13. Mai 2015

Am gestrigen Tag schrieb ich über den wohlmeinenden Sting. Zu einer Zeit, bevor er als Solist die große, künstlerische Freiheit umarmte und liebkoste, gab es Kontrolle in seiner Umwelt in Form von Stewart Copeland. Der Mann spielte famoses Schlagzeug für The Police, die Band, in welcher er selbst und der wohlmeinende Sting zusammen mit Andy Summers an der Gitarre musizierten. Diese Band brachte tatsächlich eine Handvoll werter Songs zusammen, die nicht missachtet werden dürfen. Dazu gehören bring on the night, invisible sun, driven to tears und – jaja, muss sein, weil toll – every breath you take. Der beste Song ist jedoch der Maßstab des federnden Sounds: walking on the moon, und da trägt der erwähnte Stewart Copeland ganz große Verantwortung für, denn er spielte hier einen der definierenden Schlagzeugtracks ein. Doch lag in meinem Sinne zunächst nicht, ein Loblied zu singen, nein, ich wollte schmähen! Den wohlmeinenden Sting wollte ich anrempeln! Den, der sich sicherlich nicht als Patriarch bezeichnen lassen möchte. Doch einst, zu Beginn der Police-Ära, schrieb er ein Liedchen über eine Dame namens Roxanne. Die Frau schafft an. Der Mann verliebt sich in sie. Er möchte, daß sie ihren Lebensunterhalt anders verdient. Es heißt, sie müsse nicht das rote Licht einschalten. Sie müsse ihren Körper nicht in der Nacht feilbieten. Wie ich bereits schrieb, stammt der wohlmeinende Sting aus Newcastle. Okay, diese Info ist genauso gut oder schlecht, wie Johnny aus Pirmasens legendär ist. (Was?! Sie kennen Johnny aus Pirmasens nicht? Gibt’s das?) Doch mochte ich darauf hinweisen, daß der wohlmeinende Sting durchaus nicht aus höheren Sphären zu uns hernieder gleitet, um uns mit wohlmeinender Epik zu lehren. Zum Beispiel über das Wohl und Wehe der Prostitution. Hier zeigt sich der wohlmeinende Sting auch wieder eher schlicht. Es geht ihm in Roxanne nicht um die globalen Problemfaktoren, die auch im Rahmen der Prostitution heftig niederschlagen: der Menschenhandel. Verschleppung. Vergewaltigung. Drogenmißbrauch.

Nein. Der wohlmeinende Sting läßt sein lyrisches Ich in Liebe schmelzen für Roxanne, die Hure. Und wohlmeint, diese könne ihren Job schmeissen und nur noch ihm ihren Körper gönnen. Patriarchat, ick hör dir trapsen. Nun war es sicherlich auch in Newcastle lange Sitte, wie übrigens auch noch in der frühen Bundesrepublik Deutschland, daß die Berufslaufbahn des Fräuleins mit dem Ehestand vorbei war. Sprich die verheiratete Frau geht nicht arbeiten. Weder anschaffen, noch verdienen (Stichwort in Bayern → Lehrerinnenzölibat). Aber klar, meint der wohlmeinende Sting es nur wohl mit Roxanne, falls sie denn bürgerlich so heißen mag. Er hinterfragt ihre Motivation zur Prostitution nicht. Er nimmt nur an, daß es ihr reichen möchte, wenn er sie liebt. Das zeugt von einem starken Ego auf der Seite des lyrischen Ich. Des Mannes. Und da schleicht sich schon die Fehleinschätzung ein, denn wie singt es dort: „you walk the streets for money, you don’t care if it’s wrong or if it’s right“, du stehst an der Straße um Geld abzugreifen, dir ist egal, ob es richtig oder falsch ist. Haben wir es hier nicht mit der Charakterisierung einer unabhängigen Frau zu tun? Eine Frau, die ihr Leben und ihre Finanzen in die eigene Hand nimmt? Okay, über die Art des Verdienst kann man(n) streiten, doch wie sangen schon The Pop Group: „we’re all prostitutes, everyone has their price“ Wir sind alle Prostitutierte, jeder hat seinen Preis. Und da kommt der wohlmeinende Sting und möchte die Frau wieder zum Heimchen machen. Wir erfahren aus dem Songtext nicht, ob er vorher die Dienstleistung Roxannes in Anspruch nahm, oder allein der Anblick ihn entflammte. Sting, Sting, Sting. Anspruch und Wirklichkeit klafften weit auseinander, aber mit dieser Minne konnte Kasse gemacht werden, denn der klassisch, männliche Mob mag es doch so. Ich greife lieber zu Harry Rag, der früheren Stimme von S.Y.P.H., und seiner einzigen Solo-LP und höre derweil Lied für eine Hure.

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12. Mai 2015

Jeder Mensch, der schreibt, weiß, daß der erste Satz des Tages der schwierigste überhaupt ist. Nicht, daß man direkt Mauern niederreißen wolle, doch genau dieser Wunsch verbirgt sich dahinter. Und jeder Mensch überhaupt weiß, daß der Anfang der Dinge grundsätzlich das größte Hindernis ist. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sagte der unbedingt großartige Hermann Hesse, der sicherlich nicht zu verdächtigen ist, seinen Lesern einen Motivationsbären aufbinden zu wollen. Es ließe sich auch darauf schnell antworten, daß man das magische Handbuch heute leider vergessen habe, daher könne man zur Zeit mit Nichts beginnen. Da schneit auch schon die Inspiration herein, in Form des unbedingt wenig großartigen Gordon Sumner, besser bekannt als Sting. Jener sang einst die folgenden Worte: „that nothing comes from violence“, es entsteht nichts aus der Gewalt. Da mag der gute Sting Recht haben wollen, doch leider ist dem nicht so. Jeder anständige Diktator, jeder erfolgreiche Geschäftsmann wird ihm widersprechen. Die Gewalt, der Ellenbogen sind Teil des Lebens. Und es hindert jene, die Gewalt und Ellenbogen einsetzen, nicht daran, daß wir Menschen, hier hat Sting definitiv recht, zerbrechlich sind. Und natürlich mag ich Sting darin unterstützen, Gewaltausübung als Übel zu brandmarken, doch kommen wir hier an einen Punkt, an welchem die Frage sich stellt: Was ist Gewalt? Wir können ziemlich schnell darauf hinauszielen, zu erkennen, daß die Tötung von Leben Gewalt ist. Doch wissen wir, daß sich auch hier schon schnell Unterfragen stellen: Euthanasie? Abtreibung? Mein persönliches Steckenpferd, die Todesstrafe? Und dann sind da noch die Tötungen aus Notwehr. Und eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Menschen (Männern) hält die sogenannten Ehrenmorde für unbedingt notwendig! So, Sting! Was nun? Das, was wir hier schnell lernen, sind die Grenzen des gutgemeinten Popsongs zu erkennen. Was ist zerbrechlicher: Der Popsong oder der Mensch? Sagen wir es mal so: Die Stücke, die der ewig wohlmeinende Sting geschrieben hat, sind verflucht zerbrechlich. Ein kurzer Blick, schon zeigen sich die ersten Risse. Aber genug jetzt mit dem vergnüglichen Sting-Bashing. Er stammt aus Newcastle, aber er möchte doch ein Weltbürger sein. Kann er ja auch. Doch sollte er die Schlichtheit seiner Verse bedenken. Wer schlichtes dichtet, sollte nicht davon ausgehen, daß es sich um Epik handelt. Er kann es ja auch, der Sting. Das auch als schlichtes Liebeslied konzipierte The secret Marriage als Beispiel, welches das mittelmäßige …nothing like the Sun-Album zum Abschluß brachte. In etwas mehr als zwei Minuten zu schlichtem Klavier präsentierte der wohlmeinende Sting Worte der Liebe. Ähnlich ergreifend, in gleicher Länge und Schema, beendete vier Jahre später der begabtere S. P. Morrissey sein mittelmäßigeres Album Kill Uncle mit dem putzigen There’s a place in Hell for me and my Friends. Da konnten sich der wohlmeinende Sting und der oft gern garstige Morrissey die Hände reichen. Zu Klavierklängen schufen sie schöne, verzückende Ausklänge über die Eckpunkte des Lebens: die Liebe, die Freundschaft, die Einheit, die Hölle.