Alain Neffe, engagierte zu jedem Stück eine neue Mitstreiterin. Mit dem windig sureellen „Dracustein’s Revenge“ von I Scream könnte fast „Insects In Love“ übertrumpft werden, wenn das Stück nicht in videospielartigen Echoeffekten enden würde.

Als Gesamtpaket ist Volume #1 ein überzeugender Trip in fremdartige Welten, der – wie geschrieben – das Leitbild für die Serie vorgibt.

Insane Music For Insane People Volume 5 (Insane Music/1984)

Mit Volume #5 (1984) erreicht die Serie schon den frühen Höhepunkt. Cortex zaubert mit „Cortex X“ eine romantische Atmosphäre, die von Enno Velthuys im dramatischen „Conclusion“ als klanglichem Finale eines 1980er Noir-Streifens, weitergeführt und korrekt ins Ziel einfährt. Vielleicht das langlebigste Stück dieser Serie. Wenn da nicht die auf diesem Tape vier Mal vertretenen und auf höchstem Niveau zaubernden Empty Wien wären: „Thomas Szabdz“ ist minimalistischer Elektropop, „Mitch“ ist ebenso bezaubernder Pop, doch hintergründiger und dann der Knaller „Leave It“, der ein ganz, ganz großer Hit hätte sein sollen, denn selten erleben wir einen solch sicher in sich ruhenden, elektronischen Sound mit dieser heiligen Absichtslosigkeit. Festlich.

Und auch M.A.L. sind wieder an Bord und drehen ihre Phaser weit auf, damit die Gitarre schön durch die Weiten des Alls driften kann. Der Titel „Pure Emotion“ ist allerdings vielleicht ein wenig übertrieben. Ein Fest für die Freunde valiumgeschwängerter Sequenzer ist Twilight Rituals „Fear For Loosing You“, welche hier die körperlose Atmosphäre mit gequältem Gesang und schneidenden Keyboardsounds anreichern und damit fast schon menschlich wirken. Gosh! Hinter Human Flesh lauert schon wieder Alain Neffe. Das verhindert nicht, das „Just Another Movie“ ein schöne, zickige Traumreise wird. Ein weiterer Titel „Conclusion“, dieses Mal von I Scream dargeboten, überfällt uns mit glitzernden Sounds, dem Dröhnen der tiefen Manuale einer Kirchenorgel und eins möchte meinen, da sei einfach nur Schönheit im Angebot.

Insane Music For Insane People Volume 6 (Insane Music – 1984)

Treiben wir weiter zu dem Tape mit der Nummer #6 (auch 1984). Natürlich regieren auch hier die sonderbaren, die erstaunlichen Lieder. Wie jenes von Eric Abithol und Valerie Desperiez, welche über die „Substance M“ nachgrübeln. Ein wenig sinnliches, aber höchst verwirrendes Stück Synth-Pop. Und Twilight Ritual kehren wieder, kredenzen uns „Tears On The Wall“, das uns mit einem ungleichen Dreieck aus Gleichmaß, Gezappel und gezogenem Gesang beglücken möchte. Jedenfalls beruhigender, als es Voidkampf ist, die eine Idee, die David Byrne und Brian Eno 1981 schon einmal umgesetzt hatten, hervorkramen: Eins nehme das Gerede eines Politakteurs und lege einen Beat darunter. Hier unter dem Titel „Politician Trying To Express His Opinion“ dargeboten. Sehr oft fällt das Wort „Very“. Tara Cross verbindet einen leicht ätherischen Gesang mit Heimorgelcharme, das ganze fein abgeschmeckt mit Spuren von Sprechgesang und fertig ist „Desperate“. Doch, das ist die Hörerin danach nicht. Eine endgültig von irdischen Sinnen losgelöste Meditation erwischt uns durch Maybe Mental und „Quiet“, welches mit hintergründigen Spracheinspielungen und entrückenden Sounds die Fesseln löst. Und das „Hotel Motorpool“, geführt von M.Soden, liegt tief im Wald, wo selbst nur selten der Wind weht, doch manchen Tages hört eins Stimmen. Spooky, sehr! Da wirkt „Tonight“ von den amerikanischen Algebra Suicide doch schon fast irdisch, normal, konkret strukturiert. Mit Text!

Doch sei noch erwähnt, daß auch die weiteren Tapes aus dieser Serie etliche Höhepunkte bieten. Seid neugierig!

Demnächst folgt ein weiterer Überblick über Sampler und Compilations aus den frühen 1980er.

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Q-Tips #2 (heyhey, Mixcloud, hey)

Die ersten Momente gehören dem etablierten Intro der Q-Tips-Reihe, die schon vor etlichen Jahren auf Radiowellen begann: Laikas „spider happy hour“.

Es folgen die in San Francisco beheimateten Longshoremen, die mit einem schönen Beatgedicht zu – sind das Küchengeräte? – und Fingerschnippsen einhergrooven. „what does it all mean“ heißt das Stück und im Song: „television personality’s out“. Zu finden ist dieses feine Stück auf dem Sampler „Club Foot“ aus dem Jahr 1981. Vor einigen Monaten neu aufgelegt.

„Dig it“, heißt es noch, dann starten Tuxedomoon mit „music for piano + guitar“, das 1986 auf „ship of fools“ veröffentlicht wurde. Ein erstes, beinahe leises Balsam für Seelen.

Coil veröffentlichten 1991 ihr Album „love’s secret domain“, und ein Jahr später liessen sie eine Platte mit dem Titel „stolen and contaminated songs“ folgen, auf welchem sich etliche Urversionen der „l…s…d“-Songs fanden. Unter anderem „original chaostrophy“, das in aller digitalen Heimeligkeit hier nun sein Wesen daherschleifen lassen darf.

Es folgt ein Stück, das wohl zu den mysteriösesten Veröffentlichungen zählt. Die Platte trägt den Titel „Lingva Pravorvm Peribit“ und ist um 2001 durch das belgische Label Firstcask veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen aus dem lettristischen Umfeld, heißt es. Die Titel selbst bleiben unbenannt. Im Run-Out-Groove der Seite C, auf welcher das gespielte Stück erscheint, steht Videoconference. Klingt doch gut, oder? In jedem Fall ein sonderbares, hölzern groovendes Stück mit fürstlichen Melodien, wie ein Erschießungskommando. (Link zu weiterführender Information zu dieser Schallplatte)

Da paßt der Nachruf auf die letzte Nacht der RAF’s Ensslin, Raspe und – bäh – Baader, den Permanent Confusion mit dem Titel „18. Oktober“ präsentieren. Wackelig, nervös und beunruhigt schleicht dieses Stück dahin, um sich in beschwörendem Flüstern aufzulösen.

Mit Rip, Rig & Panic folgt eine leider sehr in Vergessenheit geratene Combo, die den wunderbarsten Songtitel hat: „beware (our leaders love the smell of napalm). Erschienen 1980 auf „god“. Auf dem Cover kratzt sich ein Tier am Hintern. Das jazzige Klavier im Titel unterstreicht die Würde jedes Agnostikers, danke!

Die Kinks haben ihn erfunden oder eher seinen Namen im kontinentalen Bereich bekannt gemacht. Jetzt darf hier der Ex-S.Y.P.H.-Sänger Harry Rag bei „russian puppet“ auch Klavier spielen, nicht jazzig, aber punktiert und langsam, aber nicht sentimental. Nee, nee! Erschienen 1992 auf „Trauerbauer“.

Und zack, tauchen schwebende Gitarren auf, gespielt von M.A.L., zu finden auf „insane music for insane people, vol. 1“, 1981. Und „insects in love“ heißt das süße Liedlein, das klingt, wie ein feuchter Fiebertraum jedes Pink-Floyd-Fanatikers.

Von Pink Floyd zu Simon & Garfunkel scheint im Overground des Mainstreams ein kurzer Schritt, doch obacht! Die beiden komischen New Yorker Käuze konnten auch nicht konsensselig, wie ihre brückenlastigen Hits nahelegen mögen. Hier hatte Paul mal in der U-Bahn die Augen auf, und schrieb dann „a poem on the underground wall“, 1966 auf „parsley, sage, rosemary and thyme“ veröffentlicht.

Auf der B-Seite der weltbekannten Ronettes-Single „be my baby“ versteckte 1964 der berüchtigte Produzent Phil Spector ein jazzig-loungiges Instrumental mit dem Titel „Tedesco and Pitman“. Was ist hier wirklich der größere Hit?

Und nun zur hier ätherisch klingenden Brigitte Fontaine mit einem Stück aus der vorzüglichen Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble of Chicago, „comme à la radio“, das 1969 aufgenommen wurde.

Und plötzlich hält der unglaubliche Groove Einzug! Duke Ellington nahm 1963 mit Charles Mingus und Max Roach die hervorragende Scheibe „money jungle“ auf. Dort findet Ihr alle diesen Knaller, „caravan“! Ja, ich weiß, ist ein Ellington-Klassiker.

Und es wird wieder anschmiegsam mit Bill Rieflin und Chris Connelly, die uns „prayer“ aus dem Album „largo“ spielen, das 2000 veröffentlicht wurde. Vom munteren Klavier zum betulichen.

Und weiter zur kratzigen Gitarre von DNA! Da kann frau mal richtigen No-Wave hören mit Arto Lindsay. Der Song war die A-Seite der 1979er Single „you & you“

Ja, aber da wird die Gitarre doch wieder folky und akustisch! Und die Band heißt „Let’s have healthy Children“. Schon wieder aus der Reihe „Insane Music for Insane People“, diesmal Volumen #5. Das spricht mich doch total an. „fear no more“ ist der Titel. Sollte aber auch jeder so raushören können.

Lange kein Klavier mehr hier gehört. Auf zu Colourbox und aus ihrer ersten self-titled-85er Platte perlt „sleepwalker“. Oder taumelt. Schleicht.

Das Todesklavier könnte er spielen, doch läßt Karl Biscuit in „requiem“ lieber ein Todesrauschen oder -schwelgen erklingen. Zu finden auf dem schön becoverten „regrets eternels“ von 1984. So gehen Dandys dahin.

Und gar keine Dandys waren die Mothers of Invention, und so bekommen wir nun die klare Aussage über das schönere Sterben der Creeps. Pow Pow Pow! Oder Lagerhaltung der Freaks. Frank Zappa wußte schon immer, wie unsubtil und doch mehrdeutig und zeitlos gegen alles Krawall gemacht werden konnte. „concentration moon“ findet sich auf „we’re only in it for the money“ von 1969.

Schöner Schwelgen im Schmerz, das kann kaum einer, wie Scott Walker. Scott as in Scott only knows. Dieses Stück, „I threw it all away“ (Original Bob Dylan) nahm er 1996 für den Soundtrack zu „to have and to hold“ auf, der ansonsten von der Echte-Männer-Crew Cave, Harvey, Bargeld mit viel, viel Geigenschmelz erzeugt wurde. Damals hatte Scott schon „Tilt!“ gerufen und war noch einmal zurückgekehrt.

Und ganz plötzlich ist dann Schluß. That’s it, Folks!