Tweet <3 #1

Gestern antwortete ich auf einen Tweet, und letztlich überkam mich der Gedanke, diesen kleinen Thread hier festzuhalten. Weil… einfach so, ich mochte es halt.

Danke an den wunderbaren Twitter-User Stefan Urbach (@herrurbach), der mit folgendem Tweet meinen Lauf startete (besuchen Sie bitte den Ach Je-Verlag):

Welchen Song würdet ihr heiraten wenn ihr könntet? Warum?

Folgend nun meine Lebens- und Liebesgeschichte, die ich gegenüber den Originaltweets um das ein oder andere Wort ergänzte (hier besteht keine Zeichengrenze).

Ich wäre die Witwe von Atmosphere von Joy Division, weil ich mich schon in jungen Jahren in seine traurigen Augen verliebt habe, seine zärtlichen Berührungen, seine wunderschönen Worte.

Später lernte ich Refuse from a Silver Phial (Gene Clark) kennen, der mich mit seiner schwelgerischen Art umwarb und für sich gewann. Ich ließ seinen Namen auf meinen linken Unterarm tätowieren. Wir waren glücklich, bis er gerade erst im mittleren Alter angekommen, starb. Seine wild umarmende Art hatte ihn ausgezehrt.

Nach einer weiteren Trauerphase schloß ich mich Song for Sharon (Joni Mitchell) an, mit der ich gefühlt ziellos durch die Vereinigten Staaten tingelte. Mit uns wurde es nie langweilig und der Sex war großartig, diese Schönheit von Motelnächten. Eines Morgens wachte ich allein auf, ihre letzten Worte hatte ich leider schon vergessen, doch ihre Geschichten nie.

Inzwischen doch ziemlich gealtert, wünschte ich mir eine letzte, wirklich feste Beziehung und in einer Gruppentherapie traf ich auf From The Morning (Nick Drake). Es wurde ein stürmischer Emotionswirbel zwischen uns, den wir gemeinsam beendeten, als er das Fahrzeug über die Klippe lenkte. Im Schritttempo.

Zu unserem gemeinsamen Begräbnis erklang Solveigs Lied aus Peer Gynt.

Nick Drake – eine Erinnerung

TW mental issues, depression

Am 25.11.2019 jährt sich Nick Drakes Todesnacht zum 45. Mal.

Wahrscheinlich wird es eher in den frühen Morgenstunden jenes Tages gewesen sein, nachdem er die Tabletten zu sich genommen hatte. Ja, es war weder ihm, noch seinen Eltern, bei denen er inzwischen wieder wohnte, klar, wie gefährlich das Antidepressivum war. Es war ein Amitriptylin-Präparat.

Ich möchte mit diesem Text an ihn erinnern, und auch darüber schreiben, warum er nicht vergessen werden sollte.

Vor ungefähr zwanzig Jahren, zur Jahrtausendwende, ereignete sich tatsächlich ein kleiner Nick-Drake-Boom. Die Jahre, in denen sein Name immer wieder von Kennern erwähnt wurde, die ersten CD-Re-Releases, das beginnende Internet, das in Mailinglists und ersten Foren Menschen zusammenbrachte, entzündete diese Flamme, die dann tatsächlich noch von einem – tatsächlich fast gelungenen – VW-Werbespot in die Höhe getrieben wurde.

Doch geriet die Renaissance einige Jahre später wieder zur stillen und vereinsamten Verehrung. Was jedoch auch viel eher der Idealfall ist, um sich auf Drakes Musik einzulassen (fast könnte eins geneigt sein, zu glauben, Kopfhörer seien nur für diese Musik geschaffen worden). Selbst ein lebender Nick Drake hätte sich auch weiterhin eher vor Konzerten gedrückt, das Publikum mit langem Saitenstimmen verärgert, mit Nichtkommunikation gestraft. Die Magie seiner Musik liegt in den Aufnahmen seiner Lieder und deren Menge ist leider überschaubar. Doch ist die Kraft nicht zu ermessen und sie schwindet auch nach Jahrzehnten nicht.

Nur zu einem kleinen Überblick sei gesagt, daß vier Tonträger hier zu beachten sind: Das Debütalbum „Five Leaves Left“, das 1969 veröffentlicht wurde und Nick Drakes Songwriting oft hochklassig zwischen Folkballade, Streicherarrangements und Liedkunst zeigte. Es folgte 1970 „Bryter Layter“, das die Mischung des Debüts in eine fast easy-listening-mässige Schmissigkeit bewegte, die jedoch von Drakes Texten und seiner melancholischen Stimme konterkariert wurde. Das letzte Album, das Nick Drake zu Lebzeiten veröffentlichte wurde „Pink Moon“ (1972). Ein minimalistischer Meilenstein, wäre da nicht die spürbare Belastung des Künstlers, in der Entstehung der Lieder.

1979 wurde posthum das Album „Time Of No Reply“ veröffentlicht, das unbekannte Aufnahmen zusammenfasste, darunter die letzten vier Aufnahmen aus dem Frühjahr 1974.

Das Epizentrum von Nick Drakes Musik ist „Pink Moon“. 28 Minuten und 36 Sekunden dauert dieses Album, doch ist die Länge eher in Herzschlag zu messen. Nick Drake reduzierte die Musik auf seine Gitarre, seine Stimme. Im Titelsong erklingt kurz ein Klavier. Über allem schwebt die Dunkelheit, in welcher die Aufnahmen auch gemacht wurden. Zum Ende erklingt das Lied „From The Morning“ und es bricht mir das Herz, dieses Lied hören … zu können, zu dürfen, zu müssen. Die fast schon erleichterten Akkorde, die den Text untermalen, welcher die Dämmerung begrüßt, die Schönheit des Geschehens beschreibt und in einer Art Refrain schließt, das wir das Spiel aufgreifen sollen, das uns der Morgen lehrte.

Und weiter heißt es:

and now we rise

and we are everywhere

and now we rise

from the ground

see, she flies, she is everywhere

see, she flies all around

so look see the sights

the endless summer nights

go play the game, that you learned from the morning

Und damit schließt das Album, das zuvor eine Schwere in Musik einführte, die – auch ohne die Umstände zu kennen, in denen Drake seinerzeit lebte – klar machten, das der Künstler unter Depressionen oder ähnlichen schweren Belastungen litt. Den stärksten Eindruck hierbei macht das instrumentale, 83 Sekunden dauernde „Horn“, dem ich die folgenden Worte widme:

„Nick Drake lebt. Seine Finger leben. Sie bewegen sich. Doch ist ihnen starr. Sie rutschen, von ungewollten Impulsen getrieben, eher verdrossen auf diesen dünnen Saiten nach oben, nach unten, etwas zur Seite. Sie möchten sich lieber abwenden, oder sich verkrampfen. Alternativ auch einfach erschlaffen. Ihnen ist selten danach, sich zur Faust zu ballen, sich dann auf einen Gegenstand fallen zu lassen, um diesen zu treffen, einen Eindruck zu hinterlassen. Sie möchten nur noch existieren, nicht mehr. Eher weniger.“

Der Moment, als der letzte Ton von „Horn“ erklingen soll, jener Ton, der die aufgebaute Spannung auflösen soll, der jedoch eher als Ahnung in der Akustik steht und die Stille sich knapp ausbreitet und folgend die Akkorde von „Things Behind The Sun“ erklingen, die einerseits so flott daherklingen, jedoch so schicksalschwer beladen sind in ihrer Molligkeit. In diesem Moment werden Menschen Tränen vergießen.

and the people around your head

who say everything’s been said

and the movement in your brain

sends you out into the rain

Wieso schreibe ich über diese Musik? Sie spricht so intensiv für sich selbst. Sie belebt das Unsagbare in unseren Köpfen und sie weiß, das wir allein sind. Selbst wenn Nick Drake sich mit der Dosierung des Amitriptylins anders verhalten hätte, die Musik war bereits unter uns und wartete darauf, uns die Hand zu reichen.

Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Oder eben nicht. Ende.

28. Juni 2015

Die Kritik vorab… Weswegen müssen deutsche Filmverleihe auch Jahrzehnte nach der widerlichen Erfindung eines gewissen Balduin als wiederkehrender Protagonist von Louis-de-Funes-Filmen weiterhin Filme mit nichtssagenden und unpassenden deutschsprachigen Titeln versauen? Wenn irgendwann die Kinos bei eigentlich hervorragenden Filmen leerbleiben, kann das ein durchaus plausibler Grund sein.

Filme von Quentin Tarrantino werden auch ohne deutsche Titel stark besucht, also warum läßt man es nicht generell dabei? Mein aktuelles Unbehagen bezieht sich auf die Paarung des schon zuvor angedeutenden, umwerfend guten Films the perks of being a wallflower, welcher eingedeutsch plötzlichVielleicht lieber Morgen heißt. Warum? Was sich wie eine zögerliche Aussage anhört, findet nirgends innerhalb des Filmes und seiner Geschichte eine Entsprechung. Also bleibt die Frage offen, warum man nicht einfach die Aussage aus der Synchronisation übernimmt, wonach die „Vorzüge ein Mauerblümchen“ zu sein, erwähnt werden. Aber das scheint den genormten deutschen Kinogänger wohl nach Meinung des Filmverleihs zu überfordern.

Damit genug der negativen Energie. Und weiter mit Aussagen aus den Mündern der Schauspieler: „Glaubst du, die Leute werden noch mit jemandem reden, wenn sie wissen, wie verrückt man wirklich ist?“ Die Aussage des Charlies, der die Hauptfigur in dieser Buchverfilmung ist, läßt sich besser verstehen, wenn die Umstände bekannt sind. Deswegen ein paar verräterische Bemerkungen: Charlie leidet an Depressionen, eventuell erhält er eine Medikation mit Psychopharmaka, hat ein Jahr vor der Handlung des Buches einen engen Freund durch Suizid verloren. Ein Verlust, an welchem Charlie noch spürbar leidet. Auch fühlt er sich schuldig am Unfalltod seiner Tante Helen einige Jahre zuvor, mit welcher ihn jedoch eine zum Zeitpunkt der Bemerkung in Film und Buch noch nicht bekannte erweiterte Beziehung verbindet, bzw. quält. Charlie stellt sich zu Beginn der Handlung als enorm schüchterner Protagonist vor. Im Film ist dies brillant verkörpert durch den fast permanent von unten herauf gerichteten Blick, nicht ganz Shoegazer, aber fast. Es wundert nicht, daß Charlie sich als Liebhaber der Musik von Nick Drake outet. Auch wird ein ebenso ständiges Zittern, meist der Hände, dargestellt. Laut einiger Aussagen hat er ebenfalls Probleme mit Halluzinationen. Darüber hinaus schreibt er einem imaginären Freund Briefe über sein Leben. Dies könnte jedoch auch eine Art der Verlustbewältigung aufgrund des erwähnten Suizids sein, denn inmitten des Filmes erwähnt Charlie die eigene Trauer, das der Freund keinen Brief hinterlassen habe.

Die Person, welcher Charlie die Frage stellt, ist Sam. Die junge Frau, in die sich Charlie verliebt. Auch sie ist problembehaftet. Als sie von Charlie erfährt, daß er noch nie ein Mädchen geküsst hat, übernimmt sie mit Ernsthaftigkeit diese Aufgabe, damit „Charlie seinen ersten Kuss von jemandem erhält, der ihn liebt“. Wir erfahren hier, daß sie im Alter von elf Jahren vom Chef ihres Vaters geküsst, sprich mißbraucht wurde. Sie pflegt bis zu diesem Moment oberflächliche, aber hoffnungsbeseelte Beziehungen, die eine hohe Quantität zu erreichen scheinen, denn ihr Ruf ist schlecht. Sie scheint dabei auch keinen wirklichen emotionalen Input zu leisten. Entsprechend ist die Figur des Craig, welcher den größten Teil der Handlung als der Beziehungspartner von Sam genannt und gezeigt wird, eher ein Utensil, das in der einen Szene anwesend sein mag, in einer anderen Szene dann wieder nicht. Es wird auch möglicherweise über die Nichtanwesenheit gesprochen, doch ein Unterschied stellt sich nicht heraus. Sam selbst ist vielmehr innerlich damit beschäftigt, ihre eigene Mitte zu finden und zu fühlen, um damit auch eine Richtung in ihrem Leben zu schaffen. Auch hegt sie innerhalb der Handlung mehr und mehr Gefühle für Charlie.

Zurück jedoch zu Charlies Frage danach, wie verrückt man sein darf. Diese Frage geht über den Film an sich hinaus, sie berührt jeden. Ob man den Film gesehen, das Buch gelesen hat, ob man einen ähnlichen Hintergrund hat, wie die Protagonisten. Es spielt keine Rolle. Denn man befindet sich auf einer der beiden Seiten, jederzeit. Um es mit Macbeth zu sagen: „Werten oder gewertet werden, das ist hier der Zustand.“ Hat der Mensch eine Chance? Nur wenn eine Seite sich aus dem Spiel verabschiedet und das geschieht alleine willentlich. Letztlich spielt es auch keine Rolle, wie verrückt der Mensch ist, mit dem Du, lieber Leser, gerade kommunizierst. Was kümmert es Dich? Bist Du selber ohne jeden inneren, psychischen Makel? Entsprichst Du der Norm, welche die Menschheit vielleicht aufgestellt haben mag, irgendwann in einem Nest, in den Südstaaten der USA gelegen? Unter eines desinteressierten Gottes Obhut? „Klar, ständig.“ wird Sam antworten.

Was wird uns noch erzählt? Oh, eine große Menge an wichtigen Dingen. Die Wichtigkeit des Sprechens. Und der Schwierigkeiten, die dieses Thema umranken. Wie sang bereits damals Tilman Rossmy noch als Stimme der Band Die Regierung: Ich wünschte, ich könnte sprechen. Am Abschluß der abschließenden Regierungs-LP Unten (1994).

Ich wünschte, ich könnte es so sagen, wie es ist.

Und ich wünschte, ich könnte sprechen.

Ich wünschte, ich könnte da ran kommen.

War manchmal für ’ne kurze Zeit lang,

da ist meine Sprache frei von Geräusch und hört sich gut an.

Worte, die auch unser Held Charlie unterschreiben würde. Und nebenbei lehrt uns der Film, daß David Bowie sein grandioses Lied heroes“ nur für diesen Film geschrieben hat. Er wußte bereits 1977, daß es irgendwann zu dem Buch und später zur Verfilmung kommen würde. Da setzte er sich hin, nahm den Griffel und schrieb den Tunnelsong. Nach dem Schauen des Filmes wird jeder „heroes“ mit diesen Szenen verknüpfen. Keiner wird mehr an Christiane F. denken. Jeder wird von dem Gefühl des Brennens, der Luftströme, der Unendlichkeit überflutet werden.