Das Elend der männlich dominierten Musik in der Gegenwart

Ich höre seit Jahrzehnten Musik. Pop- und Rockmusik haben mein Leben gerettet. Und das immer wieder mit alten, mit neuen Sounds. Seit mindestens 20 Jahren wird mein Leben auch durch Jazz und seit zehn Jahren von Folk gerettet. Ich habe inzwischen meine Sucht nach Tonträgerkäufen einigermassen im Griff, und überhaupt ziehe ich mir heute lieber eine Runde mp3’s.

Wer jetzt mit „ABER DER KLANG DER MUSIK“ kommt, den frage ich: Na, wo ist denn Ihr perfekter Hörraum? Ich habe keinen, nie gehabt und meine inzwischen nahe der Midlife Crisis gealterten Lautsprechertürme müssten tatsächlich irgendwann mal eingemottet werden und durch kleine Soundwürfel, die niemanden erschlagen, wenn sie ins Wanken geraten, ersetzt werden. Was soll’s, noch kommen Töne raus, also weiter.

Da ich ein Statistiken liebendes Nerdgirl bin, habe ich inzwischen auch seit Jahrzehnten Listen darüber geführt, wie gut/schlecht Musik in meinen Ohren klingt. Das ist gelebte Subjektivität, die aber einen Wandel abbildet: Seit Beginn der 2010er brauche ich fast eine Männerquote, damit dieses Geschlecht noch stattfindet. Nuje, ich finde das jetzt nicht wirklich schlimm und wenn ich mir meine Lieblingsplatten dieses 2020er Jahrgangs bislang ansehe, dann sind da Dua Lipa, Lyra Pramuk und der Birds-Of-Prey-Soundtrack! Der erste Mann, der irgendwann auftaucht, ist der Jazz-Schlagzeuger Makaya McCraven, der mit „We’re New Again“, die gerade zehn Jahre alt gewordene, letzte Platte des sagenhaften und leider 2011 verstorbenen Gil Scott-Heron („I’m New Here“ der Titel jener LP) neu „Reimagined“, wie es im Untertitel so schön heißt. Eine tolle Platte. Aber die zuvor erwähnten Namen munden mir noch besser. Fein.

Nun dachte ich mir, könnte ich mal meiner Arbeit Früchte pflücken und schauen, was sind die 35 All-Time-Best-Male Platten… männlicher Solist, hauptsächlich männliche Band als Eintrittskarten und dann mal schauen, warum da heute, 2020, bzw. in den letzten zehn Jahren nichts mehr läuft. Oder vielleicht lief ja was und diese Künstler gehörten zur gefährdeten, aber noch nicht ausgestorbenen Spezies: Männer, die es nach 2010 noch hinbekamen. Grins.

Dann, Vorhang bitte.

  1. Can – Monster Movie (1969) + 10. Tago Mago (1971) Ja, von Can kann nichts mehr kommen. Die Band löste sich nach der Veröffentlichung ihres letzten, auch wirklich kaum brauchbaren Albums „Rite Time“ (rec. 1986/VÖ 1989) schrittweise auf. Und inzwischen sind Michael Karoli (Gitarre) und Holger Czukay (Bass) auch verstorben. Eine so rau und perfekt zwischen kunstvollem Krach, psychotischen Wiederholungsorgien und CopyCatism rausgehauenem Untergrundprodukt würde ich auch heute noch gerne ganz neu mein Ohr leihen, egal welchen Geschlechts.
  2. John Coltrane – A Love Surpreme (1965) John starb bereits im Juli 1967 an Krebs. Bis dahin hatte er uns alle möglichen Sterne vom Himmel geholt. So einen wird es sowieso nie wieder geben. Aber, was uns danach alleine seine Frau Alice bis ihrem Tod 2007 noch an grandioser, tief inspirierter Musik gab. Sollte eins auch mal draufschauen. Heißer Tip!
  3. Mike Oldfield – Ommadawn (1975) + 6. Tubular Bells (1973) Er lebt noch. Versuchte sich sogar 2017 an einer LP mit Titel „Return to Ommadawn“. Nicht ganz schlecht. Trotz allem eher der Beweis für meine These, das die Herren … naja, okay. Aufgrund gewisser Hintergründe der 1975er LP, freue ich mich eher für Herrn Oldfield als Mensch, das die alte Intensität nicht wiederkehrte, denn der Mann hatte ziemliche psychische Probleme, mit denen er in den 1970er klar kommen mußte. Vieles davon floß als Einfluß in seine Musik und machte sie – das ist meine persönliche Erfahrung – zum Anker für Menschen, in ähnlichen Situationen. Gerade „Ommadawn“ ist ein unwirtliches, abweisendes musikalisches Land, das aber zu einer schützenden Heimat werden kann, wenn eins den Eingang gefunden hat.
  4. Godspeed You! Black Emperor – Yanqui U.X.O. (2002) + 11. Lift Your Skinny Fists… (2000) Noch nicht im Metal angekommener, aber dennoch post-apokalyptisch wirkender Postrock. Mit wenig Hoffnung, aber viel Trauer, Schmerz, Wut. Musik, die auch 2020 noch immer gerne gebraucht werden könnte, wenn es da nicht die beiden Hit-Doppelalben des kanadischen Kollektivs gäbe. Deswegen interessieren mich die Post-Comeback-Platten ab 2012 auch überhaupt nicht. Vielleicht sind sie ja toll. Oder sogar überwältigend. Egal.
  5. The Decemberists – Picaresque (2005) Das schöne an Godspeed… und den Decemberists ist ja, das eins zuerst mal nachgucken muß, ob der männliche Anteil an Mitgliedern wirklich über 50% ist. Ja, sie schaffen es knapp. Die Decemberists schafften es sogar 2015 mit „What A Terrible World, What A Beautiful World“ eine richtig starke Platte zu veröffentlichen, die dem 2005er Meisterwerk fast gefährlich nahe kam: kraftvolle, melodieselige Songs mit berührenden Texten über die Menschen an den Aussenstellen des Lebens, der Gesellschaft. Und es begeistert mich auch heute noch, wenn in „The Mariner’s Revenge Song“ die beiden Todfeinde sich im Bauch eines Wales, der gerade zwei Schiffe verschlungen hat, als einzige Überlebende gegenüberstehen und der Erzähler den Schwur gegenüber der sterbenden Mutter zu singen beginnt. Also, die Decemberists sind der erste Act, der noch Hoffnung für die Zukunft birgt. Vielleicht.
  6. siehe Mike Oldfield
  7. David Bowie – Blackstar (2016) Nun, die Zukunft ist vorbei. Aber immerhin gab es im vergangenen Jahrzehnt noch diesen grandiosen, musikalischen Wurf von Herrn Bowie. Wobei er auch der erste Herr in dieser Auflistung ist, welcher nicht wirklich ohne Schrammen aus seiner Geschichte hervorgeht. Sein widerliches Verhalten gegenüber jungen Frauen in den 1970er (mann nannte sie Groupies, Band-Aids, whatever, und benutzte sie). Sein Verhältnis zum Faschismus, der 1978 – zusammen mit dem Teilzeitrassisten Eric Clapton – zur Gründung der Bewegung Rock Against Racism (vorher schon die Anti-Nazi-League) in England führte. Zu dem Zeitpunkt war Herr Bowie zwar schon wieder klar im Kopf (kokslos), doch 1976 war das anders. Stichwort: Victoria Station.
  8. Robert Wyatt – Rock Bottom (1974) Der gute Robert ist seit jeher dafür Kommunist gewesen. Vermutlich auch heute noch. Er hat jedoch inzwischen seine Karriere beendet. Sein letzter Output war 2010 „For The Ghosts Within…“, eine Zusammenarbeit mit Gilad Atzmon und Ros Stephen. Irgendwo zwischen Jazz, Hip Hop und Third Stream. Ein Highlight, auch gegenüber den vorangegangenen, sehr starken Wyatt-eigenen Alben. Doch „Rock Bottom“ knackte keines. Robert Wyatt war ein angesehener und fintenreicher Schlagzeuger zwischen Pop, Rock und Jazz, als er im Juni 1973 von einem Balkon fiel und seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Die Stücke auf „Rock Bottom“ gab es teilweise bereits zuvor. Doch, aus dem Krankenhaus entlassen, nahm sich Wyatt mit Kolleg*innen dem Material neu an und heraus kam ein einzigartiger, musikalischer Strudel zwischen Emotion, Liebe, Zivilisationsmüdigkeit und verqueren Kabbeleien mit seiner ewigen Partnerin Alfreda Benge. Eine Gnade, das es diese Platte gibt.
  9. Belle And Sebastian – If You’re Feeling Sinister (1996) „Tigermilk“, im gleichen Jahr erstveröffentlicht, und diese LP sind der diskussionslose Höhepunkt der Band aus Glasgow. Und im Gegensatz zu The Smiths, bei denen Belle And Sebastian durchaus auch lernten, haben sie keinen Frontmann, der in der Gegenwart nur noch ekelerregend mit seinen Äußerungen ist. Und obwohl diese Band noch aktiv ist, erwarte ich keinen Wurf mehr, der mich noch begeistern könnte. Dazu müßte ich mir neues Material anhören, doch hat 2006 „The Life Pursuit“ mich so angewidert, als würde mich Steven P. Morrissey für ein Date anrufen. Schlußpunkte setzen kann ich. Und wer wissen will, warum „If You’re Feeling Sinister“ so grandios ist, der sollte sich schleunigst mal die Platte anhören. Und nicht immer die ganzen ideenlosen Epigonen, die unter einem sogenannten Indie-Banner danach diesen Globus bevölkerten.
  10. siehe Can
  11. siehe Godspeed You!Black Emperor
  12. Steely Dan – Countdown To Extasy (1973) + 29. Gaucho (1980) Spätestens seit Walter Beckers Tod ist Steely Dan nicht mehr existent. Zuvor auch lange schon nur noch als Altherren-Konzertcombo. Und so ist hier auch keine Zukunft mehr zu erwarten. Was auch gut ist, denn wenn ich ehrlich bin, ist Steely Dan – vor allem im textlischen Bereich – immer schon irgendwie diese „Alte-Weisse-Männer“-Band gewesen. Auch wenn die Protagonisten in den Songs auch mal jung waren, so blickten Donald Fagen und Walter Becker immer schon von dieser Warte, inclusive einer vom Jazz geborgten Distanzierung, auf die Welt und bildeten sie ab. Auf dem makellos instrumentierten und spannend erzählten „Countdown To Extasy“ ist dies noch nicht so spürbar, doch „Gaucho“ (1980) lebt schon massiv von dieser Denke. Gerade die beiden Hits der Platte „Babylon Sisters“ und „Hey Nineteen“, aber auch „Glamour Profession“ sind sicherlich Songs, die Milliarden weißer alter Männer pföffen, wenn sie sie kennen würden. Ganz unironisch.
  13. Leonard Cohen – Songs of Love And Hate (1971) + 27. Songs Of Leonard Cohen (1969) Auch Herr Cohen ist tot. Und so wird auch von ihm kein weises Wort mehr zu Liebe oder Hass zu erwarten sein. Nun. Es war auch vielmehr Erotik und Selbsthass, von dem 1971 die Rede war. Oder pure wortschöpfende Klasse: „Famous Blue Raincoat“. Posthumer Literaturnobelpreis, verdammt nochmal! Aber unter uns… Leonard Cohen war seit 1988 musikalisch alt. Seither schmückten seine Aufnahmen meistens mehr schlecht, als recht bediente Rhythmusprogramme. Und eine Betulichkeit, die auch seine zahllosen Live-Aufnahmen, in die ich meine Ohren manchmal tauchen ließ, belastete. Vielleicht war „You Want It Darker“, sein letzter Output anders? Ich weiß es nicht. Siehe Belle And Sebastian…
  14. Swans – The Seer (2012) Wow, da haben wir ja mal eine 100%-ig zu lobende Männercombo aus den 2010er. Und auch alt (die Männer) dazu, teilweise. Nun, ich habe mich über die Jahre an den Lärm- & Druckluftorgien jener Swans-Besetzung sattgehört. Und warte nach „The Glowing Man“ erst einmal nicht auf neue Produktionen (und ignoriere diese auch). Aber immerhin, haben die Band und ich uns noch nicht auseinandergelebt. Da ist noch eine Hoffnung, die glimmt.
  15. King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969) Ja, gibt es noch. Inzwischen sogar mit drei Schlagzeugern! Und das ist Grund, warum ich – nach zwei Live-LPs aus den Jahren 2016 und 2017 – von King Crimson 21st Century Incarnation nichts mehr wissen will. Drei Leute sitzen auf Schemeln und jeder wartet darauf, was einer der anderen eventuell machen wird. 1974 saß der feurige Bill Bruford allein hinter dem Instrument, das in dem Fall tatsächlich Schießbude genannt werden kann, und produzierte mehr Wirbel, als moderne „3“. Vielleicht sollte sich Robert Fripp mal weibliche Hilfe suchen. Okay, nicht vielleicht, sondern unbedingt. Wenn King Crimson in den ganzen Jahrzehnten mal eine Pause machten – machten sie oft – und danach wiederkamen, waren sie immer anders, neu aufregend und scherten sich einen Kehricht um ihre Historie – die sie anderweitig hegten und pflegten. Dieses letzte Comeback beschert uns tatsächlich mal Stücke in Konzerten, die seltenst bis nie live gespielt wurden – oder halt seit Urzeiten nicht mehr. Eigentlich nett, aber für King Crimson ein Todesurteil. Mal ganz davon abgesehen, daß das wenige neue Material nichts taugt.
  16. Die Regierung – Unten (1994) Die Essener Regierung kennen leider zu wenige Menschen. Selbst, als Tilman Rossmy dann nach Hamburg zog, um dort zur „Schule“ zu gehen, wurde die Bekanntheit nur marginal größer. Aus dieser Zeit stammt diese lakonische Aufarbeitung des Verhältnis zwischen den binären Geschlechtern. Ja, Tilman backte erst einmal kleine Brötchen, aber sie mundeten vorzüglich, denn niemand konnte jemals so beredet schweigen, wie er. Höret dazu „Natalie sagt“. Nach einer längeren Zeit als Solist oder mit Quartett im Rücken, hat Tilman Rossmy sogar 2017 und 2019 neue Regierungs-Erklärungen veröffentlicht. Ja, sind gut. Aber sie sind leider nicht mehr umwerfend, brennend oder genialisch hingesaut. Auch wenn diese Stücke nicht auf „Unten“ sind: „Immer jemand im Busch“ spürst du als Hörerin auch nach Jahren noch. „Loswerden“ ist das wortkargste Trennungsstück der Menschheitsgeschichte. Vielleicht schafft Tilmann Rossmy noch einmal einen solchen Quantensprung. Und dann sollten es ihm mal Milliarden Menschen danken.
  17. Arzachel – Arzachel (1969) Sorry, hier ging das Nerdy Girl mit mir durch. Zumal, wie erklärt eins diese Band, die eigentlich keine war? Beziehungsweise zwei andere Bands? Nerdzeugs, halt. Es begann mit Uriel, die aber 1969 zum Ende kamen. Sich dann in Egg umformten (1970 auch ein selbstbetiteltes, sehr gutes Debüt veröffentlichten). Bei Egg jedoch fehlte Steve Hillage als Gitarrist. Der sollte später als Solist, bzw. bei Gong ein hochklassiger Saitenkünstler werden. Zwischen Uriel und Egg kam das spätere Egg-Trio mit Hillage noch einmal zusammen und spielte als Freizeitspaß die Arzachel-LP ein. Unter Pseudonymen, z.B. Sam Lee-Uff (= Dave Stewart, Keyboards). Und es war ein Spaß! Alle Grenzen des Psychedelic Rocks wurden gesprengt und Arzachel spielten sich wahrhaftig in andere Bewußtseinszustände, ohne die heimische Landschaft rund um Canterbury, wo die Band residierte, zu vergessen. Pastorale Kosmosgesänge entstanden hier. Wir können uns so sicher sein, wie sich Canterbury seit 1969 verändert hat, daß eine solcher Sound kaum jemals mehr neu entstehen wird. Naja, gibt es ja auch schon.
  18. Dizzy Gillespie, Sonny Stitt & Sonny Rollins – Sonny Side Up (1959) They don’t play the hard bop like that anymore. Ja, das finde ich auch schade. Doch, wie im Falle von Arzachel, gibt es schon den Hard Bop, sogar nicht nur einmal, sondern in vielen Variationen, die zwischen ca. 1955 und 1964 entstanden. Und diese Platte ist ein wahrer Höhepunkt, vor allem an Spielfreude und Inspiration.
  19. Nick Cave And The Bad Seeds – No More Shall We Part (2001) Der Höhepunkt dieser Platte…. nein, es gibt gleich mehrere! Wenn in „Hallelujah“ Nick Cave im Bademantel durch die Straßen schlurft, weil seine Betreuerin sich das Wochenende mal frei genommen hat. Wenn in „Oh My Lord“ ein Fremder Nick Cave beim Friseurbesuch belästigt und seinen nackten Arsch zeigt (ich hoffe, ich habe das richtig verstanden). Wenn in „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ genau das Koks fehlt. Wenn in „Darker With The Day“ Nick Cave und die Hörerin die Welt brennen sehen wollen, weil alles nur noch Verzweiflung ist. Dann hat der Songwriter seine Kunst bis zur Vollendung verfeinert und der tief gefühlten Worte sind es viele auf dieser Platte. Danach gelang in meiner Welt dem Herrn Cave nur noch ein Lied auf diesem hervorragenden Niveau: „O Children“. Er könnte sich, gleich dem gnädigen Robert Wyatt, mal zur Ruhe setzen.
  20. Sun Ra And His Arkestra – Sleeping Beauty (1979) Ah, schon wieder Jazz! Schön! Und genau das ist diese Platte bis zum Überquillen. Sun Ra ist eine sehr mythische Persönlichkeit (die ich hier jetzt nicht erklären werde, sonst werde ich mit dem Rest nicht mehr fertig: selber googlen!), und in den späten 1970er (auch vorzüglich: „Lanquidity (1978)) ließ er sein Arkestra einen federnden, groovigen, dennoch Tiefe erzeugenden Soul Jazz spielen, der in „Door Of Cosmos“ wie ein galaktischer Hippy Sit-In wirkt, der dann im Banne des mit großer Lust aufspielenden Arkestras langsam über die Bäume dieses polyester grün wirkenden Planeten hinausschwebt und uns Hörer*innen mit sich nimmt. Sun Ra selbst verließ den Planeten 1993.
  21. Brian Eno – Taking Tiger Mountain (By Strategy) (1974) Dear Brian, you are a problem. Was dieser sonderliche Mann bis 1995 an unglaublicher Arbeit zugunsten aller hörenden Menschen getan hat, ist mindestens so ein großes Thema, wie der Mythos von Sun Ra. Alleine diese an Ideen überquellenden vier Solo-Alben mit weitestgehender Rockmusik zwischen 1973 und 1977! Darunter „Taking Tiger Mountain“, einer LP mit sonderbar verquerem Pop, der sich jedoch schnell in das Hirn hineinfrisst. Er erfindet noch Ambient Music („Music For Airports“ (1978) brachte mich an einem schlimmen Sonntag Abend einst zum heulen). Er half anderen Künstler*innen als Produzent, Mitmusiker oder anders: Bowie in Berlin, Talking Heads, U2 als die größten Nummern, damit wir Werte an der Y-Achse stehen haben. Dann ist nach 1995 Schluß und Ideen kommen keine mehr, sondern nur noch schlechte Wiederholungen und überhaupt… Eno unterstützt den BDS (Boycott, Divestment & Sanctions gegen Israel). Schlußstrich.
  22. David Sylvian – Secrets Of The Beehive (1987) undefinedGut, das sich David Sylvian nie vor einen politischen Karren spannen ließ, sondern einfach immer nur schön war! Und tolle Musik machte, nebenbei 🙂 Ja, „Secrets Of The Beehive“ ist die schönste 80er-Jahre Songwriter-LP mit Jazz-Einflüssen, mit Ruhe, mit Texten, die allerdings den politischen Aspekt des privaten Handelns nicht ignorieren („The Boy With The Gun“). Oder homoerotisches Liedgut, wie „Forbidden Colours“, das ursprünglich für den Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983) geschrieben wurde. Oder die Gewalt in einer Beziehung, wie in „When The Poets Dreamed Of Angels“. Es wundert nicht, das Sylvian, der immer progressiv dachte, sich im 21. Jahrhundert in die freie Musik aufmachte und dort auch noch ein sehr starkes Album schuf: „Blemish“ (2003). Doch danach verstummte er langsam, aber sicher.
  23. Morrissey – Your Arsenal (1992) undefinedVerstummen wäre für Morrissey mal eine Idee. Oder auch: „Fresse halten, Steven!“ Nach 2004 wird er unaufhörlich unerträglicher. Das es mal anders war, kann eins inzwischen fast nicht mehr glauben und tatsächlich birgt diese Platzierung auch ein hohes Maß an Nostalgie, als er noch ein Held für die Menschen an den Außenrändern war. Und auf „Your Arsenal“ war er ein lauter Held, einer der sich alleine gegen eine Horde an Feinden stellte. Mit einem Stolz auf die eigene Befremdlichkeit und Verletzlichkeit in der Welt. Einer, der trotz aller Feindseligkeit, die er empfing, an ein gutes Morgen glaubte und das als Grundton in der Musik letztlich einwob. Ja, damals. Heute: „Fresse halten, Steven!“.
  24. Galaxie 500 – Today (1988) undefinedAndere sagen „On Fire“ wäre die Top-LP von Galaxie 500, aber ich hänge am Debüt „Today“, vor allem wegen des Einsteigers „Flowers“. Doch ist „On Fire“ auch feinste Musik. Aber dort finden sich auch nicht die ersten zwei 3/4 Minuten von „Don’t Let Our Youth Go To Waste“ (Cover von Jonathan Richman), in denen das furchtlos spielende Trio suchend durch das Gestrüpp des 80er Alternative/Indie-Rock durchbricht… das wichtige Wort in diesem Satz ist „Furchtlos“. Halten Sie das im Hinterkopf. Galaxie 500 sind des weiteren auch furchtlose Romantiker! Und auch furchtlose Liebhaber des dritten Velvet-Underground-Albums, die anstelle eigener Songs lieber eine Endlosversion von „Pale Blue Eyes“ spielen würden. Das wäre auch schön! Aber ich genieße lieber ihre gelungenen Variationen, wenn sie so herrlich frühlingshaft und süchtigmachen verliebt klingen, wie eben „Flowers“. Das ist Lebenskraft, die darinnen wohnt. Ungünstig für unsere Gegenwart ist, das sich Galaxie 500 schon nach der dritten Platte trennten. 2/3 der Band, sprich die Bassistin Naomi Yang und Schlagzeuger Damon Krukowski gründeten ihr eigenes Duo und verschwanden im Untergrund. Dean Wareham gründete etliche andere Bands, die auch mal gute Platten machten, aber so stark wurden alle drei nimmer mehr.
  25. Genesis – Foxtrot (1972) + 28. The Lamb Lies Down On Broadway (1974) undefined Uiuiui! Gefährliches Terrain! Progressive Rock! Die Höhle der Nerds! 20-Minuten-Songs! Ja. Und er ist hervorragend. Und Phil Collins ist ein herausragender Schlagzeuger. Und Peter Gabriel schrieb skurrile Szenarien, die allerlei Literatur anzapften und die Band klopfte Filme daraus, mal kürzer, mal länger. Das ist fucking Kunst! Wie es später die Art Punks von Wire machten: when the lyrics ran out, the song stopped. Aber Hauptsache, Menschen haben aus Grundsätzen heraus Angst, sich dieser Musik zu stellen, weil irgendwer mal sagte: Prog-Rock ist uncool. Und nur für Nerds. Fickt Euch! Genesis gibt es ja eh nicht mehr, und grundsätzlich starb die Band 1975 mit Peter Gabriels Ausstieg. Der Rest war kassenklingelnder Pop. Wer’s braucht.
  26. siehe Leonard Cohen
  27. Nick Drake – Five Leaves Left (1969) undefined Vor Nick Drakes neuen Veröffentlichungen braucht niemensch Angst zu haben. Er schied im November 1974 freiwillig aus diesem Leben, hinterließ drei Platten, von denen zwei magische Erfahrungen sind. Das dritte ist leider nur brilliant. Er setzte neue Akzente in der Bildsprache des Folk, in dessen Bereich er sich weitestgehend bewegte, wobei ihm von Außen gerne noch ein wenig erweiterte Instrumentierung mitgegeben wurde, die er erst auf seinem Schwanengesang „Pink Moon“ (1972) eliminierte. Doch lebt „Five Leaves Left“ gerne mit dem schmückenden Beiwerk, denn hier umgreift Drake noch ein mögliches Leben, das vor Depression, ausuferndem Drogenkonsum möglich scheint. Manche Stücke lassen sogar romantische Gefühle erahnen. „Pink Moon“ erzählt von der Entfremdung, Distanzierung, Verlust. „Five Leaves Left“ aber pflanzt noch einen Obstbaum. Ichhoffe, Nick Drake hat seinen Frieden gefunden.
  28. siehe Genesis
  29. siehe Steely Dan
  30. The Driftwood Manor – Of The Storm (2013) undefined Ich hoffe nicht, das Eddie Keenan der Nick Drake der Gegenwart wird. Immerhin ist Keenan eher auf Bühnen zu finden, als es der superscheue Drake in seiner Karriere war. Und der Output der Band Driftwood Manor ist bereits etwas größer, doch leider stockt es seit 2016 „For The Moon“ erschien. Wobei ich noch eher verstehen könnte, wenn es nach dem zuvor geschaffenen „Of The Storm“ nicht mehr weitergegangen wäre, denn die Meisterschaft, wie Eddie Keenan hier die Worte der Geschichten, der Emotionsszenarien sich zueinander gesellen läßt, ist größte Könnerschaft. Alleine diese Aufzählung von Songtiteln dieses herausragenden Albums sollte einiges zeigen: „Tell Your Troubles To A Stone (And Then Throw That Stone In A River)“, „God Knows I’m a Sinner For You Now“ und „If I Could Kill The Demon Drink“. Ja, Keenan ist Nick Drake nicht ganz unähnlich, da beide von einer sehr pessimistischen Weltsicht her kommen und überhaupt der Tod nicht der schlimmste Zeitgenosse ist. Da gibt es immer noch das viel schrecklichere Selbst. Ja, von Eddie Keenan würde ich gerne noch ein weiteres Häppchen nehmen.
  31. Coil – The Remote Viewer (2002) undefined Coil sind leider auch Geschichte. John Balance verlor diese und stürzte 2004 zu Tode. Bandmitgründer Peter Christopherson starb 2010. In den letzten Jahren mit der Formation Coil erarbeiteten sie einen selbst als „Mond-Musik“ bezeichneten Sound, der zwischen industriellem Soundaufbau und John Balances süchtig machender, warm, wie weichen Stimme einen teilweise fast schamanenhaften, rituell wirkenden Output schuf. Das galt sehr stark für „The Remote Viewer“, auf welchem diese nach Balances Stimme dürstende Hörerin zwar auf diese verzichten mußte, doch nach dem Genuß der kompletten fünf Stücke (also unbedingt auf die Bonus-CD achten!) denkt eins sich nur noch eines: FUUUUUUCCCCCKKKKK! Und wer mehr Hurdy-Gurdy oder Drehleier braucht, als es hier geboten wird, ist süchtig. Das kann diese Musik auch erwirken.
  32. Jeff Buckley- Grace (1994) undefined Was ist hier für ein Totentanz! Es ist erschreckend. Aber ich kann nichts dafür. Als ich Jeff Buckleys Musik entdeckte, war er noch alive and well and living in whatever, New York? Und sicherlich würde er auch heute noch manch schönes Liedchen schreiben, wenn es ihn nicht im Übermut zum Schwimmen getrieben hätte. Ja, sein Tod war eher überbordender Lebenslust geschuldet, wie es scheint. So kann es einem gehen, wenn eins seine Dämonen, seine Leiden, seine dunklen Träume in Musik verpackt und sich damit therapieren kann. So klingt nämlich „Grace“. Wie ein in fruchtiger Rockmusik und sehnigen Balladen verkleideter Exorzismus. Und – um das direkt hinterherzuschieben – damit war die Therapie wohl auch erfolgreich, denn das, was dem arglosen Volk später als musikalische Hinterlassenschaft verschachert wurde („Sketches For My Sweetheart The Drunk“) ist doch arg leblos dahingerockt. Dann eher nach einer der zahllosen Live-Aufnahmen greifen, z.B. „Live à L’Olympia“, bei der Jeff Buckley auch ein wenig Humor beweist, der sogar nicht ganz blöd ist. Ja, er lebte gerne.
  33. Ash Ra Tempel – Ash Ra Tempel (1971) undefined Schon wieder Krautrock. Ja, es reicht nicht mit Can. Manuel Göttsching lebt auch noch und hat sicher auch manchmal noch eine Idee für neues Material. Doch ist er schon in den 1970er in eine elektronische Gegend verschwunden, in der seine Gitarre meist wenig benutzt wird. Auf dem gerne als Meilenstein bezeichneten „E2-E4“ (1984) ist das nicht nur okay, sondern die Gitarre erscheint innerhalb dieser 59 Minuten langen Prä-Techno/House-Arbeit im letzten Drittel und formt ein hübsches Sahnerl mit Kirsche. Das war zu Beginn anders. Da wurden Grenzen ausgelotet. Die beiden Titel des Ash Ra Tempel-Debüts hießen: „Amboss“ und „Traummaschine“. Beide waren eine LP-Seite lang. „Amboss“ freakrockte nach einem längeren, gedehnt gespielten Intro, was das Zeug hielt. Ja, wenn der spätere Synth-Pionier Klaus Schulze am Schlagzeug loslegt. Dann wird auch „Amboss“ zur körperlichen Angelegenheit, denn dieses Power Trio (Göttsching, Schulze & Hartmut Enke am Bass) spielt einen Sound, der fordert und vermutlich sogar erhöhten Kalorienverbrauch mit sich bringt. Die letzten Minuten sind ein Schlußspurt in the most true sense! „Traummaschine“ ist natürlich ein ganz anderes Spiel. In seiner Atmosphäre zunächst ähnlich dem noch beatlosen Beginn von „Amboss“ nimmt dieses Stück die Hörerin an der Hand und leitet sie langsam, mit Gemach, in einen klanglich sehr unterbewußt tanzenden Kellerclub. Ambient ist es überhaupt nicht und Sigmund Freud wäre erstaunt, ob der wilden Assoziationen, die sich durch diese Maschine wecken lassen. Wer mehr davon will: „Join Inn“ (1973)!
  34. Flowerpornoes – Ich & Ich (1996) undefined Oh, Tom Liwa. Der Kopf der Flowerpornoes. Damals wortgewandter Künstler, der ein Leben abbilden konnte, das unendliche Prallheit vorzeigen konnte. Der, wie kaum eine andere Künstlerperson, Pophits eindeutschen konnte: Auf „Mamas Pfirsische“ (1993) das „REM-Cover“, ursprünglich mal „Losing My Religion“, vorzüglich! Hier „Sweet Thing“ aus der Feder von Van Morrison. Und wer dieses Stück covert, ist sowieso nah dem Heiligenstatus. Und Tom Liwa läßt dieses Stück juveniler Emotionsexplosion, welche dem Sänger die Luft zu rauben scheint, strahlen: „Ich werde niemals, niemals wieder so alt werden, ich schwörs!“ Oh, küss mich, Tom. Lass mich deine Partnerperson in „Noch nicht müde genug“ sein. Ach, der Platz ist ja schon belegt, schade. Na, mir bleibt die Kunst, um mich daran zu ergötzen. Und zu den früheren Flowerpornoes-LPs gab es nach dieser dann noch einige Hände voller Liwa-Solo-Scheiben (wovon die Akustik-Platte „Voeding“ die wunderbarste ist). Inzwischen hat Tom Liwa auch die Flowerpornoes wieder ins Rennen geschickt. Aber, entweder bin ich zu alt geworden, was ich niemals, niemals wieder werden wollte! Oder Tom hat an Qualität auf der langen Bahn doch eingebüßt.
  35. Peter Gabriel – Peter Gabriel III (1980) undefined Ich mag den Hitkomponisten Gabriel nicht besonders. „Don’t give up“, ja. Den Rest nach 1986 empfinde ich als so geil, wie seine alte Band Genesis auch, also großer Schwamm drüber. Und heute engagiert sich Gabriel auch für den BDS, siehe Brian Eno. Immerhin zeigte mir Peter Gabriel 2010, das Paul Simons Song „The Boy In The Bubble“ eine ganz großartige Geschichte beinhaltet, wenn das südafrikanische Rhythmusgebimmel die Worte nicht mehr übertüncht. Und das Dr. Gregory House sehr effektvoll zu einem Arcade Fire-Song, gesungen von Peter Gabriel, von einem Balkon in einen Pool fällt („My Body Is A Cage“). Das war gut. 1980 war allerdings besser. Viel besser. Wie sich in „Family Snapshot“ der kleine, von den Eltern vernachlässigte Junge, der hinter der Haustür hockt, und der versteckte Sniper, der auf sein Opfer wartet, überblenden, das tut etwas mit dir, wenn du es hörst. Es läßt so wenig kalt, wie die klaustrophobische Angst, die Gabriel im passend „Intruder“ betitelten Einsteiger aufkommen läßt. Wenn niemensch weiß, wo der Eindringling sich befindet. Und dann war da noch der Künstler Gabriel, der Aufmerksamkeit schafft, denn ich weiß nicht, wie viele Menschen ohne ihn vom Schicksal des südafrikanischen Bürgerrechtlers Stephen Biko erfahren hätten. Vor dem Internet brauchte eins diese Form von Informationsfluss. Trotzdem würde ich mich heute freuen, wenn Peter Gabriel und die anderen BDSler eine Form der Kritik finden könnten, die nicht purer Antisemitismus wäre. Im Falle der Kritik an der südafrikanischen Apartheid-Politik konnten sie doch auch noch einigermassen differenzieren. Arschlöcher!

So. Schluß hier. Wir haben erfahren, daß es Hoffnung via The Decemberists und The Driftwood Manor gibt. Und wer heute gute Männermusik hören will, der kann sich ja mal (ich denke, die meisten Menschen, welche bis hierher gelesen haben, sind der deutschen Sprache mächtig) mit ein paar musikalischen Happen beschäftigen: Die Nerven, zum Beispiel. Car Seat Headrest, auch wenn ich vor dem ganz aktuellen Album eher warnen möchte, denn zu viele neue Ideen sind manches mal zu viele neue Ideen. The Comet Is Coming und Kamasi Washington, denn auch in der Gegenwart wird guter Jazz geboten! Isolation Berlin und Mount Eerie. Ezra Furman und Nils Frahm. Tyler The Creator und Ben Howard. Sam Fender und Helado Negro. Ich denke, das reicht mal als Denk- und Höranstoß. Die alte Riege ist tot. Tatsächlich. Die anderen sind aus gutem Grund nicht mehr tragbar.

Oder Ihr seid vernünftig und hört einfach mal mehr Frauenmusik.

Q-Tips #2 (heyhey, Mixcloud, hey)

Die ersten Momente gehören dem etablierten Intro der Q-Tips-Reihe, die schon vor etlichen Jahren auf Radiowellen begann: Laikas „spider happy hour“.

Es folgen die in San Francisco beheimateten Longshoremen, die mit einem schönen Beatgedicht zu – sind das Küchengeräte? – und Fingerschnippsen einhergrooven. „what does it all mean“ heißt das Stück und im Song: „television personality’s out“. Zu finden ist dieses feine Stück auf dem Sampler „Club Foot“ aus dem Jahr 1981. Vor einigen Monaten neu aufgelegt.

„Dig it“, heißt es noch, dann starten Tuxedomoon mit „music for piano + guitar“, das 1986 auf „ship of fools“ veröffentlicht wurde. Ein erstes, beinahe leises Balsam für Seelen.

Coil veröffentlichten 1991 ihr Album „love’s secret domain“, und ein Jahr später liessen sie eine Platte mit dem Titel „stolen and contaminated songs“ folgen, auf welchem sich etliche Urversionen der „l…s…d“-Songs fanden. Unter anderem „original chaostrophy“, das in aller digitalen Heimeligkeit hier nun sein Wesen daherschleifen lassen darf.

Es folgt ein Stück, das wohl zu den mysteriösesten Veröffentlichungen zählt. Die Platte trägt den Titel „Lingva Pravorvm Peribit“ und ist um 2001 durch das belgische Label Firstcask veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen aus dem lettristischen Umfeld, heißt es. Die Titel selbst bleiben unbenannt. Im Run-Out-Groove der Seite C, auf welcher das gespielte Stück erscheint, steht Videoconference. Klingt doch gut, oder? In jedem Fall ein sonderbares, hölzern groovendes Stück mit fürstlichen Melodien, wie ein Erschießungskommando. (Link zu weiterführender Information zu dieser Schallplatte)

Da paßt der Nachruf auf die letzte Nacht der RAF’s Ensslin, Raspe und – bäh – Baader, den Permanent Confusion mit dem Titel „18. Oktober“ präsentieren. Wackelig, nervös und beunruhigt schleicht dieses Stück dahin, um sich in beschwörendem Flüstern aufzulösen.

Mit Rip, Rig & Panic folgt eine leider sehr in Vergessenheit geratene Combo, die den wunderbarsten Songtitel hat: „beware (our leaders love the smell of napalm). Erschienen 1980 auf „god“. Auf dem Cover kratzt sich ein Tier am Hintern. Das jazzige Klavier im Titel unterstreicht die Würde jedes Agnostikers, danke!

Die Kinks haben ihn erfunden oder eher seinen Namen im kontinentalen Bereich bekannt gemacht. Jetzt darf hier der Ex-S.Y.P.H.-Sänger Harry Rag bei „russian puppet“ auch Klavier spielen, nicht jazzig, aber punktiert und langsam, aber nicht sentimental. Nee, nee! Erschienen 1992 auf „Trauerbauer“.

Und zack, tauchen schwebende Gitarren auf, gespielt von M.A.L., zu finden auf „insane music for insane people, vol. 1“, 1981. Und „insects in love“ heißt das süße Liedlein, das klingt, wie ein feuchter Fiebertraum jedes Pink-Floyd-Fanatikers.

Von Pink Floyd zu Simon & Garfunkel scheint im Overground des Mainstreams ein kurzer Schritt, doch obacht! Die beiden komischen New Yorker Käuze konnten auch nicht konsensselig, wie ihre brückenlastigen Hits nahelegen mögen. Hier hatte Paul mal in der U-Bahn die Augen auf, und schrieb dann „a poem on the underground wall“, 1966 auf „parsley, sage, rosemary and thyme“ veröffentlicht.

Auf der B-Seite der weltbekannten Ronettes-Single „be my baby“ versteckte 1964 der berüchtigte Produzent Phil Spector ein jazzig-loungiges Instrumental mit dem Titel „Tedesco and Pitman“. Was ist hier wirklich der größere Hit?

Und nun zur hier ätherisch klingenden Brigitte Fontaine mit einem Stück aus der vorzüglichen Zusammenarbeit mit dem Art Ensemble of Chicago, „comme à la radio“, das 1969 aufgenommen wurde.

Und plötzlich hält der unglaubliche Groove Einzug! Duke Ellington nahm 1963 mit Charles Mingus und Max Roach die hervorragende Scheibe „money jungle“ auf. Dort findet Ihr alle diesen Knaller, „caravan“! Ja, ich weiß, ist ein Ellington-Klassiker.

Und es wird wieder anschmiegsam mit Bill Rieflin und Chris Connelly, die uns „prayer“ aus dem Album „largo“ spielen, das 2000 veröffentlicht wurde. Vom munteren Klavier zum betulichen.

Und weiter zur kratzigen Gitarre von DNA! Da kann frau mal richtigen No-Wave hören mit Arto Lindsay. Der Song war die A-Seite der 1979er Single „you & you“

Ja, aber da wird die Gitarre doch wieder folky und akustisch! Und die Band heißt „Let’s have healthy Children“. Schon wieder aus der Reihe „Insane Music for Insane People“, diesmal Volumen #5. Das spricht mich doch total an. „fear no more“ ist der Titel. Sollte aber auch jeder so raushören können.

Lange kein Klavier mehr hier gehört. Auf zu Colourbox und aus ihrer ersten self-titled-85er Platte perlt „sleepwalker“. Oder taumelt. Schleicht.

Das Todesklavier könnte er spielen, doch läßt Karl Biscuit in „requiem“ lieber ein Todesrauschen oder -schwelgen erklingen. Zu finden auf dem schön becoverten „regrets eternels“ von 1984. So gehen Dandys dahin.

Und gar keine Dandys waren die Mothers of Invention, und so bekommen wir nun die klare Aussage über das schönere Sterben der Creeps. Pow Pow Pow! Oder Lagerhaltung der Freaks. Frank Zappa wußte schon immer, wie unsubtil und doch mehrdeutig und zeitlos gegen alles Krawall gemacht werden konnte. „concentration moon“ findet sich auf „we’re only in it for the money“ von 1969.

Schöner Schwelgen im Schmerz, das kann kaum einer, wie Scott Walker. Scott as in Scott only knows. Dieses Stück, „I threw it all away“ (Original Bob Dylan) nahm er 1996 für den Soundtrack zu „to have and to hold“ auf, der ansonsten von der Echte-Männer-Crew Cave, Harvey, Bargeld mit viel, viel Geigenschmelz erzeugt wurde. Damals hatte Scott schon „Tilt!“ gerufen und war noch einmal zurückgekehrt.

Und ganz plötzlich ist dann Schluß. That’s it, Folks!

30. Mai 2015 bis 04. Juni 2015 – ein Dilemma

Ich mochte die heutige Überschrift um zwei Wörter neben dem üblichen Datum erweitern, damit klar ist, daß es sich nicht um einen einfachen Eintrag handeln wird. Später wurde aus dem üblichen Datum sogar noch ein Zeitraum.

Ich möchte zunächst mitteilen, wie wenig ich weiß bezüglich des Dilemmas, das ich heute besprechen möchte. Ob der Streit heute noch aktuell ist? Das weiß ich zum Beispiel nicht. Es wäre wünschenswert, daß man sich ausgesöhnt hätte. Wer soll sich aussöhnen? Julian Cope und Tim Lewis. Tim Lewis ist den meisten Menschen besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thighpaulsandra. 2005 veröffentlichte er das Album Double Vulgar II. Schon um das erste Double Vulgar-Album entstanden Kontroversen, doch #2 setzte dem ganzen eine Krone auf. An diesem Beispiel kann jedoch gut und ausgiebig die Freiheit der Kunst diskutiert werden.

Setzen wir uns kurz mit den Biographien der Protagonisten auseinander.

Tim Lewis stammt aus Wales. Begann in 1980’er als einfacher Rockmusiker, der es auch gerne krachen ließ, musikalisch. Zur ersten Zusammenarbeit mit Julian Cope kommt es im Jahr 1994, als Lewis Keyboards und Synthesizer für Copes Album Autogeddon spielt. In der Folge wird Lewis für einige Jahre zu Julian Copes wichtigstem musikalischen Kompagnion. Dieser hat seit den Tagen, als er in Liverpool seinen Einstieg in die Musikerkarriere nimmt und mit der Band The Teardrop Explodes kurzzeitig zum Popstar aufstieg, immer wieder enger mit einzelnen Bandkollegen, Freunden, Mitmusikern zusammengearbeitet. So übernahm Lewis diesen Staffelstab von Donald Ross Skinner, mit dem sich Cope dann während der Arbeit an Autogeddon ein wenig überwirft. Skinner wird erst zehn Jahre später bei Konzerten wieder mit Cope auf einer Bühne stehen, obwohl man sich nach dem Streit schnell wieder versöhnt hatte. Es blieb bei einer freundschaftlichen Trennung. Als es Cope dann weiter in der zweiten Hälfte der 1990er mehr dazu drängt als Buchautor tätig zu werden, schließt sich Lewis zunächst als Livemusiker der Band Spiritualized an. Ebenfalls wird er loses Mitglied von Coil. Der Kontakt zwischen Spiritualized und Julian Cope wird mit den Jahren auch immer enger, denn mit zwei weiteren Mitgliedern dieser Band formiert Cope 2001 das Projekt Brain Donor. Doch der Einfluß von Tim Lewis als Thighpaulsandra im Sound von Coil ist größer, wird doch mit seinem Eintreffen die sogenannte Mondphase der Band begonnen.

Was geschieht dann 2005 mit der Veröffentlichung des erwähnten Albums Double Vulgar II? Das veröffentlichende Label Beta-Lactam Ring Records versendet Promos, unter anderem an Julian Cope. Dieser wird später folgend paraphrasiert: „I can’t be associated with things like this, I’ve got a family.“ Ich möchte nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden, ich habe eine Familie. Diese Aussage bezieht sich vermutlich vollständig auf das Artwork der CD, das hier besehen werden kann:

http://nnm.me/blogs/stombik/thighpaulsandra_-_double_vulgar_ii/

Hierbei fehlt jedoch noch ein Bild, welches zur Promo-Veröffentlichung gehörte und den erigierten Penis des jungen Fotomodells, Chris Jones, zeigt. Da Lewis-Thighpaulsandra nie auch nur den Ansatz eines Hehls aus seiner Homosexualität gemacht hat, sollte Julian Cope nicht überrascht gewesen sein. Auch zeigte das 2003 veröffentlichte Double Vulgar den Star auf dem Cover in einer eindeutigen Kuschelpose mit Liebhaber. Als Mitglied von Coil musizierte Lewis in einem Umfeld massiv ausgelebter Homosexualität. Die beiden Coil-Gründer, Jhonn Balance und Peter Christopherson, hatten nicht zuletzt 1984 der Band Aufmerksamkeit beschert mit der Ansage, ihre Musik solle die homosexuelle Energie des Planeten erhöhen. Wohl an! Wir erkennen, daß Julian Cope hier kaum ein Problem gehabt haben kann. Und da die Musik auf Double Vulgar II nicht grundlegend anders ist, als auf vorangegangenen Thighpaulsandra-Alben, mag auch dies nicht zur Verstörung und Abbruch des Kontaktes geführt haben. Bleiben also die Images, die Fotographien, die optische Kunst.

Ist es Kunst? Wenn ich mir die Bilder so unvoreingenommen, wie möglich, betrachte… was sehe ich? Versuche ich, den homosexuellen Hintergrund des Musikers und älteren Modells Tim Lewis, des jüngeren Modells Jones – der auf einer Webseite namens Gaydar von Lewis gefunden und kontaktiert wurde – und des Designers Christopherson in den Hintergrund zu rücken. Oder funktioniert es dann nicht mehr? Ich schaue mal.

Das Titelcover zeigt Lewis, der über Jones hockt, welcher mit nacktem Oberkörper auf einer Wiese liegt. Lewis hält eine Art Stock an Jones‘ Hals, blickt dabei in die Kamera. Er wird sehr prominent aus dem Hintergrund beleuchtet (Cover1). Das nächste Bild zeigt Lewis, der Jones ,über seine Schulter geworfen, trägt. Jones ist nackt, der Betrachter sieht seine Rückseite. Jones könnte bewußtlos sein. Die Umgebung wirkt total unbelebt. Lewis steht vor der Eingangstür einer Hütte (Cover2). Folgend sehen wir ein erstes Bild, das möglicherweise innerhalb dieser Hütte gemacht wurde. Lewis hält Jones‘ Kopf, der sich auf seiner Brusthöhe befindet, mit der rechten Hand von hinten, drei Finger seiner Linken zwängen sich in Jones‘ Mund. Jones drückt Schmerz aus (Cover3). Das vierte Bild zeigt ein Gesichtsportrait des jungen Modells. Blutspuren unter dem linken Auge und der Schulter sind zu sehen. Jones wirkt dennoch gelöst (Cover4). Das letzte Bild zeigt erneut den nackten Chris Jones, doch dieses Mal sieht man ihn bäuchlings auf einer Wiese liegen (Cover5). Und dann war da natürlich noch der delikate Höhepunkt, das Backcover: ein Schuß des, wie schon zuvor geschrieben, steifen Penis von Chris Jones.

Der erste Gedanke mag in Richtung reiner Pornographie gehen, dabei der entsprechenden Nische von SM (Sadomasochismus), weil physische Aktion überwiegt, zuzuordnen. Aber erzählen die Wunden in Cover4 nicht davon, daß für ein simples Rollenspiel zu weit gegangen wurde? Auch berichtet mir der Blick von Tim Lewis, daß hier keine Pornographie per se veröffentlicht wird: dieser Blick, der einerseits sehr bestimmt ist, andererseits jedoch jede Aggressivität vermissen läßt, selbst wenn die eigene Hand sich in den Mund des Partners bohrt. Nein, zur Deutung geht kein Weg an der sexuellen Orientierung der Protagonisten vorbei. Genauso, wie das Sexualverhalten des Betrachters wichtig wird. Denn obwohl die Fotographien im Grunde genommen überhaupt keine lusterzeugende Ausstrahlung haben, beziehungsweise auch gar nicht erzeugen möchten – vielleicht mit der Ausnahme des Bildes Cover5 – so ist dennoch keines der Bilder ohne sexuellen Hintergrund zu verstehen. Für das Titelcover (Cover1/Lewis mit Stock auf Jones) könnte man sich vielleicht noch vorstellen, daß hier eine reine körperliche, verfehlt pädagogische Züchtigung irgendeines Vergehens vorgenommen wird. In der Kunst ist schließlich vieles inszenierbar, auch das seltsamste Verhalten. Ich denke dabei an Hieronymus Bosch, dessen Höllenphantasien und grinse für mich. Doch ist in Foto Cover1 dieser Blick von Tim Lewis direkt in die Kamera, der den Betrachter einlädt: Komm, mach mit. Was antworte ich, der Voyeur? Der Blick von Tim Lewis öffnet die Tür zur sexuellen Interpretation. Er stellt klar: Hier sind zwei Männer, hier ist homosexuelles Terrain. Hier wird der Bogen begonnen, der in Cover5 das Fleisch des Penis als Feier anbietet. Und so funktionieren die Bilder Cover2-4 auch nur dann, wenn der Betrachter integriert wird. Dann entsteht die Geschichte, die in diesen Bildern erzählt wird. Ohne den Betrachter sind gerade diese Fotographien schal und wertlos. Sie erscheinen im besten Fall als mittelmäßige Provokation, die vielleicht noch mit stumpfem Messer für die Freiheit der Kunst kämpfen will. Doch kann dies nicht der Fall sein, denn wiederum blickt Tim Lewis in Cover2 und 3 in die Kamera, sowie Chris Jones es in Cover4 tut. Es geht um Kontaktaufnahme. Und hier erinnere ich noch einmal an den Einstieg, als ich Julian Cope erwähnte, der nach Konfrontation mit diesen Bildern den Kontakt zu Tim Lewis alias Thighpaulsandra abbrach. Er sah die Bilder und diese sprachen: Hallo Julian, wie sieht es aus? Bist auch du der Meinung, daß wir Schwule ein solch perverses Pack, wie hier dargestellt, sind? Peter Christopherson, der Designer und Fotograph dieser Bilder, spielt nämlich genau mit diesem Ansatz im Subtext der Bilder. Es geht um das potentielle Bild homosexueller Männer in den Vorstellungen der anderen Menschen. Und dieses Bild wird hier gleichermassen beworben, als auch ad absurdum geführt, denn Tim Lewis erscheint einfach nicht wirklich in seiner Rolle als Dom aufzugehen. Er wirkt physisch gleichgültig, doch ist er in dieser Rolle anwesend mit dem Anflug eines motivierten Dozenten.

So schleicht sich dann noch ein weiterer Aspekt in die Deutungsebene. Schließlich trägt die CD, für die dieses Artwork geschaffen wurde, den Titel Double Vulgar II. Was mag denn doppelt vulgär sein? Die Homosexualität aus der Sicht der unbeteiligten Dritten habe ich schon angeführt. Dabei möchte ich grundsätzlich festhalten, daß es mit Sicherheit schwule Männer gibt, die dieser Art der Lust auf einer der beiden Seiten gerne frönen und ihre Befriedigung darin finden. Doch ist dies unter gleichgeschlechtlich liebenden Männern eine Nische, wie es auch in der gesamten menschlischen Sexualität jenseits des Mainstreams steht. Es zählt, aus meiner Sicht, aber der Grundsatz: Schön ist, was gefällt und einvernehmlich geschieht. Ein Teilaspekt des doppelten Schmutzes möchte ich in einer Frage formulieren: Lieber Julian Cope, welcher Hintern gefällt Ihnen besser: Chris Jones oder Nicky Minaj? Jones‘ Po wurde in dieser Untersuchung bereits als nackt zu sehen beschrieben, für die angegebene Dame gebe ich Ihnen die Suchwortkombination: „Nicky Minaj Anaconda“. Nein, es sollte von meiner Seite keine Verurteilung sein, daß Frau Minaj ihr Gesäß nicht besonders verhüllt, sondern eher prall zur Schau stellt unter der Zuhilfenahme eines Zentimeters Stoff. Doch ist die Frage durchaus berechtigt, warum hier eine kuriose Form von Diskriminierung in der Popkultur stattfindet? Warum darf Nicky Minaj? Warum darf Chris Jones nicht? Hätte er noch einen String getragen, wären die Bilder nicht wirklich anders geworden. Und überhaupt würden viele Menschen bestimmt auch gerne mal Kanye West zu 95% nackt sehen. Oder Orlando Bloom. Mats Hummels. Männer immer nur bekleidet, also Erotik statt Porno? Soso. Immerhin steht Michelangelos David für Hochkultur. Die vorangestellten Fragen bleiben dennoch für uns alle noch offen.

Was die Zwistigkeit zwischen den Herren Cope und Lewis anbelangt, ist mir während dieser Arbeit klar geworden, daß es sicherlich noch weitere Aspekte gibt, möglicherweise eher im privaten Raum, die hier zu den Verwerfungen führte. Vielleicht empfand Mister Cope die Selbstinszenierung von Tim Lewis als a) homosexuellem Dom und b) als Unruhestifter für den Rest der Welt als zu narzistisch und egozentrisch. Diese Möglichkeit wäre nicht ganz von der Hand zu weisen, braucht es doch einen wirklich starken Arm, um der Welt den Spiegel vorzuhalten.

Mir bleibt noch eine letzte Frage, die sich beim Betrachten des Double Vulgar II-Artwork einstellte: Wieviele unterdrückt homosexuelle Männer gab es eigentlich unter den Nationalsozialisten? Guido Knopp, übernehmen Sie bitte.