Trans und Depressiv, auweh!

Wie es kam, daß ich eine depressive Transfrau wurde?

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, oder ich überhaupt in die Nähe einer Antwort komme, werde ich einige Worte vorab schreiben müssen, um einige Klarheiten zu schaffen:

Transsexuelle Menschen sind Individuen. Es gibt kein gemeinsames, transsexuelles Schicksal mit Ausnahme der Basis, das wir einem anderen Geschlecht zugehörig sind, als es bei Geburt zugewiesen wurde. Und deswegen mag mancher Teil des folgenden Textes von anderen Menschen anders aufgefaßt werden. Daher von meiner Seite: Ich möchte hier meine individuelle Situation darstellen und erhebe absolut keinen Anspruch darauf, hier einen irgendwie gearteten Standard zu setzen. Das ist mir generell zuwider.

Als nächsten Punkt spreche ich kurz die Macht der Worte an. Liebe Leser, stellen Sie sich vor: Sie haben ein Bedürfnis zu trinken. Sie sagen zu einem in der Nähe stehenden Menschen: „Ich möchte etwas trinken. Ich habe Durst.“ Dieser Mensch sieht Sie an und sagt: „Dann tun Sie es. Trinken Sie!“ Nun überdenken Sie die Ihnen zugeschriebene Formulierung: „Ich möchte….“. Diese Art der Formulierung wird von sehr vielen Menschen benutzt, anstatt – um im Beispiel zu bleiben – direkt auszudrücken: „Ich habe Durst. Ich werde etwas trinken.“ Ich beschreibe hier nur ein schwaches Phänomen einer sprachlichen Vermummung, einer Selbstschwächung, einer Verschleierung, der ich auch selber länger anhing, bevor mir dies klar wurde. Auch heute tappe ich manches Mal noch in diesen sprachlichen Hinterhalt. Schwieriger ist es mit Fällen, in welchen eine direkte Wortwahl getroffen wird, die von Grund auf problematisch ist. Besonders, wenn die problematische Wortwahl einem Einverständnis des heteronormativen Mainstreams unterliegt. Ein Beispiel ist das Wort „Homoehe“, das jeden Mensch, der auch nur annähernd der Zielgruppe dieses „Geschenks“ nahesteht, wie eine Ohrfeige trifft, liegt doch in diesen drei Silben die Basis einer Abgrenzung des erwähnten Mainstreams gegen die Betroffenen. Schlimmer jedoch wiegt die Fehlverwendung der „-Phobie“ begriffe, die auf Menschen gemünzt werden, welche sich gegenüber marginalisierten Gruppierungen diskriminierend verhalten. Der Grund dieses negativen Verhaltens ist jedoch keine „Phobie“! Sondern der Grund ist Diskriminierung. Eine Phobie ist die Bezeichnung einer Angststörung, welche der „Sammelbegriff für mit Angst verbundenen psychischen Störungen ist“. Eine Phobie ist demnach keine Entschuldigung für ein „Arschlochverhalten“. Diesen Absatz beende ich mit der Bitte, die Macht der Worte zu achten. Ich selber bin eine Lernende auf diesem Gebiet.

Wie zeigt sich meine transsexuelle Seite? Warum sehe ich mich als Frau, obwohl die Zuschreibung aufgrund der Geschlechtsorgane eben eine andere ist?

Es ist ein Mosaik, das sich aus vielen kleinen und auch dem ein oder anderen größeren Aspekt erstellt, welche in mir die innere Notwendigkeit erzeugten, eine Transition anzugehen, um auch in einer hoffentlich näheren Zukunft auch wirklich in einem durch und durch weiblichen Körper leben zu dürfen. Hier mögen Menschen einwerfen, daß das Frau-Sein unter anderem auch ein soziales Konstrukt ist. Und das Frau-Sein auch von innen kommt. Beide Punkte sind richtig. Dennoch muß ich für meinen Standpunkt darlegen, denn auch ich bin ein individuelles Schicksal, das sich nicht einfach in ein äußeres Konstrukt zwingen läßt.

Mag für viele Feministinnen das Aufbrechen der weiblich genannten Sozialisation wichtig sein, so ist für mich das Eintauchen in diese ein durchaus wichtiger Aspekt. Stop, bevor jemand zu weit denken mag: Nein, ich möchte jetzt nicht in die „Kinder, Küche, Kirche“-Welt abdriften. Es geht mir auch eher um das eigene Als-Frau-Gesehen-Werden. Ich möchte, daß meine Brust so groß wird, das ein Büstenhalter wichtig ist. Ich möchte breitere Hüften haben. Ich möchte einfach, ungefragt, lange Haare haben. Fragen Sie nicht, es ist nicht so simpel.

Teile des Mosaiks sind Enttäuschungen. Da war meine Teilnahme am Flötenunterricht in der Grundschule. Ich war der letzte „Junge“, der dabei war. Dann kam ein gebrochener Innenarm und wegen der Zwangspause wurde ich später von dem sogenannten „Lehrer“ nicht mehr weiter beachtet.

Dieses Mal, als ich der Mutter Monatsbinden entwendete, nicht wissend, welchen Zweck diese je erfüllen sollten, doch unglaublich angezogen von der Weiblichkeit dieser Produkte.

Die unzähligen Male, in denen mir das „Schimpfwort“ Weiberheld hinterhergerufen wurde. Ja, es war als Beleidung gedacht.

Der erstmalige Wunsch den Körper zu tauschen, als ich mit einer Bekannten einer Grundschulfreundin gemeinsam auf einer Schaukel stand.

In der kommenden Schule war ich Teil des Chores und nicht überraschend im Sopran, da auch noch sehr jung. Mit 13 Jahren sollte ich in den Tenor wechseln. Ich hätte zwar einen großen Stimmumfang, doch wäre ich im Tenor besser aufgehoben. Nach ein paar Wochen verließ ich den Chor. Denn es war hier der gleiche Fall, der auch an anderen Situationen meiner schülerischen Karriere durchbrach: Ich suchte Kontakt zu Mädchen. Klar, denkt man. Und ja, ich war auch ein ums andere Mal verliebt. Doch es war eher der Versuch in freundschaftliche Bande einzusteigen und den Genuß der weiblichen Freundschaft. Da ich in jener Zeit noch nicht ahnte, daß ich transsexuell war, kam ich mir dabei linkisch und gestört vor und war – im Laufe des 10. Schuljahres – fast glücklich, als hier eine Verbindung möglich wurde und ich mich von Pia, Manuela, Sonja und Irene während der Abschlußfahrt positiv aufgenommen wurde, als ich mich immer wieder ihnen angeschlossen hatte. Wenige Wochen später verließ ich die Schule, besuchte nun eine reine „Jungenklasse“ und litt zum ersten Mal in meinem Leben an einer massiven, Lebenssaft saugenden Depression. Dabei war es in dieser weiterführenden, kaufmännischen Schule, wie auch zuvor, nicht so, daß ich mit meinen „offensichtlichen“ Geschlechtsgenossen keine Freundschaften aufbauen konnte. Ganz im Gegenteil, einige halten bis zum heutigen Tag.

Doch war dieses Jahr ein unglaublicher und extremer Tiefpunkt in meinem Leben. Als Sieben-, Achtjährige hatte ich eine Zeitlang mit dem Todeswunsch gekämpft, was unter anderem an der grausigen Grundschule lag, in der Mobbing ein geduldetes Gesellschaftsspiel war. Und ich war nicht die, die es am schlimmsten traf. Aber auch die Beobachtungen, die ich machte, genügten, um später einordnen zu können, daß der Faschismus auch mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch seine Brutstätten besaß, in welchen grundsätzlich das Schwache mit Gewalt zu bekämpfen ist.

In der Grundschule lernte ich viel über das eigene Fremdsein, das vielleicht in dem englischen Wort „awkward“ sehr viel besser illustriert ist. Ich lernte viel über die Vorzüge des Unscheinbarsein. Des Abtauchens in einer Masse.

Zum Ende der nächsten Schulzeit mit 16 Jahren, hatte ich eine gewisse Freude gefunden. Im Apollo Theatre in London hatten Manuela und Pia mich geschminkt. Das war ein Moment puren Glücksgefühls gewesen. Und weiterhin ahnte ich nicht, daß genau diese Emotion eben nicht von ungefähr kam. Klar, kann eins sagen: Auch Jungs dürfen sich jederzeit schminken. Das werden sich die beiden Freundinnen damals auch gedacht haben, denn auch ihnen wird verborgen gewesen sein, was ich vor mir selbst nach Jahrzehnten outen würde. Falls sie es doch bemerkten, wäre ich ihnen sehr dankbar gewesen, hätten sie mich darauf hingewiesen (denken Sie sich hier bitte einen bitter lächelnden Smiley).

Der Sommer 1987 wurde darauf zum tiefen Sturz. Im September war ich mit den Nerven am Ende. Und vergrub mich um die Jahreswende in „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley. Wie ich inzwischen lesen mußte, ist die Schriftstellerin beschuldigt oder verdächtigt mißbräuchlichen Verhaltens. Nichtsdestotrotz hatte mich der Roman selber in jenen Jahren äußerst nachhaltig beeindruckt. Diese Nacherzählung der Artus-Sage, in der jedoch nun die Frauengestalten aus dem Hintergrund treten und sich als die wahren Handelnden zeigen, zog mich tief in seinen Bann. Auch hier fehlte noch das Hinterfragen dieser Situation, in welcher ich kaum wußte, welche der Romanfiguren mir am meisten aus der Seele sprach, ich auch kaum wußte, wie ich die großartigen, aus meinem Leben gefallenen Frauen ersetzen könnte, oder besser den Kontakt aufrecht erhalten konnte. Die Depression lähmte mich, das fehlende Selbstbewußtsein lähmte mich, die fehlenden kommunikativen Möglichkeiten des Jahres 2018 hätten mir eventuell weiterhelfen können.

In den folgenden Jahren konnte ich aus der inneren Isolation, in die ich damals sackte, langsam herausfinden. Musik wurde ein Schlüssel und letztlich die Bandgründung von „Permanent Confusion“ half Schritt für Schritt auf ein Level zu kommen, in welchem zwar die Depressionen in Schach gehalten werden konnten, ich jedoch auch in meine Rolle als „junger Mann“ stärker hineinschlüpfte, diese jedoch immerhin auch leicht aufbrechen konnte: mit geliehener Bluse, mit mäßig guten, aber ehrlichen Texten über Trauer, Einsamkeit und Sex. Und spätestens 1997 sogar mit dem ersten Rollenwechsel, als ich für das Stück „La Habana“ das lyrische Ich eine Frau sein ließ. Doch zu diesem Zeitpunkt war die beste Zeit der Band schon vorüber, hatte sich die ursprüngliche, innere Verbundenheit etwas gelöst und ein zuvor existentes kleines, aber feines Publikum war weitergezogen. Und dennoch war und ist es unglaublich wichtig, sich in dieser Kunst auszudrücken. Und deswegen ist es auch am wichtigsten, Musik zu hören, die aus einer inneren Notwendigkeit geschaffen wird.

In dieser Zeit hatte ich erste Beziehungen zu Frauen gehabt, und ja, es gab bis zum heutigen Tage Sex in meinem Leben, denn es gibt zwei Kinder. Den Grund möchte ich hier nicht verheimlichen: Ich liebe Frauen. Und im Sex nutzte ich das Instrumentarium, das mir zur Verfügung stand.

Um die körperlich-mentale Diskrepanz zu erläutern, verweise ich noch einmal kurz auf die depressiven Episoden. Bevor ich im Oktober 2013 endlich die Erkenntnis meiner Transsexualität hatte, war ich in physotherapeutischer Behandlung. In einer – ich kann mich nicht mehr an die genaue Begrifflichkeit erinnern – „Versenkungsübung“ sollte ich mich in meinem Körper einfinden. Später, als ich Autogenes Training beginnen sollte, wurde dies zum Standard und durch die geänderten Situation meiner Selbstsicht, ist dies inzwischen kein Problem, doch in jener Übung mußte ich erkennen, daß mein Körper und mein „Geist“ nichts miteinander zu tun hatten. Dieses „sich-in-den-Körper-einfinden“ wurde zum schwierigsten Teil der Übung. Ich selbst war über diese Situation zunächst einfach nur erstaunt. Während der „Versenkung“ erschien es mir, als stünde ich komplett neben mir, als müsse ich erst „in mich hineinsteigen“. Die Entfremdung, die ich schon jahrelang gespürt hatte, bekam in dieser Situation ein Bild. Es kam nicht von ungefähr, daß Albert Camus‘ „Der Fremde“ seit jeher eines meiner liebsten, weil tief in meine Seele greifendes Buch war. Und ich damals heulte, als ich zum ersten Mal die letzten Zeilen las:

Damit sich alles erfüllt, damit ich mich weniger allein fühle, brauche ich nur noch eines zu wünschen: am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer, die mich mit Schreien des Hasses empfangen.“

So lange habe ich jetzt darauf gewartet, den alten Körper sterben zu lassen. So viel Selbstverletzung ist darüber gezogen. Der Rest möchte bitte bald neu anfangen.

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23. Mai 2015

Okay, Angst. Am heutigen Morgen ist mir Moriarty begegnet, der Erzfeind. Schon war mir klar, daß die Aussage, daß ich mich freuen würde, über das Thema Angst zu schreiben… äh… ein wenig das berüchtigte Pfeifen im Walde war. Wer mag Angst? Sicherlich kann sich etwas daraus entwickeln, wenn ein Mensch sich der Angst stellt und sie überwindet. Doch das ist leider der eher seltene Fall, zumal ich auch heute morgen, als ich Moriarty in seinem schwarzen BMW davonfahren sah, spürte, daß Angst letztlich dadurch am gefährlichsten ist, das sie völlig irrational ist. Kenne ich meine Furcht? Eine gute Frage. Sie ist kaum zu beantworten, da die Ängste in immer neuen Verkleidungen, immer neuen Masken auftreten. Jede Situation, in welcher die innere Unsicherheit um sich greift, ist anders. Um einen kleinen Seitensprung zu den von mir behaderten Ängsten anderer Menschen zu wagen: Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß sich Menschen wirklich vor konkreten Triggerbanden fürchten, sprich als Beispiel die Angst vor den fremden Menschen, die in „meinem“ Land nichts zu suchen haben, nur eine Reflektion ist, die vor allem die eigene(n) Schwäche(n) kaschieren soll. Dazu sollte ich ausführen, daß der Begriff der Triggerbande von mir gerade erfunden wurde. Der Trigger existiert und er trägt manchesmal die Gestalt eines Menschen, der Angst auslöst. Manchesmal ist es auch eine Gruppe von Menschen, doch nie die Triggerbande, die sich als Exempel „der Ausländer/Homosexuelle/Zigeuner“ nennt. Angst ist auch nicht so einfach zu entlarven. Sie wohnt in der Tiefe ihres Wirtes. Sie reagiert auf Eindrücke ihres Wirtes, doch auch auf äußere Impulse, auf die der Wirt keinen Einfluß nimmt. Sie ist insofern bespielbar für einen Dritten, denn sie lebt von der Bestätigung, die sie zum Aufplustern bringt. Ist der Trigger bedient, trägt die Angst ihr schönstes Kleid, schillert sie in den leuchtendsten Farben. Sie betritt ihre Bühne und tanzt dort. Sie setzt sich unter dem Namen Moriarty in ihren BMW und kreuzt meinen Weg, grinst mir frech ins Gesicht und zeigt eine Faust, die mir sagt: „Wenn es mir plaisiert, werde ich dich zerquetschen. Und niemand wird dir zur Hilfe eilen, denn du bist die Schwäche, die ich, Moriarty, ausmerzen werde. Alle Götter sind mit mir, dem Starken.“ Es erzeugt diese Enge im Hals. Der Griff der kalten Hand um mein Herz, welches sich zusammenzieht. Das Pochen im Bauch. Der Fröstel auf den Armen, im Nacken. Da ist sie und wuchert.

Vor einigen Wochen schrieb ich folgende Worte: „Eine Frage, die sich ein Opfer immer stellen sollte ist: Was brauche ich? Abstand? Konfrontation?“ Dieser Textpartikel ist so auch zur Angstbewältigung zu schreiben. Es hat keinen Sinn grundsätzlichen Abstand oder Konfrontation zu fordern, denn die Art der Angst ist, daß sie auch individuell gemeistert werden will. Doch es gibt immer den einen Weg, den der Wirt versuchen sollte: Der Blick in die eigene Tiefe, an den Platz, an welchem die Angst wurzelt. Doch bitte auf diesen Weg nur mit Hilfe eines geschulten Therapeuten gehen. Dinge, die man dort sieht, können zu irrationalem Verhalten anhalten. Ich weiß, wovon ich schreibe.

Vom knirschenden Ungleichgewicht

Liebe Welt,

heute lege ich Dir einen Text vor, den ich vor einigen Wochen als einen Haufen durchweichter Papiere auf dem angrenzenden Maisfeld vorgefunden habe. Es hat seine Zeit gedauert, sich über den Wert und dann über die Worte des Textes klarzuwerden, denn die Schrift war teils schwer entzifferbar geworden. Eine Handvoll Lücken wurden von mir nach Gutdünken gefüllt.

Der Name der Trauer.

Dieser Mensch hatte sich vor einigen Monaten hingesetzt, um ein Pamphlet zu Papier zu bringen. Er setzte in großen Lettern den Titel „warum ich traurig bin“. Dann verstummte er. Es erschien kein Wort auf dem Papier. Nicht, dass die Traurigkeit ihn in diesem Moment fluchtartig verließ, da er sie zu bannen suchte. Da er sich auf den Versuch einließ, durch Schreibarbeit die Wege offenzulegen,auf welchen ihn das Niederdrückende heimsuchte. Der Grund, warum er morgens erwachte und Spuren von Tränen wegwischte. Er aus Fenstern starrte und die Gedanken dort heraus sich auf Reisen begaben, um nie wieder zurückzukehren an einen realitätsbezogenen Ausgangs- oder Zielort. Er auch immer wieder aus Fenstern starrte, ohne das sich Gedanken bildeten. Er aus Fenstern starrte, um des Starren willens. Er einen Druck in seiner Brust spürte, der sich auch als ein Bohren dort offenbaren konnte. Der Griff und die Kälte im Nacken, die Enge im Hals. Die Schwere in den Schultern. Doch dieser Mensch war körperlich gesund. Er war erfüllt von Traurigkeit, und nun entzog sich dieser Zustand mit einem Schlag dem Versuch in Worte gefasst zu werden.

Der Mensch blickte auf, stellte seine Augen auf Fernschau, ließ den Gedankenstrudel seine Spielchen treiben, doch warf dieser keine Worte auf, die der Mensch schnell schnappen und verwenden könnte. Nein, heute nicht, sprach die Melancholie. Heute wirst du mich nicht fassen.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Da saß er nun und trauerte über den Verlust der Worte über seine Trauer. Was sich anließ wie eine Posse, eine Schmierenkomödie, war nun nur ein Abbild des Normalzustands, in dem sich der Mensch befand. Und warum war dies so? Es passte nicht. Die Welt und der Mensch passten nicht. Der Mensch fühlte sich unterlegen, sinnlos und als unnötiges Utensil eines überfüllten Planeten. Des Menschen Herzen wurde von einem leichten Flimmern umfasst, als riefe es, dass es noch da sei, dass es doch schlage und seine Arbeit vorzüglich verrichte. Der körperlose, tränenerstickte Schmerz legte sich wieder über die Schultern des Menschen, verstummte andere körperliche Regungen, so dass der Protagonist wieder starren konnte. Unbewegt, unbeweglich. Ein leichtes Gefühl von Brechreiz durchflutete den oberen Teil des Körpers. Ja, hätte er nur auf die Zeichen geachtet, hätte er diese beschrieben, doch viel zu nah schien ihm das Wesen seines Körpers, und doch so fern. Denn er mißachtete ihn. Der Mensch rauchte, er ließ Messerspitzen tiefe kleine Lochpunkte in seiner Haut hinterlassen, er pfiff auf überlegte Ernährung, aß im besten Falle nahezu nichts. Dass der Mensch nicht hager und dürr war, sondern eher gegenteilig, lag an den nächtlichen Hungerattacken, die ihn zu höchst fetthaltigem Frass trieb, der ihm darauf auch die Lust an körperlicher Aktivität restlos madig machte.

Es war dem Menschen von Zeit zu Zeit, als schaue er auf das Treiben der Welt durch Glas. Mal klarer, mal milchig, doch war da diese Trennung, dieser luftleere Raum, verpackt in Härte. Und immer wieder gab es diese Momente, in denen sich die inneren Organe zusammenzogen, gar zusammenkauerten in dieser riesigen Höhle, in die man sie gepfercht hatte. Und immer wieder quollen Tränen, befeuchteten die Augenränder, ließen sie glänzen. Ein Hauch von Nässe. Doch damit war kaum erklärt, was zwischen diesem Menschen und der Welt nicht passen mochte. Eine Art von Andeutung höchstens. Ein Zeichen von Angst und Ablehnung auf der Seite des Menschen. Ein Verhalten, ähnlich der Krankheitsabwehr des Körpers.

Und die Welt? Wenn sie mit Scheinwerfern im Rücken des Menschen auftauchte, schuf sie oft einen nahezu panischen, zitternden Grund der Antipathie des Menschen. Wie oft wünschte er sich, mit einem Griff zu einer geladenen Waffe dieses Eindringen in seine Welt, dieses gewaltsame, gewaltbereite Verhalten zum Verstummen zu bringen. Gezielte Schüsse gegen die grellen Augen der Welt, das schien ihm eine ebenso konkrete, wie geniale Geste zu sein. Doch in jenen Momenten brachte die Welt nicht die Reaktion nach Außen, nur die Angst,die sich tiefer in den Menschen fraß. Sie hatte schon vor Zeiten begonnen, Teile der Organhöhle zu besetzen und sich dort einzunisten.

Worauf bezog sich die Welt im direkten Umgang mit dem Mensch? Auf sein wahrhaftiges Auftreten, oder auf den Schein, den er selbst produzierte, oder das Bild, das die Welt sich von dem Menschen machte? Wie wurde er aufgenommen? Seine Worte, seine Taten, die ungesprochenen Worte, das Zucken einer Hand, das Augenzwinkern, die gelassenen Taten, das leicht hörbarere Atmen, die niedergeschlagenen Augen, die gekreuzten Arme? Und worauf mochte jener Mensch achten, wenn die Welt ihm gegenübertrat? Mit einem Mal war er wachsam wie ein Schießhund, oft aber achteten seine müden Augen kaum darauf, daß sich dort außerhalb irgendetwas regte. Viel zu lange hatte er sich vor vielen Jahren der Welt verschlossen und war für sich alleine geblieben. Er hatte gelernt, mit sich selber zufriedengestellt zu sein, und erwartete oft auch nicht viel Positives, wenn die Welt sich ihm zeigte und ihm sogar ein freundliches, sonniges Hallo zurief. Selbst dann kam hinter der Fassade, die jener Mensch inzwischen perfektioniert hatte, gerade mal eine aus liegengebliebenen Resten zusammengekratze Erwiderung zustande.

Hätte die Welt das bemerkt, hätte sie mit all ihren Milliarden Partikeln diesem Menschen ihren großen Rücken zugekehrt und ihn kaum einmal mehr behelligt. Doch noch befand sich dieser Einzelne in der Situation, daß er Teil dieser Welt war, mit der es nicht paßte. Und die so häufig diese unangenehmen Reaktionen in ihm hervorrief. Wobei es nur natürlich war, daß dieser Mensch auf eine gefühlte Aggression mit Bestürzung, Angst und Wut reagieren mochte, doch waren dies mehr als nur gefühlte Angriffe? Und gab es weitere solcher Situationen und was war daran, daß es dieses starke Ungleichgewicht in jenem Mensch erzeugte? Er saß nun da, hielt den Kopf in seinen Händen und war in Grübelei versunken.

Der Mensch selbst war sich einerseits bewußt, daß er es mit einer knirschenden Zusammenkunft zu tun hatte, doch verwunderte es ihn gleichermaßen. Denn, trotz all der Gefühle, die ihn immer wieder bis an den Rand des Erträglichen führten, gar trieben, war er immer wieder von der Meinung durchdrungen gewesen, daß er doch ein ganz normaler Mensch sei, wie jeder andere auch. Mal froh, mal nicht, heute Sonne, morgen Regen. Diese Stürze in den Abgrund hatte es nicht unbedingt sein Leben lang gegeben, mit einem Male waren sie in eben jenes getreten. Der Mensch vermutete, daß dies mit dem Beginn der Sexualität einhergegangen sein müsste, doch war er sich nicht sicher. Es wäre ihm nur Recht gewesen, hätte er den Fall den ablehnenden Mädchen in die Schuhe schieben können, die ihm mit einem Nein entgegengetreten waren, als in ihm erstes Begehren auftrat. Doch als er sich nun durch seine Vergangenheit wälzte, wurde ihm schnell klar, daß Angst schon zuvor ein großes Thema in seinem Leben gewesen war. Die Angst vor dem Tod hatte ihn schon in einstelligem Alter schwer zugesetzt. Da kam die Erinnerung an eine Nachricht im Radio, die den Vollzug einer Exekution in den Vereinigten Staaten durch den elektrischen Stuhl gemeldet hatte. Der Mensch, damals noch ein Kind, konnte tagelang kein Auge mehr zu tun in der Nacht. Die Vorstellung einer überwachten Tötung eines Menschen stellte sein junges Innerstes auf den Kopf.

Ja, aber wer in dieser großen Welt, hatte keine Angst? Jeder musste in einem bestimmten Rahmen von diesem Gefühl erfahren, denn es alleine war zu einem Teil echte Lebensnotwendigkeit. So sagte sich dieser Mensch und blickte auf seine leicht zitternde Hand. Saß ihm die Angst gerade im Nacken? Vor einiger Zeit hatte er sie in einem Traum gesehen. Er hatte sich an einem völlig dunklen Platz befunden, und mit einem Male war dort diese Tür, die leicht geöffnet war und es quoll gelbes Licht heraus. Was in dieser Finsternis ein durchaus positiver Aspekt hätte sein können, wurde zum einen durch das Wissen, was sich hinter der Tür befinden könnte, zerschlagen. Und das Licht wurde durch feine Linien ge- und zerbrochen, es war als läge ein perfekt geometrisches Spinnennetz über dem Lichtschein. Es war die Tür zum Raum der Angst. Der Traum hatte schnell genug geendet, bevor dieser Mensch sich aufgemacht und der Tür genähert hätte. So empfand er es einerseits, dann wiederum fragte er sich, ob ein Blick in diesen Raum wirklich fatal gewesen wäre?

Ja, die Angst vor einer traumatischen Begegnung. Die Angst, etwas zu erblicken, das den Menschen im Rest seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Und im Hintergrund die Frage: Hatte dieser Mensch vielleicht schon Erfahrungen mit Traumata gesammelt? War da etwas, was die jetzt auftretende Furcht vor dem Blick in den Raum der Angst berechtigte? Was den puren Wissensdurst hemmte und den Menschen auch in vielen Lebenssituationen zusammenkauern ließ, anstatt mit wachem Blick den Dingen der Welt nachzuforschen und erlebtes Wissen zusammenzutragen. Ja, es passte nicht zwischen diesem Menschen und der Welt, wieder war das Knirschen unüberhörbar. Der Eindruck musste sich aufdrängen, das einst kindliche Neugier mit Knüppeln niedergetan war. Vielleicht war dieses Bild ein wenig drastisch gewählt, doch als Symbol tat es seinen perfekten Dienst, denn so gekrümmt der Mensch nun hockte, war der Eindruck jener des Niedergeschlagenen.

Aber man hatte diesen Menschen schon lachen gesehen und dies nicht in einem tiefen Keller, sondern unter anderen Menschen. Gar gelöst und befreit wirkend, daß es den alten Jorge von Burgos zu schlimmsten Verwünschungen verlockt hätte. Doch waren dies begrenzte Momente, Phasen, die leider selten einmal eine längere Zeit überdauert hätten. Diesen Menschen betrachtend, wünschte man sich für alle Menschen mehr Freude, mehr Freundlichkeit, doch sind viel zu viele Existenzen unterjocht durch solch intransparente Wortschöpfungen, wie Umstände. Es mag gegeben sein, daß schon immer die Menschen sich ihrer regionalen, wie familiären und individuellen Gegebenheiten soweit unterwarfen, wie dies tragbar war oder schien, doch kommt die Knechtung der Gegenwart eher aus anderen Richtungen, welche im temporären Sieg des Kapitalismus gegründet sind. Die Befreiung der weltweiten Märkte benötigte die ebenso globale Bestückung der Dienstleistungsektoren, die nach dem 24/7-Prinzip zu bedienen haben. Diese In-Abhängigkeit-Bringung bringt einerseits einen Aufwand, den der Dienstleister einzubringen hat, bevor er zu einem späteren Zeitpunkt eine Entlohnung erfährt, die oft einen emotionalen Input verlangt, welcher selten aufgewogen werden kann. Besonders, wenn es zwischen dem Menschen und der Welt nicht passt, gerät hier das Ungleichgewicht nur noch stärker. Ein weiterer Aspekt des temporären Siegs des Kapitalismus ist die permanente Bedrohung der Verlagerung von Orten der Dienstleistung und/oder Produktion, welches im Rahmen der Globalisierung zu einem relativen Kinderspiel geworden ist. Dies geht in Hand mit der Auflösung staatlicher Strukturen, die wenig mehr als die sagenhaften Potemkinschen Dörfer darstellen können. Alleine ihre Knechtung des Nicht-mobilen Mittelstands gibt ihnen noch Halt und eine, wenn auch mit Tränen und Blut erkaufte Sinnhaftigkeit.

Doch gehört dieser letzte Absatz in die Beobachtung eines Menschen, der Worte über seine Trauer sucht? Ein Absatz, der mit dem Lachen beginnt und mit dem glücklosen Geflecht aus Staat, Geldfluß und Kapitalismus endet? Es mag aus Sicht vieler Menschen nicht das Wichtigste sein, das hier gerade angesprochen wurde, doch spielt es in der inneren Chemie eines Menschen eine durchweg entscheidende Rolle. Gerade auf dem Weg, diese aus dem Gleichgewicht zu befördern. Richtig ist jedoch auch, daß es genauso viele Gründe für diese Störungen gibt, wie es Menschen auf diesem Planeten jemals gab. Und auch dieser einzelne Mensch hatte auch bereits inneren Tumult kennenlernen müssen, der aus – von außen betrachtet – völlig nichtigen Gründen entstanden war. Persönliche Gründe, privates Leid, das erste leise Knirschen und damit ein Schritt auf dem Weg, irgendwann sich zu fragen: Warum bin ich traurig? Um keine Antworten darauf zu finden, und später mit gebeugtem Kopf in den Händen verborgen, sich bis zu den letzten Sinnfragen durchzuhangeln. In der Situation, die man dann betritt, ist der gefühlte Sinn eines Lebens zumeist schon zuvor negiert worden.

Und eines ist in jedem Falle sicher: Die Welt, mit der es nicht paßt, wird diesem Menschen keine Hand reichen. Der Schritt weg von der Melancholie ist immer der erste jenes Menschen.

Und er hob den Kopf, griff sich einen Stift, ein Blatt und begann Dinge aufzuzählen, die er mochte. Und aus dieser Bewußtwerdung seiner selbst, drückte sich das Rückrat durch, saß der Mensch plötzlich aufrecht.

Ich mag den ersten Frost im Jahr

Ich mag den ersten warmen Frühlingstag

Ich mag zirpende Grillen

Ich mag ausgeglichene Momente kosmischer Ruhe

Ich mag Waldgespräche mit Vögeln

Ich mag die Eiche

Vor allen Dingen Eichenblätter

Ich mag verrostende Industrieanlagen, Bahnhöfe

Ich mag die warme, herbstliche Logik der Mathematik

Ich mag mystische Gedankenwelten

Ich mag Donner und Blitz

Die tosende Auflösung von Spannungen

Ich mag den ruhenden Blick auf wunderschöne Landschaften,

Ich mag das Tanzen, Treiben, Fließen in Rhythmus und Melodie

Ich mag die Liebe

Ich mag den inneren Reichtum

Ich mag die brennenden, erwärmenden Farben,

vor allem Orange, oh Orange, monumentales Orange

die kühlen, labenden Farben

Ich mag die Weite des Kosmos

Ich mag es, den Kosmos in meinen Gedanken zu erkunden

Ich mag Langsamkeit

Ich mag Märchen, Sagen, Legenden und ihre rüttelnde Wirklichkeit

Ich mag Fußball und Pfefferminztee

Ich mag schöne Augen

Ich mag das Zweilicht

Die Spiele von Licht und Schatten

Ich mag einen gutgemischten Campari Orange,

seine sommerliche Abendröte

Ich mag die Wärme der Zusammenkunft

Ich mag die Wärme des Abschieds, der nicht ewig dauert,

Ich mag die Berührung, auch wenn ich zurückschrecke

Ich mag die Nähe, auch wenn ich mauere

Ich mag Zimt und Curry und selbstgebackene Plätzchen

Ich mag Tränen, auch wenn ich keine zeige, sie sind oft da

Ich mag meine Freunde

Ich mag Menschen, die ihr wahres Gesicht zeigen

Ich mag auch Geheimnisse, doch die sind meist vergraben

Ich mag die Nacht, den Morgen, die Stunden vor Sonnenaufgang

Ich mag Strommasten in der Dämmerung

Ich mag ziellos kurvende, verwachsene Flüsse

Ich mag zerfallene Häuschen an Bächen

Ich mag die Einsamkeit, die sie darstellen

Ich mag Dinge, die außerhalb des Fokus liegen

Dinge, die noch nie von Menschenhand berührt wurden

Ich mag den, der dies liest und nicht den Kopf schüttelt

That’s it, Folks.

Der ursprüngliche Schreiber war sicherlich kein Nitzscheaner. Oder sonst ein Vollpfosten, hähähä. Meine Wenigkeit würde jedenfalls nie Zimt und Curry in einem Atemzug nennen.

Ihr ergebener, Herr Hansen