GlitzaCatz – Kapitel VI

Kapitel Sechs

So steckten nun die Glitzacatz, in engen, muckeligen Kisten, Traw gegenüber und ihnen wurde Tee serviert. Der Lemmes verbeugte sich und schob sich in seinen eigenen Karton. Er sprach nun die Glitzacatz an:

„Traw möchte nun erfahren, wie er euch helfen kann.“

Die Glitzacatz, vor allem Tin, erzählten ihm ausführlich von ihrem Problem, zu erfahren, welches Problem sie für den verärgerten Geist von Meursault lösen sollten, da dieser ausgesprochen unfreundlich und wenig mitteilsam gewesen sei. Als die Glitzacatz letztlich schweigend an ihren Teetassen nippten, wog Traw seinen Kopf und sprach:

„Strange. Strange. Straaaaaannnggggeeee.“

Er sah zum Lemmes herüber, dieser nickte und sprach:

„Sehet, liebe Glitzacatz, wir haben nur eine bedingte Anzahl an Informationen über den Zwist zwischen dem heutigen, verärgerten Geist von Meursault und seiner Nemesis, jenem Sattler genannten Mensch. Dieser Sattler soll subtextlich am Tode Meursaults schuldig sein, so hören wir von unserem Informanten. Doch wissen wir, daß Meursault auf einem Stück Seife ausrutschte, das in seinem Stammcafé auf dem Boden der sanitären Anlagen lag. Ob Sattler dieses dort in Hoffnung auf einen fatalen Ausrutscher platzierte, oder Meursault gerade in Gedanken an Sattler war, als er unbewußt auf das glitschige Stück trat, ist uns jedoch nicht bekannt, doch das Genick brach beim Sturz auf das Waschbecken. Das wissen wir, denn obwohl die Leiche letztlich verbrannt war, konnte dies problemlos festgestellt werden. Auch die Fettspuren an den Schuhresten sprechen davon. Meursault hatte eine brennende Ultrazig im Mund, als er stürzte, die sein Haar in Brand setzte.“

Die Glitzacatz waren erschrocken. Tin fragte, woher diese explizit genauen Informationen denn stammten. Traw grinste von einem Ohr zum anderen. Lemmes sprach:

„Wir haben die Seife platziert und den Unfall beobachtet. Doch hatten wir eine andere Person zu Tode bringen wollen. Es war insofern ein Unglücksfall.“

Es schien, als stünde dem wahrhaft wilden Lemmes ein Lächeln ins Hasengesicht geschrieben.

Tin schüttelte als erster den Schock aus seinen Gliedern.

„Grundgütiger! Das ist ja fürchterlich. Sollten wir das dem verärgerten Geist Meursaults nicht mitteilen, damit er sich vielleicht beruhigen kann?“

Traw meinte hierzu nur:

„Strange.“ in einem bedauernden, leicht ablehnenden Tonfall.

Der Lemmes schüttelte ebenfalls seinen Kopf und sprach:

„Unsere Zielen geht es sehr gut zu Pass, daß es einen Gegenspieler zu jenem Sattler gibt, da dieser ein ausgefuchstes Netzwerk unterhält, das er aus dem Café d’Äkkzém heraus steuert. Doch wir vermuten inzwischen, daß hinter ihm noch eine größere Figur steht.“

Traw grunzte und blickte angriffslustig, während der Lemmes sprach:

„Es könnte sich um den Wolf handeln.“

Die Glitzacatz zuckten zusammen. Der Wolf, dieser Name war von einer ähnlichen Wucht, als spräche eins von Traw. Doch war Traw einfach der grundsätzliche Mörder, Erpresser, Großkriminelle, ein schlimmer Hase halt, verhielt es sich um den Wolf etwas schwieriger. Der Wolf war zunächst ein gerissener Erfinder. Die Ultrazig war eines seiner Meisterwerke, mit welchem er einen bereits florierenden Markt im Handstreich übernahm und von diesem Kuchen keinen Krümel mehr abgab. Der zweite Streich war die Anfangs in Interzone legale Einführung veganen LSDs. Hier erwischte der Wolf das gesamte Staatswesen mit heruntergelassener Hose, das sich durch die bloße Namensgebung blenden ließ, denn des Wolfs veganes LSD waren einfache Trips in neuer Umverpackung. Es herrschte innerhalb von drei Monaten eine gravierende Krise in ganz Interzone. Die einen Menschen, Katzen, Hasen und andere Wesen verschrieben sich des puren Liebreizes eines blümeranten Rausches, die anderen brachten die erstgenannten aufgrund chemisch produzierter Paranoia um. Der Wolf zählte derweil Bündel an Geld, die ihm die Arbeit seines Laboratoriums eingebracht hatte. Als Finanzier strebte er darauf in die Welt Interzones, und erhöhte seinen hintergründigen Einfluß um ein Vielfaches. Das er unter anderem eine gute Geschäftsbeziehung mit Paulo Schmitz führte, muß gar nicht erwähnt werden. Dessen Café-Intravenös-Kette baute sich auf einigen Koffern Wolfsgeld auf. Und auch nachdem Schmitz alle Darlehen getilgt hatte, blieben diese beiden Charaktere in bester Freundschaft miteinander verbunden. So hatten die beiden auch im Laufe der Zeit die famose Idee, einige Hundefreunde zu ihrem Nutzen zu vereinen und ihnen regelmässige Suchaufträge zu übergeben. Zur Verwirrung ihrer Umwelt bezeichneten der Wolf und Schmitz diese Truppe als RUH, als „Rudel unzuverlässiger Hunde“.

So sprach der Wolf zu Schmitz:

Lass mal RUH.“

Und Schmitz lachte. Und irgendeins in Interzone würde ein Problem haben.

Der Lemmes hatte inzwischen auf Traws Zwinkern ohrenbetäubend laute Ambientmusik eingeschaltet. Deren sphärisch-röhrende Klangglitzerei schob sich durch die Sitzkisten und Traw schloss seine Augen, hin und wieder nur am Tee nippend. Die Glitzacatz wurden von Lemmes noch über einige Details von Meursaults Tod unterrichtet, dann forderte er sie auf, zu gehen. Die Glitzacatz liessen sich das nicht zweimal sagen. Im Hause Traws hielt eins sich selbst als Freund nicht länger auf, als notwendig. An der Türe ließ sie Lemmes noch wissen:

Traw meditiert gerade über einen neuen Zugang zu sozialer Interaktion. Er interessiert sich plötzlich für Freundlichkeit.“

Das Staunen glühte noch nach Stunden in der Glitzacatz‘ Augen.

Der verärgerte Geist Meursaults schweifte durch die Gassen Interzones, ließ die Ahnung seiner rechten Hand, sanft wie eines Geistes würdig, über Bruchsteinwände gleiten. Nicht, daß er das vorherige Leben vermisste! Nein! Teile davon, ja, vor allem die geistigen Getränke, und die Frauen. Ach, am meisten vermisste er, daß er im Jetzt nicht mehr ohne dieses Medium existieren konnte. Dieser geduckt laufende Clemenz mit seinem spitzen Mausegesicht, den grauenden Haaren. Er hätte ein Widergänger seiner Nemesis sein können. Doch Clemenz saß nicht tagelang mit gespitzten Bleistiften in Tavernen fest, in denen er einen ganzen Tisch blockierte und in acht Stunden ein stilles Wasser trank. Ah! Sacrément! Dieser hohe Herr Sattler kam ihm selbst jetzt als Geist noch immer in den schwirrenden Sinn und verdunkelte ihm alles. Zut alors! Der verärgerte Geist Meursaults tat sich auch nach seinem Tod noch schwer, sich im Griff zu halten. Gedanken drängten sich in seiner Luftigkeit. In dieser Gasse fiel plötzlich ein Löffelchen von einer Fensterbank. Die größte Wucht, die der verärgerte Geist Meursaults, auslösen konnte, hatte es diese fehlenden zwei Zentimeter zum Abgrund hin bewegt. Der verärgerte Geist Meursaults hätte sich beinahe mit Schweißperlen auf seiner nicht existenten Stirn materialisiert. Sein Nichts ließ er nun mehrere Male mit Schwung auf das arme Löffelchen herab prallen. Dazu schrie der verärgerte Geist Meursaults.

Bolos! Bolos! Bolos!“

Staub wurde nicht wirklich aufgewirbelt und der verärgerte Geist Meursaults sehnte sich nach seinem Medium. Wenn er Clemenz bevölkerte, konnte er diesen steuern und damit etliches Unheil anrichten. Ja, das würde er bei nächster Gelegenheit tun. Und vielleicht würde er es auch wieder versuchen, mit diesen geistig so durchsichtigen Glitzacatz etwas anzufangen. Wo war Clemenz?

Nachdem die Glitzacatz Trawcountry wieder verlassen hatten, traf Jimmisch Joa von seinem Ausflug zu Mensch und Katz ein. Traw bedeutete seinen beiden Hasenkollegen das Fahrzeug bereitzustellen. Traw wollte nun eine kleine Übungsreise halten. Lemmes und Jimmisch Joa waren bester Laune. Auch wenn es kein Blutbad geben würde, so waren sie sich sicher, daß Traws Versuche in Freundlichkeit erschütternd unterhaltsam werden würden. Vielleicht sollten sie nicht nur über Land fahren, sondern einen ausdrücklichen Besuch von Interzones intellektueller Szene hinzufügen. Lemmes und Jimmisch Joa sprachen Traw darauf an und dieser lächelte von einem Ohr zum nächsten. Jimmisch Joa wählte Polka Schmitz als Reisebeschallung aus und sie setzten sich in Bewegung. Und schon lief vor ihnen ein junger Hund, den sie mit gutgezielten Kieselsteinwürfen zum stehen brachten.

Der Jimmisch Joa beugte sich aus dem Fahrzeug.

Wer bist Du, Hund?“

Was, wieso, wer, ich? Warum?“

Der Lemmes rief aus dem Hintergrund:

Natürlich Du. Wir haben Dich mit wertvollem Kiesel beworfen. Grundgütiger! Nun, sag schon, wie sie dich im Rudel rufen?“

Ahh, ja. Sie rufen mich den Blitz.“

Aus dem Hasenfahrzeug erscholl schallendes Gelächter. Als sich dieses etwas gelegt hatte, stieg Traw aus dem Fahrzeug aus. Er stellte sich vor den jungen Hund, den sie Blitz nannten. Er legte seine rechte Tatze auf dessen Schulter. Der Blitz zuckte und zitterte. Traw blickte den Blitz fragend an. Lemmes sprach:

Wenn Dich jemand angreift, Blitz, wie wirst du dich dann verteidigen?“

Was, warum, wer, ich? Äh, ja. Nein.“

Traw ließ seine Klauen in Blitzens Fleisch sinken. Blut quoll darunter hervor.

Au, ja. Ich weiß es nicht. Wie soll ich mich denn verteidigen?“

Der Lemmes blickte zu Traw:

Traw, möchtest Du ihm sagen, was Du in der Meditation gelernt hast? Oder soll ich?“

Traw blickte verschämt zur Seite, um dann leise zu kichern. Lemmes war inzwischen zu den beiden getreten, sah den Blitz scharf an und sprach:

Wenn dich jemand angreift, wie verteidigst du dich dann am besten? Mit guten Manieren!“

Die Hasen rollten sich lachend im Gras, der Blitz stand wie festgewurzelt mit seiner blutenden Schulter. Leise Tränen zeigten sich auf seiner Wange.

Als sich die Hasen ausgelacht hatten und bemerkten, daß der Blitz nach wie vor schweigend und betrübt dastand, war es keine Scham, die sie befiehl. Traw grunzte kurz, worauf der Jimmisch Joa ein Verbandspäckchen hervorzauberte und der Lemmes dem Blitz noch eine Portion „Wolfsspaß“ hinhielt, die inzwischen illegale Marke veganen LSDs. Der Jimmisch Joa schlug noch auf die gesunde Schulter und meinte:

Nimm es locker, Blitz.“

Der unheilvolle Einfluß des Wolfs auf die Bevölkerung Interzones zeigte sich am heftigsten in den vielfachen Nachwirkungen seiner Produkte, die von einem ungemein hohen Anteil der Lebenwesen konsumiert wurde. Selten ließ der Wolf sie aus seinem Griff der Nebenwirkungen entweichen, wie seinen Kumpel Paulo Schmitz, den er darauf hinwies nur spezielle Varianten seiner Produkte zu konsumieren. Er sprach zu Schmitz:

Ich lasse Dich gehen.“

Schmitz nahm diese Worte auf, nickte verständnislos mit dem Kopf und wandte sich nach einem

Ja, ja. Wird schon gehen. Whatever… häh?“

einem weiteren Thema seines Lebens an.

Doch andernorts konnten andere Szenarien entstehen. So hatten sich die drei Hasen Traw, Lemmes und der Jimmisch Joa nach der Heimsuchung des Blitzes wieder auf ihren Weg gemacht und wollten wohlgelaunt nun in der Hauptstadt einfallen, doch plötzlich brachte Jimmisch Joa das Fahrzeug zum Stehen. Er blickte seine beiden Kollegen an, die ihn annickten.

Der Lemmes sprach nun:

Wer sind wir überhaupt? Wenn jemand unsere Geschichte aufschriebe, wie würde er uns darstellen und wie würden uns die Leser wahrnehmen?“

Traw nickte und wirkte betrübt. Auch Jimmisch Joa ließ den Kopf hängen, doch dann sprach er:

Wollen wir unsere Geschichte aufschreiben? Wollen wir unsere Seite mitteilen? Wir wissen ja gar nicht, ob jenes, welches unsere Geschichte erzählt, überhaupt alles wissen kann, was in unserer Leben je geschehen ist? Wenn dieses Mensch nie den Boden Interzones betreten hat, wie soll es wissen, welches Leben eins hier führt?“

Traw rief aus:

Strange! Strange! Strange… yeah, Good! Good!“

Der wilde Lemmes sprang aus dem Fahrzeug und riss einen Baum des an die Straße grenzenden Waldes aus dem Boden, warf ihn auf die gegenüberliegende Seite und schrie:

Ja, genauso ist es! Jimmisch Joa! Du hast es wieder einmal auf den Punkt gebracht. Ich liebe Dich! Verdammt noch mal!“

Wieder im Fahrzeug sitzend:

Fahren wir einfach mal nach Interzone, setzen uns in eine Café und fangen an, unsere Geschichte niederzuschreiben.“

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GlitzaCatz – Kapitel V

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.