Q-Tips #3 – on a sunday morning

Der neueste Mix aus der Q-Tips-Reihe – erstellt, um Ohren zu reinigen – huldigt einmal großflächig den Taten der Altvorderen. Doch zaget nicht, ihr Jüngsten, auch die moderne Musik wird einziehen, in dieser Reihe. Ich verwende keine Energie auf Grenzziehung und -erhalt.

Dieser Mix ist dem desperat sonnigen Sonntag Vormittag gewidmet. Und sollten Sie keinem depressiven Schub erliegen, könnte er auch eine Wirkung erzielen. Ich wünsche Glück hierfür.

Und so startet dieser Mix, nach dem inzwischen in den Ohren verankerten Laika-Intro, mit den ersten sechs Minuten des schönsten Radiohead-Stücks aller Zeiten. Kurioserweise nannten sie sich damals noch Pink Floyd und die Platte hieß „Meddle“. Waren die Radioköpfe eigentlich 1971 schon geboren? Sei’s drum, „Echoes“ ist ein Monument der leichten Köstlichkeit. Progressiv, aber noch lange, lange nicht exaltiert in Kopflastigkeit. Der richtige Dosenöffner für einen hinreißenden Tag.

Was „Echoes“ noch möglicherweise an Funk fehlt, da sich die Floyds gerne eher in die Wolken spielten, bringen Can, bei denen Drummer Jaki Liebezeit gerne mal einen dreckigen Beat spielte. Hier bleiben wir im Jahr 1971 und lauschen einem Auszug aus dem glorreichen „Halleluwah“ aus der sensationellen „Tago Mago“. Wenn der Sonntag mit dem Kitzeln der Floyds beginnt, so sind Can die feinen Wasserstrahlen der Dusche, im Laufe des Stückes mit Massagewirkung auf der Kopfhaut.

Es liegt nicht an der Musik, daß der folgende Song etwas ungelenk durch die Türe stakst, denn der Franzose an sich gilt ja gerne als elegant. And french he is, indeed. Jean-Jacques Perrey. Mit dem Stück „E.V.A.“, diesmal ausgesuchtes 1970er Material. Ein weiches Frotteehandtuch, das sich freundlich um den Körper des Hörers legt.

Und – schwupps – sitzet frau beschwingt am Küchentisch und nippt am Orangensaft. Am frisch „gerippten“ Orangensaft. Passenderweise hören wir den jungen Edwyn Collins mit seiner ersten Hitband, welche – huch – Orange Juice hieß. 1982 veröffentlichten sie das unglaublich begeisternd wippende „rip it up“.

Möchten wir nun noch ein modernes Küchengerät starten, so brauchen wir unbedingt „electricity“, flugs geliefert von den hereinschneienden Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, aus derem zweiten Album. Ja, das ist doch schon richtiger Punk, oder? Kraftwerk mit Verve nachmachen, und von jenen einen Songtitel von 1971 (schon wieder…) borgen, und das ganze 1980 total unquantisiert einherrocken, ohne Gitarre. Punk!

Jetzt mal schön zurücklegen mit dem Bill Evans Trio. Ach nein, die Platte heißt ja „Sunday at the Village Vanguard“. Überraschung! Und „my man’s gone now“ sollte für die Hörerin/den Hörer bitte nicht passen. Ansonsten schreiben Sie mir, ich bin ein guter Leser. Und vielleicht kann Bill Evans Sie ein wenig ablenken. Und wenn nicht, wird…

…Richard Strange, auch bekannt als Kid Strange von den Doctors of Madness, Sie mit seiner negativen Weltsicht anheimeln. „Kiss goodbye tomorrow“ nahm er 1980 neu auf, das Original stammt noch von seiner alten Band, den Doctors (LP „sons of survival“, 1978). Nice! Diese akustischen Gitarren, die so gerne rocken wollen.

So sitzt der Sonntag vormittag in einem Café, und wir senden dem Rest der Welt ein unsicheres Lächeln. Und wer konnte solche zwielichtigen Gefühlszustände besser vertonen, als der junge Matt Johnson, der sich gerne als der Der bezeichnete. (???) Ja, dummer Scherz, die Band nannte er The The. 1983 kam das erste richtige Bandalbum, welches „soul mining“ hieß, und dort fand sich dieses Kleinod „uncertain smile“, das neben Matt Johnson einen weiteren Star aufbot. Der hieß Jools Holland, und Sie dürfen nun raten, welches Instrument er spielte und damit gar nicht aufhören wollte…

Dieses Instrument findet sich definitiv nicht im folgenden Song. Dafür Krawall und Rückkopplung, ach! Wie ein sonntag morgendlicher Sonnenstrahl, auch dieser harmonische Gesang. Sie meinen den Song zu erkennen, aber nicht so? Nun, es war auch ein Welthit, dieses Mal jedoch von 1972. Und auch Neil Young selbst hätte es zu anderen Zeiten geschafft „heart of gold“ so klingen zu lassen. Hat er aber nicht, so blieb es den Nozems vorbehalten 1992 den Song unter Strom zu setzen. Und wenn der Song in einer rocktypischen Feedbackorgie endet, schält sich langsam….

…wieder der beste Radiohead-Song aller Zeiten aus dem Nebel und wir werden belohnt für all die Zeit des Harrens mit den letzten sieben Minuten von „Echoes“. Hach. Da schwingt ein kleines Maß an sonntäglichem Fernweh mit.

that’s it, Folks!

24. Juni 2015

Im Oktober 2013 ist Lou Reed verstorben. Da der Tod eines Menschen selten geplant ist, mochte ich damals mir keine Gedanken darüber machen, was mir die Musik dieses Mannes bedeutet. Es braucht den richtigen Moment.

Und so war es am gestrigen Abend ein YT-Video, in welchem Peter Capaldi, Richard Strange und Sarah Jane Morris zusammen den alten Velvet-Underground-Klassiker pale blue eyes aufführten. Nicht, daß mich diese Interpretation so sehr gerührt hätte – die drei machten einen guten Job und vor allem Richard Strange hinterließ als Gitarrist und Sänger einen angenehmen Eindruck – jedoch wurde mir wieder die unglaubliche Kraft dieses Stückes bewußt, in welchem der Lyriker Lou Reed einen wirklich erschütternd guten Eindruck hinterläßt.

Aber was, abseits dieser Lobhudelei, ist eigentlich so beachtenswert an dem Werk des Musikers, Songwriters und Texters Lou Reed? Schauen wir uns einmal mit Candy Says einen nicht ganz so prominenten Song an. Dieser erschien 1969 auf dem dritten Album der Band The Velvet Underground, welches selbstbetitelt blieb. Auf dieser Platte findet sich das schon erwähnte Glanzlicht pale blue eyes, das erotische-rätselhafte some kinda love, eine der schönsten Rhythmusgitarren in what goes on und letztlich noch das verletzte I’m set free. Doch beginnt die Platte mit Candy says, einem Lied so traurig und zurückgezogen. Es handelt von Candy Darling, einer Drag Queen aus dem Umfeld von Andy Warhols Factory. Candy Darling starb 1974 durch Krebs, der durch ihre Hormonbehandlung ausgelöst wurde. Candys vorheriger Name war völlig unpoetisch James Slattery. Und so sagt der Text des Liedes schon in der ersten Zeile alles wichtige: Candy says, I’ve come to hate my body and all that it requires in this world. Solch ein Satz, das ist die Verdichtung, die der Poet als solcher zu jeder Zeit sucht. Ein Satz, der in einem tief und intensiv gefühlten Ekel badet. Ein Satz, der Jahre eines Lebens in wenigen Worten auf den Punkt bringt. Wir wissen nicht, wie lange James Slattery gelebt hat, bevor er diese Erkenntnis für sich gewonnen hatte. Denn, wie heißt es später: Candy says, I hate the big decisions, that cause endless revisions in my mind. Bitter wird dieser Satz angesichts des späteren Todes von Candy Darling, der durch eine tiefgreifende Entscheidung letztlich ausgelöst wurde. Lou Reed schafft es, in einem öffentlichen Raum, den Candy Darling belegte, eine vielsagende und allgemein fühlbare Intimität zu schaffen. Dies gelingt Meistern. Was Miss Candy selbst von diesem Song hielt, wie auch ihrer Wiederkehr in einem Lou-Reed-Song, nämlich Walk on the wild side (Candy came from out on the island, in the backroom she was everybody’s darling, but she never lost her head, even when she was givin‘ head, she says…), ist mir nicht überliefert.

Doch ist Candy says auch wirklich zu süß von Doug Yule gesungen, der bei Velvet Underground den Posten von John Cale übernommen hatte. Er gibt dem Namen der Titelheldin hier die akustische Entsprechung. So erhält der Song noch seine besondere Nachtschwärze, da er den Eindruck einer zerbrechlichen Filmheldin in Schwarz/Weiß und End-1940er Outfit erweckt. Eine Heldin in innerer Not. Hier fassen sich die gepickte Gitarre, der zarte Backgroundgesang, das nahezu unhörbare Schlagzeug zart an den Händen, um dunkle Blumen der Trauer zu verstreuen. Candy says, I hate the quiet places, that cause the smallest taste of what will be.

Candy Darling war eine wunderschöne Frau. Und Lou Reeds Song bleibt ihr ein großes Denkmal.

Das neue Bibelzitat:

Und Jesus sprach: „Wo zwei oder drei Personen in meinem Namen versammelt sind, bekomme ich Platzangst.“