Eine Polemik gegen den Mittelstand

TW mental issues, eating disorder

Ich möchte heute aus den Trümmern des untergegangenen Reichs der sogenannten bürgerlichen Mitte, des Mittelstands berichten.

Ich habe dort viel Zeit als Gast gelebt. Den Niedergang habe ich am Rande stehend, mit einem Lächeln quittiert.

Blicken wir zurück. Wie lebte es sich dort, unter den Bürgern? Eng war es. In den kleinen Häusern, die nach den großbürgerlichen Villen ausgerichtet waren. In den Herzen, die tugendhaft zum Verzicht hin blickten.

Wer waren jene, die diese „Mitte“ bevölkerten? Es waren jene Familien, welche durch den harten Kampf um Menschenrechte, Arbeitsrechte, um Wahlrechte, durch die politisch linken Gruppierungen seit dem Beginn der Industriellen Revolution zu einem Maß an Wohlstand gekommen waren, der nach sich zog, daß das Brot des folgenden Tages meist gesichert war. Es waren keine reichen Menschen. Doch sie konnten sich in einer relativen Sicherheit einrichten.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Wenn die Ernährung für Deine Familie und Dich am nächsten Tag keine erneute Schlacht bedeutet, die Dich auf Dauer auslaugt und -zehrt, bis sie Dich eines Tages umwirft und nur ein weiteres Opfer der Umstände zu beklagen ist? Es ist gut, daß diese Situation für viele Menschen beendet wurde. Doch zurück zur Frage: Was macht es aus den Menschen? Dankbare Wähler der Parteien, die für ihre verbesserte Situation sorgten? Naja. Wenn eins auf die Ergebnisse der Reichtagswahlen ab 1871 (bzw. 1867 im Norddeutschen Bund) schauen, sehen wir, daß die Sozialisten erst ab 1890 eine signifikante Kraft werden, wobei in jener Zeit natürlich das Wahlrecht noch an Geschlecht und Einkommensverhältnisse („Steuerleistung“) angeschlossen war. Und es waren die Sozialisten, die gegen viele Widerstände bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gravierende Verbesserungen für die Arbeiterklasse erreichen konnten. Jene Klasse, die sich dann trotzdem in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 sich in den langen Schlangen der arbeitslos gewordenen Massen einreihten. Doch daran konnte letztlich auch die inzwischen zur SPD gewordene Partei nicht wirklich viel ändern, zumal ihr Wahlerfolg auch weit hinter die Erfolgszahlen prä-WW1 gefallen waren. Und die SPD war inzwischen auch zahmer, reformorientierter geworden (seit 1925), die härteren, unbeugsameren Kämpfer hatten sich in der KPD gefunden.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Ich greife diese Frage erneut auf. 1933 war ein Teil der Antwort: Nazis. Willige Helfer der nationalsozialistischen Diktatur. Willige Helfer in der kommenden Vernichtungsindustrie.

Es geht hier natürlich nicht nur um jene „Aufsteiger“ aus der Arbeiterklasse. Es geht auch um jene Menschen, die schon im Kaiserreich eine gesicherte, mittlere Existenz lebten. Es geht um jene, die vor dem Adel buckelten. Die nach dem November 1918 den deutschnationalen Traum von der Wiederkehr des Kaiserreichs träumten und sich dafür auch mal für ein Freikorps anwerben ließ. Wie viele dieser Existenzen waren 1945 wohl entweder aufgrund des 2. Weltkrieges tot, kriegsgefangen oder standen vor den Ruinen ihres ehemaligen Besitzes? Und wie gerecht das ist! Steigbügelhalter des Faschismus haben nichts anderes, als den persönlichen Untergang verdient. Befehlsnotstand, my ass!

Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg hat auch die Wiederkehr jener „bürgerlichen Mitte“, des Mittelstands gebracht. Genügend Menschen, die nicht reich waren, aber sich nicht um das Brot von Morgen zu kümmern brauchten.

Spüren Sie meinen Unmut gegenüber diesen Menschen? Warum sollte ich jener Klasse negativ gegenüberstehen, deren langjähriger Gast ich war? Ja, ich stamme aus dem Arbeitermillieu. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es schlechter, als meiner Familie ging. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es besser ging. Was ich in den ersten Jahren meines Lebens nicht kennenlernte, waren z. B. People of Color. Es gab in diesem Teil der deutschen Provinz einfach keine. Dafür hatten wir als Kinder aber gewaltige Angst vorm „schwarzen Mann“ in Fangspielen zu Zeiten der Grundschule, die mehr als alles andere ein grausames Gefängnis war, mit Strukturen, die Andersartigkeiten aller körperlichen Arten sanktionierte und die lautesten, aggressivsten Zöglinge nach vorne spülte. Dort wurden Männer gemacht. Dort wurden Plätze in den Hierarchien erkämpft. Noch heute würde ich diesen Ort am liebsten niederbrennen. Diesen Ort, an dem niemand anderes sich bewegte, als die deutsche, weisse, sexuell zu normierende Mittelklasse, ob nun aus Bürgertum (wenige) oder Arbeiterklasse (die Mehrheit) stammend. Bewacht von Lehrpersonen, die sich auch auf Hierarchien und Handgreiflichkeiten verliessen. Allen gemein war inzwischen, das sie die Mittelstand darstellten. Selbst ich, der Gast.

Der oben erwähnte, eigentlich beendete Überlebenskampf wurde hier nachgespielt in Szenarien, die sich tagtäglich wiederholten und den Willen zum Überleben unter den Unterlegenen nicht förderten. Ich sah einen Knaben, vielleicht neun oder zehn, der von einer Horde kreischender, schreiender Soldaten to come, aufs Blut gereizt wurde, der in einer Jagd über eine Kette springen wollte, ein Fuß verfing sich, der Junge prallte mit dem Gesicht auf den Asphalt. Blut, Blut und Zähne auf dem Boden, Blut überall. Was war der Grund, warum dieser Mensch zur Zielscheibe wurde? Er litt unter Albinismus. Und er war ein Fehler im Muster dieser „Mitte“-Menschen, die schon in Besitzansprüchen dachten und handelten.

Ja, ich will diesen Ort der Gewalt niederbrennen sehen. Als ein nachhaltiges Zeichen gegen die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland.

Eins mag über Film „Fight Club“ denken, was eins will. Aber dort taucht folgendes Zitat auf:

„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen“

Es mag der einzige vernünftige Satz in jenem Film sein, aber er sagt sehr viel über den Mittelstand aus. Die Verwobenheit der Menschen untereinander im Bezug auf ihren Besitz wird hier genau seziert und sie ist toxisch.

Wie oft hörte ich Gespräche in jedwedem Rahmen, in denen über andere Menschen gesprochen wurde. Vielleicht 5% dieser Gespräche hatten einen empathischen Grund, ein „jenem Menschen müßte geholfen werden“. In den anderen Fällen handelte es sich um Neuigkeiten im Leben anderer Menschen, Fehltritte, neuerworbener Besitz. Okay, das kann einfach Gossip sein. Aber lasset die Themen nicht auf Nischen der Gesellschaft kommen, auf sexuelle Graubereiche, wie sie LGBTQIA für den Mittelstand darstellt! Der Mittelstand greift doch gerne zum Sagrotan, um sich rein zu halten. Selbst über Homosexualität wird noch zu oft im Flüsterton gesprochen. Aber Transsexualität wird gar nicht gesprochen, weil nichts gewußt wird. Es erscheint, als träfen sich diese Leute auch gerne an Orten, die den Kampfkellern im „Fight Club“ ähnlich sind. Aber, „was wissen wir schon, über diese Leute“, denkt sich der Mittelstand und versemmelt noch ein paar Tausender an Aktienmärkten, von denen er nichts versteht.

Und dieser mittelständische Hang zum Fleischverzehr. Ich entschuldige mich nicht mehr für meine militant gewordene Haltung gegen diese Ernährungsform. Ich kämpfe seit meiner Kindheit dafür kein Fleisch essen zu müssen. Diese verfaserte Etwas, diese Fettstreifen, die sich dadurch ziehen. Dieser Hang dazu, das Fleisch müsse noch blutig sein. Wie widerlich kann eins sein, solches zu essen? Und kommt mir keiner mit – was weiß ich – Proteinen, Fetten, etc., die mir fehlen sollen. Es reicht mir, wenn ich diesen Ekel nicht mehr erleben muß, den ich Jahre über mich ergehen lassen mußte, wenn ich dem Mittelstand beim Verzehr von Lebenwesen zusehen mußte.

Gast dieser Klasse gewesen zu sein, läßt mich Freude über ihr Ende empfinden. Darüber, daß vor allem Ängst, zumeist irrationale Ängste wie Salpetersäure durch die tragenden Wände des Mittelstandes gefressen haben, um diese letztlich zum Einsturz zu bringen. Die Ängste über Menschen, wie mich, die wie Viren in diesem Organismus agierten. Über Menschen, die fremde Bräuche, Religionen, einfach nicht ablegen wollten, und sich der als Integration getarnten Assimilierung widersetzten.

Der Mittelstand hat nie verstanden, daß Menschen Individuen sind. Deswegen hat sich der Mittelstand in den Weltkriegen mit Macht in die Schlachten gestürzt, denn der einzelne zählt nicht mehr. Hat der Mittelstand mit Macht die Nazi-Vernichtungsmaschinerie geölt und am Laufen gehalten, denn die netten, anständigen Leute mußten unterstützt werden gegen das Fremde, gegen das Unvölkische. Würde der Mittelstand auch jede neue nationalistische Diktatur mit Macht unterstützen, aus den gleichen Gründen.

Mittelstand, du hast einfach nicht verstanden, daß deine Feinde nicht jene sind, die du verfolgen würdest, wenn es wieder Zeit dazu würde. Zünde lieber jene Banken an, die dein Vermögen vernichteten.

Pegida – na und?

Liebe Welt,

genau diesen Titel trägt das heutige Textchen. Und es ist im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte so tituliert. Warum? Einfach lesen.

Pegida – na und?

In einem unbedeutenden Winkel einer vom Autor nicht beglaubigten Nebenhölle, sitzt Andreas Baader. Sein Höllennachbar, ein ehemaliger SS-Offizier, hat ihm von „Luschen, die sich Pegida nennen“ erzählt. „Nicht einmal eine vernünftige Abkürzung!“ Der Offizier verzieht die Mundwinkel. Und Baader nickt. Als er später wieder alleine ist, denkt er nach. Pegida Frigida! Baader stellt sich dazu eine schwedische Softporno-Darstellerin mit dominierendem Rollenverhalten vor. Er legt eine Platte auf, zündet eine Zigarette an, stellt sich die Standardfrage „Problem oder Lösung“ und beginnt, einen Gerhard-Richter-Druck mit dem Abbild seiner alten Flamme Gudrun in der Hand, zu masturbieren. Später schläft er ein.

Wäre dieses Szenario nicht erfunden, so könnte ich behaupten, Andreas Baader hätte das Wesen der Pegida erfaßt, als er einschlief. Um es anders zu sagen: Dieser Club wird überbewertet.

Ich weiß, das beide Seiten der Pegidischen Medaille aufschreien. Die einen werden sich sicherlich verkannt fühlen, in ihrem Bemühen islamistische Gefahrenmomente und andere Schimären zu bekämpfen. Die andere Seite droht mit allen verfügbaren Zeigefingern und warnt vor den dunklen Potentialen, die von diesem Pulk ausgehen kann.

Wovor fürchten sich die geknechteten Spaziergänger eigentlich? Da sind die bereits angesprochenen Islamisten. Menschen, die eine ausgedachte, verschärfte Koran-Version in ihren Händen, einen flammenden Islam über alle Mitbürger, bereits gläubig oder immer noch stur auf Anti gebürstet, bringen möchten. Haben Sie, liebe Leserin, den Fehler bemerkt? Der Islamist möchte nicht. Er macht. Der Islamist hat quasi immer was zu tun. Ich werfe dazu mal die Frage in den Raum: Das Pegida-Deutschland wird also gerade von diesen Schwerterschwingern heimgesucht? Lörrach soll schon gefallen sein! Oder wo mögen diese Bangheit in der Großpackung verteilenden Assassinen die Grenze überschreiten? Wo ist der Rubikon für Pegida Frigida?

Damit soll nicht gesagt werden, daß die neuzeitlichen Kalifen mit ihren bluttriefenden Idealvorstellungen eines männlichkeitsstrotzenden Gottesstaates nicht eine Gefahr darstellen! Jeder Vollidiot, der seinen Wahn auf andere Menschen übertragen möchte, ist eine Gefahr. Und wenn sich Vollidioten auch noch zusammenrotten und schlimmerweise Waffen benutzen, ist die Gefahr akut. Und was die Jungs und Mädels von „Iris, Isis, Penis“ (kleines Monty Python-Zitat, sorry) anbelangt, ist die Gefahr schon im roten Bereich. Eigentlich ein Fall für Bruce Willis oder andere Weltenretter. John Wayne. Die siebte Kavallerie. Wenn man diese Typen mal braucht, sind sie entweder tot, erfunden oder im Urlaub. Also eher Karl Martell 2.0. Zum Beispiel. Der Prototyp hatte mal in Südfrankreich sich den Eintritt in die neu zu errichtende Pegida-Ruhmeshalle erworben. Hier wäre dann noch zu klären, ob – auch wenn man wacker die üblen Islamkrieger schlägt – dieser Sieg auch qualifiziert, wenn er nicht auf deutschem Boden errungen wurde. Wie der schon genannte Bruce Willis in zahllosen Vorlesungen lehrte, schmeckt der Triumph am Besten, wenn er im aller-aller-allerletzten Moment und mit viel, viel Schmutz im Gesicht errungen wird. Und natürlich im schweißtriefenden Alleingang. Karl Martell soll hingegen eine Armee im Schlepptau gehabt haben. Stellen wir uns daher mal vor, es sei keine Armee, sondern bloße Schlachtenbummler gewesen, die ihren Hammer-Kalle (Das ist mal richtig feiste deutsch! Leider ist der Kerl Karl aber nur ein Franke gewesen. Nein, nicht die Leute, die immer Schäufele oder so essen, sondern die Franken genannten Germanen (Germans, ya know?!), die übel verirrt später Frankreich aus der Taufe heben sollten. Was vermutlich jeden eifrigen Nationalisten zu Stirnrunzeln bringt. Aber ach, die Nachwehen der Völkerwanderung, da hatten viele die Orientierung verloren) angefeuert haben. Wenn also schon die Schlacht in Frankreich disqualifizieren sollte, muß leider auch der tolle Prinz Eugen draussen bleiben. Auch er agierte im Ausland, gar im tiefsten Serbien, als er sich – ebenfalls von etlichen Schaulustigen begleitet – mit bewaffnetem Muselmanentum maß. Vielleicht können sich die Pegiden an einem der nächsten Montage mal über die Errichtung und die Einlasskriterien ihres eigenen Wallhalls unterhalten, und mal nebenbei etwas konkretes für die deutsche Bauwirtschaft tun. Ja! So muß das. Nicht immer nur nörgeln und nölen! Und dann noch drüber wundern, wenn man unbeliebt ist. Else Kling konnte auch kaum jemand leiden.

Was ist dann jedoch gegen die Kalifen zu tun? Bekämpfung vor Ort. So sehr ich auch ein Pazifist bin, gegen Gotteskrieger greife ich nicht zum Schwert wegen gleicher Waffen, sondern mindestens zur halbautomatischen Feuerwaffe. Wer in den selbst entfesselten Krieg zieht, und dabei einen Gott im Gepäck trägt, zählt zu den erwähnten hochgefährlichen Vollidioten. Wie schon Kreuzritter, Konquistadoren, Maoisten (Bibel? Ha!), Sarazenen. Wer dies tut, spielt willentlich mit dem Feuer, wie Paulinchen im Struwwelpeter. In meinen Augen ist Religion Privatsache. Und ich glaube höchstens an den Zweifel. Und im Zweifel ist kein Platz für die Gottesstreiterei. Daneben ist mir jedoch auch gleich, ob das Stadtbild von Köln irgendwann von einer Moschee bestimmt wird, oder weiterhin vom Dom. Oder einem Eichenhain. Das nenne ich dann auch nicht persönliche Weltoffenheit, sondern persönliche Ignoranz des Glaubens der Anderen. Und ich empfinde es durchaus als wichtig, Mitmenschen auch hin und wieder aktiv in Ruhe zu lassen. Die Worte „hin und wieder“ sind im letzten Satz betont. Es muß für Menschen im 21. Jahrhundert wieder möglich werden, einander in die Augen zu blicken, ohne allumfassende Wertungen vorzunehmen, die auf jedem jemals geäußerten Buchstaben in den sozialen Medien fußt. Die Forderung nach der Möglichkeit des Vergessens im Internet wird von mir begrüßt. Und so sollte jeder Pegidist auch wieder aufgenommen werden, wenn er erkennt, daß er falschen Forderungen, Hoffnungen nachgeeilt ist.

Was ist falsch daran, Pegida zu folgen? Vergessen Sie, liebe Leserin, bitte die Pamphlete der weltoffenen, nicht rassistischen, nicht phobiegeplagten Menschen. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Bürger im heutigen Mexico. Man schriebe das Jahr 1520 unserer Zeitrechnung. Ihre Nationalität sei aztekisch. Sie marschieren innerhalb eines Pulks an Mitbürgern und protestieren gegen die kriegerischen Ambitionen von fremden Volk, das sich mit allerlei Schiffen aus dem fernen Osten zu Ihnen begeben hat und das scheinbar wenig Willens ist, mit leeren, nicht bluttriefenden Händen sich wieder hinfort zu heben. Liebe Leserin, mit Ihrem heutigen Wissensstand ist Ihnen klar, daß ich Sie in diesem Beispiel auf die Verliererseite der spanischen Eroberung Mesoamerikas stelle. Sie und ich wissen, daß kein Azteke je zu einem Plakat griff, um gegen die spanischen Eroberungspläne zu protestieren. Das hätte im Nachhinein ähnlich blümchenhaft gewirkt, wie ein Protestzug irgendwo in Polen im August 1939, der das Bild vom bösen, imperialistischen, kriegslüsternen Deutschen malt. Und niemand könnte heute sagen, eine Warnung vor diesen so beschriebenen Deutschen hätte keine Realität besessen. Haben die Pegidisten eine ähnliche Rechtfertigung anzubieten? Nein. Sie sehen zwar Gefahrenpotentiale, doch sind diese noch lange nicht am schon erwähnten Rubikon angelangt. Es gibt die Möglichkeit innerhalb aktueller deutscher Grenzen einem Akt des Terrors von islamistischer Seite

zum Opfer zu fallen. Ebenfalls gibt es die Möglichkeit innerhalb aktueller deutscher Grenzen einem Akt des Terrors von rechtsradikaler, nationalistischer Seite zum Opfer zu fallen. Beides kann deutschen Staatsangehörigen geschehen. Und wichtig ist, daß die Gefahrenpotentiale von rechtsradikaler Seite höher anzusetzen sind. Verwirrung könnte jedoch stiften, wenn sich rechtsradikale Täter auch noch als Christen outen! Das macht aus einem sogenannten Hassverbrechen, eine Tat mit religiösem Hintergrund. Der Ku-Klux-Clan arbeitet schon seit längerem an Studien zu dieser Umdeutung der verbrecherischen Motivation. Passend zum geistigen Niveau schuf der Clan jedoch nur eine Karnevalskostümierung, die weder kleidsam ist, noch in ihrer der Burka abgekupferten Vollkaschierung besonders christlich oder couragiert daherkommt. Doch eines verbirgt dieser Mummenschanz sehr gut und gültig: Die Angst, die sich unter der Maske verbirgt. Wer Plakate für Pegida trägt oder eine Zwei-Löcher-Augen-Kapuze zum Grillfest trägt, hat ein Angstproblem.

Wovor fürchten sich diese Leute? Vor dem Islam. Nein, nicht wirklich. Sie fürchten sich vor einer Änderung des Status Quo. Sie fürchten sich vor Änderungen, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Protestler fürchtet, daß sein großer oder auch gerne kleiner Wohlstand plötzlich gefährdet wird. Er fürchtet sich, daß seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen gefährdet werden. Dahinter sieht er die Fremden am Werk. Hand in Hand mit einer fremdenfreundlichen Politik, flankiert von liberaler Lügenpresse. Dem ist jedoch nicht so. Es mag sein, daß Teile dieser Erklärung hin und wieder greifen können, doch im Großen und Ganzen ist es Humbug. Die Problematik liegt an anderer Stelle:

Wer wird uns – nicht nur in Deutschland, sondern quer über die sogenannte westliche Welt – retten, wenn wir weiterhin aktiv sämtliche mittelständischen Strukturen zerstören? Ich fürchte mich nicht vor einer Islamisierung, als vielmehr vor einer Amazonisierung. Frei nach dem alten Greenpeace-Spruch über den letzten gefällten Baum, sage ich: Wenn das letzte unabhängige Einzelhandelsgeschäft schließt, werden wir feststellen, daß alle Städte der Welt endlich gleich aussehen. Welch eine verlockende Vision! (Achtung: Sarkasmus) Wir werden nie wieder reisen müssen! Wir werden nie wieder Mißverständnisse mit fremden Menschen haben, denn wir alle haben den gleichen Hintergrund. Wir werden endlich die Möglichkeit haben, als Mitarbeiter eines der letzten fünf globalen Konzerne zu gleichen Hungerlöhnen zu arbeiten, wie jeder andere Menschen überall auf diesem Planeten. Hier hilft kein Protestmarsch oder Spaziergang. Hier hilft nur die Einsicht, daß jedes Produkt auf dieser Welt seinen Preis hat. Gilt sowohl für Elektroartikel, Kleidung, Hühnerei. Jedes Produkt hat seinen Preis. Die wichtige Erkenntnis ist die: Wer zahlt den Preis? Wenn wir, die Konsumenten weiterhin darauf beharren, mit der Hilfe überregional agierender Konzerne (nennen wir hier ruhig einmal Aldi als einen Vorreiter dieser Entwicklung), den Produzenten diesen Preis zahlen zu lassen, müssen wir uns über die Rechnungen, die von dieser Seite nicht mehr beglichen werden können, nicht wundern. Worin bestehen diese Rechnungen? Produktionsverlagerungen, Dumpinglöhne und Einfuhr billigster Arbeitskräfte, Kampf gegen ökologische Mindeststandards. Sicherlich habe ich noch manches Schlupfloch übersehen oder vergessen. Dennoch möchte ich anmerken, daß nicht jeder multinational agierende Warenproduzent von Grund auf verdorben ist und nur alleine auf Profitsteigerung aus ist. Der sogenannte Druck des Marktes entsteht nicht nur durch die produzierenden Marktteilnehmer, sondern wird auch durch den Abnehmer und Konsumenten erzeugt.

Eine Bekleidungsfabrik in Bangladesh, in der Näherinnen zu höchster Produktivität geprügelt werden, dabei diese nur Hungerlöhne erhalten, ist kein Entwicklungsprojekt. Es ist blanker Hohn! Hier ist klar, wer den Preis für unsere günstige Kleidung zahlt. Ein faires Projekt säe so aus, daß in einer solchen Fabrik Kleidung für den Markt in Bangladesh produziert wird, die Näherinnen einen für das Land gerechtfertigten Lohn erhalten, Arbeitszeitregelungen, sowie Regelungen rund um die Herstellung von Waren den Errungenschaften unserer Gesellschaft angepaßt würden. Wenn ein solches Unternehmen dann eine Ware herstellt, die global nachgefragt würde, wäre dies positiv zu sehen, jedoch müßte ein korrekter Preis dafür bezahlt werden. Sind wir dazu willens? Sind wir auch bereit dazu, die Art und Weise, wie Globalisierung bisher definiert wird, weiter zu tragen? Wäre es nicht wünschenswert, an Stelle einer aus dem fernen Osten importierten Bluse, an der vielfarbiges Blut klebt, diese nicht bei der lokalen Näherei zu kaufen? Global denken und lokal handeln! So heißt es seit Jahrzehnten. Doch dazu ist eigenes Handeln nötig und es läßt sich dazu schlecht über die Politik schimpfen.

Globalisierung sollte nicht heißen, daß ich als Konsument meine Wünsche von überall zu günstigstem Preis erfülle, sondern jedem Menschen offen begegnen kann. Wenn ich jedoch als Ausbeuter auftrete, muß ich mich nicht über Hass wundern, der mir entgegenschlägt. Wenn ich als Ausbeuter auftrete, werden die Ausgebeuteten irgendwann vor meiner Türe stehen, um sich das Raubgut zurückzuholen.

Pegida ist abzulehnen, doch eine Änderung unserer Kultur ist dringend von Nöten. Anpacken!

P.S. 1: Warum starte ich mit Andreas Baader? Er wäre als Opportunist, Nachplapperer, Egozentriker eine tolle Führungsfigur dieser Bewegung. Ich hoffe nur, daß die Pegidisten klug genug sind, nicht den Weg des bewaffneten Kampfes aufzunehmen und damit Baader wenigstens in dieser Hinsicht zu überragen.

P.S. 2: Am 07.01.2015, als ich mir erste Gedanken über diesen Text machte, mußten in Paris zwölf Menschen sterben. Ein widerliches Verbrechen, ein barbarischer Akt des Terrors. Ich wünsche den Tätern die Justiz, wie sie vor dem Attentat Bestand hatte, an den Hals. Nicht einen Gott, nicht einen Lynchmob oder eine tödliche Geschlechtskrankheit. Nein, die Justiz. Das ist die Stärke unserer demokratischen Gemeinwesen.