„Glaube“ /5

Liebe Welt,

ein kurzer Ausflug heute, dafür trägt jedoch jedes Wort sein Gewicht. Muß mal sein, oder? Okay.

Den letzten Atheisten in der Glaubensserie wollten wir gemeinsam mimen an einem Tag, an welchem jener von seinem Arzt erfährt, daß er zum Beispiel einen nicht operablen, bösartigen Hirntumor im Endstadium habe. Doch ist dies kein wirklich faszinierendes oder beispielhaftes Szenario. Wir alle leben vor dem Tag X, an welchem uns entweder mitgeteilt wird, daß es uns bald erwischen wird oder der Tod kommt und nimmt uns mit. Insofern ist nicht unbedingt wichtig, einen solchen Umstand in die Untersuchung einzuflechten, ob der uns sicherlich erwartende Tod uns zum gläubigen Menschen macht. Im ersten Beispiel blickten wir dem Tod ins Auge im Nachgang eines schweren Unfalls. Im zweiten Beispiel ersehnten wir den Tod durch eigenes Zutun. In beiden Folgen stand der Tod wartend an den Türrahmen gelehnt. Nun sitzt er vielleicht noch irgendwo in einem Café und schaut hin und wieder auf seine Uhr, die ihm sagt, daß wir noch mehr oder weniger Zeit haben, bevor er sich zu uns aufmacht. Was machen wir mit der Zeit?

Das ist wahrhaftig die Kernfrage. Noch einmal für alle: Die Frage lautet nicht -> Was mache ich mit Gott in meinem Leben? Die Frage lautet -> Was mache ich mit der Zeit, die mir bleibt?

Hier tut ein weiterer Absatz Not, um die Importanz des gerade Geschriebenen massiv zu unterstreichen. Ich hätte es auch in Fettdruck setzen können, das spare ich mir aber in diesem Moment, da ich darüber schreibe.

Ich habe gerade zum letzten Male Gott vor die Tür geschickt. Dort bleibt er. Er kann die Religionen mitnehmen. Sie sind nicht von Belang. Warum?

Im ersten Beispieltext habe ich folgendes geschrieben, was ich auch jetzt noch als so wichtig empfinde, das ich es zitiere: „Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.“ Das bedeutet, daß – sofern es in dem uns umgebenden Kosmos ein göttliches Prinzip walten mag – dieses weder mehr noch weniger ist, als eben jener kosmische Atem, der den Anfängen innewohnt. Das heißt, wenn wir das Bild des Zimmers weiternutzen möchten, daß Gott dort nicht anwesend ist. Eine Ahnung seiner mag dort vorherrschen. Eher noch liegt auf dem dort auch imaginierten Tisch eine Notiz, die besagt, daß das göttliche Prinzip existiert. Der Mensch mag dies aufnehmen. Er mag es ignorieren. Ich tendiere eher dazu, ein solches göttliches Prinzip als möglich anzusehen, zumal ein Beweis für oder gegen diese Theorie von einem menschlichen Verstand nicht zu erbringen ist. Doch was heißt das für die Frage, die ich zuvor stellte, nach der Zeit, die bleibt?

Eine Antwort hierzu lautet: Nehmen wir alle die Bibel (beide Testamente), den Koran, die Torah, das Buch Mormon, alle Ausgaben des Wachturm und erklären diese Schriften zu Literatur. Nennen wir sie historisch oder fiktiv. Gehen wir davon aus, daß darin moralische Aspekte verhandelt werden könnten, die mehr oder weniger nützlich für uns sind.

Welchen Wert haben die Religionen, die Glaubensarten an einen Gott, der auch weitläufig mit Persönlichkeitsbild ausgestattet wird? Sie bieten dem Gläubigen einen Rückhalt, einen Orientierungspunkt, sind Wegweiser und Stabilisator. So sollte es sein, im Falle eines Glaubens, der eine gewisse Festigkeit erreicht. Wäre dem so, wäre ich als Person weiterhin ungläubig und zweifelnd, doch glücklich. Doch ist eine Natur der Religion, daß sie Symbole braucht und Richtstätten. Sie benötigt periodische Selbstvergewisserung. Darin berührt sie die Wege der Ungläubigen. Wir, die anderen, sehen die Kirchen und Moscheen. Das stört mich nicht. Gerade was architektonische Anmut anbelangt, haben gerade die Opulenz der katholischen Kirche, sowie der Islam bis in das 16. Jahrhundert Wegweisendes vollbracht. Insofern ist mein Ausblick hierzu gar positiv. Was aber ist mit den Menschen, die ausgreifen auf die Welt der Zweifler? Hier steht es anders. Und dazu werde ich den Teil Nummer Sechs verfassen, welcher sich – als Ausblick – auch weniger mit dem Christentum der Gegenwart beschäftigt, als mit einem anderen Phänomen unserer Zeit.

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„Glaube“/4

Liebe Welt,

du wirst nun mit dem 4. (3.) Teil meiner zerfleddernden Gedanken über das Thema Glauben/Religion im Angesichts der endlosen Weiten des Todes konfrontiert. Auch wenn die Sonne scheinen mag, lege bitte einen Mantel an.

Teil 4:

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Pathina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Nebendran, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich von Menschen im Einfluß oder dem Individuum selbst implantiert wird.

P.S. Keine Kinderbilder! Keine Kinderbilder von Diktatoren!

Serie „Glaube“/1

Liebe Welt,

der Beginn einer kleinen Serie über das Thema „Glaube“.

Glaube? Glaube. Glaube?

Das Thema Glaube ist ein dankbares, denn hierzu kann sich jeder Mensch äußern, denn ob pro oder contra eingestellt, eine Meinung dazu kann jeder entwickeln.

Doch das ist weniger das Thema, der Gedanken, die ich mir darüber mache. Ich frage mich, was Glaube bedeutet? Welche Auswirkungen kann er haben? Welche Basis hat der Glaube? Und ein letztes wichtiges Feld ist die Frage, ob Glaube ein theoretisches Ideengebäude bewohnen muß? In diesem Satz kann das Wort „theoretisch“ auch gerne gegen „theologisch“ ausgetauscht werden, denn die Frage läßt sich auch genau so stellen.

Eines persönliche vorweg: Ich glaube. Ich glaube an die Möglichkeit eines inneren Sicherheitsbedürfnisses. Doch gleichermaßen zweifle ich daran, sowie ich an allen religiösen Glaubensbekenntnissen zweifele. Und dennoch stelle ich mir die Frage, aus welchen Beweggründen ein Mensch glauben kann. Ich stamme aus einem katholischen Elternhaus und habe ein entsprechendes Gymnasium besucht, bin dementsprechend früh und lange mit Glaubensinhalten, wie auch Kirchenbesuchen in Berührung gekommen. Doch in dem Moment, wo ein persönlicher Glaube hätte flügge werden sollen, kam alleine der Zweifel. Die Einsicht, in die persönliche Unfähigkeit zu glauben. Warum? Oder – unter dem Aspekt, das die Fähigkeit zu Glauben ein evolutionärer Teil des Menschseins ist – ist meine Art zu Glauben vielleicht nur von religiösen Inhalten zu anderen Gesichtspunkten des Lebens weitergewandert? Ist der Zweifel eine Form des Glaubens? Wie dem auch sei, stelle ich mir nun als erstes die Frage: Woran kann ein Mensch glauben?

Dazu bewege ich mich zunächst weg von den handelsüblichen Glaubenshäusern. Und hinein in ein Fußballstadion, in welchem zwei verschiedene Glaubensrichtungen aufeinandertreffen und sich miteinander messen, begleitet von abertausenden Anhängern ihrer jeweiligen Religion. Hier werden sich bei der Betrachtung einige Erkenntnisse offenbaren. Fangen wir an:

1. In dem Moment, wo wir die Formate „Glaube“ und „Fußballstadion“ in einen gemeinsamen Kontext packen, werden Menschen aufschreien und mich, den Schreiber und Betrachter, zeihen, ungehörige Vergleiche anzustellen. Die Worte „Ersatzreligion“ und „Götzendienst“ werden vermutlich fallen. Hier stellt sich mir dann die Frage: Was macht eine Religion zu einer nicht-götzenanbetenden, wertbeständigen, ausgereiften Heilslehre? Was fehlt dem handelsüblichen Fußballverein, um diesen Status zu erreichen? Ist es der jenseitige Aspekt? Ist es das zuvor schon in den Raum gestellte theologische Grundgerüst? Ja, ist es vielleicht der Punkt, der die Theologie zu dem macht, was sie ist: Gott? Wenn es um diese Facetten geht, können gewiefte Clubs sicherlich viele Punkte als erfüllt ansehen, denn massive Anbetung des Vereins, seiner Historie, Erhebung einzelner Menschen zu Fußballgöttern, Benennung des Stadions als Tempel ist in so manchem Fall bereits gegeben. Dabei möchte ich die Abschweifung zu diesem Ballsport nur als ein Beispiel ansehen, in welchem ein religionsartiges Wesen inzwischen tief verwurzelt ist. Und von daher wäre eine Bezeichnung als „Ersatzreligion“ von vielen Anhängern dieser beispielhaften Sportart oder daran teilnehmender Vereine als pure Blasphemie angesehen. Womit wir zu Punkt 2 kämen:

2. Der meist männliche Anhänger einer Glaubensrichtung, sei es eine theologisch fundierte Bewegung, oder eine Ballsportart, neigt im öffentlichen Raum zu einer hemdsärmeligen Zur-Schau-Stellung seiner Ansichten, seines Glaubens. Dies zeigt sich entweder in aggressiver Behandlung Andersdenkender, bzw. -gläubiger oder in bestens dokumentiertem Martyrium. Wem hierbei zufällig die Namen de Sade und Sacher-Masoch in den Sinn kommen, der wird sicherlich auch noch Siegmund Freud mitdenken. Und ich möchte auch jetzt schnell von diesem Steckenpferd absteigen und mich unter Tränen schmunzelnd abwenden. Doch gebe ich Lesern, die möglicherweise gerne beklagen, welche Mengen an wertvollen Steuergeldern verschwendet werden, wenn Ballsportveranstaltungen unter massivem polizeilichen Aufgebot abgehalten werden, einen Gedanken mit auf den Weg: Stellen Sie sich vor, der große Religionskrieg auf heutigem deutschen Boden, jener dreißigjährige Irrsinn zwischen 1618 und 1648 wäre nicht das große Morden, Schlachten, Plündern gewesen, das es leider war, eine Entvölkerung sondergleichen, sondern einfach eine Ansammlung von schönen, gut besuchten Massenschlägereien von Ultras der beiden damals führenden Fußballclubs FC Papsttum Rom und SpVgg Lutherstadt Wittenberg. Nicht Leichen, sondern nur gebrochene Knochen und blaue Augen. Als Zutat vielleicht einmal ein kleiner Fenstersturz. Wie freundlich kann das Hooligantum sein! Der Satz „Immer feste glauben“ bekommt einen ganz neuen, euphorisiernden Klang. Und nebenher können auch Frauen mit Wucht beten! Doch verzichten diese meist auf die einhergehende Dramatik. Siehe die showtreppenhaften Abgänge der Herren Sankti Sebastian und Laurentius. Schlagen Sie das ruhig nach!

3. In Punkt Drei möchte ich noch einmal auf die Grundfrage, die hier schon mitgeklungen hat, zurückkehren: Was macht eine kirchensteuereinnahmefähige Religion aus? Was unterscheidet sie von dem gerade einmal jährlich mitgliedbeitragsheischenden Ballsportverein? Nun, Sie sehen, es schreibt kein Gläubiger, sondern ein Zweifler. Ich sehe keinen Unterschied. Doch vermute ich, daß Kirchgängern das Wort „Hoffnung“ durch den Kopf gehen könnte. Doch das ist nur eine Vermutung. Ginge mir „Hoffnung“ durch den Kopf? Nein. Warum? Ich nenne eine wichtige Grundlage jedes Glaubens, ob an den Kirchensteuernehmer oder den Ballspielverein: Diejenigen, die glauben, sind Menschen. Und was ist der Mensch? Ein perfektes Lebewesen? Mit der Fähigkeit, kosmische Umstände verstandesmäßig konkret und umfänglich zu erfassen?

Was bewegt Menschen dazu, Religionen, die auf einen Glauben der Anderen aufbauen, zu gründen? Ich stelle die Frage um: Was bewegt Menschen dazu, Musikgruppen, die auf Tonträgerkäufe der Anderen aufbaut, zu gründen? Steht in Falle Zwei möglicherweise die Selbstdarstellung, Selbstverwirklichung, die Verwirklichung eines Traumes im Vordergrund, so scheint mir dies in Fall Eins zunächst zu versagen. Oder etwa nicht? Religion bedeutet, neben der Schaffung eines theokratischen Konstrukts, immer auch die Abgrenzung von den Anderen. Gründe ich eine Musikgruppe, die Punkrock spielt, grenze ich mich von den Naziskins ab. Und von vielen anderen auch. Und so stehen auch neue Religionen erst einmal an einem Punkt, wo ihre Gründer sagen: Okay, die frühen The Who und die Stooges waren schon ganz gut, aber ansonsten ist alles total scheiße, was vor uns war. Jetzt kommen wir, die Punkgötter namens Sex Pistols und schmeissen erst einmal alles um. Und schon werden zum Beispiel Zeitrechnungen neu konzipiert. Und wer will es da den Pharisäern und Hohepriestern, die im Neuen Testament so maulig und nölend dargestellt werden, verdenken, daß sie sich anhören, als sagten sie: „Mein lieber Jeshua, solange Du Deine Füsse unter unseren Landes- und Glaubenstisch stellst…!“ Wozu haben die Religionsgründer und/oder -propheten denn etwas Neues ins Leben zu rufen, als daß ihnen das Althergebrachte nicht so behagte, wie sie es sich wünschten? Womit wir doch wieder bei Selbstverwirklichung, bzw. der Verwirklichung eines Traumes, eines Bedürfnisses ankommen. Natürlich kann jeder gläubige Christ nun entgegnen, daß es nicht der junge Jeshua war, der hier ein persönliches Bedürfnis umsetzte, sondern es sich um den schon lange gehegten und von Propheten vorhergesagten Plan des Gottvaters handelte. Ja? Und unbefleckte Empfängnis gehört noch mit dazu?

Ich weiß nicht, was Immanuel Kant über diese Partien des sogenannten neuen Testamentes dachte. Doch ist er einer jener Menschen gewesen, die ein erwachsenes Glauben an diese Geschehnisse eigentlich unmöglich macht. Wie lautet die Zahl der Menschen, die heute noch an die Weltesche Yggdrasil glaubt? Weltweit? Eher einstellig, oder? Jungfräuliche Empfängnis? Ich ahne, daß vermutlich viele Frauen in den letzten zweitausend Jahren durchaus versucht haben mögen, gewisse Umstände mit diesem Argument zu erklären. Es bestünde damit die Möglichkeit in einer Unzahl von Religionsgemeinschaften zu ertrinken. Und doch sehe ich im Weltenbaum der alten Nordmänner und -frauen eher eine heute noch ansprechende Basis einer Theologie, denn die genannte Esche kann als Symbol verstanden werden, welches das Menschengeschlecht mit der umgebenden Natur vereint, ohne das mir alte Wikinger oder Neuheiden mit Äxten drohen. Die christlichen Kirchen hingegen tun sich sehr schwer damit, groben Unfug und Märchentum als Symbol, als Bildnis zu verkaufen. Und dazu gehört die Zeugung Jeshuas als Akt eines Erzengels ohne sexuellen Hintergrund. Ganz Walhalla erzittert durch das Lachen der Kämpen und Walküren.

(…Teil 2 folgt)