Call Me By Your Name – eine Hand voller Gedanken

Warum hat mich dieser Film so berührt? Warum ist mir die Geschichte von Elio und Oliver so nahe gegangen? Elio ist 17, Oliver ist 24, die Geschichte spielt 1983 in Italien, in einem höheren, priviligierten, akademischen Umfeld.

Der Film spielt im Sommer. Er ist sonnendurchflutet. Es steht ein Klavier in der Villa, in der Elios Familie den Sommer verbringt. Oliver ist akademischer Mitarbeiter von Elios Vater, und wird daher einige Zeit lang mit der Familie leben. In den ersten zwanzig Minuten des Filmes verspürt Elio jedoch eine massive Abneigung gegen den von ihm so empfundenen Eindringling. Er verspürt von dessen Seite eine Arroganz. Jedoch ist in dieser Zeitspanne des Filmes auch ein anderes Mittel eingeführt, das den Film in seiner kompletten Länge erheben wird: Zeit. Das Empfinden und Darstellen von Zeit, des Vergehens von Zeit.

Es gehört eine große Portion Mut dazu, die erlebte Geschwindigkeit eines Filmes derart zu verlangsamen, da gerade die sogenannten Hollywood-Blockbuster der vergangenen zwei Jahrzehnte eben auf dieser Spielwiese das Rädchen immer weiter in höhere Dimensionen drehten. „Call Me By Your Name“ ist da anders. Fast schon, wie im Rahmen einer Theateraufführung, malt die Kamera Stilleben, in denen sich vielleicht Menschen befinden und gar bewegen, möglicherweise sogar sprechen, oder auch nicht. Oder Oliver geht durch die Eingangshalle der Villa. Es erinnert an eine Studie der Anatomie der Person. Wir können die Figur in solchen Momenten erfahren, aufnehmen (selbst Tage später werden wir uns noch an die Farbe und den Schnitt der Hose erinnern). Und das zieht sich durch die ganze Länge, in der auch selten der Film einen Dialog abbricht, sondern die Figuren selbst. Aus ihrem eigenen Antrieb, nicht weil das Drehbuch auf die Uhr schaut. Auch gehört zum Faktor der Zeit die besondere Vorliebe der Kameraführung ganze Räume aufzunehmen, dazu gehören das Wohnzimmer der Villa, Marktplätze, die Sportwiese oder das Café, in dem Oliver bereits nach wenigen Tagen schnell Kontakte hergestellt hat. Diese Orte erhalten ein Leben, sind nicht mehr nur Kulissen. Und als Zuschauer*in fragt eins sich, warum Elio in dieser Umgebung nur Bücher liest oder Musik auf Notenblätter überträgt? Da seine räumliche Umgebung mit einer immensen Kraft belehnt ist, was übrigens nicht nur aus der Farbgebung zu erklären ist, sondern wahrlich zur Hauptsache aus den überragen Kameraperspektiven entsteht.

Ja, aber Elio und Oliver haben auch ihre charakterlichen Schwächen und damit meine ich nicht Elios Sommerbeschäftigung, die eben ein Punkt ist, den er mit sich selbst ausmachen muß. Sein Verhalten gegenüber seiner weiblichen Sommerliebelei Marzia ist widerlich. Nicht, das andere Menschen (ich schaue in den Spiegel) solches Verhalten nicht kennen würden, aber das ändert nichts daran, das es falsch ist. Das weiß das Spiegelbild auch. Eins wühlt auch nicht in den Kleidungsstücken eines Gastes, pinkelt nicht im Stehen, ist generell freundlicher gegenüber den Angestellten der Familie. Elio ist oft – um es auf englisch zu schreiben – „a spoiled brat“ in vielerlei Hinsicht. Und doch ist es nachvollziehbar, das ihn – und das macht der Film klar – seine Eltern lieben. Denn irgendwie ist er, trotz der angesprochenen Schwächen, ein liebenswürdiger junger Mensch.

Das gleiche gilt durchaus für Oliver, der seinerseits oft eine gewisse Übergriffigkeit mit sich führt. Oder ist es überzogene Offenheit? So wird er es vermutlich nennen, andere empfinden es negativer. Wir kennen diese Diskrepanz. Oliver wirkt über weite Strecken als Mensch, der nicht gut auf andere Menschen eingehen kann. Auf sie zugehen ja, sie und ihre unausgesprochenen Zeichen deuten nein. Elios Vater ist darin meisterlich, wie sich gegen Ende des Films zeigen wird, als er Elio dessen Situation in sehr warmen Worten erklärt und ihm damit klar macht, etwas wertvolles erlebt zu haben. Es ist einer der Höhepunkte. Auch ist es ziemlich negativ, das Oliver Elio nichts von der Beziehung erzählt, die er in New England pflegt. Auch wenn wir später erfahren, das es schwierige Phasen in dieser Beziehung gab… he should have told him! He should have opened up about this!

Vor allem nachdem Elio Oliver seinen Lieblingsplatz zeigte. Wir Zuschauer*innen spüren, was dies für Elio bedeutet. Wir spüren, das hier der Zeitpunkt kommt, an dem die beiden sich gegenüber einander öffnen. Und von dieser Situation aus, und dem was noch kommt, sind die Tränen Elios am Ende des Films nur zu gut nachzuvollziehen. Die Operation am offenen Herzen ist gescheitert. Und solche Situationen sind auch in fortgeschrittenem Alter nicht einfacher zu verarbeiten.

Der Film spielt im Jahr 1983. Die Kommunikation in jener Zeit war auf wenige Kanäle reduziert. Wenn das Telefon nicht klingelte, klingelte es gar nicht. Die Zeiträume zwischen Geschehnissen wirkten weitergefaßt. Es war nicht besser. Die Ruhe, die davon ausgehen mag, ist eine nervöse Ruhe. Elios Verhalten, gerade nachdem er mit Oliver zusammen gekommen ist, zeugt davon. Zeigt sich in der „Pfirsich-Szene“. Hier sind Drehbuch und Regie zu rühmen, denn viele andere hätten aus dieser Aktion eine Peinlichkeit oder einen Gag inszeniert. Hier nicht. Selbst das spätere Verhalten von Oliver ist fast liebenswürdig.

Es bleibt mir noch die musikalische Auswahl zu rühmen. Sufjan Stevens mit Musik aus der Gegenwart, einige kontemporäre Hits von 1982/1983 und teilweise überirdische schöne Klavierstücke (ich habe eh eine Schwäche für Klaviermusik des 20. Jahrhunderts, entschuldigt mich). Und über allem schwebt das wunderbar die Homosexualität rühmende „Love My Way“ von den Psychedelic Furs. Kein Wunder, das Oliver zweimal im Film auf diesen Song abtanzt, als gäbe es kein Morgen.

Es lohnt sich, diesen Film mit offenem Herz zu schauen. Eins wird nicht so tief verletzt, wie Elio, aber ähnlich tief berührt.

Punk 2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

ich beginne diesen Text über eine notwendige Utopie mit einem Tweet, den ich am Morgen des 1. Januars 2018 schrieb:

Punk is not dead.

Punk is Trans, Ace, Gay, Lesbian, Queer, Inter, Poly, even Hetero!

Punk is Empathy. Punk is: To Be.

What Punk is not: Punk is not Norm.

LET’S MAKE 2018 THE YEAR PUNK IS COLOURFUL AS HELL!

We can make it happen!

Ich hatte gehofft, daß dieser Tweet eine gewisse Resonanz erziehlt. Und nach vier Stunden 85 Likes ist (bei meiner doch relativ kleinen Reichweite) schon jenseits des guten Erfolgs, wobei es natürlich überhaupt nicht darum geht.

Ich möchte folgendes hierzu ausführen:

2017 war kein gutes Jahr. Es wird das Jahr sein, in welchem die autokratischen, nationalistischen und rassistischen Regime und Menschen ihre Machtbasis weiter verstärkten und das Leben für alle anderen Menschen, die eine mehr oder weniger selbst gewählte Nische bevölkern, ein Stück weiter untragbar gemacht haben.

Man kann diesem Treiben der politischen Rechten mit Spaß, mit Verachtung, mit Gewalt oder mit Ignoranz begegnen.

Desweiteren war 2017 das Jahr, in welchem (endlich) die Gewalt gegen Frauen zu einem wirklichen Thema wurde. Übergriffigkeit ist (vor allem) kein Kavaliersdelikt.

Insofern kann es 2018 nur darum gehen, der erwähnten politische Rechte und der toxischen Männlichkeit entschlossen entgegenzutreten. Diese Meinung wird von vielen Menschen geteilt.

Daher mein Aufruf, den Punk im Jahr 2018 zu einem grenzüberschreitend farbenfrohen Ereignis zu erheben.

Dabei sollten wir die üblichen Assoziationen mit Punk über Bord werfen: Keinen Irokesenschnitt, keine Sicherheitsnadeln im Gesicht, kein Anspucken, kein permanentes Betrunkensein, kein radikales Festhalten am Nichtskönnen (oder auch einer reinen Lehre). Ausser, wer es mag. Der soll dies tun. Denn darum geht es: Punk soll das „Sein“ ermöglichen. Nicht mehr das „existieren“. Und ja, wem das nach Hippie klingt: Okay, gut möglich. Doch möchte ich einen grundlegenden Unterschied ansprechen, in welchem Hippies und Punks in jener Zeit auseinandergingen: der Hippie lebte vor allem nach Innen, dem Punk war in gewissem Maße die Welt draußen, das Soziale, nicht egal. Und ich möchte unbedingt darauf beharren, daß der Punk 2018 bei aller unbedingten Individualität auch seine Hände nach Aussen streckt. Das ist so ergreifend wichtig. Die Angst vor dem Fremden spielt der politischen Rechte in die Hände, doch wir möchten diese Hände leeren. Darum: geht aufeinander zu! Ohne Angst und auch ohne vorgefertigte Meinungen. So lassen sich auch besser die Bande knüpfen, die Netzwerke aufbauen, die uns eine Stärke geben, um den Angriffen von Rechts, von der toxischen Maskulinität zu widerstehen. Wenn wir zusammen stehen, sind die Frauen, deren Hände wir greifen, besser geschützt. Im besten Falle, heißt das.

Was ist noch zu tun? Hier möchte ich auf den ursprünglichen Tweet zurückkommen, in welchem ich etliche Spielarten des gekürzt LGBT genannten Sexualspektrums auflistete. Ich selber finde mich im Transbereich wieder, weil Transfrau. Ich möchte nachhaltig dazu anregen, daß gerade aus diesem gesellschaftlichen Bereich eine Energie aufsteigt, die von uns – die wir uns in diesen Worten widerfinden – produziert wird, die uns gleichermassen trägt. Und das nicht nur an bunten Christopher-Street-Day-Veranstaltungen, die aber sicherlich ein sehr gutes Beispiel sind. Doch denke ich eher an die „kleinen“ Situationen unserer Leben, in welchem wir eine buntere Offenheit fördern und dadurch etwas Mächtiges entstehen lassen, das den Namen Hoffnung trägt. Und nein, ich denke weniger daran, daß wir anhand unserer Sexualität diese Energie formen und fördern, als vielmehr durch unsere Erfahrung in den Ecken, den Nischen, der Dunkelheit leben zu müssen und anhand dieser Übung zu wissen, wie wir Menschen, die aufgrund anderer Stigmata in der Isolation leben, an der Hand nehmen können, und diesen helfen können. Und nicht vergessen: ich erwähnte auch Hetero-Menschen. Diskriminierung muß der Vergangenheit angehören. Das soll einer der wenigen wirklich festen Leitsätze sein.

Ich habe auch nicht vergessen, daß es viele Menschen gibt, die genau hier Schwierigkeiten sehen, da es ihnen generell eher schwer fällt Kontakte zu knüpfen, auf noch fremde Menschen zuzugehen. Ich weiß das, es geht mir selber so. Manchmal reicht es jedoch schon ein Lächeln auszusenden. Das ist etwas, das wirkt, und von keinem AfD-Politiker (oder ähnlicher Gesinnung) unterdrückt werden kann.

Es gibt viele Fährnisse auf diesem Weg. Und hier spielt auch schon die Politik hinein, die mediale Gesellschaft. Die Art und Weise, wie über gerechtfertigte Proteste berichtet wird. Wie einerseits nebenbei über steigende Kinderarmut berichtet wird, dann jedoch großflächig ein fantastisches Börsenjahr gefeiert wird. Hier hat sich in den letzten gefühlten zwanzig Jahren eine Verschiebung vollzogen, die fatal ist. Es gab auch schon Gegenbewegungen (Occupy, um nur eine zu nennen), doch hat sich hier wirklich eine Nachhaltigkeit ergeben? Das sollte ein Ziel sein, um wirklich eine gesellschaftliche Änderung zu schaffen. Und dennoch war gerade Occupy ein guter Ansatz, da die Art und Weise der Beschäftigung mit den börsenorientierten Konzernen ein wichtiges Thema ist. Hier wird es Änderungen geben müssen. Welche? Mindestens Rücknahmen von vergangenen Privatisierungen sollten ins Auge gefasst werden. Der Staat muß eine Obhutspflicht für seine Bürger übernehmen können, und damit meine ich weniger die Möglichkeiten polizeilicher Maßnahmen, als vielmehr staatliche Auf- und Ausgaben in Gesundheit, Pflege, Bildung, Umweltschutz, Energieversorgung.

Wir können nur BUNT überleben. Alles andere ist ein langer, schmerzhafter Niedergang unserer Spezies, den wir nicht wollen können.

Und: Ich will als transsexueller Mensch dennoch ein Teil einer in sich befriedeten Gesellschaft sein, in welcher den finanziellen Aspekten des Lebens weniger Mühsahl gewidmet werden muß. Ist das eine totale Utopie?

Lasst uns darüber kommunizieren.