„Glaube“/3

Liebe Welt, sei gewiss, daß der zweite Teil der Glaubensserie nicht vergessen wurde. Nein, er wurde von mir verfaßt, für zweifelhaft erklärt und dann entschwand er in der Archivierung. Dort mag er verweilen.

Vielmehr gehe ich nun der Frage nach, wie ein Mensch zu diesem Phänomen kommen mag, zu glauben. Es ist nicht unbekannt, daß der Glaube oft im Angesicht des Todes zur Entfaltung kommt. Daher möchte ich nun drei Beispiele konstruieren, um nachzuvollziehen, was hier geschehen mag.

Wir begegnen unserem ersten Atheisten, der gerade von seinem Arzt die Nachricht erhalten hat, daß eine unheilbare Erkrankung terminal enden wird. In absehbarer Zeit. Der zweite Atheist steigt gerade über eine Absperrung, und steht im nächsten Moment am Rande einer Autobahnbrücke. Er blickt in die Tiefe. Die dritte Testperson, der wir uns widmen, ist gerade aufgrund eines schweren Autounfalls aus seinem Fahrzeug geschleudert. Er liegt auf der nassen Fahrbahn, kann sich nicht mehr bewegen, seine Augen sind offen und in den grauen, wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Wichtige Knochen sind gebrochen, es kann nur noch Momente dauern, bis der Tod eintritt. Was mag dieser Person durch den Kopf gehen? Hier ist natürlich zu beachten, daß ein Unfall zunächst einen massiven Schock auslöst. Es ist beobachtet worden, daß in einer solchen Situation das Schmerzempfinden eines Verunfallten durch den Schrecken geschwächt, beziehungsweise gar unterbrochen wird. Ist der Beginn des Glaubens eine Sekundenentscheidung? Während der Sterbende möglicherweise noch einmal mit Stationen seines Lebens im Schnelldurchlauf konfrontiert wird? Geschieht das mit dem Sterbenden? Laut Menschen, die an diesem Punkt des Geschehens letztlich wieder zurück in ihr Leben geholt wurden, soll solches passieren. Auch wird von weißem Licht berichtet. Ich gehe davon aus, daß eine gewisse körperliche Reaktion teilnimmt, der schmerzdämmenden Wirkung eines Schocks gleich. Doch ist es letztlich eine Sache der Neurobiologen hier auf Dauer für Klarheit über die Prozesse zu sorgen, die vom Moment, in dem das Sterben beginnt, bis zum letzten Atemzug und zum Stillstand der Hirnfunktion ablaufen. Und ich bin mir sicher, daß diese Erkenntnisse noch auf sich warten lassen werden. Sie sind auch möglicherweise für die hier gestellte Frage nicht sehr wesentlich. Denn es geht um eine Wahl, die ein Mensch trifft. Dies wird er vermutlich nicht erst im Angesicht des eventuellen weissen Lichtes erledigen, es sei denn, dieses ist so strahlend, daß unter den letzten Worten „mein Gott!“ der vormalige Atheist noch auf das Ja-Feld hüpft und dahinscheidet.

Wir liegen derzeit jedoch auf kaltem Asphalt und starren in den grauen Himmel. Schmerzen empfinden wir keine mehr. Es breitet sich eine fast angenehme Wärme in den noch funktionierenden Teilen unseres Körpers aus, der immerhin gerade noch mit unermesslicher Wucht durch die Luft geschleudert wurde. Beim Aufprall, den wir gar nicht wirklich wahr nahmen, hätten Umstehende widerliche Knackgeräusche hören können. Wir nehmen nur noch vage wahr, was um uns herum geschieht. Es ist still. Beängstigend still. Keine Motorengeräusche, keine Vögel, nichts. Wir spüren keinen Luftzug. Die Sinne sind abgeschaltet. Alleine die Signale der Augen dringen noch vor in unser Hirn. Ist dieser Moment der vielleicht größtmöglichen Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann, der Zeitpunkt, in dem Gott in das Leben auch eines Atheisten eintritt, und das ohne die listige Hilfe eines Blaise Pascal? Noch finde ich keine Antwort in diesem Szenario. Daher blicken wir etwas näher hinein in diesen langen Augenblick.

Gesetzt dem Fall, daß der Sterbende tatsächlich mit Eckpunkten seines Lebens konfrontiert wird, und auch eine gewisse Klarheit und Einsicht herrscht, daß es sich nun um einen Schlußstrich handelt, daß die Summe gezogen wird, und somit auch ein möglicher Sinn im bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Handel erkannt wird, so kann ich mir vorstellen, daß ein Gefühl des Loslassen könnens einsetzt. Das ein Gefühl der Rückkehr einsetzt. Natürlich befinde ich mich im Raum der Hypothese.

Hier betrete ich in diesem angenommenen Raum auch ein Zimmer, in welchem Gott sitzen könnte. Ich schließe die Tür hinter mir. Die Akten meines Lebens habe ich in der Hand, sie sind in den Jahren angelegt worden. Ich habe darin geschrieben, andere haben daran mitgewirkt. Es ist ein Tisch in diesem Zimmer, auf welchem ich die Papiere ablege. Gegenüber des Tisches hängt ein Spiegel, in welchem ich ein Licht erblicke. Doch ist es nicht ein Licht, sondern leuchtender Staub, dessen hellende Wirkung langsam nachläßt.

In dessen werden die Akten, welche auf dem Tisch lagen, von einer Substanz aufgelöst. Das Licht im Spiegel läßt weiter nach, schon wird dahinter die Finsternis sichtbarer. Der Tisch ist leer. Der Raum ist leer. Die Materie hat sich in einen neuen Zustand gewandelt. Sie wird sich an anderen Stellen des Weltenraumes neu zusammensetzen in ihren molekularen Strukturen. Es wird eine Form von Reinkarnation möglich sein, die für den Menschen, der sich Vorstellungen darüber macht, nicht fassbar sind. Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.

So erlischt denn unser Blick, auf dem Asphalt liegend.

Werbeanzeigen