Eine Polemik gegen den Mittelstand

TW mental issues, eating disorder

Ich möchte heute aus den Trümmern des untergegangenen Reichs der sogenannten bürgerlichen Mitte, des Mittelstands berichten.

Ich habe dort viel Zeit als Gast gelebt. Den Niedergang habe ich am Rande stehend, mit einem Lächeln quittiert.

Blicken wir zurück. Wie lebte es sich dort, unter den Bürgern? Eng war es. In den kleinen Häusern, die nach den großbürgerlichen Villen ausgerichtet waren. In den Herzen, die tugendhaft zum Verzicht hin blickten.

Wer waren jene, die diese „Mitte“ bevölkerten? Es waren jene Familien, welche durch den harten Kampf um Menschenrechte, Arbeitsrechte, um Wahlrechte, durch die politisch linken Gruppierungen seit dem Beginn der Industriellen Revolution zu einem Maß an Wohlstand gekommen waren, der nach sich zog, daß das Brot des folgenden Tages meist gesichert war. Es waren keine reichen Menschen. Doch sie konnten sich in einer relativen Sicherheit einrichten.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Wenn die Ernährung für Deine Familie und Dich am nächsten Tag keine erneute Schlacht bedeutet, die Dich auf Dauer auslaugt und -zehrt, bis sie Dich eines Tages umwirft und nur ein weiteres Opfer der Umstände zu beklagen ist? Es ist gut, daß diese Situation für viele Menschen beendet wurde. Doch zurück zur Frage: Was macht es aus den Menschen? Dankbare Wähler der Parteien, die für ihre verbesserte Situation sorgten? Naja. Wenn eins auf die Ergebnisse der Reichtagswahlen ab 1871 (bzw. 1867 im Norddeutschen Bund) schauen, sehen wir, daß die Sozialisten erst ab 1890 eine signifikante Kraft werden, wobei in jener Zeit natürlich das Wahlrecht noch an Geschlecht und Einkommensverhältnisse („Steuerleistung“) angeschlossen war. Und es waren die Sozialisten, die gegen viele Widerstände bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gravierende Verbesserungen für die Arbeiterklasse erreichen konnten. Jene Klasse, die sich dann trotzdem in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 sich in den langen Schlangen der arbeitslos gewordenen Massen einreihten. Doch daran konnte letztlich auch die inzwischen zur SPD gewordene Partei nicht wirklich viel ändern, zumal ihr Wahlerfolg auch weit hinter die Erfolgszahlen prä-WW1 gefallen waren. Und die SPD war inzwischen auch zahmer, reformorientierter geworden (seit 1925), die härteren, unbeugsameren Kämpfer hatten sich in der KPD gefunden.

Was macht es aus Menschen, wenn der Überlebenskampf endet? Ich greife diese Frage erneut auf. 1933 war ein Teil der Antwort: Nazis. Willige Helfer der nationalsozialistischen Diktatur. Willige Helfer in der kommenden Vernichtungsindustrie.

Es geht hier natürlich nicht nur um jene „Aufsteiger“ aus der Arbeiterklasse. Es geht auch um jene Menschen, die schon im Kaiserreich eine gesicherte, mittlere Existenz lebten. Es geht um jene, die vor dem Adel buckelten. Die nach dem November 1918 den deutschnationalen Traum von der Wiederkehr des Kaiserreichs träumten und sich dafür auch mal für ein Freikorps anwerben ließ. Wie viele dieser Existenzen waren 1945 wohl entweder aufgrund des 2. Weltkrieges tot, kriegsgefangen oder standen vor den Ruinen ihres ehemaligen Besitzes? Und wie gerecht das ist! Steigbügelhalter des Faschismus haben nichts anderes, als den persönlichen Untergang verdient. Befehlsnotstand, my ass!

Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg hat auch die Wiederkehr jener „bürgerlichen Mitte“, des Mittelstands gebracht. Genügend Menschen, die nicht reich waren, aber sich nicht um das Brot von Morgen zu kümmern brauchten.

Spüren Sie meinen Unmut gegenüber diesen Menschen? Warum sollte ich jener Klasse negativ gegenüberstehen, deren langjähriger Gast ich war? Ja, ich stamme aus dem Arbeitermillieu. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es schlechter, als meiner Familie ging. Ich habe Menschen kennengelernt, denen es besser ging. Was ich in den ersten Jahren meines Lebens nicht kennenlernte, waren z. B. People of Color. Es gab in diesem Teil der deutschen Provinz einfach keine. Dafür hatten wir als Kinder aber gewaltige Angst vorm „schwarzen Mann“ in Fangspielen zu Zeiten der Grundschule, die mehr als alles andere ein grausames Gefängnis war, mit Strukturen, die Andersartigkeiten aller körperlichen Arten sanktionierte und die lautesten, aggressivsten Zöglinge nach vorne spülte. Dort wurden Männer gemacht. Dort wurden Plätze in den Hierarchien erkämpft. Noch heute würde ich diesen Ort am liebsten niederbrennen. Diesen Ort, an dem niemand anderes sich bewegte, als die deutsche, weisse, sexuell zu normierende Mittelklasse, ob nun aus Bürgertum (wenige) oder Arbeiterklasse (die Mehrheit) stammend. Bewacht von Lehrpersonen, die sich auch auf Hierarchien und Handgreiflichkeiten verliessen. Allen gemein war inzwischen, das sie die Mittelstand darstellten. Selbst ich, der Gast.

Der oben erwähnte, eigentlich beendete Überlebenskampf wurde hier nachgespielt in Szenarien, die sich tagtäglich wiederholten und den Willen zum Überleben unter den Unterlegenen nicht förderten. Ich sah einen Knaben, vielleicht neun oder zehn, der von einer Horde kreischender, schreiender Soldaten to come, aufs Blut gereizt wurde, der in einer Jagd über eine Kette springen wollte, ein Fuß verfing sich, der Junge prallte mit dem Gesicht auf den Asphalt. Blut, Blut und Zähne auf dem Boden, Blut überall. Was war der Grund, warum dieser Mensch zur Zielscheibe wurde? Er litt unter Albinismus. Und er war ein Fehler im Muster dieser „Mitte“-Menschen, die schon in Besitzansprüchen dachten und handelten.

Ja, ich will diesen Ort der Gewalt niederbrennen sehen. Als ein nachhaltiges Zeichen gegen die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland.

Eins mag über Film „Fight Club“ denken, was eins will. Aber dort taucht folgendes Zitat auf:

„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen“

Es mag der einzige vernünftige Satz in jenem Film sein, aber er sagt sehr viel über den Mittelstand aus. Die Verwobenheit der Menschen untereinander im Bezug auf ihren Besitz wird hier genau seziert und sie ist toxisch.

Wie oft hörte ich Gespräche in jedwedem Rahmen, in denen über andere Menschen gesprochen wurde. Vielleicht 5% dieser Gespräche hatten einen empathischen Grund, ein „jenem Menschen müßte geholfen werden“. In den anderen Fällen handelte es sich um Neuigkeiten im Leben anderer Menschen, Fehltritte, neuerworbener Besitz. Okay, das kann einfach Gossip sein. Aber lasset die Themen nicht auf Nischen der Gesellschaft kommen, auf sexuelle Graubereiche, wie sie LGBTQIA für den Mittelstand darstellt! Der Mittelstand greift doch gerne zum Sagrotan, um sich rein zu halten. Selbst über Homosexualität wird noch zu oft im Flüsterton gesprochen. Aber Transsexualität wird gar nicht gesprochen, weil nichts gewußt wird. Es erscheint, als träfen sich diese Leute auch gerne an Orten, die den Kampfkellern im „Fight Club“ ähnlich sind. Aber, „was wissen wir schon, über diese Leute“, denkt sich der Mittelstand und versemmelt noch ein paar Tausender an Aktienmärkten, von denen er nichts versteht.

Und dieser mittelständische Hang zum Fleischverzehr. Ich entschuldige mich nicht mehr für meine militant gewordene Haltung gegen diese Ernährungsform. Ich kämpfe seit meiner Kindheit dafür kein Fleisch essen zu müssen. Diese verfaserte Etwas, diese Fettstreifen, die sich dadurch ziehen. Dieser Hang dazu, das Fleisch müsse noch blutig sein. Wie widerlich kann eins sein, solches zu essen? Und kommt mir keiner mit – was weiß ich – Proteinen, Fetten, etc., die mir fehlen sollen. Es reicht mir, wenn ich diesen Ekel nicht mehr erleben muß, den ich Jahre über mich ergehen lassen mußte, wenn ich dem Mittelstand beim Verzehr von Lebenwesen zusehen mußte.

Gast dieser Klasse gewesen zu sein, läßt mich Freude über ihr Ende empfinden. Darüber, daß vor allem Ängst, zumeist irrationale Ängste wie Salpetersäure durch die tragenden Wände des Mittelstandes gefressen haben, um diese letztlich zum Einsturz zu bringen. Die Ängste über Menschen, wie mich, die wie Viren in diesem Organismus agierten. Über Menschen, die fremde Bräuche, Religionen, einfach nicht ablegen wollten, und sich der als Integration getarnten Assimilierung widersetzten.

Der Mittelstand hat nie verstanden, daß Menschen Individuen sind. Deswegen hat sich der Mittelstand in den Weltkriegen mit Macht in die Schlachten gestürzt, denn der einzelne zählt nicht mehr. Hat der Mittelstand mit Macht die Nazi-Vernichtungsmaschinerie geölt und am Laufen gehalten, denn die netten, anständigen Leute mußten unterstützt werden gegen das Fremde, gegen das Unvölkische. Würde der Mittelstand auch jede neue nationalistische Diktatur mit Macht unterstützen, aus den gleichen Gründen.

Mittelstand, du hast einfach nicht verstanden, daß deine Feinde nicht jene sind, die du verfolgen würdest, wenn es wieder Zeit dazu würde. Zünde lieber jene Banken an, die dein Vermögen vernichteten.

11. Juni 2015

Da ich den letzten Text mit dem schönen Schlagwort Nationalsozialisten beendete, und dieses Hämmerchen einen feinen Einstieg bietet: Es soll ja Menschen in Deutschland geben, die gerne die Behandlung der Thematik rund um die nationalsozialistischen Untaten zwischen 1933 und 1945 beendet, ja, abgeschlossen sähen. Diese Menschen in Deutschland sagen zum Beispiel:

„Ich bin nach 1945 geboren und kann daher nichts für die Geschehnisse dieser Zeit.“

oder

„Was der Staat Israel mit den Palästinänsern macht, ist fast genauso schlimm, wie der Holocaust.“

oder

„Aber die Juden haben doch immer schon dieses und jenes getan, und die Sache mit Jesus. Und andere haben auch schon immer die Juden gejagt und die haben die Pest ausgelöst und so weiter und so fort.“

Okay, der letzte Ausflug war von mir erfunden, doch wurden diese Argumente in gleicher oder ähnlicher Form in den letzten Jahrhunderten gerne mal verwendet, um Antipathien gegen diese Religionsgemeinschaft anzustacheln.

Warum ist aber all dieses falsch?

Und wie begegne ich Menschen, die solche Äußerungen von sich geben?

Zum einen, ist es in meinen Augen nicht statthaft, beide Konfliktsituationen (Nazi-Deutschland vs. Juden / Israel vs. Palästina) zu vergleichen. Darüberhinaus gibt es einen interessanten Aspekt, den ich beleuchten möchte:

Es gibt so viele Deutsche, die wie auch ich, nach 1945 geboren sind, doch in der Familie existieren Personen, die zwischen 1918 und 1945 alt genug waren oder wurden, um ein staatsbürgerlisches Bewußtsein zu haben. Ich weiß, daß es nicht leicht ist, nachzufragen, was diese Personen innerhalb dieser Zeitspanne taten, nicht taten, glaubten, an Überzeugungen lebten. Ich weiß es, weil ich die Fragen selber nicht gestellt habe. Und dies ist Angst? Angst davor, etwas zu erfahren, was das Zusammenleben mit diesen Personen belasten kann. So ist ganz menschlich das Hemd näher als die Hose. Aber das Hemd ist zu eng, es zwickt an allen Enden. Und es nimmt die Luft. Einer meiner Großväter war in Frankreich im Krieg. Mehr weiß ich nicht. Ist das eventuell, neben der Angst, fehlende Empathie? Was treibt dann viele Deutsche dazu, der israelischen Politik Vorhaltungen zu machen, und dabei ein enormes Herz für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu beweisen? Dieser Teil ist definitiv nicht beanstanden, doch sind mir die Motive dubios. Warum dort der Abstand zur Vergangenheit von nahestehenden Menschen, hier das große Mitleiden? Es erscheint mir als eine kuriose Ersatzhandlung. Oder einfach gesprochen: weiterhin schwelender Judenfeindlichkeit? Vielleicht. Es gibt genauso viele Gründe, wie es Meinungsträger gibt. Letztlich steckt in den heute lebenden Deutschen, wenn sie sich erst einmal mit den Geschehnissen jener Zeit auseinandergesetzt haben, ein Gefühl der Mitschuld alleine schon auf der Basis der verwandschaftlichen Verbundenheit mit den damaligen Tätern. Oder Zuschauern. Und auch dies drängt gerne in der Gegenwart dazu, jetzt das Richtige zu tun. Das ist ebenfalls wiederum nicht falsch, doch wird damit der Bezug von Damals zu Heute gezogen, denn das heutige Tun wird durch die Gräuel der Vergangenheit befeuert. Möglicherweise ginge uns Israel heute an den vier Buchstaben vorbei, wenn unsere Vorfahren nicht die indirekten Gründerväter dieses Staates geworden wären und damit im Anschluß noch das Elend der dort lebenden Araber mitverursachten.

Warum tut sich der Mehrheitsdeutsche dann mit einer Aktion, wie den Stolpersteinen, die vor Ort an ehemalige jüdische Mitmenschen erinnern sollen, so schwer? Ist es die Nähe zur Gegenwart, dieser zeitliche Brückenschlag, der Ängste heraufbeschwört, daß diesen Stolpersteinen auch eine Mahnung innewohnt? Ein „Nie Wieder!“? Hat der deutsche Bürger möglicherweise ganz für sich erkannt, daß dieses „Nie Wieder!“ harte Arbeit bedeutet? Oder liegt im Argwohn gegen die Stolpersteine die schon angesprochene Nähe zu den eigenen Vorfahren, die vielleicht Menschen zum Stolpern brachten? Oder sind dem Bürger die Mahnmale am liebsten, die von Gemeinde- oder Staatswesen errichtet, angebracht werden? Der Mensch, nicht nur in Deutschland, läßt sich ungern von den negativen Seiten der Vergangenheit berühren. Doch das ist falsch. Die Lehren der Vergangenheit wären verloren. Es entstünde die gleiche Situation, wenn die Menschheit jedwedes Lesen einstellen würde. Es ist zwar, wie ich oben schrieb, meines Erachtens falsch einen aktuellen Konflikt, wie jener in Israel, in Palästina, mit einem vergangenen Konflikt zu vergleichen, gar aufzurechnen, doch sind Lehren und Erfahrungen aus vergangenen Konflikten unabdingbar und anwendbar.

Da ich gerade die Erstellung und Übernahme von Mahnmalen durch Gemeinwesen ansprach… ist das komplette Überlassen dieses Aspekts vom Individuum an die Allgemeinheit nicht in gewissem Maße der letzte Sieg der totalitären Regime? Die Frage lasse ich mal stehen.