Geschichten vom König, zweiter Teil

Liebe Welt,

wie in letzter Folge erzählt, geht es nun recht massiv um Geschehnisse aus dem Hause des König Fußball, in welchem ich vor vielen Jahren als rechtschaffender Fan einziehen durfte. Wohnung bezog ich schon damals in der Parkanlage Borussia Dortmund. Und es waren, vor langer Zeit, schwere Tage zu bestehen. Doch lest selbst.

Im Sommer 1985 trat der schon genannte, verschüchterte Pal Csernai seinen Dienst als Trainer des BVB an. Zum Ende der auch den Fan verschüchternden Saison war der Ungar bereits abgelöst. Der pragmatisch schauende Reinhard Saftig übernahm und bugsierte die Borussia in die Relegation gegen den Zweitligadritten jenes Jahres, den bereits bekannten SC Fortuna Köln. Schnell war das erste Spiel verloren und Köln mit 2:0 vorne. Nun begann das Drama, der große, nicht positive Nervenkitzel im Rückspiel. Denn auf einem anderen Spielfeld hatte jene Saison bereits den BVB als Spitzenclub gezeigt: Im Aufbau von Schuldenbergen war man landesweit top – auch wenn es aus heutiger Sicht unglaublich wenig war – acht Millionen Mark liessen den DFB und alle lokalen Konkursverwalter aufhorchen und zappelig werden. Waren die zwei vorangegangenen Spielzeiten schon eine Form von Ärgernis, wurde es nun bis auf die Spitze getrieben. Einschließlich des Relegationshinspiels benötigte der junge Fan schon eine Menge Gleichmut und Taubheit gegenüber dem Spott der Aussenwelt. Und dann stand doch auch schon der Neuzugang, Frank Mill, vor der Tür. Würde der in die zweite Liga folgen? Wer hätte überhaupt einen Vertrag für das Unterhaus? Könnte sich der Verein bei der Finanzlage überhaupt den Abstieg leisten? Das Rückspiel fand am 19. Mai 1986 statt. Ich werde dieses Datum in diesem Leben nicht mehr vergessen. Mein Club in der zweiten Liga? Das lag für mich jenseits jedweder Vorstellungskraft. Und von daher kann ich die Tränen, die ich aktuell bei Fans des bereits abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern sah, gut nachvollziehen, obwohl diese immerhin schon eine gewisse Erfahrung in den letzten Jahren sammeln mußten. Der Abstieg ist nicht einfach nur ein schlecht ausgefallenes sportliches Zeugnis. Es ist eine Form von Verweis. Man gehört nicht mehr dazu, die Türe ist zu, der Rest der Öffentlichkeit vergißt sofort, daß dein Club einmal etwas bedeutet hat. Und das Versagen wird auch dem bekennenden Fan angehangen. Das geschieht schon bei einer in den Sand gesetzten Gruppenphase in der Champions League, wie ich feststellen durfte. Doch da läßt es sich noch locker darüber hinwegsehen, denn die Champions League ist eine Form von Bonus, von Geschenk für vorigen Triumph. Häme bei Abstieg? Hätte ich kaum aushalten können. Und so waren dann 90 Minuten am 19. Mai 1986 zu spielen, und es mußten zwei Tore aufgeholt werden. Ich erinnere mich nicht mehr an das Wetter jenes Tages, nur noch an das anfängliche Kurbeln am Senderknopf meines Radios, um irgendwo Information herzuholen. Das es damals bereits SAT 1 gab, die dieses Spiel gar übertrugen, wußte ich nicht, hätte mich auch nur geärgert, denn Empfang war nicht möglich. Meine höchste Angespanntheit hätte es weder senken, noch erhöhen können, denn nach einigem Orgeln an der Radiofront hatte ich tatsächlich einen interessierten Teilnehmer an der Schicksalsentscheidung gefunden in SWF 3, so hieß er damals noch. Diese meldeten den desaströsen Halbzeitstand. 0:1. (Entschuldigung an den Herrn vorab) Irgendein Grabosch. Warum? Warum nur? Was war denn schlimmes passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht? Noch waren 45 Minuten weit weg von mir, der ich auf der Bettkante in meinem Zimmer saß, zu spielen, doch ich fühlte mich nun wie ein Versager.

Absatz.

Der Absatz ist tatsächlich von mir mit Bedacht gesetzt, gar platziert. Denn, und ich denke, das ist eine Mehrheitsmeinung, ist kein Versagen eines vierzehnjährigen Spielers in jener Partie bekannt geworden. Auch tauchte kein Spieler namens Hansen je in der Historie des BVB auf, oder? Infolgedessen kann also aus heutiger Sicht fehlerfrei festgehalten werden, daß jener vierzehnjährige Empathiker (oder einfach Fan) überreagierte. Doch liegt dies in der Natur des Fan-seins. Jeder Nerv, jeder Muskel ist bis auf das Äußerste angespannt, und das Beste, im Gegensatz zum vermutlich ebenfalls ähnlich gelagerten aktiven Spieler: man hat es nicht selbst in der Hand, ist völlig dem Schicksal ausgeliefert.

Die zweite Halbzeit würde in wenigen Momenten beginnen.

Über jene 45 Minuten ist schnellstens berichtet. Die überhöhte Spannung steigt auch weiter, die Dehnfähigkeit der Fan-Nerven wird auf das Äußerste getestet, ein echter Streßtest, nicht nur solch ein modisch gewordenes Wort. Tore fallen, erst eins, dann zwei, und dann hackt es. Der Probant greift zum allerletzten: der ansonsten unbenutzte Rosenkranz. Zum ersten und letzten Mal in diesem Leben. Ob es mein Kettenband war, daß den Ball vor Jürgen Wegmanns Füsse fallen liess, als eigentlich schon alles verloren schien? Und ihn dann jenes goldbefleckt wirkende Leder über die Linie drücken liess? Es wäre eine schöne Vorstellung… Die Befreiung, die das Tor auslöste, war für mein junges Leben eine erste Ahnung, dessen, was hinter der Vokabel Orgasmus an vielfältigen Wundern lugen sollte.

That’s it, Folks Im Vokabellernen wurde ich später auch ein kleiner König. Ein schöner Witz zum Abschluß.

Ergebenst, Ihr Herr Hansen

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