Nach „Brüssel, 22.03.2016“

Vielleicht ist dieser Text der letzte, den ich schreiben werde. Ich bin frustriert, sehr tief. Warum? Die terroristischen Anschläge in Brüssel am 22.03.2016 sind der Auslöser. Ein weiteres Warum?

In den vergangenen Monaten hat sich das gesellschaftliche Klima in Europa gewandelt. Ein paneuropäischer Nationalismus greift um sich. Ein Klima, das vergiftet auf alles, was fremd ist, starrt und dessen Verschwinden verlangt. Die Art, wie dieses Verlangen artikuliert wird, ist von Hass und Wut getragen. Lange habe ich versucht, in Texten und Gesprächen, dieser Bewegung etwas entgegenzustellen. Sei es Empathie, Vernunft, eigene Fassungslosigkeit.

Am vorgestrigen Tag, dem genannten 22.03.2016, sind wieder einmal Menschen zu Tode gekommen, als Ergebnis einer Anschlagsserie. Sage ich es kurz: Es geht nicht an. Dieser Art von Menschenfeindlichkeit ist Einhalt zu gebieten.

Sowohl bei jenen, die sich als Islamisten bezeichen, als auch bei jenen, die von Tag zu Tag gegen alles Fremde wettern. Es ist erschütternd zu sehen, wie zwei extrem gegenpolige Ansichten miteinander wetteifern, wer die schärfste Klinge fährt. Frustierend ist jedoch, wie günstig die Attentate für den paneuropäischen Nationalismus sind. Doch letztlich können sich die konservativen, populistischen Kreise Europas nicht davon freisprechen, eine Mitverursacherschaft an den Terrorakten zu tragen. Sind sie es doch, die nun bereits seit Jahren keine Gelegenheit verstreichen lassen,

– eine europäische Leitkultur zu verfechten

– dem Islam eine Existenz auf europäischem Boden zu verwehren

– die permanente Gefährdung aller europäischen Nationen durch Überfremdung zu predigen

Können sich die Fürsprecher dieser Thesen vorstellen, daß gerade junge Menschen, die ständig diesem Feuer der Angst und Abgrenzung ausgesetzt sind, dieses letztlich aufnehmen und nach außen weitertragen? Dies äußerst sich zum einen darin, daß konservativ-nationalistische Kreise eine überdurchschnittliche Beliebtheit in Altersgruppen bis zu 29-jährigen erreichen. Die Kehrseite sind junge Selbstmordattentäter, die letztlich auch durch Perspektivlosigkeit und Ablehnung in den eurozentrisch gesinnten Gesellschaftspartien dahingehend vorgeschliffen werden.

Dieses permanente Wechselspiel sehen zu müssen, ist ernüchternd. Und bringt mich dazu, diese Form von Texterei in Frage zu stellen. Deswegen möchte ich ein letztes Mal meine Stimme erheben und den letzten Leserinnen ein paar Ideen mit auf den Weg geben.

Der ausländische Straftäter.

Jaja, das Todschlagargument. Doch gehe ich einfach davon aus, daß in der europäischen Justiz sicherlich kein Straftäter laufengelassen wird, wenn er „fremd“ genug ausschaut. Wobei ich hoffe, daß das Gegenteil auch nicht der Fall sei. Wundere ich mich doch mit Bauchschmerzen über die Tendenz der Justiz in den Vereinigten Staaten eine größere Härte gegen nicht-weiße Bürger anzuwenden. Ein Fall, wie der Mord an Alexandra Mezher in Schweden durch einen bereits abgewiesenen Asylantragssteller, muß mit der gleichen Härte betrieben werden, wie jeder andere, gleichgelagerte Mordfall unter Menschen mit gleicher Nationalität. Hier gibt es überhaupt kein Vertun. Und es soll auch nicht auf derlei kapitale Verbrechen beschränkt bleiben, sondern auch Vorfälle, wie die Sexualstraftaten in Köln zu Silvester 2015 müssen aufgeklärt und bestraft werden. Und ein inhaftierter Sträfling sollte auch in seine Heimat transferiert werden. Wenn hierzu die legislativen Voraussetzungen fehlen sollten, sind sie zu schaffen. Doch wenn die Realität das Wort kurz erheben darf: Die meisten Straftaten in Europa werden von den jeweiligen Einheimischen begangen, von Mord, über Vergewaltigung zu Steuerhinterziehung und Körperverletzung.

Europäische Leitkultur und Überfremdung:

Ich fasse mich zu Beginn einmal kurz: Die Idee einer europäischen, womöglich christlichen Leitkultur ist einer der größten, zynischsten Scherze, die je von Menschen ersonnen wurden.

Haben sich die Urheber dieser Ideen eigentlich mit der europäischen Geschichte seit Herodot auseinandergesetzt?

Wenn ja: ist ihnen aufgefallen, daß sich keine Konstante ergeben hat, die auch nur die zeitliche Grenze von eintausend Jahren überdauert hat, die als kulturelles Fundament angesehen werden kann? Vielleicht mag jetzt jemand den religiösen Aspekt der Christenheit erwähnen. Hierzu gebe ich folgendes zu bedenken, bevor ich mich der Frage der Religion als solches widme: Wie hoch ist die Zahl der Menschenleben, die von Vertretern dieser verschiedenen, christlich-orientierten Religionsgruppen getötet wurden?

Besonders in Zeiten, in welchen Teilgruppen untereinander verfehdet waren, womit nicht nur die Hochzeit zwischen 1618 und 1648 gemeint ist.

Ein Gottesglaube ist darüberhinaus, in meinen Augen, kaum für einen menschlichen Geist wahrhaft zu erfassen. Der Gottesbeweis des Thomas von Aquin wird von mir zwar befürwortet, doch, wo jener einen Gott als causa prima, als Erstursache, erkannt haben mochte, sehe ich ein physikalisches Phänomen. Wobei nicht gesagt sei, daß die Basis einer christlichen Morallehre, wie sie in den Evangelien zu beobachten ist, kein wunderbares Fundament für das Miteinanderleben von Menschen auf diesem Planeten sei, doch ist die Lehre jenes Jesus für uns einfache Leute grundsätzlich zu revolutionär und – um nur auf dieses eine Beispiel zu verweisen, daß jedoch auch auf andere große Religionen der Welt zutrifft – wurde nur kurz nach dem Tod des Religionsgründers die Rolle der Frauen neu definiert und diese in die zweite Reihe verbannt. Da liest sich das neue Testament durchaus anders. Und somit direkt an die Leitkultur gefragt: Aus der Historie ergibt sich hier, daß die Frau weiterhin gerade mal sich der 3 großen K’s widmen dürfte, doch das kann heute niemandens Ernst mehr sein. Geschieht hier der erste große Bruch und die Rückbesinnung auf die Machtverteilung in der Jungsteinzeit?

Der massiv größte Teil der letzten zweitausend Jahre in Europa, aus welchen sich vielleicht am Ehesten eine handvoll an regionalen Leitkulturen destillieren liesse, ist von Kriegen, mehr oder weniger freiwilligen Völkerbewegungen und Machtmissbrauch aus Egomanie gekennzeichnet. Die größte, europäische Leistung dieser Zeitspanne ist, ohne jedwede Diskussion, die Gründung der Europäischen Union. Wer hier widerspricht, sollte ein wirklich sehr gutes Argument zur Hand haben, warum die Schaffung eines möglichen, kontinentalen Miteinanders ohne Waffengewalt, nicht die allerhöchste, die mächtigste Leistung war und auch noch ist. Keine technische Revolution kommt dieser Errungenschaft gleich.

Die Erhaltung dieser Union ist noch wichtiger, als die Bekämpfung von terroristischen Umtrieben. Die Erhaltung der Freiheit in dieser Union ist ebenso von größter Bedeutung. Und dies gilt umso mehr, als der bereits erwähnte paneuropäische Nationalismus um sich greift, der auf die Wiedererrichtung von Grenzen setzt, sowie auf die Wiederbelebung von nationalen Gefühlen und das Fehlen dieser unter Strafe stellen möchte.

Hier frage ich: Welches Land – nicht nur im Bereich der Europäischen Union – ist ein reines Land? Es gibt sie nicht mehr, heißt die einzig korrekte Antwort. Spätestens mit Beginn des demokratisierten Individualverkehrs hat die Durchmischung der Völker und Ethnien einen höchst erfreulichen Grad an süßer Unreinheit erreicht. Jedes Individuum an jedwedem Ort dieses Planeten hat einen individuellen Hintergrund. Durch die Möglichkeiten der Vernetzung werden auch die inneren Erlebniswelten weiter von regionalen Leitkultürchen entfernt. Und in diesem Sinne ist eine Einnordung auf diese Leitbilder höchstens unter Ergreifung von Zwangsmaßnahmen möglich, sollte sie auch für die Eingeborenen gelten und nicht nur für die einreisenden Fremden. Letztlich werden im Bezug auf die Errichtung einer Leitkultur auch Erinnerungen an die Gleichschaltungen im dritten Reich wach.

Eine Leitkultur ist nicht mehr, als eine Normierung. Und diese ist das Ende der Individualität. Das diese Ideen derzeit auch in Ländern um sich greifen, die doch gerade unter den Deutschen des dritten Reichs gelitten haben, kann als sehr merkwürdig empfunden werden. Gibt es keine anderen Wege, um die innere Verbundenheit zu einer Region aufleben zu lassen? Und weshalb bezieht sich ein Stolz immer auf eine ganze Nation? Was hindert Menschen daran, stolze Menschen aus Cornwall, Lothringen, den Podlachien, Umbrien zu sein? Sind die regionalen Wurzeln nicht stark genug, um den faden Glanz des Nationalismus zu überstrahlen? Sind Nationen überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch gesetzt, sondern ernsthaft zur Überlegung gestellt.

Diese Frage wird von der Welt verworfen und nie beantwortet. Dieser Text wird nie eine Anregung sein. Der Ansatz ist noch nicht zeitgemäß. In keiner Weise. Und Utopien braucht wohl niemand. Es ist der letzte Text, den ich geschrieben habe.

Advertisements

„Glaube“/3

Liebe Welt, sei gewiss, daß der zweite Teil der Glaubensserie nicht vergessen wurde. Nein, er wurde von mir verfaßt, für zweifelhaft erklärt und dann entschwand er in der Archivierung. Dort mag er verweilen.

Vielmehr gehe ich nun der Frage nach, wie ein Mensch zu diesem Phänomen kommen mag, zu glauben. Es ist nicht unbekannt, daß der Glaube oft im Angesicht des Todes zur Entfaltung kommt. Daher möchte ich nun drei Beispiele konstruieren, um nachzuvollziehen, was hier geschehen mag.

Wir begegnen unserem ersten Atheisten, der gerade von seinem Arzt die Nachricht erhalten hat, daß eine unheilbare Erkrankung terminal enden wird. In absehbarer Zeit. Der zweite Atheist steigt gerade über eine Absperrung, und steht im nächsten Moment am Rande einer Autobahnbrücke. Er blickt in die Tiefe. Die dritte Testperson, der wir uns widmen, ist gerade aufgrund eines schweren Autounfalls aus seinem Fahrzeug geschleudert. Er liegt auf der nassen Fahrbahn, kann sich nicht mehr bewegen, seine Augen sind offen und in den grauen, wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Wichtige Knochen sind gebrochen, es kann nur noch Momente dauern, bis der Tod eintritt. Was mag dieser Person durch den Kopf gehen? Hier ist natürlich zu beachten, daß ein Unfall zunächst einen massiven Schock auslöst. Es ist beobachtet worden, daß in einer solchen Situation das Schmerzempfinden eines Verunfallten durch den Schrecken geschwächt, beziehungsweise gar unterbrochen wird. Ist der Beginn des Glaubens eine Sekundenentscheidung? Während der Sterbende möglicherweise noch einmal mit Stationen seines Lebens im Schnelldurchlauf konfrontiert wird? Geschieht das mit dem Sterbenden? Laut Menschen, die an diesem Punkt des Geschehens letztlich wieder zurück in ihr Leben geholt wurden, soll solches passieren. Auch wird von weißem Licht berichtet. Ich gehe davon aus, daß eine gewisse körperliche Reaktion teilnimmt, der schmerzdämmenden Wirkung eines Schocks gleich. Doch ist es letztlich eine Sache der Neurobiologen hier auf Dauer für Klarheit über die Prozesse zu sorgen, die vom Moment, in dem das Sterben beginnt, bis zum letzten Atemzug und zum Stillstand der Hirnfunktion ablaufen. Und ich bin mir sicher, daß diese Erkenntnisse noch auf sich warten lassen werden. Sie sind auch möglicherweise für die hier gestellte Frage nicht sehr wesentlich. Denn es geht um eine Wahl, die ein Mensch trifft. Dies wird er vermutlich nicht erst im Angesicht des eventuellen weissen Lichtes erledigen, es sei denn, dieses ist so strahlend, daß unter den letzten Worten „mein Gott!“ der vormalige Atheist noch auf das Ja-Feld hüpft und dahinscheidet.

Wir liegen derzeit jedoch auf kaltem Asphalt und starren in den grauen Himmel. Schmerzen empfinden wir keine mehr. Es breitet sich eine fast angenehme Wärme in den noch funktionierenden Teilen unseres Körpers aus, der immerhin gerade noch mit unermesslicher Wucht durch die Luft geschleudert wurde. Beim Aufprall, den wir gar nicht wirklich wahr nahmen, hätten Umstehende widerliche Knackgeräusche hören können. Wir nehmen nur noch vage wahr, was um uns herum geschieht. Es ist still. Beängstigend still. Keine Motorengeräusche, keine Vögel, nichts. Wir spüren keinen Luftzug. Die Sinne sind abgeschaltet. Alleine die Signale der Augen dringen noch vor in unser Hirn. Ist dieser Moment der vielleicht größtmöglichen Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann, der Zeitpunkt, in dem Gott in das Leben auch eines Atheisten eintritt, und das ohne die listige Hilfe eines Blaise Pascal? Noch finde ich keine Antwort in diesem Szenario. Daher blicken wir etwas näher hinein in diesen langen Augenblick.

Gesetzt dem Fall, daß der Sterbende tatsächlich mit Eckpunkten seines Lebens konfrontiert wird, und auch eine gewisse Klarheit und Einsicht herrscht, daß es sich nun um einen Schlußstrich handelt, daß die Summe gezogen wird, und somit auch ein möglicher Sinn im bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Handel erkannt wird, so kann ich mir vorstellen, daß ein Gefühl des Loslassen könnens einsetzt. Das ein Gefühl der Rückkehr einsetzt. Natürlich befinde ich mich im Raum der Hypothese.

Hier betrete ich in diesem angenommenen Raum auch ein Zimmer, in welchem Gott sitzen könnte. Ich schließe die Tür hinter mir. Die Akten meines Lebens habe ich in der Hand, sie sind in den Jahren angelegt worden. Ich habe darin geschrieben, andere haben daran mitgewirkt. Es ist ein Tisch in diesem Zimmer, auf welchem ich die Papiere ablege. Gegenüber des Tisches hängt ein Spiegel, in welchem ich ein Licht erblicke. Doch ist es nicht ein Licht, sondern leuchtender Staub, dessen hellende Wirkung langsam nachläßt.

In dessen werden die Akten, welche auf dem Tisch lagen, von einer Substanz aufgelöst. Das Licht im Spiegel läßt weiter nach, schon wird dahinter die Finsternis sichtbarer. Der Tisch ist leer. Der Raum ist leer. Die Materie hat sich in einen neuen Zustand gewandelt. Sie wird sich an anderen Stellen des Weltenraumes neu zusammensetzen in ihren molekularen Strukturen. Es wird eine Form von Reinkarnation möglich sein, die für den Menschen, der sich Vorstellungen darüber macht, nicht fassbar sind. Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.

So erlischt denn unser Blick, auf dem Asphalt liegend.

Serie „Glaube“/1

Liebe Welt,

der Beginn einer kleinen Serie über das Thema „Glaube“.

Glaube? Glaube. Glaube?

Das Thema Glaube ist ein dankbares, denn hierzu kann sich jeder Mensch äußern, denn ob pro oder contra eingestellt, eine Meinung dazu kann jeder entwickeln.

Doch das ist weniger das Thema, der Gedanken, die ich mir darüber mache. Ich frage mich, was Glaube bedeutet? Welche Auswirkungen kann er haben? Welche Basis hat der Glaube? Und ein letztes wichtiges Feld ist die Frage, ob Glaube ein theoretisches Ideengebäude bewohnen muß? In diesem Satz kann das Wort „theoretisch“ auch gerne gegen „theologisch“ ausgetauscht werden, denn die Frage läßt sich auch genau so stellen.

Eines persönliche vorweg: Ich glaube. Ich glaube an die Möglichkeit eines inneren Sicherheitsbedürfnisses. Doch gleichermaßen zweifle ich daran, sowie ich an allen religiösen Glaubensbekenntnissen zweifele. Und dennoch stelle ich mir die Frage, aus welchen Beweggründen ein Mensch glauben kann. Ich stamme aus einem katholischen Elternhaus und habe ein entsprechendes Gymnasium besucht, bin dementsprechend früh und lange mit Glaubensinhalten, wie auch Kirchenbesuchen in Berührung gekommen. Doch in dem Moment, wo ein persönlicher Glaube hätte flügge werden sollen, kam alleine der Zweifel. Die Einsicht, in die persönliche Unfähigkeit zu glauben. Warum? Oder – unter dem Aspekt, das die Fähigkeit zu Glauben ein evolutionärer Teil des Menschseins ist – ist meine Art zu Glauben vielleicht nur von religiösen Inhalten zu anderen Gesichtspunkten des Lebens weitergewandert? Ist der Zweifel eine Form des Glaubens? Wie dem auch sei, stelle ich mir nun als erstes die Frage: Woran kann ein Mensch glauben?

Dazu bewege ich mich zunächst weg von den handelsüblichen Glaubenshäusern. Und hinein in ein Fußballstadion, in welchem zwei verschiedene Glaubensrichtungen aufeinandertreffen und sich miteinander messen, begleitet von abertausenden Anhängern ihrer jeweiligen Religion. Hier werden sich bei der Betrachtung einige Erkenntnisse offenbaren. Fangen wir an:

1. In dem Moment, wo wir die Formate „Glaube“ und „Fußballstadion“ in einen gemeinsamen Kontext packen, werden Menschen aufschreien und mich, den Schreiber und Betrachter, zeihen, ungehörige Vergleiche anzustellen. Die Worte „Ersatzreligion“ und „Götzendienst“ werden vermutlich fallen. Hier stellt sich mir dann die Frage: Was macht eine Religion zu einer nicht-götzenanbetenden, wertbeständigen, ausgereiften Heilslehre? Was fehlt dem handelsüblichen Fußballverein, um diesen Status zu erreichen? Ist es der jenseitige Aspekt? Ist es das zuvor schon in den Raum gestellte theologische Grundgerüst? Ja, ist es vielleicht der Punkt, der die Theologie zu dem macht, was sie ist: Gott? Wenn es um diese Facetten geht, können gewiefte Clubs sicherlich viele Punkte als erfüllt ansehen, denn massive Anbetung des Vereins, seiner Historie, Erhebung einzelner Menschen zu Fußballgöttern, Benennung des Stadions als Tempel ist in so manchem Fall bereits gegeben. Dabei möchte ich die Abschweifung zu diesem Ballsport nur als ein Beispiel ansehen, in welchem ein religionsartiges Wesen inzwischen tief verwurzelt ist. Und von daher wäre eine Bezeichnung als „Ersatzreligion“ von vielen Anhängern dieser beispielhaften Sportart oder daran teilnehmender Vereine als pure Blasphemie angesehen. Womit wir zu Punkt 2 kämen:

2. Der meist männliche Anhänger einer Glaubensrichtung, sei es eine theologisch fundierte Bewegung, oder eine Ballsportart, neigt im öffentlichen Raum zu einer hemdsärmeligen Zur-Schau-Stellung seiner Ansichten, seines Glaubens. Dies zeigt sich entweder in aggressiver Behandlung Andersdenkender, bzw. -gläubiger oder in bestens dokumentiertem Martyrium. Wem hierbei zufällig die Namen de Sade und Sacher-Masoch in den Sinn kommen, der wird sicherlich auch noch Siegmund Freud mitdenken. Und ich möchte auch jetzt schnell von diesem Steckenpferd absteigen und mich unter Tränen schmunzelnd abwenden. Doch gebe ich Lesern, die möglicherweise gerne beklagen, welche Mengen an wertvollen Steuergeldern verschwendet werden, wenn Ballsportveranstaltungen unter massivem polizeilichen Aufgebot abgehalten werden, einen Gedanken mit auf den Weg: Stellen Sie sich vor, der große Religionskrieg auf heutigem deutschen Boden, jener dreißigjährige Irrsinn zwischen 1618 und 1648 wäre nicht das große Morden, Schlachten, Plündern gewesen, das es leider war, eine Entvölkerung sondergleichen, sondern einfach eine Ansammlung von schönen, gut besuchten Massenschlägereien von Ultras der beiden damals führenden Fußballclubs FC Papsttum Rom und SpVgg Lutherstadt Wittenberg. Nicht Leichen, sondern nur gebrochene Knochen und blaue Augen. Als Zutat vielleicht einmal ein kleiner Fenstersturz. Wie freundlich kann das Hooligantum sein! Der Satz „Immer feste glauben“ bekommt einen ganz neuen, euphorisiernden Klang. Und nebenher können auch Frauen mit Wucht beten! Doch verzichten diese meist auf die einhergehende Dramatik. Siehe die showtreppenhaften Abgänge der Herren Sankti Sebastian und Laurentius. Schlagen Sie das ruhig nach!

3. In Punkt Drei möchte ich noch einmal auf die Grundfrage, die hier schon mitgeklungen hat, zurückkehren: Was macht eine kirchensteuereinnahmefähige Religion aus? Was unterscheidet sie von dem gerade einmal jährlich mitgliedbeitragsheischenden Ballsportverein? Nun, Sie sehen, es schreibt kein Gläubiger, sondern ein Zweifler. Ich sehe keinen Unterschied. Doch vermute ich, daß Kirchgängern das Wort „Hoffnung“ durch den Kopf gehen könnte. Doch das ist nur eine Vermutung. Ginge mir „Hoffnung“ durch den Kopf? Nein. Warum? Ich nenne eine wichtige Grundlage jedes Glaubens, ob an den Kirchensteuernehmer oder den Ballspielverein: Diejenigen, die glauben, sind Menschen. Und was ist der Mensch? Ein perfektes Lebewesen? Mit der Fähigkeit, kosmische Umstände verstandesmäßig konkret und umfänglich zu erfassen?

Was bewegt Menschen dazu, Religionen, die auf einen Glauben der Anderen aufbauen, zu gründen? Ich stelle die Frage um: Was bewegt Menschen dazu, Musikgruppen, die auf Tonträgerkäufe der Anderen aufbaut, zu gründen? Steht in Falle Zwei möglicherweise die Selbstdarstellung, Selbstverwirklichung, die Verwirklichung eines Traumes im Vordergrund, so scheint mir dies in Fall Eins zunächst zu versagen. Oder etwa nicht? Religion bedeutet, neben der Schaffung eines theokratischen Konstrukts, immer auch die Abgrenzung von den Anderen. Gründe ich eine Musikgruppe, die Punkrock spielt, grenze ich mich von den Naziskins ab. Und von vielen anderen auch. Und so stehen auch neue Religionen erst einmal an einem Punkt, wo ihre Gründer sagen: Okay, die frühen The Who und die Stooges waren schon ganz gut, aber ansonsten ist alles total scheiße, was vor uns war. Jetzt kommen wir, die Punkgötter namens Sex Pistols und schmeissen erst einmal alles um. Und schon werden zum Beispiel Zeitrechnungen neu konzipiert. Und wer will es da den Pharisäern und Hohepriestern, die im Neuen Testament so maulig und nölend dargestellt werden, verdenken, daß sie sich anhören, als sagten sie: „Mein lieber Jeshua, solange Du Deine Füsse unter unseren Landes- und Glaubenstisch stellst…!“ Wozu haben die Religionsgründer und/oder -propheten denn etwas Neues ins Leben zu rufen, als daß ihnen das Althergebrachte nicht so behagte, wie sie es sich wünschten? Womit wir doch wieder bei Selbstverwirklichung, bzw. der Verwirklichung eines Traumes, eines Bedürfnisses ankommen. Natürlich kann jeder gläubige Christ nun entgegnen, daß es nicht der junge Jeshua war, der hier ein persönliches Bedürfnis umsetzte, sondern es sich um den schon lange gehegten und von Propheten vorhergesagten Plan des Gottvaters handelte. Ja? Und unbefleckte Empfängnis gehört noch mit dazu?

Ich weiß nicht, was Immanuel Kant über diese Partien des sogenannten neuen Testamentes dachte. Doch ist er einer jener Menschen gewesen, die ein erwachsenes Glauben an diese Geschehnisse eigentlich unmöglich macht. Wie lautet die Zahl der Menschen, die heute noch an die Weltesche Yggdrasil glaubt? Weltweit? Eher einstellig, oder? Jungfräuliche Empfängnis? Ich ahne, daß vermutlich viele Frauen in den letzten zweitausend Jahren durchaus versucht haben mögen, gewisse Umstände mit diesem Argument zu erklären. Es bestünde damit die Möglichkeit in einer Unzahl von Religionsgemeinschaften zu ertrinken. Und doch sehe ich im Weltenbaum der alten Nordmänner und -frauen eher eine heute noch ansprechende Basis einer Theologie, denn die genannte Esche kann als Symbol verstanden werden, welches das Menschengeschlecht mit der umgebenden Natur vereint, ohne das mir alte Wikinger oder Neuheiden mit Äxten drohen. Die christlichen Kirchen hingegen tun sich sehr schwer damit, groben Unfug und Märchentum als Symbol, als Bildnis zu verkaufen. Und dazu gehört die Zeugung Jeshuas als Akt eines Erzengels ohne sexuellen Hintergrund. Ganz Walhalla erzittert durch das Lachen der Kämpen und Walküren.

(…Teil 2 folgt)