Der Glaube an einen Gott – was?

Liebe Welt,

an dieser Stelle erwartet Dich eine äußerst subjektive Meinung.

Es geht dabei um folgende Thematik: Viele Menschen kommen in ihrem Leben sehr gut ohne jeden religiösen Gottesglauben aus. Oft wird dieser erst wichtig im Angesicht des eigenen Todes. Meine Frage hierzu ist einfach: Warum?

Daher möchte ich nun drei Beispiele konstruieren, um nachzuvollziehen, was hier geschehen mag.

Wir begegnen unserem ersten Atheisten, der gerade von seinem Arzt die Nachricht erhalten hat, daß eine unheilbare Erkrankung terminal enden wird. In absehbarer Zeit. Der zweite Atheist steigt gerade über eine Absperrung, und steht im nächsten Moment am Rande einer Autobahnbrücke. Er blickt in die Tiefe. Die dritte Testperson, der wir uns widmen, ist gerade aufgrund eines schweren Autounfalls aus seinem Fahrzeug geschleudert. Er liegt auf der nassen Fahrbahn, kann sich nicht mehr bewegen, seine Augen sind offen und in den grauen, wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Wichtige Knochen sind gebrochen, es kann nur noch Momente dauern, bis der Tod eintritt. Was mag dieser Person durch den Kopf gehen? Hier ist natürlich zu beachten, daß ein Unfall zunächst einen massiven Schock auslöst. Es ist beobachtet worden, daß in einer solchen Situation das Schmerzempfinden eines Verunfallten durch den Schrecken geschwächt, beziehungsweise gar unterbrochen wird. Ist der Beginn des Glaubens eine Sekundenentscheidung? Während der Sterbende möglicherweise noch einmal mit Stationen seines Lebens im Schnelldurchlauf konfrontiert wird? Geschieht das mit dem Sterbenden? Laut Menschen, die an diesem Punkt des Geschehens letztlich wieder zurück in ihr Leben geholt wurden, soll solches passieren. Auch wird von weißem Licht berichtet. Ich gehe davon aus, daß eine gewisse körperliche Reaktion teilnimmt, der schmerzdämmenden Wirkung eines Schocks gleich. Doch ist es letztlich eine Sache der Neurobiologen hier auf Dauer für Klarheit über die Prozesse zu sorgen, die vom Moment, in dem das Sterben beginnt, bis zum letzten Atemzug und zum Stillstand der Hirnfunktion ablaufen. Und ich bin mir sicher, daß diese Erkenntnisse noch auf sich warten lassen werden. Sie sind auch möglicherweise für die hier gestellte Frage nicht sehr wesentlich. Denn es geht um eine Wahl, die ein Mensch trifft. Dies wird er vermutlich nicht erst im Angesicht des eventuellen weissen Lichtes erledigen, es sei denn, dieses ist so strahlend, daß unter den letzten Worten „mein Gott!“ der vormalige Atheist noch auf das Ja-Feld hüpft und dahinscheidet.

Wir liegen derzeit jedoch auf kaltem Asphalt und starren in den grauen Himmel. Schmerzen empfinden wir keine mehr. Es breitet sich eine fast angenehme Wärme in den noch funktionierenden Teilen unseres Körpers aus, der immerhin gerade noch mit unermesslicher Wucht durch die Luft geschleudert wurde. Beim Aufprall, den wir gar nicht wirklich wahr nahmen, hätten Umstehende widerliche Knackgeräusche hören können. Wir nehmen nur noch vage wahr, was um uns herum geschieht. Es ist still. Beängstigend still. Keine Motorengeräusche, keine Vögel, nichts. Wir spüren keinen Luftzug. Die Sinne sind abgeschaltet. Alleine die Signale der Augen dringen noch vor in unser Hirn. Ist dieser Moment der vielleicht größtmöglichen Einsamkeit, die ein Mensch erleben kann, der Zeitpunkt, in dem Gott in das Leben auch eines Atheisten eintritt, und das ohne die listige Hilfe eines Blaise Pascal? Noch finde ich keine Antwort in diesem Szenario. Daher blicken wir etwas näher hinein in diesen langen Augenblick.

Gesetzt dem Fall, daß der Sterbende tatsächlich mit Eckpunkten seines Lebens konfrontiert wird, und auch eine gewisse Klarheit und Einsicht herrscht, daß es sich nun um einen Schlußstrich handelt, daß die Summe gezogen wird, und somit auch ein möglicher Sinn im bis zu diesem Zeitpunkt getätigten Handel erkannt wird, so kann ich mir vorstellen, daß ein Gefühl des Loslassens einsetzt. Das ein Gefühl der Rückkehr einsetzt. Natürlich befinde ich mich im Raum der Hypothese.

Hier betrete ich in diesem angenommenen Raum auch ein Zimmer, in welchem Gott sitzen könnte. Ich schließe die Tür hinter mir. Die Akten meines Lebens habe ich in der Hand, sie sind in den Jahren angelegt worden. Ich habe darin geschrieben, andere haben daran mitgewirkt. Es ist ein Tisch in diesem Zimmer, auf welchem ich die Papiere ablege. Gegenüber des Tisches hängt ein Spiegel, in welchem ich ein Licht erblicke. Doch ist es nicht ein Licht, sondern leuchtender Staub, dessen hellende Wirkung langsam nachläßt.

Indessen werden die Akten, welche auf dem Tisch lagen, von einer Substanz aufgelöst. Das Licht im Spiegel läßt weiter nach, schon wird dahinter die Finsternis sichtbarer. Der Tisch ist leer. Der Raum ist leer. Die Materie hat sich in einen neuen Zustand gewandelt. Sie wird sich an anderen Stellen des Weltenraumes neu zusammensetzen in ihren molekularen Strukturen. Es wird eine Form von Reinkarnation möglich sein, die für den Menschen, der sich Vorstellungen darüber macht, nicht fassbar sind. Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.

So erlischt denn unser Blick, auf dem Asphalt liegend.

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Patina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

„Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Daneben, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich durch Menschen von außen mit Zwang oder Macht, beziehungsweise dem Individuum selbst implantiert wird.

Den letzten Atheisten in diesem Text wollten wir gemeinsam mimen an einem Tag, an welchem jener von seinem Arzt erfährt, daß er zum Beispiel einen nicht operablen, bösartigen Hirntumor im Endstadium habe. Doch ist dies kein wirklich faszinierendes oder beispielhaftes Szenario. Wir alle leben vor dem Tag X, an welchem uns entweder mitgeteilt wird, daß es uns bald erwischen wird oder der Tod kommt und nimmt uns mit. Insofern ist nicht unbedingt wichtig, einen solchen Umstand in die Untersuchung einzuflechten, ob der uns sicherlich erwartende Tod zum gläubigen Menschen macht. Im ersten Beispiel blickten wir dem Tod ins Auge im Nachgang eines schweren Unfalls. Im zweiten Beispiel ersehnten wir den Tod durch eigenes Zutun. In beiden Folgen stand der Tod wartend an den Türrahmen gelehnt. Nun sitzt er vielleicht noch irgendwo in einem Café und schaut hin und wieder auf seine Uhr, die ihm sagt, daß wir noch mehr oder weniger Zeit haben, bevor er sich zu uns aufmacht. Was machen wir mit der Zeit?

Das ist wahrhaftig die Kernfrage. Noch einmal für alle: Die Frage lautet nicht -> Was mache ich mit Gott in meinem Leben? Die Frage lautet -> Was mache ich mit der Zeit, die mir bleibt?

Hier tut ein weiterer Absatz Not, um die Wichtigkeit des gerade Geschriebenen massiv zu unterstreichen. Ich hätte es auch in Fettdruck setzen können, das spare ich mir aber in diesem Moment, da ich darüber schreibe.

Ich habe gerade zum letzten Male Gott vor die Tür geschickt. Dort bleibt er. Er kann die Religionen mitnehmen. Sie sind nicht von Belang. Warum?

Im ersten Beispieltext habe ich folgendes geschrieben, was ich auch jetzt noch als so wichtig empfinde, das ich es zitiere: „Wenn Gott in diesem Zimmer sitzt, dann ist er die unbestimmte Ruhe des Raumes. Dann ist er der kosmische Atem, der sendet und empfängt.“ Das bedeutet, daß – sofern es in dem uns umgebenden Kosmos ein göttliches Prinzip walten mag – dieses weder mehr noch weniger ist, als eben jener kosmische Atem, der den Anfängen innewohnt. Das heißt, wenn wir das Bild des Zimmers weiternutzen möchten, daß Gott dort nicht anwesend ist. Eine Ahnung seiner mag dort vorherrschen. Eher noch liegt auf dem dort auch imaginierten Tisch eine Notiz, die besagt, daß das göttliche Prinzip existiert. Der Mensch mag dies aufnehmen. Er mag es ignorieren. Ich tendiere eher dazu, ein solches göttliches Prinzip als möglich anzusehen, zumal ein Beweis für oder gegen diese Theorie von einem menschlichen Verstand nicht zu erbringen ist. Doch was heißt das für die Frage, die ich zuvor stellte, nach der Zeit, die bleibt?

Eine Antwort hierzu lautet: Nehmen wir alle religiösen Schriften und erklären sie zu Literatur. Nennen wir sie historisch oder fiktiv. Gehen wir davon aus, daß darin moralische Aspekte verhandelt werden könnten, die mehr oder weniger nützlich für uns sind.

Welchen Wert haben die Religionen, die Glaubensarten an einen Gott, der auch weitläufig mit Persönlichkeitsbild ausgestattet wird? Sie bieten dem Gläubigen einen Rückhalt, einen Orientierungspunkt, sind Wegweiser und Stabilisator. So sollte es sein, im Falle eines Glaubens, der eine gewisse Festigkeit erreicht. Wäre dem so, wäre ich als Person weiterhin ungläubig und zweifelnd, doch glücklich. Doch ist eine Natur der Religion, daß sie Symbole braucht und Richtstätten. Sie benötigt periodische Selbstvergewisserung. Darin berührt sie die Wege der Ungläubigen. Wir, die anderen, sehen die Bauwerke. Das stört mich als Individuum nicht. Gerade was architektonische Anmut anbelangt, haben gerade die Opulenz der katholischen Kirchen des Mittelalters, sowie des Islam bis in das 16. Jahrhundert Wegweisendes vollbracht. Insofern ist mein Ausblick hierzu gar positiv. Was aber ist mit den Menschen, die ausgreifen auf die Welt der Zweifler? Hier steht es anders.

Und dieses „Anders“ werde ich hoffentlich irgendwann in einen Text fassen können. Es bleibt spannend.

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Suicide Airlines


Waldo Jeffers hatte die Schnauze voll. Ständig mußte er lesen, daß wieder eine Person ihr Leben freiwillig beendete, ohne das ein wirtschaftlicher Mehrwert erzielt wurde. Er hatte wenig für diese Verlierer übrig. Und ganz der amerikanische Selfmade-Geschäftsmann, kam ihm die Idee seines Lebens. Wenn diese Menschen schon ein One-Way-Ticket buchten, so sollten sie es bei ihm einlösen und er würde ihnen dafür eine schöne, letzte Reise bieten.

Waldo Jeffers hatte in den vorangegangenen Jahren ein kleines Vermögen realisieren können, als er im anheizenden Immobilienmarkt Schrott für bare Münze verkaufen konnte. Er hatte frühzeitig bemerkt, daß diese Schraube nicht mehr fester gedreht werden könnte und hatte sich verändert, war nach Florida gezogen, um am Rande Orlandos, ein fast schon in Lockheart angesiedeltes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Immerhin wimmelte es in diesem Bundesstaat nur so von Rentnern, und diese waren auf natürliche Art und Weise Jeffers Kundschaft. Er sah sich jedoch inzwischen getäuscht: Es waren immer wieder gut funktionierende enddreißiger, mittvierziger Männer, die ihm in die Kisten schlüpften. Oft mit Würgemalen am Hals. Und im Nachgang sah er Banken, Behörden, die sich die leidlichen Restvermögen einverleibten. Und er, der die Arbeit hatte, sah seine Kosten öfter als ihm lieb war, erst nach einigen Monaten gezahlt. Vorkasse wurde eine seiner Lieblingsvokabeln. Doch in Jeffers‘ Metier war dies schwierig umsetzbar. Bis zu seiner Idee.

Waldo Jeffers plante nun sein Bestattungsunternehmen in Form einer LLC mit seinen beiden Handwerksmitarbeitern weiterzuführen, um im Falle des Falles ein Fangkissen unter sich zu haben, sollte die Idee fehlschlagen. Die Eintragungen in den Registerbehörden Orlandos wurden mit leeren Mienen entgegengenommen. Selbst der Firmenname seines Reiseunternehmens „Suicide Airlines“ zog keine gehobenen Augenbrauen nach sich. Jeffers sah dies mit einer inneren Fröhlichkeit. Sein Vorhaben nahm Formen an. Einige Jahre zuvor hatte er Europa besucht, hatte sich dort über vielerlei gewundert und hatte auch manches geliebt. Dieser Sinn fuhr das Kleinteilige hatte ihn am Nachhaltigsten bewegt, im Guten, wie im Bösen. Nun wollte er am Pittoresken andocken, und diesen Aspekt für sein Geschäft ausbeuten. Auf dieser Reise hatte er in diesem Kleinstland, das zwischen Frankreich und Deutschland zerdrückt wurde, Station gemacht und erfuhr dort nebenbei von einer Brücke, die unter Selbstmödern beliebt war. Über die Menschen, die unter der Brücke lebten, war sogar ein Film gedreht worden.

„Having a great view before you die!“

„Suicide Airlines – one way ticket to your destiny!“

„Really sick of life? – go with style! Go with Suicide Airlines“

waren einige der Ideen, die er als Werbesprüche realisieren wollte. Er kannte einige Besitzer kleiner Flugzeuge, die es bis nach Europa schaffen könnten, also begann er Besuche zu machen. Jacky Yule, der alte Geizkragen, der mit 87 Jahren noch immer nicht in die Kiste wollte, war seine erste Adresse. Nach den üblichen Gemeinheiten, die sie sich an den Kopf warfen, erklärte Waldo seinen Plan. Darauf wetterte der alte Yule: „Du willst diese wankers noch um die halbe Welt fliegen, bevor sie endlich den Löffel abgeben?“

„Das kostet sie natürlich auch eine schöne Stange Geld, Jacky! Und das ist alles für uns, wenn Du mit einsteigst.“

„Und die fallen da von dieser Brücke runter? Gibt es da keine Sicherheitsmaßnahmen?“

„Oh, ich glaube, da gibt es einen Zaun, oder etwas ähnliches. Aber das ist nichts, was nicht mit Geld zu richten ist, Jacky. Vertrau mir, da bist du totsicher.“

Beide lachten. In Jackies Mund waren kaum noch Reste von Zähnen zu sehen. Dafür rann aber das Millers gut die Kehlen hinunter.

„Wie viele Schäfchen kannst Du denn aufnehmen, Jacky?“

„Ach, die brauchen es dann ja nicht so luxuriös, oder? Dann gehen zehn Leute mit uns gut rein.“

„Oh, Jacky, bis wir am Ziel sind, muß das alles gut laufen, sonst bekommen die noch kalte Füsse. Da darf nichts schief gehen.“

„Was denn? Denen ist doch klar, daß sie nie wieder kommen?“

„Ja, schon. Denke ich mal. Aber, wir wollen doch auch, daß sie ihr Ziel so ein wenig vergessen, sonst sind die schon stundenlang in der Luft nur schlecht drauf, und ich kenne dich, Jacky. Du schmeisst die dann über dem Atlantik schon raus.“

Jacky lachte lange, bis ihn ein Hustenanfall stoppte.

Waldo Jeffers hatte einen Entschluß gefaßt. Er konnte den alten Jacky gut an Bord gebrauchen, um eine gewisse Disziplin aufrecht zu erhalten. Aber sein Flugzeug wäre nur zu gebrauchen gewesen, wenn es eine echte Kleingruppe sei, die ihre Reise bei ihm buchte. Und Jacky konnte das Geld gut gebrauchen, er sah inzwischen sogar schon schlecht für sein hohes Alter aus. Vielleicht ließe sich auch irgendwo in diesem Europa was machen, dachte Waldo. Er war inzwischen schon auf dem Weg zu Billy.

Waldo Jeffers kannte Billy O’Neill bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Army. O’Neills Eltern hatten sich aus irgendwelchen schottischen Glens nach Orlando aufgemacht und der gute Billy war vom kleinen Segelflieger zum Army-Piloten zum Steuermann diverser Großraumjets gewachsen. Inzwischen machte er in Tourismus, und konnte Waldo sicherlich in manchem planerischen Aspekt große Hilfe leisten. Jacky und Billy, die hatte er sich sofort an Bord seines neuen Unternehmens gewünscht. Seit einem schweren Verkehrsunfall hinkte Billy und schien auch seither immer weiter zu schrumpfen, schien es Waldo. Er legte seinen Plan dar, Billy kratzte seinen Vollbart, schob immer wieder die Baseballcap weiter in die Stirn, und suchte letztlich zwei Flaschen Bud.

„Coole Idee, Waldo. Sehr coole Idee! Glaube zwar, daß könnte mal richtigen Ärger geben, was? Ich mein, versteh ich das richtig? Die Leute fliegen da nach Luxemburg und springen von’ner Brücke? Und vorher zahlen die richtig Kohle?“

Waldo nickte, Billy hatte das Konzept erfaßt und griffig widergegeben.

„Aber die wollen das auch so?“

„Ach Billy, ob die sich hier zu Hause einen Strick um den Hals legen und von einem kleinen Höckerchen springen oder noch einen richtig aufregenden Flug von einer Brücke fürs Geld bekommen? Der Unterschied, das ist unser Verdienst. Und klar, wir machen Verträge. Ich suche mir mindestens zwei Anwälte, die das hieb- und stichfest formulieren werden. Das ist dann totsicher, Billy!“

Waldo schlug dem Freund lachend auf die Schulter.

„Billy, ich brauch noch guten Zugriff auf ein Flugzeug. Und ich brauche das immer bedarfsgerecht. Vielleicht fliegen mal fünf Leutchen, vielleicht sind aber auch mal fuffzig unterwegs. Wir müssen das relativ gut bedienen können. Und ich weiß, Du hast die Connection.“

Billy überlegte und nickte bedächtig.

„Ich denke, über Kissimmee können wir viel abwickeln. Oder sogar noch eher über Orlando Sanford, die werden von diesen Belgiern angeflogen, soweit ich weiß. Das ist doch dann schon fast da, wo du diese Leute hinhaben willst?“

„Das klingt doch fantastisch, Billy! Ich wußte, ich kann auf dich zählen.“

Beide lachten und als sie sich noch den Codenamen „die Susies“ für ihre kommenden Kunden ausgedacht hatten, lachten sie noch lauter.

Waldo Jeffers war in den kommenden Wochen überaus geschäftig. Er nordete seine beiden Schreiner ein, ihr künftiges Zweitleben als Geschäftsleute zu würdigen. Er besuchte gar drei Anwälte, mit denen er die rechtliche Sicherheit seines neuen Unternehmens festigte und die Möglichkeiten von Werbung abklopfte. Seine ursprüngliche Sprüchesammlung wurde dreimal als zu offensiv abgeschmettert. Waldo war ein wenig erstaunt, sah er darin doch eine hilfreiche Transparenz für die „Susies“, die dann genau wüßten, das er ihnen helfen würde.

Waldo Jeffers fand mit Hilfe eines seiner Schreinergesellen, Doug, schnell eine fähige, aber aufsehenerregend graugesichtige Webseiten-Designerin, die neben den Informationsseiten eine sanfte und gut strukturierte Buchungsmaske schuf. Doug flüsterte Waldo zu, sie werde sicher auch mal eine Kundin. Waldo verunsicherte diese Bemerkung für einige Momente, darauf wartete er nur noch auf ihre Frage nach Rabatt. Die Arbeit dauerte an, das Datenvolumen der Seite wuchs, die Maske machte sich, Waldo konnte die Spannung nicht mehr aushalten: „Finden Sie unsere Geschäftsidee nicht auch grandios? Die beste Exit-Strategie aller Zeiten, und mit tollem Panorama.“ Die Frau blickte ihn ausdruckslos an, und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Doug hatte dieser Szenerie an seinen Fingern kauend zugesehen. Waldo drehte seine letzten, langen Nackenhaare um seine Finger.

„Sie können auch gerne einen Nachlass haben.“

Nun traf ihn ein Blick voller Kälte, wie ein Sturz von einer roten Brücke, dann arbeitete die Designerin weiter, als habe nie jemand gesprochen.

Waldo Jeffers mußte nur zwei Wochen warten, nachdem die Webseite suicide-airlines.com startete, bis er die ersten elf Buchungen hatte. Jeffers hatte die ersten Buchungen für – nach seinem Ermessen – lausige 600 Dollar ausgelobt. Das dies ein Fehler war, wurde ihm erst bewußt, als ihm klar wurde, daß keiner seiner Kunden eine Fünf-Sterne-Bewertung hinterlassen würde, die folgend steigende Preise rechtfertigen würden. Im nächsten Moment wischte er diese Sorge beseite, denn das Gegenteil würde auch nicht der Fall sein, und letztlich mußte immer das Geschäftsmodell für den Kunden griffig und zusagend sein. Für diese erste Reise mußte Waldo Jeffers dennoch eine Hand voller Dollars drauflegen. Der kleinere Flieger, den Billy noch organisieren konnte, half noch das Minus zu beschränken, und es würde die ersten Susies nicht wirklich bedrücken, daß sie ab Kissimmee Airport fliegen würden. Die Mails waren automatisch versendet. Der alte Jacky war beordert, die dann doch falsch in Orlando Sanford Gestrandeten zum korrekten Flugplatz zu schaffen. Für diese Arbeiten gab es keinen Besseren, als den gutmütig gealterten Jacky, der auch einfach froh war, noch irgendwo gebraucht zu werden. Für die Fahrt hatte Doug einen umgebauten Kleintransporter organisiert. Gerade 200 Dollar hatte die Investition veranschlagt, die Doug mit den Worten: „Wenn die Kiste auseinanderbricht, kommt keiner zu Schaden, der es nicht wollte.“ kommentierte, wofür ihn Waldo heftig schalt, da schließlich ihr Freund Jacky am Steuer sitzen würde. Doug murmelte nur: „Ach, der ist auch längst überfällig. Stoß ihn doch auch von der Brücke, bitte.“

Waldo Jeffers atmete tief durch. Sie flogen seit drei Stunden schon über den Atlantik und die ganze Gruppe war noch beieinander. Wie er vermutet hatte, war die Mehrzahl männlich. Ganze zehn Herren wollten „Luxemburg sehen und sterben“, die Frau hieß Ethel, und wurde ihrem Namen gerecht. Sie sah aus, wie der fleisch- und altgewordene Albtraum einer Bibliothekarin von Nicht-Lesern. Selbst ihre Brille stammte optisch aus einem lange vergangenen Jahrzehnt. Billy grummelte, Jacky grummelte, Waldo wandte sich für einen Augenblick von allen ab. Die Susies kannten sich alle schon aus Jackys Bus, da jeder den falschen Flughafen angesteuert hatte, doch keiner sprach mit dem anderen. Billy hatte noch kleine Fluglektüren aus seinem Büro entwendet, um sie zu verteilen, doch schienen die Susies alle nur in ihren Gedanken unterwegs zu sein. Als Waldo sich wieder seinem Tross zuwandte, blickte er auf dreizehn verschiedene Welten. Nach einigen Momenten schloß Ethel zu ihm auf, und bat ihn um ein Gespräch. Jeffers seufzte innerlich, dann bewegte er sich zu ihrer Sitzgruppe, und hörte sich ihre Fragen nach dem Programm vor Ort an. Ihre letzte Frage: „Wie wird es denn geschehen?“

Waldo Jeffers und die gesamte, restliche Gruppe saßen endlich im Folgeflug von Amsterdam nach Luxemburg. Die vielen Europäer um sie herum, die in nicht-englischer-Sprache palaverten, machten Billy und Jacky doch etwas nervös, die ihre Unsicherheit vermehrt an den Susies ausliessen. Immer wieder mäkelten sie an deren

Sitzhaltung, knufften den ein oder anderen heftig gegen den Oberarm, rissen auch mal einen an den Haaren, alles immer wieder mit einem hämischen Lachen untermalt. Waldo machte dieses Verhalten auch unruhig. Beim nächsten Flug wären die Gruppen zu trennen, die Susies sollten ruhig alleine unter sich bleiben und ihr letztes Schweigen auskosten. Ja, irgendwie konnte Waldo die Genervtheit seiner Kollegen nachempfinden, diese Leute waren einfach unerträglich langweilig. Diese Verschwiegenheit, diese Grübeleien, diese verhärmten Gesichter. Und die eine Frau nicht mal ansatzweise attraktiv. Einer wollte gerade Kopfhörer aufsetzen. Billy schlug sie ihm direkt aus der Hand.

„Wir sind gleich da! Da hattest Du stundenlang schon Zeit für, jetzt ist’s rum damit.“

Waldo Jeffers warf Billy einen mässigenden Blick zu, doch dieser ließ sich davon nicht einfangen, rumorte gegenüber den nächstsitzenden zwei Susies noch weiter. Ein anderer Fluggast mischte sich nun in gebrochenem Englisch ein, und diese Intervention sorgte im entfesselten Billy endlich für die notwendige Erdung. Er zog sich auf seinen Platz zurück und schwieg bis zur Landung. Auch von Jacky war so lange nichts mehr zu hören. Einzig ein nach einigen Momenten ein geflüstertes: „Ich will endlich ein Bier.“ Waldo fühlte tief mit ihm. Selbst ihm wurde die Präsenz der Susies inzwischen zu mächtig, gerade weil sie sich geräusch- und existenzlos gaben. Er hatte ja nichts gegen introvertierte Menschen, doch dieses in die Gegend starren, das er da sehen mußte. Dieses in Hefte kritzeln, die vermutlich nie jemand anderes lesen würde. Diese ständigen Wechsel bei einem zwischen Tränen in den Augen und einem Aufblitzen von Hoffnung in den Augen. Er verstand sie einfach nicht. Sie waren so anstrengend, so anders. Waldo fühlte sich erst besser, als ihm klar wurde, daß er der Gesellschaft einen Dienst erwies.

Waldo Jeffers winkte dem Mann, der sie erwartete, am Flughafen zu. Hinter ihm die Susies, den Abschluß der sonderbaren Karawane bildeten die weiterhin ernüchternd stummen Billy und Jacky. Jean-Claude wandte sich direkt flüsternd an Waldo, dieser nickte und lächelte in Richtung der Susies. Vor dem Terminal wartete der Kleinbus, in welchem die Gruppe Platz nahm. Waldo, der sich auf den Beifahrersitz fallen gelassen hatte, wandte sich kurz nach hinten und erklärte, daß sie nun eine Stadtrundfahrt unternehmen würden. Danach sei ein kurzer Snack eingeplant und hernach noch ein gemeinsamer Spaziergang.

Als der erwähnte Spaziergang plötzlich eine unwegsame Anhöhe heraufführte, wurde die inzwischen fast gelöste Atmosphäre zwischen den einzelnen Susies empfindlich gestört. Sie sahen sich verwundert untereinander an, doch dann sahen sie den sportlichen Jean-Claude an der Spitze den Trampelpfad hinaufhasten. Waldo wies mit einer Kopfbewegung an, die Beine in die Hand zu nehmen. Es war nicht wirklich weit, doch dann sahen sich die Susies am Rand einer Autobahn angelangt, und entlang dieser wurden sie durch einen Tunnel gescheucht. Der unbeschreibliche Lärm ließ nicht nur Ethel schrumpfen. Ein Licht am Ende dieser Unterführung war nicht zu erkennen, die Dämmerung außerhalb war schon der Nacht gewischen. Einer drehte sich in der Mitte der Strecke um, doch blickte er nun in eine gezückte Waffe in Billys Hand, umfasst von einem praktischen Handschuh. Billys Blick changierte zwischen purem Glücksgefühl und innerer Vereisung. Waldo und Jean-Claude hatten sich nach dem Verlassen des Kleinbus in Mäntel geworfen, die von Jean-Claudes Kontakten vor Ort mit der entsprechenden Hardware bestückt waren, darunter auch elektrische Viehtreiber. Am Ende des Tunnels erreichte die Gruppe die rote Brücke, den Zielpunkt der Reise. Einige Nächte zuvor hatten findige Kräfte die Schutzwand aus Plexiglas an einer Stelle mit einer wiederverschließbaren Öffnung versehen, einer Tür gleich, die Jean-Claude zielsicher ansteuerte. Er drehte sich dort zum Rest der Gruppe um, stieß mit dem Fuß die Türe auf, zog seinerseits eine Glock und rief: „Wer will der Erste sein?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, griff sich Waldo seinen Elektroschocker und Raney sprang schon von der voltstarken Welle ergriffen in die Tiefe. Jacky stieß den ersten der beiden Pauls nach vorne, der wohl noch etwas sagen wolllte, doch auch ihn traf der heftige Strom aus Waldos Hand. Nach diesem Prinzip folgten Abe, Josh, der zweite Paul, Bobby und Dave. Im Hintergrund jedoch hatte Nate andere Pläne ergriffen, doch ein Schuß aus Billys Waffe machte einen Strich durch die Rechnung. Ronny, Jake und Ethel blickten erschrocken auf den am Boden liegenden und vor Schmerz schreienden Nate, als Waldo Jake am Arm ergriff und ihn die Tiefe stolpern ließ. Ethel schmiß sich in die Ronnys Arme, doch wurde dieser durch Jacky mit einem gezielten Hieb eines Schlagrings in die Bewußtlosigkeit befördert. Billy griff sich Ethel und schrie ihr: „Wird’s bald!“ ins Ohr und warf sie die vierundsiebzig Meter in die Tiefe.

Zwei Minuten später war der Fußgängerweg entlang der Autobahn wieder menschenleer.

„Glaube“/4

Liebe Welt,

du wirst nun mit dem 4. (3.) Teil meiner zerfleddernden Gedanken über das Thema Glauben/Religion im Angesichts der endlosen Weiten des Todes konfrontiert. Auch wenn die Sonne scheinen mag, lege bitte einen Mantel an.

Teil 4:

Wir haben gerade den Zaun überquert. Wir bewegen uns vorsichtig trippelnd an der Absperrung entlang, in die Mitte der Brücke. Dort ist diese circa 80 Meter hoch, was für einen todsicheren Fall reichen wird. Insofern ist die Vorsicht, die wir walten lassen, um dorthin zu gelangen, verquer. Wir sind der Atheist, der seinen Suizid geplant hat, und der nun am Ort seiner Todeswahl angekommen ist. Wird hier im Wind der Höhe ein Gott zu ihm, dem Todeswünschenden kommen? Werden wir wieder vorsichtig trippelnd zurückkehren und das Leben unter neuen Perspektiven weiterführen?

Die Gründe, warum ein Mensch willentlich und unwiderruflich sein Leben beenden will, sind vielfältig. Hier kann sich jedoch auch die Frage auftun, ob ein sogenannter fester und gelebter Glaube an eine Religion die Selbsttötung verhindern mag, oder vielleicht ein religiöser Hintergrund überhaupt erst der Auslöser eines solchen Wunsches ist. Hier steht natürlich die Individualität im Vordergrund.

Da in dem begonnenen Beispiel der Handelnde sich als Atheist fühlt, und Zeit seines Lebens in Ferien von Gott weilt, möchte ich dem im Wind am Brückenrand Weilenden die folgenden Worte zurufen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. In diesem Satz wird kein Gott, keine Religion erwähnt. Er stammt, als Bibelzitat, aus dem Munde jenes Jeshua, den die Welt als Jesus Christus kennt und manchesmal verehrt. Es ist dort auch als alttestamentarisch belegt, dennoch erhält der reine Satz keinen direkten religiösen Hintergrund. Vielmehr ist es eine Aufforderung, nachzudenken und in sich zu gehen. Damit sieht sich auch der Schreiber dieser Zeilen konfrontiert, der zwar noch nie selbst auf einem Brückenrand balancierte, doch die Gefühlsebenen kennt, die an diese Orte führen. Was bedeutet der Satz der sogenannten Nächstenliebe? Auch wenn der Satzteil des „wie dich selbst“ erst an zweiter Stelle erklingt, ist hier doch die Basis gelegt, da die Eigenliebe als messender Faktor beschrieben wird. Dennoch wird der atheistische Brückenläufer nicht darauf hören, denn zu beladen mit der in Jahrhunderten gewachsenen christlichen Pathina, ist dieser Satz beladen, gar beschmiert. Daher ist, bevor wir uns wieder in die windige Höhe hinauswagen, Übersetzungshilfe gefragt.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“

heißt auch

„Achte den Nächsten, wie dich selbst“

„Verletze niemanden, auch nicht dich selbst“

„Töte niemanden, auch nicht dich selbst“

„Betrüge niemanden, auch nicht dich selbst“

Versuche nett zu jedermann zu sein, auch zu dir selbst“

Ich verstehe diese Auflistung als Vorschläge. Jedoch als bedenkenswerte Vorschläge, die in ihrer Umsetzung jedoch enorme Anstrengungen verlangen. Wenn wir dort oben auf der Brücke stehen, den Blick in die Tiefe richten, liegt doch unsere Selbstachtung in einem gewissen Maße bereits dort unten mit gebrochenem Genick. Nebendran, ebenfalls zerschellt, liegen die Reste eines möglichen, aber unbenutzten Glaubens. Und dieser Glaube meint noch nicht einmal unbedingt den, dem ich hier nachforsche. Sondern jenen an die Mitmenschen, an Bedingungen, Umstände. Wenn wir dort oben auf der Brücke zitternd noch uns am Geländer festhalten, tun wir das nicht unbedingt, weil uns kurz zuvor ein Teller aus der Hand rutschte und im nächsten Moment nur noch ein Haufen Scherben auf dem Boden lag. Wenn wir an der Autobahnbrücke ankommen, sind viele, viele Stunden des Denkens, des Haderns, des Zweifelns an uns vorbeigezogen. Der Kraftstoff, der uns auf die Brücke treibt, ist die Enttäuschung. Gegen mich, gegen dich, gegen die Dinge, die Materie, gegen die Absurdität der Existenz. Gegen Gott und das Bild, das Menschen von ihm zeichneten.

Ja, es richtig. Sie haben es korrekt gelesen. Ich schrieb „Gott“, nicht die „Götter“. Alleine der monotheistische Glaube bringt Menschen zur Revolte. Wer sein Leben willentlich beendet und dabei dem Himmel zürnt, der meint die monotheistischen Religionen und ihre Lehren, ihre Symbole. Weder Zeus, noch Tzius, noch Odin schafften dies. Sprechen wir von einer Qualität, oder von einer überdenkenswerten Situation? Wir sprechen in keinem Fall von einer göttlichen Intervention. Wir sprechen von der falschen Handhabung der obigen Vorschläge eines Miteinanders von Menschen. Wenn wir auf der schwindelerregend hohen Brücke stehen, in die Tiefe blicken, ist dies der Endpunkt eines Prozesses, in welchem jener Satz der sogenannten Nächstenliebe verletzt wurde. Von uns, die wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen. Von denen, die nicht anwesend sind, während wir uns zitternd hinauswagen, um dem Tod zu begegnen.

Ist nunmehr jener Jeshua der Verursacher dieses Dilemmas, als er den Satz zur Prominenz brachte? Wäre der Satz nicht bekannt, wüßte niemand, um die Fehlbehandlung jenes Sachverhaltes. Doch ist das natürlich Humbug, denn auch wenn nie die Nächstenliebe oder die gegenseitige Achtsamkeit auf diesem Planeten angesprochen wäre, gäbe es diesen Zustand. Die Atemluft existierte, bevor Physiker ihre Zusammensetzung erkannten. Genauso verhält es sich mit dem positiven Miteinander. Wo ist nun eine mögliche Tür, durch welche im steifen Wind der Höhe, ein religiöser Glaube eintreten könnte?

Ich erkenne keine Tür. Ein Sprung ist das Nein gegen die Existenz. Eine Rückkehr zur Sicherheit ist eine Vertagung des Todes, was ich nicht verurteile, auch wenn es sich so lesen mag. Doch sicherlich ist ein Zurückklettern kein reines und unbeschädigtes Ja zur Existenz. Und es ist niemals ein Ja zu einer Religion, wie wir sie kennen. Wer zurückkehrt, weiß, das eine Schlacht zu schlagen ist, die letztlich verloren wird. Doch ein Sieg ist errungen: Der Sieg über die letzte Enttäuschung. Und dieser Sieg wird von einem Menschen letztlich alleine errungen, ohne jedwede göttliche Intervention.

Wer denn unbeschadet vom Schemel herabsteigt und den Strick zusammenfaltet und ablegt, der mag in diesem Moment der Wiederauferstehung weder ein Gefühl des Triumphs, als auch der moralischen Vernichtung empfinden. Doch in jenem Moment sollte es zu einer verstärkten Autarkisierung des Menschen kommen.

Wer seinen Freitod absagt, hat jedoch einen entscheidenden Schritt nach vorne getan, denn das Leben bleibt dennoch endlich, nur hat der ehemalige Suizidant bei seiner Rückkehr diesem schwarzen Abgrund feste in die Augen geschaut. Des Todes Stachel ist gezogen, ohne das eine religiöse Einsicht eingesetzt worden ist. Das jedoch ist eine Triumph. Er sollte nur auch als ein solcher empfunden werden.

Wenn ein Mensch sich über das Ja oder Nein zu seinem Leben selbst definiert, ist der Religion die Tür gewiesen. Wenn der Gang auf die Brücke dadurch geebnet wurde, daß Menschen dem Gebot der Nächstenliebe entsagten, ist darauf hin zu arbeiten, daß Menschen einsichtig werden und stärker diesem Vorschlag entsprechen. In diesem Szenario wird klar, wie klein der Einfluß eines Gottesbildes sein kann, wenn es nicht willentlich von Menschen im Einfluß oder dem Individuum selbst implantiert wird.

P.S. Keine Kinderbilder! Keine Kinderbilder von Diktatoren!