Das Elend der männlich dominierten Musik in der Gegenwart

Ich höre seit Jahrzehnten Musik. Pop- und Rockmusik haben mein Leben gerettet. Und das immer wieder mit alten, mit neuen Sounds. Seit mindestens 20 Jahren wird mein Leben auch durch Jazz und seit zehn Jahren von Folk gerettet. Ich habe inzwischen meine Sucht nach Tonträgerkäufen einigermassen im Griff, und überhaupt ziehe ich mir heute lieber eine Runde mp3’s.

Wer jetzt mit „ABER DER KLANG DER MUSIK“ kommt, den frage ich: Na, wo ist denn Ihr perfekter Hörraum? Ich habe keinen, nie gehabt und meine inzwischen nahe der Midlife Crisis gealterten Lautsprechertürme müssten tatsächlich irgendwann mal eingemottet werden und durch kleine Soundwürfel, die niemanden erschlagen, wenn sie ins Wanken geraten, ersetzt werden. Was soll’s, noch kommen Töne raus, also weiter.

Da ich ein Statistiken liebendes Nerdgirl bin, habe ich inzwischen auch seit Jahrzehnten Listen darüber geführt, wie gut/schlecht Musik in meinen Ohren klingt. Das ist gelebte Subjektivität, die aber einen Wandel abbildet: Seit Beginn der 2010er brauche ich fast eine Männerquote, damit dieses Geschlecht noch stattfindet. Nuje, ich finde das jetzt nicht wirklich schlimm und wenn ich mir meine Lieblingsplatten dieses 2020er Jahrgangs bislang ansehe, dann sind da Dua Lipa, Lyra Pramuk und der Birds-Of-Prey-Soundtrack! Der erste Mann, der irgendwann auftaucht, ist der Jazz-Schlagzeuger Makaya McCraven, der mit „We’re New Again“, die gerade zehn Jahre alt gewordene, letzte Platte des sagenhaften und leider 2011 verstorbenen Gil Scott-Heron („I’m New Here“ der Titel jener LP) neu „Reimagined“, wie es im Untertitel so schön heißt. Eine tolle Platte. Aber die zuvor erwähnten Namen munden mir noch besser. Fein.

Nun dachte ich mir, könnte ich mal meiner Arbeit Früchte pflücken und schauen, was sind die 35 All-Time-Best-Male Platten… männlicher Solist, hauptsächlich männliche Band als Eintrittskarten und dann mal schauen, warum da heute, 2020, bzw. in den letzten zehn Jahren nichts mehr läuft. Oder vielleicht lief ja was und diese Künstler gehörten zur gefährdeten, aber noch nicht ausgestorbenen Spezies: Männer, die es nach 2010 noch hinbekamen. Grins.

Dann, Vorhang bitte.

  1. Can – Monster Movie (1969) + 10. Tago Mago (1971) Ja, von Can kann nichts mehr kommen. Die Band löste sich nach der Veröffentlichung ihres letzten, auch wirklich kaum brauchbaren Albums „Rite Time“ (rec. 1986/VÖ 1989) schrittweise auf. Und inzwischen sind Michael Karoli (Gitarre) und Holger Czukay (Bass) auch verstorben. Eine so rau und perfekt zwischen kunstvollem Krach, psychotischen Wiederholungsorgien und CopyCatism rausgehauenem Untergrundprodukt würde ich auch heute noch gerne ganz neu mein Ohr leihen, egal welchen Geschlechts.
  2. John Coltrane – A Love Surpreme (1965) John starb bereits im Juli 1967 an Krebs. Bis dahin hatte er uns alle möglichen Sterne vom Himmel geholt. So einen wird es sowieso nie wieder geben. Aber, was uns danach alleine seine Frau Alice bis ihrem Tod 2007 noch an grandioser, tief inspirierter Musik gab. Sollte eins auch mal draufschauen. Heißer Tip!
  3. Mike Oldfield – Ommadawn (1975) + 6. Tubular Bells (1973) Er lebt noch. Versuchte sich sogar 2017 an einer LP mit Titel „Return to Ommadawn“. Nicht ganz schlecht. Trotz allem eher der Beweis für meine These, das die Herren … naja, okay. Aufgrund gewisser Hintergründe der 1975er LP, freue ich mich eher für Herrn Oldfield als Mensch, das die alte Intensität nicht wiederkehrte, denn der Mann hatte ziemliche psychische Probleme, mit denen er in den 1970er klar kommen mußte. Vieles davon floß als Einfluß in seine Musik und machte sie – das ist meine persönliche Erfahrung – zum Anker für Menschen, in ähnlichen Situationen. Gerade „Ommadawn“ ist ein unwirtliches, abweisendes musikalisches Land, das aber zu einer schützenden Heimat werden kann, wenn eins den Eingang gefunden hat.
  4. Godspeed You! Black Emperor – Yanqui U.X.O. (2002) + 11. Lift Your Skinny Fists… (2000) Noch nicht im Metal angekommener, aber dennoch post-apokalyptisch wirkender Postrock. Mit wenig Hoffnung, aber viel Trauer, Schmerz, Wut. Musik, die auch 2020 noch immer gerne gebraucht werden könnte, wenn es da nicht die beiden Hit-Doppelalben des kanadischen Kollektivs gäbe. Deswegen interessieren mich die Post-Comeback-Platten ab 2012 auch überhaupt nicht. Vielleicht sind sie ja toll. Oder sogar überwältigend. Egal.
  5. The Decemberists – Picaresque (2005) Das schöne an Godspeed… und den Decemberists ist ja, das eins zuerst mal nachgucken muß, ob der männliche Anteil an Mitgliedern wirklich über 50% ist. Ja, sie schaffen es knapp. Die Decemberists schafften es sogar 2015 mit „What A Terrible World, What A Beautiful World“ eine richtig starke Platte zu veröffentlichen, die dem 2005er Meisterwerk fast gefährlich nahe kam: kraftvolle, melodieselige Songs mit berührenden Texten über die Menschen an den Aussenstellen des Lebens, der Gesellschaft. Und es begeistert mich auch heute noch, wenn in „The Mariner’s Revenge Song“ die beiden Todfeinde sich im Bauch eines Wales, der gerade zwei Schiffe verschlungen hat, als einzige Überlebende gegenüberstehen und der Erzähler den Schwur gegenüber der sterbenden Mutter zu singen beginnt. Also, die Decemberists sind der erste Act, der noch Hoffnung für die Zukunft birgt. Vielleicht.
  6. siehe Mike Oldfield
  7. David Bowie – Blackstar (2016) Nun, die Zukunft ist vorbei. Aber immerhin gab es im vergangenen Jahrzehnt noch diesen grandiosen, musikalischen Wurf von Herrn Bowie. Wobei er auch der erste Herr in dieser Auflistung ist, welcher nicht wirklich ohne Schrammen aus seiner Geschichte hervorgeht. Sein widerliches Verhalten gegenüber jungen Frauen in den 1970er (mann nannte sie Groupies, Band-Aids, whatever, und benutzte sie). Sein Verhältnis zum Faschismus, der 1978 – zusammen mit dem Teilzeitrassisten Eric Clapton – zur Gründung der Bewegung Rock Against Racism (vorher schon die Anti-Nazi-League) in England führte. Zu dem Zeitpunkt war Herr Bowie zwar schon wieder klar im Kopf (kokslos), doch 1976 war das anders. Stichwort: Victoria Station.
  8. Robert Wyatt – Rock Bottom (1974) Der gute Robert ist seit jeher dafür Kommunist gewesen. Vermutlich auch heute noch. Er hat jedoch inzwischen seine Karriere beendet. Sein letzter Output war 2010 „For The Ghosts Within…“, eine Zusammenarbeit mit Gilad Atzmon und Ros Stephen. Irgendwo zwischen Jazz, Hip Hop und Third Stream. Ein Highlight, auch gegenüber den vorangegangenen, sehr starken Wyatt-eigenen Alben. Doch „Rock Bottom“ knackte keines. Robert Wyatt war ein angesehener und fintenreicher Schlagzeuger zwischen Pop, Rock und Jazz, als er im Juni 1973 von einem Balkon fiel und seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Die Stücke auf „Rock Bottom“ gab es teilweise bereits zuvor. Doch, aus dem Krankenhaus entlassen, nahm sich Wyatt mit Kolleg*innen dem Material neu an und heraus kam ein einzigartiger, musikalischer Strudel zwischen Emotion, Liebe, Zivilisationsmüdigkeit und verqueren Kabbeleien mit seiner ewigen Partnerin Alfreda Benge. Eine Gnade, das es diese Platte gibt.
  9. Belle And Sebastian – If You’re Feeling Sinister (1996) „Tigermilk“, im gleichen Jahr erstveröffentlicht, und diese LP sind der diskussionslose Höhepunkt der Band aus Glasgow. Und im Gegensatz zu The Smiths, bei denen Belle And Sebastian durchaus auch lernten, haben sie keinen Frontmann, der in der Gegenwart nur noch ekelerregend mit seinen Äußerungen ist. Und obwohl diese Band noch aktiv ist, erwarte ich keinen Wurf mehr, der mich noch begeistern könnte. Dazu müßte ich mir neues Material anhören, doch hat 2006 „The Life Pursuit“ mich so angewidert, als würde mich Steven P. Morrissey für ein Date anrufen. Schlußpunkte setzen kann ich. Und wer wissen will, warum „If You’re Feeling Sinister“ so grandios ist, der sollte sich schleunigst mal die Platte anhören. Und nicht immer die ganzen ideenlosen Epigonen, die unter einem sogenannten Indie-Banner danach diesen Globus bevölkerten.
  10. siehe Can
  11. siehe Godspeed You!Black Emperor
  12. Steely Dan – Countdown To Extasy (1973) + 29. Gaucho (1980) Spätestens seit Walter Beckers Tod ist Steely Dan nicht mehr existent. Zuvor auch lange schon nur noch als Altherren-Konzertcombo. Und so ist hier auch keine Zukunft mehr zu erwarten. Was auch gut ist, denn wenn ich ehrlich bin, ist Steely Dan – vor allem im textlischen Bereich – immer schon irgendwie diese „Alte-Weisse-Männer“-Band gewesen. Auch wenn die Protagonisten in den Songs auch mal jung waren, so blickten Donald Fagen und Walter Becker immer schon von dieser Warte, inclusive einer vom Jazz geborgten Distanzierung, auf die Welt und bildeten sie ab. Auf dem makellos instrumentierten und spannend erzählten „Countdown To Extasy“ ist dies noch nicht so spürbar, doch „Gaucho“ (1980) lebt schon massiv von dieser Denke. Gerade die beiden Hits der Platte „Babylon Sisters“ und „Hey Nineteen“, aber auch „Glamour Profession“ sind sicherlich Songs, die Milliarden weißer alter Männer pföffen, wenn sie sie kennen würden. Ganz unironisch.
  13. Leonard Cohen – Songs of Love And Hate (1971) + 27. Songs Of Leonard Cohen (1969) Auch Herr Cohen ist tot. Und so wird auch von ihm kein weises Wort mehr zu Liebe oder Hass zu erwarten sein. Nun. Es war auch vielmehr Erotik und Selbsthass, von dem 1971 die Rede war. Oder pure wortschöpfende Klasse: „Famous Blue Raincoat“. Posthumer Literaturnobelpreis, verdammt nochmal! Aber unter uns… Leonard Cohen war seit 1988 musikalisch alt. Seither schmückten seine Aufnahmen meistens mehr schlecht, als recht bediente Rhythmusprogramme. Und eine Betulichkeit, die auch seine zahllosen Live-Aufnahmen, in die ich meine Ohren manchmal tauchen ließ, belastete. Vielleicht war „You Want It Darker“, sein letzter Output anders? Ich weiß es nicht. Siehe Belle And Sebastian…
  14. Swans – The Seer (2012) Wow, da haben wir ja mal eine 100%-ig zu lobende Männercombo aus den 2010er. Und auch alt (die Männer) dazu, teilweise. Nun, ich habe mich über die Jahre an den Lärm- & Druckluftorgien jener Swans-Besetzung sattgehört. Und warte nach „The Glowing Man“ erst einmal nicht auf neue Produktionen (und ignoriere diese auch). Aber immerhin, haben die Band und ich uns noch nicht auseinandergelebt. Da ist noch eine Hoffnung, die glimmt.
  15. King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969) Ja, gibt es noch. Inzwischen sogar mit drei Schlagzeugern! Und das ist Grund, warum ich – nach zwei Live-LPs aus den Jahren 2016 und 2017 – von King Crimson 21st Century Incarnation nichts mehr wissen will. Drei Leute sitzen auf Schemeln und jeder wartet darauf, was einer der anderen eventuell machen wird. 1974 saß der feurige Bill Bruford allein hinter dem Instrument, das in dem Fall tatsächlich Schießbude genannt werden kann, und produzierte mehr Wirbel, als moderne „3“. Vielleicht sollte sich Robert Fripp mal weibliche Hilfe suchen. Okay, nicht vielleicht, sondern unbedingt. Wenn King Crimson in den ganzen Jahrzehnten mal eine Pause machten – machten sie oft – und danach wiederkamen, waren sie immer anders, neu aufregend und scherten sich einen Kehricht um ihre Historie – die sie anderweitig hegten und pflegten. Dieses letzte Comeback beschert uns tatsächlich mal Stücke in Konzerten, die seltenst bis nie live gespielt wurden – oder halt seit Urzeiten nicht mehr. Eigentlich nett, aber für King Crimson ein Todesurteil. Mal ganz davon abgesehen, daß das wenige neue Material nichts taugt.
  16. Die Regierung – Unten (1994) Die Essener Regierung kennen leider zu wenige Menschen. Selbst, als Tilman Rossmy dann nach Hamburg zog, um dort zur „Schule“ zu gehen, wurde die Bekanntheit nur marginal größer. Aus dieser Zeit stammt diese lakonische Aufarbeitung des Verhältnis zwischen den binären Geschlechtern. Ja, Tilman backte erst einmal kleine Brötchen, aber sie mundeten vorzüglich, denn niemand konnte jemals so beredet schweigen, wie er. Höret dazu „Natalie sagt“. Nach einer längeren Zeit als Solist oder mit Quartett im Rücken, hat Tilman Rossmy sogar 2017 und 2019 neue Regierungs-Erklärungen veröffentlicht. Ja, sind gut. Aber sie sind leider nicht mehr umwerfend, brennend oder genialisch hingesaut. Auch wenn diese Stücke nicht auf „Unten“ sind: „Immer jemand im Busch“ spürst du als Hörerin auch nach Jahren noch. „Loswerden“ ist das wortkargste Trennungsstück der Menschheitsgeschichte. Vielleicht schafft Tilmann Rossmy noch einmal einen solchen Quantensprung. Und dann sollten es ihm mal Milliarden Menschen danken.
  17. Arzachel – Arzachel (1969) Sorry, hier ging das Nerdy Girl mit mir durch. Zumal, wie erklärt eins diese Band, die eigentlich keine war? Beziehungsweise zwei andere Bands? Nerdzeugs, halt. Es begann mit Uriel, die aber 1969 zum Ende kamen. Sich dann in Egg umformten (1970 auch ein selbstbetiteltes, sehr gutes Debüt veröffentlichten). Bei Egg jedoch fehlte Steve Hillage als Gitarrist. Der sollte später als Solist, bzw. bei Gong ein hochklassiger Saitenkünstler werden. Zwischen Uriel und Egg kam das spätere Egg-Trio mit Hillage noch einmal zusammen und spielte als Freizeitspaß die Arzachel-LP ein. Unter Pseudonymen, z.B. Sam Lee-Uff (= Dave Stewart, Keyboards). Und es war ein Spaß! Alle Grenzen des Psychedelic Rocks wurden gesprengt und Arzachel spielten sich wahrhaftig in andere Bewußtseinszustände, ohne die heimische Landschaft rund um Canterbury, wo die Band residierte, zu vergessen. Pastorale Kosmosgesänge entstanden hier. Wir können uns so sicher sein, wie sich Canterbury seit 1969 verändert hat, daß eine solcher Sound kaum jemals mehr neu entstehen wird. Naja, gibt es ja auch schon.
  18. Dizzy Gillespie, Sonny Stitt & Sonny Rollins – Sonny Side Up (1959) They don’t play the hard bop like that anymore. Ja, das finde ich auch schade. Doch, wie im Falle von Arzachel, gibt es schon den Hard Bop, sogar nicht nur einmal, sondern in vielen Variationen, die zwischen ca. 1955 und 1964 entstanden. Und diese Platte ist ein wahrer Höhepunkt, vor allem an Spielfreude und Inspiration.
  19. Nick Cave And The Bad Seeds – No More Shall We Part (2001) Der Höhepunkt dieser Platte…. nein, es gibt gleich mehrere! Wenn in „Hallelujah“ Nick Cave im Bademantel durch die Straßen schlurft, weil seine Betreuerin sich das Wochenende mal frei genommen hat. Wenn in „Oh My Lord“ ein Fremder Nick Cave beim Friseurbesuch belästigt und seinen nackten Arsch zeigt (ich hoffe, ich habe das richtig verstanden). Wenn in „Fifteen Feet Of Pure White Snow“ genau das Koks fehlt. Wenn in „Darker With The Day“ Nick Cave und die Hörerin die Welt brennen sehen wollen, weil alles nur noch Verzweiflung ist. Dann hat der Songwriter seine Kunst bis zur Vollendung verfeinert und der tief gefühlten Worte sind es viele auf dieser Platte. Danach gelang in meiner Welt dem Herrn Cave nur noch ein Lied auf diesem hervorragenden Niveau: „O Children“. Er könnte sich, gleich dem gnädigen Robert Wyatt, mal zur Ruhe setzen.
  20. Sun Ra And His Arkestra – Sleeping Beauty (1979) Ah, schon wieder Jazz! Schön! Und genau das ist diese Platte bis zum Überquillen. Sun Ra ist eine sehr mythische Persönlichkeit (die ich hier jetzt nicht erklären werde, sonst werde ich mit dem Rest nicht mehr fertig: selber googlen!), und in den späten 1970er (auch vorzüglich: „Lanquidity (1978)) ließ er sein Arkestra einen federnden, groovigen, dennoch Tiefe erzeugenden Soul Jazz spielen, der in „Door Of Cosmos“ wie ein galaktischer Hippy Sit-In wirkt, der dann im Banne des mit großer Lust aufspielenden Arkestras langsam über die Bäume dieses polyester grün wirkenden Planeten hinausschwebt und uns Hörer*innen mit sich nimmt. Sun Ra selbst verließ den Planeten 1993.
  21. Brian Eno – Taking Tiger Mountain (By Strategy) (1974) Dear Brian, you are a problem. Was dieser sonderliche Mann bis 1995 an unglaublicher Arbeit zugunsten aller hörenden Menschen getan hat, ist mindestens so ein großes Thema, wie der Mythos von Sun Ra. Alleine diese an Ideen überquellenden vier Solo-Alben mit weitestgehender Rockmusik zwischen 1973 und 1977! Darunter „Taking Tiger Mountain“, einer LP mit sonderbar verquerem Pop, der sich jedoch schnell in das Hirn hineinfrisst. Er erfindet noch Ambient Music („Music For Airports“ (1978) brachte mich an einem schlimmen Sonntag Abend einst zum heulen). Er half anderen Künstler*innen als Produzent, Mitmusiker oder anders: Bowie in Berlin, Talking Heads, U2 als die größten Nummern, damit wir Werte an der Y-Achse stehen haben. Dann ist nach 1995 Schluß und Ideen kommen keine mehr, sondern nur noch schlechte Wiederholungen und überhaupt… Eno unterstützt den BDS (Boycott, Divestment & Sanctions gegen Israel). Schlußstrich.
  22. David Sylvian – Secrets Of The Beehive (1987) undefinedGut, das sich David Sylvian nie vor einen politischen Karren spannen ließ, sondern einfach immer nur schön war! Und tolle Musik machte, nebenbei 🙂 Ja, „Secrets Of The Beehive“ ist die schönste 80er-Jahre Songwriter-LP mit Jazz-Einflüssen, mit Ruhe, mit Texten, die allerdings den politischen Aspekt des privaten Handelns nicht ignorieren („The Boy With The Gun“). Oder homoerotisches Liedgut, wie „Forbidden Colours“, das ursprünglich für den Film „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (1983) geschrieben wurde. Oder die Gewalt in einer Beziehung, wie in „When The Poets Dreamed Of Angels“. Es wundert nicht, das Sylvian, der immer progressiv dachte, sich im 21. Jahrhundert in die freie Musik aufmachte und dort auch noch ein sehr starkes Album schuf: „Blemish“ (2003). Doch danach verstummte er langsam, aber sicher.
  23. Morrissey – Your Arsenal (1992) undefinedVerstummen wäre für Morrissey mal eine Idee. Oder auch: „Fresse halten, Steven!“ Nach 2004 wird er unaufhörlich unerträglicher. Das es mal anders war, kann eins inzwischen fast nicht mehr glauben und tatsächlich birgt diese Platzierung auch ein hohes Maß an Nostalgie, als er noch ein Held für die Menschen an den Außenrändern war. Und auf „Your Arsenal“ war er ein lauter Held, einer der sich alleine gegen eine Horde an Feinden stellte. Mit einem Stolz auf die eigene Befremdlichkeit und Verletzlichkeit in der Welt. Einer, der trotz aller Feindseligkeit, die er empfing, an ein gutes Morgen glaubte und das als Grundton in der Musik letztlich einwob. Ja, damals. Heute: „Fresse halten, Steven!“.
  24. Galaxie 500 – Today (1988) undefinedAndere sagen „On Fire“ wäre die Top-LP von Galaxie 500, aber ich hänge am Debüt „Today“, vor allem wegen des Einsteigers „Flowers“. Doch ist „On Fire“ auch feinste Musik. Aber dort finden sich auch nicht die ersten zwei 3/4 Minuten von „Don’t Let Our Youth Go To Waste“ (Cover von Jonathan Richman), in denen das furchtlos spielende Trio suchend durch das Gestrüpp des 80er Alternative/Indie-Rock durchbricht… das wichtige Wort in diesem Satz ist „Furchtlos“. Halten Sie das im Hinterkopf. Galaxie 500 sind des weiteren auch furchtlose Romantiker! Und auch furchtlose Liebhaber des dritten Velvet-Underground-Albums, die anstelle eigener Songs lieber eine Endlosversion von „Pale Blue Eyes“ spielen würden. Das wäre auch schön! Aber ich genieße lieber ihre gelungenen Variationen, wenn sie so herrlich frühlingshaft und süchtigmachen verliebt klingen, wie eben „Flowers“. Das ist Lebenskraft, die darinnen wohnt. Ungünstig für unsere Gegenwart ist, das sich Galaxie 500 schon nach der dritten Platte trennten. 2/3 der Band, sprich die Bassistin Naomi Yang und Schlagzeuger Damon Krukowski gründeten ihr eigenes Duo und verschwanden im Untergrund. Dean Wareham gründete etliche andere Bands, die auch mal gute Platten machten, aber so stark wurden alle drei nimmer mehr.
  25. Genesis – Foxtrot (1972) + 28. The Lamb Lies Down On Broadway (1974) undefined Uiuiui! Gefährliches Terrain! Progressive Rock! Die Höhle der Nerds! 20-Minuten-Songs! Ja. Und er ist hervorragend. Und Phil Collins ist ein herausragender Schlagzeuger. Und Peter Gabriel schrieb skurrile Szenarien, die allerlei Literatur anzapften und die Band klopfte Filme daraus, mal kürzer, mal länger. Das ist fucking Kunst! Wie es später die Art Punks von Wire machten: when the lyrics ran out, the song stopped. Aber Hauptsache, Menschen haben aus Grundsätzen heraus Angst, sich dieser Musik zu stellen, weil irgendwer mal sagte: Prog-Rock ist uncool. Und nur für Nerds. Fickt Euch! Genesis gibt es ja eh nicht mehr, und grundsätzlich starb die Band 1975 mit Peter Gabriels Ausstieg. Der Rest war kassenklingelnder Pop. Wer’s braucht.
  26. siehe Leonard Cohen
  27. Nick Drake – Five Leaves Left (1969) undefined Vor Nick Drakes neuen Veröffentlichungen braucht niemensch Angst zu haben. Er schied im November 1974 freiwillig aus diesem Leben, hinterließ drei Platten, von denen zwei magische Erfahrungen sind. Das dritte ist leider nur brilliant. Er setzte neue Akzente in der Bildsprache des Folk, in dessen Bereich er sich weitestgehend bewegte, wobei ihm von Außen gerne noch ein wenig erweiterte Instrumentierung mitgegeben wurde, die er erst auf seinem Schwanengesang „Pink Moon“ (1972) eliminierte. Doch lebt „Five Leaves Left“ gerne mit dem schmückenden Beiwerk, denn hier umgreift Drake noch ein mögliches Leben, das vor Depression, ausuferndem Drogenkonsum möglich scheint. Manche Stücke lassen sogar romantische Gefühle erahnen. „Pink Moon“ erzählt von der Entfremdung, Distanzierung, Verlust. „Five Leaves Left“ aber pflanzt noch einen Obstbaum. Ichhoffe, Nick Drake hat seinen Frieden gefunden.
  28. siehe Genesis
  29. siehe Steely Dan
  30. The Driftwood Manor – Of The Storm (2013) undefined Ich hoffe nicht, das Eddie Keenan der Nick Drake der Gegenwart wird. Immerhin ist Keenan eher auf Bühnen zu finden, als es der superscheue Drake in seiner Karriere war. Und der Output der Band Driftwood Manor ist bereits etwas größer, doch leider stockt es seit 2016 „For The Moon“ erschien. Wobei ich noch eher verstehen könnte, wenn es nach dem zuvor geschaffenen „Of The Storm“ nicht mehr weitergegangen wäre, denn die Meisterschaft, wie Eddie Keenan hier die Worte der Geschichten, der Emotionsszenarien sich zueinander gesellen läßt, ist größte Könnerschaft. Alleine diese Aufzählung von Songtiteln dieses herausragenden Albums sollte einiges zeigen: „Tell Your Troubles To A Stone (And Then Throw That Stone In A River)“, „God Knows I’m a Sinner For You Now“ und „If I Could Kill The Demon Drink“. Ja, Keenan ist Nick Drake nicht ganz unähnlich, da beide von einer sehr pessimistischen Weltsicht her kommen und überhaupt der Tod nicht der schlimmste Zeitgenosse ist. Da gibt es immer noch das viel schrecklichere Selbst. Ja, von Eddie Keenan würde ich gerne noch ein weiteres Häppchen nehmen.
  31. Coil – The Remote Viewer (2002) undefined Coil sind leider auch Geschichte. John Balance verlor diese und stürzte 2004 zu Tode. Bandmitgründer Peter Christopherson starb 2010. In den letzten Jahren mit der Formation Coil erarbeiteten sie einen selbst als „Mond-Musik“ bezeichneten Sound, der zwischen industriellem Soundaufbau und John Balances süchtig machender, warm, wie weichen Stimme einen teilweise fast schamanenhaften, rituell wirkenden Output schuf. Das galt sehr stark für „The Remote Viewer“, auf welchem diese nach Balances Stimme dürstende Hörerin zwar auf diese verzichten mußte, doch nach dem Genuß der kompletten fünf Stücke (also unbedingt auf die Bonus-CD achten!) denkt eins sich nur noch eines: FUUUUUUCCCCCKKKKK! Und wer mehr Hurdy-Gurdy oder Drehleier braucht, als es hier geboten wird, ist süchtig. Das kann diese Musik auch erwirken.
  32. Jeff Buckley- Grace (1994) undefined Was ist hier für ein Totentanz! Es ist erschreckend. Aber ich kann nichts dafür. Als ich Jeff Buckleys Musik entdeckte, war er noch alive and well and living in whatever, New York? Und sicherlich würde er auch heute noch manch schönes Liedchen schreiben, wenn es ihn nicht im Übermut zum Schwimmen getrieben hätte. Ja, sein Tod war eher überbordender Lebenslust geschuldet, wie es scheint. So kann es einem gehen, wenn eins seine Dämonen, seine Leiden, seine dunklen Träume in Musik verpackt und sich damit therapieren kann. So klingt nämlich „Grace“. Wie ein in fruchtiger Rockmusik und sehnigen Balladen verkleideter Exorzismus. Und – um das direkt hinterherzuschieben – damit war die Therapie wohl auch erfolgreich, denn das, was dem arglosen Volk später als musikalische Hinterlassenschaft verschachert wurde („Sketches For My Sweetheart The Drunk“) ist doch arg leblos dahingerockt. Dann eher nach einer der zahllosen Live-Aufnahmen greifen, z.B. „Live à L’Olympia“, bei der Jeff Buckley auch ein wenig Humor beweist, der sogar nicht ganz blöd ist. Ja, er lebte gerne.
  33. Ash Ra Tempel – Ash Ra Tempel (1971) undefined Schon wieder Krautrock. Ja, es reicht nicht mit Can. Manuel Göttsching lebt auch noch und hat sicher auch manchmal noch eine Idee für neues Material. Doch ist er schon in den 1970er in eine elektronische Gegend verschwunden, in der seine Gitarre meist wenig benutzt wird. Auf dem gerne als Meilenstein bezeichneten „E2-E4“ (1984) ist das nicht nur okay, sondern die Gitarre erscheint innerhalb dieser 59 Minuten langen Prä-Techno/House-Arbeit im letzten Drittel und formt ein hübsches Sahnerl mit Kirsche. Das war zu Beginn anders. Da wurden Grenzen ausgelotet. Die beiden Titel des Ash Ra Tempel-Debüts hießen: „Amboss“ und „Traummaschine“. Beide waren eine LP-Seite lang. „Amboss“ freakrockte nach einem längeren, gedehnt gespielten Intro, was das Zeug hielt. Ja, wenn der spätere Synth-Pionier Klaus Schulze am Schlagzeug loslegt. Dann wird auch „Amboss“ zur körperlichen Angelegenheit, denn dieses Power Trio (Göttsching, Schulze & Hartmut Enke am Bass) spielt einen Sound, der fordert und vermutlich sogar erhöhten Kalorienverbrauch mit sich bringt. Die letzten Minuten sind ein Schlußspurt in the most true sense! „Traummaschine“ ist natürlich ein ganz anderes Spiel. In seiner Atmosphäre zunächst ähnlich dem noch beatlosen Beginn von „Amboss“ nimmt dieses Stück die Hörerin an der Hand und leitet sie langsam, mit Gemach, in einen klanglich sehr unterbewußt tanzenden Kellerclub. Ambient ist es überhaupt nicht und Sigmund Freud wäre erstaunt, ob der wilden Assoziationen, die sich durch diese Maschine wecken lassen. Wer mehr davon will: „Join Inn“ (1973)!
  34. Flowerpornoes – Ich & Ich (1996) undefined Oh, Tom Liwa. Der Kopf der Flowerpornoes. Damals wortgewandter Künstler, der ein Leben abbilden konnte, das unendliche Prallheit vorzeigen konnte. Der, wie kaum eine andere Künstlerperson, Pophits eindeutschen konnte: Auf „Mamas Pfirsische“ (1993) das „REM-Cover“, ursprünglich mal „Losing My Religion“, vorzüglich! Hier „Sweet Thing“ aus der Feder von Van Morrison. Und wer dieses Stück covert, ist sowieso nah dem Heiligenstatus. Und Tom Liwa läßt dieses Stück juveniler Emotionsexplosion, welche dem Sänger die Luft zu rauben scheint, strahlen: „Ich werde niemals, niemals wieder so alt werden, ich schwörs!“ Oh, küss mich, Tom. Lass mich deine Partnerperson in „Noch nicht müde genug“ sein. Ach, der Platz ist ja schon belegt, schade. Na, mir bleibt die Kunst, um mich daran zu ergötzen. Und zu den früheren Flowerpornoes-LPs gab es nach dieser dann noch einige Hände voller Liwa-Solo-Scheiben (wovon die Akustik-Platte „Voeding“ die wunderbarste ist). Inzwischen hat Tom Liwa auch die Flowerpornoes wieder ins Rennen geschickt. Aber, entweder bin ich zu alt geworden, was ich niemals, niemals wieder werden wollte! Oder Tom hat an Qualität auf der langen Bahn doch eingebüßt.
  35. Peter Gabriel – Peter Gabriel III (1980) undefined Ich mag den Hitkomponisten Gabriel nicht besonders. „Don’t give up“, ja. Den Rest nach 1986 empfinde ich als so geil, wie seine alte Band Genesis auch, also großer Schwamm drüber. Und heute engagiert sich Gabriel auch für den BDS, siehe Brian Eno. Immerhin zeigte mir Peter Gabriel 2010, das Paul Simons Song „The Boy In The Bubble“ eine ganz großartige Geschichte beinhaltet, wenn das südafrikanische Rhythmusgebimmel die Worte nicht mehr übertüncht. Und das Dr. Gregory House sehr effektvoll zu einem Arcade Fire-Song, gesungen von Peter Gabriel, von einem Balkon in einen Pool fällt („My Body Is A Cage“). Das war gut. 1980 war allerdings besser. Viel besser. Wie sich in „Family Snapshot“ der kleine, von den Eltern vernachlässigte Junge, der hinter der Haustür hockt, und der versteckte Sniper, der auf sein Opfer wartet, überblenden, das tut etwas mit dir, wenn du es hörst. Es läßt so wenig kalt, wie die klaustrophobische Angst, die Gabriel im passend „Intruder“ betitelten Einsteiger aufkommen läßt. Wenn niemensch weiß, wo der Eindringling sich befindet. Und dann war da noch der Künstler Gabriel, der Aufmerksamkeit schafft, denn ich weiß nicht, wie viele Menschen ohne ihn vom Schicksal des südafrikanischen Bürgerrechtlers Stephen Biko erfahren hätten. Vor dem Internet brauchte eins diese Form von Informationsfluss. Trotzdem würde ich mich heute freuen, wenn Peter Gabriel und die anderen BDSler eine Form der Kritik finden könnten, die nicht purer Antisemitismus wäre. Im Falle der Kritik an der südafrikanischen Apartheid-Politik konnten sie doch auch noch einigermassen differenzieren. Arschlöcher!

So. Schluß hier. Wir haben erfahren, daß es Hoffnung via The Decemberists und The Driftwood Manor gibt. Und wer heute gute Männermusik hören will, der kann sich ja mal (ich denke, die meisten Menschen, welche bis hierher gelesen haben, sind der deutschen Sprache mächtig) mit ein paar musikalischen Happen beschäftigen: Die Nerven, zum Beispiel. Car Seat Headrest, auch wenn ich vor dem ganz aktuellen Album eher warnen möchte, denn zu viele neue Ideen sind manches mal zu viele neue Ideen. The Comet Is Coming und Kamasi Washington, denn auch in der Gegenwart wird guter Jazz geboten! Isolation Berlin und Mount Eerie. Ezra Furman und Nils Frahm. Tyler The Creator und Ben Howard. Sam Fender und Helado Negro. Ich denke, das reicht mal als Denk- und Höranstoß. Die alte Riege ist tot. Tatsächlich. Die anderen sind aus gutem Grund nicht mehr tragbar.

Oder Ihr seid vernünftig und hört einfach mal mehr Frauenmusik.

29. Mai 2015

Nun also Incantations. Der Genuß sollte vorbereitet sein. Man höre diese Doppel-LP aus dem Jahr 1978 am besten bei bedecktem Himmel, möglicherweise ist ein Gewitter im Anflug. Dazu hat die abendliche Dämmerung eingesetzt. In diesem Klima gedeihen die Beschwörungen am Besten.

Incantations ist das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung orchestralste Werk von Mike Oldfield. Er arbeitet wieder mit einer Vielzahl an Instrumenten, und schreckt auch nicht vor dem Einsatz fremder Koryphäen zurück. Die Brüder Pierre und Benoît Moerlen sind dabei hervorzuheben. Namen, die in heutiger Zeit vielleicht etwas beliebig erscheinen mögen, doch waren gerade diese beiden zu jener Zeit der heißeste Scheiß unter Schlagzeugern und Percussionisten. Wer die Möglichkeit hat, sich Liveaufnahmen aus der Zeit von 1978 bis 1980 von Oldfield anzusehen, sollte auf die beiden achten, falls sie gerade zum Line-Up zählten.

Ja, gerade der Einsatz von Schlagwerk hinterläßt einen größeren Einfluss auf die Musik, als auf den bisherigen Alben. Streichersequenzen, Flöte und Trompete decken ebenfalls größere Spektren in der Musik ab als je zuvor. Es dauert Minuten, bis im Part One die obligatorische Gitarre einsetzt. Obwohl ich mich bei erstem Kontakt mit dieser Platte schon gut im Oldfieldschen Universum auskannte, war ich mir tatsächlich unsicher, ob es sich nicht um eine Fehlpressung handeln konnte. Was natürlich zu erklären ist: Jahre zuvor hatte ich eine MC-Fassung des Albums Platinum gekauft, die tatsächlich mit vollkommen oldfieldfremder Musik gefüllt war. Selbst der Verkäufer war bei Reklamation erschüttert. Nun denn, jede Paranoia hatte ihre Quellen. Doch zurück zu der reinen Lehre (grins). Part One führt den Hörer über große musikalische Strecken. Die Musik ist reichhaltiger komponiert und arrangiert, als je zuvor. Es wird beim Hören klar, daß Oldfield kein Neuling mehr ist, und auch das Studio als Arbeits- und Inspirationsort erlernt hat. Das einzige, was diesem Auftakt ein wenig fehlen mag, ist der emotionale Aspekt, denn die ersten Teile sowohl aus Tubular Bells, als auch Ommadawn sind aufwühlender.

Dieses wird hier in den Part Two verschoben. Zappelige Zeitgenossen werden hier vermutlich massiv verschreckt und eingeschüchtert, denn über weite Strecken steht die Musik dort still. Wenn ich im Auftaktabsatz ein „heraufziehendes Gewitter“ erwähnte, so gilt dies nicht für Part Two. Dort ist alleine die inzwischen fortgeschrittene Dämmerung. Die Einleitung mit ihrer wuseligen Keyboardmelodie mag einen anderen Eindruck vermitteln, doch dieser wird nach einigen Minuten zur blossen Täuschung, wenn die Musik die Lichtung erreicht, an welcher unter einbrechenden Streichern alles abgebremst wird, bis es letztlich still steht. Mike Oldfield wird in dieser Sequenz die Stille in der Musik, das Schweigen zelebrieren. Später wird dann die sogenannte Hiawatha-Sequenz diesen zweiten Teil auflockern, so daß Part Two zum größten Irrlicht in der Karriere Mike Oldfields wurde. Es ist ein wunderschönes Irrlicht.

Wer denn stärker rockiger Musik frönen möchte, der sollte dann Umwege vermeiden und direkt in Part Three eintauchen, denn dort regiert letztlich die Gitarre. Anfangs über ein ganzes Orchester, welches die Jubelarien der Gitarre mit einem Fundament versieht. Später darf die Gitarre über einem flüssigen Riff eine weite Landschaft bespielen und allerlei Tricks und Kniffe vorführen. Es ist dennoch bemerkenswert, daß hier keine Bauchpinselei des LP-Künstlers aufkommt. Später wird der orchestrale Moment des Beginns wieder aufkommen und sich auch dem progressivem Rockstatus dieses Stückes unterwerfen. Bei erster Begegnung mit dem gesamten Album, mag Part Three den günstigsten Eindruck hinterlassen. Für mich ist dies der banalste Teil der Platte, wenn auch trivial auf einem noch recht hohen Niveau. Sollte sich Mike Oldfield selbst heute noch Gedanken darüber machen, warum die Punks und Bilderstürmer jener Tage ihn ebenfalls unter Beschuß nahmen, so hatte er ihnen mit diesem Stück genau die Munition gegeben. Der teils leichte, teils große mystische Anstrich der ersten LP wurde hier weggerockt und damit die Flanke geöffnet. Alleine die letzten beiden Minuten des Part Three zeigen einen richtigen Bandsound, der über jeden Zweifel erhaben musiziert.

Eine sehr schöne Synthese der Ideenvielfalt von Incantations bietet sich in Part Four. Dort haben die Brüder Moerlen ihren großen Auftritt in Form eines Vibraphon-Canons. Dort wird mit teils wunderschönen Melodien inflationär umgegangen, als tauchten sie zu jedem Moment neu an jeder Ecke wieder auf. Dort ist Oldfield wieder nicht allein ein Gitarrist auf großem Podium, sondern Musiker bei der Umsetzung seiner Komposition. Das bedeutet durchaus schwierige Passagen auf der Gitarre umzusetzen, geschieht dies hier innerhalb eines komplexen Ganzen. Dort wird wieder imponierend gesungen von Maddy Prior in der Ode to Cynthia. Ein Höhepunkt nicht nur dieser Doppel-LP. Verwendete ich hier das Wort „märchenhaft“ wäre es ganz klar positiv besetzt und ebenso unpunk. Und es wäre mir egal.

25. Mai 2015

Heute beginne ich damit einen Blick auf das Album Incantations von Mike Oldfield zu werfen. Es erschien 1978. Mehr als zwei Jahre waren seit der Veröffentlichung des Vorgängers Ommadawn vergangen. In dieser Zeit hatte das Label Virgin Records eine Handvoll Füllmaterial zusammengekratzt, dabei Oldfields spärlichen Output noch mitverwertet. Es handelte sich dabei um die 4-LP-Kiste Boxed, die aus den drei ersten Platten bestand, sowie einem Album, das innerhalb der Kiste den Titel Collaborations trug. Die erste Seite bestand dabei aus Auszügen dreier David Bedford-Kompositionen, zu denen Mike Oldfield Gitarre beisteuerte. Oldfields Beitrag zu Star’s End (1974) war dabei ein zunächst überwältigend orgiastischer Auftritt, der begleitet durch Orchester, einer klanglichen Supernova schon recht nahe kam. Doch interessanter ist, mit welchem Können die Spannung nach dem Höhepunkt das Stück fortgeführt wird, und die Leere klanglich erschlossen wird. Während das komplette Bedford-Album Rime of the ancient Mariner (1975) eine fast schon langweilige Angelegenheit ist, so ist der The Rio Grande betitelte Auszug, der auf Collaborations zu finden ist, salbungsvoll. Ich habe im Normalfall absolut kein Herz für Kinderchöre, doch hier finden meine Ohren einen Schatz. Mag es an dem für den genormten Kinderchor unüblichen Text liegen, in welchem es sich um die Heimkehr der Seefahrer dreht? Liegt es an der Müdigkeit, der Sentimentalität, die hier eingeflochten wird? Chor und Klavier bedienen den Hörer so lange, daß sie dem Stück ihren Stempel aufdrücken und wenn nach fast zweieinhalb Minuten die Gitarre hereinschneit, ist das Spiel schon längst entschieden. Der Sieg ist sicher. Oldfield darf sich dafür noch fast alleine in den letzten zwei Minuten an gekonnter Atmosphäre einbringen. The Phaeacian Games aus The Odyssey (1976) ist gegenüber den beiden anderen Stücken schon fast alltägliche Rockmusik. Zu Bedfords gekonnten Synthesizermelodien, vollführt auch Oldfield seine feinen Läufe, die auch manch knuffigen Intervallsprung beinhalten. Der Vinyllaufzeit war jedoch die Präsentation von The Phaeacian Games geschuldet, denn dieses Stück ist weder der Höhepunkt der LP, noch von Oldfields Einsatz darauf. Doch wäre das zehnminütige Sahnehäubchen mit dem Titel The Sirens vermutlich einfach zu lang. Hier trumpft zunächst auch eher der Komponist David Bedford auf, der diese Meditation eines wahrlich betörenden Frauenchors, der sich aus der Ferne kommend immer weiter in des Hörers Ohr hinein schält, als Fortführung von Gustav Holts Neptun the Mystic schuf, und dabei den Blick auf die Geschichte der Odyssey nicht verlor. Diesem Gesang ist wirklich nur gefesselt oder mit dichtem Wachs in den Ohren zu entgehen. Oldfields Einsatz ist hier auch bei weitem nicht von solch staatstragender Rockqualität, wie in den Phaeacian Games, doch wer genau hinhört, wird nicht nur ob seines wunderschönen Spiels Tränen in den Augen spüren. Nur kurz nach der Veröffentlichung von Boxed durfte Oldfield noch ein weiteres Mal für David Bedford in die Saiten greifen. Es geschah dies auf Instructions for Angels (1977) und wir hören Mike Oldfield spielen, als sei er von Furien gejagt. Es geschieht dies im Titelstück des Albums Variation 6: Instructions for Angels. Für Nachwuchspsychiater sicherlich lohnenswert. Für Menschen, die ein Herz für endlos gequälte Gitarren und/oder Gitarristen haben, ebenfalls.

Doch zurück zur LP-Kiste und den Collaborations. Die zweite LP-Seite bietet nach der bisherigen Klasse eine konventionelle Berg- und Talfahrt. Die Höhepunkte sind das zu dem Zeitpunkt mehr als brandneue von Oldfield und Bedford in Gemeinschaftsarbeit gezimmerte First Excursion, das eine schöne Fortführung der Phaeacian Games bietet, doch mit weniger Benzin im Blut. Es hegt eher einen künstlerischen Aspekt, mag vermutet werden. Das von starker Melancholie geprägte Argiers ist ebenfalls ein Höhepunkt. Für diese Art Stücke hatte Oldfield ein Händchen: eine folklastiges Feeling, eine akustische Gitarre als Basis und ein einzelnes Melodieinstrument – im Falle von Argiers ist es eine Flöte, gespielt von Leslie Pennings. In Dulci Jubilo schafft es immer, mich zu spalten. So sehr mir das Stück in seiner gesamten Instrumentierung missfällt, so sehr liebe ich den Moment, wenn Mike Oldfield einsätzt und einen seiner wirklich gelungensten Läufe spielt, der einen Augenblick der Ewigkeit andeuten kann. Es ist wie übermässig lange die Luft anzuhalten. Es kommt der Moment, da sieht man nur noch Sternchen. Die beiden letzten Stücke, Portsmouth und Speak (thou‘ you only say farewell), halte ich hingegen für einfach schlechte Scherze. Da macht mir sogar der fabulöse Don Alfonso mehr Spaß.

19. Mai 2015

Und hier folgt nun der verlorene Text vom 15.05.2015:

Heute ist der Geburtstag Mike Oldfields. Und jene, die jetzt fragen wollen: Wer? Diese genießen die Verachtung der lesenden Prominenz. Nein, wir wissen schließlich um die großen Taten des ab heute 62-jährigen Herrn. Er war einmal 19 Jahre alt, und hatte einige Zeit als Musiker in der Band des vormaligen Soft-Machine-Bassisten Kevin Ayers gespielt. Der lieh ihm dann auch ein Vierspur-Tonbandgerät, mit welchem der junge Oldfield die ersten Demos aufnahm, die zu seinem späteren Debüt führen sollten. Dieses trug bei Veröffentlichung 1973 den Titel Tubular Bells. Es folgten die Alben Hergest Ridge (1974), Ommadawn (1975) und Incantations (1978). Darauf folgte eine Therapie, eine große Tournee und noch ein paar sehr gute bis mittelmäßige Platten während der Folgejahre, die sogar den ein oder anderen Singlehit hervorbrachten. Ab 1992 ging es dann steil bergab mit der Qualität, denn sauberste Produktion ersetzt keine Inspiration. Aber das soll niemanden stören, die anfangs erwähnten Longplayer einer genaueren Inspektion zu unterziehen.

Für mich war die zwischen 1973 und 1978 entstandene Musik von Mike Oldfield immer etwas, wie ein Kuschelkissen nach der Zeit der Kuscheltiere. Insofern reagiere ich höchst allergisch, wenn diese Musik als sogenanntes New Age bezeichnet wird. Zwar stieß ich erst 1984 auf den Erstling Tubular Bells, doch war der Eindruck trotz des Alters der Platte ein mehr als nachhaltiger. Part One dieser Platte ist eine fast durchgängig frühlingshafte Energetisierung des Hörers. Auch nach mehr als dreißig Jahren überrascht mich die Frische dieser Musik immer wieder, ist ihre Entschlossenheit nichts nachzulassen für mich erhebend. Ein durchgängiger Genuss, dabei nicht nur das als Filmmusikschnippsel bekannt gewordene Eröffnungsthema, das jedoch zum Gelingen des Ganzen grandios beiträgt. Part Two ist ein anderer Schuh. Hier arbeitet sich Oldfield weniger an schnelleren Schnitten in der Musik ab, sondern läßt die Themen atmen und besonders im fast meditativen Abschluß wird die Musik bis an die Grenze zur Stille hin geführt. Eine zum Schluß noch leise, hintergründig spielende Orgel bricht fast verschämt ab. Nach kurzer Pause weckt der junge Oldfield uns mit einem bis zu furiosem Tempo durchgespielten Hornpipe, einem traditionellen englischen Tanz.

Was jedoch macht die frühlingshafte Faszination des Part One nun aus? Ein Teil dessen stammt aus der perfekt ausbalancierten Mischung aus schnellen Wechseln und ausgedehnten Passagen, in welchen sich ein Stimmungslage entwickeln kann. Dabei überwiegt hier grundsätzlich ein positiveres Gefühl, das letztlich auch sehr schön durch die Covergestaltung von Trevor Key eingefangen wird. Hierbei liegt der Fokus weniger auf der „Bell“ im Mittelpunkt, sondern in der umgebenden Szenerie aus schäumender Gicht und bewegtem Wolkenbild. Tubular Bells ist lebendig.

16. Mai 2015

Nun lasset uns also das Frühwerk von Mike Oldfield weiter beobachten. Im Januar 1975 starb seine Mutter, Maureen Oldfield. Die Vorgeschichte zu diesem Todesfall, die sich über traurige vierzehn Jahre zieht, ist am besten in Oldfields eigener Autobiographie Changeling nachzulesen. Sie hinterläßt auf dem im Herbst 1975 veröffentlichten Album Ommadawn ihre Spuren. War Tubular Bells eine frühlingshafte Verheißung, so war Hergest Ridge ein Album, in welchem sich eine nachdenkliche Melancholie manifestierte, so wurde Ommadawn zu dem bis dato düstersten Werk des immer noch sehr jungen Briten. Vor vielen, vielen Jahren las ich in einer Kurzbeschreibung die charaktersierenden Worte „paranoid suizidträchtig“. Nun, verglichen mit Platten wie Joy Divisions Closer oder dem ebenfalls recht wenig partytauglichen Pornography von The Cure, hat Ommadawn immer noch aufhellende, folklastige Momente, doch eines stimmt: Es herrscht gravierende Kopfhängerei über die komplette LP. Und diese Einstellung äußert sich auch gerne darin, daß Ommadawn die bis dahin kratzbürstigste und sperrigste Platte Oldfields wurde. Ja, gar aggressiv aufgeladen tobt sich Oldfield durch einige Gitarrenläufe während des Part One, die teils sehr schön von der afrikanischen Perkussionstruppe Jabula untermalt werden. Wenn nach zwölf Minuten der spektakuläre und berühmteste Einzelteil des gesamten Albums startet, erwartet den Hörer ein bis zum äußersten gespanntes, fast zerreissendes Gefühlspanoptikum. Ein gälischer Kanon, gesungen von Sally Oldfield, Bridget St. John und Clodagh Simmonds, die für den Titel des Albums verantwortlich sein soll, untermalt von Jabulas Trommeln, die eine punktgenaue Taktung der Achterbahn vornehmen (besonders in dem Moment, in welchem sie hörbar den Startknopf umlegen) und on top der Star mit einer Vielzahl an verschiedenen Gitarren, mit welchen er die Intensität des Stückes immer stärker aufbaut und so eine götterdämmernde Stimmung aufbaut, die mich schon damals vom ersten Moment an, kräftig gepackt hat. Wie es Mike Oldfield hier schafft den Sturm bis an die Spitze zu treiben, ohne es wie einen Sack voller Platitüden klingen zu lassen, sollte jeder Mensch individuell erleben und auch erfahren. Es ist jedoch eine glänzende Idee gewesen, den Jabula-Trommlern am Ende des Stückes noch mehr als eine halbe Minute zu geben, bevor es zum finalen Fade-Out kommt.

Mit dem Beginn von Part Two wird die erwähnte Kopfhängerei für fast fünf Minuten zum Höhepunkt gebracht. Läge hier noch ein stumpf, rumpelnder Rhythmus darunter, könnte von erstem Shoegazing gesprochen werden. Doch hernach wird es lange elegisch bleiben, tränengetränkte Melancholie herrscht vor in den Melodien, die Oldfield hauptsächlich auf einer akustischen Gitarre vorträgt. Mag der Himmel, den die Klänge beschreiben, auch klar und wolkenlos sein, doch liegt noch der vergangene Regen spürbar in der Luft, sind die Wiesen weiterhin nass und es weht ein wenig wärmender Wind. Gerade hier zieht eine Abschiedsahnung durch die Musik, die eher von innen herausdrängt, als daß sie auf Gefühle, die durch das Außen angeregt sind, reagieren. Erst mit dem Abschluß des Part Two läßt Mike Oldfield ein letztes Mal seine elektrischen Gitarrenläufe heraus, die in ihren teilweise herrlischen Windungen wie irr geworden tanzen. Den Schluß gibt dann ein gesungenes Stück, das später als Single-B-Seite den Titel On Horseback erhielt. Es geht, wie man sich vielleicht schon denken könnte, um den Spaß, den das Reiten gibt. Das Stück wirkt idyllisch, besonders wenn zum Ende der Refrain noch durch eine Kinderschar verstärkt wird. Doch in all der Herrlichkeit schleicht sich immer zum Ende des Refrains ein langgezogener Ton, von Frauen gesungen, ein, der davon berichtet, wieviel Kraft die Freude kosten kann. Wie wertvoll die Flucht von den Menschen ist. Es verwundert wenig, daß Mike Oldfield bis zu seiner nächsten kompletten LP über zwei Jahre Zeit benötigte.

15. Mai 2015

Oh, die peinliche Panne! Die eigentlichen Gedanken des heutigen Tages weilen auf einem USB-Stick, der geographisch von mir getrennt ist. In einem anderen Land. Und die Gedanken hatten sich in teils schöne Worte fallen lassen. Okay, ich werde den Text am kommenden Montag nachreichen. Ein kurzer Anriß, über was ich schrieb: Heute ist der 62. Geburtstag des Mike Oldfield. Ich schrieb einige Worte über seine Karriere, über sein Debüt Tubular Bells, ließ wissen, daß sich entdeckerfreudige Seelen mit den ersten vier Alben des Herrn beschäftigen sollten und letztlich murrte ich darüber, daß die Oldfield’sche Musik gerne dem Genre des sogenannten New Age zugeordnet wird. Da ich in diesem zur Zeit als verloren geltenden Text bereits über Tubular Bells geschrieben habe, möchte ich daher nun an dieser Stelle den Scheinwerfer auf die weiteren Drei der Großen Vier richten.

Als da wäre… Hergest Ridge (1974). Ein größerer Hügel, an der südlichen Grenze Englands mit Wales. Eine Platte, welcher die Frische, die Aufregung, die teilweise Exaltation des Debüts fehlen mochte. Doch die Schönheit mancher Tubular Bell’schen Passagen fand sich hier ebenfalls wieder, wenn auch Hergest Ridge eher einer Herbstplatte gegenüber dem Frühling des Debüts gleichen mochte. Es stecken viel größere und stärkere Gedanken in dieser Musik, die zwar – wie bei Oldfield in den ersten Jahren üblich – wortlos vorgeführt wurden, doch ihre Geschichten drangen dennoch lebhaft in die Klänge ein. Oldfield griff vielmehr die Inszenierung des zweiten Teils seines Debüts auf und orientierte sich an dessen ruhevollem Wesen. In der Mitte des Part One aus Hergest Ridge wird eine Oboe ins Spiel gebracht und Profis berichten gerne von Einflüssen des auch von mir gerne gehörten Jean Sibelius. Als Ergebnis können wir Hörer ein akustisches Schaumbad geniessen, und um die Schönheit der Musik zu erkennen, muß nicht einmal ein Fahrzeug über enge englische Straßen gelenkt werden muß. Bezüglich des Part Two dieser Platte wird immer gerne vom Thunderstorm gesprochen, eine Passage, in welcher Oldfield x-tausend elektrische Gitarrenspuren übereinanderschichtete, bis es tatsächlich donnerig und zuckig wurde im Gewühl der Musik. Doch ist der Weg dorthin melancholisch, dunkel und manchesmal gar von wunderlich schönen, irrlichternden Melodien gesäumt. Es entstehen Gefühle, die ich gerade mal in Absenz anderer Worte als keltisch bezeichnen möchte. In anderen Momenten hat der Sound etwas Oldfield’sches. So jung der Mann damals war, so charakterstark war seine Musik. Diese Dinge sollen sich ja auch nicht ausschließen, und im Falle des Briten wurde der Charakter mit seinem nächsten Album noch stärker. Doch dazu äußere ich mich zu gegebener Zeit.

Mit M. Oldfield um die Häuser ziehen.

Liebe Welt,

einst in tiefem Traume: da sah ich diese Geschichte und was dazu geschah. Ich schrieb sie auf, änderte hier, verformte dort und entfernte so die nächtliche Phantasie in ein ganz anderes Land. Vielleicht näherte ich mich dabei auch dem wirklichen Leben. Wahr ist auf jeden Fall, daß meine Großmutter nie ein Casino von innen gesehen haben soll…

Etwas von dort, wo ich herkomme

Meine Oma konnte nichts dafür. So ist sie eben. Muss an jedem Preisrätsel oder anderem Gewinnspiel teilnehmen. Natürlich gewinnt man dann auch mal. Besonders bei diesen Dingern, wo kein anderer teilnimmt, weil den Preis kein Mensch interessiert. Und sie konnte dann auch nichts damit anfangen. Kam dann an, nahm mich an der Hand und sagte so was von lächelnd, daß sie mir den Preis weiterreicht. Ich könne ja an ihrem Glück auch einmal teilhaben. Wenn ich das gewusst hätte! Ich hätte „Feuer!“ gerufen und wäre nur so gerannt. Na, und sie tat so geheimnisvoll. War auch wieder klar, denn sie wusste nicht, womit sie hantierte. Überreichte mir dann den Umschlag, und ich konnte lesen, daß irgendein drittklassiger Cola-Ersatztrunk mir im „Star Sommer ’96“ Mike Oldfield auf die Pelle schicken würde. Ich ließ das ganze auf mich wirken und verstand nicht so recht. Meine Oma strahlte mich an und ich dankte ihr drauf erstmal recht reserviert. Dann erkannte ich! Ich musste mir einen Tag Urlaub nehmen und nach Köln fahren, denn dort würde man sich treffen und dann Zeit totschlagen mit einem vergessenen Popstar.

Keuchend verließ ich meine Oma zwei Stunden später und es hatte nichts mit ihrem Kirschkuchen zutun. Zu Hause angelangt, flenzte ich mich vor meinem Stereo nieder. Sah die Kisten an und ließ den ganzen Kram erstmal schweigen. Mike Oldfield! Ich musste übel in meiner Erinnerung kramen und dann fiel mir ein: Das war dieser stoische Blicker, dieser komische Gitarrengott, der alles alleine und auf einmal spielen konnte. Genau: „moonlight shadow“ spielten sie noch heute im Radio. Mann, da war ich so sieben, acht Jahre alt, als dieser Käse in den Charts rumgeisterte. Später gab’s wohl immer mal noch Singles, die ganz gut liefen, aber nix wirklich Großes mehr. Und heute? Keine Ahnung, aber er lebte wohl noch, man würde mich ja bestimmt nicht mit einer Leiche einsperren! Ich rief meinen Kumpel Alex an, der kannte sich mit so altem Schrott besser aus als ich, vielleicht sollte ich den schicken! Der tat dann ganz groß, und sagte: toll, toll, mega, toll, mensch! Und so. Hätte auch lieber mal die Brüder Gallagher oder irgendeinen von Blur oder, geil, Justine Frischman getroffen. Das wär dann schon frischer Stoff aus dem UK gewesen. Aber da war jetzt nix zu machen. Sagt er: Da muss du jetzt durch, kann dir von meinem Bruder mal so ein paar Sachen leihen, der hat noch seine Stapel an Platten hier seit Jahren rumstehen. Mensch, da musste mir aber auch einen Plattenspieler mitgeben, du Knallknopf! Oder soll ich da mit meinen Fingernägeln drüber? Na klar, kriegst den von meinem Bruder gleich mit. Der braucht den sowieso nicht mehr, der kennt sich nur noch mit seinem Wertpapierscheiß aus. Sonst sieht der nichts mehr rechts und links. Irgendwie hätt‘ ich schon jetzt gern mit Thorsten, dem großen Bruder, getauscht. Wann treffen wir uns? Morgen Abend? Alles klar.

Am nächsten Tag wachte ich schon mit Grauen auf: In zwei Wochen! Nur noch zwei Wochen! Genau zwei Tage dann vor meinem Geburtstag. So’n Scheiß! Wenn das ganze wenigstens irgendwie besser zu organisieren wäre, dann käme der Typ bei mir vorbei und zwar eben zwei Tage später: Zu meiner Party, da könnt‘ er hier mal eine Zeitlang rumfiedeln und ich wäre der King, wenn ich so einen hier als Stargast rumhängen hätte. Aber nichts da. Stattdessen musste ich jetzt meinem Chef auf die Pelle rücken, daß ich noch einen Tag mehr Urlaub bräuchte. Ja, und das war dann echt die Schau! Der sagte: Mensch, den Oldfield! Wow! Der ist ja ein ganz Großer! Der hat so super Platten gemacht! Echt? Ich kenn da nix von. Wie? Das gibt’s doch nicht, ich bring dir morgen mal so ein bisschen was mit. Klar, kriegst du dann frei! Mensch, Mike Oldfield! Was bist du ein Spezi, so ein Glück! Nee, war meine Oma, aber die hat da ja wirklich nix von. Da hat sie mir dann den Preis vermacht. Ach so. Egal. Und dann wurde ich den ganzen Tag so von den Kollegen angesehen und gegrinst haben sie. Der hat jetzt beim Alten einen dicken Stein im Brett. Der Alte bringt dem jetzt Platten mit! Und der hängt jetzt mit so Musikern rum. Als ich endlich zu Hause war, musste ich mir erstmal schnell zwei Bier einführen, das ging alles so nicht mehr klar. Das war alles nicht mehr so locker. Und dann klingelte Alex schon und ich half ihm dann auch den Plattenspieler zu bewegen, das war echt ein ziemlicher Brocken von Apparat!

Als wir den Kasten angeschlossen hatten, wühlte ich kurz durch den Vinylhaufen, der sich auf meinem Boden gebildet hatte. Was willst du denn mit dem hier? Ich hielt Alex eine Klaus-Schulze-Scheibe vor die Nase. Der gehörte hier nicht hin, man musste jetzt nicht maßlos übertreiben, ich war schließlich nicht zum Hippie geworden. Na, dann schmeiß halt weg. Da lag dann sogar eine Picture-Single drunter. Sofort aufgelegt, rauschte das Teil wie ein Wintersturm. Und der Sound, wenn ich den Oldfield da im Raum gehabt hätte, wär der mal feist in meine Faust gelaufen, der hatte ja voll den Arsch auf, so einen Scheiß zu produzieren. Wir starrten beide völlig entgeistert auf diese Single, die rotierte und uns einen offenen Mund mit Spuckefaden zeigte. Hätte ein Spiegel sein können. Das nahm kein Ende, also machten wir das selbst. Von ’82 stand drauf. Hat der Kerl eigentlich Punk verpennt? Hat dem keiner gesagt, daß so ein Mist verboten ist? Alex zuckte auch nur die Schultern. Kein Wunder, daß mein Chef auf so einen Käse abfährt. Und der bringt mir morgen auch noch einen Stapel Platten mit. Das wird immer schlimmer. Und Thorsten, der große Bruder, hatte wohl eine Zeit jeden Dreck aus den Klauen dieses Typen gekauft. „pictures in the dark“, noch so ein Singleteil; als das lief, erinnerte ich mich dran das Video damals als Jungspund bei Formel Eins gesehen zu haben. Alex nickte: Der stand da mit seiner Klampfe, fidelte und hinten ging ein Feuerwerk hoch. Wir prusteten los und schon wieder kam der Song kaum zum Ende. Auch weg! Ne, halt. Mach noch mal von vorn, meinte jetzt Alex. Hör dir den Scheiß mal genau an. Wir steckten die Köpfe über den Plattenteller. Hier: drift away on sunlight beams. this night will be your friend. Mensch, pack dir den Clown mal und stell ihm mal ein paar gute Fragen. Klar, warte! Ich such mir mal was zum Schreiben. Genau, und dieses Crashbecken, pausenlos, das ist der pure Wahn, frag ihn, was für einen Stoff er raucht, wenn er so abfährt. Das muss ein scharfes Kraut sein, hör dir mal diesen Gitarrenwahn an. Der dreht voll am Rad. Die Runde # 2 war zu Ende. Mal kurz umdrehen. Da wurd’s dann wirklich krass. Irgendein Fledermaussound auf Mittelalter, könnte auch so ein dunkler Gothikspuk sein, und hinten „dicker Synthiewust“, wie Alex meinte. Der hat sie nicht alle, rief ich. Das muss so einer sein, wie Dustin Hoffman in Rain Man. Ja, Authist, ich glaube auch. Und irgendwie legte sich erst mal ein betroffenes Schweigen über uns, während die Scheibe weiter lief. Ich schrieb dann: „Mike, what drugs do you do, when you recorded pictures in the dark?“ Wir lachten wieder. Und hatten dann mal genug vom Singleschaffen dieser obskuren Person. Ich wühlte weiter. Tolles Cover, und Scheibe aus der Hülle gleiten lassen. Hey, guck mal, da ist nur ein Song auf der ersten Seite. Alex stierte wie gestochen auf die Platte: Taurus II, 24.47. Ist das krass! Das gibt’s ja nicht. Hör mal rein! Wir befanden: Hatte schon einen Hauch von Hand und Fuß im Gegensatz zu dem Schrott, den wir bisher hören mussten. Aber verstanden haben wir trotzdem nicht, warum das alles so aufgeblasen wurde. Wieso!

Alex stand dann auf. Schob Oasis in den Player: Mensch, nochmal Musik. Sicherheit. Das ist mir ein bisschen zu viel mit diesem Oldfield. Kannst dir die ganzen Scheiben mal anhören. Kannst sie wahrscheinlich sogar behalten. Nee! Lass mal. Was soll ich damit? Verticken, oder was? Warte, skip mal auf anger. Kein Problem. Ich notierte: „Mike, what did you want to say with songs longer than twenty minutes? Anything?“ So langsam fingen wir uns wieder von diesem Flug und konnten auf die Piste gehen.

Auf der Fahrt schob Alex die neue Cave-CD rein und mußte sich natürlich an „O’Malley’s Bar“ delektieren. Zwölf Minuten Massaker und ein Song in one go. Ganz ohne Gefummele und Kartoffelbreaks. Ich hatte meinen Block mit: „Mike, why don’t you simply tell stories?“

Irgendwann nachts wieder daheim. Über die Platten gestolpert, reingetreten. Irgendwas rausgepickt und aufgelegt. Auf der Couch eingepennt. Wüst geträumt. Vier Uhr wieder mit dicker Blase wachgeworden, Scheibe umgedreht. Wüst weitergeträumt. Kaum zum Weckerterror erwacht. Müde unter Dusche geschleppt. Platte wieder gewendet. Gekotzt. Die Augen sind immer noch kaum geöffnet, als ich aus dem Bus stolpere und das Firmentor fast verfehle. Suff in der Woche ist nicht gut. Der Chef wartet schon, warum gerade heute! Hält mir eine fette Tüte hin, ich bin ganz devot und in diesem Moment völlig klar im Kopf. Wenn du irgendwie noch was wissen willst, frag mich. Dann läßt er mich stehen. Ich kann mit der Arbeit anfangen. Die Kollegen grinsen immer noch, denen ist der Tee nicht bekommen. In der Mittagspause notiere ich: „Mike, why does your music make older people terrorize the youth?“ Ich glaub‘ so langsam, daß das ein Spaß wird. Wenn mir nicht immer noch so schlecht wäre!

Zu Hause dann der Hammer. In der Tüte vom Chef auch eine Single. Trotz schlechter Erfahrung aufgelegt; Portsmouth hieß das Teil, war von ’76. So was altes hatte ich noch nicht gehabt; oh doch: die Platte letzte Nacht: tubular bells, 1973. Hm. Kaum mehr eine Erinnerung. Aber jetzt dieses Teil war ja der Wahn! Folk nannten die das wohl, so Volkstanzgruppe mit Bodenklopfen. Hammerhart. Und die B-Seite! Speak, da sangen zwei Spinner völlig aneinander vorbei. Ich konnte das kaum aushalten. Und mein Boss hatte dafür mal Geld hingelegt! Der Block musste her: „Mike, are you mad? Do you like to fool other people?“ Na, jetzt mal Essen produzieren. Dazu legte ich die Nachtscheibe nochmal auf, ich hatte ja nichts mitbekommen. Da war ja wieder nix drauf, außer ein Stück pro Seite. Auch noch ohne eigene Titel. Der Block: „Mike, you are so, so mad! Why?“ Aber das ging gut, als dieses Klavier dann einsetzte. Das war schon frisch, und ich turnte in meiner Pseudoküche umher, als wäre ich der Frühling. Und das im Spätsommer. Nee, das war teilweise richtig super, was da lief und die Tortellini gingen mir super runter, wieder von vorne bitte. Der Chef hatte die Scheibe auch gehabt. Der hatte dann noch mehr so altes Zeugs: hergest ridge, ommadawn, incantations, platinium und qe2. Dann noch so ’nen Sampler: music wonderland. Scheiß Cover mit blöder Fantasielandschaft. Der Schmetterling von dieser platinium, der gefiel mir ganz gut. Aber top waren die Knochen auf der tubular bells-rückseite, die da am Strand rumlagen. Und diese lockeren Sprüche drumherum, von wegen irgendwelcher Blechbüxen, die man zur Polizei bringen soll. Hähä. Aber wie soll ich das jetzt alles rumkriegen und mir ins Hirn zwängen?

Freitag abend. Alex abgewehrt: Ich will heut‘ mal zu Hause bleiben. So jetzt wird mal aufgestellt, um zur Nachtwache zu schreiten. Die langen Scheiben, da hätten wir: tubular bells, die ist ja schon mal auf der ersten Seite ziemlich gut. Fünf Platten vom Chef, alle noch gar nicht angehört, ausser music wonderland. Die ist auch zweimal im Stall und so ein leidliches Ding mit viel Käse. Na, ein bißchen macht’s auch auf Spannung. Dann von Thorsten noch neun Scheiben und ein Haufen mit zwölf Singles, dazu noch zwei vom Chef. Mensch, das ist gigantisch und so viel Kohle, die da verbraten wurde. Ich fange dann klein an, und hake die 45er der Reihe nach ab. Der Früh-80’er-Anfang ist noch relativ nett, doch dann schleicht sich da ein Schema ein und ich kann die Reihe kaum abschließen. Es wird halt auch immer mieser und ausgelaugter, je jünger die Teile werden. Den Block muß ich echt suchen: „Mike, why are your singles so bad? Why did you never change?“

Immerhin konnte ich damit auch schon brachiale Teile der 80’er Platten als gehört und widerlich abhaken. Und mal ein Bier aufreißen. Es wurde wirklich Zeit, trotzdem: Immer wieder kopfschütteln. Wie konnte so ein Mist überhaupt veröffentlicht werden, immerhin hat dieser Mann doch kaum mal einen Hit gelandet, und dann alles bei Virgin raus, das ist doch kein Pisserlabel? Na, o.k., über’s Ziel hinausgeschossen, wie ich inzwischen weiß, denn irgendwer hatte auch diesen Stapel aus Läden entfernt. Schnell ein weiteres Bier. Ich brauch den Dusel, den Rausch um diese Nacht durchzustehen. „Mike, you suck!“ „Mike, are you the boss of virgin, or what?“ „Mike!“

Als ich endlich durch die 45er bin: „Mike, your b-sides are the worst things I ever heard. Mike, you owe me lifetime. So what will you pay me?“ Dieser Mann hatte wirklich einen schweren Schaden. Anders kann ich mir dieses Authistengetue nicht mehr erklären, oder er muß entweder a) einen massiven Drogenschaden haben oder b) Chef von einer echten Teufelssekte sein. Na, eins weiß ich: Alles ab 1985 ist schon mal grundsätzlich unhörbar!

Es klingelt, ich renn mit Flasche Drei in der Hand zur Tür. Alex ist da. Nichts los auf der Piste, ich dachte, ich schau mal vorbei wie’s dir und Mike so geht. Ich winke ab. Der größte Scheiß ist da nur dabei. Haue meinen Fuß durch die Singles. Dem werd‘ ich schön was unter die Nase reiben, diesem Arsch! Der kommt daher und reißt mir hier mein Leben auseinander, diese Sau. Komm, setz dich, ich hol‘ dir ein Bier. Danke, Mann. Es ist jetzt schon zehn Uhr, und die langen Scheiben liegen alle noch vor mir. Alex legt mir die Hand auf die Schulter. Bleib mal cool, du must dir den Käse doch jetzt nicht so reinzerren, du hast noch über eine Woche Zeit und was ist denn, wenn du jetzt nichts kennst von der Kacke? Da ist doch keine Prüfung! Was würden die denn gucken, wenn wirklich deine Oma da auftauchen würde? Denk doch mal. Auch wahr. Aber als wenn er gar nicht da wäre: Ich lege Platte um Platte auf, mal übel, mal spottend langweilig, mal überdrüssig und vielleicht sogar mal nicht ganz so scheiße, z. B. die blöde five miles out, wo wir nicht vor Wut rumschreien müssen. Und es wird immer später und das Bier wird mehr und mehr. Wir wundern uns mit weit aufgerissenen Augen, wie dieser Spinner mit dieser fiesen Mucke so durchkommen konnte! Auf dem Teppichboden, pausenlos Zigaretten ausdrücken, tranken wir inzwischen wie gehetzt und gnadenlos, wußten wir auch nicht mehr wirklich was tun, was hören…

Noch vier Scheiben vor uns; dabei immerhin eine halbe gute, wie ich schon wußte. Was heißt eigentlich incantations? Weiß nicht, hast kein Wörterbuch? Gesucht: Beschwörung. In der Luft lag Musik, wie von Geisterhand. Da war nichts mehr konkret, da sangen Frauen oder vielleicht auch Elfen, da taten sich Grenzen auf und ich löschte das Licht, das letzte Bier in der Hand, im Hals. Ein Flöten in der Nacht und es nahm kein Ende mehr, irrlichterte und bog und krümmte und türmte und geigte und zerstob in Spiralen und Explosionen und plötzlich eine Stille und Alex atmete so laut, daß mir eine Angst die Kehle packte. Schnell am Schalter, seine Augen weit aufgerissen, den Mund sperrangelweit – ey, was ist mit dir? Siehst du Gespenster? Fuck! Mann! Fuck! Nee, nee, ich glaub’s nicht. Hey, was ist los? Hast du das gehört? Das ist so heiß und scharf, mann, das reißt dir die Eier ab. So einen Stoff hab‘ ich in meinem Leben noch nicht gehört. Dreh um, schnell und Licht aus. FUCK!

Die Hand nur noch am Volume, immer höher und weiter drehen bis die Sterne sich nicht mehr aufhalten lassen. So eine pechschwarze Dunkelheit haben meine Hände nie gefühlt. Ein Monolith. Schwere erleben. Geankert sein. Unter Wasser sinken und in neunzehn Minuten ertrinken, von Meerjungfrauen besungen und beschworen. Ich hatte nur zuviel Bier intus, doch meine Ohren waren offen. Ich weiß nicht, wie mir geschah. In spätem Schweigen wog mich das Wellenspiel der Imagination in einen sanften Schlaf, bis zur Morgenröte.

Hier waren wir in Fänge geraten, die größer waren als unsere Schnabelbreite. beyond belief…

Morgens saß ich im Zug. Mein Gesicht hatte einen grauen Touch erhalten. Einige Tage hatte ich kaum mehr einen Moment Schlaf abbekommen. Die Beschwörungen saßen mir fest im Genick, hielten mich im Griff, bemächtigten sich meines Lebens. Das Unaussprechliche trat in mein Leben, das progressive Element erschien am Horizont. Nie wieder lungern. Jetzt standen sie in der Tür: David Bedford, Kevin Ayers, Henry Cow, Gong, Robert Wyatt, möglichst noch Faust, Can und Tangerine Dream. Möglichst noch Hatfield and the North und Caravan, Soft Machine und die Hasenzähne Hugh Hoppers! Alles durch die Großen Arbeiten Mike Oldfields. Ein Wirbelsturm der mentalen Reinigung. Und immer wieder fand ich mich im Banne von ommadawn und incantations, konnte nicht davon lassen; zwei Kunstfälle, für die ich inzwischen morden würde. Alles Kunst wußte ich. Alles ausgedacht, erfunden und zusammengefügt. Doch die Urmaterie, aus der diese Glocken gegossen wurden, waren eines Geistes, dem ich mich kaum verwandt fühlte, der jedoch in meinem Inneren ein heftiges Rumoren verursachte. Mag im ersten Falle noch ein heftiger Bierregen mit einhergegangen sein, so waren die nachfolgenden Sitzungen rein und offen. Wieviel mehr kann ein Mensch in einem Kunstwerk zusammenfassen und weitergeben? Diese Frage beschäftigte mich, während der Zug gen Köln raste.

Angekommen überraschte mich eine nicht mehr ganz so junge Dame, die mit einem Schild, Aufschrift „Mike Oldfield“, herumwedelte und es mir frech vor die Nase hielt. Du bist wohl schon aufgeregt, heischte sie mich an. Ich schätzte einundvierzig. Im Hotel warten bereits die beiden anderen Gewinner unseres Preisausschreibens. Wir werden uns in der Hotellobby mit ihnen treffen und Mike wird um elf Uhr dreißig erwartet. Immerhin hatte meine Oma diesen Pappnasen mitgeteilt, daß sie selbst generös den Preis einen Wunderschaffenden zu treffen abtrete. Regina Gschwebel war übrigens der Name dieser Person, die es sich nicht nehmen ließ einen ziemlich kurzgeschnittenen Rock zu tragen, den ich mir genau besah, während ich sie über ihre eigenen musikalischen Vorlieben aushorchte. Seit sie – ich fragte nach, es waren zwei Jahre – für die WEA arbeitete, habe sie sich eigentlich überhaupt erst mit Musik auseinandergesetzt. Nein, von Mike kenne sie nur das neue Werk, ja, es sei erhaben und von weitem Horizont getragen. Neue Platte? Davon wußte ich nichts, nicht einmal mein Chef hatte davon berichtet. Mike Oldfield ist noch aktiv? Natürlich, voyager ist die dritte Platte, die er für WEA veröffentlicht! Jetzt hatte ich wirklich Sonne, Mond und Sterne vom Himmel geklaubt um mir dieses Treffen mit eigenem Engagement zu versüssen und nicht wie der letzte Dorfdepp dazustehen und dann das: Der Mann macht weiter und nun fiel mir auch selbständig ein: Vor Jahren ein Tosen um tubular bells 2 ! Ich ließ mich von Frau Gschwebel bequatschen, sie genoß mehr die kühnen Strukturen der Kölner Altstadt, jaha, so ein Dom. Meine Herren, sieben Jahrhunderte und wir trudeln hier einem mittelmäßigen Popstar in die Arme. Es wurde Zeit, daß wir am Treffpunkt einträfen, die verlorene, die böse verlorene Zeit. Und die Hand Gschwebels wies auf die Pforte, drauf wir endlich eintraten. Sie stellte mir Herrn Karl-Heinz Offermann vor. Sie stellte mir Herrn Edgar Steinbrunn vor. Zwei Herren, die auf dieses Preisausschreiben wohl ihr Leben lang gewartet hatten. Beide sahen nach gut abgehangenen und wohlgenährten Mittvierziger aus; Offermann mit Schnäuzer, der andere mit Vollbart. Frau Gschwebel deutete mit ihrem Zeigefinger in die stickige Luft: Wischlwischlschnarr. Ich verstand: Das Fahrstuhlgeseusel, welches unser wohlfeiles Zusammentreffen untermalte, war neuer Klangkleister aus der Hexenküche des Mannes, der nun gerade zu unserer Gruppe geführt wurde. Gefährlich lange Haare, dachte ich mir. Und schüttelte eine Hand mit Fingern, deren Aktionismus mir in den letzten Wochen das Leben zerrieben hatte. Mein Lächeln hatte ich eingefroren. Man wies uns Plätze, ein drohender Jubelsturm setzte über uns zum Angriff an. Offermann leuchteten die Augen, ich wußte nicht zwischen wagnerschem Walkürengeschwabbel und vergeistigter irischer Luftwaffe zu unterscheiden. Oldfield nickte bedächtig und sprach seine ersten Worte: „flowers of the forest“. Die beiden Bärte, allen voran der vermutliche Justiziarstarrat Offermann, legten leichte Fragen in die Luft, wie tätschelnde Fingerchen unter Gschwebels Röckelchen und Mikky tänzelte Antwörtelleins durch das Atmosphärchen, so lieb, so nett und die langen Härleins und fuchtelte mit dem Compact Diskchen umher, wodrauf ein halbnackter Ir(r)enschreck, der mit mir diesen Raum teilte und mir fiel der Block ein, den ich glücklicherweise eingesteckt hatte und Bart Offermann fragte nach Schwester Sally, nach Frau Sally (Mikky ließ doch da die Äugelein rotieren), Simon Philipps, Pekka Pohjola, den Oldfield erst nach in Falten legen des Stirnchens dem Vergesselchen entrisselte unter oh,oh,yeah,pekkathebassplayerwho traveledwithmearoundeuropein1979, aHHHja, ich hatte gelernt, die große Tour des Herren mit 50 oder so Musikern. Aber leider nichts von belang. Ich beugte mich vor und wies den vorlauten Offermann zurecht: no matter, mike, you worked partly on that record of pekka, which would be released under the title consequences of indecision or mathematical air display, partly as your record, or pekka’s, but the music is mostly pooey jazz rock without any consequences, as the title already suggests. may I ask you some questions? Mikky schüttelte sich nahezu übersehbar nach dieser Beschimpfung und zwischen Stocken und dem Versuch eines Schnaubens, nickte er. Bart Steinbrunn, der zuvor kaum mehr von sich hatte sehen lassen, als die Blicktreppe aufwärts an Gschwebels Beinen, stand der Mund offen. Ich sah mir den Block an, überflog die geißelnden Fragen, die ich meist im Suff kompiliert hatte, ließ den Hintergrundmusikenirrsinn für einen Moment auf mich einwirken, erhob mich, schritt auf den Weltstar zu, schüttelte ihm die Hand: thank you, Mike, for your first four records, which could possibly be the best music that will ever have crossed my way in this life, because it’s so fucking crazy and out of this world and inspiring and everlasting fresh, but the rest just absolutely sucks! Der drittklassige Cola-Ersatztrunk hatte das Rückfahrticket nicht vergessen. Auf die Straße gestolpert, lachte ich schallend, füllte meine Lungen mit bester Kölner Luft und irrte zurück meiner verduzten, lehrreichen Oma zu danken.

Guten Morgen. Aufstehen! Die Geschichte ist für heute zu Ende. Oder, wie es sonst immer heißt: That’s it, Folks! Tschüss dann, bis zum nächsten Mal, der ergebenste Hansen der Welt.