Glitzacatz – Kapitel VIII

Kapitel Acht

Mütterchen Ennia hatte ja nicht umsonst der Katerei die Tür für ihre Untersuchung geöffnet. Sie hatte neben der harten Arbeit in diesem von vielem verlassenen Bergdorf immer wieder gerne Kriminalromane gelesen. Und sie war pfiffig. Nachdem die männlichen Protagonisten und Salynna den Ort verlassen hatten, schnappte sie sich eine bereitstehende Dose mit Gebäck und spazierte hinüber, um der „Wandernden Sonne“ einen Besuch abzustatten. Es dauerte nach ihrem Klingeln eine ganze Weile, bis eine unsicher wirkende Person die Tür öffnete.

„Hallo, ich bin Mütterchen Ennia. Ich wohne da, gegenüber, sehen Sie? Ich wollte Ihnen ein wenig Gebäck bringen. Darf ich kurz eintreten? Wie heißen Sie?“

Die Person wisch zurück und sah Mütterchen Ennia mit ganz großen Augen an, sprach jedoch nicht.

„Darf ich eintreten?“ schob das Mütterchen noch einmal nach und öffnete die Gebäckdose, blickte der Person tief in die Augen. Diese wisch noch einen Schritt weiter zurück und starrte weiter. Da tauchte, laut schimpfend Woosh Wuschinski im Hintergrund auf. Wuschinski hielt sich für das wichtige, weil selten vorkommende fünfte Rad am Wagen der „Wandernden Sonne“.

„Peppy, komm von der Tür weg. Du weißt, du sollst da nicht hingehen. Hallo!? Wer sind Sie? Entschuldigen Sie, es hätte noch etwas gedauert, bis ich an die Tür kommen konnte. Es tut mir leid, daß Peppy Ihnen geöffnet hat. Sie ist halt nicht ganz bei sich. Ich hoffe, Sie sind… das sind ja Plätzchen! Sind die selbstgemacht? Kommen Sie doch herein. Gestatten Sie, Woosh Wuschinski. Und Sie heißen nochmal?“

Inzwischen war Mütterchen Ennia den Flur des Hauses hineingeführt worden und rechter Hand in ein Empfangszimmer geführt.

„Hier nennen mich alle Mütterchen Ennia. Herr Wuschinski, Sie sind doch sicher der große Chef dieser Gruppe, nicht wahr? Hier greifen Sie doch bitte zu.“

Wuschinski wurde tiefrot im Gesicht. Nach einem weiteren Moment erschien ein leicht beschämtes Grinsen, das dann aber an Kraft gewann, blickte er das Mütterchen an und bot ihr Tee an. Mütterchen Ennia, die genau wusste, daß Wuschinski weniger als nichts in dieser Gemeinschaft zu sagen hatte, sah mit einer sanften Freude, daß sie hier vielleicht eine neue Agenda gestartet hatte. Sie nahm das Angebot gerne an. Gleichzeitig fragte sie sich, was mit dieser Peppy-Person sei. Diese habe über alle normalen Verstörtheiten hinweg Rekorde gebrochen in ihrer schreckhaft, gebückten Haltung. Dazu die fehlenden Worte, der glasige Blick. Eine weitere Person, die von Wuschinski mit Birdy angesprochen wurde, brachte den Tee. Auch diese sprach selber gar nicht, wirkte jedoch darüber hinaus standfester, unerschrocken. An der Oberfläche tauschte Mütterchen Ennia weiter mit diesem Wuschinski Floskeln des kleinen Geredes aus. Als ein Moment des Schweigens eingetreten war, sah sie ihn an und brach endlich die Stille:

„Was machen Sie alle hier eigentlich, Herr Wuschinski? Erzählen Sie mal.“

Und Wuschinski erzählte.

„Nun ja, Frau Ennia. Wir sind eine Gruppe Menschen aus Amerika. Außer natürlich unserem Meister, der große Salvatore, der stammt aus diesem Ort, wohin er uns nun zurückgeführt hat in seiner Gnade. An diesen schönen Ort. Sie müssen hier ja ganz paradisisch leben, oder?“

Ohne eine Antwort von Mütterchen Ennia abzuwarten, plapperte Wuschinski weiter.

„Wir beten die Sonne an. Und damit wir an jedem Tag genug Sonnenenergie erhalten, legen wir uns unter unsere Sonnographen, die mit Licht direkt von der Sonne gespeist werden und uns erquicken. Meister Salvatore läst uns an diesem Wunder teilhaben, denn er hat die Sonnographen erfunden.“

Wuschinski griff sich ein Plätzchen und geräuschvoll wurde es verschlungen. Noch bevor er fertig war, griff er den Faden wieder auf.

„Sehen Sie, Frau Ennia, jeden Tag preisen wir die Sonne und auch Meister Salvatore, und dann legen wir uns unter die Sonnographen und dann speisen wir, machen ein wenig Froharbeit für Meister Salvatore und dann dürfen wir wieder unter den Sonnographen, bis die wahre Sonne hinter dem Horizont versinkt. Es folgen noch etwas Speisen und Froharbeit, bevor wir uns in unsere Betten legen dürfen.“

Mütterchen Ennia beugte sich vor, legte ihre Hand auf Wuschinskis Knie und blickte ihm tief in die Augen.

„Was ist denn Froharbeit, Herr Wuschinski?“

Dann reichte sie ihm die Plätzchendose, damit er nocheinmal kräftig zulangen konnte.

„Ja, die Froharbeit. So nennt es unser Meister Salvatore. Wir haben etwas zu tun und sind dabei froh. So ist das, sehen Sie. Und wir singen bei der Froharbeit. Das ist wichtig. Wir singen immer über das, was wir gerade tun. Sehen Sie, Frau Ennia, sehen Sie, wir haben sonst ein Problem mit der Zeit, Frau Ennia.“

Diese schaute ihren Gegenüber lange an. Was sie nicht wußte, war, das jener Woosh Wuschinski unsterblich war. Und so verstand sie nicht, welcher tiefe Schmerz in seinem letzten Satz steckte und wie sehr er sich über die Gesänge während der Froharbeit freute. Wuschinski bestand seit vielen Jahrzehnten auch nur noch aus den Bedürfnissen nach Gesang, nach Gespräch, nach langem Schlaf, doch dieser war in Meister Salvatores Gemeinschaft nicht so gerne gesehen. Doch die Gespräche, die erarbeitete sich Wuschinski in jeder sich bietenden Situation. Er blockierte in jedem neuen Domizil, das die Wandernde Sonne belegte, das erste Zimmer zur Ausgangstür, um jederzeit mit Menschen von Außerhalb ins Gespräch zu kommen. Und Wuschinskis offene, umarmende Art des Umgangs bescherte diesem Zirkel auch immer wieder neue Mitglieder, die vermuteten, das alle Mitglieder der Wandernden Sonne einen solch erfrischenden Charakter hätten. Das er unsterblich sei, wurde Woosh Wuschinski selber erst im Laufe seiner Existenz bewußt, als er bemerkte, das andere Menschen geboren wurden, aufwuchsen, alterten, starben. Er war eines Tages gegen Mittag in einem Zimmer in einer schweizerischen Stadt, möglicherweise Genf, zu Bewußtsein gekommen. Das Jahr mußte 1698 gewesen sein, so vermutete er heute. Zuviele Erinnerungen blockierten inzwischen maßgebliche Teile seines Hirnes, und Wuschinski suchte geradezu nach weiterer Nahrung für dieses, wenn er Menschen ansprach. Ihm fielen die vielen Jahre, die Jahrzehnte und Jahrhunderte zur Last, die seinen Körper einfach nicht altern ließen. Das ihm die Regelmäßigkeiten des Lebens bei der Wandernden Sonne gut tun würden, hatte er nicht vermutet, als er sich von Delayo beschwatzen ließ, sich dieser Sekte anzuschließen. Er sah es seinerzeit nur als einen erneuten Ausflug in einen verqueren Spleen an, der ihm die unvergehende Zeit vertreiben sollte.

Woosh Wuschinski hatte nun tatsächlich einige Momente geschwiegen, während sein Blick feste über der Plätzchendose hing. Nun wanderte seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Gast:

„Sie wohnen hier gegenüber? Wir werden wohl länger hier sein und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie öfter mit diesem wundervollem Gebäck zu Besuch kämen. Ich könnte Sie dafür ein wenig in unsere Lehre einführen.“

„Ach, das hat noch Zeit, lieber Herr Woosh, erzählen Sie mir vielleicht mal etwas über Jimmisch Joah? Den kennen Sie doch auch sicherlich sehr gut? Er ist doch ein guter Freund Ihres Meisters, dem alten Salvatore. Den kannte ich ja schon als junges Früchtchen, als er hier mit dem Fahrrad durch die Straßen brauste.“

„Oh, oh! Der Jimmisch Joah, das ist jetzt nicht unbedingt ein Freund für uns. Wissen Sie nicht, daß er mit dem blutrünstigen Traw zusammenarbeitet? Immer wenn er uns besuchen kommt, ist danach alles Gebäck versteckt oder auch gegessen, von ihm oder von Meister Salvatore, das weiß ich nicht so genau. Meister Salvatore ist dann auch immer etwas ungeduldig und möchte, daß wir noch viel mehr der Sonne fröhnen und am nächsten Tag dann sehr viel mehr Singen und Froharbeit leisten, als wenn dieser Jimmisch Joah ihm einen üblen Geist auferlegt, verstehen Sie? So, als wenn Meister Salvatore vielleicht sogar selbst die Sonne bräuchte? Aber er ist doch selbst auch die Sonne! Deswegen mögen wir den Jimmisch Joah gar nicht so gerne.“

„Oh, das wußte ich nicht. Das tut mir leid, wenn er ihnen Sorgen bereitet. Von diesem Traw habe ich auch noch nie gehört. Wieso soll der denn so blutrünstig sein?“ Mütterchen Ennia spitzte ihre Ohren, sah Woosh freundlich an und reichte ihm einmal mehr die Dose. Dies schien ihn sehr zu beruhigen, doch nur kurz, denn nun dachte er an…

„Nein, nein, nein, diesen Traw möchten Sie nie kennenlernen. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber schon so viel über ihn gehört. Er legt Ihnen seine Tatze auf die Schulter und die Klauen bohren sich einfach so direkt tief in Ihr Fleisch, so das Sie schon nach ein paar Minuten verblutet sind. Er spricht wohl kaum, nur immer einige Wortfetzen und er trifft sich nur mit Ihnen, wenn er Ihr Leben will! Meister Salvatore, bewahre uns vor diesem Monster! Oh, oh!“

Der arme Woosh war in seiner Erregung gefangen und hochgefahren, nun sackte er zusammen, weswegen Mütterchen Ennia sich erhob, ihm beruhigend auf die Schulter klopfte und sich empfahl. Wuschinski blieb noch einige Minuten, wie unter Schockstarre, auf seinem Stuhl sitzen. Peppy kam, um ihn zum Gesang abzuholen, und damit regten sich auch wieder alle Lebensgeister in Wuschinskis Körper. Erschrocken jedoch mußte er feststellen, daß Mütterchen Ennia die Plätzchendose wieder mitgenommen hatte. Es war ein Grauen auf dieser Welt!

GlitzaCatz – Kapitel V

Kapitel Fünf

Es mag den geehrten Leser*innen schon aufgefallen sein, daß in dieser absonderlichen Geschichte zu Beginn ein Szenario geschildert wurde, das bisher nicht mehr widerkehrte. Darin waren wir schon dem inzwischen zum Industriellen aus Mailand aufgestiegenen Paulo Schmitz begegnet, der dabei Geschäfte mit Salvatore Delayo, dem Gründer der „Wandernden Sonne“, in die Wege leiten wollte. Beobachtet wurde das Geschehen von zwei Mitgliedern der Katerei, Wagner und Alessandro, die dabei von Mütterchen Ennia unterstützt wurden. Das Ziel des Schmitzchen Geschäftes war die Schauspielerin Salynna, die sich bei der „Wandernden Sonne“ von dem Rausch ihres bisherigen Lebens erholen wollte. Schmitz wollte sie als neue Werbeträgerin für seine Café-Intravenös-Kette gewinnen. Alles so simpel und wenig kriminell, wie ein Brötchenkauf in Chicago. Und trotzdem hatte die Anwesenheit der Katerei auch ihren Grund, doch lag dies eher an Delayo, der durch über den Globus verteilte Stützpunkte seiner Sekte auch die Einnahmen munter verschieben ließ, bis alle Spuren beseitigt waren und alle Finanzbehörden darüber rätselten, ob nicht die „Wandernde Sonne“ durch staatliche Zuschüsse vor ihrem Ruin zu retten sei.

Dieser Salvatore Delayo stand, nachdem Paulo Schmitz sich verabschiedet hatte, noch einige Momente auf dem durch die Katerei überwachten Dorfplatz und sinnierte. Er fuhr sich mehrere Male mit der Hand über seinen schlecht geschorenen Kopf, blickte wie ein Chameleon immer wieder aus hervorquellenden Augäpfeln in verschiedene Richtungen und winkte auch Mütterchen Ennia zu, die er an ihrem Fenster stehen sah.

Immer noch nicht tot, die alte Schnepfe“, dachte er, als sich in Richtung des von ihm angemieteten Zentrums für seine Schar machte. Er trug schwarze Lederstiefel, mit eingelassenen Adlerschwingen. Die Stiefel liefen in der Spitze äußerst schmerzhaft zu, doch trug Delayo seit seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dieses Model, so daß seine Zehen seither genügend Zeit hatten, um komplett zu verkümmern.

Er öffnete die Tür und traf direkt auf Klapp Klappowitsch, seinen Adlatus. Dieser hatte vermutlich einen komplett anderen Namen, welchen Delayo schon lange vergessen hatte und sich sowieso nie dafür interessiert, ihn derweil auf diesen swingenden Namen getauft. Klappowitsch war neben vielen organisatorischen Aufgaben für die Lehre der „Wandernden Sonne“ zuständig. Er hatte Delayo für die wundervollen Grundlagen begeistern können, Menschen mit den Schönheiten einer Überdosis Vitamin D3 zu ködern. Klapp Klappowitsch war ein sonderbarer Charakter, der meistens schwieg, seine Äußerungen oft einsilbig überbrachte – was in seinem organisatorischen Bereich Mensch und Katz, die mit ihm zu tun hatten, oft zu übermässiger Eigeninitiative anhielt – oder in weitschweifigen, schriftlichen Aufzeichnungen, ähnlich dieser, welche Sie, liebe Leser*innen gerade anschauen. Nein, Klappowitsch schweifte länger und ausdauernder. Ein respektabler Wortschmidt, der nun jedoch Delayo nur zunickte. Einen Augenblick später jedoch sprechen mußte:

Noch ein Gast gekommen.“

Delayo horchte auf. Schmitz hatte er erwartet, doch eine weitere Person, die mit ihm sprechen wolle? Doch da war auch schon Jimmisch Joa ins Blickfeld getreten und Delayo mochte ein leichtes Frösteln spüren. Dieser sprach:

Alles klar, Delayo?“ und verschränkte die Ärmchen über seiner Brust. Es wird jeder Leser*in klar sein, das Jimmisch Joa auf Geld aus war. Geld, das der ebenfalls schon bekannt gewordene noch kriminellere Hase, Traw, einst dem abgebrannten Salvatore überlies. Nun gingen die Gedanken Traws wieder dazu über, das inzwischen in seiner Fantasie gewachsene Geld von Salvatore wieder abzutrennen. Dieser ließ in jenen Momenten seine Gehirnaktivitäten in den roten Bereich laufen, denn wie es doch immer wieder ist: Leihest Du Dir Geld bei bekannt blutrünstigen Hasen, so kommen die Rückforderungen immer im falschen Moment, wenn gerade die Ebbe Deine Kasse erfaßt hat. Gerade erst hatten Delayo und Klappowitsch wieder größere Beträge zwischen den Cayman-Inseln und British Columbia verschwinden lassen, die erst wieder in etlichen Jahren geborgen werden dürften. Hätten diese Hasen sich früher angekündigt, hätte Delayo ihnen einen, zwei oder drei Koffer voller Scheine vor die Füsse geworfen und wäre dieser Sorge entledigt gewesen.

Jimmisch Joa schwieg, doch dann zückte er eine glänzende Scheibe, die alle Leser*innen als eine sogenannte CD identifizieren mögen. Diese hielt er hoch erhoben in seiner Tatze, damit Delayo die Aufschrift lesen konnte, und so wurde dieser langsam bleich, als er Polka Schmitz lesen konnte. Es war sogar das legendäre Debüt, „All Eis on Polka Schmitz“. Paulo Schmitz hatte vor Jahren gegenüber Zuhörern in einer Samsubarum ausschenkenden Bar geprahlt, daß er eine Musikgruppe in die Welt schicken könnte, die zum Erfolg verdonnert sei, egal, ob er da Geld reinpumpe oder nicht. Je weniger Geld, desto besser. Schmitz hatte drei erfolglose Musiker gefunden, die auch kaum Bühnenpräsenz offenbaren konnten, geschweige denn besondere Kreativität erzeugten. Er gab diesem Trio den klingenden Namen Polka Schmitz und lies sie ein erschreckendes Repertoire erfinden, zusammenschustern und kleistern. Zwei elektrische Orgeln und ein Standschlagzeug, drei männliche Menschen, die nicht und vor allem nicht zusammen singen konnten. Paulo Schmitz organisierte die Tonaufnahmen, die Pressung und das ebenso schmierig, ölige Artwork der Veröffentlichung und ließ dann immer Stapel an Freitonträgern in seinen Cafés liegen und inszenierte so den schlechtesten und durchschaubarsten Hype einer Musikgruppe, seit ein Mensch je seine Stimme zum Gesang erhoben hatte. Es wirkte dennoch, denn weit über Interzones Grenzen hinaus sangen die Menschen Polka Schmitzens Lieder, die sie einfach für Kultgut hielten. Erheitert wurde sich über Zeilen, wie

„Wird der Kaffee dir gespritzt,

lachst Du mir dann ganz verschmitzt.“

Oder…

„Als Du Deine Hand mir gabst,

griff ich wegen Schweiß dann ganz fest zu.“

Oder….

„Immer wenn ich Mädchen sehe,

süsse Mädchen, süsse Mädchen fein,

rufe ich laut und deutlich „hehe“.“

Oder…

„Reite mit nach Sankt Helena,

da sind die Freunde alle da.“

Oder…

„Wir singen, wie wir klingen,

rabbimmelrumpumpum.

Rotraud mag uns gerne hör’n

rabimmelrumpumpum.“

Oder…

„Wer hat das rote Pferd gestrichen?

Es hat doch gar nichts angestellt!“

Oder…

„Fahr ich nach Rom oder Teutoburger Wald?

Fahr ich nicht gerne vom einen in das andere hinein.

Komm ich sonst schnell vom Wege ab im Wald und bin dann in Gefahr.

Hopsassa, Gefahr, Gefahr.“

Oder… aus dem Lied um das rote Pferd:

„Das rote Pferd macht nichts verkehrt,

ahihalillihoh,

doch manchmal zieht’s die rote Mütze an

dann brennt alles lichterloh.“

Oder…

„Auf den Schwingen des Todes,

bringen wir Schmerz und Leid, so weit, so weit,

auf den Schwingen des Todes,

auf den Schwingen des Erfolgs.“

Paulo Schmitz ließ sich in der Phase der Promotion für dieses erste Machwerk einen Schnurrbart stehen, den er mit Ruhe und Genuß strich, wenn ihn eine Person über dieses Projekt befragte. Er sprach nie wirklich darüber, konnte aber nach einiger Zeit damit anfangen, Geld zu zählen, die ihm die Veröffentlichung einbrachte und die ihm vertraglich komplett zustand, denn die Herren von Polka Schmitz hatten ihm in purer Verblüffung zugesehen, wie er die ganze Veröffentlichung ins Rollen brachte. Das in den folgenden Jahren Unternehmen aus der Tonträgerbranche weitere Polka-Schmitz-CDs unter die Menschen bringen wollten, die allesamt krachend untergingen, obwohl die Konzerte des verblüffenden Trios ständig äußerst gut besucht waren und das Publikum meist nur unter schweren Schmerzen im Bereich des Zwerchfells den Ort des Verbrechens verlassen konnte. Das Trio hatte zuvor in einer Vorläuferband namens Dok Märten und die Polkajungen gespielt, die sich über durch besonderes Schuhwerk zur Musik auszeichneten. Interzones größtes Magazin hierzu, „Rollige Katzenmukke“, verzichtete nach wenigen Monaten ganz auf die Nennung des Bandnamens, Polka Schmitz, und schrieb höchstens noch von „Die Verblüffenden Verblüfften“, womit das Phänomen gut zusammengefaßt war.

Damit können die herzergreifend edlen Leser*innen schon einen Zipfel der Angst erfassen, die Delayo ergreift, als er den Tonträger erkennt. Denn, so will es Traw handhaben, wird ein Darlehensnehmer vor der Auszahlung zu einer kleinen Anhörung geladen, gefesselt, den Tönen der Polka Schmitz ausgesetzt, manchmal drei Durchgänge hintereinander, anderen Mals noch öfters, je nachdem welchen Eindruck der Debitor auf Traw macht. Das ganze wird versehen mit der klaren Ansage, daß bei nicht fristgerechter Rückzahlung „All Eis on Polka Schmitz“ bis zum Tode zu hören ist. Wiederum gefesselt, natürlich.

Uns so sprach denn Jimmisch Joa:

„Lieber Salvatore, Du hast erfaßt, was die Uhr geschlagen hat? Du weißt, das es in den Teutoburger Wald gehen kann? Das Rote Pferd wartet auf Dich.“ Dabei kicherte Jimmisch Joa kurz.

„Leider, lieber Salvatore, hast Du noch eine letzte Frist. Bring die Öre in spätestens zwei Tagen ins Trawcounty. Er wartet dort auf Dich.“

Delayo hatte sich inzwischen etwas gefangen und schritt auf den belustigten Hasen zu.

„Ja, ja. Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann aber auch drei Tage dauern, bis ich die Öre losgemacht habe. So was legt der kluge Mensch feste an, wenn er genug Moos hat.“ Er tippte Jimmisch Joa auf die Brust, worauf dieser blitzschnell ein Messer aus seinem Fell hervorzauberte und Delayos Ohrläppchen blutig schlitzte.

„Hihi, da läuft das rote Pferd“, kicherte dieser erneut und verabschiedete sich indem er „Auf den Schwingen des Todes“ sang. Jimmisch Joa war ein wahrer Fan der Polkamusik. Salvatore Delayo wirkte jetzt doch etwas angeschlagen. Mit dieser Reaktion hätte er bei Traw oder dem Lemmes gerechnet, doch niemals bei jenem, den alle möglichen Existenzen Interzones den Spaßmacher der schlimmsten Hasen aus Trawcounty nannten. Hatte Delayo hier etwas falsch verstanden? Er war sich nicht sicher und suchte Klapp Klappowitsch auf, damit ihm dieser seine Wunde verarztete.

Nicht weit entfernt von Delayo und Klappowitsch, saßen zwei Mitglieder der Katerei und wunderten sich über den Besuch Jimmisch Joas bei dem Sektenführer, denn diese Verbindung war ihnen bis dahin noch unbekannt. Richard Wagner blickte Alessandro derweil bereits seit etlichen Sekunden an, um eine Antwort aus diesem heraus zu zwingen, da jener sich jedoch schweigend schämte:

„Ja, Alessandro, was sollen wir jetzt davon halten? Was macht dieser Hase bei unserem beglatzten Früchtchen? Oder, Mütterchen, habt Ihr vielleicht eine Idee? Oder noch einen Espresso? Wenn ich doch nur noch eine Ultrazig rauchen dürfte… Ach, es ist zum Kreischen hier.“

„Ich kann Euch gerne über alles aufklären.“

Die Stimme war nicht des Mütterchens, noch Alessandros. Und so drehten sich alle drei um, und sahen den Jimmisch Joa im Türrahmen stehen.