GlitzaCatz – Kapitel VII

Kapitel Sieben

Die Glitzacatz hatten Clemenz in einem Moment erwischen können, als dieser singulär war. So beschrieb Clemenz selbst den Zustand eines Mediums, wenn keine Verbindung zu einem Geist bestand. Tin wollte unbedingt erfahren, wie der Geist sein Medium fand, und wie der Kontakt zustande kam. Doch als Clemenz die Glitzacatz kommen sah, lief er ihnen in die Arme, und begann hemmungslos zu weinen.

Bitte helft mir, hier wegzukommen. Er ist jetzt nicht da. Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin schon so oft Medium für einen Geist gewesen, aber der hier, dieser Meursault macht mich so fertig. Ich halte das nicht mehr aus! Nehmt mich einfach mit weg. Egal wohin! Hauptsache ist, er findet mich nicht mehr!“

So konnte Tin nun seine erste Frage direkt hilfsgebunden stellen:

Aber wie findet der Geist Sie dann?“

Wenn er meine Schwingung in seiner Nähe wahrnimmt, kann er sich an meine Aura heften und mich so lange drücken, bis ich den Kontakt erwidere.“

Kann er nicht eine andere Person als Medium bewohnen?“

Nein, wir Medien sind leider Auserwählte. Wir haben eine Eigenart, die ich nicht genau beschreiben kann, die es sich selbst noch bewußten Geistern ermöglicht, sich an uns zu heften, um dann Kontakt zur Welt der Lebenden aufzubauen.“

Jin nickte und rief:

Dann lass uns doch endlich abhauen, wenn du so schnell weg willst!“

Tin mußte ihn beruhigen, denn sie wüßten ja gar nicht, wo der verärgerte Geist Meursaults zur Zeit waberte, um sich von jenem fern zu halten. Viel wichtiger sei zu erfahren, wie Clemenz geholfen werden könne, wenn der Geist ihn doch wieder bewohnen würde.

Meursault war ein Stadtmensch und er fasst mich eigentlich immer nur in der Stadt. Wenn wir also einfach hier wegfahren können? Ins Grüne? Da würde ich mich dann schon besser fühlen. Wenn er mich erst einmal hat, läßt er mich erst wieder gehen, wenn er müde ist und ich ihm zu viel Widerstand leiste. Er ist halt auch sehr aggressiv und will ständig, daß ich diesen Sattler verprügeln gehe. Das will ich aber nicht, der Mann hat mir nichts getan, aber der arge Meursault glaubt feste daran, daß dieser Sattler an seinem Tod Schuld trägt. Und überhaupt kann ich diesen Hass auf allen und jedes nur ganz schlecht verarbeiten, er hinterläßt immer diesen üblen Geschmack im Mund. Kein Geist hat mich je so belastet und sich so in meine Säfte hineingewässert. Ich kann, wenn er mich verlassen hat, oft nur noch stundenlang heulen. Das einzige, was mir dann noch hilft, ist Samsubarum, und damit verliere ich aber auf Dauer nur noch schneller den Verstand. Ich liebe Interzone sehr, ich bin hier zu Hause, aber hier lauert er an jeder Ecke, wenn ich nicht aufpasse. Ich habe manchmal Glück, daß ich seine Nähe spüre, bevor er mich bemerkt, dann versuche ich mich ihm zu entziehen. Es kann aber auch passieren, daß ich ihm dann genau in die Quere laufe, das ist immer mit großem Schock verbunden, wenn er mich dann mit einem Male zu drücken beginnt. Ihr könnt euch das nicht vorstellen, wenn diese Kälte über den Nacken läuft und sich der ganze Körper zusammenzieht, in sich implodieren will. Ich will dann in ein Loch fallen oder einfach zerquetscht werden, das letzte bisschen Lebensfreude aus mir herauswringen. Meine Freunde sagen immer, wie schlecht ich aussehe, seit er mich gewählt hat. Das ist jetzt zwei Jahre her und es sind die schlimmsten zwei Jahre meines Lebens. Nicht einmal des Nachts kann ich ruhig schlafen. Immer wieder fühle ich diese Angst, das er mich zu drücken beginnt. Und wenn ich schlafe, träume ich von ihm, seit er mich dazu brachte, ein Bild zu seinen Lebzeiten anzusehen. Das sollen wir Medien eigentlich nicht tun, denn wir sollen neutral zu den Geistern sein. Sie sollen uns nicht beeinflussen, so wie wir sie ebenso wenig. Aber der arge Meursault, er treibt mich mit hartem Griff durch sein Leben, immer wieder auch in dieses Café, in dem er zu Tode kam.“

Es war inzwischen noch die letzte Farbe aus Clemenz‘ Gesicht gewischen. Der eher technisch gesinnte Bin, der neben Clemenz stand, legte diesem die Tatze auf die Schulter.

„Ich laufe nur noch gebückt durch die Stadt. Ich kann nicht mehr in Ruhe essen, habe schon Magenprobleme. Da hilft auch kein Kaffee intravenös mehr. Und das Zittern…“

Tin griff Clemenz‘ Hand.

„Komm jetzt einfach mit zu unserem Bus. Und dann hauen wir schnellstens aus der Stadt ab.“

Clemenz schlich mit den Glitzacatz gemeinsam durch einige Straßen, bis sie endlich den Bus erreichten. Seine Augen glänzten vor Feuchte. War es Freude, war es Angst, war es Überdruß? Es war alles.

Salynna wachte am ersten Morgen in ihrer neuen Zwischen- oder Wahlheimat auf. Am vorigen Abend hatte sie zum ersten Mal für 15 Minuten unter eine Höhensonne gedurft. Klapp Klappowitsch hatte sie dabei begleitet und über die korrekte Nutzung der Höhensonne gewacht. Unterstützt wurde Klappowitsch, ohne dessen bewußt zu sein, selbstverständlich auch von Wagner und Alessandro, die beiden Mitarbeiter der Katerei, die mit allerlei technischem Gerät das Haus der „Wandernden Sonne“ überwachten. Aus Gründen technischer Unzulänglichkeit, konnten sie jedoch nur das zweite und dritte Stockwerk des Hauses behören, so war ihnen nicht vergönnt, den Grund des Besuches von Jimmisch Joa zu ergründen, bis dieser dann plötzlich bei ihnen auftauchte, um ihnen zu offenbaren, daß der Sektier Salvatore Delayo bei Traw schwerstens in der Kreide stand und das Delayo sich seinerseits mit fest angelegten Reichtümern brüstete. Jimmisch Joa gab auch einen Hinweis auf die Herkünfte des Delayo’schen Vermögens: Delayo schien einem Produktzirkel anzugehören, welcher Handelsgüter aus dem Haus des Wolfes kopierte und günstiger in Umlauf brachte. Diese Erkenntnis ließ Wagner die Haare zu Berge stehen, denn ihm war bekannt, daß der Wolf und Delayo ein im Grunde genommen bislang gutes, fast freundschaftliches Verhältnis pflegten. Und Wagner wollte sich partout nicht ausmalen, was Delayo geschehe, wenn der Wolf von diesen Händeln Wind bekam. Das dies noch nicht geschehen war, mußte daran liegen, daß Delayo bis dato eher auf einem anderen Kontinent geschäftlich tätig war und dem Wolf bei kontinuierlichen Umsätzen seiner Produkte egal war, ob Dritte seine Einnahmen auf diese Weise anzapften. Der Erfolg der Kopien bestätigte schließlich die Überlegenheit der Originale. Wagner wußte auch, daß Delayo letztlich ein sehr pfiffiges Kerlchen war, der aufgrund seiner Vergangenheit auch relativ schnell erfassen konnte, auf welcher Basis zum Beispiel eine Ultrazig funktionierte und wie sie – bei Übernahme des bekannten Äußeren – günstig zu duplizieren war. Der Jimmisch Joa schnitt jedoch Wagners Befürchtugen ab, daß es zu einem blutigen Aufeinandertreffen Delayos mit dem Wolf kommen könnte, denn:

„Wenn er nicht übermorgen zahlt, dann findet der Wolf nur noch ’ne Leiche mit blutverkrusteten Ohren vor.“

Lachend war der Jimmisch Joa daraufhin gegangen. Alessandro und Mütterchen Ennia, die beide Zeugen dieser Offenbarung wurden, staunten noch lange schweigend vor sich hin. Doch dann explodierte Wagner:

„Jetzt müssen wir auch noch auf das Leben von diesem Luftikus aufpassen! Das kann doch gar nicht wahr sein! Wir haben hier gerade von drei Verbrechen erfahren, von denen zwei darum kämpfen, welches zuerst passiert und das dritte können wir gar nicht auf die Schnelle beweisen, und wenn wir es beweisen, bekommt eines der beiden anderen Verbrechen einen ungerechtfertigten Vorsprung auf dem Weg zum Geschehen!“

Wagner ließ sich in einen Sessel fallen und sah Alessandro wieder einige Momente zu lang an, als das dieser sich nicht zu einer Erwiderung verpflichtet gesehen hätte.

„Ja, Chef.“

Nun aber sah Salynna aus dem Fenster, auf den kleinen Vorplatz, der auf den weitläufigen Markt hinausführte, sah Mütterchen Ennia im Fenster des gegenüberliegenden Hauses und winkte ihr zu. Dieses alte, aber friedvolle Gesicht erfüllte Salynna mit einer Ruhe, die ihr noch unbekannt war, die sie aber als so schön empfand, das sie diese immer in sich tragen wolle. Sie sagte sich:

Ich bin endlich angekommen. Jetzt will ich auch endlich sein.“

Doch der Friede wurde sofort gestört, als – ohne einen Klopfer – Klapp Klappowitsch in den Raum stürmte, um kundzutun, daß

Bitte zu Delayo. Jetzt.“

Er war tatsächlich ein Mensch weniger Worte. Salynna legte noch eine Jacke über ihre Schultern und folgte dem Boten eine Treppe hinab. Auch Delayo hatte es überraschend eilig und wollte seiner neuesten Gläubigen nicht den Grund verraten, warum sein rechtes Ohr verbunden sei. Er griff ihren Arm und führte sie in das Sunfaithmobil – diesen schlechten Namen hatte das sekteneigene Fahrzeug in einer Abstimmung der Anhänger erhalten – und gab dorthin unterwegs gerade noch den Tip, daß sie sich zu Paulo Schmitz aufmachen müssten. Man habe am gestrigen Tag wichtige Punkte noch nicht angesprochen und das liesse sich nicht über Telefon verhandeln. Und sie, Salynna, müsse unbedingt dabei sein. Er sei auf ihre volle Unterstützung angewiesen. Dies gesprochen, die Hand schon am Türgriff des Fahrzeugs, blickte Delayo Salynna tief in die Augen. Seine Gedanken schrien hinterher:

Hoffentlich lässt mich die dumme Pute nicht hängen! Sie muss einfach Schmitzens Geld in meine Tasche fließen lassen und zwar pronto!“

Richard Wagner bemerkte den leicht verspannten Gesichtsausdruck bei Delayo, und folgerte, daß er und Alessandro unbedingt dieser Fahrt folgen müssten, denn

Da geht jetzt was! Wie hieß nochmal dieser Kaffee-Fuzzi? Schmitz? Die werden sich nochmal treffen, und die Dame soll da Geld locker machen, eh, Alessandro? Was denkst Du?“

Alessandro, seine Jacke greifend, nickte zustimmend.

Die große Tragik vieler Erzählungen und auch realistischer Dokumentationen liegt darin, daß gewisse Handlungen und Geschehnisse sich schon von weitem mit Pauken und Trompeten ankündigen. Aus Sicht des_r Leser_in. Für die handelnden Personen sind diese Zeichen am Horizont ihrer Welt oft nicht zu lesen, zu erkennen. So hält eins oft ein Buch in der Hand und – während des Lesens – formt sich dieser Gedanke:

Nein! Paßt doch auf! Das wird, das muß doch schief gehen!“

Oder ähnliches. Und auf einen solchen Augenblick steuern auch wir in dieser Erzählung zu. Damit der Moment nicht – für die unaufmerksamen Teile des Publikums – zu überraschend einher rauscht, werde ich hier einige der wichtigsten Informationen bereits zum Besten geben:

In diesem Land, das sich Interzone nennt, gibt es einen bergigen Norden. Im Süden grenzt es an ein Land, das sich Italien schimpft. Irgendwo im Westen Interzones existiert auch eine Grenze an Frankreich, sowie die Schweiz. Dort hatte sich Salvatore Delayo einst aufgehalten, als er aus seinem heimatlichen Bergdorf in die Welt aufgebrochen war. In Interzone gibt es Straßen, auf welchen Fahrzeuge unterwegs sind. Paulo Schmitz, der inzwischen oftmals erwähnt wurde, ist kein Einheimischer. Wie Mütterchen Ennia bereits zu Beginn bemerkte: Schmitz stammt aus Mailand. Er ist darüber hinaus mit etlichen der Protagonisten befreundet: Sattler, dem Wolf, Delayo. Doch nicht mit der Katerei. Und das Hasentrio um Traw ist ihm nicht ganz geheuer. Von den Glitzacatz hat er bis zu diesem Zeitpunkt nur gehört, und hält sie für einen Mythos. Jenseits von Schmitz ist es wichtig festzuhalten, daß Interzone über ein eher mässiges Gesundheitssystem verfügt. Es existieren Krankenhäuser, doch sind diese in keinem guten Zustand und auch nur ungenügend besetzt. Die unterdurchschnittliche Bezahlung nutzte Paulo Schmitz aus, um für seine Café-Intravenös-Kette Krankenschwestern anzuwerben, die bei ihm nicht besser entlohnt wurden, doch gab es die Möglichkeit von Trinkgeldern.

In Interzone gibt es neben der Hauptstadt noch zwei weitere größere Städte, die allesamt im südlichen Teil des Landes liegen. Ahnen Sie schon, was passieren wird?

Währenddessen kurvt der Bus der Glitzacatz mit dem zusammengesunkenen Medium Clementz an Bord aus Interzone in Richtung Norden, um dort dem gedrückten Gast ein wenig Luft zum Durchatmen zu verschaffen.

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GlitzaCatz – Kapitel VI

Kapitel Sechs

So steckten nun die Glitzacatz, in engen, muckeligen Kisten, Traw gegenüber und ihnen wurde Tee serviert. Der Lemmes verbeugte sich und schob sich in seinen eigenen Karton. Er sprach nun die Glitzacatz an:

„Traw möchte nun erfahren, wie er euch helfen kann.“

Die Glitzacatz, vor allem Tin, erzählten ihm ausführlich von ihrem Problem, zu erfahren, welches Problem sie für den verärgerten Geist von Meursault lösen sollten, da dieser ausgesprochen unfreundlich und wenig mitteilsam gewesen sei. Als die Glitzacatz letztlich schweigend an ihren Teetassen nippten, wog Traw seinen Kopf und sprach:

„Strange. Strange. Straaaaaannnggggeeee.“

Er sah zum Lemmes herüber, dieser nickte und sprach:

„Sehet, liebe Glitzacatz, wir haben nur eine bedingte Anzahl an Informationen über den Zwist zwischen dem heutigen, verärgerten Geist von Meursault und seiner Nemesis, jenem Sattler genannten Mensch. Dieser Sattler soll subtextlich am Tode Meursaults schuldig sein, so hören wir von unserem Informanten. Doch wissen wir, daß Meursault auf einem Stück Seife ausrutschte, das in seinem Stammcafé auf dem Boden der sanitären Anlagen lag. Ob Sattler dieses dort in Hoffnung auf einen fatalen Ausrutscher platzierte, oder Meursault gerade in Gedanken an Sattler war, als er unbewußt auf das glitschige Stück trat, ist uns jedoch nicht bekannt, doch das Genick brach beim Sturz auf das Waschbecken. Das wissen wir, denn obwohl die Leiche letztlich verbrannt war, konnte dies problemlos festgestellt werden. Auch die Fettspuren an den Schuhresten sprechen davon. Meursault hatte eine brennende Ultrazig im Mund, als er stürzte, die sein Haar in Brand setzte.“

Die Glitzacatz waren erschrocken. Tin fragte, woher diese explizit genauen Informationen denn stammten. Traw grinste von einem Ohr zum anderen. Lemmes sprach:

„Wir haben die Seife platziert und den Unfall beobachtet. Doch hatten wir eine andere Person zu Tode bringen wollen. Es war insofern ein Unglücksfall.“

Es schien, als stünde dem wahrhaft wilden Lemmes ein Lächeln ins Hasengesicht geschrieben.

Tin schüttelte als erster den Schock aus seinen Gliedern.

„Grundgütiger! Das ist ja fürchterlich. Sollten wir das dem verärgerten Geist Meursaults nicht mitteilen, damit er sich vielleicht beruhigen kann?“

Traw meinte hierzu nur:

„Strange.“ in einem bedauernden, leicht ablehnenden Tonfall.

Der Lemmes schüttelte ebenfalls seinen Kopf und sprach:

„Unsere Zielen geht es sehr gut zu Pass, daß es einen Gegenspieler zu jenem Sattler gibt, da dieser ein ausgefuchstes Netzwerk unterhält, das er aus dem Café d’Äkkzém heraus steuert. Doch wir vermuten inzwischen, daß hinter ihm noch eine größere Figur steht.“

Traw grunzte und blickte angriffslustig, während der Lemmes sprach:

„Es könnte sich um den Wolf handeln.“

Die Glitzacatz zuckten zusammen. Der Wolf, dieser Name war von einer ähnlichen Wucht, als spräche eins von Traw. Doch war Traw einfach der grundsätzliche Mörder, Erpresser, Großkriminelle, ein schlimmer Hase halt, verhielt es sich um den Wolf etwas schwieriger. Der Wolf war zunächst ein gerissener Erfinder. Die Ultrazig war eines seiner Meisterwerke, mit welchem er einen bereits florierenden Markt im Handstreich übernahm und von diesem Kuchen keinen Krümel mehr abgab. Der zweite Streich war die Anfangs in Interzone legale Einführung veganen LSDs. Hier erwischte der Wolf das gesamte Staatswesen mit heruntergelassener Hose, das sich durch die bloße Namensgebung blenden ließ, denn des Wolfs veganes LSD waren einfache Trips in neuer Umverpackung. Es herrschte innerhalb von drei Monaten eine gravierende Krise in ganz Interzone. Die einen Menschen, Katzen, Hasen und andere Wesen verschrieben sich des puren Liebreizes eines blümeranten Rausches, die anderen brachten die erstgenannten aufgrund chemisch produzierter Paranoia um. Der Wolf zählte derweil Bündel an Geld, die ihm die Arbeit seines Laboratoriums eingebracht hatte. Als Finanzier strebte er darauf in die Welt Interzones, und erhöhte seinen hintergründigen Einfluß um ein Vielfaches. Das er unter anderem eine gute Geschäftsbeziehung mit Paulo Schmitz führte, muß gar nicht erwähnt werden. Dessen Café-Intravenös-Kette baute sich auf einigen Koffern Wolfsgeld auf. Und auch nachdem Schmitz alle Darlehen getilgt hatte, blieben diese beiden Charaktere in bester Freundschaft miteinander verbunden. So hatten die beiden auch im Laufe der Zeit die famose Idee, einige Hundefreunde zu ihrem Nutzen zu vereinen und ihnen regelmässige Suchaufträge zu übergeben. Zur Verwirrung ihrer Umwelt bezeichneten der Wolf und Schmitz diese Truppe als RUH, als „Rudel unzuverlässiger Hunde“.

So sprach der Wolf zu Schmitz:

Lass mal RUH.“

Und Schmitz lachte. Und irgendeins in Interzone würde ein Problem haben.

Der Lemmes hatte inzwischen auf Traws Zwinkern ohrenbetäubend laute Ambientmusik eingeschaltet. Deren sphärisch-röhrende Klangglitzerei schob sich durch die Sitzkisten und Traw schloss seine Augen, hin und wieder nur am Tee nippend. Die Glitzacatz wurden von Lemmes noch über einige Details von Meursaults Tod unterrichtet, dann forderte er sie auf, zu gehen. Die Glitzacatz liessen sich das nicht zweimal sagen. Im Hause Traws hielt eins sich selbst als Freund nicht länger auf, als notwendig. An der Türe ließ sie Lemmes noch wissen:

Traw meditiert gerade über einen neuen Zugang zu sozialer Interaktion. Er interessiert sich plötzlich für Freundlichkeit.“

Das Staunen glühte noch nach Stunden in der Glitzacatz‘ Augen.

Der verärgerte Geist Meursaults schweifte durch die Gassen Interzones, ließ die Ahnung seiner rechten Hand, sanft wie eines Geistes würdig, über Bruchsteinwände gleiten. Nicht, daß er das vorherige Leben vermisste! Nein! Teile davon, ja, vor allem die geistigen Getränke, und die Frauen. Ach, am meisten vermisste er, daß er im Jetzt nicht mehr ohne dieses Medium existieren konnte. Dieser geduckt laufende Clemenz mit seinem spitzen Mausegesicht, den grauenden Haaren. Er hätte ein Widergänger seiner Nemesis sein können. Doch Clemenz saß nicht tagelang mit gespitzten Bleistiften in Tavernen fest, in denen er einen ganzen Tisch blockierte und in acht Stunden ein stilles Wasser trank. Ah! Sacrément! Dieser hohe Herr Sattler kam ihm selbst jetzt als Geist noch immer in den schwirrenden Sinn und verdunkelte ihm alles. Zut alors! Der verärgerte Geist Meursaults tat sich auch nach seinem Tod noch schwer, sich im Griff zu halten. Gedanken drängten sich in seiner Luftigkeit. In dieser Gasse fiel plötzlich ein Löffelchen von einer Fensterbank. Die größte Wucht, die der verärgerte Geist Meursaults, auslösen konnte, hatte es diese fehlenden zwei Zentimeter zum Abgrund hin bewegt. Der verärgerte Geist Meursaults hätte sich beinahe mit Schweißperlen auf seiner nicht existenten Stirn materialisiert. Sein Nichts ließ er nun mehrere Male mit Schwung auf das arme Löffelchen herab prallen. Dazu schrie der verärgerte Geist Meursaults.

Bolos! Bolos! Bolos!“

Staub wurde nicht wirklich aufgewirbelt und der verärgerte Geist Meursaults sehnte sich nach seinem Medium. Wenn er Clemenz bevölkerte, konnte er diesen steuern und damit etliches Unheil anrichten. Ja, das würde er bei nächster Gelegenheit tun. Und vielleicht würde er es auch wieder versuchen, mit diesen geistig so durchsichtigen Glitzacatz etwas anzufangen. Wo war Clemenz?

Nachdem die Glitzacatz Trawcountry wieder verlassen hatten, traf Jimmisch Joa von seinem Ausflug zu Mensch und Katz ein. Traw bedeutete seinen beiden Hasenkollegen das Fahrzeug bereitzustellen. Traw wollte nun eine kleine Übungsreise halten. Lemmes und Jimmisch Joa waren bester Laune. Auch wenn es kein Blutbad geben würde, so waren sie sich sicher, daß Traws Versuche in Freundlichkeit erschütternd unterhaltsam werden würden. Vielleicht sollten sie nicht nur über Land fahren, sondern einen ausdrücklichen Besuch von Interzones intellektueller Szene hinzufügen. Lemmes und Jimmisch Joa sprachen Traw darauf an und dieser lächelte von einem Ohr zum nächsten. Jimmisch Joa wählte Polka Schmitz als Reisebeschallung aus und sie setzten sich in Bewegung. Und schon lief vor ihnen ein junger Hund, den sie mit gutgezielten Kieselsteinwürfen zum stehen brachten.

Der Jimmisch Joa beugte sich aus dem Fahrzeug.

Wer bist Du, Hund?“

Was, wieso, wer, ich? Warum?“

Der Lemmes rief aus dem Hintergrund:

Natürlich Du. Wir haben Dich mit wertvollem Kiesel beworfen. Grundgütiger! Nun, sag schon, wie sie dich im Rudel rufen?“

Ahh, ja. Sie rufen mich den Blitz.“

Aus dem Hasenfahrzeug erscholl schallendes Gelächter. Als sich dieses etwas gelegt hatte, stieg Traw aus dem Fahrzeug aus. Er stellte sich vor den jungen Hund, den sie Blitz nannten. Er legte seine rechte Tatze auf dessen Schulter. Der Blitz zuckte und zitterte. Traw blickte den Blitz fragend an. Lemmes sprach:

Wenn Dich jemand angreift, Blitz, wie wirst du dich dann verteidigen?“

Was, warum, wer, ich? Äh, ja. Nein.“

Traw ließ seine Klauen in Blitzens Fleisch sinken. Blut quoll darunter hervor.

Au, ja. Ich weiß es nicht. Wie soll ich mich denn verteidigen?“

Der Lemmes blickte zu Traw:

Traw, möchtest Du ihm sagen, was Du in der Meditation gelernt hast? Oder soll ich?“

Traw blickte verschämt zur Seite, um dann leise zu kichern. Lemmes war inzwischen zu den beiden getreten, sah den Blitz scharf an und sprach:

Wenn dich jemand angreift, wie verteidigst du dich dann am besten? Mit guten Manieren!“

Die Hasen rollten sich lachend im Gras, der Blitz stand wie festgewurzelt mit seiner blutenden Schulter. Leise Tränen zeigten sich auf seiner Wange.

Als sich die Hasen ausgelacht hatten und bemerkten, daß der Blitz nach wie vor schweigend und betrübt dastand, war es keine Scham, die sie befiehl. Traw grunzte kurz, worauf der Jimmisch Joa ein Verbandspäckchen hervorzauberte und der Lemmes dem Blitz noch eine Portion „Wolfsspaß“ hinhielt, die inzwischen illegale Marke veganen LSDs. Der Jimmisch Joa schlug noch auf die gesunde Schulter und meinte:

Nimm es locker, Blitz.“

Der unheilvolle Einfluß des Wolfs auf die Bevölkerung Interzones zeigte sich am heftigsten in den vielfachen Nachwirkungen seiner Produkte, die von einem ungemein hohen Anteil der Lebenwesen konsumiert wurde. Selten ließ der Wolf sie aus seinem Griff der Nebenwirkungen entweichen, wie seinen Kumpel Paulo Schmitz, den er darauf hinwies nur spezielle Varianten seiner Produkte zu konsumieren. Er sprach zu Schmitz:

Ich lasse Dich gehen.“

Schmitz nahm diese Worte auf, nickte verständnislos mit dem Kopf und wandte sich nach einem

Ja, ja. Wird schon gehen. Whatever… häh?“

einem weiteren Thema seines Lebens an.

Doch andernorts konnten andere Szenarien entstehen. So hatten sich die drei Hasen Traw, Lemmes und der Jimmisch Joa nach der Heimsuchung des Blitzes wieder auf ihren Weg gemacht und wollten wohlgelaunt nun in der Hauptstadt einfallen, doch plötzlich brachte Jimmisch Joa das Fahrzeug zum Stehen. Er blickte seine beiden Kollegen an, die ihn annickten.

Der Lemmes sprach nun:

Wer sind wir überhaupt? Wenn jemand unsere Geschichte aufschriebe, wie würde er uns darstellen und wie würden uns die Leser wahrnehmen?“

Traw nickte und wirkte betrübt. Auch Jimmisch Joa ließ den Kopf hängen, doch dann sprach er:

Wollen wir unsere Geschichte aufschreiben? Wollen wir unsere Seite mitteilen? Wir wissen ja gar nicht, ob jenes, welches unsere Geschichte erzählt, überhaupt alles wissen kann, was in unserer Leben je geschehen ist? Wenn dieses Mensch nie den Boden Interzones betreten hat, wie soll es wissen, welches Leben eins hier führt?“

Traw rief aus:

Strange! Strange! Strange… yeah, Good! Good!“

Der wilde Lemmes sprang aus dem Fahrzeug und riss einen Baum des an die Straße grenzenden Waldes aus dem Boden, warf ihn auf die gegenüberliegende Seite und schrie:

Ja, genauso ist es! Jimmisch Joa! Du hast es wieder einmal auf den Punkt gebracht. Ich liebe Dich! Verdammt noch mal!“

Wieder im Fahrzeug sitzend:

Fahren wir einfach mal nach Interzone, setzen uns in eine Café und fangen an, unsere Geschichte niederzuschreiben.“

GlitzaCatz – Kapitel V

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.

GlitzaCatz – Kapitel IV

Kapitel Vier

Als ich Ihnen zuletzt berichtete, waren wir gemeinsam tief in die Vergangenheit eingetaucht, und trafen dort auf den jungen Paulo Schmitz, sowie die Erzfeinde Meursault und Sattler. Schmitz erhielt einen Auftrag und so, wie er zuletzt erschien, sind wir uns wohl alle nicht ganz sicher, ob er sich noch daran erinnern wird, jemals etwas von J.P. Sattler gehört zu haben. Doch drängt uns die Frage, wie es denn weitergehen mag?

Und Paulo Schmitz mußte tatsächlich einen ganzen Tag damit verbringen, seinen Körper, seinen Geist wieder in eine annähernd gesunde Einheit zu hämmern. Er ließ sich mehrfach einen Schub Kaffee spritzen, denn er kannte die heilende und magenschonende Wirkung intravenösen Kaffees und wie wir schon erfahren haben, wird er der Menschheit diese erfrischende, motivierende und Ressourcen schonende Lässigkeit nahebringen. Und er wird sich Drähte in die Haare winden lassen, um seine Hand leger darauf puffern zu können. Dies ergab für manche Zeitgenossen einige Male auch den Eindruck einer gewissen elektritschen Ladung, die Schmitz versprühte, wenn mehr als notwendig viele Haarspitzen vom Kopf abweisend in die Atmosphäre wiesen.

Der wiederbelebte Schmitz besann sich denn auch am Morgen des von Sattler erwähnten Freitags seiner Aufgabe, griff sich Blatt und Stift und begann voller Elan seinen Text zu dem ihm unbekannt gebliebenen Buchs des zu vernichtenden Meursault zu schreiben. Nach zwei Minuten war er fertig, zischte zur Türe heraus, noch schnell die für Aufsteiger obligatorische schwarze Lederjacke angezogen und war auf dem Weg seinen persönlichen Ruhm zu begründen.

Endlich in der Gasse des Nützlichen Zorns angekommen, wollte ein junger Mann am Eingang ihn abwehren: „Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Ein Sektretär vor der Türe, auf welcher „Sattler, J.P.“ geschrieben stand, rief:

„Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Sattler, der das kurze Getöse vor seiner Türe gehört haben mußte, sprach denn, ohne Aufzublicken:

„Herr Schmitz, wer zu früh kommt, wartet beim Sicherheitsdienst.“

„Ach. Sie werden nicht viel Zeit brauchen, um zu sehen, daß ich Ihre Aufgabe zu höchster Zufriedenheit gelöst habe, Herr Sattler. Ich bin nicht weniger, als ein Genie!“

Er warf Sattler die handschriftlich beschriebene Seite auf dessen Tisch, worauf dieser tatsächlich aufblickte und sich den Zettel griff und diesen überflog.

„Was!“, war Sattlers Antwort.

„Was soll das?“ Er blickte Schmitz an. Dieser zuckte seine Schultern, und blickte Sattler nonchalant an.

„Sie wollten, daß ich diesen Meursault mit Worten zerstöre. Ihn aus dem Kontext schreibe. Sie haben mich engagiert, weil ich…“ Schmitz begann in seiner Lederjackentasche nach einem Zigarettenpäckchen zu kramen „… ein aufstrebender, egomanischer Fiesling mit genialischen Ansätzen bin?“

Sattler, der wieder seine Augen hinter den gravierenden Gläsern über den Text spazieren ließ, bemerkte Schmitzens Kramerei, hob die Hand, um diesen zu stoppen.

„Warten Sie! Hier, nehmen Sie diese Zigarette. Es ist etwas völlig Neues! Ein Freund, der Wolf, hat sie erfunden. Sie rauchen eine davon am Tag, und dann sind all ihre Bedürfnisse an Teer, Nikotin und diversen chemischen Geschmacksverstärkern gedeckt.“ Sattler reichte ihm einen dieser Glimmstengel.

„Sie werden Ultrazig genannt, so ließ mich der Wolf wissen.“

Schmitz griff sich die Zigarette, setzte sich. Sattler blickte ihn mit einer gewissen Neugierde an.

„Ach, wissen Sie, Sie müssen natürlich noch Namen und Titel des Buches über meinen Text klatschen, und dann noch meinen Namen darunter, damit klar ist, wer hier der Täter ist.“

Schmitz legte ein versucht diabolisches Lächeln auf.

„Natürlich, Herr Schmitz. Wir wissen bei „Modernes Gewese“ schon, wie wir unsere Arbeit machen. Was mich mehr interessiert ist, wie kommen Sie auf diese Idee? Dieser Text ist verblüffend.“

„Ach, das ist nichts. Vergessen Sie nicht, den Text auf die benötigte Länge zu trimmen.“

„Das habe ich durchaus in Betracht gezogen. Nein, ich meine die Idee, einen Text gegen diesen Meursault zu schreiben, in dem Sie einfach nur das Wort „Ich“ beständig wiederholen. Wo kommt diese Idee her?“

„Das liegt doch auf der Hand, Herr Sattler. Das liegt doch auf der Hand. Was hätte ich denn sonst schreiben können? Irgendein verquastes Geseusel. Da bin ich nicht der Typ zu. Und ich habe den Monsieur gesehen, der ist ansonsten ziemlich, naja, ziemlich so.“ Schmitz wedelte unbestimmt mit den Händen in der Luft. Sattler lehnte sich zurück, mit verschränkten Armen.

„Ja, er ist ziemlich so! Da haben Sie vollkommen Recht. Er ist groß, er hat noch volles, griffiges Haar, er ist schlau und gewitzt, drückt sich gut aus. Frauen liegen ihm schnell und gerne zu Füßen. Er hat Charme und dazu riecht er auch noch gut. Und deswegen drucken wir Ihren Text als Rezension zu seinem neuen Buch ohne jede Korrektur. Das ist ein absolutes Novum für „Modernes Gewese“. Und ich will hoffen, daß Meursault damit untergeht. Das ihn schallendes Gelächter begleitet, nachdem jeder Ihren Text gelesen hat. Er soll in der Gosse landen.“

Schmitz zündete sich nun die Ultrazig an, zog und brach in ein infernalisches Gehuste aus. Als er wieder zu Atem kam:

„Das ist gut! Dieser Wolf ist ein Genie! Senden Sie ihm meine vorzüglichsten Grüße.“

Kaum waren die Worte gesprochen, mußte Schmitz weiterhusten.

„Oh, es ist unglaublich, das ist total befreiend. Und dieser Geschmack von feinstem Nikotin. Herrlich! Ein Genuß. Um Himmels Willen, so habe ich noch nie geraucht!“

„Jetzt werden Sie mal nicht so feierlich, Herr Schmitz. Ich lasse Ihnen dann einen Scheck zu senden für Ihre hervorragende Arbeit. Je nachdem, wie die Resonanz ausfallen wird, werde ich auch noch eine Nachzahlung veranlassen, die höher wird, je tiefer Meursault sinken wird. Und wie ich Ihnen versprochen habe, werde ich Ihren Weg zu einer Café-Kette ebnen. Dazu werde ich Sie mit dem Wolf bekannt machen, er ist der richtige Partner für eine solche Planarbeit.“

Paulo Schmitz erhob sich geistesgegenwärtig, denn er verstand inzwischen die Sattler’schen Fingerzeige, reichte diesem die Hand und verließ die Redaktion mit einem breiten Grinsen.

Von einem solch feinen Grinsen sind alle Glitzacatz in unserer erzählten Gegenwart sehr weit entfernt. Der verärgerte Geist Meursaults hat sich mitsamt seinem Medium Clemenz entfernt. Jin rieb sich die Arme und versuchte zu verbergen, daß ihm die Diskussion, die er mit dem Geschrei des Geistes und den Fäusten des Mediums erlebt hatte, noch immer einige Schmerzen verursachte. Zuletzt hatte Tin noch die Möglichkeit benannt, daß sich die Glitzacatz mit Traw, dem böswilligen Hasen treffen sollten, um durch diesen neue Information zu erhalten. Dieser verfügte über ein Wissenspektrum, das er sich mithilfe seiner Hasenkollegen Jimmisch Joa und Lemmes, meist auch genannt der Wilde Lemmes, verschaffte und aus armseligen Informationslieferanten herauspresste. Wer nun darob zweifelt, wie denn Hasen eine erfolgreiche Karriere im Verbrechen gelingen soll, der mag sich alleine dem Anblick Traws aussetzen, der schnell die Vorstellung des schnuckeligen süssen Hasens schmelzen lässt. Jener hatte die rotesten Augen, die sich eins nur vorstellen kann. Dazu Zähne, die mithilfe ihrer Schärfe nicht unbedingt nur auf den Konsum von Gräsern ausgerichtet waren. Alleine nur des Lemmes Zähne waren noch spitzer und fleischzerteilender, weswegen Sie sich gut dessen Spezialität vorstellen können, und warum der Ausruf „Du bist vom wilden Lemmes gebissen“ in vielen Gegenden Interzones von den Angesprochenen nicht mehr beantwortet wurde, und auch von den Ausrufenden mit einem gewissen Zittern in der Stimme getätigt wurde. Traw war von Natur aus mit einer eigentümlichen Kriegsbemalung bedacht. Seine Flaum um Nase und Mund war passend zu den Augen in einem blutigen Rot getaucht, die Nase hatte hingegen eher einen Stich ins Bläuliche. Auf seine Stirne hatte er seinen Namen als schwarze Tätowierung anbringen lassen, so daß jeder diesen Namen lesen mußte. Und sie lasen: „Traw.“ Konnte es schrecklicheres geben? Nun, in dem Moment des Anblicks war die Auswahl eher begrenzt.

Und so huben sich die Glitzacatz wieder in ihren Bus und fuhren los, die Spur der drei wüsten Hasen aufzunehmen. Sollten sich diese im wilden und ungepflegten Osten Interzones finden lassen? Die Glitzacatz stöhnten. Dort waren die Straßen eng, der Bus würde die Luft anhalten. Die Glitzacatz jammerten. Gerade die Fahrt durch Üpfeltal war ein langgezogenes Ärgernis, so langgezogen war ihr Bus auf jenen Metern und die Glitzacatz mußten blitzschnell ihre Positionen einnehmen, um nicht gegeneinander gequetscht zu werden. Dort in Üpfeltal trafen die Glitzacatz auf den an der Straße streunenden Jericho, einen alten Kater, der zu den eher unbeliebtesten seiner Art gehörte. Er schickte sie ins Herz des Trawcounties, dort würden sie ihn finden. Traw sei zur Zeit nicht auf Reisen. Die Glitzacatz nickten beharrlich dem schwätzenden Jericho zu, der ihnen zwischenzeitlich noch neue Essgarnituren verkaufen wollte, auch Töpfe, Pfannen, Bettbezüge. Irgendwas müßten sie doch gebrauchen können, die ehrenwerten Glitzacatz, tönte er. Er würde ihnen die tollsten Rabatte geben, wenn sie nur bei ihm kaufen würden, sie seien ja so elegant, die Glitzacatz. Er hingegen, sei ein Lumpenkater, der reinste Lumpenkater von ganz Interzone. Dabei hob er seine Tatzen in die Höhe und ließ nach „-zone“ sein Maul offenstehen, auch die Augen waren auf bemerkenswerte Größe gerissen. Ja, ja, beschwichtigten alle Glitzacatz im Chor, er sei eigentlich ein ganz toller Kater und so, und seine Waren seien ja schon ziemlich toll, aber sie bräuchten nun wirklich nichts und müßten auch los ins Trawcounty, damit sie dort den genannten treffen könnten und in diesem Moment trat Jin aufs Gaspedal, die anderen Glitzacatz polterten durch den Bus und Jericho stand in einer Staubwolke.

Und nur ein geschlagenes Stündchen später sahen sie das Schild auftauchen, welches Mensch und Katz entgegenrief:

You are now entering Trawcounty. You are entering at your own risk.“

Für die Beschriftung dieses Schildes wurden blutend rote Großbuchstaben gezüchtet und bis zu ihrem Einsatz in kompletter Isolierung von allen äußeren Einflüssen gehalten, und bei Installation mit antarktischen Superfrostnägeln angehämmert, damit sie niemals fliehen könnten

Die Warnung konnten die Glitzacatz leichterhand ignorieren, denn sie hatten Traw einst aus einer mißlichen Lage geholfen, die hier nicht erwähnt werden darf, denn Traw findet alle unerwünschten Mitwisser.

Außerdem gibt es ein Gerichtsurteil.

Als nun der Bus auf den überdimensionalen Pappkarton, in welchem Traw, Jimmisch Joa und der Lemmes lebten, anfuhr, fühlten sich die Glitzacatz auch ein wenig heimisch, denn was gab es für die Katze an sich besseres, als das Leben in einer Kartonage. Traw, ganz die Lebekatze, hatte das Innere seines Wohnsitzes mit kleinen Kartons ausstaffiert, in welche sich die Hauptbewohner und eventuelle Gäste und Gefangene wohlig einquetschen konnten. Dazu gab es noch ein flutbares, gemauertes Gemach unterhalb des Erdreiches für besonders streitbares Volk.

Traw trat aufgrund des Motorengeräusches vor die Türe, verschränkte seine Ärmchen vor der Brust und sprach, als er die Glitzacatz erkannte:

Strange. Strange.“, worauf noch ein langgezogenes „Straaaaaanggggeee“ folgte.

GlitzaCatz – Kapitel III

Kapitel Drei

Es kam, wie es kommen mußte. Die Glitzacatz standen um die Rauferei herum, die im letzten Kapitel begonnen hatte und fragten sich, woher diese Feindseligkeit des verärgerten Geistes Meursaults herkam. Glücklicherweise haben wir Mittel und Wege uns diese Information leichthändig zu ergaunern. Währenddessen übrigens kam Tin noch auf die Idee, sich mit Traw, dem übellaunigen und selten bösen Hasen, in Kontakt zu setzen. Vielleicht könne dieser ihnen zu Hilfe sein. Während nun vier Catz darüber diskutieren, verlassen wir diese für eine handvoll Sekunden, in welchen wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit unternehmen und dort auf den jungen, aber schon fantastisch verschlagenen Paulo Schmitz treffen. Er hat noch keine Drähte in seine Haare geflochten, damit seine Hand darauf puffern kann. Er hat auch noch keine Kette an Cafés mit notwendiger medizinischer Betreuung. Er ist nur ein aufstrebender Prä-Emporkömmling mit einem bereits vibrierenden Ego. Er befindet sich in der Stadt Interzone, die auch Hauptstadt des gleichnamigen Landes ist. Er empfindet es als widerwärtig, doch er muß zu einer Verabredung in einem Café, das nicht seinen futuristischen Ansprüchen annähernd entspricht. Dort wartet J.P. Sattler auf ihn. Dieser ließ ihn rufen, und dem Ruf leistet jeder Folge, der seinen Namen behalten will. J.P. Sattler verfügt über ein Netzwerk an Meinungsbildern, die selbst lebendige Personen in etwas staubiges, gestriges verwandeln, und keiner wird den zeternden Lebenden noch glauben, daß sie tatsächlich vital sind. Sie sind im besten Falle noch Fake Ghosts. Schmitz würde also das Café betreten. Er würde auch seine heruntergezogenen Mundwinkel nicht verbergen. Die Tassen, welche auf den Tischen, auf der Theke, in den Schränken und Regalen stünden, würde er mit Verachtung strafen. Diese ungebändigten Mengen an Kaffee in den Tassen, würden ihm wie eine räudige Vergeudung erscheinen. Er würde Sattler in einer hinteren Ecke sehen, wie dieser seine kleinen, feisten, arglistigen Augen hinter dicken Brillengläser über einem beschriebenen Blatt spazieren führt. Seine Nase ist fein und klein, spitz. Sattler kann Zettel mit dieser Nase aufspießen. Doch würde Sattler nie einem Zettel, noch einer Fliege etwas zu Leide tun. Er ließe den Zettel liegen, bis dieser sich wieder zu dem Zellstoff zerlege, aus dem er erschaffen war. Sattler ignorierte die schlechten Dinge in ihren Urzustand zurück. So, wie er lebende Menschen zu Fake Ghosts mutieren ließ. Hierzu würde er Schmitz benötigen. Sattler hatte von Schmitz gehört. Er wußte, daß Schmitz nicht die größte Leuchte Interzones sei, doch das seine Egozentrik weit über des Landes Grenzen hinausstrahlen würde, wenn es scheinen sollte. Paulo Schmitz setzte sich auf den Stuhl, und sah seinen Gegenüber an, dessen Augen weiterhin über Geschriebenes stolzierten. Sattler murmelte vor sich hin. Schmitz war nicht gewohnt, daß er nicht sofort angesprochen wurde. Er begann mit seinen wohlgeformten Fingern auf den Tisch zu trommeln. Sattler schnippste einmal kurz mit rechter Hand in die Luft, las murmelnd weiter. Der Patron des Cafés erschien und sprach Schmitz an.

„Monsieur?“

„Nein, ich möchte hier nichts trinken. Sie verkaufen hier nur Kaffee in Tassen. Das ist widerwärtig.“

„Oh, Monsieur, wir verkaufen auch verschiedenste Weine, Alkoholika in unterschiedlichen Gift- und Schweregraden. Wir können auch einzigartige Cocktails für Sie anmischen. Darf ich Ihnen einen Samsubarum empfehlen? Es ist ein königliches Getränk, von dem sich erzählt wird, das es Uhren anders ticken läßt und Spuren verwischt?“

Schmitz horchte auf. Er nickte, ein leichtes Lächeln andeutend. Als er sich nun Sattler wieder zuwand, blickte ihn dieser an.

„Das sind vier Sekunden gewesen. Sie sind ein langsamer Mensch. Das müssen Sie unbedingt unterlassen. Diesen Zeitverlust werde ich nie wieder einholen können. Es wundert mich nicht, daß Sie einen Samsubarum kredenzt haben wollen. Sie scheinen ja ein Millionär an Sekunden und anderen Zeitnoten zu sein. Ja, werfen Sie bitte nur mit unnötigen Minuten und Stunden um sich. Aber ich kann mir solch ein schauerlisches Verhalten nicht leisten. Sie werden mir nun zuhören! Wenn ich Ihnen Ihren Auftrag erläutert habe, erhalten Sie dreißig Sekunden, um Unklarheiten zu beseitigen. Dann können Sie sich an einem anderen Tisch mit Ihrem Getränk niederlassen. Das haben Sie nun verstanden. Also, hören Sie. Es lebt ein Mann namens Meursault in der Stadt. Er schrieb ein Buch, das in einer Woche erscheinen wird. Sie werden für mein Journal „Das Moderne Gewese“ einen Verriss schreiben, mit welchem Meursault erledigt sein muß. Ich erwarte, daß Sie sich in Ihren Worten so aufplustern, daß sein Buch vom erschriebenen Tisch rutscht und in den Schmutz des Bodens fällt. Sie erhalten dafür Vergünstigungen, um Ihren Plan einer Café-Kette zu verwirklichen. Ihre Zeit läuft jetzt.“

Schmitz hatte erschrocken zugehört und nun begannen die elektrischen Impulse seines Gehirns ihr mühseliges Tun.

„Wer? Was? Wo gibt es das Buch?“

Sattler blickte ausdruckslos.

„Der Mann heißt Meursault. Das Buch erscheint erst, aber das interessiert nicht. Die Thematik, alles, es ist uninteressant. Sie sollen Meursault in die Bedeutungslosigkeit schreiben. Sie schreiben eine Besprechung, die nicht an dem eigentlichen Thema interessiert ist, weil das Thema nutzlos ist. Ihre Zeit ist verstrichen. Vielen Dank. Den Text liefern Sie bitte in der Gasse des Nützlichen Zorns 21 ab. Dort ist unsere Redaktion. Am folgenden Freitag, spätestens 15.00 Uhr. Auf Wiedersehen.“

Schmitz würde nun also aufstehen, dem Patron seinen neuen Zielort anzeigen und sich niederlassen. Er würde warten, bis sein Cocktail mitsamt eines Schirmchens gebracht wurde, um darauf zu fragen:

Kennen Sie bitte diesen Mann namens Meursault?“

„Ach, Monsieur Sattlers Nemesis?“

„Wer?“ Schmitz sollte nun zucken, und leicht verunsichert das klobige Glas greifen und seine Lippen würden die Flüssigkeit berühren.

„Wen meinen Sie? Wer ist diese Nemesis, Ausländerin?“

Der Patron würde seine Hand auf Schmitzens legen, dabei lächelnd unterrichten:

Sie werden schon verstehen. Trinken Sie, es geht auf die Rechnung von Herrn Sattler. Er ist sehr spendabel. Und über diesen Monsieur Meursault werden Sie schon erfahren. Gehen Sie in die Taverne Schwarzer Mantel. Dort werden Sie den Monsieur sehen können.“

In der Folge tränke Paulo Schmitz sich mittels des Samsubarum weiter in eine Welt des Konjunktives, die eine leichte Schrägung einnähme, weswegen Schmitz sich vorsichtiger bewegen müsse, um nicht aus der Waage fallend, den Boden mit Gewalt zu treffen. Dennoch sollte sich Schmitz einmal noch schreckhaft umdrehen, zu Sattlers Tisch starren und diesem in die riesigen Augen blicken. Sattler lächelte ihn an. Ein Gast rempele ihn nun an, zische ihm ins Ohr.

„Geh endlich, mach deinen Job, Herr Schmitz. Hören Sie, Herr Schmitz. Los.“

Paulo Schmitz griffe sich an den Schädel und herauf wieder nach Halt an einer schrägen Stuhllehne, die sich unter ihm jedoch wegducke, worauf ein anderer Gast ihn auffinge und vor die Tür begleite, ihm ebenfalls ständig ins Ohr zische:

„Los, in die Taverne Schwarzer Mantel mit dir, Strolch. Hier ein Blatt, hier ein Stift. Nimm endlich und halte alles fest, was du denkst. Alles ist wichtiger als Meursault. Meursault, Meursault, Meursault. Lass diesen Widerling deinen leeren Kopf besetzen und schreibe ihn wieder raus. Tu es für Sattler, dann wird er für dich sein.“

Der Gast knüffte ihn noch in die Seite, als sie auf die Gasse träten. Schmitz fielen Blatt und Stift aus der Hand, weswegen ihn der Gast noch weiter knüffte.

„Lauf los,Strolch.“, weiter im erweiterten Konjunktiv voran knuffend. Schmitz begänne sich abzuwenden und möglicherweise könnte er rufen:

„Ich könnte Ihnen wirklich verbunden sein, wenn Sie die Knufferei einstellten und mir den Weg zu dieser Taverne zeigten?“

Einige andere Gäste wären aus dem Café getreten und alle begönnen mit Gelächter und süngen in einem Chor:

„Wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da, du-da.

Ja, wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da du-da-de.“

Paulo Schmitz sei geflohen, schnellen Schrittes, bemüssigt nicht in der Schräge zu Fall zu kommen. Ein Gast hielte ihm in der Taverne Schwarzer Mantel die Türe auf, würde ihm die Hand reichen. Ein Patron nähme ihm ein Glas aus der Hand, bevor sich Schmitz von seinem Stuhl erhübe. Alle Anwesenden täten ihre Kiefer bewegen, als sprächen sie in einem Fort. Einige trünken gar, quälmten Räuche aus Nasen, Münder, Ohren, Wasserstände in den Augen. Schmitz, der in einer Schräge gegen Wände lehnen könnte, würde immer wieder ein Samsubarum zugeflüstert erhielten. Meursault trüge einen schwarzen Mantel. Meursault trüge zwei schwarze Mäntel. Meursault gäbe Schmitz einen schwarzen Mantel in dessen Hände. Schmitz würfe diesen schwarzen Mantel in die Menge der Gäste, die diesen verschlüngend in Fetzen rössen. Meursaults Kopf täte auf und nieder tänzeln. Schmitzens Mund liefe in eine Offenheit:

„Monsieur, Sie sind es, hahahaha“, drüngen kehlige Lachfalten aus seinem Hals heraus.

„Ja, ich sei Monsieur. Können Sie sein? Können Sie da sein? Monsieur?“

„?Gefunden mich Sie haben Wie ?Gesuchten mich Sie haben Warum“, dächte Schmitz, das Mersault ihn früge. Meursault könnte aber nur einfach schauen, dort wo Schmitzens Augen seien. Die Worte, die aus den Mündern der Gäste trüngen, hüngen in den Lüften, wirbelten vielleicht dort vor sich hin, zauselnd, drehend, allgewaltig fabulierend. Schmitz bräche mit dem Tisch, auf dem er tänzeln könnte, hinab.

Paulo Schmitz muß heftigst nach Atem ringen. Sein Brustkorb scheint unter Wackersteinen zu liegen, der Hals wie zugeschnürt. Seit Stunden versuchte er zu atmen. Der Mund in der gesamten Zeit aufgerissen. Die Bilder, die nun nicht nur in seine Augen eindringen, sondern sogar als Impuls im Hirn eine Verbindung knüpfen, versprechen ihm zunächst keinen Balsam, doch dann erfolgt die Kenntnis. Er ist in einer öffentlichen Toilettenanlage in Interzones Zentrum und hält ein Urinal umschlungen.