GlitzaCatz – Kapitel IV

Kapitel Vier

Als ich Ihnen zuletzt berichtete, waren wir gemeinsam tief in die Vergangenheit eingetaucht, und trafen dort auf den jungen Paulo Schmitz, sowie die Erzfeinde Meursault und Sattler. Schmitz erhielt einen Auftrag und so, wie er zuletzt erschien, sind wir uns wohl alle nicht ganz sicher, ob er sich noch daran erinnern wird, jemals etwas von J.P. Sattler gehört zu haben. Doch drängt uns die Frage, wie es denn weitergehen mag?

Und Paulo Schmitz mußte tatsächlich einen ganzen Tag damit verbringen, seinen Körper, seinen Geist wieder in eine annähernd gesunde Einheit zu hämmern. Er ließ sich mehrfach einen Schub Kaffee spritzen, denn er kannte die heilende und magenschonende Wirkung intravenösen Kaffees und wie wir schon erfahren haben, wird er der Menschheit diese erfrischende, motivierende und Ressourcen schonende Lässigkeit nahebringen. Und er wird sich Drähte in die Haare winden lassen, um seine Hand leger darauf puffern zu können. Dies ergab für manche Zeitgenossen einige Male auch den Eindruck einer gewissen elektritschen Ladung, die Schmitz versprühte, wenn mehr als notwendig viele Haarspitzen vom Kopf abweisend in die Atmosphäre wiesen.

Der wiederbelebte Schmitz besann sich denn auch am Morgen des von Sattler erwähnten Freitags seiner Aufgabe, griff sich Blatt und Stift und begann voller Elan seinen Text zu dem ihm unbekannt gebliebenen Buchs des zu vernichtenden Meursault zu schreiben. Nach zwei Minuten war er fertig, zischte zur Türe heraus, noch schnell die für Aufsteiger obligatorische schwarze Lederjacke angezogen und war auf dem Weg seinen persönlichen Ruhm zu begründen.

Endlich in der Gasse des Nützlichen Zorns angekommen, wollte ein junger Mann am Eingang ihn abwehren: „Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Ein Sektretär vor der Türe, auf welcher „Sattler, J.P.“ geschrieben stand, rief:

„Sie sind zu früh, Herr Schmitz!“

„Ach.“

Sattler, der das kurze Getöse vor seiner Türe gehört haben mußte, sprach denn, ohne Aufzublicken:

„Herr Schmitz, wer zu früh kommt, wartet beim Sicherheitsdienst.“

„Ach. Sie werden nicht viel Zeit brauchen, um zu sehen, daß ich Ihre Aufgabe zu höchster Zufriedenheit gelöst habe, Herr Sattler. Ich bin nicht weniger, als ein Genie!“

Er warf Sattler die handschriftlich beschriebene Seite auf dessen Tisch, worauf dieser tatsächlich aufblickte und sich den Zettel griff und diesen überflog.

„Was!“, war Sattlers Antwort.

„Was soll das?“ Er blickte Schmitz an. Dieser zuckte seine Schultern, und blickte Sattler nonchalant an.

„Sie wollten, daß ich diesen Meursault mit Worten zerstöre. Ihn aus dem Kontext schreibe. Sie haben mich engagiert, weil ich…“ Schmitz begann in seiner Lederjackentasche nach einem Zigarettenpäckchen zu kramen „… ein aufstrebender, egomanischer Fiesling mit genialischen Ansätzen bin?“

Sattler, der wieder seine Augen hinter den gravierenden Gläsern über den Text spazieren ließ, bemerkte Schmitzens Kramerei, hob die Hand, um diesen zu stoppen.

„Warten Sie! Hier, nehmen Sie diese Zigarette. Es ist etwas völlig Neues! Ein Freund, der Wolf, hat sie erfunden. Sie rauchen eine davon am Tag, und dann sind all ihre Bedürfnisse an Teer, Nikotin und diversen chemischen Geschmacksverstärkern gedeckt.“ Sattler reichte ihm einen dieser Glimmstengel.

„Sie werden Ultrazig genannt, so ließ mich der Wolf wissen.“

Schmitz griff sich die Zigarette, setzte sich. Sattler blickte ihn mit einer gewissen Neugierde an.

„Ach, wissen Sie, Sie müssen natürlich noch Namen und Titel des Buches über meinen Text klatschen, und dann noch meinen Namen darunter, damit klar ist, wer hier der Täter ist.“

Schmitz legte ein versucht diabolisches Lächeln auf.

„Natürlich, Herr Schmitz. Wir wissen bei „Modernes Gewese“ schon, wie wir unsere Arbeit machen. Was mich mehr interessiert ist, wie kommen Sie auf diese Idee? Dieser Text ist verblüffend.“

„Ach, das ist nichts. Vergessen Sie nicht, den Text auf die benötigte Länge zu trimmen.“

„Das habe ich durchaus in Betracht gezogen. Nein, ich meine die Idee, einen Text gegen diesen Meursault zu schreiben, in dem Sie einfach nur das Wort „Ich“ beständig wiederholen. Wo kommt diese Idee her?“

„Das liegt doch auf der Hand, Herr Sattler. Das liegt doch auf der Hand. Was hätte ich denn sonst schreiben können? Irgendein verquastes Geseusel. Da bin ich nicht der Typ zu. Und ich habe den Monsieur gesehen, der ist ansonsten ziemlich, naja, ziemlich so.“ Schmitz wedelte unbestimmt mit den Händen in der Luft. Sattler lehnte sich zurück, mit verschränkten Armen.

„Ja, er ist ziemlich so! Da haben Sie vollkommen Recht. Er ist groß, er hat noch volles, griffiges Haar, er ist schlau und gewitzt, drückt sich gut aus. Frauen liegen ihm schnell und gerne zu Füßen. Er hat Charme und dazu riecht er auch noch gut. Und deswegen drucken wir Ihren Text als Rezension zu seinem neuen Buch ohne jede Korrektur. Das ist ein absolutes Novum für „Modernes Gewese“. Und ich will hoffen, daß Meursault damit untergeht. Das ihn schallendes Gelächter begleitet, nachdem jeder Ihren Text gelesen hat. Er soll in der Gosse landen.“

Schmitz zündete sich nun die Ultrazig an, zog und brach in ein infernalisches Gehuste aus. Als er wieder zu Atem kam:

„Das ist gut! Dieser Wolf ist ein Genie! Senden Sie ihm meine vorzüglichsten Grüße.“

Kaum waren die Worte gesprochen, mußte Schmitz weiterhusten.

„Oh, es ist unglaublich, das ist total befreiend. Und dieser Geschmack von feinstem Nikotin. Herrlich! Ein Genuß. Um Himmels Willen, so habe ich noch nie geraucht!“

„Jetzt werden Sie mal nicht so feierlich, Herr Schmitz. Ich lasse Ihnen dann einen Scheck zu senden für Ihre hervorragende Arbeit. Je nachdem, wie die Resonanz ausfallen wird, werde ich auch noch eine Nachzahlung veranlassen, die höher wird, je tiefer Meursault sinken wird. Und wie ich Ihnen versprochen habe, werde ich Ihren Weg zu einer Café-Kette ebnen. Dazu werde ich Sie mit dem Wolf bekannt machen, er ist der richtige Partner für eine solche Planarbeit.“

Paulo Schmitz erhob sich geistesgegenwärtig, denn er verstand inzwischen die Sattler’schen Fingerzeige, reichte diesem die Hand und verließ die Redaktion mit einem breiten Grinsen.

Von einem solch feinen Grinsen sind alle Glitzacatz in unserer erzählten Gegenwart sehr weit entfernt. Der verärgerte Geist Meursaults hat sich mitsamt seinem Medium Clemenz entfernt. Jin rieb sich die Arme und versuchte zu verbergen, daß ihm die Diskussion, die er mit dem Geschrei des Geistes und den Fäusten des Mediums erlebt hatte, noch immer einige Schmerzen verursachte. Zuletzt hatte Tin noch die Möglichkeit benannt, daß sich die Glitzacatz mit Traw, dem böswilligen Hasen treffen sollten, um durch diesen neue Information zu erhalten. Dieser verfügte über ein Wissenspektrum, das er sich mithilfe seiner Hasenkollegen Jimmisch Joa und Lemmes, meist auch genannt der Wilde Lemmes, verschaffte und aus armseligen Informationslieferanten herauspresste. Wer nun darob zweifelt, wie denn Hasen eine erfolgreiche Karriere im Verbrechen gelingen soll, der mag sich alleine dem Anblick Traws aussetzen, der schnell die Vorstellung des schnuckeligen süssen Hasens schmelzen lässt. Jener hatte die rotesten Augen, die sich eins nur vorstellen kann. Dazu Zähne, die mithilfe ihrer Schärfe nicht unbedingt nur auf den Konsum von Gräsern ausgerichtet waren. Alleine nur des Lemmes Zähne waren noch spitzer und fleischzerteilender, weswegen Sie sich gut dessen Spezialität vorstellen können, und warum der Ausruf „Du bist vom wilden Lemmes gebissen“ in vielen Gegenden Interzones von den Angesprochenen nicht mehr beantwortet wurde, und auch von den Ausrufenden mit einem gewissen Zittern in der Stimme getätigt wurde. Traw war von Natur aus mit einer eigentümlichen Kriegsbemalung bedacht. Seine Flaum um Nase und Mund war passend zu den Augen in einem blutigen Rot getaucht, die Nase hatte hingegen eher einen Stich ins Bläuliche. Auf seine Stirne hatte er seinen Namen als schwarze Tätowierung anbringen lassen, so daß jeder diesen Namen lesen mußte. Und sie lasen: „Traw.“ Konnte es schrecklicheres geben? Nun, in dem Moment des Anblicks war die Auswahl eher begrenzt.

Und so huben sich die Glitzacatz wieder in ihren Bus und fuhren los, die Spur der drei wüsten Hasen aufzunehmen. Sollten sich diese im wilden und ungepflegten Osten Interzones finden lassen? Die Glitzacatz stöhnten. Dort waren die Straßen eng, der Bus würde die Luft anhalten. Die Glitzacatz jammerten. Gerade die Fahrt durch Üpfeltal war ein langgezogenes Ärgernis, so langgezogen war ihr Bus auf jenen Metern und die Glitzacatz mußten blitzschnell ihre Positionen einnehmen, um nicht gegeneinander gequetscht zu werden. Dort in Üpfeltal trafen die Glitzacatz auf den an der Straße streunenden Jericho, einen alten Kater, der zu den eher unbeliebtesten seiner Art gehörte. Er schickte sie ins Herz des Trawcounties, dort würden sie ihn finden. Traw sei zur Zeit nicht auf Reisen. Die Glitzacatz nickten beharrlich dem schwätzenden Jericho zu, der ihnen zwischenzeitlich noch neue Essgarnituren verkaufen wollte, auch Töpfe, Pfannen, Bettbezüge. Irgendwas müßten sie doch gebrauchen können, die ehrenwerten Glitzacatz, tönte er. Er würde ihnen die tollsten Rabatte geben, wenn sie nur bei ihm kaufen würden, sie seien ja so elegant, die Glitzacatz. Er hingegen, sei ein Lumpenkater, der reinste Lumpenkater von ganz Interzone. Dabei hob er seine Tatzen in die Höhe und ließ nach „-zone“ sein Maul offenstehen, auch die Augen waren auf bemerkenswerte Größe gerissen. Ja, ja, beschwichtigten alle Glitzacatz im Chor, er sei eigentlich ein ganz toller Kater und so, und seine Waren seien ja schon ziemlich toll, aber sie bräuchten nun wirklich nichts und müßten auch los ins Trawcounty, damit sie dort den genannten treffen könnten und in diesem Moment trat Jin aufs Gaspedal, die anderen Glitzacatz polterten durch den Bus und Jericho stand in einer Staubwolke.

Und nur ein geschlagenes Stündchen später sahen sie das Schild auftauchen, welches Mensch und Katz entgegenrief:

You are now entering Trawcounty. You are entering at your own risk.“

Für die Beschriftung dieses Schildes wurden blutend rote Großbuchstaben gezüchtet und bis zu ihrem Einsatz in kompletter Isolierung von allen äußeren Einflüssen gehalten, und bei Installation mit antarktischen Superfrostnägeln angehämmert, damit sie niemals fliehen könnten

Die Warnung konnten die Glitzacatz leichterhand ignorieren, denn sie hatten Traw einst aus einer mißlichen Lage geholfen, die hier nicht erwähnt werden darf, denn Traw findet alle unerwünschten Mitwisser.

Außerdem gibt es ein Gerichtsurteil.

Als nun der Bus auf den überdimensionalen Pappkarton, in welchem Traw, Jimmisch Joa und der Lemmes lebten, anfuhr, fühlten sich die Glitzacatz auch ein wenig heimisch, denn was gab es für die Katze an sich besseres, als das Leben in einer Kartonage. Traw, ganz die Lebekatze, hatte das Innere seines Wohnsitzes mit kleinen Kartons ausstaffiert, in welche sich die Hauptbewohner und eventuelle Gäste und Gefangene wohlig einquetschen konnten. Dazu gab es noch ein flutbares, gemauertes Gemach unterhalb des Erdreiches für besonders streitbares Volk.

Traw trat aufgrund des Motorengeräusches vor die Türe, verschränkte seine Ärmchen vor der Brust und sprach, als er die Glitzacatz erkannte:

Strange. Strange.“, worauf noch ein langgezogenes „Straaaaaanggggeee“ folgte.

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GlitzaCatz – Kapitel III

Kapitel Drei

Es kam, wie es kommen mußte. Die Glitzacatz standen um die Rauferei herum, die im letzten Kapitel begonnen hatte und fragten sich, woher diese Feindseligkeit des verärgerten Geistes Meursaults herkam. Glücklicherweise haben wir Mittel und Wege uns diese Information leichthändig zu ergaunern. Währenddessen übrigens kam Tin noch auf die Idee, sich mit Traw, dem übellaunigen und selten bösen Hasen, in Kontakt zu setzen. Vielleicht könne dieser ihnen zu Hilfe sein. Während nun vier Catz darüber diskutieren, verlassen wir diese für eine handvoll Sekunden, in welchen wir einen Zeitsprung in die Vergangenheit unternehmen und dort auf den jungen, aber schon fantastisch verschlagenen Paulo Schmitz treffen. Er hat noch keine Drähte in seine Haare geflochten, damit seine Hand darauf puffern kann. Er hat auch noch keine Kette an Cafés mit notwendiger medizinischer Betreuung. Er ist nur ein aufstrebender Prä-Emporkömmling mit einem bereits vibrierenden Ego. Er befindet sich in der Stadt Interzone, die auch Hauptstadt des gleichnamigen Landes ist. Er empfindet es als widerwärtig, doch er muß zu einer Verabredung in einem Café, das nicht seinen futuristischen Ansprüchen annähernd entspricht. Dort wartet J.P. Sattler auf ihn. Dieser ließ ihn rufen, und dem Ruf leistet jeder Folge, der seinen Namen behalten will. J.P. Sattler verfügt über ein Netzwerk an Meinungsbildern, die selbst lebendige Personen in etwas staubiges, gestriges verwandeln, und keiner wird den zeternden Lebenden noch glauben, daß sie tatsächlich vital sind. Sie sind im besten Falle noch Fake Ghosts. Schmitz würde also das Café betreten. Er würde auch seine heruntergezogenen Mundwinkel nicht verbergen. Die Tassen, welche auf den Tischen, auf der Theke, in den Schränken und Regalen stünden, würde er mit Verachtung strafen. Diese ungebändigten Mengen an Kaffee in den Tassen, würden ihm wie eine räudige Vergeudung erscheinen. Er würde Sattler in einer hinteren Ecke sehen, wie dieser seine kleinen, feisten, arglistigen Augen hinter dicken Brillengläser über einem beschriebenen Blatt spazieren führt. Seine Nase ist fein und klein, spitz. Sattler kann Zettel mit dieser Nase aufspießen. Doch würde Sattler nie einem Zettel, noch einer Fliege etwas zu Leide tun. Er ließe den Zettel liegen, bis dieser sich wieder zu dem Zellstoff zerlege, aus dem er erschaffen war. Sattler ignorierte die schlechten Dinge in ihren Urzustand zurück. So, wie er lebende Menschen zu Fake Ghosts mutieren ließ. Hierzu würde er Schmitz benötigen. Sattler hatte von Schmitz gehört. Er wußte, daß Schmitz nicht die größte Leuchte Interzones sei, doch das seine Egozentrik weit über des Landes Grenzen hinausstrahlen würde, wenn es scheinen sollte. Paulo Schmitz setzte sich auf den Stuhl, und sah seinen Gegenüber an, dessen Augen weiterhin über Geschriebenes stolzierten. Sattler murmelte vor sich hin. Schmitz war nicht gewohnt, daß er nicht sofort angesprochen wurde. Er begann mit seinen wohlgeformten Fingern auf den Tisch zu trommeln. Sattler schnippste einmal kurz mit rechter Hand in die Luft, las murmelnd weiter. Der Patron des Cafés erschien und sprach Schmitz an.

„Monsieur?“

„Nein, ich möchte hier nichts trinken. Sie verkaufen hier nur Kaffee in Tassen. Das ist widerwärtig.“

„Oh, Monsieur, wir verkaufen auch verschiedenste Weine, Alkoholika in unterschiedlichen Gift- und Schweregraden. Wir können auch einzigartige Cocktails für Sie anmischen. Darf ich Ihnen einen Samsubarum empfehlen? Es ist ein königliches Getränk, von dem sich erzählt wird, das es Uhren anders ticken läßt und Spuren verwischt?“

Schmitz horchte auf. Er nickte, ein leichtes Lächeln andeutend. Als er sich nun Sattler wieder zuwand, blickte ihn dieser an.

„Das sind vier Sekunden gewesen. Sie sind ein langsamer Mensch. Das müssen Sie unbedingt unterlassen. Diesen Zeitverlust werde ich nie wieder einholen können. Es wundert mich nicht, daß Sie einen Samsubarum kredenzt haben wollen. Sie scheinen ja ein Millionär an Sekunden und anderen Zeitnoten zu sein. Ja, werfen Sie bitte nur mit unnötigen Minuten und Stunden um sich. Aber ich kann mir solch ein schauerlisches Verhalten nicht leisten. Sie werden mir nun zuhören! Wenn ich Ihnen Ihren Auftrag erläutert habe, erhalten Sie dreißig Sekunden, um Unklarheiten zu beseitigen. Dann können Sie sich an einem anderen Tisch mit Ihrem Getränk niederlassen. Das haben Sie nun verstanden. Also, hören Sie. Es lebt ein Mann namens Meursault in der Stadt. Er schrieb ein Buch, das in einer Woche erscheinen wird. Sie werden für mein Journal „Das Moderne Gewese“ einen Verriss schreiben, mit welchem Meursault erledigt sein muß. Ich erwarte, daß Sie sich in Ihren Worten so aufplustern, daß sein Buch vom erschriebenen Tisch rutscht und in den Schmutz des Bodens fällt. Sie erhalten dafür Vergünstigungen, um Ihren Plan einer Café-Kette zu verwirklichen. Ihre Zeit läuft jetzt.“

Schmitz hatte erschrocken zugehört und nun begannen die elektrischen Impulse seines Gehirns ihr mühseliges Tun.

„Wer? Was? Wo gibt es das Buch?“

Sattler blickte ausdruckslos.

„Der Mann heißt Meursault. Das Buch erscheint erst, aber das interessiert nicht. Die Thematik, alles, es ist uninteressant. Sie sollen Meursault in die Bedeutungslosigkeit schreiben. Sie schreiben eine Besprechung, die nicht an dem eigentlichen Thema interessiert ist, weil das Thema nutzlos ist. Ihre Zeit ist verstrichen. Vielen Dank. Den Text liefern Sie bitte in der Gasse des Nützlichen Zorns 21 ab. Dort ist unsere Redaktion. Am folgenden Freitag, spätestens 15.00 Uhr. Auf Wiedersehen.“

Schmitz würde nun also aufstehen, dem Patron seinen neuen Zielort anzeigen und sich niederlassen. Er würde warten, bis sein Cocktail mitsamt eines Schirmchens gebracht wurde, um darauf zu fragen:

Kennen Sie bitte diesen Mann namens Meursault?“

„Ach, Monsieur Sattlers Nemesis?“

„Wer?“ Schmitz sollte nun zucken, und leicht verunsichert das klobige Glas greifen und seine Lippen würden die Flüssigkeit berühren.

„Wen meinen Sie? Wer ist diese Nemesis, Ausländerin?“

Der Patron würde seine Hand auf Schmitzens legen, dabei lächelnd unterrichten:

Sie werden schon verstehen. Trinken Sie, es geht auf die Rechnung von Herrn Sattler. Er ist sehr spendabel. Und über diesen Monsieur Meursault werden Sie schon erfahren. Gehen Sie in die Taverne Schwarzer Mantel. Dort werden Sie den Monsieur sehen können.“

In der Folge tränke Paulo Schmitz sich mittels des Samsubarum weiter in eine Welt des Konjunktives, die eine leichte Schrägung einnähme, weswegen Schmitz sich vorsichtiger bewegen müsse, um nicht aus der Waage fallend, den Boden mit Gewalt zu treffen. Dennoch sollte sich Schmitz einmal noch schreckhaft umdrehen, zu Sattlers Tisch starren und diesem in die riesigen Augen blicken. Sattler lächelte ihn an. Ein Gast rempele ihn nun an, zische ihm ins Ohr.

„Geh endlich, mach deinen Job, Herr Schmitz. Hören Sie, Herr Schmitz. Los.“

Paulo Schmitz griffe sich an den Schädel und herauf wieder nach Halt an einer schrägen Stuhllehne, die sich unter ihm jedoch wegducke, worauf ein anderer Gast ihn auffinge und vor die Tür begleite, ihm ebenfalls ständig ins Ohr zische:

„Los, in die Taverne Schwarzer Mantel mit dir, Strolch. Hier ein Blatt, hier ein Stift. Nimm endlich und halte alles fest, was du denkst. Alles ist wichtiger als Meursault. Meursault, Meursault, Meursault. Lass diesen Widerling deinen leeren Kopf besetzen und schreibe ihn wieder raus. Tu es für Sattler, dann wird er für dich sein.“

Der Gast knüffte ihn noch in die Seite, als sie auf die Gasse träten. Schmitz fielen Blatt und Stift aus der Hand, weswegen ihn der Gast noch weiter knüffte.

„Lauf los,Strolch.“, weiter im erweiterten Konjunktiv voran knuffend. Schmitz begänne sich abzuwenden und möglicherweise könnte er rufen:

„Ich könnte Ihnen wirklich verbunden sein, wenn Sie die Knufferei einstellten und mir den Weg zu dieser Taverne zeigten?“

Einige andere Gäste wären aus dem Café getreten und alle begönnen mit Gelächter und süngen in einem Chor:

„Wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da, du-da.

Ja, wir könnten es tun, doch wir wöllten es nicht, du-da du-da-de.“

Paulo Schmitz sei geflohen, schnellen Schrittes, bemüssigt nicht in der Schräge zu Fall zu kommen. Ein Gast hielte ihm in der Taverne Schwarzer Mantel die Türe auf, würde ihm die Hand reichen. Ein Patron nähme ihm ein Glas aus der Hand, bevor sich Schmitz von seinem Stuhl erhübe. Alle Anwesenden täten ihre Kiefer bewegen, als sprächen sie in einem Fort. Einige trünken gar, quälmten Räuche aus Nasen, Münder, Ohren, Wasserstände in den Augen. Schmitz, der in einer Schräge gegen Wände lehnen könnte, würde immer wieder ein Samsubarum zugeflüstert erhielten. Meursault trüge einen schwarzen Mantel. Meursault trüge zwei schwarze Mäntel. Meursault gäbe Schmitz einen schwarzen Mantel in dessen Hände. Schmitz würfe diesen schwarzen Mantel in die Menge der Gäste, die diesen verschlüngend in Fetzen rössen. Meursaults Kopf täte auf und nieder tänzeln. Schmitzens Mund liefe in eine Offenheit:

„Monsieur, Sie sind es, hahahaha“, drüngen kehlige Lachfalten aus seinem Hals heraus.

„Ja, ich sei Monsieur. Können Sie sein? Können Sie da sein? Monsieur?“

„?Gefunden mich Sie haben Wie ?Gesuchten mich Sie haben Warum“, dächte Schmitz, das Mersault ihn früge. Meursault könnte aber nur einfach schauen, dort wo Schmitzens Augen seien. Die Worte, die aus den Mündern der Gäste trüngen, hüngen in den Lüften, wirbelten vielleicht dort vor sich hin, zauselnd, drehend, allgewaltig fabulierend. Schmitz bräche mit dem Tisch, auf dem er tänzeln könnte, hinab.

Paulo Schmitz muß heftigst nach Atem ringen. Sein Brustkorb scheint unter Wackersteinen zu liegen, der Hals wie zugeschnürt. Seit Stunden versuchte er zu atmen. Der Mund in der gesamten Zeit aufgerissen. Die Bilder, die nun nicht nur in seine Augen eindringen, sondern sogar als Impuls im Hirn eine Verbindung knüpfen, versprechen ihm zunächst keinen Balsam, doch dann erfolgt die Kenntnis. Er ist in einer öffentlichen Toilettenanlage in Interzones Zentrum und hält ein Urinal umschlungen.