Deutschland, ein Abschiedsbrief

Der Sommer 2006 liegt noch nicht so lange zurück, daß eins die Großeltern darauf ansprechen müßte. An das erste sportliche Fähnchenschwenken im ganzen Land kann eins sich noch ziemlich gut selbst erinnern. Es war auch durchaus heiß in jenem Sommer. Dazu sangen die Sportfreunde Stiller noch ein nationales Fußballliedchen und der damals politisch unbedenklich scheinende Xavier Naidoo durfte auf den schweren Weg hinweisen.

Und dennoch verursachte mir dieser sogenannte leichte, fröhliche Patriotismus damals bereits eine Übelkeit, die sich leider inzwischen bewahrheitet hat, denn zwölf Jahre später sprechen wir von einer neuen Liebe zur Nation, zum Volk, die an Widerlichkeit alten Standards mit hängender Zunge hinterher eilt. Das ich nebenbei weder die Sportfreunde Stiller leiden mag, als auch dem sossigen Euro-Soul von Naidoo alleine oder mit seinen Stadtsöhnen nichts abgewinnen konnte, sei mal dahin gestellt.

Doch lange Rede, kurzer Sinn, sprich deutsches Sein.

Die Frage, die ich mir stelle, ist: Der deutsche Nationalismus? Ist das überhaupt etwas anderes, als eine unglaublich schlechte Idee? Wo kommt es überhaupt her, dieses Deutschsein? Worauf fußt es? Ist die deutsche Geschichte wirklich so wertig und gehaltvoll, das – zeitlich quantitativ gesehen – eine Phase von zwölf Jahren zum Fliegenschiss wird, wie es ein Herr Gauland so gerne sehen mag?

Nein. Grundsätzlich nein.

Denn die Frage sollte anders gestellt sein, um zur Essenz zu gelangen: Wo beginnt die deutsche Geschichte? Welchen Weg nimmt sie daraufhin?

Das Konstrukt „Deutschland“, wie wir es heute im Jahr 2018 kennen, ist eine Idee des 19. Jahrhunderts und wurde 1871 hergestellt. Dieses – damals Deutsche Reich genannte Gebilde – entstand als Folge des gerade beendeten Deutsch-Französischen Krieges. Der Traum einer sogenannten geeinigten deutschen Nation, der war schon ein paar Wochen älter. Wie in vielen anderen Teilen Europas, entwickelte sich vornehmlich nach dem Ende der Ära Napoleon und dem Wiener Kongress (1815) ein verstärkter Wunsch nach dieser Art von nationaler Einigung und Stärkung.

Ergeben wir uns einem schönen und höchst abstrakten Gedankenspiel:

Wir begenben uns nach Manchester in die Lesser Free Trade Hall. Wir schreiben das Jahr 1976, genauer gesagt den 4. Juni. Auf der Bühne des Konzertsaales tritt Napoleon Bonaparte auf, im Gefolge hat er Marat an der Gitarre, Danton am Schlagzeug und den wilden Robespierre am Bass. Ein imposantes Stück nationaler Revolutionskultur mit imperialem Charakter. So sahen es die Bewunderer vor der Bühne, auf welcher ein Mann, der sich in der gelebten Wirklichkeit Johnny Rotten nannte, mit finsterem Blick und quasimodisch gekrümmtem Rücken der Anarchie, dem Ende des faschistischen Königinnentums und den Freuden des Urlaubs im Elend der Anderen, ein Loblied sang. Angefeuert durch gradliniegen Kein-Spass-Versteher-Fressetreter-Rock. Vor der Bühne standen neben späteren Musikern der Bands Joy Division, The Smiths, The Fall, The Buzzcocks nun in unserer Spielwelt der junge Messerstecher Sand, der feurige Maßmann, der sportliche Jahn. Alle glotzten auf die Bühne, glaubten kaum, was sie da sahen. Verstanden aber intuitiv, daß die Ideen der Sex Pistols, wie auch der großflächigen französischen Revolution mit ihrem imperialen Nachgang in ihren eigenen Händen zu fantastischen Ergebnissen führen müßten: „Klar, können wir das auch!“

Und so zersplittert, wie das musikalische Spektrum der Sex Pistols und ihrer gerade noch huldigenden Nachfolger erscheint, so sahen die Ideenwelten der jungen Träumer von einer geeinten deutschen Nation aus. Und doch einigte die Musiker aus Manchester und London, die Revolutionäre aus Paris, den korsischen Welteroberer und die Burschenschaftler, die vor allem aus Jena stammten: Sie wollten die alten, verkrusteten Strukturen aufbrechen. Und zur Not mit Gewalt. Die Herren aus dem England des 20. Jahrhunderts beließen es jedoch bei krawalldurchtränkter Musik.

Was mag die jungen Menschen im sogenannten Vormärz geritten haben? Weshalb suchten sie nach freier Entfaltung, vor allem im Bereich der Meinungsfreiheit, die nach 1815 geradewegs enorm unterdrückt wurde (ein Name der hier zu nennen ist: Wenzel Fürst von Metternich, der beste Gedankenpolizist jener Epoche). Darüberhinaus suchten die jungen Männer nach einem „einig Vaterland“. Obwohl die Kleinstaaterei des 1806 durch Napoleon beendeten Heiligen Römischen Reich deutscher Nation durch die Ergebnisse des Wiener Kongresses massiv begrenzt wurde, so sahen viele der damaligen, progressiv Posierenden doch noch zu viele Einschränkungen, die der inzwischen existierende „Deutsche Bund“ mit sich brachte. Doch was wollten sie einigen? Ein Land, das noch bis 1806 aus über 300 verschiedenen Klein- bis Großstaaten existierte. Ein Flickenteppich! Ein potentieller Fiebertraum reicher Philatelisten und Zollverfechter. Und doch ist genau dieser Zustand der, welcher dem sogenannten deutschen Wesen von der Pike auf entspricht.

Mögen sich die großen Nationen, Frankreich und England, damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts, letztlich um ihre Hauptstädte herum aufgebaut und darauf fokussiert haben, so daß Paris und London den Status des Zentrums der jeweiligen nationalen Welt inne hatten, so gab es auch nach 1815 im Deutschen Bund genügend Länder, die über eine zu große regionale Eigenliebe verfügten, als das sie sich in einem größeren Ganzen namenlos verschwinden sähen: Allen voran das Königreich Österreich, aus deren habsburgischer Dynastie noch bis 1806 der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation entsprang. Das Königreich Bayern. Das Königreich Hannover, das bei Gründung des deutschen Bundes noch in Personalunion mit Großbritannien regiert wurde. Das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Baden. Das Königreich Sachsen. Das Königreich Preußen sah sich in den Träumen eines geeinten Deutschlands schon von vornherein als führend und dies ging auch in Erfüllung. Um Österreich herum entsprang sich denn auch bald die Frage nach einer groß- oder kleindeutschen Lösung, die ab der 1848er Revolution diskutiert wurde und im Deutschen Krieg von 1866 zugunsten der kleindeutschen Lösung ausgekämpft wurde. Hernach hatte sich die Vorherrschaft des Preußischen Königtums im Norddeutschen Bund herausgestellt, die dann im 1871 gegründeten Deutschen Reich allumfassend wurde. So weit, so auch noch aktuell. Denn a) ist das preußische Element als Ursprung der sogenannten deutschen Tugenden prägend gebliebe und b) ist auch der Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ab 1949 geprägt durch den alten Föderalismus, der uns die Bundesländer beschert, die wir oben noch teilweise nachlesen können.

Womit wir uns einmal dem Preußentum zuwenden, um hier allen genealogischen Träumen großdeutschen Ausmaßes einen schönen Riegel vorzuschieben.

Wer ist heute noch Preuße und damit ein korrekter DIN-A0-Deutscher? Niemand.

Warum? Die Bezeichnung „Preuße“ geht auf den germanischen Stamm der Pruzzen zurück, die ihr letztes Siedlungsgebiet im heutigen Ostpreußen besaßen. Und die guten Pruzzen waren Heiden. Worauf ein heiliger Kreuzzug ausgerufen wurde, der Deutsche Orden, noch unterwegs gegen andere sogenannte Ungläubige gegründet, nun gen Osten zog und die Pruzzen mit Bibel und Schwert missionierte, assimilierte. Das „deutsche“ Ordnungsprinzip funktionierte mit der richtigen Ausrüstung auch schon im 13. Jahrhundert. Oder: Es ist nichts, worauf eins irgendwie stolz sein müßte. Denn letztendlich ist der Ausdruck „Preuße“ eine weitere Bezeichnung für eine erfolgreiche, koloniale Assimilation. Wir wollen nicht verhehlen, daß andere europäische Nationen in späteren Jahrhunderten hier noch größere Erfolge erzielen sollten. Weswegen folgt: Die Bewohner dieses Kontinents sollten generell und allesamt vor Scham niemals wieder aufrecht gehen dürfen.

Ein kleines Beispiel für die Besonderheiten, der aus den preußischen Tugenden erwachsenen deutschen Wucherungen:

Als der spätere „Alte Fritz“, König Friedrich II., ein heranwachsender Jüngling war, waren ihm die Tugenden und vor allem die teutsche Pflichterfüllungsgeilheit recht gleichgültig. Sein Vater, der Urahn alles Soldatischen, König Friedrich Wilhelms I., sah dieses verweichlicht, verweiblichte Wesen und es bekümmerte ihn. Sein Kummer war derart groß, das er den Freund seines Sohnes, Hans Hermann Katte, aus tiefer väterlicher Liebe vor den Augen des Sohnes mit dem Schwerte hinrichten ließ. Schließlich wollten der Sohn nach England ausbüchsen! Und er spielte Flöte!

Ein Satz, der keinem stramm deutschen Bürger je einfiel: Mit dem Leben anderer spielt man nicht.

Zwischenspiel:

Habe ich bis dato über den zwölf bis tausend Jahre währenden Gauland’schen Mückenschiss geschrieben? Nein. Ist Deutschland trotzdem eine schlechte Idee? Klar, weil sich auch im Vorfeld schon zeigt, wie schlecht der stramme Deutsche mit seiner Umgebung klarkommt, wenn jenseits der Pfichterfüllung Ansprüche oder Ideen aufkommen. Gibt es ein Objekt, das dieses Deutschtum beschreibt: Die Scheuklappe.

Noch ein Nachsatz zum sogenannten Soldatenkönig, jener Friedrich Wilhelm I. (ab hier kurz FW1). Er mag einiges gutes erreicht haben in seiner Amtszeit: Er beendete den teuren Prunk seines Vaters und brachte damit die herrschende Obrigkeit für eine kürzere Zeit wieder näher an das Volk heran; und er führte die Schulpflicht ein. Klingt erstmal gut, doch die Kehrseite war: Weniger Prunk bedeutete mehr Geld für Stehende Heere, die dann auch bitte mal kämpfen gehen. Und die Schulpflicht barg den Hintergedanken, daß die aufblühende preußische Bürokratie ihre Angestellten nicht im Ausland einkaufen müsse. FW1 mochte den Gedanken hier die eigene Beamtenschaft heranzuziehen.

Womit wir uns nun noch einmal den Menschen zuwenden, die zu Beginn dieses Textes, eine einige deutsche Nation herbei träumten. Wie schon illustriert, handelt es sich bei dem ursprünglichen Konglomerat um ein wüstes Durcheinander. Wenn wir hier das Jahr 1817 ansetzen, und damit auf das Wartburgfest verweisen, auf welchem diese ach so progressiven Ideen erstmals in die Welt gerieten, so waren damals gerade 169 Jahre vergangen, seit dem ein grandioses „Wir hauen uns alle so lange gegenseitig auf die Schnauze, bis in diesem Reich deutscher Nation wirklich kein Mensch mehr aufrecht steht; den Rest soll die Pest dahinraffen!“ zuende gegangen war. Okay, es ging dabei um Glaubensfragen (ich drehe mich gerade heimlich kichernd zur Seite). Und als Ergebnis gab es – neben der erwünschten Entvölkerung – tausend neue Bonsaistaaten. Diese waren weshalb entstanden? Etwa aus Machtinteressen? Wo doch jeder stramme Deutsche, auch jene des 17. Jahrhunderts sich gerne unter dem einen nationalen Prinzip vereinen? Oder etwa nicht? Natürlich nicht. Der schon erwähnte Soldatenkönig FW1 war noch nicht über uns hergezogen, und hatte diese Längen- und Breitengrade eingenordet. Vor ihm ging es nur um Machtfragen, hernach um Pflichterfüllung und Machtfragen.

Und um die Männer von 1817 ein wenig zu verteidigen, in ihrem scheinbar sinnlosen Tun: Es gab schon zuvor seit Jahrhunderten etwas, das alle Deutschen vereinigte: Der Judenhass, der gute, gepflegte Judenhass. Hier fand sich seit je ein kleinster, gemeinsamer Nenner, der sie alle aus allen Ecken zusammentrieb, um die Forken in die Luft zu reißen und sich der aufgestauten Wut und Empörung über die ungerechte Kreuzigung Jesu (und alle anderen Schandtaten dieser Menschen) Luft zu machen.

Was ich mich frage: Wäre dieser Jesus Christus mit seiner Botschaft in Preußen um circa 1715 erschienen…

Wieder muß ich mich erst kichernd zur Seite drehen, und doch darauf ganz ernst nachlegen: Haben die Menschen in Deutschland diese fast schon trostlos dämliche Suche nach den immerwährenden Sündenböcken eigentlich inzwischen in den Griff bekommen? Nein? Ja, wird’s bald! Wir wollen doch inzwischen ein fortschrittlicher Haufen sein, oder?

Und doch haben die Männer von 1817 im Grunde genommen das Richtige erträumt, jedoch blieben sie, weil sie es in ihrer burschenschaftigen Engstirnigkeit nicht besser hinbekamen, gerade auf den Weg gekommen, wieder stehen. Wir stellen uns vor: Sie wollten einen Marathonlauf bestreiten, doch nach zwei Kilometer ging ihnen die Puste aus. Ja, sie dürfen ausgelacht werden. Das ihr Plan unter der Federführung eines Bismark dann umgesetzt wurde und ein Deutsches Reich unter preußischer Führung entstand, das der Welt dann zwei Weltkriege schenkte. Sie hätten möglicherweise den Gedanken des Marathonlaufes verworfen, doch halte ich fest: Im Kern hatten sie die richtige Idee.

Denn: einen großen Staatsraum schaffen auf der Basis mehrerer kleinerer Nationen, die untereinander teils sehr verschieden sind und damit einen legislativen und exekutiven Rahmen zu schaffen, in welchem ein friedlicheres Miteinander einer äußerst großen Zahl an Menschen möglich wird, das ist nicht nur der Deutsche Bund gewesen, und nicht nur die heutige Bundesrepublik Deutschland, sondern das ist vor allem: die Europäische Union. Vor dieser Union verbeuge ich mich in Demut und Freude. Einen maximalen Fehler muß diese Europäische Union nur noch in den Griff bekommen: Sie möge eine Union sozialen und menschenrechtlichen Einheit werden, nicht nur eine wirtschaftliche.

Und nun zu Dir, lieber Patriot,

falls Du es in diesem wilden Text bis an diese Stelle, zu dieser direkten Ansprache geschafft hast, lass Dir eines sagen: Solltest Du nicht mindestens die Hälfte dessen verstanden haben, um was es im geschichtlichen Teil des Ganzen ging, dann gebe ich Dir noch einen kleinen Rat: Du kannst Dich sicherlich in jeden Online-Menschen verlieben, verknallen, crushen, aber um zu lieben, solltest Du etwas Kenntnis von dem haben, was Du vermeinst zu lieben. Und wenn Du sagst, Du liebst Deutschland, solltest Du schon dessen Geschichte in all ihren Schattierungen kennen. Und es sind viele dunkle Ecken.

Nun möchte ich einmal die Idee der deutschen Natur untersuchen. Hier darf sofort der Einwand getätigt werden, daß jeder deutsche Bürger, auch die strammen, doch letztlich ein Individuum ist. Klar, Einwand angenommen, doch wurde mir in den letzten 40 Jahren meines denkenden Lebens, so häufig eine deutsche Idee vermittelt, gezeigt oder auch um die Ohren geschlagen, daß ich gerne ein paar dieser mitgeteilten Auffassungen ansehen möchte:

1. Wir sind uns ziemlich sicher darüber, daß deutsche Bürger in den Fliegenschiss-Jahren 1933 bis 1945 ein wahres Sinnbild des Übergriffigen waren. Hat sich das nach 1945 geändert? Jein. Die Deutschen haben die Waffen weitestgehend niedergelegt. Anstatt dessen fahren sie in Urlaub, bringen gekaufte Ehefrauen mit, moralisieren mit Gusto die Zustände in anderen Teilen der Welt, und als ein schönes preußisches Erbe, buckeln sie ebenso mit sehr elegantem Diener vor jeder gerade höher stehenden Machtstruktur. Gefördert wurde diese waffenlose Kontinuität durch die nie auch nur annähernd durchgesetzte Entnazifizierung des großen mitteleuropäischen Landstriches, die in zahllosen Teilen von Politik und Verwaltung gerade einmal die Namen von Parteien oder Einrichtungen änderte. Und wer es im allgemeinen Taumel des Mückenschisses so arg trieb, daß er Gefängnisstrafen auferlegt bekam, der wurde spätestens ab Bestehen der BRD in Windeseile zur Bewährung freigelassen, rehabilitiert, etc. p.p.

Wir wundern uns, wenn geflüchtete Terroropfer des Islamischen Staates in Deutschland plötztlich wieder ihren Peinigern gegenüber stehen? Wie viele Opfern des NS-Regimes haben nach 1945 genau diese erbarmungswürdige Erfahrung in diesem gottlosen Land gemacht?

„Ja, aber es waren doch alles anständige Leute! Lasst sie sich doch bewähren in diesem neuen Staat, in dem auch alles anders ist.“ Diesen Satz habe ich paraphrasiert zu den etlichen Aussagen, die über verschiedenste Täter des NS-Regimes nach 1945 gesprochen wurden. Wenn ich diesen Satz werten möchte, dann wie folgt: Hohn ist ein Wort, das zu schwach ist. Spott ist ein Wort, das zu schwach ist. Niedertracht, Gleichgültigkeit, mordrünstiger Hass kommen hinzu und verbinden sich mit den vorgenannten. Gekrönt wird durch Arroganz und Herrenmenschentum.

Im Innern von vielen strammen Bürgern dieses Landes in Mitteleuropa währt das sogenannte tausendjährige Reich noch fort.

2. Des Deutschen Übergriffigkeit hat eine Wurzel. Nein, es ist nicht pure Böswilligkeit per Geburt. Sie wird erst anerzogen. Und ihr Bezugspunkt ist der öffentliche Raum. Während die meisten Europäer und Bewohner anderer Kontinente diesen öffentlichen Raum als das nehmen, was er ist: Ein Raum, in welchem sich Menschen in der Öffentlichkeit bewegen, in dem sie zusammen feiern, streiten, auch mal handgreiflich werden (was verständlicherweise dann zu Problemen mit der judikativen Gewalt führt) oder einfach nur öffentlich existieren, sieht der Deutsche diesen Raum anders: Er nimmt ihn als erweitertes Eigentum wahr. Nicht, daß der Deutsche den öffentlichen Raum pfleglicher behandelt, als jeder andere Mensch, eher tendieren große Teile der Deutschen hier zum Gegenteil, denn: „Was ich alles mit MEINEN STEUERN!!!! MEINEN STEUERN!!!! MEINEN STEUERN!!! finanziere!11!1!“

Wir lassen den strammen deutschen Steuerzahler alleine weitertoben, denn erst einmal in Bewegung gesetzt, könnte er mit seiner Wut, die eine erstaunlicherweise absolut grüne Energie ist, das gesamte Spektrum fossiler und atomer Energiegewinnung ersatzlos ablösen. Der deutsche Steuerzahler könnte eine gute Seite haben. Es bräuchte nur einige experimentelle Studien an dieser Spezies, was die genaue Art, wie die Energie abgezapft werden kann, anbelangt.

Doch habe ich hiermit schon ein ganz wichtiges Mosaikteil benannt, welches die seltsame Beziehung des Deutschen zum öffentlichen Raum verdeutlicht. Es einigt alle Völker der Welt, daß niemand gerne dem Fiskus einen müden Heller zuwirft, doch keine einem Volk ähnelnde Gruppierung, wie die Deutschen, macht einen derarten Wind um die eigenen Vermögen, die in das Wohl des Staates investiert werden, obwohl jedes eigenen Anteil hier wiederum nur der inzwischen wohlbekannte Mückenschiss ist. Dies wiederum gemessen am gesamten Einkommen des Staatswesens und nicht an dem bekanntlicherweise immer zu großen Loch, daß die Steuer in den eigenen Beutel reißt. Der Deutsche nimmt Dinge im öffentlichen Raum persönlich. Und wenn es eine POC an der Bushaltestelle ist. Und wenn es eine neugebaute Moschee in der Stadt des deutschen Strammbürgers ist. Oder ein Windrad im erweiterten Sichtfeld. Ein zu spät gemähter Rasen in der Nachbarschaft ist schon ein wahrhaftiger Grenzfall für den deutschen Bürger.

Der Deutsche nimmt die Dinge persönlich. Und genau damit sollte er endlich einmal aufhören.

Das, was der Deutsche zur Zeit am besten täte: Einfach mal den Mund halten. Einfach mal sich nicht aufspielen. Einfach mal diesen negativen Teil des Deutschseins erlöschen lassen. Das ist, was der Satz „Deutschland muß sterben, damit wir leben können“ meint.

Um noch ein Beispiel aufzugreifen: Du, Deutscher, wirst nie ausgelassen feiern können, wie ein Brasilianer. Also hör einfach mit den Vergleichen auf, hör mit dem sehnsüchtigen Hinterherglotzen auf, hör mir damit auf, den Brasilianern ungefragt zu sagen, daß sie dafür viele Dinge nicht so gut erledigten, wie Du, Deutscher. Hör auf, es nervt seit Jahrzehnten. Gehe einfach in Dich und fange an, unkommentiert, das zu tun, was Du kannst. Aber halte dich an das wichtigste in diesem Absatz: Lass es unkommentiert!

Falls jetzt inzwischen jemand das Gefühl hat, dieser Text sei unter dem üblen Stern einer Feindseligkeit zu diesem Deutschland geschrieben: Gut erkannt! Ich übernehme jedoch weder Haftung noch Verantwortung für die Fehler, die andere begehen. Diese können sich – so noch lebend – daran auslassen auch bei mir das Bild dieser Einheit zwischen Land und Bewohnern wieder zu verbessern. Die Latte liegt noch nicht einmal hoch.

Noch ein letzter Gruß: Den deutschen Wäldern ist es so was von egal, welche Götter drum herum angebetet werden, oder ob Religion einer grundsätzlich Gleichgültigkeit oder Ablehnung anheim fällt. Die deutsche Eiche ist da etwas cooler, als patriotische Schreihälse.

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11. Juni 2015

Da ich den letzten Text mit dem schönen Schlagwort Nationalsozialisten beendete, und dieses Hämmerchen einen feinen Einstieg bietet: Es soll ja Menschen in Deutschland geben, die gerne die Behandlung der Thematik rund um die nationalsozialistischen Untaten zwischen 1933 und 1945 beendet, ja, abgeschlossen sähen. Diese Menschen in Deutschland sagen zum Beispiel:

„Ich bin nach 1945 geboren und kann daher nichts für die Geschehnisse dieser Zeit.“

oder

„Was der Staat Israel mit den Palästinänsern macht, ist fast genauso schlimm, wie der Holocaust.“

oder

„Aber die Juden haben doch immer schon dieses und jenes getan, und die Sache mit Jesus. Und andere haben auch schon immer die Juden gejagt und die haben die Pest ausgelöst und so weiter und so fort.“

Okay, der letzte Ausflug war von mir erfunden, doch wurden diese Argumente in gleicher oder ähnlicher Form in den letzten Jahrhunderten gerne mal verwendet, um Antipathien gegen diese Religionsgemeinschaft anzustacheln.

Warum ist aber all dieses falsch?

Und wie begegne ich Menschen, die solche Äußerungen von sich geben?

Zum einen, ist es in meinen Augen nicht statthaft, beide Konfliktsituationen (Nazi-Deutschland vs. Juden / Israel vs. Palästina) zu vergleichen. Darüberhinaus gibt es einen interessanten Aspekt, den ich beleuchten möchte:

Es gibt so viele Deutsche, die wie auch ich, nach 1945 geboren sind, doch in der Familie existieren Personen, die zwischen 1918 und 1945 alt genug waren oder wurden, um ein staatsbürgerlisches Bewußtsein zu haben. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, nachzufragen, was diese Personen innerhalb dieser Zeitspanne taten, nicht taten, glaubten, an Überzeugungen lebten. Ich weiß es, weil ich die Fragen selber nicht gestellt habe. Und dies ist Angst? Angst davor, etwas zu erfahren, was das Zusammenleben mit diesen Personen belasten kann. So ist ganz menschlich das Hemd näher als die Hose. Aber das Hemd ist zu eng, es zwickt an allen Enden. Und es nimmt die Luft. Einer meiner Großväter war in Frankreich im Krieg. Mehr weiß ich nicht. Ist das eventuell, neben der Angst, fehlende Empathie? Was treibt dann viele Deutsche dazu, der israelischen Politik Vorhaltungen zu machen, und dabei ein enormes Herz für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu beweisen? Dieser Teil ist definitiv nicht beanstanden, doch sind mir die Motive dubios. Warum dort der Abstand zur Vergangenheit von nahestehenden Menschen, hier das große Mitleiden? Es erscheint mir als eine kuriose Ersatzhandlung. Oder einfach gesprochen: weiterhin schwelender Judenfeindlichkeit? Vielleicht. Es gibt genauso viele Gründe, wie es Meinungsträger gibt. Letztlich steckt in den heute lebenden Deutschen, wenn sie sich erst einmal mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandergesetzt haben, ein Gefühl der Mitschuld alleine schon auf der Basis der verwandschaftlichen Verbundenheit mit den damaligen Tätern. Oder Zuschauern. Und auch dies drängt gerne in der Gegenwart dazu, jetzt das Richtige zu tun. Das ist ebenfalls wiederum nicht falsch, doch wird damit der Bezug von Damals zu Heute gezogen, denn das heutige Tun wird durch die Gräuel der Vergangenheit befeuert. Möglicherweise ginge uns Israel heute an den vier Buchstaben vorbei, wenn unsere Vorfahren nicht die indirekten Gründerväter dieses Staates geworden wären und damit im Anschluß noch das Elend der dort lebenden Araber mitverursachten.

Warum tut sich der Mehrheitsdeutsche dann mit einer Aktion, wie den Stolpersteinen, die vor Ort an ehemalige jüdische Mitmenschen erinnern sollen, so schwer? Ist es die Nähe zur Gegenwart, dieser zeitliche Brückenschlag, der Ängste heraufbeschwört, daß diesen Stolpersteinen auch eine Mahnung innewohnt? Ein „Nie Wieder!“? Hat der deutsche Bürger möglicherweise ganz für sich erkannt, daß dieses „Nie Wieder!“ harte Arbeit bedeutet? Oder liegt im Argwohn gegen die Stolpersteine die schon angesprochene Nähe zu den eigenen Vorfahren, die vielleicht Menschen zum Stolpern brachten? Oder sind dem Bürger die Mahnmale am liebsten, die von Gemeinde- oder Staatswesen errichtet, angebracht werden? Der Mensch, nicht nur in Deutschland, läßt sich ungern von den negativen Seiten der Vergangenheit berühren. Doch das ist falsch. Die Lehren der Vergangenheit wären verloren. Es entstünde die gleiche Situation, wenn die Menschheit jedwedes Lesen einstellen würde. Es ist zwar, wie ich oben schrieb, meines Erachtens falsch einen aktuellen Konflikt, wie jener in Israel, in Palästina, mit einem vergangenen Konflikt zu vergleichen, gar aufzurechnen, doch sind Lehren und Erfahrungen aus vergangenen Konflikten unabdingbar und anwendbar.

Da ich gerade die Erstellung und Übernahme von Mahnmalen durch Gemeinwesen ansprach… ist das komplette Überlassen dieses Aspekts vom Individuum an die Allgemeinheit nicht in gewissem Maße der letzte Sieg der totalitären Regime? Die Frage lasse ich mal stehen.