29. Mai 2015

Nun also Incantations. Der Genuß sollte vorbereitet sein. Man höre diese Doppel-LP aus dem Jahr 1978 am besten bei bedecktem Himmel, möglicherweise ist ein Gewitter im Anflug. Dazu hat die abendliche Dämmerung eingesetzt. In diesem Klima gedeihen die Beschwörungen am Besten.

Incantations ist das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung orchestralste Werk von Mike Oldfield. Er arbeitet wieder mit einer Vielzahl an Instrumenten, und schreckt auch nicht vor dem Einsatz fremder Koryphäen zurück. Die Brüder Pierre und Benoît Moerlen sind dabei hervorzuheben. Namen, die in heutiger Zeit vielleicht etwas beliebig erscheinen mögen, doch waren gerade diese beiden zu jener Zeit der heißeste Scheiß unter Schlagzeugern und Percussionisten. Wer die Möglichkeit hat, sich Liveaufnahmen aus der Zeit von 1978 bis 1980 von Oldfield anzusehen, sollte auf die beiden achten, falls sie gerade zum Line-Up zählten.

Ja, gerade der Einsatz von Schlagwerk hinterläßt einen größeren Einfluss auf die Musik, als auf den bisherigen Alben. Streichersequenzen, Flöte und Trompete decken ebenfalls größere Spektren in der Musik ab als je zuvor. Es dauert Minuten, bis im Part One die obligatorische Gitarre einsetzt. Obwohl ich mich bei erstem Kontakt mit dieser Platte schon gut im Oldfieldschen Universum auskannte, war ich mir tatsächlich unsicher, ob es sich nicht um eine Fehlpressung handeln konnte. Was natürlich zu erklären ist: Jahre zuvor hatte ich eine MC-Fassung des Albums Platinum gekauft, die tatsächlich mit vollkommen oldfieldfremder Musik gefüllt war. Selbst der Verkäufer war bei Reklamation erschüttert. Nun denn, jede Paranoia hatte ihre Quellen. Doch zurück zu der reinen Lehre (grins). Part One führt den Hörer über große musikalische Strecken. Die Musik ist reichhaltiger komponiert und arrangiert, als je zuvor. Es wird beim Hören klar, daß Oldfield kein Neuling mehr ist, und auch das Studio als Arbeits- und Inspirationsort erlernt hat. Das einzige, was diesem Auftakt ein wenig fehlen mag, ist der emotionale Aspekt, denn die ersten Teile sowohl aus Tubular Bells, als auch Ommadawn sind aufwühlender.

Dieses wird hier in den Part Two verschoben. Zappelige Zeitgenossen werden hier vermutlich massiv verschreckt und eingeschüchtert, denn über weite Strecken steht die Musik dort still. Wenn ich im Auftaktabsatz ein „heraufziehendes Gewitter“ erwähnte, so gilt dies nicht für Part Two. Dort ist alleine die inzwischen fortgeschrittene Dämmerung. Die Einleitung mit ihrer wuseligen Keyboardmelodie mag einen anderen Eindruck vermitteln, doch dieser wird nach einigen Minuten zur blossen Täuschung, wenn die Musik die Lichtung erreicht, an welcher unter einbrechenden Streichern alles abgebremst wird, bis es letztlich still steht. Mike Oldfield wird in dieser Sequenz die Stille in der Musik, das Schweigen zelebrieren. Später wird dann die sogenannte Hiawatha-Sequenz diesen zweiten Teil auflockern, so daß Part Two zum größten Irrlicht in der Karriere Mike Oldfields wurde. Es ist ein wunderschönes Irrlicht.

Wer denn stärker rockiger Musik frönen möchte, der sollte dann Umwege vermeiden und direkt in Part Three eintauchen, denn dort regiert letztlich die Gitarre. Anfangs über ein ganzes Orchester, welches die Jubelarien der Gitarre mit einem Fundament versieht. Später darf die Gitarre über einem flüssigen Riff eine weite Landschaft bespielen und allerlei Tricks und Kniffe vorführen. Es ist dennoch bemerkenswert, daß hier keine Bauchpinselei des LP-Künstlers aufkommt. Später wird der orchestrale Moment des Beginns wieder aufkommen und sich auch dem progressivem Rockstatus dieses Stückes unterwerfen. Bei erster Begegnung mit dem gesamten Album, mag Part Three den günstigsten Eindruck hinterlassen. Für mich ist dies der banalste Teil der Platte, wenn auch trivial auf einem noch recht hohen Niveau. Sollte sich Mike Oldfield selbst heute noch Gedanken darüber machen, warum die Punks und Bilderstürmer jener Tage ihn ebenfalls unter Beschuß nahmen, so hatte er ihnen mit diesem Stück genau die Munition gegeben. Der teils leichte, teils große mystische Anstrich der ersten LP wurde hier weggerockt und damit die Flanke geöffnet. Alleine die letzten beiden Minuten des Part Three zeigen einen richtigen Bandsound, der über jeden Zweifel erhaben musiziert.

Eine sehr schöne Synthese der Ideenvielfalt von Incantations bietet sich in Part Four. Dort haben die Brüder Moerlen ihren großen Auftritt in Form eines Vibraphon-Canons. Dort wird mit teils wunderschönen Melodien inflationär umgegangen, als tauchten sie zu jedem Moment neu an jeder Ecke wieder auf. Dort ist Oldfield wieder nicht allein ein Gitarrist auf großem Podium, sondern Musiker bei der Umsetzung seiner Komposition. Das bedeutet durchaus schwierige Passagen auf der Gitarre umzusetzen, geschieht dies hier innerhalb eines komplexen Ganzen. Dort wird wieder imponierend gesungen von Maddy Prior in der Ode to Cynthia. Ein Höhepunkt nicht nur dieser Doppel-LP. Verwendete ich hier das Wort „märchenhaft“ wäre es ganz klar positiv besetzt und ebenso unpunk. Und es wäre mir egal.

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