24. Juni 2015

Im Oktober 2013 ist Lou Reed verstorben. Da der Tod eines Menschen selten geplant ist, mochte ich damals mir keine Gedanken darüber machen, was mir die Musik dieses Mannes bedeutet. Es braucht den richtigen Moment.

Und so war es am gestrigen Abend ein YT-Video, in welchem Peter Capaldi, Richard Strange und Sarah Jane Morris zusammen den alten Velvet-Underground-Klassiker pale blue eyes aufführten. Nicht, daß mich diese Interpretation so sehr gerührt hätte – die drei machten einen guten Job und vor allem Richard Strange hinterließ als Gitarrist und Sänger einen angenehmen Eindruck – jedoch wurde mir wieder die unglaubliche Kraft dieses Stückes bewußt, in welchem der Lyriker Lou Reed einen wirklich erschütternd guten Eindruck hinterläßt.

Aber was, abseits dieser Lobhudelei, ist eigentlich so beachtenswert an dem Werk des Musikers, Songwriters und Texters Lou Reed? Schauen wir uns einmal mit Candy Says einen nicht ganz so prominenten Song an. Dieser erschien 1969 auf dem dritten Album der Band The Velvet Underground, welches selbstbetitelt blieb. Auf dieser Platte findet sich das schon erwähnte Glanzlicht pale blue eyes, das erotische-rätselhafte some kinda love, eine der schönsten Rhythmusgitarren in what goes on und letztlich noch das verletzte I’m set free. Doch beginnt die Platte mit Candy says, einem Lied so traurig und zurückgezogen. Es handelt von Candy Darling, einer Drag Queen aus dem Umfeld von Andy Warhols Factory. Candy Darling starb 1974 durch Krebs, der durch ihre Hormonbehandlung ausgelöst wurde. Candys vorheriger Name war völlig unpoetisch James Slattery. Und so sagt der Text des Liedes schon in der ersten Zeile alles wichtige: Candy says, I’ve come to hate my body and all that it requires in this world. Solch ein Satz, das ist die Verdichtung, die der Poet als solcher zu jeder Zeit sucht. Ein Satz, der in einem tief und intensiv gefühlten Ekel badet. Ein Satz, der Jahre eines Lebens in wenigen Worten auf den Punkt bringt. Wir wissen nicht, wie lange James Slattery gelebt hat, bevor er diese Erkenntnis für sich gewonnen hatte. Denn, wie heißt es später: Candy says, I hate the big decisions, that cause endless revisions in my mind. Bitter wird dieser Satz angesichts des späteren Todes von Candy Darling, der durch eine tiefgreifende Entscheidung letztlich ausgelöst wurde. Lou Reed schafft es, in einem öffentlichen Raum, den Candy Darling belegte, eine vielsagende und allgemein fühlbare Intimität zu schaffen. Dies gelingt Meistern. Was Miss Candy selbst von diesem Song hielt, wie auch ihrer Wiederkehr in einem Lou-Reed-Song, nämlich Walk on the wild side (Candy came from out on the island, in the backroom she was everybody’s darling, but she never lost her head, even when she was givin‘ head, she says…), ist mir nicht überliefert.

Doch ist Candy says auch wirklich zu süß von Doug Yule gesungen, der bei Velvet Underground den Posten von John Cale übernommen hatte. Er gibt dem Namen der Titelheldin hier die akustische Entsprechung. So erhält der Song noch seine besondere Nachtschwärze, da er den Eindruck einer zerbrechlichen Filmheldin in Schwarz/Weiß und End-1940er Outfit erweckt. Eine Heldin in innerer Not. Hier fassen sich die gepickte Gitarre, der zarte Backgroundgesang, das nahezu unhörbare Schlagzeug zart an den Händen, um dunkle Blumen der Trauer zu verstreuen. Candy says, I hate the quiet places, that cause the smallest taste of what will be.

Candy Darling war eine wunderschöne Frau. Und Lou Reeds Song bleibt ihr ein großes Denkmal.

Das neue Bibelzitat:

Und Jesus sprach: „Wo zwei oder drei Personen in meinem Namen versammelt sind, bekomme ich Platzangst.“

Werbeanzeigen