Glitzacatz – Kapitel 2

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Glitzacatz oder „Die Macht eines Pickels in einer Supernova“ / Work in Progress

Salvatore Delayo hatte es noch als zündenden Gedanken empfunden, doch schien ihm in seiner Schweizer Periode einiges an Hirnmasse verloren gegangen zu sein. Bei einigen Chemie/MediProduzenten hatte er Geld verdient, und war sich hinterher genau im Klaren, daß diese ihren miesen Ruf völlig verdient hatten. Über Monate konnte er damals nur den Kopf schütteln. Anhänger brachten ihn dann zu einem Arzt, der ihm half den Tremor zu überwinden. Doch nun stand er in diesem kleinen Dorf am südlichen Rand der Alpen, aus welchem er einst ausgezogen war, die Welt zu erobern, und erzählte dieser amerikanischen Filmbiene, wie sie ihre Drogensucht überwinden könnte, wenn sie sich seiner Bewegung, die als „Wandernde Sonne“ bekannt war, anschließen würde. SaLynn, die in den Vereinigten Staaten zunächst als Kinderstar, dann mit einer Personality-Serie und einigen musikalischen Hits bekannt geworden war, blickte ihn derweil müde und fahrig an. Es schien ihr relativ egal, auf welche Art und Weise sie wieder in eine Situation zurückgeholt würde, in welcher sie erneut ein Mindestmaß an Kontrolle über ihr Leben haben könnte. Kontrolle unterhielten in diesem Moment auch ganz andere Gestalten, die sich in der Umgebung versteckten.

Eine der Gestalten war Richard Wagner. Sein liebster Ausspruch: „Nein, nicht der Komponist“, untermalt mit einem möglichst grimmigen Gesichtsausdruck. War Wagner nicht zuletzt auch aus diesem Grund, Chef der regionalen Katerei geworden. Von seinen Kollegen ließ er sich lieber Rick oder Rikardo (mit hartem K) nennen. Er hatte immer wieder einen Blick auf die Taten Delayos geworfen, der ihm einfach zu suspekt war: Als Mensch aus dem südlichen Teil der Alpen war man bodenständig, traditionsbewußt und blieb unkriminell in seiner Heimat, bis zum letzten Zug an einer Ultrazig. Wagner war sauer, er hatte seine Ultrazig noch geraucht, bevor die Sonne über die Bergkuppen rollte. Dieser Delayo nervte ihn. Wie er da mit riesiger Sonnenbrille im Gesicht dieser Tussi vor deren Augen herumfuchtelte, nervte ihn. Die anderen Spinner von der „Wandernden Sonne“, die mit gut gebräuntem Teint über den kleinen Marktplatz schlenderten, nervten ihn. Sein Kollege Alessandro, der kaugummikauend neben ihn in diesem kleinen Zimmer mit Blick auf das Zentrum der „Wandernden Sonne“ hockte, nervte ihn noch mehr. Dieser hatte seine Ultrazig noch hinterm Ohr klemmen. Die „Wandernde Sonne“ selbst war für die beiden Herren der Katerei kein Thema, doch hatten sie vor Wochen den Tip von Interkat erhalten, daß man die Finanzierung dieser Sekte unbedingt durchleuchten müsse und das die „Wandernde Sonne“ das Zentrum ihrer Tätigkeiten wieder nach M., dem kleinen Ort am Fuße der südlichen Alpen, verlegen werde. Alessandro hatte diesen Unterschlupf aufgetan, hatte sich um das alte Mütterchen geschlängelt, so daß ihnen auch eine genügende Zufuhr an Espressi offenstand. Und heute war der Wanderzirkus der Delayo-Sekte eingetroffen und noch keine Illegalitäten zu sehen, nur diese junge Schauspielerin aus den Staaten, die von Delayo beschwatzt wurde.

Er hatte Delayo schon als jungen Strolch gekannt, da war er ein krawalliger Aufschneider gewesen. Jetzt zählte der 41 Jahre, und immer noch ein linker Geselle. Und er, Wagner, er haßte dieses ganze Gesindel, diese Verbrecher. Unruhestifter. Auswanderer. Ja, Delayo war wohl recht jung gewesen, als er in die Schweiz gegangen war und dann später über den großen Teich in die USA. Wagner schüttelte seinen Kopf und zog seine Lippen eng zusammen, während sein Blick weiter auf den Marktplatz geheftet war, auf welchem fortwährend leidliches Treiben herrschte.

„Diese fürchterlichen Hippies“, zischte Wagner mit heftigster Verachtung hervor.

„Können die sich nicht mal wenigstens in ihre Behausung verziehen? Eh, Alessandro! Funktioniert die Technik?“

Der Angesprochene machte einen bejahenden Fingerzeig und setzte das Fernglas wieder an. Wagner schüttelte erneut seinen Kopf. Diese Bande waren nicht einmal richtige Verbrecher, er hätte sie am liebsten alle erschossen. Seit 22 Jahren war er bei der Katerei und seit einem Jahr endlich der oberste Chef aller regionaler Dienststellen, aber nie hatte er einen richtig großen Fall abbekommen in dieser von Gott und all seinen Spießgesellen verlassenen Gegend. Diese Delayo-Geschichte hatte wenigstens kurze Zeit interessant gerochen, aber wenn er jetzt aus dem Fenster sah auf diese mikrigen Gestalten, spürte er nur noch Abscheu. Derweil erschien Mütterchen Ennia mit zwei Espressi, als Wagner am Fenster hochfuhr:

„Wer ist dieser da? Alessandro! Wer ist das?“

Der zuckte nur die Schultern, doch Mütterchen Ennia erwiderte beiläufig:

„Das ist Paulo. Er ist aus Mailand. Lesen Sie keine Zeitung, Herr Inspektor?“

„Was? Mailand? Wieso soll ich so einen Idiot aus Mailand kennen, Mütterchen?“

„Na, das ist so ein Industrieller, glaube ich. Ich habe sein Bild schon öfters in den Zeitungen gesehen. Er hat was mit Kaffee zu tun.“

Da schlug sich Alessandro an die Stirn.

„Na, sicher! Das ist Paulo Schmitz, der Besitzer von Café Intravenös!“

„Was zum Teufel, ist denn jetzt Café Intravenös? Alessandro, drück dich etwas präziser aus!“

„Aber, Chef. Sie müssen diese Kette an Cafés kennen, in denen Sie ihre Getränke gespritzt bekommen? Besonders eben Kaffee!“

„Ach, das ist doch hirnverbrannt! Was ist das denn für eine dumme Idee, Getränke spritzen? Etwa per Injektion, oder was?“

Ja, genau. Da arbeiten inzwischen viele ehemalige Krankenschwestern, in diesen Cafés.“

Wagner konnte erneut nur den Kopf schütteln und seinen Kollegen so lange verzweifelt anstarren, bis dieser sich abwandte.

Es ist auch zu schwierig, liebe Leser. Paulo Schmitz sieht Sie mit einem meist hinterlistig, verkrampft wirkenden Gesicht an, die Lippen nahezu permanent gespitzt. Wenn er spricht, schiebt sich der gesamte Kiefer nach vorne und fördert so die optische Verschlagenheit, die diesen Charakter formte. Schmitz kann Bankmenschen rhetorisch bearbeiten, das jede noch so abstruse Idee mit Krediten gefördert wird. Sein beliebtestes Mittel ist das erschlaffte Sitzen in einem circa 70°-Winkel auf einem Stuhl, die Beine ausgestreckt, das Gesicht in Sprechpose gefahren, doch schweigend ins Leere blinkend. Dabei liebt es Schmitz eine unangezündete Ultrazig in der Hand zu halten, als sei es ein Speerchen, das jedoch einmal in Fahrt gebracht, geworfen, dem Gegenüber sofort die Brust zerreißt. So legte Paulo Schmitz bei einem Geschäftstermin mit fünf Vertretern der Banca Credito del Abstinentio diesen höchstpersönlich die ersten Injektionen zur Verarbreichung intravenösen Kaffees. Er plustert sein schwarzes Haar mit eingeflochtenen Drähten auf. Es könnte der Eindruck entstehen, dieser Paulo Schmitz sei ein einfaches Abbild des italienischen Mafiosis, doch stimmt dies nicht, denn Schmitz war an sich abhold jeder Gewalt, auch jedes Familiensinns. Er ist eher eine gerissene enddreißiger Schnecke, die ihren Weg bahnt, dabei den Salat nicht frisst, aber über ihn hinweggleitet.